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Full text of "Vorträge und Abhandlungen"

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Phii2oo.a. 


I 


1 

Saibatt  ffattege  llbtaij  | 


GEORGE    MOEEY    RICHARDSON, 


PROFESSOR  IN  THE  UnivbRSITV  OP  CALIFO 


Hiciivid  yutu  sg,  tSg?. 


\ 


VORTRÄGE 


UKD 


ABHANDLUISTGEK 


ERSTE  SAMMLUNG. 


o 


VORTRÄGE 


UND 


AEHANDLUNGEN 


Von 


EDUARD  ZELLER. 


sxiBTS  BJ^:^J::^J:I:JX7Xs^a-. 


ZWEITE  AUFLAGE. 


•<^»^»» 


LEIPZIG, 

FÜES'S   VERLAG   (R.   REISLAND). 

1875. 


%n> .  X  <  t 


Harvard    (Joliete    Library 
Fr  .a  xk.7   üstate     «f 
* .    1 50 .  M  .  Rickardson , 
Jutto  29,  18» 7. 


J- 


Vorwort. 


Die  kleinen  Arbeiten,  welche  in  der  vorliegenden  Samm- 
lung nun  zum  zweitenmal  vereinigt  erscheinen,   sind  zwar  zu 
1  verschiedenen  Zeiten  und  aus  verschiedenen  Veranlassungen 

entstanden,  aber  doch  stehen  sie  mit  einander  nach  Form  und 
Inhalt  in  Verwandtschaft.  Da  sie  alle  ursprünglich  theils  Vor- 
trägen vor  einer  gemischten  Zuhörerschaft  zu  Grunde  gelegt, 

theils  solchen  Zeitschriften  einverleibt  wurden,  welche  auf  die 

I 

Bedürfnisse  eines  grösseren  Leserkreises  berechnet  sind,  so 
ergab  sich  für  sie  von  selbst  die  Forderung  einer  gemeinver- 
i  ständlichen  Darstellung  und  einer  übersichtlichen  Behandlung 

ihrer  Stoffe:  ihre  Hauptaufgabe  lag  nicht  darin,  die  wissen- 
schaftliche Forschung  als  solche  weiterzuführen,  sondern  die 
Ergebnisse  derselben  in  die  allgemeine  Bildung  einzuführen. 
Doch  gieng  ich,  soweit  es  sich  ohne  Nachtheil  für  den  Haupt- 
zweck thun  Hess,  der  Gelegenheit  nicht  aus  dem  Wege,  auch 
für  die  wissenschaftliche  Untersuchung  durch  eingehendere  Be- 
leuchtung einzelner  Punkte  den  einen  und  anderen  Beitrag  zu 
geben.  Ihrem  Inhalt  nach  bewegen  sich  die  zwölf  Aufsätze, 
welche  hier  zusammengestellt  sind ,  im  allgemeinen  auf  dem 
Gebiete  der  Geschichte,  und  insbesondere  der  Religions-  und 
Kulturgeschichte.  Näher  jedoch  zerfallen  sie  in  zwei  Gruppen. 
Die  erste  derselben  umfasst  diejenigen  Darstellungen,  welche 
sich  dem  Verfasser  aus  seiner  Beschäftigung  mit  der  Geschichte 


* 


VI  Vorwort. 

der  Philosophie,  die  zweite  die,  welche  sich  ihm  aus  seinen 
theologischen  Studien  ergeben  haben;  den  Uebergang  von  jener 
zu  dieser  bildet  die  Abhandlung  über  Schleiermacher,  sofern 
dieselbe  in  erster  Linie  darauf  ausgeht,  in  Schleiermachers 
System  und  in  seiner  wissenschaftlichen  Persönlichkeit  jene 
eigenthümliche  Verbindung  des  philosophischen  Elements  mit 
dem  theologischen  zur  Anschauung  zu  bringen,  welche  für  ihn 
so  bezeichnend  und  für  seine  Vorzüge  wie  für  seine  Mängel  so 
entscheidend  ist  Im  übrigen  sind  alle  Abhandlungen  der 
zweiten  Abtheilung  der  Geschichte  des  ältesten  Christenthums 
und  seines  Stiftei^,  und  im  Zusammenhang  damit  den  Männern, 
Richtungen  und  Schriften  gewidmet,  welche  für  die  Erforschung 
dieser  Geschichte  in  den  letzten  Jahrzehenden  vorzugsweise 
Üiätig  gewesen  sind. 

Von  den  einzelnen  Stücken  ei-schien  Nr,  1,  „die  Entwick- 
lung des  Monotheismus  bei  den  Griechen,"  zuerst  unter  den 
„öffentlichen  Vorträgen,  gehalten  von  einem  Verein  aka- 
demischer Lehrer  zu  Marbiu'g"  (Stuttg.  1862).  Das  freund- 
liche Entgegenkommen  der  Franckh'schen  Verlagshandlung 
machte  es  mir  mißlich,  diesen  Vortrag  hier  mitaufeunehmen, 
wiewohl  er  auch  bei  ihr,  sowohl  einzeln,  wie  als  Theil  jener 
Sammlung,  fortwährend  zu  haben  ist.  Nr.  2,  über  Pythagoras, 
und  Nr.  5,  über  Mark  Aurel,  sind  Vorträge,  welche  in  Heidel- 
bei^  in  den  Wintern  1862/3  und  1863/4  gehalten  wurden. 
Nr.  4,  über  den  platonischen  Staat,  findet  sich  zuerst  in 
Sybel's  Historischer  Zeitschrift  (I,  108  ff.);  Nr.  6,  „WolfTs  Ver- 
treibung aus  Halle,"  (ein  marburger  Vortrag  aus  dem  Winter 
1861/2)  in  den  Preussischen  Jahrbüchern  X ,  47  ff. ;  Nr.  7, 
„Fichte  als  Politiker,"  im  November  1859  zu  Marburg  vor- 
getragen, ist  in  Sybel's  Zeitschrift  IV,  1  ff.,  Nr.  8,  „Schleier- 
macher", in  den  Preussischen  Jahrbüchern  in,  176  ff.  (Februar- 
heft  1859)  abgedruckt;  zu  der  zweiten  von  diesen  Abhand- 
lungen gab  zunächst  die  fünfundzwanzi^te  Wiederkehr  von 


Yorwort.  vn 

Schleiermacher's  Todestag  Anlass,  die  erste  dagegen  gieng  der 
Jubelfeier  vonFichte's  Geburtstag  um  anderthalb  Jahre  voran, 
und  steht  daher  auch,  da  ich  zu  erheblichen  nachträglichen 
Aenderungen  keinen  Anlass  fand,  mit  den  durch  dieselbe  her- 
vorgerufenen Schriften  in  keiner  immittelbaren  Beziehung. 
Diesen  ernsthaften  Darstellungen  unter  Nr.  3  jden  Scherz  über 
Xanthippe  (aus  dem  Morgenblatt  f.  geb.  Les.  1850,  Nr.  265  f.) 
beizufügen,  würde  ich  wohl  Bedenken  getragen  haben,  wenn 
demselben  nicht  immerhin  so  viel  zur  Charakteristik  des  So- 
krates  beigemischt  wäre,  dass  sich  der  Wiederabdruck  der  paar 
Blätter  immer,  noch  zu  verlohnen  schien.  Von  den  vier  letz- 
ten, nahe  zusammengehörigen  Stücken,  welche  ihrem  Umfang 
nach  die  grössere  Hälfte  des  Ganzen  bilden,  ist  das  erste 
(Nr.  9.  „das  ürchristenthum")  zugleich  das  älteste  und  das 
jüngste  dieser  Sammlung.  So  wie  es  vorliegt,  wurde  es  näm- 
lich erst  vor  zehn  Jahren  niedergeschrieben,  lun  den  drei  fol- 
genden zur  Einleitung  und  Ergänzung  zu  dienen ;  es  hat  aber 
zugleich  eine  ältere  Abhandlung  aus  den  Jahrbüchern  der 
Gegenwart  („Aphorismen  über  Christenthum,  ürchristenthum 
und  Unchiistenthiun"  a.  a.  0.  1844,  Juni,  S.  491  ff.)  ihrem 
ganzen  Inhalt  nach,  soweit  ich  denselben  nach  dem  heutigen 
Stande  der  neutestamentlichen  Kritik  noch  vertreten  zu  können 
glaube,  in  sich  aufgenommen.  Diese  Abhandlung  war  damals 
der  erste  oder  fast  der  erste  Versuch,  die  Ansichten  der  so- 
genannten Tübinger  Schule,  über  welche  selbst  die  theologischen 
Kreise  noch  sehr  unvollkommen  unterrichtet  zu  sein  pflegten, 
über  dieselben  hinaus  bekannt  zu  machen;  und  für  diesen 
Versuch  konnten  viele  von  den  wichtigsten  Werken  der  Schule 
noch  nicht  benützt  werden:  Baui-'s  Abhandlung  über  Johannes 
war  erst  theilweise,  der  Paulus  und  die  Untersuchungen  über 
die  Synoptiker  noch  nicht  erschienen,  Schwegler  hatte  für  sein 
nachapostolisches  Zeitalter  noch  nicht  die  Feder  angesetzt; 
von  den  späteren  Arbeiten  Baur's  und  seiner  Schüler  und  den 


r=^ 


vin  Vorwort 

Gegenschriften  gegen  dieselben  nicht  zu  reden.  Wenn  ich  trotz- 
dem  in  der  Folge  keine  stärkeren  Abweichungen  von  den  Ansich- 
ten nöthig  fand,  die  ich  einundzwanzig  Jahre  früher  ausge- 
sprochen hatte,  und  sie  auch  jetzt  nicht  nöthig  finde,  so  muss  ich 
es  mir  gefallen  lassen,  dass  man  diess  vielleicht  auf  der  Gegen- 
seite als  Beweis  unsere?  wissenschafthchen  Stillstands  anführe; 
ich  meinerseits  kann  dann,  wie  man  gleichfalls  natürlich  fin- 
den wird,  nur  ein  Zeichen  für  die  Haltbarkeit  der  Grundlagen 
erblicken,  auf  denen  unsere  Anschauung  von  der  Geschichte 
des  ältesten  Chris tenthums  ruht.  Das  nächstfolgende  Stück: 
„Die  Tübinger  Schule",  wurde  im  Jahre  1859  verfasst,  er- 
schien aber  erst  1860  in  Sybel's  Historischer  Zeitschrift  IV, 
90  flf.  An  diese  Auseinandersetzung  über  die  Tübinger  Schule 
schliesst  sich  in  Nr.  11  die  Schilderung  ihres  Stifters,  seiner 
wissenschaftlichen  Entwicklung  und  seiner  literarischen  Thätig- 
keit  an,  welche  ich  bald  nach  dem  Tode  desselbeUj  im  Sommer 
1861,  in  die  Preussischen  Jahrbücher  (VE,  495  ff.  VHI,  206  ff. 
283  ff.)  lieferte.  Was  endlich  die  letzte  Abhandlung,  über 
Strauss  und  Renan  betrifft,  die  zuerst  in  Sybel's  historischer 
Zeitschrift  XH,  70  ff.  erschien,  so  wurde  dieselbe  zunächst 
zwar  durch  die  bekannten  Werke  dieser  beiden  Gelehrten  her- 
vorgerufen ;  zugleich  war  mir  aber  auch  an  sich  selbst  die  Ver- 
anlassung erwünscht,  meine  Ansicht  über  die  evangelische  Ge- 
schichte und  den  Stifter  des  Ghristenthums  etwas  ausführlicher 
darzulegen,  und  durch  diese  Darstellung^  wie  ich  hoffte,  dazu 
beizutragen,  dass  das  geschichtliche  Verständniss  unserer  Re- 
ligion auch  solchen  erleichtert  werde,  welche  nicht  in  der  Lage 
sind,  den  gelehrten  und  kritischen  Untersuchungen  über  dieselbe 
tiefer  in's  einzelne  folgen  zu  können. 

Bei  der  Durchsicht  der  Arbeiten,  welche  in  die  gegen- 
wärtige Sanunlung  aufgenommen  werden  sollten,  machte  ich 
es  mir  zwar  selbstverständlich  zur  Pflicht,  alles  das  zu  ändern, 
was  mir  in  ihrem  Inhalt  oder  ihrer  Darstellung  der  Berich- 


Vorwort  n 

tigung,  Verbesserung  und  Ergänzung  bedürftig  zu  sein  schien^ 
und  dasjenige  zu  entfernen ,  was  nur  mit  Rücksicht  auf  den 
Zeitpunkt  und  die  besonderen  Umstände  ihres  ersten  Erschei- 
nens gesagt  war ;  und  aus  diesem  letzteren  Gesichtspunkt  wurde 
namentlich  der  Eingang  mehrerer  Stücke  umgearbeitet.  Aber 
allzu  eingreifende  Abänderungen  waren  nicht  möglich,  wenn 
jedem  dieser  Au&ätze  seine  ursprüngliche  Haltung  bewahrt,  und 
störende  Unebenheiten  vermieden  werden  sollten.  Aus  diesem 
Grunde  konnte  ich  auch  einen  Misstand  nur  theUweise  be- 
seitigen, dessen  ich  mir  im  übrigen  wohl  bewusst  war:  die 
Wiederholungen,  welche  sich  unvermeidlich  ergeben,  wenn  ver- 
wandte Stoffe  zu  verschiedenen  Zeiten  und  vor  verschiedenen 
Zuhörern  besprochen  werden ;  und  ich  kann  kaum  hoffen,  dass 
sich  der  Leser  für  dieselben  durch  den  VortheQ,  die  gleichen 
Gegenstände  von  mehr  als  Einer  Seite  beleuchtet  zu  sehen, 
durchaus  entschädigt  finden  werde.  Ich  muss  daher  in  dieser, 
wie  ohne  Zweifel  noch  in  mancher  anderen  Beziehung,  seine 
Nachsicht  in  Anspiiich  nehmen. 

Die  neue  Auflage  dieser  Schrift  unterscheidet  sich  von  der 
ersten  nur  durch  kleinere  Aenderungen  und  Zusätze,  welche 
bald  den  Inhalt  bald  nur  die  Darstellung  und  die  Ausdrucks- 
weise betreffen.  Zu  den  Zusätzen  gehören  auch  die  Worte  auf 
dem  Titelblatt :  „Erste  Sammlung.^^  Bis  wann  freUich  die  hie- 
niit  versprochene  Foitsetzung^  für  die  es  mir  an  Material  nicht 
fehlt,  erscheinen  wird,  kann  ich  im  Augenblick  noch  nicht  be- 
stimmen. Da  ich  mich  aber  in  derselben  nicht  in  der  gleichen 
Weise,  wie  hier,  auf  geschichtliche  Darstellungen  zu  beschrän- 
ken denke,  habe  ich  auch  den  Titel  des  gegenwärtigen  Bandes 
(„Vortr.  und  Abh.  geschichtlichen  Inhalts")  mit  Rücksicht  auf 
seinen  von  mir  in  Aussicht  genonunenen  Nachfolger  geändert. 

Berlin,  JuU  1875. 

Der  Yerfasser. 


l> 


Inhaltsverzeichniss. 


Seite 

1.  Die  Entwicklung  des  Monotheismus  bei  den  Griechen .....  1 

2.  Pythagoras  und  die  Pythagorassage 38 

8.  Zur  Ehrenrettung  der  Xanthippe 56 

4.  Der  platonische  Staat  in  seiner  Bedeutung  für  die  Folgezeit    .    .  68 

5.  Marcus  Aurellus  Antoninus 89 

6.  Wolff's  Vertreibung  aus  Halle,  der  Kampf  des  Pietismus  mit  der 
Philosophie  . 117 

7.  Johann  Gottlieb  Fichte  als  Politiker 153 

8.  Friedrich  Schleiermacher.    Zum  zwölften  Februar 195 

9.  Das  Urchristenthum 222 

10.  Die  Tübinger  historische  Schule 294 

11.  Ferdinand  Christian  Baur 890 

12.  Strauss  und  Benan 480 


1. 
Die  Entwicklung  des  Monotheismus  bei  den  Crriechen. 


Der  Gegenstand,  mit  welchem  sich'  dieser  Vortrag  beschäf- 
tigen soll,  nimmt  unser  Interesse  von  mehr  als  Einer  Seite 
her  in  Anspruch.  Ist  es  an  und  für  sich  schon  eine  dankbare 
Aufgabe,  die  Geschichte  des  menschlichen  Geistes  in  einer 
seiner  höchsten  Beziehungen  und  bei  einem  der  gebildetsten 
Völker  zu  verfolgen,  so  wird  der  Reiz  dieser  Aufgabe  noch 
um  vieles  erhöht  werden,  wenn  sie  mit  anderen  Fragen  von 
der  allgemeinsten  Bedeutung  zusammenhängt.  Eben  dieses  ist 
aber  bei  der  vorliegenden  der  Fall.  Die  Geschichte  der  Re- 
ligion kennt  keine  wiebtigeren,  in  das  geistige  und  sittliche 
Leben  der  Menschheit  tiefer  eingi-eifenden  Thatsachen,  als 
die  Entstehung  des  Monotheismus  und  die  Entstehung  des 
Christenthums ;  aber  auch  keine,  deren  erschöpfendes  geschicht- 
liches Verständniss  mit  grösseren  Schwierigkeiten  verknüpft 
wäre.  Da  trifft  es  sich  nun  glücklich,  dass  wir  bei  einem  uns 
so  bekannten  Volk,  wie  die  Griechen,  einem  Vorgange  begeg- 
nen, welcher  für  die  eine  jener  Thatsachen,  die  erste  Ent- 
stehung des  monotheistischen  Glaubens,  wenigstens  eine  Ana- 
logie darbietet ;  während  er  zugleich  eine  von  den  wesentlichen 
Voraussetzungen  enthält,  durch  welche  die  andere,  die  Ent- 
stehung des  Christenthums,  geschichtlich  bedingt  ist.  Wenn 
wir  sehen,  wie  sich  der  Glaube  an  die  Einheit  des  göttlichen 
Wesens  bei  den  G^echen  aus  der  Vielgötterei  entwickelt  hat. 

Zeller,  Vortifige  und  A^lui^dl.  j 


■  -i   \    ^  ^ 

-,  •  .  .    :     :  *  J 
2  Die  Entwicklung  d^  Monotheismus 

SO  werden  wir  denselben  Glauben  bei  anderen  Völkern  gleich- 
falls begreiflicher  finden,  mag  er  auch  bei  diesen  in  anderer 
Weise  und  unter  anderen  Bedingungen  aufgetreten  sein;  und 
wenn  das  Christenthum  eine  bestimmte  Form  dieses  Glaubens 
auch  im  hellenischen  Bildungsgebiete  schon  vorfand^  so  werden 
wir  uns  um  so  leichter  erklären  können,  wie  es  nicht  blos 
diesen  Theil  ;der  alten  Welt  in  verhältnissmässig  kurzer  Zeit 
erobern,  sondern  wie  es  selbst  auch  das,   was  es  ist,   werden 

konnte. 

Die  griechische  Religion  war  ursprünglich  bekanntUch, 
wie  alle  NatuiTeligionen ,  Polytheismus.  Aber  bei  der  blossen 
Vielheit  göttlicher  Wesen  kann  sich  der  menschliche  Geist 
nicht  lange  bemhigen.  Der  erfahrungsmässige  Zusammenhang 
aller  Erscheinungen  und  das  Bedürftiiss  einer  festen  sittlichen 
Weltordnung  nöthigt  schon  fi-ühe,  jene  Vielheit  irgendwie  zur 
Einheit  zu  verknüpfen.  Wir  finden  daher  in  allen  Religionen, 
die  sich  nur  einigermassen  aus  dem  ersten  Rohzustand  heraus- 
gearbeitet haben,  den  Glauben  an  eine  oberste  Gottheit,  einen 
Götterkönig,  der  in  der  Regel  nicht  blos  im  Himmel  wohnend 
gedacht  wird,  sondern  eigentlich  der  allumfassende  Himmel 
selbst  ist.  Auch  die  giiechische  Götterwelt,  so  weit  unsere 
Kunde  derselben  hinaufreicht,  fasst  sich  in  Zeus,  dem  blitze- 
schleudeiTiden  Himmelsgott,  zur  einheitlichen  Spitze  zusammen. 
Das  Wesen  dieses  Gottes  erscheint  aber  in  dem  älteren  Volks- 
glauben, wie  ihn  die  homerischen  und  hesiodischen  Gedichte 
uns  darstellen,  in  dreifacher  Beziehung  beschrankt.  Einmal 
hat  er  die  dunkle  Macht  des  Schicksals  über  sich,  welcher  er 
selbst  sich  vorkommenden  Falls  wohl  wider  Willen  und  mit 
schmerzlichen  Klagen  unterwerfen  muss,  wie  dort  beim  Tod 
seines  Sohnes  Sarpedon,  wo  er  ausnift:  „Weh'  mir,  weh',  nun 
will  das  Geschick,  dass  Sarpedon,  der  Menschen  Theuerster 
mir ,  von  Patroklos ,  Menötios  Sohne ,  gefällt  wird."  Sodann 
hat  er  an  den  übrigen  Olympiern  eine  mitunter  ziemlich  un- 
botmässige  Aristokratie  neben  sich,  welcher  er  selbst  zwar  an 
Kraft  und  Herrschergewalt  entschieden  überlegen  ist,  welche 
ihm  aber  doch  im  einzelnen  nicht  selten  widerspricht  oder 


bei  den  Griechen.  3 

ihn  hintergeht,  seine  Plane  stört  und  ihrer  Ausftlhrung  Hinder- 
nisse in  den  Weg  legt.  Dieser  doppelten  Beschränkung  ist 
aber  Zeus,  drittens,  nur  desshalb  unterworfen,  weil  sein  Wesen 
auch  an  sich  selbst  beschränkt  ist,  weil  er  noch  nicht  mit  def 
ganzen  Fülle  jener  geistigen  und  sittlichen  Vollkommenheit 
ausgestattet  ist,  welche  da,  wo  sie  einmal  als  unerlässlich  in 
den  Begriff  der  Gottheit  aufgenommen  ist,  jeden  Gedanken 
an  eine  Beschränkung  der  göttlichen  Macht  unmittelbar  aus- 
schliesst.  Wohl  ist  auch  der  homerische  Zeus  schon  ein  sitt- 
liches Wesen,  der  Beschützer  des  Rechts  und  der  Rächer  des 
Frevels,  der  Hort  der  Staaten,  die  Quelle  von  Gesetz  und 
Sitte  auf  Erden ,  der  Vater  der  Götter  und  Menschen.  Aber 
auch  abgesehen  davon,  dass  die  göttliche  Weltregierung  hier 
von  despotischer  Willkühr  nicht  frei  ist,  dass  Zeus,  wie  es 
heisst,  zwei  Fässer  in  seinem  Gemach  hat,  das  eine  mit  Gütern, 
das  andere  mit  Uebeln,  und  nach  Gutdünken  daraus  austheilt : 
wie  musste  ein  denkender  Grieche  der  Folgezeit  über  den 
Götterkönig  urtheilen,  der  bald  in  Here's  Armen,  bald  bei 
sterblichen  Frauen  seine  Regentengeschäfte  vergisst,  der  die 
Menschen  mit  Uebeln  jeder  Art  heimsucht,  weil  ihn  Prometheus 
beim  Opfer  betrogen  hat,  der  aus  GefäDigkeit  gegen  Thetis 
über  das  Achäerheer  Niederlagen  verhängt,  der  Agamemnon, 
um  ihn  zum  Kampf  zu  eimuntem,  einen  trügerischen  Traum 
schickt  u.  s.  w.  Die  Schwächen  der  sinnlichen  und  endlichen 
Natur  treten  an  diesen  altgriechischen  Göttern,  und  auch  an 
dem  höchsten  Gott,  viel  zu  grell  hervor,  als  dass  der  Keim  einer 
höheren  Auffassung,  der  aUerdings  auch  schon  der  homerischen 
Theologie  nicht  fehlt,  ohpe  tiefgreifende  Veränderung  zur  Ent- 
wicklung kommen  konnte;  und  wenn  sich  allerdings  gerade 
die  anstössigsten  Erzählungen  über  dieselben  grossentheils  aus 
der  Personification  von  Naturwesen  und  Naturkräften,  aus  der 
Verwandlung  natüi'licher  Vorgänge  in  eine  Göttergeschichte 
erklären,  so  hatte  sich  doch  dieser  Ursprung  der  Mythen  dem 
eigenen  Bewusstsein  des  griechischen  Volkes  verborgen:  ihm 
traten  sie  mit  dem  Anspruch  einer  wahrheitsgetreuen  Schilde- 
rung der  Götterwelt  entgegen.   Auch  in  den  Mysterien,  welche 

1* 


■ 


Die  Entwicklimg  des  Monotheismus 


4 


man  in  der  neueren  Zeit  nicht  selten  für  die  Schule  eines 
reineren  Gottesglaubens  gehalten  hat,  war  dieser  sicher  nicht 
zu  finden;  wie  es  denn  an  und  für  sich  schon  eine  seltsame 
Vorstellung  ist ,  dass  bei .  der  Verehrung  der  Demeter  oder 
des  Dionysos  eine  monotheistische  Dogmatik  hätte  mitgetheilt 
werden  können.  Eine  höhere  Bedeutung  für  das  griechische 
Volksleben  erlangten  diese  Geheimdienste  ohnedem  erst  seit 
dem  sechsten  Jahrhundert,  d.  h.  seit  der  Zeit,  in  welcher  die 
allmähliche  Reinigung  des  Volksglaubens  und  seine  Annäherung 
an  den  Monotheismus  eben  begann. 

Diese  Reinigung  vollzog  sich  nun  auf  zwei  Wegen :  eines- 
theils  dadurch,  dass  die  Vorstellungen  über  Zeus  und  seine 
Weltregierung  gesteigert  und  geläutert  wurden,  und  dass  so 
aus  dem  Polytheismus  selbst,  ohne  Verrückung  seiner  Grund- 
lagen, das  monotheistische  Element,  welches  in  ihm  lag,  her- 
ausgehoben, das  polytheistische  jenem  untergeordnet  wurde; 
andererseits  durch  Bestreitung  der  Vielgötterei  und  der  Men- 
schenähnlichkeit, mit  welcher  dQr  Volksglaube  die  Götter  um- 
geben hatte.  Auf  dem  ersten  von  diesen  Wegen  haben  die 
Dichter  zugleich  mit  der  Vollendung  der  Mythologie  auch  an 
ihrer  Verbesserung  gearbeitet;  die  Philosophen  verbanden 
damit  den  zweiten,  und  aus  dieser  Verbindung  ist  jene  geisti- 
gere Glaubensweise  hervorgegangen,  welche  seit  Sokrates  und- 
Plato  in  immer  weiteren  Kreisen  sich  ausbreitend  noch  vor 
dem  Auftreten  des  Ghiistenthums  überall,  wohin  der  Einfluss 
des  hellenischen  Geistes  reichte,  zur  Religion  der  gebildeten 
Volksklassen  geworden  ist. 

Die  dichterische  Phantasie  hat  die  griechischen  Götter 
und  die  mythische  Geschichte  dieser  Götter  geschaffen,  und 
die  Dichter  sind  es  zumeist,  von  denen  diese,  allen  ihren 
Wünschen  so  bereitwillig  entgegenkommende  und  mit  so  reizen-  { 
der  Leichtigkeit  sich  anschmiegende  Mythologie  fortgebildet 
und  gepflegt  wurde.  Aber  dieselben  Dichter  waren  es  auch, 
welche  sie  umbildeten  und  veredelten,  allzu  rohe  Züge  ent- 
fernten, die  Ueberlieferungen  der  Vorzeit  mit  den  sittlichen 
Anschauungen  gebildeterer  Jahrhunderte  erfüllten.    Waren  ja 


bei  den  Griechen.  ! 

doch  die  grossen  Dichter  der  Griechen  zugleich  ihre  ersten  Denker, 
die  „Weisen,"  wie  sie  so  oft  genannt  werden,  die  ältesten 
und  volksthüitnlichsten  Lehrer  der  Nation.  Von  dieser  Ideali- 
sirung  musste  vor  allem  die  Gestalt  des  Zeus  berührt  werden, 
in  welcher  sich  dem  Hellenen  alles  Grosse  und  Erhabene ,  alle 
seine  höchsten  Vorstellungen  über  Herrschennacht  und  Herr- 
scherweisheit, über  die  Welteinrichtung  und  die  sittliche  Ord- 
nung zusammendrängten.  Je  höher  aber  Zeus  gestellt  wurde, 
je  vollständiger  die  mythischen  Anthropomorphismen  hinter 
der  Idee  eines  vollkommenen  Wesens,  eines  gerechten,  gütigen, 
allwissenden  Weltregenten  zurücktraten,  um  so  vollständiger 
wurde  auch  der  Monotheismus  aus  dem  Polytheismus  heraus- 
gearbeitet. Schon  die  älteren  Dichter  hatten  Zeus,  wie  be- 
merkt, als  den  Schirmer  des  Rechts,  den  Vertreter  der  sitt- 
lichen Gesetze  gepriesen.  Was  Homer  und  Hesiod  in  dieser 
Beziehung  gesagt  hatten,  wiederholen  die  Späteren  in  ver- 
stärktem Ausdruck.  Zeus  schaut,  wie  wir  bei  Archilochus 
(um  700  V.  Chr.)  lesen,  auf  die  Thaten  der  Menschen,  die 
gerechten  und  die  gottlosen,  selbst  der  Thiere  Frevel  und 
Rechtthun  entgeht  ihm  nicht;  ihm  müssen  wir  alles  anheim- 
stellen. Er  ist,  wie  um  weniges  später  Terpander  ihn  nennt, 
der  Anfang  und  Führer  von  allem;  er  hat,  wie  Simonides  von 
Amorgos  singt,  das  Ende  von  allem  in  der  Hand  und  ordnet 
alles,  wie  er  will.  Je  weiter  wir  aber  in  der  Zeit  herabsteigen, 
um  so  kräftiger  sehen  wir  diese  Gedanken  sich  entwickeln. 
Zeus  wird  allmählich  seiner  ganzen  Bedeutung  nach  zum 
Träger  einer  sittlichen  Weltordnung,  deren  Idee  sich  von 
dem  Unheimlichen  des  alten  Schicksalsglaubens,  von  der  Zu- 
fälligkeit willkührUcher  Herrschergebote  befreit;  das  Schicksal, 
welches  nach  älterer  Vprstellung  hinter  und  über  ihm  stand, 
verschmilzt  mit  seinem  Willen  zur  Einheit,  die  übrigen  Götter, 
welche  noch  bei  Homer  seinen  Absichten  so  vielfach  wider- 
streben, werden  zu  wilhgen  Werkzeugen  seiner  weltregierenden 
Thätigkeit.  So  belehrt  ims  schon  Selon  (um  590),  dass  Zeus 
zwar  alles  überwache  und  alle  Frevel  bestrafe,  dass  er  aber 
nicht  über  einzelnes  in  Zorn  gerathe,  wie  ein  Mensch,  sondern 


Q  Die  Entwicklung  des  Monotheismus 

das  Unrecht  sich  häufen  lasse,  ehe  die  Strafe  hereinbreche. 
So  ruft  uns  hundert  Jahre  später  der  sicüische  Dichter  Epicharm 
zu:  „Nichts  entgeht  der  Gottheit  Blicken,  dess  magst  du  ver- 
sichert sein,  Gott  ist's,  der  uns  überwacht  und  dem  kein  Ding 
unmöglich  i&V  Noch  entschiedener  tritt  jedoch  diese  reinere 
Gottesidee  bei  den  drei  grossen  Dichtem  hervor,  deren  Leben 
die  Zeit  vom  letzten  Drittheil  des  sechsten  bis  gegen  das  Ende 
des  fünften  Jahihunderts  ausfüllt,  Pindar,  Aeschylus  und 
Sophokles.  —  Auf  die  Gottheit,  sagt  Pindar,  kommt,  alles 
allein  an;  Zeus  schafft  den  Sterblichen  alles,  was  sie  trifft, 
et  verleiht  Erfolg  und  Missgeschick ;  er  vermag  aus  schwarzer 
Nacht  lauteres  Licht  aufstrahlen  zu  lassen,  und  des  Tages 
reinen  Schein  in  dunkle  Finstemiss  zu  hüllen.  Nichts,  was 
der  Mensch  thut,  ist  der  Gottheit  verborgen,  nur  wo  sie  den 
Weg  zeigt,  ist  Segen  zu  hoffen,  in  ihrer  Hand  liegt  der  Erfolg 
unserer  Arbeit,  von  ihr  allein  stammt  alle  Tugend  und  Weis- 
heit. —  In  demselben  Sinne  spricht  sich  Aeschylus  aus.  Die 
Erhabenheit  und  Allmacht  der  Gottheit,  das  unabwendbai-e 
Eintreffen,  die  zermalmende  Gewalt  ihrer  Strafgerichte  wird 
von  allen  seinen  Tragödien  eingeschärft.  Was  Zeus  spricht, 
das  geschieht;  sein  Wille  vollbringt  sich  unfehlbar;  kein 
Sterblicher  vermag  etwas  wider  ihn,  keiner  entflieht  seinem 
Rathschluss ;  in  seinem  Dienst  handeln  alle  anderen  Götter, 
seine  Herrschaft  wird  am  Ende  auch  von  den  widerstrebendsten 
Mächten,  auch  von  dem  titanenhaften  Trotz  eines  Prometheus, 
in  williger  Unterwerfung  anerkannt.  Diese  Gedanken  haben 
für  Aeschylus  so  durchgreifende  Bedeutung,  dass  es  nicht 
schwer  wäre,  trotz  des  polytheistischen  Götterglaubens,  an 
welchem  der  Mann  von  altväterlicher  Gediegenheit,  der  Mara- 
thon- und  Salamiskämpfer,  nicht  gezweifelt  hat,  aus  seinen 
Dichtungen,  mit  geringer  Formverändemng ,  die  Grundzüge 
eines  reinen  und  erhabenen  Monotheismus  zusammenzustellen. 
Was  in  denselben  vor  allem"  hervortritt,  ist  die  Idee  der  gött- 
lichen Gerechtigkeit.  Ist  auch  Aeschylus  von  der  alterthüm- 
lichen  Vorstellung  eines  Neides  der  Gottheit  noch  nicht  ganz 
frei,  lesen  wir  auch  bei  ihm  noch,  dass  der  Gott  Verschuldung 


^        bei  den  Griechen.  7 

über  die  Sterblichen  verhänge ,  wenn  er  ein  Haus  von  Grund 
aus  umstürzen  wolle:  die  herrschende  Richtung  seiner  Dich- 
tungen geht  doch  dahin,  uns  den  Zusammenhang  des  Unglücks 
mit  der  Schuld,  die  hohe  Gerechtigkeit  der  göttlichen  Gerichte 
erkennen  zu  lassen.  Wie  der  Mensch  thut,  so  muss  er  leiden ; 
wess  Herz  und  Hand  lauter  ist,  der  wallt  harmlos  durch's 
Leben ;  doch  den  Frevler  erfasst  sicher,  bald  mit  jähem  Schlag, 
bald  mit  langsamem  Druck,  die  Vergeltung;  die  Erinnyen 
walten  in  der  Menschen  Geschick,  sie  saugen  dem  Verbrecher 
die  Lebenskraft  aus,  sie  heften  sich  ruhelos  an  seine  Sohlen, 
sie  werfen  um  ihn  die  Schlinge  des  Wahnsinns,  sie  folgen 
seiner  Spui-  bis  über  das  Grab.  Aber  die  göttliche  Gnade 
weiss'  selbst  bei  Aeschylus  die  Strenge  des  Strafgesetzes  zu 
überwinden,  und  auch  ein  Orestes  wird  am  Ende  von  dem 
Fluche  befreit,  mit  welchem  der  Muttermord  sein  Haupt  be- 
lastet hat.  Dabei  ist  sicfe  Aeschylus  wohl  bewusst,  dass  er 
über  den  urspiUnglichen  Charakter  der  griechischen  Religion 
hinausgeht ;  aber  mit  einer  höchst  merkwürdigen ,  tief  poeti- 
schen Wendung  verlegt  er  die  Veränderung,  welche,  theilweise 
gerade  durch  ihn,  in  der  religiösen  Denkweise  seines  Volks 
vor  sich  gieng,  in  die  Götterwelt  selbst.  Er  benützt  die  alten 
dunkeln  Sagen  von  einem  Kampf  der  alten  und  der  neuen 
Götter,  um  uns  in  tiefsinnigen  Darstellungen  zu  zeigen,  wie 
das  grausenhafte  Recht  der  Eumeniden  in  der  Folge  einem 
milderen  und  menschlicheren  Gesetz  Platz  gemacht,  wie  sich 
die  anfängliche  Gewaltherrschaft  de^  Zeus  mit  der  Zeit  zu  " 
einer  wohlthätigen  sittlichen  Weltregförung  verklärt  habe.  — 
Die  schönste  Blüthe  dieses  milderen  Geistes  leuchtet  uns  aus 
den  Werken  des  Sophokles  entgegen.  Wie  kein  anderer  Dichter 
die  klassische  Kunst  zu  einer  so  harmonischen  Vollendung 
gebracht  hat,  so  giebt  es  auch  keinen  edleren  Vertreter  eines 
reinen  Gottesglaubens,  so  weit  dieser  auf  dem  Boden  des 
griechischen  Polytheismus  möglich  war.  Im  Sinn  der  lauter- 
sten Frömmigkeit  schildert  uns  Sophokles  die  Götter ,  deren 
Macht  und  Gesetz  das  menschliche  Leben  umschliesst.  Von 
ihnen  kommt  alles,  das  Gut  und  das  Uebel ;  ihrer  nie  alternden 


g  Die  Entwicklung  des  Monotheismas 

Macht  kann  kein  Sterblicher  widei-stehen ,  ihrem  allsehenden 
Auge  keine  That  und  kein  Gedanke  sich  entziehen,  ihre  ewi- 
gen Satzungen  wage  keiner  zu  übertreten.  Von  den  Göttern 
stammt  alle  Weisheit ,  sie  fiüiren  uns  immer  zum  Rechten ; 
ihre  Schickung  möge  der  Mensch  mit  Ergebung  eitragen,  alles 
Leid  Zeus  anheimstellen,  über  das  Mass  der  menschlichen 
Natur  nicht  hinausstreben.  Diese  imd  ähnliche  Sätze  sind  es, 
welche  uns  bei  Sophokles  so  häufig  erfreuen,  welche  uns  aber 
auch  bei  andern  Dichtem  jenes  Zeitalters  nicht  selten  begegnen. 
Die  Grenze  des  griechischen  Polytheismus  ist  damit  allerdings 
nicht  überschritten;  aber  doch  werden  wir  uns  von  dem  Glau- 
ben, welcher  sich  in  dieser  Art  ausspricht,  einen  anderen  Be- 
griff machen  müssen,  als  man  ihn  gewöhnlich  mit  dem  Namen 
des  Heidenthums  verbindet.  Die  vielen  Götter  sind  hier  am 
Ende  doch  nur  die  Repräsentanten  des  Einen  „GöttUchen" 
oder  der  Gottheit;  aus  ihrem  Wirken  in  der  Welt  ist  die 
Willkühr  und  der  Widerstreit  verschwunden,  von  dem  uns 
Homer  noch  so  viel  zu  erzählen  weiss :  es  ist  Eine  sittliche 
Weltordnung,  welche  sich  bald  des  einen,  bald  des  anderen 
Gottes  als  ihres  Werkzeugs  bedient.  Die  Vielheit  der  Göttei- 
bleibt  so  zwar  als  Glaubensvorstellung  stehen,  aber  der  Zwie- 
spalt, den  sie  in's  religiöse  Bewusstsein  zu  bringen  drohte, 
wird  der  Sache  nach  grossentheils  aufgehoben. 

Für  den  sittlichen   Charakter*  der  religiösen   Ueberzeu- 
gungen    war    auch    das  von  grosser   Wichtigkeit,    dass   mit 
der  ebenbesprochenen  Entwicklung  der  Gottesidee  gleichzeitig 
der  Glaube  an  eine  jenseitige  Vergeltung  an  Kraft  und  Ver-      I 
breitung  gewann.    Bei   Homer  und  Hesiod   finden  sich   von      ' 
dieser  Lehre  nur  die  dürftigsten  Anfänge;    höhere  Bedeutung 
erhielt  sie  erst  in  den  eleusinischen,   namentlich  aber  in  den«    , 
sogenannten  oiphischen  Mysterien,    einem  jüngeren,    seiner      j 
Entstehung  nach  wahi-scheinlich  dem  sechsten  oder  siebenten      | 
Jahrhundert  vor  Christus  angehörigen.   Zweig  dieser  Kultus-      ^ 
formen,  und  in  dem  zunächst  gleichfalls  aus  sittlich-religiösen, 
nicht  aus  wissenschaftlichen  Motiven  entsprungenen  Pythago- 
reismus.    Die  Form  wie  der  Inhalt  dieses  Glaubens,   dessen 


V 


bei  den  Griechen.  9 

Geschichte  wir  hier  nicht  weiter  verfolgen  können ,  war  vor- 
erst allerdings  ziemlich  trübe;  er  stand  bei  Orphikem  und 
Pythagoreern  mit  der  mythischen  Lehre  von  der  Seelenwan- 
derung in  Verbindung ,  und  was .  über  die  jenseitige  Seligkeit 
oder  XJnseligkeit  entscheiden  sollte,  war  mindestens  bei  den 
ersteren  weniger  der  sittliche  Werth  oder  XJnwerth,  als  das 
Verhältniss  zu  den  Geheimdiensten  und  zu  der  mit  ihnen  ver- 
bundenen  Ascese :  wer  die  Weihen  angenommen,  wer  sich  der 
Fleischkost  und  ähnlicher  Dinge  enthalten,  wer  gewisse  äusser- 
liche  Lebensvorschriften  befolgt  hatte,  der  sollte  dereinst  mit 
den  Göttern  der  Untei'welt  zu  Tische  sitzen,  die  Ungeweihten 
dagegen  sollten  in  einen  Schlammpfuhl  geworfen  werden. 
Aber  schon  bei  den  Pythagoreern  wurde  der  ünsterblichkeits- 
glaube  in  einem  reineren  moralischen  Sinne  benützt ;  bei  Pindar 
liegen  in  ihm  die  kräftigsten  sittlichen  Antriebe;  Aeschylus' 
Schilderung  der  göttlichen  Strafgerichte  kommt  in  der  Dro- 
hung, das  auch  der  Tod  den  Verbrecher  von  den  Rachegeistem 
nicht  frei  mache,  zum  Abschluss;  Sophokles  verweist  nicht 
selten  auf  die  Vergeltung  nach  dem  Tode,  und  bei  Euripides 
finden  wir  das  Wort :  „Wer  weiss,  ob  nicht  der  Tod  in  Wahr- 
heit Leben  ist,  das  Leben  aber  Tod?''  Es  liegt  am  Tage, 
wie  sehr  der  Gedanke  der  göttlichen  Gerechtigkeit  durch  diese 
Ausdehnung  ihrer  Wirkungen  an  Stärke  gewinnen,  und  um 
wie  viel  lebhafter  auch  die  Einheit  des  Göttlichen  sich  dem 
Bewusstsein  darstellen  musste,  wenn  eine  und  dieselbe  sittliche 
Ordnung  die  Lebenden  und  die  Todten  umfasste. 

So  sehr  aber  die  ältere  Gestalt  der  giiechischen  Religion 
damit  veredelt  war,  ihre  polytheistische  Grundlage  wurde,  wie 
gesagt,  durch  diese  Entwicklung  des  monotheistischen  Ele- 
ments, das  auch  in  ihr  lag,  nicht  unmittelbar  angetastet.  Einen 
anderen  und  kühneren  Weg  schlug  die  Philosophie  ein. 

Die  griechische  Philosophie  ist  nicht,  wie  die  christliche, 
im  Dienst  der  Theologie  herangewachsen:  ihre  ältesten  Ver- 
treter wollten  nicht  den.  religiösen  Glauben  vertheidigen  oder 
erläutern,  sondern  die  Natur  der  Dinge  erforschen.  Sie  hatten 
insofern  keine  so  unmittelbare  Veranlassung,   sich  über  den 


10  Die  Entwicklung  des  Monotheismus 

Inhalt  dieses  Glaubens  auszusprechen,  wie  ihre  christlichen 
Nachfolger.  Aber  indem  sie  bei  ihrer  Naturerklärung  die  Welt 
als  Ganzes  in*s  Auge  fassten ,  um  sie  auf  ihre  letzten  Gründe 
zurückzuführen,  giengen  sie  alle  ausdrückUch  oder  stillschwei* 
•gend  von  der  Voraussetzung  einer  einheitlichen  weltbildenden 
Kraft  aus,  mochten  sie  sich  nun  diese  an  den  körperlichen 
Stoflf  gebunden  oder  von  ihm  getrennt  denken,  mochten  sie 
sie  als  Natur  oder  als  Gottheit  oder  wie  sonst  iSezeichnen. 
Und  mehrere  von  ihnen  sprachen  es  auch  ausdrücklich  aus, 
dass  dieselbe  nur  in  der  höchsten  Vernunft,  nur  in  dem  un- 
endlichen Geiste  gesucht  werden  dürfe;  unter  den  vorsokrati- 
sehen  Philosophen,  mit  denen  wir  es  hier  zunächst  zu  thun 
haben ;  am  entschiedensten  und  mit  dem  deutlichsten  wissen- 
schaftlichen Bewusstsein  Anaxagoras,  der  Freund  des  grossen 
Perikles,  welcher  bis  gegen  den  Anfang  des  peloponnesischen 
Krieges  in  Athen  gelebt  hat.  Zu  der  Volksreligion  aber  nehmen 
diese  Männer,  je  nach  ihrer  Eigenthümlichkeit ,  eine  verschie- 
dene Stellung  ein.  Viele  von  ihnen  verfolgten  den  Weg  ihrer 
wissenschaftlichen  Forschung,  ohne  sie  zum  Volksglauben  in 
ein  bestimmtes  Verhältniss  zu  setzen,  und  in  der  Regel  wohl, 
ohne  auch  nur  sich  selbst  darüber  Rechenschaft  abzulegen» 
Andere  lehnten  sich  in  der  Art  an  die  Volks  Vorstellungen  an, 
dass  sie  sich  derselben  für  gewisse  philosophische  Begriffe 
bedienten,  und  beide  sich  unmittelbar  gleichsetzten;  und  da 
ist  es  nun  natürlich  wieder  die  Gestalt  des  Zeus,  in  welcher 
der  letzte  Grund  aller  Dinge,  die  Einheit  der  Weltordnung 
und  der  in  der  Welt  wirkenden  Kräfte,  zur  Anschauung  ge- 
bracht wird.  Ein  dritter,  Demokritus,  macht  den  Versuch, 
mit  dem  Götterglauben  auch  die  Götter  selbst  aus  den  Vor- 
aussetzungen seiner  materialistischen  Naturlehre  zu  erklären: 
durch  das  gleiche  Zusammentreffen  von  Atomen,  dem  alles 
übrige  sein  Dasein  verdankt,  sollten  auch  Wesen  von  über- 
menschlicher Gestalt  und  Grösse  entstanden  sein,  deren  Er- 
scheinung den  Glauben  an  Götter  hervorgerufen  habe;  und 
ähnlich  lässt  Empedokles  aus  seinen  vier  Elementen  mit  den 
Thieren  und  den  Menschen  und  allen  anderen  Dingen  auch 


■  I 
I 


bei  den  GriecheiL  XI 

die  Götter  sich  bilden  „die  langlebenden,  vor  allem  geehrten/^ 
Für  uns,  nach  unserem  reineren  Gottesbegriff,  sind  diess  höchst 
auffallende  Behauptungen,  nicht  ebenso  aber  für  die  Griechen, 
in  deren  Mythologie  von  Anfang  an  die  Erzeugung  der  ver- 
schiedenen Göttergeschlechter  eine  wichtige  Stelle  einnahm, 
und  bei  denen  noch  Pindar  singt:  „Eines  ist  der  Menschen, 
ein  anderes  der  Götter  Geschlecht,  aber  üßine  Mutter  hat 
beide  geboren."  Eine  Bestreitung  des  Volksglaubens  war  da- 
mit nicht  beabsichtigt. 

.  Um  so  entschiedener  tritt  dagegen  diese  Absicht  in  den 
Aeusserungen  eines  Mannes  hervor,  welcher  zu  den  merk- 
würdigsten Erscheinungen  in  der  Geschichte  des  religiösen 
Bewusstseins  gehöit,  des  Xenophanes.  Dieser  philosophische 
Dichter,  der  Stifter  der  sog.  eleatischen  Schule,  dessen  langes 
Leben  von  den  ersten  Jahrzehenden  des  sechsten  bis  über  den 
Anfang  des  fünften  Jahrhunderts  herabreicht,  ist  allem  nach 
rein  durch  sein  eigenes  Nachdenken  zu  den  eingreifendsten 
Zweifeln  an  der  Rehgion  seines  Volkes  geführt  worden.  Was 
ihm  an  derselben  zum  Anstoss  gereicht,  ist  nicht  blos  die 
Menschenähnlichkeit  der  griechischen  Götter  mit  ihren  oft  so 
weit  gehenden  Schwächen,  sondern  auch  schon  ihre  Vielheit 
als  solche.  Die  Sterblichen,  sagt  er,  meinen,  die  Götter  seien 
entstanden,  als  ob  es  nicht  gleich  gottlos  wäre^  sie  für  gewor- 
den, und  sie  für  sterblich  auszugeben ;  und  in  demselben  Sinn 
äusserte  er  sich  nach  Aristoteles  über  die  Opfer  und  die 
Todtenklage  fOr  die  Meeresgöttin  Leukothea :  halte  man  sie 
für  eine  Sterbliche,  so  solle  man  ihr  nicht  opfern,  halte  man 
sie  für  eine  Gottheit,  so  solle  man  sie  nicht  betrauern.  Der 
Widei-spruch  der  Naturreligion,  eine  Gottheit,  ein  Unendliches,  | 

anzunehmen  und  ihr  doch  zugleich  endliche  Zustände  und 
Eigenschaften  beizulegen ,  beweist  dem  Philosophen,  dass  diese 
Religion  nicht  die  wahre  sein  könne.  Der  gleiche  Wider- 
sprach  wird  aber  von  ihm  auch  noch  in  vielen  anderen  Be- 
stimmungen des  griechischen  Götterglaubens  nachgewiesen. 
Wie  man  die  Götter  für  geworden  hält,  so  hält  man  sie  auch 
füi-  veränderlich;  man  schreibt  ihnen  räumliche  Bewegung  zu. 


12  Die  Entwicklung  des  Monotheismus 

wenn  man  sie  vom  Himmel  zur  Erde  herabkonmien;  diese  oder 
jene  Stätte  ihrer  Verehrung  besuchen,  da  oder  dort  hülfreich 
erscheinen  lässt  u.  s.  w.  Xenophanes  weiss  sich  diese  Vor- 
stellung nicht  anzueignen.  Der  Gottheit,  erklärt  er,  gezieme 
es  nicht,  bald  da*  bald  dorthin  zu  wandern,  sie  könne  nur 
unbewegt  an  Einer  Stelle  verharren.  Noch  auffallender  wider- 
spricht es  seinem  Gottesbegriff,  wenn  der  Gottheit  eine  mensch- 
liche, oder  überhaupt  eine  äussere  Gestalt  beigelegt  wird. 
Die  Menschen,  sagt  er,  leihen  den  Göttern  ihre  eigene  Ge- 
stalt, Empfindung  und  Stimme,  und  jedes  Volk  leiht  ihnen 
die  seine :  die  Keger  denken  sich  die  Götter  schwarz  und 
plattnasig,  die  Xhracier  blauäugig  und  rothhaarig,  und  wenn 
die  Pferde  und  Ochsen  malen  könnten,  —  fügt  er  mit  bitterem 
Spott  bei  —  würden  sie  dieselben  ohne  Zweifel  als  Pferde 
und  Ochsen  darstellen.  Und  ^  fast  noch  schlechter  ergeht  es 
den  Göttern  bei  der  Schilderung  ihres  sittUchen  Wesens : 
„Alles  legen  den  Göttern  Hesiodos  bei  und  Homeros,  was  zur  ! 
Schande  bei  Menschen  gereicht  und  Tadel  hervomift,  Dieb-  j 
stahl,  Ehebmch  und  dass  sie  einander  betrügen."  Aber  nicht  | 
blos  diese  Schwäche  und  Menschenähnlichkeit,  schon  die  Viel-  [ 
heit  als  solche  verträgt  sich,  nach  der  reineren  Einsicht  des  ] 
Xenophanes,  nicht  mit  dem  Begriff  des  göttlichen  Wesens. 
Die  Gottheit,  zeigt  er,  müsse  das  vollkommenste  sein,  es  könne 
aber  nur  Ein  vollkommenstes  geben;  die  Gottheit  könne  nur 
herrschen,  nicht  beherrscht  werden,  neben  dem  höchsten,  alles- 
beherrschenden  Gott  lassen  sich  mithin  keine  anderen,  ihm 
untergeordneten  Götter  annehmen.  'Er  selbst  weiss  sich  daher 
nur  Eine  Gottheit  zu  denken,  die  über  alles  Endliche  hoch 
erhaben  ist.  „Ein  Gott,''  singt  er,  „ist  bei  den  Göttern  und 
bei  den  Menschen  der  höchste.  Sterblichen  nicht  an  Gestalt 
und  nicht  an  Gedanken  vergleichbar,"  ein  Gott,  der,  wie  es 
an  einer  anderen  Stelle  heisst ,  ganz  Auge  ist ,  ganz  Ohr,  ganz 
Denken,  der  „mühlos  alles  beherrscht  mit  der  Einsicht  seines 
Verstandes."  So  tritt  hier  zuerst  der  Vielgötterei  des  griechi- 
schen Volksglaubens  und  der  Vermenschlichung  des  Göttlichen 
der  Monotheismus  mit  vollem  Bewusstsein  grundsätzlich  ent- 


] 


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11 


V 


bei  den  Griechen.  13 

gegen :  aus  dem  BegriiF  des  göttlichen  Wesens  werden  durch 
einfache  Schlüsse  die  Folgerungen  abgeleitet,  welche  die  ganze 
bestehende  Religion  im  innersten  erschüttern  mussten. 

Es  muss  gewiss  unsere  höchste  Bewunderung  en-egen,  so 
reine  und  erhabene  Vorstellungen  über  die  Gottheit,  ein  so 
helles  Bewusstsein  über  das,  was  die  Gottesidee  fordert,  mitten 
unter  einem  polytheistischen  Volke,  fünfhundert  Jahre  vor 
Christus,  in  einem  Zeitpunkt  zu  finden,  in  welcheöi  die  wissen- 
schaftliche Forschung  sich  kaum  in  den  ersten  unsicheren 
Schritten  versucht  hatte.  Auch  die  geschichtliche  Wirkung 
dieser  Erscheinung  werden  wir  aber  nicht  zu  niedrig  schätzen 
dürfen.  Die  Angrifife  des  Xenophanes  haben  dem  griechischen 
Polytheismus  eine  Wunde  geschlagen,  von  welcher  er  sich  nicht 
wieder  erholt  hat;,  und  steht  auch  dieser  Philosoph  mit  seinen 
kühnen  Zweifeln  an  dem  bestehenden  Eeligionswesen  eine  Zeit 
lang  ziemlich  vereinzelt,  so  fehlt  es  ihm  doch  theils  schon  in 
den  nächsten  fünfzig  Jahren  nicht  ganz  an  Nachfolgern,  theils 
sind  jene  Zweifel  in  der  Folge  zu  einer  Macht  herangewachsen, 
welcher  die  Volksreligion  ausser  der  Gewohnheit  der  Masse 
und  einzelnen,  für^^das  Ganze  vollkommen  wirkungslosen, 
Gewaltmassregeln  kein  Vertheidigungsmittel  entgegenzustellen 
hatte. 

Einige  Jahrzehende  nach  Xenophanes  treffen  wir  den 
ephesischen  Philosophen  Herakht  zwar  nicht  ganz  auf  dem- 
selben Wege,  aber  doch  auf  einem,  der  dem  seinigen  nahe 
genug  liegt.  Die  Vielheit  der  Götter  wird  von  ihm  zwar 
nicht  ausdrücklich  feekämpft,  so  weit  er  auch  durch  seine  Idee 
der  allgemeinen,  alles  lenkenden  Vernunft  über  sie  hinaus  ist ; 
aber  die  mit  ihr  so  nahe  zusammenhängenden  gottesdienst- 
lichen Gebräuche,  die  Thieropfer  und  die  Bilderverehrung, 
erfahren  seine  entschiedene  Missbilligung,  und  über  die  Dich- 
ter, deren  Werke  für  die  Hellenen  die  Bedeutung  der  heilig- 
sten Religionsurkunden  hatten,  über  Homer  und  Hesiod,  weiss 
er  sich  nicht  stark  genug  auszudrücken.  Etwas  später,  um 
die  Mitte  des  fünften  Jahrhunderts,  hören  wir  die  Gedanken 
und  selbst  die  Ausdrücke  des  alten  Eleaten  in  einem  Bruch- 


14  Oie^Entwiddtmg  des  MoDotheisinns 

etack  des  Empedokles  durchkliugen,  welches  über  Apollo,  oder 
auch  über  den  höchsten  Grott  —  denn  diess  wissen  wir  nicht  — 
sagt:  ihm  könne  man  nicht  nahen,  nodh  mit  den  Augen  ihn 
schauen  oder  mit  den  Händen  betasten,  denn  kein  mensch- 
licher  Leib  und  keine  Gliedmassen  seien  ihm  eigen,  sondern 
er'  sei  nur  ein  heiliger  unfassbarer  Geist,  der  mit  schnellen 
Gedanken  das  ganze  Weltall  durcheile.  Um  dieselbe  Zeit  be- 
ginnt jene  aufklärerische  Bewegung,  deren  ausgesprochenste 
Vertreter  man  mit  dem  Namen  der  Sophisten  zu  bezeichnen 
pflegt;  eine  Bewegung,  welche  in  kurzer  Zeit  alle  Seiten  des 
griechischen  Volkalebens  und  alle  Schichten  der  Gesellschaft 
durchdrang,  die  überlieferten  Sitten  und  Ueberzeugungen 
gründlich  zersetzte,  und  gegen  den  religiösen  Glaaben  von 
Anfang  an  einen  lebhaiten  Angriff  eröffnete.  Gleich  den  ersten 
Wortführer  der  Sophistik,  Protagoras,  hören  wir  eine  Schrift 
mit  der  Erklärung  beginnen :  über  die  Götter  habe  er  nichts 
zu  sagen,  weder  dass  sie  seien,  noch  dass  sie  nicht  seien,  denn 
die  Sache  sei  zu  dunkel  und  das  menschliche  Leben  zu  kurz, 
um  sie  zu  ergründen.  Ein  anderer  von  den  berühmteren  So- 
phisten, Prodikus,  suchte  zu  zeigen,  wie  die  Menschen  durch 
die  Verehrung  nutzbringender  und  wohlthfltiger  Naturgegen- 
stände zum  Götterglauben  gekommen  seien;  wahrend  der  So- 
phistenschüler Eritias  in  einem  seiner  Schauspiele  die  Religion 
als  die  Erfindung  kluger  Gesetzgeber  dai-stellte,  welche  durch 
die  Furcht  vor  der  göttlichen  Stra%erechtjgkeit  die  Wirkung 
ihrer  Gesetze  haben  untei'StUtzen  wollen.  Und  das  letztere 
war  wohl  in  den  Kreisen,  auf  welche  der  Einfluss  der  sophisti- 
schen Aufklärung  sich  erstreckte,  die  verbreitetste  Meinung. 
Wie  in  allen  anderen  Staatseinrichtungen  und  Sitten,  so  s^ 
diese  Schule  auch  in  der  Beligion  nur  das  Erzeugniss  will- 
kührlicher  Uebereinkunft ,  und  schon  die  Verschiedenheit  der 
Religionen  schien  ihr  diess  zu  beweisen:  wenn  der  Götter- 
glaube aus  der  menschlichen  Natur  stammte,  meinte  sie, 
mUssten  auch  alle  Menschen  die  gleichen  Götter  verehren ; 
dass  gerade  aus  der  Natur  des  menschlichen  Geistes  und  aus 
den  natürlichen  Bedingungen  seiner  Entwicklui^  die  Verschie- 


1/ 


'I 


bei  den  Griechen.  15 

denheit  der  Religionen,  wie  aller  anderen  geschichtlichen 
Lebensformen,  hervorgeht,  dafür  hatten  diese  griechischen  Auf- 
klärer so  wenig,  als  ihre  neueren  Nachfolger,  ein  Verständniss. 
Wie  oberflächlich  sie  aber  auch  in  dieser  Beziehung  ver- 
fahren mochten :  der  Geist  der  Zeit  kam  ihnen  in  den  geistig 
bedeutendsten  griechischen  Städten  so  hülfreich  entgegen,  und 
ihre  Denkweise  war  so  wenig  auf  die  Schule  beschränkt,  dass 
sie  vielmehr  lun  die  Zeit  des  peloponnesischen  Kriegs,  und 
nicht  blos  in  Athen,  für  die  herrschende  Ansicht  der  Gebil- 
deten gelten  konnte.  Was  die  Sophisten  in  Lehrschriften  und 
Prunkreden  vortrugen,  das  predigten  die  Dichter  in  anderer 
Form,  mit  der  bedeutendsten  und  allgemeinsten  Wirkung, 
vom  Theater.  Während  ein  Sophokles  in  seinen  Tragödien 
seiner  frommen  Gesinnung  nicht  minder,  als  seiner  Kunst,  ein 
Denkmal  setzte,  sehen  wir  seinen  jüngeren  Zeitgenossen  Euri- 
pides,  den  Schüler  des  Anaxagoras,  mit  manchen  schönen 
Glaubens-  und  Sittensprüchen  zugleich  eine  Masse  dogmatischer 
und  moralischer  Zweifel  vermischen,  wir  begegnen  bei  ihm 
einer  so  naturalistischen  Behandlung  der  Mythen,  dass  sich 
sofort  unverkennbar  herausstellt,  wie  weit  er  sich  von  dem 
Standpunkt  des  alten  Götterglaubens  entfernt  hatte.  Der 
Komiker  Aristophanes  poltert  mit  leidenschaftlicher  Heftigkeit 
gegen  ihn  und  gegen  alle  die  Neuerer,  unter  die  er  sogar 
Sokrates  rechnet;  und  wir  können  nicht  bezweifeln,  dass  es 
ihm  mit  seinem  Eifer  fOr  alte  Sitte  und  alten  Glauben  in 
seiner  Art  Ernst  war;  aber  hiess  es  die  Ehrfurcht  vor  den 
Göttern  wiederherstellen,  wenn  man  diese  mit  so  übermttthiger 
Ausgelassenheit,  wie  Aristophanes  dem  Gelächter  der  Zuschauer 
preisgab,  wenn  man  die  Blossen  ihrer  Menschenähnlichkeit  so 
grell  und  so  derb ,  wie  er,  aufdeckte,  wenn  man  sie  so  tief  in 
allen  Schmutz  des  Niedrigen  und  Gemeinen  herabzog?  Und 
dass  dieser  Bestandtheil  seiner  Stücke  bei  seinen  Zuhörern 
weit  mehr  Anklang  fand,  als  die  Ermahnungen  zur  Rückkehr 
in  die  gute  alte  Zeit  und  ihren  Glauben,  dass  es  schon  im 
ersten  Jahrzehend  des  peloponnesischen  Kriegs  bei  sehr  vielen 
in  Athen  geradezu  für  ungebildet  und  altvaterisch  galt,  noch 


16  Die  Entwicklung  des  Monotheismus 

an  Götter  zu  glauben,  sagt  er  selbst  uns..  Hält  doch  sogar 
sein  frommer  und  oft  so  abergläubischer  älterer  Zeitgenosse 
Herodot  sich  von  den  Einflüssen  der  rationalistischen  Aufklä- 
rung keineswegs  frei;  sehen  wir  doch  an  einem  Thucydides, 
vie  gegen  das  Ende  des  fünften  Jahrhunderts  der  tiefste  Enist 
der  Gesinnung,  die  grossartigste  sittliche  Weltbetrachtung  mit 
gänzlicher  Abwesenheit  jenes  mythischen  Elements  verknüpft 
sein  konnte,  das  der  altgriechischen  Religion  so  unentbehrlich 
ist ;  stellt  uns  doch  eben  dieser  Geschichtschreiber  in  ergrei- 
fenden Schilderungen  die  VerwiiTung  aller  sittlichen  Begriffe, 
das  Verschwinden  der  Frömmigkeit  und  des  Glaubens,  das 
üeberhandnehmen  einer  nackten  Selbstsucht  während  der 
inneren  Kämpfe  der  griechischen  Staaten  vor  Augen.  Die 
Sophisten  sind  mit  ihren  Angriffen  auf  den  Volksglauben  nur 
die  Vorkämpfer  einer  Denkweise,  welche  in  jener  Zeit  von 
den  verschiedensten  Seiten  her  vorbereitet  sich  nicht  als  das 
Werk  dieser  Einzelnen,  sondern  nur  als  das  Ergebniss  der 
ganzen  geschichtlichen  Entwicklung  betrachten  lässt.  Um 
so  wem'ger  liess  sich  erwarten,  dass  ein  vereinzeltes  Einschreiten 
der  Staatsgewalt,  Anklagen,  wie  sie  noch  zu  Lebzeiten  des 
Perikles  von  den  politischen  Gegnern  dieses  Staatsmanns  gegen 
Anaxagoras,  später  gegen  Protagoras  und  Sokrates  erhoben 
wurden ,  der  Neuerung  einen  haltbaren  Damm  entgegensetzen 
werden.  Einzelne  sind  diesen  Angriffen  zum  Opfer  gefallen: 
Anaxagoras  und  Protagoras  mussten  Athen  verlassen,  Sokrates 
trank  den  Giftbecher ;  aber  die  Ansichten  dieser  Männer  wur- 
den durch  die  Verfolgung  in  ihrer  Verbreitung  nicht  gehemmt, 
sondern  gefördert.  Als  Protagoras  um's  Jahr  410  v.  Chr.  aus 
Athen  floh,  hatte  der  Unglaube,  den  man  in  ihm  verfolgte, 
in  dieser  Stadt  längst  die  tiefsten"  und  ausgebreitetsten  Wur- 
zeln getrieben.  Eine  Wiederherstellung  der  Volksreligion  in 
ihrer  fitüheren  Geltung  war  bereits  zur  Unmöglichkeit  gewor- 
den; aber  über  den  Standpunkt  der  Sophisten  konnte  man 
allerdings  hinauskommen,  wenn  tiefere  Geister  und  gründlichere 
Denker  sich  der  Aufgabe  bemächtigten,  welche  sie  einseitig 
und  ungenügend  behandelt  hatten. 


bei  den  Griechen.  17 

Ein  solcher  gründlicherer  Denker  war  Sokrates.  Dieser 
grosse  Philosoph  wollte  sich  zwar  grundsätzlich  aller  theologi- 
schen Untersuchungen  enthalten;  die  menschliche  Vernunft, 
glaubte  er ,  sei  doch  nicht  im  Stande ,  das  Wesen  und  die 
Werke  der  Gottheit  zu  ergründen,  und  diese  Forschung  habe 
auch  keinen  Nutzen;  und  er  tadelte  desshalb  die  Naturphilo- 
sophen, dass  sie  meinen,  sie  können  den  Kunstwerken  der 
Götter  auf  die  Spur  kommen.  Er  seinerseits  wollte  sich  auf 
die  Dinge  beschränken,  welche  das  menschliche  Leben  und 
die  menschlichen  Pflichten  betreffen.  Aber  indem  er  zu  diesen 
Pflichten  vor  aUem  auch  die  der  Frömmigkeit  und  der  Gottes- 
verehrung rechnete,  war  er  doch  genöthigt,  sich  eine  bestimmte 
Ansicht  über  die  Gottheit  und  ihr  Verhältniss  zum  Menschen 
zu  bilden,  und  da  er  nun  hiebei  natürlich  nur  nach  Massgabe 
seiner  allgemeinen  Grundsätze  verfahren  konnte,  so  wurde  er 
fast  wider  Willen  der  Schöpfer  einer  Gotteslehre,  welche  trotz 
ihrer  wissenschaftlichen  Mängel  von  grosser  Bedeutung  für  die 
Folgezeit  geworden  ist.  Wie  er  nämlich  den  Werth  der  mensch- 
lichen Handlungen  nach  der  Vernunftmässigkeit  ihrer  Zwecke 
zu  beurtheilen  gewohnt  war,  so  suchte  er  auch  im  Weltganzen 
zunächst  den  Zweck  auf,  dem  alles  zu  dienen  habe;  diesen 
glaubte  er  aber  in  dem  Wohle  des  Menschen  zu  erkennen. 
So  kam  er  denn  zu  der  Ueberzeugung,  dass  die  Welt  nur  das 
Werk  eines  allmächtigen,  allgütigen,  allweisen  und  allwissenden 
Wesens  sein  könne ;  eines  Wesens,  dessen  Vernunft  die  unsrige 
um  ebenso  viel  übertreffe,  als  die  Grösse  der  Welt,  dem  sie 
inwohnt,  die  unseres  Leibes;  dessen  Auge  alles  durchschaue, 
dessen  Füi-sorge  alles,  das  grösste  wie  das  kleinste,  umfasse. 
Dabei  hatte  Sokrates  nicht  das  Bedürfniss,  das  Verhältniss 
dieses  seines  Veiiiunftglaubens  zu  der  Volksreligion,  der  er 
aufrichtig  zugethan  war,  eingehender  zu  untersuchen ;  er  redet 
nach  der  Weise  der  Griechen  unterschiedslos  bald  in  der 
Mehrzahl  von  den  Göttern,  bald  in  der  Einzahl  von  Gott  oder 
der  Gottheit;  er  ist  überzeugt,  dass  die  Götter  alles  zu  un- 
serem Besten  lenken,  dass  wir  uns  in  ihre  Schickungen  unbe- 
dingt zu   ergeben,   ihren   Geboten   unbedingt   zu   gehorchen 

Zeller,  Vorträg;e  and  Abhandl.  2 


18  Die  Entwicklung  des  Monotheismus 


1 


haben;  und  was  die  Gottesverehrung  betrifft,  so  beruhigt  er 
sich  bei  dem  Satze,  dass  eine  fromme  Gesinnung  der  beste 
Gottesdienst  sei,  dass  im  übrigen  jeder  die  Gottheit  nach 
dem  Herkommen  seines  Volkes  verehren  möge.  Aber  doch 
lässt  sich  nicht  verkennen,  dass  sein  Religionsglaube  in  der 
Hauptsache  von  der  Einheit  des  Göttlichen  ausgeht.  Er  läugnet 
die  vielen  Götter  der  Volksreligion  nicht,  er  hat  vielmehr  ( 
ohne  Zweifel  alles  Ernstes  an  sie  geglaubt;  aber  über  diese 
vielen  Götter  hebt  sich  die  Eine  weltbildende  Vernunft  so 
entschieden  als  das  wesentliche,  für  die  Einrichtung  der  Welt 
und  die  sittliche  Aufgabe  des  Menschen  allein  massgebende 
heraus,  dass  jene  neben  ihr  fast  als  müssige  Zuthaten  er- 
scheinen.  So  unterscheidet  auch  Sokrates  selbst  in  einer 
Aeusserung,  welche  uns  Xenophon  überliefert  hat,  zwischen 
beiden,  wenn  er  sagt,  sowohl  die  anderen  Götter,  wie  auch 
der  Bildner  und  Erhalter  des  Weltganzen,  erweisen  uns  ihre 
Wohlthaten,  ohne  sich  selbst  unseren  Blicken  zu  zeigen.  Die 
Hauptsache  liegt  für  ihn  in  der  Ueberzeugung,  dass  alles  in 
der  Welt  und  im  menschlichen  Leben  nach  den  besten  Zwecken, 
mit  vollkommener  Vemirnft,  nach  einem  einheitlichen  Plane 
geordnet  sei;  ob  es  nur  Ein  Wesen  ist,  von  dem  diese  Ord- 
nung herrührt,  oder  ob  die  höchste  Gottheit  noch  andere 
Götterwesen  als  ihre  Gehülfen  unter  sich  hat,  diess  ist  eine 
Frage,  deren  Untersuchung  ihn  wenig  bekümmert,  weil  sie 
ihm  für  sein  praktisches  Glaubensbedürfniss  von  keiner  Er- 
heblichkeit zu  sein  scheint.  Er  für  seine  Pei-son  aber  müsste 
der  zweiten  Annahme  schon  desshalb  den  Vorzug  zu  geben 
geneigt  sein,  weil  sie  mit  dem  Glauben  seines  Volkes,  von 
dem  er  sich  zu  trennen  nicht  fllr  nothwendig  und  nicht  für 
erlaubt  hielt,  am  besten  übereinstimmte.  Die  Einheit  Gottes 
wird  so  mit  der  Vielheit  der  Volksgötter  in  der  Weise  ver- 
knüpft, welche  den  Griechen  schon  durch  ihre  Mythologie  nahe 
gelegt  war,  und  in  welcher  bereits  die  Dichter  den  Philosophen 
vorangegangen  waren:  die  vielen  Götter  werden  zu  dem 
Einen  in  ein  durchaus  untergeordnetes  Verhältniss  gesetzt, 
sie  haben  nur  dieselbe  Vernunft  in  den  einzelnen  Theilen  der   i 

\ 


bei  den  Griechen.  19 

Welt  und  den  einzelnen  Beziehungen  des  menschlichen  Xiebens 
zu  vertreten,  welche  als  allgemeine,  das  Weltganze  umfassende 
Macht  in  dem  höchsten  Gott  angeschaut  wird. 

Diesem  Wege  ist  die  griechische  Philosophie  auch  in  der 
Folge  in  der  überwiegenden  Mehrzahl  ihrer  Vertreter  treu 
geblieben.  Auch  an  solchen  fehlt  es  unter  denselben  aller- 
dings nicht,  welche  zur  Volksreligion  eine  schroffere  Stellung 
einnahmen.  Hatte  Sokrates  den  höchsten  Gott  von  den  übri- 
gen imterschieden ,  so  erklärte  sein  Schüler  Antisthenes  mit 
den  Eleaten :  in  Wahrheit  gebe  es  nur  Einen  Gott ,  welchen 
wir  uns  nicht  nach  menschlichem  Bilde  vorstellen  dürfen,  nur 
die  Meinung  der  Völker  habe  die  vielen  Götter  geschaffen; 
und  er  selbst  sowohl,  als  seine  Nachfolger,  die  Cyniker, 
machten  sich  durch  eine  Freigeisterei  bemerklich,  die  wir 
auch  später  bei  den  Cynikem  der  römischen  Kaiserzeit 
wiederfinden,  während  sie  zugleich  die  mythischen  Ueber- 
liefei-ungen  durch  eine  freie  allegorische  Auslegung  für  mora- 
lische Zwecke  zu  benützen  suchten.  Ein  anderer  Sokratiker, 
der  sich  aber  auch  sonst  von  der  ächten  sokratischen  Lehre 
weit  entfernte,  Aristippus,  folgte  mit  seiner  Schule  den  skep- 
tischen Ansichten  des  Protagoras.  Von  den  jüngeren  Schulen, 
aus  der  alexandrinischen  und  der  römischen  Zeit,  sind  es  die 
Skeptiker  und  die  Epikureer,  welche  sich  als  Aufklärer  dem 
religiösen  Glauben  entgegenstellen.  Die  ersteren  konnten 
zwar  folgerichtig  das  Dasein  der  Götter  nicht  positiv  be- 
streiten; aber  sie  erklärten  es  für  ebenso  unbeweisbar,  als 
jeden  anderen  wissenschaftlichen  Satz;  und  im  Kampf  mit 
der  gleichzeitigen  Theologie  der  stoischen  Schule  erhob  na- 
mentlich Kameades,  der  scharfsinnigste  von  den  alten  Skep- 
tikern, schon  im  zweiten  Jahrhundert  vor  Christus  gegen  den 
gewöhnlichen  Gottesbegriflf  Einwendungen,  welche  ihre  Be- 
deutung heute  noch  nicht  ganz  verloren  haben.  Nach  einer 
anderen  Seite  hin  entfernte  sich  die  zahlreiche,  namentlich 
unter  den  Römern  verbreitete  Schule  der  Epikureer  von  dem 
Volksglauben.  Das  Dasein  der  Götter  wollten  diese  Philosophen 
nicht   bezweifeln,    sie   erklärten   dasselbe   vielmehr   für  ganz 

2* 


H 


20  ^^  Entwicklung  des  Monotheismus 

unbestreitbar ;  aber  um  dem  Grundsatz  einer  rein  physikali- 
schen Naturerklärung  nichts  zu  vergeben,  und  um  der  aber- 
gläubischen Furcht  vor  der  Gottheit  ihre  Wurzeln  abzu- 
schneiden, hielten  sie  es  für  nöthig,  jede  Einwirkung  der 
Götter  auf  die  irdischen  Dinge  zu  beseitigen :  die  Göttei' 
sollten  in  seliger  Ruhe,  von  unseren  Angelegenheiten  nicht 
berührt  und  nicht  in  sie  eingreifend,  als  Gegenstand  einer 
uneigennützigen  Verehrung,  in  den  leeren  Zwischenräumen 
zwischen  den  Welten  sich  aufhalten;  innerhalb  der  letzteren 
dagegen  sollte  alles  theils  vom  Zufall,  theils  von  blinder  Natur- 
nothwendigkeit  regiert  werden.  Der  Monotheismus  hatte  von 
diesem  Götterglauben,  der  sich  in  seinem  praktischen  Erfolge 
vom  Atheismus  kaum  unterscheidet,  nichts  zu  hoffen;  ihm 
traten  die  Epikureer  mit  demselben  Spott  entgegen,  wie  den 
Mythen  der  Volksreligion ;  und  ebensowenig  konnten  die  Zweifel 
.der  Skeptiker  gegen  die  Volks  Vorstellungen  einer  reineren 
Glaubensweise  zugutekommen,  da  sie  das  Dasein  Eines  Gottes 
und  das  Dasein  vieler  Götter  für  gleich  unerweislich  hielten. 
Diese  Schulen  haben  daher  die  Sache  des  Monotheismus  nur 
mittelbar  gefördert,  sofern  sie  durch  die  Zersetzung  der  be- 
stehenden Religionen  dazu  beitrugen,  dass  einer  neuen  der 
Weg  gebahnt  wurde. 

Indessen  hatte  diese  Denkweise,  wie  bemerkt,  in  der 
griechischen  Philosophie  nicht  die  HeiTSchaft.  Die  bedeutend- 
sten unter  den  nachsokratischen  Philosophen  folgten  vielmehr 
der  Richtung,  welche  schon  Sokrates  gewählt  hatte,  um  den 
Polytheismus  mit  dem  Monotheismus  zu  versöhnen.  Zugleich 
giengen  sie  jedoch  darin  über  Sokrates  hinaus,  dass  sie  sich 
dem  Volksglauben  weit  freier,  als  er,  gegenüberstellten,  und 
weit  bestimmter  auf  seine  Reinigung  durch  die  Philosophie 
drangen.  Kein  anderer  hat  aber  in  dieser  Beziehung  einen 
so  eingreifenden,  über  viele  Jahrhunderte  sich  erstreckenden 
Einfluss  auf  die  Entwicklung  des  religiösen  Bewusstseins  geübt, 
als  der  grosse  Schüler  des  Sokrates,  Plato.  Die  religiöse 
Weltanschauung  dieses  Philosophen  ist  in  ihren  Grundbestim- 
mungen ein  sehr  reiner  und  geistiger  Monotheismus.    Ueber 


f 


bei  den  Griechen.  21 

und  hinter  der  Ei-scheinungswelt  liegt  nach  ihm  die  Welt  der 
ewigen,  körperlosen,  unveränderlichen  Wesenheiten,  der  Ideen; 
und  an  der  Spitze  der  gesammten  Ideenwelt  steht  das  Gute, 
das  unendliche  Wesen,  welches  der  Grund  alles  Denkens  und 
alles  Seins  ist,  welches  den  Dingen  ihre  Wirklichkeit  und  unsem 
Vorstellungen  ihre  Wahrheit  verleiht,  nach  dem  alle  unsere 
Gedanken  und  Thätigkeiten  ihrer  innersten  Natur  nach  hin- 
streben, wenn  wir  es  selbst  auch  nur  schwer  in  seiner  reinen 
Gestalt,  und  meist  nur  in  seinen  Abbildern  und  Wirkimgen 
zu  schauen  vermögen.  Von  dem  Guten  ist  Plato's  weltbildende 
Gottheit  der  Sache  nach  nicht  verschieden,  und  die  Idee 
des  Guten  ist  es,  von  welcher  sein  Gottesbegriflf  nach  allen 
Seiten  hin  durchdrungen  und  bestimmt  ist.  Die  Güte  ist  die 
wesentlichste  Eigenschaft  der  Gottheit,  aus  Güte  hat  sie  die 
Welt  gebildet,  mit  Güte  und  Weisheit  lenkt  sie  die  mensch- 
lichen Schicksale,  im  kleinen  wie  im  grossen;  wer  durch 
Reinheit  des  Lebens  ihre  Güte  und  Vollkommenheit  nachahmt, 
dem  müssen  alle  Dinge  am  Ende  zum  besten  dienen.  An  der 
Idee  des  Guten  sind  imsere  Vorstellungen  über  die  Gottheit 
zu  messen,  nach  ihr  unsere  Pflichten  gegen  sie  zu  beurtheilen. 
Die  Gottheit  ist  nicht  eifersüchtig  auf  das  menschliche  Glück, 
wie  der  Schicksalsglaube  des  griechischen  Volks  wähnte,  denn 
der  Gute  ist  neidlos.  Sie  kann  sich  nicht  verändern  und  sich 
nicht  anders  zeigen,  als  sie  ist,  weil  das  vollkommene  unver- 
änderlich und  weil  alle  Lüge  ihm  fi-emd  ist.  Sie  muss  durch- 
aus geistiger  Natur,  über  Lust  und  Unlust  erhaben,  von  allen 
Uebeln  unberührt  sein;  von  ihrer  Macht,  ihrer  Güte,  ihrer 
Weisheit,  ihrer  Heiligkeit,  ihrer  Gerechtigkeit  werden  wir 
uns  nur  die  höchsten  und  reinsten  Vorstellungen  machen 
dürfen;  die  Mythen,  welche  menschliche  Schwächen,  Leiden- 
schaften und  Verfehlungen  von  den  Göttern  berichten,  werden 
wir  als  unwürdige  Fabeln  bekämpfen  müssen.  Auch  die  wahre 
Gottesverehrung  wird  nur  in  reiner  Gesinnung  und  tugend- 
haftem  Leben  bestehen  können,  nicht  in  den  Gebeten  und 
Gaben,  mit  denen  der  Unverstand  die  Götter  zu  ehren,  die 
Schlechtigkeit    sie    zu   bestechen    hofft.     Man   wird  zugeben 


22  ^^6  Entwicklung  des  Monotheismus 

müssen ,  dass  diess  Grundsätze  sind ,  wie  sie  reiner  auch  auf 
christlichem  Boden  kaum  gefunden  werden;  und  so  haben 
auch  wirklich  diese  platonischen  Aussprüche  den  Lehrern  der 
christlichen  Kirche  für  ihre  Vorstellungen  über-^die  Gottheit 
und  für  ihre  Auffassung  biblischer  Erzählungen  Jahrhunderte 
lang  zur  Richtschnur  gedient.  Ein  Philosoph,  der  solche  An- 
sichten aufstellte,  war  dem  griechischen  Polytheismus  im 
wesentlichen  entwachsen.  Nichtsdestoweniger  will  auch  Plata 
denselben  nicht  unbedingt  aufgeben.  Und  einige  Anknüpfungs- 
punkte  bot  ihm  allerdings  auch  sein  System.  Einestheil& 
nämlich  stehen  unter  und  neben  der  Gottheit  oder  dem  Guten 
die  andern  Ideen,  welche  er  auch  wohl  als  die  ewigen  Götter 
bezeichnet;  andemtheils  konnte  sich  Plato  von  der  volks- 
thümlichen  Anschauungsweise  nicht  trennen,  nach  welcher  die 
Gestirne,  in  der  unwandelbaren  Gesetzmässigkeit  ihres  Laufes, 
für  lebendige  Wesen  gehalten  wurden,  denen  eine  weit  höhere 
Vernunft  inwohne,  als  dem  Menschen,  und  ebenso  hält  er  auch 
das  Weltganze  für  ein  lebendes  Wesen,  von  dessen  Seele  die 
aller  Einzelwesen  herstammen.  Die  Gestirne  sind  daher,  wie 
er  sagt,  die  sichtbaren  Götter,  und  die  Welt  nennt  er  den 
gewordenen  Gott,  dessen  Schönheit  und  Vollkommenheit  er 
nicht  hoch  genug  zu  preisen  weiss.  Die  übrigen  Gottheiten 
des  griechischen  Volksglaubens  dagegen,  einen  Apollo,  eine 
Here,  eine  Athene  u.  s.  w.  betrachtet  er,  wie  er  unzweideutig 
zu  verstehen  giebt,  als  mythische  Gebilde.  Auch  sie  will  er 
desshalb  allerdings  aus  dem  öffentlichen  Kultus  nicht  entfernt, 
und  den  Glauben  an  dieselben  der  öffentlichen  Erziehung  zu 
Grunde  gelegt  wissen;  denn  zuerst,  sagt  er,  müssen  die  Men- 
schen durch  Lügen  erzogen  werden,  dann  erst  durch  die 
Wahrheit,  zuerst  durch  Mythen,  dann  durch  wissenschaftliche 
Erkenntniss;  wer  daher  zu  der  «letzteren  nicht  gelangt,  wie 
diess  bei  der  Masse  der  Menschen  der  Fall  ist,  der  bleibt 
sein  Leben  lang  auf  die  Mythen  und  die  ihnen  entsprechende 
Form  der  Gottesverehning  verwiesen.  Nur  um  so  ernstlicher 
dringt  aber  der  Philosoph  darauf,  dass  die  Mythen  selbst  aus 
sittlichen  und  philosophischen  Gesichtspunkten  gereinigt,   dass 


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.  i 


I 


bei  den  Griechen.  23 

alles  sittlich  nachtheilige  und  der  Gottheit  unwürdige  aus 
der  religiösen  Ueberlieferung  und  dem  Kultus  entfernt  werde; 
und  eben  hierin  liegt  der  Hauptgrund  der  Strenge,  mit  der 
er  über  die  grossen  Dichter  seines  Volks  urtheilt,  und  einem 
Homer  und  Hesiod  in  seinem  Staate  den  Eintritt  verwehrt. 
Als  Dichter  würde  er  sie  vielleicht  dulden,  als  Religionslehrer 
muss  er  sie  verwerfen.  Alles  zusammengenommen  ist  mithin 
diess  seine  Stellung  zu  unserer  Frage.  Er  selbst  ist  Mono- 
theist und  dieser  Monotheismus  erleidet  durch  die  Lehre  von 
der  höheren  Natur  der  Gestirne  kaum  eine  Beschränkung; 
denn  diese  „sichtbaren  Götter"  stehen  zu  dem  Einen  unsicht- 
baren Gott  wesentlich  in  dem  gleichen  Verhältniss,  wie  der 
Mensch  oder  sonst  eines  von  den  endlichen  Wesen.  Als  Volks- 
religion hält  er  dagegen  den  hellenischen  Polytheismus  für 
unentbehrlich;  aber  er  knüpft  seine  Zulässigkeit  an  die  Be- 
dingung, dass  er  einer  durchgreifenden  Reform  unterworfen 
und  dadurch  in  seinen  Wirkungen  mit  jenem  Monotheismus 
so  viel  wie  möglich  in  Einklang  gebracht  werde. 

Mit  Plato  ist  Aristoteles  in  allen  Hauptpunkten  ein- 
verstanden. Die  Lehre  von  der  Einheit  Gottes  ist  bei  ihm 
noch  schärfer  ausgeprägt,  als  bei  jenem.  Wie  die  Welt  nur 
Eine  ist,  zeigt  er,  so  müsse  sie  auch  von  Einer  höchsten  Ur- 
sache bewegt  werden;  und  diese  Ursache  kann,  wie  er  weiter 
ausführt,  nur  der  ausserweltliche,  reine,  in  nie  schlummernder 
Denkthätigkeit  ununterbrochen  wirkende  Geist  sein.  Zugleich 
tritt  bei  ihm  die  Bestimmung,  dass  die  Gottheit  ein  persön- 
liches Wesen  sein  müsse,  ausdrücklicher,  als  bei  Plato,  hervor, 
und  ist  tiefer  in  seinem  ganzen  System  begründet.  Dagegen 
wird  der  sokratisch- platonische  Vorsehungsglaube  wesentlich 
beschränkt:  die  Gottheit  ist  nach  Aristoteles  wohl  die  erste 
bewegende  Ursache,  welche  der  Drehung  des  Himmels  ihren 
Anstoss  giebt,  und  das  höchste  Gut,  dem  alles  zustrebt;  es 
herrscht  wohl  in  der  Natur  eine  durchgängige,  unbewusst  von 
innen  heraus  in  ihr  wirkende  Zweckthätigkeit,  und  im  mensch- 
lichen Leben  ein  natürlicher  Zusammenhang  des  sittlichen 
Werthes  mit  dem  inneren  Glücke :  aber  für  ein  immittelbares, 


2^  Die  Entwicklung  des  Monotheismus 

auf's  einzelne  sich  erstreckendes  Eingreifen  der  Gottheit  in 
den  Weltlauf  ist  im  aristotelischen  System  kein  Raum.  Neben 
dem  höchsten  Gott  nimmt  femer  auch  Aristoteles  in  den  j 
Geistern  der  Stemsphären  eine  Anzahl  anderer  ewiger  Wesen 
an ,  wie  er  denn  auch  das  Weltganze  für  ungeworden  und  un- 
vergängUch  erklärt,  weil  die  göttliche  Wirksamkeit  auf  die 
Welt  ebenso  ewig,  wie  die  Gottheit  selbst,  sein  müsse.  Auf 
jene  Sterngeister  deutet  auch  er  den  polytheistischen  Götter- 
glauben, so  weit  er  ihm  eine  Wahrheit  zugesteht ;  „alles  übrige 
aber,"  sagt  er,  „sind  mythische  Zuthaten,  zur  Gewinnung  der 
Masse,  welche  um  der  Gesetzgebung  und  des  gemeinen  Nutzens 
willen  beigefügt  sind."  Wir  haben  daher  hier  gleichfaUs  einen 
Monotheismus,  welcher  durch  die  Annahme  von  Stemgeistem 
nur  wenig  modificirt  ist,  und  welcher  sich  von  dem  platoni- 
schen hauptsächlich  nur  durch  seine  strengere,  phantasielosere 
Haltung  unterscheidet;  einen  Monotheismus,  welcher  für  sich 
der  Volksreligion  nicht  bedarf,  welcher  sie  aber  doch  als  poli- 
tische Nothwendigkeit  duldet,  und  in  seinem  eigenen  System 
gewisse  Anknüpfungspunkte  für  sie  offen  lässt. 

Bei  der  nächsten  von  den  grossen  griechischen  Philosophen- 
schulen, bei  der  Stoa,  wird  dieser  Monotheismus  zum  Pan- 
theismus. Ein  Wesen  ist  es  nach  stoischer  Lehre,  welches 
den  Stoff  und  die  Form  aller  Dinge  aus  sich  hervorgehen  Hess, 
und  sie  am  Ende  dieser  Weltzeit  wieder  in  sich  zurücknehmen 
wird,  um  nach  Ablauf  einer  bestimmten  Periode  dieselbe  Welt 
auf's  neue  zu  schaffen  und  den  Kreislauf  der  Dinge,  wie  er 
von  Ewigkeit  her  dauert,  so  auch  in  alle  Ewigkeit  fortzufüh- 
ren. Dieses  Wesen  ist  zugleich  der  Urstoff  und  die  Urkraft; 
es  ist  das  schöpferische  Feuer,  welches  in  seiner  Umwandlung 
die  übrigen  Elemente  hervorbringt;  es  ist  aber  auch  der 
höchste  Geist,  die  Vernunft  und  das  Gesetz  der  Welt,  die 
Gottheit.  Alles,  was  ist,  ist  aus  diesem  göttlichen  Wesen 
geworden  und  von  ihm  getragen;    alle  Naturkräfte  und  alle 

Geister  sind  nur  Theile  der  Einen  Kraft ,   welche  sich  durch 

* 

alles  ergiesst.    Sofern  nun  in  allem  eine  göttliche  Kraft  wii'kt, 
kann  alles  zum  Gegenstand  der  religiösen  Verehrung  gemacht, 


bei  den  Griechen,  25 

zu  einer  Gottheit  personificirt  werden ;  da  es  aber  in  Wahrheit 
nur  Eine  Urkraft  ist,  welche  sich  in  allen  Dingen  unter  ver- 
schiedener Form  zur  Ei-scheinung  bringt,  so  dürfen  jene  Götter- 
gestalten nicht  jfilr  selbständige  persönliche  Wesen,  sondern 
nur  fiir  mythische  Darstellungen  der  Naturkräfte  gehalten 
werden,  die  aus  der  Einen  Quelle  des  göttlichen  Wesens  ent- 
sprungen, in  tausend  Armen  das  Weltall  durchströmen.  Nach 
diesem  doppelten  Gesichtspunkt  bestimmt  sich  die  Auffassung 
der  Religion  in  der  stoischen  Schule.  Einestheils  führen  die 
Stoiker  gegen  die  Skepsis  und  den  Epikureismus  die  Sache 
des  Volksglaubens;  sie  suchen  zu  zeigen,  dass  die  Götter- 
vorstellungen und  die  Mythen,  selbst  die  scheinbar  unwürdig- 
sten und  vernunftwidrigsten,  ihren  guten  Sinn  haben,  sie  wollen 
auch  den  Weissagungsglauben  und  ähnliche  Dinge  in  Schutz 
nehmen.  Andererseits  aber  können  sie  diess  alles  nicht  in 
demselben  Sinn  gutheissen,  den  es  im  Glauben  des  Volksr 
hatte :  an  die  Stelle  der  Götter  treten  ihnen  Naturdinge ,  die 
Gestirne,  die  Elemente,  die  Früchte  der  Erde,  die  grossen 
Männer  und  Wohlthäter  der  Menschheit;  an  die  Stelle  der 
unmittelbaren  göttlichen  Offenbarungen  die  natüi'Hchen  Vor- 
ziehen künftiger  Ereignisse,  welche  der  Kundige  vermöge 
des  Zusanmienhangs  aller  Dinge  erkennen  und  entziffern  kann. 
Ihre  Behandlung  der  Volksreligion  ist  daher  eine  fortwährende 
Umdeutung  derselben;  sie  sind  die  Haupturheber  jener  alle- 
gorischen Erklärungsweise,  welche  von  den  Griechen  zu  den 
Juden  und  weiterhin  zu  den  Christen  gekommen  ist  und  bei 
beiden  so  viele  Verwirrung  gestiftet  hat.  Ein  pantheistischer 
Monotheismus  sucht  sich  hier  mit  dem  Polytheismus  durch 
künstliche  Mittel  abzufinden.  Dass  aber  beide  nichtsdesto- 
weniger verschiedenen  Wesens  sind,  diess  verbirgt  sich  auch 
bei  den  Stoikern  nicht  ganz.  Auch  von  ihnen  sind  uns  nicht 
allein  viele  schöne  Aussprüche  über  die  Gottheit,  über  die 
Werthlosigkeit  eines  blos  äusserlichen  Gottesdienstes  und  die 
Nothwendigkeit  einer  geistigen  Gottesverehrung,  sondern  auch 
sehr  scharfe  imd  freie  Urtheile  über  die  Mythen  und  den 
Kultus    des  Volksglaubens    überliefert;    aber   die  Schule  im 


Die  Entwicklung  des  Monotheismos 

itte  ZU  wenig  kritischen  Sinn,  um  sich  über  ihr  Ver- 
n  demselben  vollkommen  klar  zu  werden, 
lato,  Aristoteles  und  den  Stoikern  haben  wir  nun  die 
itqueUen  der  Religionsansichten  kennen  gelernt,  an 
^  viele  Jahrhunderte  lang  in  der  griechisch  -  römi- 
1  der  griechisch-orientalischen  Welt  alle  die  hielten, 
;  Volksreligion  zu  trttbe,  die  Religionslosigkeit  zu 
[nd  zu  leer  war.  In  dem  Eklekticismus  der  römi- 
iode  verschmolzen  sidi  die  Lehren  jener  Männer  in 
icbiedensten  Mischungsverhältnissen;  zugleich  ver- 
ich  aber  auch  bei  den  Philosophen  mehr  und  mehr 
ing,  sich  an  die  positive  Religion  anzulehnen  und 
icher  OfFenbanmg  die  Mittheilung  der  W^rheit  zu 
.  an  deren  selbstthätiger  ÄuMndung  das  ermattende 
chon  seit  dem  Auftreten  der  Skepsis  zu  verzweifein 
hatte.  Und  je  weitei-  nun  durch  die  reinere  Gottes- 
platonischen und  aristotelischen  Schule  die  Gottheit 
ä  Endliche  und  Irdische  hinausgerUckt  war,  um  so 
regte  sich  das  Bedtirfiiiss,  eine  Vermittlung  zwischen 
i  solchen  Wesen  zu  finden,  die  höher  sein  sollten, 
(ensch,  aber  zugleich  der  Welt  und  dem  Menseben 
hen,  als  die  Gottheit.  Daher  die  Bedeutung,  welche 
Dämonenglaube  gewinnt.  Früher  war  dieser  Glaube 
untergeordneter  Bestandtbeil  der  Volksreligion  ge- 
n  Philosophen,  wie  Flato,  wohl  gelegenheitlich  bentltz- 
abei'  ihrer  eigenen  Ueberzeugung  fremd  blieb.  Jetzt 
eine  Sache  dfö  emstlichsten  religiösen  Interesses. 
Einen  Gott  der  Philosophen  hatte  man  zu  hohe 
als  dass  man  ihn  mit  seiner  Thätigkeit  und  seinem 
den  Naturlauf  und  die  menschlichen  Angelegenheiten 
chten  gewagt  hätte.  Die  Volksgötter,  welche  in 
■flochten  sein  sollten ,  wusste  man  ebendesswegen 
Götter  im  strengen  und  vollen  Sinn  zu  halten. 
Bedürfniss,  welches  den  Polytheismus  erzeugt  hatte, 
nicht  beseitigt;  man  konnte  sich  von  der  Gewobn- 
;  losmachen,   das  Göttliche  in  sinnlicher  Gegenwart 


1 


■ 


bei  den  Griechen.  27 

und  begrenzter  Erscheinung  sich  zur  Anschauung  zu  bringen. 
Was  blieb  übrig,  als  der  Gottheit  eine  Anzahl  von  unter- 
geordneten Wesen  zur  Seite  zu  stellen,  welche  das  Band 
zwischen  ihr  und  der  Welt  sein  sollten,  indem  sie  die  gött- 
lichen Kräfte  in's  Endliche  überführten,  die  einzelnen  Theile 
der  Welt  und  die  einzelnen  Menschen  in  ihre  besondere  Ob- 
hut nahmen?  Diese  Wesen  sind  nun  die  Dämonen.  Sie  sind 
die  alten  Götter  des  Polytheismus,  aber  ihrer  Selbstherrlich- 
keit entkleidet,  dem  Einen  monotheistischen  Gott  als  seine 
Diener  und  Werkzeuge  untergeordnet.  Indem  die  Dämonen 
für  das  religiöse  Bewusstsein  in  die  Stelle  der  Götter  ein- 
rücken, erklärt  sich  der  Polytheismus  bereit,  sich  dem  Mono- 
theismus zu  imterwerfen,  falls  dieser  ihm  innerhalb  seiner 
wenigstens  eine  untergeordnete  Stellung  zu  gewähren  ge- 
neigt sei. 

Diese  Neigung  war  nun  eben  damals  in  der  einzigen  streng 
monotheistischen  Religion  des  Alterthums,  im  Judenthum,  weit 
verbreitet.  In  den  nächsten  Jahrhunderten  nach  dem  baby- 
lonischen Exil  war  in  dem  Glauben  an  Engel  und  Teufel  ein 
neues  Element  in  den  jüdischen  Vorstellungskreis  eingedrungen, 
welches  der  polytheistischen  Denkweise  innerhalb  des  Mono- 
theismus eine  gewisse  Befiiedigung  darbot.  Zwischen  den 
alten  Göttern,  welche  sich  als  Dämonen  und  üntergötter. 
einem  höchsten  Gott  unterworfen  hatten,  und  zwischen  den 
dienstbaren  Geistern,  welche  den  Einen  Gott  des  Judenthums 
jetzt  umgaben,  war  der  Unterschied  so  gering,  dass  einer 
Verschmelzung  beider  nichts  wesentliches  im  Wege  zu  stehen 
schien.  Und  bereits  begannen  auch  die  jüdischen  Alexan- 
driner eine  Theorie  über  die  göttlichen  Kräfte  und  über  den 
Träger  aller  dieser  Kräfte,  den  „Logos"  oder  das  Wort  Gottes, 
aufizustellen ,  in  welcher  der  jüdische  Engelglaube  mit  dem 
griechischen  Dämonenglauben  und  mit  den  Lehren  der  Philo- 
sophen von  den  Ideen  und  von  der  allgemeinen,  alles  durch- 
dringenden göttlichen  Vernunft  (dem  göttlichen  „Logos")  die 
engste  Verbindung  eingieng.  Diese  Verschmelzung  der  Reli- 
gionen war  aber  auch  noch  von  einer  anderen  Seite  her  vor- 


28  IMs  Entwicklung  des  Monotheismus 

bereitet.  Theils ,  durch  die  Völkermischung  der  aleuindrini- 
BcheB  und  römischen  Zeit,  theils  durch  die  griechische  Philo- 
sophie waren  die  Schranken  durchbrochen  worden,  welche  bis 
dahin  die  Nationen  in  selbstgenilgsanier  Abgeschlossenheit 
von  einander  getrennt  hielten.  Der  Hellene  musste  sich  ge- 
wöhnen ,  auch  bei  den  „Barbaren"  die  sittlichen  und  geistigen 
Eigenscbaften  anzuerkennen ,  auf  deren  venneintlichen  Allein- 
besitz sich  seine  stolze  Verachtung  alles  ungriechischen  bisher 
gestützt  hatte;  der  Jude  musste  an  der  ausschließlichen  Er- 
wählung  seines  Volkes  iiTe  werden,  nachdem  er  bei  den  Giiechen 
einer  überlegenen  GeistesbEdung ,  die  denn  doch  auch  eine 
Gottesgabe  war,  und  auch  in  religiösen  Dingen  einer  Einsicht 
begegnet  war,  mit  deren  Anerkennung  sich  seine  National- 
eitelkeit kümmerlich  genug  durch  das  bodenlose  Vorgeben 
abfand,  dass  die  alten  griechischen  Weisen  ihie  Schätze  von 
den  jüdischen  Propheten  und  den  alttestamentlichen  Schriften 
geborgt  haben.  So  kam  allmählich  die  Erkenntniss  zum 
Durchbrueh,  deren  nachhaltige  Verbreitung  der  stoischen 
Schule  vor  allem  zum  unsterblichen  Verdienst  anzurechnen 
ist:  dass  alle  Menschen  vermöge  ihrer  vernünftigen  Natur 
gleiches  Wesens  seien  und  unter  dem  gleichen  Gesetz  stehen; 
dass  sie  dieselben  natürlichen  Rechte  und  dieselben  sittlichen 
Pflichten  haben;  dass  sie  alle  gleiehsehr  als  Kinder  Gottes, 
als  Bürger  Eines  und  desselben,  die  ganze  Menschheit  um- 
fassenden Gemeinwesens  zu  betrachten  seien.  Man  lernte  das 
Verhältniss  des  Menschen  zur  Gottheit  als  ein  unmittelbare 
und  innerliches,  an  keine  Nationalität,  keinen  Stand,  kein 
Geschlecht  gebundenes  auffassen,  den  Gottesdienst  der  from- 
men Gesinnung  und  des  tugendhaften  Lebens  für  wesentlicher 
ansehen,  als  die  nationalen  Kultusformen,  die  priesteiliche 
Vermittlung  für  den  Verkehr  des  Menschen  mit  der  Gottheit 
entbehren.  Diese  Läuterung  des  sittlich  religiösen  Bewusst- 
seins  hatte  sieh  in  umfassenderer  Weise  zuerst  hei  den  Grie- 
chen und  durch  die  griechische  Philosophie  vollzogen;  auch 
das  Judenthum  hatte  sich  ihr  aber  nicht  verschlossen,  und 
seit  dem  zweiten    vorchristlichen    Jahrhundert   war   hier  im 


i.^ 


bei  den  Griechen.  29 

Essäismus  eine  Parthei  aufgetreten,  welche  in  unverkennbarem 
Zusammenhang  mit  dem  griechischen  Neupythagoreismus  und 
durch  diesen  mit  der  gesammten  Philosophie  jener  Zeit,  einer 
innerlichen,  weltscheuen,  auf  Armuth  und  Entsagung,  auf  all- 
gemeine Menschenliebe  und  Aufhebung  aller  Ungleichheit  unter 
den  Menschen  gerichteten  Frömmigkeit  sich  ergab,  gegen  die 
nationalen  Messiashoffnungen  dagegen  sich  gleichgültig  verhielt, 
das  ganze  Opferwesen,  den  Mittelpunkt  der  jüdischen  Gottes- 
verehrung, verwarf,  und  den  hierarchischen  Einrichtungen  des 
Judenthums  einen  klösterlich  organisirten  Verein  von  Asceten 
gegenüberstellte.  Diese  Veränderung  des  sittlichen  Bewusst- 
seins  hängt  aber  selbst  wieder  mit  der  Entwicklung  der  Vor- 
stellungen von  der  Gottheit  auf's  engste  zusammen.  Wenn 
an  die  Stelle  der  vielen  Volksgötter  der  Eine  Gott  trat,  dessen 
Reich  die  ganze  Welt  ist,  so  musste  auch  Ein  göttliches  Recht 
und  Gesetz  alle  Menschen  umfassen,  es  musste  ebendamit 
nicht  allein  der  nationale  Partikularismus  fallen,  sondern  auch 
der  allgemeine  Gottesdienst  des  frommen  Lebens  den  beson- 
deren und  äusserlichen  Kultusformen  gegenüber  als  das  we- 
sentliche erscheinen.  Ebenso  aber  umgekehrt :  wenn  man  sich 
der  Zusammengehörigkeit  und  Gleichheit  aller  Menschen  be- 
wusst  wurde,  konnte  man  nicht  an  der  Verschiedenheit  ihrer 
Götter  festhalten;  wenn  die  Menschheit  nur  Eine  ist,  wenn 
sie  Eine  Bestimmung  hat  und  unter  Einem  Gesetz  steht,  wird 
es  nur  Eine  und  dieselbe  Macht  sein  können,  von  der  alle 
Menschen  geschaffen  und  beherrscht  sind.  Der  Glaube  an  die 
Einheit  Gottes  und  der  Glaube  an  die  Gleichheit  aller  Men- 
schen und  ihrer  sittlichen  Aufgaben  bedingen  sich  gegenseitig ; 
beide  haben  sich  daher  zusammen  in  der  alten  Welt  ent- 
wickelt und  so  dem  Christenthum  den  Boden  bereitet,  in 
welchen  es  den  Keim  einer  neuen  Religion  und  eines  neuen 
sittlichen  Lebens  nicht  etwa  nur  von  aussen  her  einpflanzen, 
sondern  aus  dem  es  selbst  erst  nach  den  Gesetzen  geschicht- 
licher Entwicklung  herauswachsen  und  seinen  NahrungsstofF 
ziehen  konnte. 


'   '  1 


w 


30  ^^6  Entwicklung  des  Monotheismus 

Aber  so  bedeutend  auch  die  Stelle  ist,   welche  die  grie-    i. 
chische  Philosophie  unter  den  Vorbereitungen  des  Christen-     \ 
thums  einnimmt:    als  nun  dieses  selbst  in  seiner  Eigenthüm-    j 
lichkeit  hervortrat  und   den  polytheistischen  Volksreligionen    I 
der  Vorzeit  den  Krieg  erklärte,   da  wurde  eben  diese  Philo-     | 
Sophie  der   letzte  Vorkämpfer  des  Heidenthums.    Ohne   alle 
Einschränkung  kann  man  diess  allerdings  nicht  sagen.     Nicht 
ganz  wenige   philosophisch   gebildete  Männer  traten  zu   der 
neuen  Jleligion  über;   noch  weit  mehrere  erwarben  sich  als 
Christen  in  den  Schulen  der  Philosophen  die  wissenschaftliche 
Bildung,    deren  sie  zur  Vertheidigung  und  zum  theologischen 
Ausbau  ihres  Glaubens  bedurften.    Die  hellenische  Philosophie 
hat  so  nicht  blos  ausser  der  Kirche  und  gegen  die  Kirche, 
sondeiTi  auch  in  ihr  und  für  sie  gewirkt;    und  eine  genauere 
Untersuchung  würde  zeigen,   dass  ihr  Einfluss  auf  die  christ- 
liche Theologie  und  die  christliche  Sitte   von  Anfang   an  un- 
gleich umfassender  und  nachhaltiger  gewesen  ist,    als   man 
sich  diess  gewöhnlich  vorstellt.    Aber  die  Mehrzahl  der  grie- 
chischen Philosophen  stand  einem  Glauben,  der  ihnen  in  dem 
positiven  seiner  Dogmatik  als  Aberglaube ,   in  seiner  Bekäm- 
pfung der  bestehenden  Religionen   als  Frevel   erschien,    mit 
tiefer  Geringschätzung,  und  seit  dieser  Glaube  zu  einer  gefahr- 
drohenden,   am  Ende  zu  einer  siegreichen  Macht  herange- 
wachsen war,  mit  bitterem  Hasse  gegenüber.     Um  die  Mitte 
des  dritten  Jahrhimderts  fasste   die   griechische   Philosophie 
alle  Kräfte,   die  ihr  noch  gebUeben  waren,  in  der  neuplatoni- 
schen  Schule  zum  letztenmale  zusammen.     Das   Lehrsystem 
dieser  Schule  erscheint  seinem  theologischen  Inhalt  nach  als 
ein  scharfsinnig  durchgeführter  Versuch,   den  philosophischen 
Monotheismus  mit  jenem  Polytheismus,  von  dem  sich  der  Sinn 
des  Hellenen  so  schwer  losriss,   zu  verknüpfen.    Die  Art  der 
Verknüpfung  ist  derjenigen  nahe  verwandt,  welche  uns  schon 
in  der  stoischen  Lehre  begegnet  ist,  wenn  auch  die  näheren 
Bestimmungen  anders  lauten.    Ein  höchstes  Wesen  wird  an- 
genommen, bestimmungslos,  unfassbar,  unbegreiflich,  aber  zu- 
gleich die  Quelle  alles  Seins  und  der  Sitz  aller  Vollkommenheit. 


\ 


il 


J 


bei  den  Griechen.  31 

Von  ihm  geht  durch  ein  üebei'fliessen  seiner  Fülle,  durch 
eine  naturnothwendige  Wirkung  seiner  Kraft,  die  Stufenreihe 
des  Endlichen  aus;  aber  je  weiter  sich  die  Dinge  von  ihrem 
Urquell  entfernen,  je  mehr  Vermittlungen  zwischen  beiden 
liegen,  um  so  unvollkommener  werden  sie,  bis  am  Ende  das 
lautere  ^Licht  der  göttlichen  Kräfte  in  dem  Dunkel  der  Ma- 
terie erlischt.  Alle  Dinge  bilden  somit  eine  Stufenleiter  ab- 
nehmender Vollkommenheit;  alle  sind  von  göttlichen  Kräften 
getragen ,  diese  sind  jedoch  in  verschiedenem  Mass  und  ver- 
schiedener Eeinheit  an  sie  vertheilt.  Eben  desshalb  aber, 
sagen  die  Neuplatoniker,  ist  es  nothwendig,  dass  wir  von  den 
tieferen  Stufen  duich  die  natürlichen  Zwischenglieder  zu  den 
höheren  vordringen,  dass  wir  uns  von  den  unteren  Göttern  in 
geordnetem  Aufsteigen  zu  dem  höchsten  Gott  hinführen  lassen, 
dass  wir  die  sinnlichen  Vermittlungen  der  geistigen  Güter 
nicht  verschmähen;  und  indem  sie  nun  griechische  und  orien- 
talische Gottheiten  mit  aller  Willkühi*  der  herkömmlichen 
allegorischen  Erklärung  auf  die  abstrakten  Kategorieen  ihrer 
Metaphysik  umdeuten,  indem  sie  die  naturgemässe  Vermitt- 
lung eines  höheren  Lebens  nicht  in  der  Erkenntniss  und  Be- 
arbeitung des  Wirklichen,  sondern  in  den  gottesdienstlichen 
Handlungen  aller  Volksreligionen  und  Geheimdienste,  in  Opfern 
und  Gebeten,  Wahrsagung  und  Weihen,  Bilderverehrung  und 
Theurgie  suchen,  findet  alles  rohe  und  phantastische  der  My- 
thologie ,  alle  Aeusserlichkeiten  des  Kultus ,  all  der  vielgestal- 
tige Aberglaube  von  Jahrtausenden  in  ihrem  System  eine  er- 
künstelte Rechtfertigung.  Der  reineren  Lehre  und  der  sitt- 
lichen Kraft  des  Christenthums  konnte  dieses  System  auf  die 
Dauer  nicht  Stand  halten ;  aber  so  gross  war  selbst  im  Unter- 
liegen die  Macht  des  ermatteten  und  sich  selbst  in  so  vielen 
Beziehungen  untreu  gewordenen  griechischen  Geistes,  dass  die 
siegreiche  Kirche  die  gleiche  Philosophie,  welche  ihr  den  helle- 
nischen Boden  bis  auf's  äusserste  streitig  gemacht  hatte,  noch 
während  des  Kampfes  in  sich  aufnahm.  Der  Neuplatonismus 
ist  besiegt  worden,  so  weit  er  sich  mit  dem  Heidenthum  iden- 
tifidrt  hatte;   als  eine  Foim  der  christlichen  Spekulation  hat 


I 


32  ^ie  Entwicklung  des  Monotheismus  bei  den  Griechen. 

ihn  die  Kirche  sich  angeeignet,  sie  hat  den  Schriften,  welche 
ein  christhcher  Neuplatoniker,  um  500  n.  Chr,  dem  Areopa- 
giten  Dionysius  unterschoben  hatte,  die  höchste  Verehrung 
gezollt,  ihre  Dogmen,  ihre  Sacramente,  ihre  hierarchischen 
Einrichtungen  mit  denselben  Gründen  vertheidigt,  welche  sie 
fi'üher  bei  ihren  heidnischen  Gegnern  zu  bekämpfen,  gehabt 
hatte.  Auch  nach  dieser  Seite  lässt  sich  der  Einfluss  des 
griechischen  Wesens  bis  in  die  Gegenwart  herab  verfolgen. 
Ungleich  wichtiger  ist  aber  freilich  der  Dienst,  welchen  die 
griechische  Wissenschaft  in  der  entgegengesetzten  Richtung, 
durch  die  Läuterung  der  religiösen  VoMellungen  und  die 
Reinigung  der  sittlichen  Begriffe,  der  ganzen  Folgezeit  ge- 
leistet hat;  und  von  dieser  Leistung  wünsche  ich,  so  weit  die 
engen  Grenzen  meiner  Aufjgabe  es  verstatteten,  eine  nicht  allzu 
ungenügende  Vorstellung  gegeben  zu  haben. 


1 

1 


2. 


Pythagoras  und  die  Fythagorassage. 


Es  ist  ein  eigenthümlicher  Zug  in  der  menschlichen  Natur, 
dass  ihr  das  grosse,  was  uns  im  Leben  entgegentritt,  so  wie 
es  in  der  Wirklichkeit  ist,  nur  selten  genügt;  je  bedeutender 
vielmehr  der  Eindruck  ist,  den  eine  Person  oder  ein  Ereig- 
niss  zurticklässt,  um  so  stärker  ist  auch  bei  den  meisten  die 
Neigung,  ihr  geschichtliches  Bild  mit  freien  Zuthaten  zu  be- 
reichem, es  zu  idealisiren,  es  nach  dogmatischen  Voraussetz- 
ungen oder  praktischen  Interessen  umzugestalten,  es  mit  dem 
Glänze  des  Wunderbaren  zu  umgeben.  Der  Freund  der  Dichtung 
wird  sich  dieses  Hanges  erfreuen,  der  Psycholog  wird  ihn  ohne 
Mühe  aus  dem  Wesen  der  Phantasie  erklären ;  aber  er  ist  die 
Verzweiflung  des  Geschichtsforschers,  dem  er  es  so  oft  un- 
möglich macht,  den  historischen  Kern  aus  dem  Gewirre  von 
Sage  und  Dichtung  herauszufinden,  welches  viele  von  den 
grössten  Erscheinungen  und  den  wichtigsten  Vorgängen  um- 
rankt hat.  Auf  keinem  anderen  Gebiete  haben  wir  aber  mit 
dieser  Neigung  in  höherem  Grade  zu  kämpfen,  als  auf  dem 
der  Religionsgeschichte.  Denn  einestheils  fallen  die  meisten 
Religionen  mit  ihrer  Entstehung  und  ihren  wichtigsten  Ver- 
änderungen in  Zeiten,  in  denen  es  zu  einer  geschichtlichen 
Erinnening  überhaupt  noch  nicht  gekommen  ist,  oder  sie  ge- 
hören wenigstens  Bildungskreisen  an,  denen  es  an  historischem 
Sinn   und  Bewusstsein  viel  zu  sehr  fehlt,   als  dass  sie  dem 

Zeller,  Vorträge  und  AbhandL  3 


34  Pythagoras 

Beize  zur  sagenhaften  Ausschmückung  der  Thatsachen  zu 
widerstehen,  das  geschichtliehe  in  den  Erzählungen  vom  un- 
geschichtlichen kritisch  zu  sondern  wüssten;  anderntheils  bringt  es 
der  eigenthtimliche  Inhalt  und  Standpunkt  der  religiösen  üeber- 
üeferung  mit  sich,  dass  man  hier  mehr,  als  bei  jeder  andern 
Geschichte,  ausserordentliches  zu  ei-warten,  von  den  natür- 
lichen Ursachen  der  Erfolge  auf  übernatürliche  zurückzugehen, 
die  handelnden  Personen,  als  Organe  der  Gottheit,  über  die 
Schranken  ihrer  Individualität,  ja  über  die  der  menschlichen 
Natur,  hinauszurücken  geneigt  ist.  Der  Geschichtsforscher 
kommt  daher  hier  gerade  besonders  oft  in  den  Fall,  von  müh- 
samen Untersuchungen  nur  eine  kleine  Ausbeute  an  geschicht- 
lich gewissen  oder  auch  nur  wahrscheinlichen  Thatsachen 
heimzubringen;  und  je  umsichtiger  er  den  Werth  und  die 
Glaubwürdigkeit  der  Erzählungen  prüft,  um  so  häufiger  wird 
es  ihm  begegnen,  dBSS  er  nicht  über  das  negative  Ergebniss 
hinausgelangt,  es  könne  sich  in  der  Wirklichkeit  nicht  so 
verhalten  haben,  wie  unsere  Berichte  behaupten,  was  aber 
eigentlich  geschehen  ist,  lasse  sich  nicht  mehr  mit  Sicherheit 
ausmitteln.  Ohne  Frucht  wird  freilich  seine  Arbeit  auch  in 
diesem  Fall  nicht  sein.  Kann  sie  uns  auch  das  Wissen,  wel- 
ches wir  suchen,  nur  theilweise  verschaffen,  so  wird  sie  uns 
doch  um  so  sicherer  von  dem  Wahne  eines  vermeintlichen 
Wissens  befreien;  und  müssen  wir  auch  auf  die  geschichtliche 
Kenntaiss  mancher  Vorgänge  verzichten,  so  ist  doch  die  Sagen- 
bildung auch  eine  That  des  menschlichen  Geistes,  der  es  sich 
verlohnt  auf  ihren  oft  so  verschlungenen  Pfaden  nachzugehen. 
Auch  die  Geschichte  des  Pythagoras  verdankt  einen  we- 
sentlichen Theil  ihres  Interesses  dem  Sagenkreis,  der  sich  an 
sie  angesetzt  hat.  Die  ehrwürdige  Gestalt  dieses  Weisen 
strahlt  im  Licht  eines  Buhmes  von  bald  dritthalb  Jahrtau- 
senden; an  seiner  grossen  geschichtlichen  Bedeutung,  an 
seinem  vielseitig  eingreifenden  Einfluss  können  wir  nicht 
zweifeln;  aber  wenn  wir  angeben  sollen,  was  er  denn  nun 
eigentlich  gewesen  ist  und  wie  er  gewirkt  hat,  so  kommen 
wir  sofort  in  Verlegenheit.     Wir  wissen  wohl,   wie  spätere 


.^_. 


und  die  Pythagorassage.  35 

Zeiten  sich  seine  Persönlichkeit  und  sein  Leben  vorgestellt 
haben;  aber  in  diesen  Vorstellungen  ist  des  abenteuerlichen 
und  offenbar  ungeschichtlichen  so  viel,  dass  es  schwer  ist, 
durch  das  dichte  Gestrüppe  von  Sagen,  das  ihn  umgiebt,  den 
Weg  zur  geschichtlichen  Betrachtung  zu  finden;  und  auch 
wer  am  weitesten  darin  vorgedrungen  ist,  der  wird  sich  inimer 
noch^gestehen  müssen,  dass  seine  Ergebnisse  von  der  Sicher- 
heit und  Vollständigkeit  einer  genauen  .geschichtlichen  Kennt- 
niss  weit  entfernt  sind.  Ich  stelle  im  folgenden  zunächst  das 
in  der  Kürze  zusammen,  was  sich  über  Pythagoras  und  seine 
Geschichte  mit  annähernder  Gewissheit  behaupten  lässt,  um 
dann  hieran  anknüpfend  zu  zeigen,  was  die  Sage  aus  diesem 
historischen  Grundstock  gemacht  hat. 

Das  Leben  des  Pythagoras  gehör.t  dem   sechsten  Jahr- 
hundert vor  Christi  Geburt  an;  er  kam,  wie  es  scheint,  noch 
im  ersten  Viei-theil  desselben  zur  Welt  und   hat   sein  Ende 
nicht  mehr  erlebt.    Es  war   diess  für  das  griechische  Volk 
eine  Zeit  der  mannigfaltigsten  und  fruchtbarsten  Thätigkeit, 
der    eingreifendsten  und  wohlthätigsten   Fortschritte.     Nach 
der  unruhigen  Bewegung,  in  welche  die  dorische  Wanderung 
im  zwölften   und    eilften   Jahrhundert   fast   alle  griechischen 
Stämme   versetzt  hatte,   und  nach  der  endlichen  Feststellung 
der  Grenzen,    die  sie  von  da  an  einnahmen,    war  seit. dem 
9ten  Jahrhundert  eine  Periode  des  staunenswerthesten  äusseren 
Wachsthums   eingetreten.     Die    Hellenen  waren   zwar   keine 
welterobernde  Nation,  wie  die  Römer;   aber  als  rüstige  See- 
fahrer und  rührige  Kaufleute  zogen  sie  ein  weites  Gebiet  durch 
Anlegung  von  Kolonieen  in  den  Bereich  ihres  Handels  und  ihrer 
Bildung.    Gerade  im  sechsten  Jahrhundert  hatte  diese  Kolo- 
nisation ihren  Höhepunkt  erreicht.    Von  der  Krim  bis  nach 
*Nordafrika,   von   den  Kaukasusländem  bis  nach  ünteritalien 
und  Sicilien,  ja  bis  in's  ferne  Gallien  und  bis  zu  den  Säulen 
des  'Herkules ,  waren  die  Inseln  und  Küsten  mit  hellenischen 
Pflanzstädten  bedeckt,  von  denen  die  meisten  eine  hohe  Stufe 
der  Macht  und  des  Wohlstandes  erreichten.     Das   schwarze 
^ie  das  mittelländische  Meer  war  den  Griechen  zinsbar;    mit 

3* 


Pythagoras 

idel  gieng  die  Thätigkeit  der  Gewerbe  Hand  io  Haod; 

Schätzen  der  Fremde  strömte  ein  Beichthum  neuer 
mgea  und  erweiterter  Weltbenntniss   in  die  Städte, 

Wohlstand  wuchs  das  Selbstgefühl  und  die  Bildung 
rger,  und  auch  die  kriegerische  Tüchtigkeit  derselben 
irch  Erfolge  genährt,  welche  sich  in  der  Regel  nur 
Waffen  in  der  Hand  erringen  und  behaupten  Uessen. 
i  Verfassungsformen  wurden  fast  allenthalben  für  den 
en  Gesichtskreis,  die  gesteigerten  Ansprüche  und  die 
ten  Verhältnisse  zu  eng;  die  Herrschaft  des  Grund- 
rde  durch  freiere  Einrichtungen  verdrängt;  in  vielen 
;tQrzte  zunächst  ein  ehrgeiziger  VolksfUhrer  die  Ari- 

um  eine  Gewaltherrschaft  für  sich  und  seine  Familie 
nden,  die  nach  einem  oder  zwei  Menschenaltem  der 
tie  weichen  musste.  Nachdem  schon  im  neunten 
ert  Lykurg  das  spartanische  Staatswesen  durch  Ge- 
rdnet hatte,  gaben  im  siebenten  Zaleukus  und  Gha- 
lald  nach  dem  Anfange  des  sechsten  der  grosse  Solon 
bewunderten  Gesetze.  Der  Wettkampf  der  Kräfte 
Reibung  der  Fartheien  gab  reichliche  Ani'egung  zum 
[en  über  die  sittlichen  Angaben  des  Menschen  und 
[  des  menschhehen  Lebens;  aus  der  Schule  der  Er- 
gieng  jene  Spruchweisheit  hervor,  deren  SlUthe  die 
le  Sage  durch  die  Erzählung  von  den  sieben  Weisen 
Anfang  des  sechsten  Jahrhunderts  verlegt  hat.  An 
chtiteg  des  Menschenlebens  schloss  sich  die  der  Natur 
'oUes  Menschenalter  vor  Pythagoras  hatte  der  Milesier 

der  al^oni^chen  Schule  die  ei-sten  Keime  der  grie- 

Fbilosophie  niedergelegt,  und  so  dürftig  auch  seine 
mui^en  nodi  waren,  so  ist  doch  aus  diföen  unschein- 
fängen  in  raschem  Wachsthum  die  glänzendste  wissen- 
e  Entwicklung  hervorgegangen.  Noch  älter  ist  der 
ng  der  griechischen  Kunst;  und  es  ist  nicht  blos  die 
?t,  welche  nach  den  unsterblichen  Werken  des  home- 
eitalters  in  der  äolischen  Lyrik,  in  der  Elegie  und 
dichtung  neue  Sahnen  betrat,  sondern  bereits  hatte 


und  die  Pythagorassage.  37 

auch  die  bildende  Kunst  und  die  Baukunst,  durch  eingreifende 
lechnische    Erfindungen   unterstützt,   sich  von   der   früheren 
Gebundenheit  zu  befreien,   einen   eigenthümlich  hellenischen 
Styl  aus2ubilden  begonnen.    Auch  in  dem  religiösen  Glauben 
und  dem  Kultus  kommen  tiefgehende  Neuerungen  zum  Vor- 
schein.   Einerseits   hatte  sich  schon  seit  Jahrhunderten  still 
und  aHmählich  eine  Reinigung  und  Vertiefung  des  religiösen 
Bewusstseins  vollzogen,  für  welche  der  Dienst  des  Apollo  imd 
der  Einfluss  seiner  Orakel  den  Mittelpunkt  bildet;    anderer- 
seits sehen  wir  sdt  dem  siebenten  Jahrhundert  in  den  diony- 
sischen Mysterien,  unter  der  Auktorität  altehrwürdiger  Namen, 
wie  Orpheus  und  Melampus,   Anschauungen  und  Kulte  auf- 
treten ,   welche  der  älteren  Zeit  theils  ganz  fremd ,  theils  auf 
kleinere    Kreise    und    örtliche   Ueberlieferungen    beschränkt 
waren.    Das  Absterben  der  Natur  im  Winter  und  ihr  Wieder- 
aufleben im  Frühling,  wie  es  in  den  alten  Symbolen  und  My- 
then des  Demeter-  und  Dionysosdienstes  dargestellt  war,  wird 
jetzt  auf  die   menschliche   Seele   und  ihre  Geschichte  über- 
tragen;   der  Glaube  an  eine  jenseitige  Vergeltung  gewinnt  an 
Inhalt  und  Verbreitung,   und  seit  dem  Anfang  des  sechsten 
Jahrhunderts  begegnet  uns  die  Lehre,  welche  diesem  Glauben 
bei  den  Griechen  zum  hauptsächlichsten  Stützpunkt  gedient 
hat,  die  Lehre  von  der  Seelenwanderung:   sei  es  dass  sie  um 
diese  Zeit  aus  Aegypten  eingeführt  wurde,  oder  dass  sie  schon 
früher  vorhanden,   aber  bis  dahin  unbeachtet,  jetzt  erst  aus 
der  Verborgenheit  hervortrat.     Jene   Zeit  war  so  auf  allen 
Gebieten,  und  namentlich  auf  dem  des  geistigen  und  sittlichen 
Lebens,  in  einer  Umgestaltung,  im  üebergang  zu  einem  Neuen 
begriffen,  das  seine  Vollendung  und  bestimmtere  Ausbildung 
erst  von  der  Zukunft  zu  erwarten  hatte.  —  Wie  es  aber  in 
solchen   bewegten  und   vorwärtsstrebenden  Zeiten  immer  der 
Fall  ist,  so  mochte  auch  ein  Grieche  des  sechsten  Jahrhunderts 
in  der  seinigen  gar  manches  finden,  was  sein  Missfallen  und 
seine  Besorgniss  hervorrief.     Durch  den  Verfall  der  älteren 
Ordnungen  und  den  Streit  der  Partheien  war  das  öffentliche 
Lebßn  vieler  Städte  in  tiefe  Zen-üttung  gerathen.    Die  demo- 


38  Pythagoras 

kratiscfae  Freibeit,  welche  sich  Bahn  brach,  war  ohne  Zw^el 
nicht  selten  in  Ungebundenheit  ausgeartet,  and  noch  mehr, 
als  diess  wirklich  der  Fall  war,  mochte  es  strengdeDkenden 
Männern  der  alten  Zeit  so  erscheinen.  Die  Gewfdthfirrschaft 
der  Tyrannen,  wenn  sie  auch  für  die  meisten  Städte  eine 
wohlthäüge  Uebei'gangsform  war,  brachte  doch  fttr  die  Gegen- 
wart alle  die  Uebel  mit  sich,  welche  vom  Despotismus,  selbst 
dem  au^eklärten,  nie  zu  trennen  sind,  und  gerade  die  Vater- 
stadt des  Pythagoraß,  Samos,  machte  darüber  eben  damals, 
seit  dem  zweiten  Drittheil  des  sech8t«ii  Jahrhunderts,  unter 
der  glänzenden  Regierung  des  Polykrates,  ihre  Erfahrungen. 
Von  aussen  her  drohten ,  erst  durch  das  Anwachsen  der  lydi- 
schen  Macht,  dann  durch  die  Gründung  des  peraischen  Reiches, 
Gefahren,  die  sich  bald  nach  der  Mitte  des  sechsten  Jahr- 
hunderts über  die  kleinasiatischen  Griechen  in  verheerenden 
Stürmen  entladen  sollten.  Eine  derartige  Zeit  war  in  der 
That  ganz  geeignet,  einem  ernsten  und  tiefsinnigen  Manne  zu 
reformatorischem  Auftreten  die  vielfachste  Anregung  zu  geben. 
In  welcher  Weise  nun  und  durch  welche  Vermittlungen 
Pythagoras  die  Bildungsstoffe  zugeführt  wurden,  die  in  jeuer 
Zeit  lagen,  darüber  ist  uns  zwar  mancherlei  überliefert;  aber 
keine  von  diesen  Ueberhefeiimgen  ist  so  beschaffen,  dass  wir 
mit  einiger  Sicherheit  darauf  bauen  können.  Nur  das  wissen 
wir,  was  schon  der  alte  Heraklit,  wenige  Jahrzehende  nach 
Pythagoras'  Tode,  bezeugt,  dass  er  der  wissbegierigste  und 
kenntnissreichste  Mann  seiner  Zeit  war.  Bei  dieser  Foi-schung 
war  es  ihm  aber  nicht  blos  um  wissenschaftliche  Erkenntniss 
zu  thun:  hat  sich  auch  in  der  Folge  eine  Schule  von  Philo- 
sophen und  Naturforschern  an  ihn  angeschlossen,  so  ist  doch 
das  wissenschaftliehe  Gebiet  weder  das  einzige  noch  das  ur- 
sprünglichste Feld  seiner  Thätigkeit.  Pythagoras  ist  einer  von 
jenen  umfassenden  Geistern,  in  denen  die  mannigfaltigsten 
Bestrebungen  und  BUdungselemente  sich  verknüpfen,  und  von 
denen  befruchtende  Wirkungen  nach  den  verschiedensten  Seiten 
hin  ausgehen.  Zunächst  aber  war  es  das  sittlich-reli^öse 
Leben,  für  das  er  wirken  wollte;  und  er  schliesst  sich  insofern 


und  die  Pythagorassage.  39 

an  eijie  Reihe  verwandter  Erscheinungen  an,  welche  um  dieselbe 
Zeit  und  schon  fi-tiher  hervortreten,  wie  die  orphisch - dionysi- 
sehen  Mysterien,  wie  Epimenides,  der  kretische  Prophet,  der 
Solon's  Reform  in  Athto  unterstützte,  wie  Pherecydes,  der 
angebliche  Lehrer  des  Pjthagoras,  und  andere  religiös  und 
politisch  bedeutende  Männer.  In  diesem  Sinne  scheint  Pytha- 
goras  schon  in  seiner  Vaterstadt  Samos  thätig  gewesen  zu 
sein.  Seinen  eigentlichen  Wirkungskieis  fand  er  aber  in  den 
unteritalischen  Griechenstädten,  welche  damals  mit  ihren  klein- 
asiatischen Stammverwandten  in  lebhaftem  Verkehr  standen. 
Um  die  Mitte  oder  nach  der  Mitte  des  sechsten  Jahrhunderts 
begab  er  sieh  dorthin,  und  nahm  seinen  Wohnsitz  in  Kroton, 
einer  Pflanzstadt  der  Acbäer,  im  jetzigen  Galabrien,  am  süd- 
westlichen Ende  des  tarentinischen  Meerbusens,  im  Alterthume 
berühmt  durch  die  Gesundheit  ihrer  Lage,  wie  durch  dte 
kräftigen  Männer  und  die  gewaltigen  Athleten,  die  sie  grosszog. 
Wir  sind  nicht  näher  darüber  unterrichtet,  was  den  Pytha- 
goras  zu  diesem  Schritte  veranlasste :  ob  vielleicht  die  Gewalt- 
herrschaft des  Polykrates,  oder  die  Gefahr  persischer  Unter- 
jochung, welcher  nicht  wenige  von  den  kleinasiatischen  Griechen 
sich  durch  Auswanderung  entzogen,  oder  was  es  sonst  war; 
hätte  er  aber  auch  nur  im  aJlgen^einen  die  Absicht  gehabt, 
$ich  den  günstigsten  Boden  für  seine  Zwecke  zu  suchen,  so 
hätte  er  schweriich  einen  dankbareren  wählen  können.  In 
Kroton  gelang  es  dem  Philosophen,  einen  Verein  zu  begründen, 
der  sich  seiner  Leitung  ganz  hingab,  und  der  nicht  blos  in 
dieser  Stadt  zahlreiche  Theilnahme  fand,  sondem  von  hier  aus 
auch  noch  in  mehrere  andere  von  den  griechischen  Städten 
Unteritaliens  und  Siciliens  sich  verbreitete.  Die  Mitglieder 
desselben  wui-den  nach  seinem  Stifter  Pythagoreer  genannt; 
doch  scheint  diese  Bezeichnung  zunächst  ein  von  den  Gegnern 
oder  dem  Volk  aufgebrachter  Partheiname  gewesen  zu  sein. 
Seinen  innersten  Mittelpunkt  hatte  der  Verein  an  religiösen 
Lehren  und  Gebräuchen,  welche  denen  der  Orphiker  nahe 
verwandt  sind.  Sein  eigenthümlichstes  Dogma  liegt  in  dem 
Glauben  an  die  Seelenwanderung   und   die  Vergeltung  nach 


40  ryÖMBt"*« 

dem  Tode,  der  einzigen  Lehr'iestimmui^,  die  wir  mit  voller 
Sicherheit  auf  Pythagoras  selfist  zurückführen  können.  Mit 
diesem  Glauben  standen  froitesdiensüiche  Feierlichkeiten  in 
Verbindui^,  welche  schon  Herodot  mit  den  orphischen  und 
hakchischen  Geheimdiensten  zusammensteUt,  und  welche,  wie 
diese,  nur  den  Göttern  der  Unterwelt  gegolten  haben  können, 
vor  denen  die  Seelen  nach  ihrem  Tode  erscheinen,  mit  denen 
die  geweihten  und  von  den  Göttern  begnadigten,  der  Mysterien- 
lehre zufolge,  im  Hades  zu  Tische  sitzen  sollten.  Wie  endlich 
mit  der  Theilnahme  an  den  orphischen  Weihen  die  Verpflich- 
tung zu  einer  gewissen  äusseren  Reinheit  des  Lebens  ver- 
bunden war,  so  findet  sich  ähnHches  auch  bei  den  Pythago- 
reem:  sie  durften  einige  Fische  und  gewisse  Eingeweide  der 
Thiere  (wie  namentlich  das  Herz,  als  Sitz  des  Lebens)  nicht 
geniessen,  sie  nahmen  zu  Todtenkleidem  nicht  wollene,  son- 
dern leinene  Stoffe,  weil  jene  (wegen  ihres  thierisdien  Ur- 
spnmgs)  für  weniger  rein  galten,  und  was  sonst  noch  der- 
artiges bei  ihnen  in  üebung  gewesen  sein  mag. 

Während  aber  diess  alles  in  den  gewöhnlidien  Mysterien 
einen  ziemlich  äusserlichen  und  abei^läubischen  Charakter 
gehabt  zu  haben  sdieint,  liegt  das  auszeichnende  des  Pytha- 
goras in  dem  reinen  sittlichen  Geiste,  in  dem  er  jene  Ueber- 
lieferungen  und  Gebräuche  behandelt  und  benützt  hat.  Er  ist 
nicht  blos  ein  Stifter  orphischer  Geheimdienste,  sondern  er 
ist  auch  ein  Priester  Apollo's,  mit  dem  ihn  die  Sage,  wie  wii' 
finden  werden,  in  die  vielfachste  Beziehung  setzt,  ein  Priester 
des  Gottes,  in  welchem  der  griechische  Geist  mehr,  als  in 
irgend  einem  andern,  sein  Ideal  der  sittlichen  Schönheit,  des 
masshaltenden  Willens,  niedergelegt  hat.  Ein  Prophet  der 
hellenischen  Götter,  hat  er  die  Macht  und  das  Dasein  dieser 
Götter  gewiss  nicht  bezweifelt;  aber  zugleich  hören  wir  von 
schai-fem  Tadel,  den  er  über  ihre  Schilderung  bei  Homer  und 
Hesiod  ausgesprochen  habe,  und  in  seiner  Schule  begegnen 
uns  Äeusserungen  über  die  Einheit  und  Geistigkeit  Gottes, 
die  uns  bei  Anhängern  einer  polytheistischen  Religion  in  Er- 
staunen setzen  müssten,  wenn  nicht  ähnliches  gleichzeitig  auch 


und  die  Pythagorassage.  41 

bei  andern,  und  nicht  blos  bei  Philosophen,  welche  den  Volks- 
glauben bestlitten,  sondern  auch  bei  Dichtem,  welche  ihn 
theilten  undWerheiTlichten,  vorkäme.  Er  verkündigt  in  der 
Lehre  von  der  Seelenwanderung  einen  Glauben,  der  uns  höchst 
seltsam  erscheinen  muss,  und  der  auch  wirklich  zu  vielen 
Abenteuerlichkeiten  und  abergläubischen  Meinungen  Anlass 
gegeben  hat;  aber  ihm  dient  diese  Lehre  dazu,  seinen  An- 
hängern einzuschärfen,  dass  sittliche  Reinigung  die  höchste 
Lebensaufgabe,  dass  unser  ganzes  Dasein  von  der  Hut  der 
Oötter  umschlossen  sei.  Er  eignet  sich  die  orphische  Forde- 
rung einer  äusserlichen  Ascese  bis  zu  einem  gewissen  Grad 
an;  aber  er  giebt  ihr  zugleich  die  moralische  Wendung,  dass 
Gottseligkeit  und  Rechtschaflfenheit  die  wesentliche  Bedingung 
eines  seligeren  Looses  nach  dem  Tode ,  dass  die  Frommen  und 
Tugendhaften  die  Geweihten  seien,  die  im  Hades  mit  den  Göt- 
tern zusammenwohnen,  die  Unreinen  und  Schlechten  die  ün- 
geweihten,  die  in  den  Schlammpfuhl  Verstössen  werden  sollen. 
Die  sittliche  Hebung  seines  Volkes  erscheint  nach  allem,  was 
wir  von  Pythagoras  wissen,  als  der  leitende  Gedanke  seines 
vielseitigen  Wirkens.  Der  pythagoreische  Bund  ist  nicht  blos 
ein  gottesdienstlicher,  ebensowenig  aber  blos  ein  politischer 
oder  ein  wissenschaftlicher  Verein ;  sondem  er  ist  eine  Gesell- 
schaft, welche  von  gewissen  religiösen  Anschauungen  und 
üebungen  aus  das  gesammte  Leben  ihrer  Mitglieder  bilden 
und  veredeln,  welche  sie  in  jeder  Hinsicht  zu  dem  erziehen 
will,  was  der  vielumfassende  Begriff  der  Tugend  bei  den  Grie- 
chen in  sich  schliesst. 

Dazu  gehört  nun  zunächst  schon  Kraft  und  Gesundheit 
des  Körpers;  denn  nur  in  einem  gesunden  Körper,  glaubt  der 
Grieche,  könne  eine  gesunde  Seele  wohnen ;  und  so  wurde  denn 
von  den  Pythagoreem  sowohl  die  Heilkunde  als  die  Gymnastik 
eifrig  gepflegt,  und  der  berühmteste  aller  griechischen  Athleten, 
der  Krotoniate  Milo,  war  ein  Pythagoreer.  Der  Gymnastik 
tritt  sodann  in  der  griechischen  Erziehung  als  zweites  Haupt- 
bildungsmittel die  Musik j  d.  h.  die  Kunst  der  Musen,  zur 
Seite,  welche  ebensowohl  die  Kenntniss  der  Dichterwerke  als 


42  Pythagoras 

die  musikalische  Uebung  im  engeren  Sinne  umfasst;   und  wir 
ivissen,   dass  auch  diese  von  den  Pythagoreem  sehr  fleissig 
geübt  wurde.    Das  Ziel  aber,  zu  dem  sie  den  Menschen  hin- 
fiihren  wollen,   ist  vor  allem  jene  strenge  Zucht  gegen  sich 
selbst,  wie  sie  der  altgiiechischen  Sitte,  und  besonders  dem 
dorischen  Wesen  entsprach.   Massigkeit  und  Selbstbeherrschung, 
Treue  und  Gewissenhaftigkeit,    Ehrfurcht  gegen  die  Götter, 
Gehorsam  gegen  die  Obrigkeit,  Dankbarkeit  gegen  Eltern  und 
Wohlthäter,  aufopfernde  Hingebung  an  die  Freunde,  diess  sind 
die  Tugenden,  welche  an  den  Pythagoreem  am  meisten  ge- 
rühmt, in  ihrem  „goldenen  Gedicht^'  und  ihren  sonstigen  Sitten- 
sprüchen am  stärksten  betont  werden;   und  wir  können  nicht 
bezweifeln,   dass  diese  ihre  sittliche  itichtung  der  pythago- 
reischen Genossenschaft  schon  von  ihrem  Stifter  mitgetheilt 
wurde.    Pythagoras  hatte  hier  nur  aufzunehmen  und  weiter 
zu  verfolgen,  was  bei  den  tüchtigsten  und  geordnetsten  unter 
den  griechischen  Stämmen  als  sittliche  Aufgabe  anerkannt  war. 
Dagegen  gieng  die  wissenschaftliche  Thätigkeit,   welche 
sich  in  der  Schule   des  Pythagoras  mit  der  sittlichen  Arbeit 
yerband,  weit  über  das  hinaus,  was  bis  dahin  üblich  gewesen 
war.    Die  Pythagoreer  sind  es,    durch  deren  erfolgreiche  Be- 
schäftigung   mit   den    mathematischen   Wissenschaften    diese 
Studien  sich  bei  den  Griechen  zuerst  einbürgerten ;  sie  haben 
nicht  allein  die  Elemente  der  Arithmetik  und  der  Geometrie 
festgestellt,   sondeni  sie  haben  auch  zuerst  die  Verhältnisse 
der  Töne  gemessen  und  nach  Zahlen  bestimmt,   und  in  der 
Geschichte  der  Sternkunde  machen  sie  dadurch  Epoche,  dass 
von  ihnen  die  erste  astronomische  Theorie  ausgieng,  und  dass 
diese  Theorie  noch  innerhalb  ihrer  Schule  von  der  gewöhnlichen 
Vorstellungsweise,  für  welche  die  Erde  der  ruhende  Mittel- 
punkt der  Welt  ist,   in  stufenweiser  Entwicklung  bis  zu  der 
Annahme  einer  täghchen  Drehung  der  Erde  um  ihre  eigene 
Achse  fortschritt.     Von    diesen   mathematischen  und*  natur- 
wissenschaftlichen Studien  giengen  sie  sodann  weiter  zu  dem 
Versuche  fort,  über  das  allgemeine  Wesen  und  die  allgemein- 
sten Gründe  aller  Dinge,  die  Entstehung  und  Einrichtung  des 


;/   •      /      • 


f 


und  die  Fytha^orassage.  4S 

Wdtganzen,  eine  Ansicht  zu  gewinnen;  und  da  sie  alles  nach 
festen  Zahlenverhältnissen  geordnet  und  bestimmt  fanden,  sa 
zogen  sie  hieraus  den  Schluss,  welcher  der  alterthümlichen 
Ansdiauungsweise  und  dem  ungeübten  Denken  jener  Zeit 
ebenso  nahe  lag,  wie  er  uns  übereilt  und  befremdend  er^ 
scheinen  muss,  dass  die  Zahl  das  Wesen  aller  Dinge,  das 
höchste  Gesetz  und  die  herrschende  Macht  in  der  Welt  sei. 
Wie  tief  die  Pythagoreer  durch  diese  Theorie  in  die  Geschichte 
der  griechischen;  Philosophie,  und  selbst  noch  der  neueren, 
eingegriffen,  welchen  bedeutenden  Beitrag  sie  namentlich  fUr 
das  platonische  System  geliefert  haben,  ist  bekannt;  und  so 
manche  unklare  Vorstellung,  so  manche  spekulative  Yerirrung 
audi  von  ihnen  ausgieng,  so  werden  wir  doch  bei  unbefangener 
Beurtheilung  nicht  verkennen,  welche  Wahrheit  sie  —  zunächst 
allerdings,  wie  so  häufig,  mit  wesentlichen  Irrthümem  ver- 
setzt —  zuerst  zur  Anerkennung  gebracht  haben.  Was  von 
diesen  Annahmen  und  Entdeckungen  Pythagoras  selbst  ange- 
hört, können  wir  freilich  nicht  genauer  angeben;  und  schon 
Aristoteles  hat  es  offenbar  nicht  gewusst,  denn  so  viel  er  sich 
auch  mit  der  pythagoreischen  Lehre  beschäftigt,  so  führt  er 
doch  keinen  einzigen  wissenschaftlichen  Satz  unmittelbar  auf 
Pythagoras  zurück,  sondern  er  redet  immer  nur  von  den  Py- 
thagoreern,  den  „sogenannten  Pythagoreem ,"  den  „italischen 
Philosophen,  welche  Pythagoreer  genannt  werden."  Aber  den 
Grundgedanken  des  pythagoreischeuv Systems,  den  Satz,  dass 
alles  nach  Zahl  und  Mass  geordnet,  dass  alles  seinem  Wesen 
nach  Zahl  sei,  werden  wir  doch  wohl  von  Pythagoras  selbst 
herleiten  dürfen;  jedenfalls  aber  gebührt  diesem  seltenen 
Manne  das  Verdienst,  dass  er  zu  der  wissenschaftlichen  For- 
schung, welche  in  den  pythagoreischen  Vereinen  so  eifrig  be- 
trieben wurde  und  so  bedeutende  Erfolge  gehabt  hat,  den 
ersten  Anstoss  gegeben,  dass  er  zuerst  das  neuerwachte  Inter- 
esse für  wissenschaftliche  Untersuchung  von  den  Küsten  Klein- 
asiens nach  Unteritalien  vei-pflanzt,  und  demselben  in  der  von 
ihm  gestifteten  Gesellschaft  den  ergiebigsten  Boden  berei- 
tet hat. 


44  Pythagoras 

Aber  Pythagoraa  hätte  kein  Grieche  sein  müsaen,  wenn 
ihm  die  sittliche  und  geistige  Bildung  der  Kinzelnen  genügt 
hätte,  wenn  es  ihm  nicht  daiiim  zu  thun  gewesen  wäre,  seinen 
Standpunkt  auch  im  grossen  durchzuführen,  ihn  ^r's  Staats- 
leben fruchtbar  zu  machen.  Auf  die  Stiftung  eines  Cremein- 
lebens gieng  er  ja  von  Anfeng  an  aus ;  der  pythagoreische 
Bund  war  eine  Verbrüderung  für  das  ganze  Leben,  und  seine 
Mitglieder  betrachteten  es  als  ihre  heiligste  Pflicht,  sich  in 
keiner  Noth  und  Gefahr  im  Stich  zu  lassen:  „was  Freunde 
haben,"  lautet  der  pythagoreische  Wahlspruch,  „ist  Gemeingut," 
und  von  der  hingebenden  Freunde  streue  der  Pythagoreer 
werden  schlagende  Beispiele  eczählt,  von  denen  eines  auch  bei 
uns,  durch  Schiller's  „Bürgschaft,"  allgemein  bekannt  ist.  Alle 
Lebensbeziehungen  fassen  sich  aber  ^  den  Griechen  in  dem 
Staate  zusammen;  und  wenn  später  allerdings,  heim  Yerfkll 
des  hellenischen  Staatswesens,  der  Einzelne  in  der  Philosophie 
sich  auf  sich  selbst  zurückzog,  so  lag  doch  dieser  Gedanke 
dem  Zeitalter  des  Pythagoras  noch  ferne,  und  gerade  bei  den 
Stämmen,  unter  welchen  der  Pythagoreismus  die  meiste  Ver- 
breitung fand ,  und  an "  deren  Einrichtungen  er  zunächst  an- 
knüpfte, galt  noch  mehr,  als  bei  andern,  der  Grundsatz,  dass 
dei-  Einzelne  nur  für  den  Staat  da  sei,  dass  er  in  der  Förde- 
rung des  Staatswohla  imd  im  Gehorsam  gegen  die  Gesetze 
des  Staates  seine  höchste  Ehre  und  Befriedigung  zu  suchen 
habe.  Die  sittliche  Reform,  welche  Pythagoras  beabsichtigte, 
musste  daher  nothwendig  sofort  einen  politischen  Charakter 
annehmen,  der  Verein,  den  er  gründete,  zur  politischen  Parthei 
werden.  Die  Richtung,  welcher  diese  Parthei  im  Staatsleben 
huldigte,  war  ihr  durch  den  ganzen  Geist  der  pythagoreischen 
Lehre  klar  vorgezeichnet.  Die  mathematische  Gesetzmässigkeit 
des  Weltganzen  ist  der  Grundgedanke  der  pythagoreischen 
Physik,  die  Einhaltung  von  Mass  und  Ordnung  die  Grund- 
forderung der  pjlJiagoreischen  Ethik:  die  strengste  Gesetz- 
lichkeit und  Ordnung  wird  auch  der  leitende  Gesichtspunkt 
der  pythagoreischen  Politik  sein  müssen.  Diese  Ordnung  schien 
aber  Pythagoras  und  seinen  Freunden  nur  da  möglich  und 


/ 
and  die  Pythagorassage.  4S 

nur  da  sichergestellt  zu  sein,  wo  die  besten  und  einsichtigsten 
die  ganze  Staatsgewalt  ungetheilt  zur  Verfügung  haben.  Sie 
waren  daher  entschiedene  Gegner  der  Demokratie  und  An- 
hänger jener  aristokratischen  Einrichtungen,  welche  in  den 
dorischen  Staaten,  wie  vor  allem  in  Kreta  und  in  Sparta,  am 
vollkommensten  durchgeführt  waren;  nur  dass  sie  natürlich 
bei  den  Mitgliedern  ihrer  Verbindung  mehr,  als  bei  allen 
andern,  die  Tugend  und  Einsicht  des  Staatsmanns  voraus- 
setzten, und  demnach  die  Leitung  der  Staaten  selbst  in  die 
Hand  zu  bekommen  trachteten.  Diess  gelang  ihnen  auch 
wirklich  nicht  allein  in  Kroton,  sondern  .auch  in  anderen  itali- 
schen Städten.  Die  pythagoreischen  Synedrien  waren  die  that- 
sächliche  Regierung  dieser  Städte.  Auf  Betrieb  der  Pytha- 
goreer  sollen  die  Krotoniaten  die  Auslieferung  der  flüchtigen 
sybaritischen  Aristokraten  verweigert  haben;  und  in  dem 
Kriege,  welcher  darüber  entstand,  war  es  der  Pythagoreer 
Milo,  unter  dessen  Fühlung  der  übermächtige  Feind  von  den 
tapferen  Bürgern  Kroton's  in  einer  blutigen  Feldschlacht  über- 
wunden und  Sybaris  selbst  zerstört  wurde. 

Indessen  gab  gerade  dieser  Erfolg,  wie  erzählt  vrird,  den 
nächsten  Anlass  zu  Kämpfen,  die  freilich  wohl  keinenfalls  auf 
die  Dauer  ausgeblieben  wären.  Ueber  die  Vertheilung  der 
eroberten  Ländereien  entstand  Streit ;  die  Bürgerschaft,  welche 
durch  ihren  Heldenmuth  das  Gemeinwesen  gerettet  hatte, 
fühlte  sich  der  Vormundschaft  ihrer  Staatslenker  entwachsen; 
die  Gefahr,  welche  der  Staat  mit  Aufbietung  der  ganzen 
Volkskraft  glücklich  bestanden  hatte,  gab  hier,  wie  so  oft^ 
den  Anstoss  zu  einer  freiheitlichen  Bewegung  im  Innern,  und 
es  kam  noch  zu  Lebzeiten  des  Pythagoras  in  Kroton  zu  Un- 
ruhen, welche  den  greisen  Philosophen  bestimmten,  in  dem 
benachbarten  Metapontum  eine  Zufluchtsstätte  zu  suchen.  Hier 
scheint  er  bald  darauf  gestorben  zu  sein.  Seine  Parthei  muss 
sich  aber  nicht  blos  in  Kroton,  sondern  auch  in  anderen  Städten, 
vorerst  noch  behauptet  haben,  wenn  auch  ohne  Zweifel  unter 
fortwährenden  Reibungen.  Ei*st  etwa  siebzig  Jahre  später, 
um  den  Anfang  des  peloponnesischen  Krieges,   als  die  Ver- 


46  Pythagom 

hältnisse  und  die  Anschauungen  der  Zeit  sich  völlig  verändert 
hatten,  gelang  es  den  Gegnern  der  Fytfaagoreer,  einen  allge- 
meinen Ausbruch  gegen  sie  hervorzurufen :  die  pythagoreischen 
Vereine  wurden  zersprengt,  ihre  Versammlungshäuser  nieder- 
gebrannt, die  Mitglieder  der  Parthei  getödtet  oder  verjagt. 
Der  Pytbagoreismus  gelangte  dann  zwar  noch  einmal,  bald 
nach  dem  Anfeng  des  vierten  vorchristlichen  Jahrhunderte, 
auf's  neue  zu  politischer  Bedeutung:  Archytas,  der  Pytbagoreer, 
der  ein  Menschenalter  hindurch  das  mächtige  tarentinische 
Gemeinwesen  leitet«,  ist  mit  Ausnahme  seines  Stifters  die 
glänzendste  Erscheinung  in  seiner  Geschichte.  Aber  diese 
Nachblüthe  war  doch  nur  von  kurzer  Dauer.  Was  der  Pytha- 
goreismus  an  wissenschaMichem  und  sittlichem  Gehalt  e^en- 
thOmliches  gehabt  hatte ,  das  war  in  diesem  Zeitpunkt  bereits 
in  klarerer  und  reiferer  Form  zum  Gemeingut  des  griechischen 
Volkes  geworden.  Der  Verein,  den  Pythagoras  gestiftet  hatte, 
gieng  im  Laufe  des  vierten  Jahrhunderte  als  wissenschafthche 
Schule,  wie  als  politische  Parthei,  zu  Ende ;  nur  in  der  Gestalt 
einer  Religionslehre,  in  den  orphisch-pythagoreischen  Mysterien, 
erhielt  sich  der  Pythagoreismus,  und  nur  mit  einem  wesentlich 
veränderten  Charakter,  mit  anderen  Elementen  versetzt  und 
von  ihnen  beherrscht,  lebte  er  nach  ein  paar  hundert  Jahren 
in  der  sogenannten  neupythi^oreischen  Schule  wieder  aui 

Diess  ungefähr  ist  es,  was  sich  über  Pythagoras  und  sein 
Werk  mit  geschichtlicher  Wahrscheinhchkeit  sagen  lässt.  Sehen 
wir  nun,  was  die  Sage  und  die  Dichtung  noch  im  Alterthum 
selbst  aus  diesem  historischen  Stoffe  gemacht  hat. 

Ein  Mann,  wie  Pythagoras,  war'eineviel  zu  ausserordent- 
liche Erscheinung,  als  dass  nicht  die  dichtende  Phantasie  sieb 
schon  frühe  seiner  hätte  bemächtigen  sollen,  um  das,  was  man 
von  ihm  wusste,  in  ihrer  Weise  auszumalen  und  umzubilden. 
Noch  bei  seinen  Lebzeiten  scheinen  manche  ungeschichtliche 
Erzählungen  über  ihn  im  Umlauf  gewesen  zu  sein;  gewiss  ist, 
dass  diess  später  der  Fall  war.  Schon  Aristoteles  und  dessen 
Schüler  Aristoxenus ,  beide  etwa  300  Jahre  jünger  als  Pytha- 
goras, hatten  mancherlei  derartige  Sagen  erwähnt.    Noch  weit 


und  die  Pythagorassage. 


47 


reichlicher  floss  aber  die  Quelle  derselben  in  der  Folge,  bei 
den  Schriftsteilem  der  alexandrinischen  Literaturperiode  ^  die 
ohnedem  so  geneigt  sind,  auffallende  und  ungewöhnliche  Er- 
zählungen kritiklos  zusammenzutragen,  am  reichlichsten  jedoch 
in  der  neupythagoreischen  Schule;  denn  diese  Schule  verehrte 
in  Pythagoras  so  zu  sagen  ihren  Schutzheiligen,  den  sie  nicht 
hoch  genug  stellen  zu  können  meinte,  dem  sie  auch  das  wunder- 
barste und  abenteuerlichste,  wenn  es  nur  zu  seiner  Verherr- 
lichung diente,  gläubig  zutraute,  auf  den  sie  alles,  was  für 
sie  selbst  Bedeutung  gewonnen  hatte,  unbedenklich  übertrug. 
Diese  Sagenbildung  heftete  sich  natürlich  vor  allem  an  die 
Seite  in  der  Erscheinung  des  samischen  Weisen,  welche  am 
unmittelbai-sten  dazu  einlud,  an  seinen  relfgiösen  Charakter. 
Wer  mit  Erfolg  als  Prophet  auftritt,  der  wird  unfehlbar  bald 
auch  mit  dem  Nimbus  des  Wunderthäters  umgeben  sein,  be- 
sonders wenn  er  wirklich  eine  so  bedeutende  Persönlichkeit 
ist,  wie  diess  Pythagoras  gewesen  sein  .muss,  und  über  das 
gewöhnliche  Mass  des  Wissens  und  Könnens  so  entschieden 
hinausreicht.  Es  kann  uns  daher  nicht  übeiTaschen,  wenn  die 
Sage  von  Pythagoras  eine  Menge  der  wunderbarsten  Dinge 
m  erzählen  weiss.  Hören  wir  die  späteren  Berichte,  so  war 
er  ein  Seher,  dessen  Blick  nichts  verborgen  war,  ein  Wunder- 
thäter,  dessen  Macht  keine  Grenzen  hatte;  er  prophezeite 
Erdbeben,  er  sagte  Fischern  vorher,  wie  viele  Fische  sie  im 
Netz  finden  würden,  er  besprach  Gewitter  und  Seestürroe,  er 
steuerte  Seuchen  durch  sühnende  Handlungen,  er  heilte  Geistes- 
krankheiten durch  Musik  und  Magie,  er  rief  einen  kreisenden 
Adler  aus  der  Luft  herab ,  um  sich  von  den  Göttern  Kunde 
bringen  zu  lassen,  er  gebot  einem  Stier,  sich  der  Bohnen,  die 
er  abweiden  wollte,  zu  enthalten,  er  verbot  einem  Bären, 
welcher  die* Gegend  verheerte,  fernerhin  Fleisch  zu  fressen, 
und  beide  gehorchten;  er  wurde  an  demselben  Tage  in  Meta- 
pontum  und  in  Tauromejiium  auf  Sicilien  gesehen,  das  mehrere 
Tagereisen  von  Metapont  entfernt  ist ;  als  er  über  einen  Fluss 
fuhr,  wurde  er  von  dem  Flussgott  mit  seinem  Namen  begrüsst, 
und  was  sich  derartiges  sonst  findet.    Zu  weiteren  mythischen 


48  Pythagoras 

Zügen  gab  die  eigenthümüche  Beziehung  Veranlassung,  in  die 
sieh  Pythagoras  zu  Apollo  und  seinem  Kultus  gesetzt  hatte. 
Wenn   er   selbst   ein  Pi-iester  dieses  Gottes  sein   wollte,    so 
machten  ihn   seine   späteren  Verehrer  zum  Sohn  desselben; 
und  zum  Beweis  dieses  höheren  Ursprungs  erzählten  sie,  dass 
der  Apollopriester  Abaris   auf  einem  goldenen  Pfeile,   d.  h. 
einem  Sonnenstrahl,   von  den  Hyperboreern  zu  ihm  geflogen 
sei,  und  dass  er  selbst  eine  goldene  Hüfte  gehabt  habe,   die 
er  einmal    der  Festversammlung   in   Olympia   gezeigt  haben 
soll.    Auch  seine  Lehre  sollte  ihm  Apollo  durch  den  Mund 
der   delpl^ischen   Priesterin   Themistoklea  mitgetheilt  haben; 
was  aber  doch  viel  zu  apokryph  lautet,  als  dass  wir  desshalb 
den   Pythagoreismus    zur    „delphischen   Philosophie"  machen 
dürften.     Bei    anderen    Bestandtheilen    der   Pythagorassage 
liegt  am  Tage,    dass  in  ihnen  die  pythagoreische  Lehre  in 
Geschichte  verwandelt  und   auf  die  Person   ihres  Stifters 
übertragen  ist.    So  hat  vielleicht  schon  Pythagoras  die  viel- 
besprochene   Lehre   von    der    Sphärenhaimonie   vorgetragen, 
welche  ursprünglich  nichts  anderes  ist,   als  ein  symbolischer 
Ausdruck   für    die   Kegelmässigkeit    in    der   Bewegung   der 
Himmelskörper:    wie  die  alte  Lyra  sieben  Saiten  hatte,  sa 
werden  die  sieben  Planeten  als  die  zusammenklingenden  gol- 
denen Saiten  des  himmlischen  Heptachords  dargestellt.    Die 
Späteren   sagen  nicht  blos,    Pythagoras   habe   die   Sphären- 
harmonie gelehrt,  sondern:  er  allein  unter  den  Sterblichen 
habe  sie  gehört.    Ebenso  verhält  es   sich  mit  der  Lehre 
von    der   Seelenwanderung.     So    unbestreitbar   diese    Lehre 
Pythagoras  angehört,  so  ist  es  doch  kaum  glaublich,   dass  er 
selbst    sich   an   seine   früheren    Lebenszustände   zu   erinnem 
gemeint  haben  sollte.    Unsere  Berichterstatter  jedoch  theilen 
genau   mit,   in  welchen  Personen  der  Vorzeit  der   samische 
Philosoph  präexistirt  hatte;    und  sie  bezeichnen  es  als  einen 
eigenthümlichen  Vorzug    des   gottbegnadigten   Mannes,    dass 
ihm  Hermes,  der  Führer  der  Seelen,  dessen  Sohn  er  in  einem 
früheren  Dasein  gewesen  sei,   diese  Erinnemng  an  seine  Ver- 
gangenheit geschenkt  habe.    Auf  die  gleiche  Lehre  bezieht 


i 


I 
\ 


und  die  Pythagorassage.  49 

sich ,  was  die  pythagoreische  Legende ,  vielleicht  auf  Grund 
einer  unterschobenen  pythagoreischen  Schrift,  über  den  Auf- 
enthalt des  Philosophen  im  Hades  und  seine  dortigen  Erleb- 
nisse zu  erzählen  wusste.  Doch  wäre  es  immerhin  möglich, 
dass  auch  schon  Pythagoras  selbst  seine  Lehrsätze  über  die 
Seelenwanderung  und  die  jenseitige  Vergeltung  dichterisch  in 
die  Erzählung  eines  selbsterlebten  einkleidete  *) ,  und  dass 
eine  solche  Lehrdiohtung  in  der  Folge  für  eine  wirkliche 
Geschichtserzählung  genommen  wui-de.  Wie  es  sich  aber  da- 
mit verhalten  möge :  die  Sage  ist  hier  jedenfalls  erst  aus  der 
Lehre  entsprungen,  sie  ist  die  mythische  Verkörperung  eines 
Dogma. 

Viel  geschichtlicher  nehmen  sich  andere  Angaben  über 
Pythagoras  aus,  die  aber  doch,  wenn  wir  genauer  zusehen, 
die  Probe  der  Kritik  um  nichts  besser  aushalten;  nur  dass 
sie  weniger  aus  der  dichtenden  Phantasie,  als  aus  der  prag- 
matischen Reflexion  stammen.  Dem  Wunderglauben  der  frü- 
heren, und  dann  auch  wieder  dem  der  spätesten  Jahrhunderte 
lag  es  zunächst,  das  ausserordentliche  in  der  Erscheinung  des 
samischen  Philosophen  auf  übernatürüche  Ursachen  zurück- 
zuführen: ein  nüchterneres  Zeitalter  sah  sich  nach  den  natür- 
lichen Vermittelungen,  den  menschlichen  Lehrern  um,  denen 
Pythagoras  seine  Weisheit  zu  verdanken  habe.  Aber  die 
ganze  Beschaffenheit  der  Angaben,  die  uns  hierüber  vorliegen, 
zeigt  deutlich,  dass  sie  nicht  aus  einer  zuverlässigen  lieber- 
lieferung,  sondern  aus  blosser  Vermuthung  geflossen  sind. 
Man  suchte  zunächst  unter  den  griechischen  Zeitgenossen  des 
Pythagoras  einen,  der  sein  Lehrer  gewesen  sein  möge,  wie 
man  überhaupt  das  spätere  Verhältniss  einer  stetigen  Keihen- 
folge  von  Lehrern  und  Schülern  unbedenklich  auf  die  älte- 
sten Philosophen  übertrug;   und  da  rieth  denn  der  eine  auf 


*)  In  dieser  Weise  schildert  wenigstens  der  Geistesverwandte  und 
Nacheiferer  des  Pythagoras,  Empedokles,  in  einem  noch  erhaltenen  Bruch- 
stück, den  FaU  der  Geister  und  ihren  Eintritt  in's  irdische  Leben  an- 
geblich aus  eigener  Erinnerung. 

Zeller,  Vorträge  und  Abhandl.  "»^ 


Pfthagoras 

derer  auf  Anaximander,  ein  dritter  auf  Epime- 
Bten  jedoch  auf  Pherecydes  aus  Syros,  welcher 
thagoras    die  Seelenwaudenmg    gelehrt   hatte. 

verweisen  andere  auf  die  Orphiker,  auf  die 
nd  spartanischen  Gesetze;  aber  auch  diess  ist 
or  eine,  allerdings  naheliegende  und  nicht  un- 
t,  Yermuthui^.  Indeseen  konnten  die  einhei- 
n  der  pythagoreischen  Weisheit  lun  so  weniger 
öher  die  Vorstellungen  über  die  letztere  ach 
l  je  bereitwilliger  die  Griechen  überhaupt  seit 
ahrhundert,  in  noch  viel  höherem  Grad  aber 
rungszügen  Alexandere,  die  Orientalen  als  ihre 
terkannten.  Auch  fQr  die  Ableitung  der  pytha- 
re  richtete  man  seinen  Btick  nach  Süden  und 
ist  war  es  das  alte,  den  Griechen  seit  Jahr- 
:annte  Wunderland  am  Nu,  das  hiefilr  in's 
wurde:  in  Aegypten  sollte  Pyth^oras  in  die 
'rirater  eingeweiht  worden  sein,  hier  sollte  er 
isches,  astronomisches,  philosophisches  Wissen, 
gen  seiner  Schule,  die  Kenntniss  der  Grötter- 
hen  and  der  Opfer,  und  insbesondere  die  Lehre 
iwandening  geholt  haben.  In  demselben  Masse 
den  erstaunten  Blicken  der  Hellenen  weitere 
urländei'  sidi  au&cblcesen ,  sehen  wir  auch  die 
Lehrer    des   Pythagoras    sich    vermehren:    die 

persischen  Mi^er,  die  indischen  Brahmanen, 
:h  die  ebrftisehen  Propheten,  die  Phönicier  und 
lollen  ihm  ihre  Weisheit  mit^etheüt  haben, 
angesehen  sind  nicht  allein  die  übrigen  von 
m  unbedingt  zu  verwerfen,  sondern  auch  die- 
)  noch  die  älteste  Ueberlieferung  fUr  sich  hat, 
bis  auf  die  neueste  Zeit  herab  nicht  selten 
»igen  Werth  beigelegt  hat,  die  Erzählung  von 
ifenthalt  in  Aegypten,  erscheint  mehr  als  zweifel- 
erodot  scheint  von  derselben  nichts  gewusst  zu 
er  leitet  zwar  die  orpbischen  Mysterien  und  die 


und  die  Pythagörassage.  51 

Lehi-e  von  der  Seelenwanderung  aus  Aegypten  her  (II,  81. 
123),  aber  er  nennt  (ü,  49)  nicht  Pythagoras  als  den,  welcher 
äe  dorther  gebracht  habe,  sondern  Männer  der  grauen  Vor- 
zeit, den  Phönider  Eadmus  ui^d  den  Seher  Melampus.  Erst 
120  Jahre  nach  Pythagoras'  Tod ,  oder  noch  später,  begegnet 
uns  bei  Isokrates  die  Behauptung,  dass  dieser  Philosoph  seine 
Lehre  von  den  Aegyptem  erhalten  habe;  aber  Isokitttes  sagt 
diess  in  der  gleichen  Prunkrede,  in  der  er  auch  behauptet, 
die  lacedämonischen  Staatseinrichtungen  stammen  aus  Aegyp- 
ten, und  in  der  er  den  Busiris,  diesen  fabelhaften  Unhold 
der  alten  Heraklessage,  zum  Urheber  der  ganzen  ägyptischen 
Kultur  macht.  An  eine  geschichtliche  Ueberlieferung  ist  bei 
dieser  Angabe  nicht  zu  denken;  es  ist  nur  die  Behauptung 
des  Khetors,  der  unbekümmert  um  die  geschichtliche  Wahr- 
heit herbeizieht,  was  in  seinen  Kram  taugt;  und  Isokrates 
selbst  erklärt  ganz  unbefangen:  wenn  auch  das,  was  er  sage, 
nicht  wahr  sein  sollte,  so  sei  es  doch  für  den  vorliegenden 
Zweck  recht  brauchbar.  Es  liegt  am  Tage,  dass  eine  solche 
Aussage  durchaus  nicht  den  Werth  eines  glaubwürdigen  Zeug- 
nisses haben  kann.  Isokiates  steht  aber  überdiess  mit  der- 
selben in  der  gleichzeitigen  Literatur  ganz  vereinzelt.  Ai-i- 
stoteles  denkt  nicht  an  Aegypten,  wo  er  vom  Ursprung  der 
pythagoreischen  Philosophie  redet  (Metaph.  I,  5),  sein  Schüler 
Aristoxenus,  früher  selbst  Pythagoreer,  scheint  von  der  ägyp- 
tischen Heise  nichts  gewusst  zu  haben,  und  Plato,  welcher 
dem  Pythagoreismus  so  nahe  stand,  spricht  den  Aegyptem, 
wie  den  Phöniciem ,  die  Anlage  zur  Philosophie  ab ;  erst  ein 
halbes  Jahrhundert  nach  Isokrates,  nachdem  die  Griechen 
durch  Alexander  mit  den  Völkern  des  Ostens  in  engere  Ver- 
bindung gekommen  waren,  beginnt  allmählich  die  Tradition  von 
den  Reisen  des  Pythagoras  in  die  orientalischen  Länder  sich 
zu  verbreiten.  Je  weiter  wir  uns  der  Zeit  nach  von  den 
wirkhchen  Vorgängen  entfernen,  um  so  reichlicher  fliesst 
diese  Tradition,  je  naher  wir  ihnen  kommen,  um  so  vollstän- 
diger versiegt  sie:  es  ist  offenbar  nicht  die  Erinnenmg  an 
jene  Voi^gänge,   sondern  es  sind   nur   die  Verhältnisse  und 

4* 


Pjthagoras 

tzuDgen  einer  späteren  Zeit,  denen  sie  ihre  Ent- 
!u  verdanken  hat. 

über  die  Lehrmeister,    so  weiss  die  jüi^ere  Ueber- 

auch  aber  die  Lehre  am  Pythagoras  weit  mehr  mit- 
,  als  wir  bei  den  älteren  finden.  Aber  auch  hier 
;  das  allmähliche  Anwachsen  und  der  imgeschichtliche 
r  der  Ueberlieferung  nicht  verkennen.  Ziehen  wir 
rlässigsten  Quellen  fUr  unsere  Kenntniss  der  pytha- 
n  Philosophie,  Aristoteles  und  die  ächten  Fragmente 
laus,  zu  Ratbe,  so  erhalten  wir  von  dieser  Philosophie 

welches  den  Vorstellungen  durchaus  entspricht,  die 
ron  einem  so  alten  und  durch  so  wenige  Vorarbeiten 
zten  Versuche  wissenschaftlicher  Forschung  machen 

Vieles  darin  ist  unklar  und  phantastisch,  vieles  un- 
ikweise  so  fremd ,  dass  wir  uns  nur  mit  Mühe  darein 
innen;  aber  das  ganze  geht  aus  gewissen  einfachen 
jener  Zeit  vollkommen  begreiflichen  GrundgedankeD 

naturgemäss  und   folgerichtig   hei-vor.     Hören   wir 

die  späteren  Berichterstatter,  so  finden  sich  die 
tigsten  und  vei'schiedenarti^ten  Elemente  in  der 
dschen  Lehre  zusammen;  was  immer  von  Wahrheit 
iechKchen  Philosophie  vorhanden  zu  sein  schien,  das 

den  Männern  der  neupythagoreischen  und  neuplato- 
Schule  unbedenklich  für  pythagoreisch  ausgegeben; 
i  Lehrbestimmung  ist  so  spät,  keine  so  unbestreitbar 
ithum  eines  Aristoteles  oder  Plato,  einra  Zeno  oder 
IS,    dass  man  Anstand  nähme,    sie  nicht  etwa  nur 

Pythi^oreem,  sondern  Pythagoras  selbst  beizulegen, 
en  wissenschaftlichen  Ansichten  schon  Aristoteles  so 
ichts  gewusst  hat.  Mit  dieser  Erweitemng  dei-  ächten 
lischen  Lehre  geht  dann  femer  eine  massenhafte 
ebung  pythagoreischer  Schriftwerke  Hand  in  Hand.  In 
lichkeit  war  die  schriftstellerische  Thätigkeit  der  py- 
;hen  Schule  eine  äusserst  bescliränkte.  Pythagoras 
;  nach  unverdächtigen  Zeugnissen  keine  Schrift  hinter- 
Luch  in  seiner  Schule  scheint  sich  seine  Lehre  weit 


und  die  Pythagorassage.  53 

mehr  durch  mündliche  Ueberlieferung ,  als  durch  Schriften, 
fortgepflanzt  zu  haben.  Der  erste  unter  den  Pythagoreem, 
von  wdchem  zur  Zeit  des  Aristoteles  eine  philosophische  Schrift 
bekannt  war,  ist  Philolaus,  ein  Zeitgenosse  des  Sokrates  ;  ausser 
ihm  und  Archytas  kann  die  altpythagoreische  Schule  nur  sehr 
wenige  Schriftsteller  hervorgebracht  haben.  Erst  sdt  dem 
ersten  vorchristlichen  Jahrhundert  taucht  mit  einemmal  eine 
mnfangreiche  pythagoreische  Literatur  auf,  und  so  unvoll- 
ständig wir  auch  über  dieselbe  unterrichtet  sind,  so  sind  wir 
doch  noch  im  Stande,  wohl  fünfzig  Schriftsteller  und  achtzig 
Werke  namhaft  zu  machen,  die  seit  diesem  Zeitpunkt  der  py- 
thagoreischen Schule  unterschoben  wurden.  Aber  während 
heutzutage  eine  wissenschaftliche  Parthei,  welche  den  litera- 
rischen Betrug  so  rücksichtslos  und  gewerbsmässig  betriebe, 
sich  selbst  in  den  Augen  aller  ehrlichen  Leute  das  Urtheil 
gesprochen  hätte,  nahm  jene  Zeit  daran  kaum  einen  Anstoss, 
und  der  Neuplatoniker  Jamblich  rühmt  es  ausdrücklich  (vita 
Pyth.  198)  an  den  späteren  Pythagoreem,  dass  sie  ohne  An- 
spruch auf  eigenen  Bubm  ihre  Entdeckungen  und  Schriften 
dem  Stifter  der  Schule  beigelegt  haben.  Schon  diese  Eine 
Aeusserung  lässt  uns  in  den  historischen  Standpunkt  der 
Parthei  und  der  Zeit,  der  sie  angehört,  einen  tiefen  Blick 
werfen.  Den  Sinn  und  das  Interesse  für  geschichtliche  Wahr- 
heit dürfen  wir  hier  nicht  suchen,  sondern  die  Geschichts- 
erzählung ist  eine  Form,  deren  man  sich  mit  der  vollkommen- 
sten Willkühr  bfedient,  um  jeden  beliebigen  Inhalt  hineinzu- 
legen und  durch  die  Auktoritäten  der  Vorzeit  zu  empfehlen. 
Kicht  anders  ist  endlich  über  die  späteren  Schilderungen 
des  pythagoreischen  Vereins  und  seiner  Einrichtungen  zu  ur- 
theilen.  Wie  die  Neupythagoreer  und  Neuplatoniker  in  der 
angeblichen  Lehre  des  Pythagoras  ihr  eigenes  wissenschaft- 
liches Ideal  darsteUen,  so  stellen  sie  in  dem  pythagoreischen 
Bunde  ihr  sittliches  und  gesellschaftlidies  Ideal  dar.  Zu 
diesem  neupythagoreischen  Ideal  gehörte  aber  sehr  vieles, 
was  einem  Pythagoras  noch  fremd  war.  Nach  der  spä- 
teren   Darstellung    lebte    Pythagoras    mit    seinen    Schülern 


'i- 


54 


Pythagoras 


in  ein^r  yollständigen  Gtttergemeinschaft ;  ihre  ganze  Lebens- 
weise und  selbst  ihre  Tagesordnung  war  ihnen  bis  in's 
einzelne  genau  vorgeschrieben;  sie  trugen  keine  andern,  als 
leinene  Kleider,  sie  tödteten  kein  lebendes  Wesen  und  ent- 
hielten sich  aller  Fleischspeisen;  auch  einige  Gemüse  waren 
ihnen  verboten,  und  vor  den  Bohnen  besonders  hatten  sie  — 
der  Grund  wird  verschieden  angegeben  —  einen  solchen  Ab- 
scheu, dass  auf  der  Flucht  aus  Kroton  eine  Schaar  Pythagoreer 
sich  lieber  niedermachen  Hess,  als  dass  sie  sich  durch  ein 
Bohnenfeld  gerettet  hätte.  Der  Aufiiahme  in  den  Bund  giengen 
strenge  Prüfungen,  unter  anderen  auch  eine  physiognomische 
Untersuchung  des  Bewerbers,  voran;  die  Novizen  mussten 
Jahre  lang  ein  gänzliches  Stillschweigen  beobachten.  Die  Mit- 
glieder des  Ordens  waren  in  mehrere  scharf  geschiedene 
Klassen  abgestuft.  Unter  einander  erkannten  sie  sich  an  ge- 
heimen Zeichen.  Die  Lehren  und  Gebräuche  des  Ordens 
wurden  mit  unverbrüchlicher  Strenge  geheimgehalten;  eine 
Verletzung  dieses  Ordensgeheimnisses,  und  wenn  sie  auch  nur 
in  der  Mittheilung  eines  mathematischen  Satzes  bestand, 
wurde  nicht  blos  von  den  Ordensbrüdern  mit  Abscheu  und 
Verachtung,  sondern  auch  von  den  Göttern  mit  augenschein- 
lichen Strafgerichten  geahndet.  Wir  erhalten  hier  mit  Einem 
Wort  durchaus  das  Bild  eines  geheimen  Bundes  mit  strengen, 
klösterlichen  Ordenseinrichtungen.  Wie  wenig  auch  an  dieser 
Darstellung  geschichtlich  ist,  wird  eine  Vergleichung  mit  un- 
serer  obigen  Erörterung  zeigen.  Wo  wir  diese  jüngeren  Be- 
richte über  Pythagoras  und  den  Pythagoreismus  anfassen, 
überall  tritt  uns  das  sagenhafte  und  willkührlich  erdichtete 
in  einem  solchen  Umfang  entgegen,  dass  wii'  aus  ihnen  eine 
geschichtlich  treue  Kenntniss  der  Personen  und  Ereignisse  zu 
gewinnen  verzweifeln  müssten,  wenn  uns  nicht  ältere  und 
bessere  Zeugen  den  Faden  an  die  Hand  gäben,  um  uns  in 
diesem  Labyrinthe  von  Fabeln  wenigstens  in  der  Hauptsache 
zurechtzufinden. 

So  gering  aber  die  unmittelbare  geschichtliche  Ausbeute 
dieser  späteren  Darstellungen  auch  sein  mag,  so  sind  sie  doch 


und  die  Pythagorassage.  55 

immer  ein  sprechendes  Denkmal  des  tiefen  Eindincks,  welchen 
die  Erscheinung  des  Weisen  aus  Samos  im  griechischen  Volke 
zurückgelassen  hatte.  Die  Züge  seines  Bildes  sind  in  der 
Erinnerung  der  Nachwelt  theilweise  verblichen  und  durch 
fremdartiges  ersetzt  worden ;  indem  man  es  verschönem  wollte, 
hat  man  es  verdorben;  aber  die  ehrfurchtsvolle  Bewunderung 
seiner  Grösse  hat  sich  auch  bei  denen,  welche  ihn  nur  unvoll- 
kommen kannten,  erhalten,  und  einer  besonnenen  Geschichts- 
forschung ist  es  immer  noch  möglich,  die  urspiünglichen  Um- 
risse seiner  Gestalt  wenigstens  in  den  Grundlinien  zu  erkennen. 


3. 

Zur  Ehrenrettong  der  Xanthippe. 


Plutarch  hat  ein  eigenes  Buch  darüber  geschrieben,  ob 
Alexander  der  Grosse  sich  selbst  oder  seinem  Glück  mehr  zu 
danken  gehabt  habe.  Wenn  Berühmtheit  entscheiden  sollte, 
so  müsste  schon  längst  ein  ähnliches  Buch  über  Xanthippe 
existiren;  denn  an  Gelebrität  kann  sich  ihr  Name  mit  dem 
des  macedonischen  Königs  wohl  messen.  Wer  von  Alexander 
weiss,  der  weiss  auch  von  Sokrates,  und  wer  von  Sokrates 
weiss,  der  weiss  auch  von  Xanthippe;  dagegen  haben  viele 
Tausende  den  Namen  der  attischen  Schönen  in  der  Fibel 
geradebrecht,  welche  niemals  in  ihrem  Leben  weder  von  So- 
krates noch  von  Alexander  gehört  haben.  Aber  während  man 
sehr  geneigt  ist,  den  Buhm  des  Helden  zwischen  ihm  und  der 
Gunst  der  Umstände  zu  theilen,  so  ist  niemand  so  billig,  den 
zweideutigen  Verdiensten  der  Heldin  dasselbe  zu  gute  kommen 
zu  lassen  und  zu  fragen,  ob  sie  als  ein  Muster  aller  bösen 
Frauen  in's  Geschrei  zu  kommen  verdient  hat.  Zwar  hat  der 
alte  Heumann  schon  im  Jahr  1715  in  den  ersten  Band  der 
Acta  philosophorum  eine  Ehrenrettung  der  Xanthippe  einge- 
rückt, in  welcher  gezeigt  wird,  dass  „gleichwie  Luthers  Frau 
eine  rechtschaffene  Frau  und  gute  Christin  gewesen,  ob  sie 
gleich  denen  Qualitäten  ihres  Mannes  nicht  beigekommen, 
eben  also  auch  Xanthippe  zwar  unvollkommener  als  Sokrates, 
jedoch  aber  eine  gute  Ehegattin  gewesen  sei."  Allein  es  scheint 


Zur  Ehrenrettung  der  Xanthippe.  57 

nicht,  dass  er  viele  von  dem  Glück  eines  solchen  Besitzes 
überzeugt  hat,  und  wenn  auch  neuere  Gelehrte  zum  Theil 
milder  über  die  Gattin  des  Sokrates  urtheilen,  so  heften  sich 
doch  im  ganzen  nocif  immer  die  gleichen  Vorstellungen  an 
ihren  Namen,  wie  damals ,  als  Aelian  und  Diogenes  die  Anek- 
doten niederschrieben,  welche  seitdem  über  ihren  Ruf  ent- 
schieden haben.  Will  man  billig  sein,  so  wird  man  zugeben, 
dass  dieser  Ruf  zu  einem  guten  Theil  als  das  Werk  der  Um- 
stände zu  betrachten  ist.  Hätte  Xanthippe  keinen  Sokrates 
zum  Manne  gehabt,  so  wäre  uns  ihr  Name  wohl  kaum  über- 
liefert, und  fienge  dieser  Name  nicht  mit  dem  leidigen  X  an, 
so  läsen  wir  schwerlich  in  den  Fibeln:  „Xanthippe  war  ein 
böses  Weib,  der  Zank  war  ihr  ein  Zeitvertreib"  —  um  die 
ältere  und  weniger  anständige  Form  dieses  Reims  hier  zu 
übergehen.  Aber  weil  man  sich  gewöhnt  hatte,  in  Sokrates 
das  Ideal  aller  Tugenden  zu  verehren,  so  musste  man  in  seiner 
Frau,  nach  dem  Gesetz  des  Gontrastes,  einen  Ausbund  aller 
weibKchen  Fehler  verabscheuen,  imd  weil  die  deutsche  Sprache 
keine  Wörter  mit  X  hat,  so  gelangte  Xanthippe  mit  König 
Xerxes  zu  der  Ehre,  unter  den  Barbaren  des  Nordens  einer 
Popularität  zu  gemessen,  wovon  sie  sich  gewiss  nie  hatte 
träumen  lassen.  Was  sie  auch  immer  gewesen  sein  mag: 
unter  anderen  Verhältnissen  hätte  sie  das  gleiche  sein  können, 
ohne  dass  irgend  jemand,  ausser  ihren  nächsten  Nachbarn, 
von  den  Eigenschaften  etwas  erfahren  hätte,  als  deren  Muster- 
büd  sie  jetzt  sprichwörtlich  geworden  ist. 

Wer  nun  gründlich  zu  Werke  gehen  wollte,  der  müsste 
zunächst  nach  dem  früheren  Leben  der  Xanthippe,  nach  der 
Geschichte  ihrer  Verbindung  mit  Sokrates  und  nach  allen 
den  weiteren  Umständen  fragen,  die  beider  Verhältniss  zu 
erklären  geeignet  sein  könnten.  Aber  leider  geben  uns  die 
alten  Schriftsteller  auf  keine  einzige  von  diesen  Fragen  eine 
Antwort,  und  selbst  Vermuthungen  sind  uns  nur  über  zwei 
Punkte,  über  die  Zeit  ihrer  Verheirathung ,  und  über  ihr 
Altersverhältniss  zu  Sokrates,  möglich.  Was  nämlich  die 
erstere  betrifft,  so  scheint  es,  dass  Sokrates  damals,   als  der 


58  Zur  Ehrenrettnng 

Komiker  Aristophanes  in  seinen  „Wolken^'  den  •  bekannten 
Angriff  auf  ihn  machte  (424  v.  Chr.),  mit  Xanthippe  noch  nicht 
verheirathet  war;  denn  nach  der  Art,  wie  dieser  Dichter 
sonst  alle  möglichen  Persönlichkeiten  hereinzieht,  ist  es  kaum 
glaublich,  dass  er  einen  so  danl^baren  Stoff  für  die  Satyre 
unbenutzt  gelassen  hätte;  man  müsste  denn  annehmen,  Xan- 
thippe habe  in  der  ersten  Zeit'  ihrer  Ehe  zu  der  Übeln  Mei- 
nung, in  der  sie  später  doch  schon  bei  ihren  Lebzeiten  stand, 
noch  keinen  Anlass  gegeben.  Bestätigt  wird  diese  Vermu- 
thung  durch  eine  Aeusserung  des  Sokrates  bei  Plato  in  seiner 
gerichtlichen  Vertheidigungsrede  vom  Jahr  399  v.  Chr.  Er 
sagt  hier  nämlich,  auch  er  habe  Söhne,  von  denen  zwei  noch 
klein  seien,  der  dritte  bereits  herangewachsen,  und  für  dieses 
letztere  Prädikat  wählt  er  einen  Ausdruck,  der  von  einem 
fünfundzwanzigjährigen  oder  noch  älteren  jungen  Manne  nicht 
mehr  gut  gebraucht  werden  konnte.  Eben  diese  Stelle  macht 
es  aber  auch,  in  Verbindung  mit  einer  zweiten  aus  dem  Phädo, 
die  uns  unten  noch  vorkommen  wird,  wahrscheinlich,  dass  der 
Altersunterschied  zwischen  den  beiden  Ehegatten  ein  sehr 
bedeutender  gewesen  ist.  Denn  Sokrates  nennt  sich  in  seiner 
Vertheidigungsrede  einen  Mann,  welcher  das  siebzigste  Lebens- 
jahr bereits  hinter  sich  habe,  während  Xanthippe  kurz  darauf^ 
an  seinem  Todestage,  mit  einem  kleinen  Kind  auf  dem  Arme 
bei  ihm  im  Gefängniss  ist.  Er  scheint  sich  demnach  erst  in 
vorgerückteren  Jahren  mit  der  weit  jüngeren  Frau  verbunden 
zu  haben.  Möglich  immerhin,  dass  auch  dieser  Umstand  zu 
der  unerfreulichen  Gestaltung  ihres  häuslichen  Lebens  beitrug. 
War  aber  das  Unglück  des  Sokrates  wirklich  so  gross, 
wie  man  sich  vorstellt?  Ist  es  wahr,  was  Dominicus  Baudius 
schreibt,  dass  es  ein  wahres  Werk  der  Barmherzigkeit  von 
den  Athenern  war,  den  Philosophen  durch  den  Schierlings- 
trank von  seiner  Ehehälfte  zu  scheiden?  Hört  man  die  spä- 
teren griechischen  Schiiftsteller ,  so  möchte  man  es  fast  glau- 
ben. Es  giebt  kaum  einen  Zug  in  dem  Bild  einer  bösen 
Frau,  der  nicht  von  Xanthippe  erzählt  würde.  Nicht  genug, 
dass  sie  als  ein  äusserst  zänkisches  und  unverträgliches  Weib 


^V^'^. 


der  Xanthippe.  59 

geschildert  wird :  selbst  thätlich  soll  sie  sich  an  ihrem  Gatten 
vergriffen  haben.  Diogenes  von  Laerte  behauptet,  sie  habe 
ihm  auf  offenem  Markte  das  Kleid  vom  Leibe  gerissen;  der- 
selbe erzählt  mit  andern,  sie  habe  ihn  einmal  nach  einem 
Wortwechsel  mit  schmutzigem  Wasser  übergössen,  der  ge- 
duldige Gemahl  habe  jedoch  diese  Liebkosung  mit  der  philo- 
sophischen Bemerkung  hingenommen :  nachdem  sie  gedonnert, 
müsse  sie  wohl  auch  regnen.  Auch  das  wird  berichtet,  und 
zwar  selbst  von  Plutarch,  und  noch  viel  früher  von  dem 
Stoiker  Teles,  dass  Xanthippe  einmal  ihren  Mann,  der  einen 
Gast  mit  nach  Hause  gebracht  hatte,  darüber  in  Gegenwart 
des  Freundes  mit  Vorwürfen  überschüttet  und  zuletzt  sogar 
in  ihrer  Leidenschaft  den  Tisch  imigestürzt  habe.  Ein  dritter 
hat  von  der  Eifersucht  gehört,  zu  der  unserer  Heldin  das 
Verhältniss  zwischen  Sokrates  und  Alcibiades  Anlass  gegeben 
habe:  als  dieser  seinem  Lehrer  einen  kostbaren  Kuchen  zum 
Geschenk  schickte,  soll  sie  ihn,  nach  Aelian  imd  Athenäus, 
auf  den  Böden  geworfen  und  zertreten  haben;  Sokrates  aber 
habe  sich  begnügt,  sie  auszulachen,  dass  sie  jetzt  auch  nichts 
davon  bekomme.  Zu  dieser  Eifersucht  hätte  sie  aber  um  so 
weniger  ein  Recht  gehabt ,  wenn  es  wahr  wäre ,  was  ihr  die 
neueren  Gelehrten  längere  Zeit  schuld  gaben,  und  was  auch 
der  Reim  in  der  alten  Fibel  voraussetzt,  dass  sie  selbst  weder 
vor  ihrer  Verheirathung  ihre  Ehre,  noch  nach  derselben  ihre 
Treue  sehr  sorgsam  bewahrt  habe.  Indessen  können  wir  sie 
von  diesem  Vorwurf  getrost  freisprechen.  Nicht  blos  von  den 
Schülern  und  Zeitgenossen  des  Sokrates,  sondern  auch  von 
den  Schriftstellern  des  späteren  Alterthums  erhebt  ihn  kein 
einziger;  er  ist  entweder  ganz  aus  der  Luft  gegriffen,  oder 
er  ist  aus  Missdeutung  einiger  Stellen  entstanden,  deren 
klaren  Wortsinn  man  auf's  unbegreiflichste  missverstand,  weil 
man  von  dem  Vorurtheil  ausgieng,  einer  Xanthippe  sei  alles 
schlechte  unbedingt  zuzutrauen.  Aber  auch  die  übrigen  Ge- 
schichtchen haben  an  Klatschweibern  wie  Aelian  und  Diogenes 
schlechte  Büi-gen,  und  selbst  der  treffliche  Plutarch  ist  in 
der  Aufiiahme  fremder  Erzählungen  gar  nicht  immer  so  vor- 


f^'^iZ^ 


60  Zur  Ehrenrettung 

sichtig , '  dass  man  ihm  unbedingt  vertrauen  könnte.  Erzählt 
er  doch  selbst  das  gleiche,  wie  von  der  Xanthippe,  an  einem 
andern  Ort  von  der  Frau  des  Pittakus,  welchem  gleichfalls 
nachgesagt  wird,  dass  er,  mit  Heumann  zu  reden,  „ein  sol- 
ches Murmelthier  zur  Ehe  gehabt  habe/^  Ueberhaupt  aber 
waren  die  Griechen  ein  höchst  unterhaltungssüchtiges  Volk, 
das  über  seine  berühmten  Männer  zahllose  Geschichtchen 
aller  Art  herumbot;  was  insbesondere  die  Gelehrten  der  ale- 
xandrinischen  Periode  betrifft,  denen  wir  die  obigen  Nach- 
richten verdanken,  so  konnten  sie  es  in  det  Anekdotenjagd 
mit  jedem  neuesten  Feuilletonisten  aufhehmeiP.  Und  gerade 
die  Philosophen  —  wir  müssen  es  leider  gestehen  —  und 
ihre  Geschichtschreiber  scheinen  sich  darin  nicht  zu  ihrem 
Vortheil  hervorgethan  zu  haben.  Wir  sehen  aus  einem  Dio- 
genes, Aelian,  Athenäus  und  anderen,  welche  Masse  von  klei- 
nen Geschichten  über  die  Philosophen  der  Vorzeit  damals 
im  Umlauf  war,  fast  durchaus  müssige,  oft  recht  ungesalzene 
Erfindungen,  mit  denen  die  Eifersucht  einer  Philosophenschule 
den  Auktoritäten  der  andern  etwas  anhängte,  oder  die  Neu- 
gierde die  Lücken  der  geschichtlichen  Eenntniss  ausfüllte. 
Dazu  kam  dann  noch  im  vorliegenden  Falle  der  Umstand, 
dass  der  philosophische  Gleichmuth  des  Sokrates  in  seinem 
Yerhältniss  zu  Xanthippe  bei  den  späteren  Moralisten  und 
ßhetoren  ein  äusserst  beliebtes  Thema  war.  Diese  Tugend 
des  Philosophen  erschien  natürlich  in  einem  um  so  glänzen- 
deren Lichte,  je  stärker  die  Versuchungen  waren,  gegen  die 
sie  sich  zu  behaupten,  je  empörender  die  Behandlung,  durch 
deren  Erduldung  sie  sich  zu  bewähren  hatte.  Manche  von 
den  Geschichtchen  über  Xanthippe  haben  ohne  Zweifel  nur 
diesem  Interässe  des  rednerischen  Effekts  ihre  Entstehung  zu 
verdanken,  und  alle  ohne  Ausnahme  sind  sehr  unsicher,  so 
weit  sie  uns  nur  von  Schriftstellern  aus  der  Zeit  nach  Ale- 
xander überliefert  sind. 

Was  uns  wirklich  geschichtliches  von  den  ehelichen  Ver- 
hältnissen des  grossen  Atheners  bekannt  ist,  beschi*änkt  sich 
auf  die  gelegentlichen  Mittheilungen  Xenophon's  und  Plato's. 


der  Xanthippe.  61 

Aus  diesen  sehen  wir  nun  allerdings,  dass  Xanthippe  keine  sehr 
wünschenswerthe  Haus&au  gewesen  sein  muss.  In  Xenophon's 
Sokratischen  Denkwürdigkeiten  n,  2  beschwert  sich  der  Sohn 
des  Philosophen,  dass  niemand  die  üble  Laune  seiner  Mutter 
ertragen  könne,  und  im  Gastmahl  desselben  Schriftstellers 
fragt  Antisthenes  seinen  Meister,  wie  er  es  bei  einer  Frau 
aushalte,  mit  der  gewiss  schwerer  zu  leben  sei,  als  mit  irgend 
einer  von  allen ,  die  es  sonst  gebe  und  jemals  gegeben  habe, 
ja  wohl  auch  vpn  allen ,  die  es  in  Zukunft  geben  werde. 
Dieses  ist  freilich  ein  bedenkliches  Zeugniss,  und  selbst  das 
wird  unserer  Schutzbefohlenen  nicht  allzuviel  helfen,  dass  wir 
sie  nach  der  Schilderung  Plato's  im  Phädo  an  dem  Mor- 
gen vor  der  Hinrichtung  des  Philosophen  mit  ihrem  kleinen 
Kinde  bei  ihm  laut  jammernd  und  wehklagend  im  Kerker 
treffen;  denn  selbst  dieser  Schmerz  hat  etwas  wildes  und 
lässt  die  heftige  Gemüthsart  der  Frau,  wie  diess  auch  Plato 
andeutet,  wohl  erkennen.  Indessen  sehen  wir  aus  diesem  Zug 
doch,  dass  sie  wenigstens  trotz  ihres  leidenschaftlichen  Wesens 
im  Grunde  gutherzig,  und  dass  die  Anhänglichkeit  an  ihren 
siebzigjährigen  Gatten  unter  den  vieljährigen  Uebungen  seiner 
Geduld  nicht  erloschen  war.  Dasselbe  bezeugt  ihr  auch  So- 
krates  selbst  in  dem  Gespräche  mit  seinem  Sohne  Lamprokles. 
Hat  sie  dich  je  gebissen  oder  mit  Füssen  getreten?  fragt  er 
ihn,  und  da  Lamprokles  dieses  verneint,  dafür  aber  geltend 
macht,  sie  führe  Reden,  die  kein  Mensch  anhören  könne, 
so  giebt  er  ihm  zu  bedenken,  dass  es  nicht  so  schlimm  ge- 
meint sei,  und  dass  Xanthippe  trotzdem  treulich  für  ihren  Sohn 
sorge  und  ihm  aufrichtig  wohlwolle.  Das  Prädikat  eines  bösen 
Weibes  wird  damit  allerdings  nicht  völlig  von  ihr  genommen, 
aber  es  wird  doch  dahin  beschränkt,  dass  wir  unter  der  bösen 
keine  bösartige  Frau  verstehen  dürfen. 

Um  aber  gerecht  zu  sein,  dürfen  wir  nicht  verbergen, 
dass  vielleicht  auch  noch  andere  Frauen,  ausser  Xanthippe,  mit 
emem  Gatten  wie  Sokrates  nicht  ganz  zufrieden  gewesen 
wären.  Es  ist  wahr,  Sokrates  war  ein  Mann  von  seltener 
Grösse,   ein  Refonnator  der  Philosophie,  ein  tiefer,  mit  aller 


62  Zur  Ehrenrettang 

Anstrengung  an  sich  arbeitender  Denker,  ein  Tugendheld,  wie 
das  ganze  klassische  Alterthum  keinen  ähnlichen  aufweist, 
ein  Geist,  dessen  inneren  Reichthum,  ein  Charakter,  dessen 
Reinheit,  Redlichkeit  und  Uneigennützigkeit ,  dessen  strenge, 
unerschütterliche  Rechtlichkeit,  dessen  unbedingte  Hingebung 
an  die  Sache  der  Wahrheit  und  der  Tugend  seine  Schüler 
nicht  genug  zu  rühmen  wissen.  Aber  ob  er  darum  auch  der 
angenehmste  Ehemann  war,  fragt  sich.  Wenn  Xanthippe  auf's 
Aeussere  sah,  hatte  sie  alles  Recht,  sich  zu  beklagen.  Denn 
darüber  sind  alle  unsere  Berichterstatter  einverstanden,  dass 
zwar  keiner  seiner  Zeitgenossen  weiser  und  besser,  dass  aber 
kaum  ein  zweiter  so  hässlich  gewesen  sei,  wie  Sokrates.  Er 
selbst  hält  im  xenophontischen  Gastmahl  in  heiterer  Laune 
eine  Lobrede  auf  seine  Schönheit,  die  uns  von  seiner  vielbe- 
sprochenen Silenengestalt  einen  anschaulichen  Begriff  giebt. 
Indem  er  nach  griechischem  Sprachgebrauche  die  Schönheit 
der  Zweckmässigkeit  gleichsetzt,  beweist  er,  seine  voi-stehenden 
Augen  seien  die  schönsten,  denn  er  könne  damit  nicht  blos 
geradeaus  sehen,  sondern  auch  seitwärts;  seine  Nase  sei  die 
schönste,  denn  mit*den  aufgestülpten  Nasenflügeln  lassen  sich 
die  Gerüche  von  allen  Seiten  auffangen,  und  die  einwärts 
gebogene  Nasenwurzel  hindere  ihn  nicht,  mit  einem  Auge  in 
das  andere  zu  sehen;  mit  seinem  grossen  Mund  könne  er 
mehr  abbeissen  als  ein  anderer,  und  von  seinen  wulstigen 
Lippen  seien  die  weichsten  Küsse  zu  erwarten.  Es  mag  da- 
hingestellt bleiben,  ob  sich  Xanthippe  durch  diese  Erwägung 
für  die  sonstigen  äusseren  Eigenschaften  ihres  Mannes  ent- 
schädigt finden  konnte;  aber  wenn  auch  sie  selbst  schwerlich 
den  drei  Grazien  zum  Modell  gedient  hat,  welche  später  als 
Werk  des  Sokrates  auf  der  Burg  von  Athen  gezeigt  wurden, 
so  wäre  es  ihr  doch  kaum  zu  verübeln  gewesen,  wenn  sie 
mit  dem  Schicksal  haderte,  das  aus  dem  schönen  Volke  der 
Griechen  ihr  gerade  den  hässlichsten  Gatten  erwählt  hatte. 
Geistreiche  Männer  freilich  und  Frauen  wie  Aspasia  wussten 
in  Sokrates,  wie  Plato  sagt,  unter  der  Hülle  des  Silen  ein 
Götterbild  von  imschätzbarer  Schönheit  zu  entdecken;    aber 


I  » 

f 


der  Xanthippe.  63 

mQ  selten  mag  unter  den  geistig  verwahrlosten  Griechinnen 
der  Sinn  fttr  eine  Grösse  gewesen  sein,  die  auch  von  ihren 
männlichen  Zeitgenossen  nur  zum  kleinsten  Theil  verstanden 
wurde,  und  wie  manche  Frau  giebt  es  wohl  auch  heute  noch, 
die  in  einem  Sokrates  wenigstens  dann,  wenn  er  ihr  Mann 
wäre,  nur  einen  trockenen  Pedanten  oder  einen  überspannten 
Sonderling  zu  sehen  wüsste! 

Denn  darüber  dai*f  man  sich  nicht  täuschen:    wenn  So- 
krates heute  wieder  unter  uns  aufträte,  so  würde  man  noch 
viel  mitleidiger  über  ihn  die  Achseln  zucken  und  noch  viel 
ungereimtere  Dinge  von  ihm  erzählen,  als  diess  seiner  Zeit  in 
Athen  geschehen  ist    Man  denke  sich  einen  Menschen,   der 
sein  Hauswesen  vernachlässigt,   der  kein  Amt  sucht  und  kein 
Gewerbe  treibt,  weil  er  überzeugt  ist,  dass  er  im  Dienste  der 
Gottheit  an  anderen  zu. arbeiten  habe;    einen  Mann,  welcher 
sich  den  ganzen  Tag  auf  den  Strassen  und  öffentlichen  Plätzen 
herumtreibt,    um  jeden  Begegnenden   über   sein  Thun   und 
Lassen  und  über  den  Zustand  seines  Innern  auszufragen ;  einen 
Philosophen,  bei  dem  die  Dialektik  so  zur  Leidenschaft  ge- 
worden ist,  dass  er  jedermann  ohne  Ausnahme  in  die  Schule 
nimmt,  und  nicht  blos  aus  Schustern  und  Schneidern,  sondern 
bei  Gelegenheit  selbst  aus  Hetären  den  Begriff  ihres  Gewerbes 
herauskatechisirt.     Man   lilste  diesen  Mann  femer  mit  den 
mancherlei  auffallenden  Aeusserlichkeiten  aus,   die   uns  von 
Sokrates  erzählt  werden:   dem  Hängebauch  und  dem  Silenen- 
gesicht,    den  unbeschuhten  Füssen  und  dem  groben  Mantel, 
der  bei  keiner  Feierlichkeit  und  in  keiner  Jahreszeit  wechselte ; 
man  vergesse  auch  die  Gleichgültigkeit  gegen  die  bestehende 
Sitte  nicht,  die  ihm  erlaubte,  noch  als  alter  Mann  Musikstunde 
zu  nehmen  und  zu  seiner  Bewegung  jezuweilen  allein  in  sei- 
nem Haus  einen  Tanz  aufzuführen,  und  man  wird  zu  dem 
Bild  eines  Sonderlings  in  der  That  schon  Züge  genug  haben. 
Ist  nun  aber  dieser  Sonderling  vollends  auch  noch  ein  Inspi- 
rirter ;  hören  wir  ihn  im  nihigsten  Tone  der  üeberzeugung  von 
der  göttlichen  Stimme  reden,  die  ihm  zukünftige  Erfolge  vor- 
hersage; sehen  wir  ihn  das  einemal,  wenn  er  in  einem  Hause 


*> 


64  Zur  Ehrenrettung 

ZU  Gaste  geladen  ist,  vor  der  Thüre  des  Nachbarhauses  in 
tiefem  Sinnen,  wie  festgewurzelt,  dastehen,  das  anderemal  aus 
derselben  Ursache  mitten  im  Feldlager  vierundzwanzig  Stunden 
lang  auf  Einem  Fleck  aushalten,  ohne  dass  er  wahrnimmt 
oder  beachtet,  was  um  ihn  her  vorgeht  —  wie  wenige  würden 
einem  so  seltsamen  Manne  Gerechtigkeit  widerfahren  lassen, 
und  wie  viele  Frauen  könnten  wahrheitsgemäss  versichern, 
dass  ein  solcher  Gemahl  immer  gleich  fi-eundlich  von  ihnen 
empfangen  würde? 

Wer  unter  diesen  Eigenthümlichkeiten  des  Philosophen 
am  meisten  zu  leiden  hatte,  das  waren  ohne  Zweifel  seine 
Frau  und  seine  Kinder.  Denn  da  er  kein  Vermögen  besass 
und  seine  geistige  Begabung  zum  Gelderwerb  zu  benützen 
verschmähte,  so  lebte  er,  wie  er  bei  Plato  selbst  sagt,  in 
tausendfältiger  Armuth,  und  litt  oft  an  dem  nothwendigsten 
Mangel.  Ein  Sokrates  empfand  das  kaum  als  eine  Entbeh- 
rung ;  aber  Xanthippe  brai^hte  in  der  That  noch  gar  keine 
besonders  schlimme  Frau  zu  sein,  sie  brauchte  nm*  nicht  über 
das  gewöhnliche  Mass  der  Menschen  hinauszureichen,  um  sich 
in  einer  so  dürftigen  Lage  höchst  unglücklich  zu  fahlen  und 
dem  Gatten  böse  zu  sein,  der  sich  durch  seine  Gillbeleien 
abhalten  liess,  fllr  sie  lind  seine  Kinder  zu  arbeiten.  Wenn 
es  auch  nicht  wahr  sein  sollte,  was  von  Späteren  erzählt  wii-d, 
dass  Sokrates  und  Xanthippe  nur  Ein  gemeinsames  Oberkleid 
besessen  haben,  dass  daher  diese  zu  Hause  bleiben  musste, 
wenn  jener  ausgieng  —  er  war  ja  aber  fast  immer  auf  der 
Strasse,  —  wenn  auch  dieses,  wie  gesagt,  schwerlich  wahr 
ist,  so  mögen  doch  ähnliche  Dinge  in  dem  Haushalt  eines 
Mannes  nicht  selten  gewesen  sein ,  der  bei  Plato  seine  ökono- 
mische Leistungsfähigkeit  höchstens  auf  eine  attische  Silber- 
mine (siebzig  Mark),  bei  Xenophon  sein  ganzes  Vermögen, 
mit  Einschluss  des  kleinen  Hauses ,  auf  fünf  Minen  anschlägt, 
und  der  dabei  allen  Erwerb  versäumte,  um  im  Dienste  des 
delphischen  Gottes,  aber  eben  nicht  in  dem  des  Plutos,  seinem 
Beruf  als  Menschenbildner  nachzugehen.  Es  ist  uns  nichts 
davon  überliefert,  inwieweit  gerade  dieser  Umstand  den  Haus- 


4er  Xanthippe.  65 

frieden  des  Philosophen  gestört  hat;  aber  wir  werden  dem 
schönen  Geschlecht  dui*ch  die  Annahme  nicht  zu  nahe  treten, 
dass  auch  noch  heute  der  Friede  manches  Hauses  empfindlich 
gestört  Würde,  wenn  der  Haushen-  den  lieben  langen  Tag 
statt  der  Kanzlei  oder  der  Werkstatt  auf  den  Strassen  und 
öffentlichen  Plätzen  zubrächte ,  um  sich  als  freiwilliger  Seel- 
sorger seiner  Bekannten  anzunehmen,  während  Weib  und 
Kinder  zu  Hause  mit  Entbehrungen  jeder  Art  zu  kämpfen; 
hätten.  Wenn  vollends  ein  solcher,  wie  der  Spkrates  des 
platonischen  Gastmahls,  nach  einer  mit  Dichtem  und  vor- 
nehmen HeiTcn  beim  Becher  durchwachten  Nacht  erst  am 
folgenden  Abend  heimkäme,  so  würde  vielleicht  noch  manche 
Frau  gelinder  oder  kräftiger  „donnern,"  selbst  wenn  ihr  Mann 
ein  Sokrates  wäre  und  sie  keine  Xanthippe. 

Noch  einen  Punkt  müssen  wir  hier  berühren,  der  auf  die 
ehehchen  Verhältnisse  des  Philosophen  von  Einfluss  gewesen 
sein  könnte.  Zwar  wird  nur  von  sehr  unzuverlässigen  Zeugen 
berichtet,  dass  Xanthippe  den  Sokrates  auch  durch  Eifersucht 
gequält  habe,  aber  wenn  sie  es  gethan  hätte,  so  wäre  das 
nicht  zu  verwundern ;  dann  vollends  nicht,  wenn  es  wahr  wäre, 
was  manche  behaupten,  dass  Sokrates  neben  ihr  gleichzeitig 
noch  eine  zweite  Frau,  Namens  Myrto,  gehabt  habe.  Indessen 
ist  diess  eine  böswillige  und  alberne  Erfindung,  und  mit  ihr 
fällt  auch  die  weitere  Angabe,  dass  die  Thätlichkeiten ,  in 
welche  die  Eifersucht  dieser  beiden  Weiber  bisweilen  ausbrach, 
sich  in  der  Regel  am  Ende  auf  das  Haupt  des  Mannes  ent- 
laden haben,  der  ihnen  mit  Lachen  zusah.  Aber  auch  ohne 
das  hatte  Xanthippe,  nach  unseni  Begriffen,  manchen  Anlass 
zum  Misstrauen,  falls  die  Neigung  zur  Eifersucht  überhaupt 
in  ihrer  Natur  lag.  Sokrates  war  allerdings  auch  im  Umgang 
mit  Frauen  und  Jünglingen  ein  Muster  von  Enthaltsamkeit, 
und  seine  Zeitgenossen,  die  eine  leichtfertigere  Sitte  gewöhnt 
waren,  können  sich  darüber  nicht  genug  wundem.  Nichts- 
destoweniger könnte  eine  Frau  doch  vielleicht  glauben,  dass 
sie  einigen  Grund  habe  zu  schmollen,  wenn  ihr  Mann  heute 
einer  Aspasia   zu  Füssen   sässe   und  morgen  einer  Diotima, 

Zeller,  Vorträge  und  Abhandl.  5 


de  der  xeinq)hontische  Sokrates,  eine  He- 
ite  und  äch  mit  ihr  freundschaftlich  unter- 
linem  Maler  Model]  steht.  Die  gnechische 
ä-eilich  vieles,  nas  von  der  uosrigen  ver- 

en  wir  auch  das  nicht  verschwelen,  dass 
ehr  zärtlicher  Ehemann  gewesen  zu  sein 
OQ  erwähnten  Stelle  in  Xenophon's  Gast- 
luf  die  Frage  des  Antisthenes,  warum  er 
Ainen  nicht  abgewöhne :  „Desshalb ,  nicht, 
auch  die,  welche  sich  zu  guten  Bereitern 
h  nicht  mit  frommen,  sondern  mit  feurigen 
lenn  sie  denken,  wenn  sie  diese  zu  bändi- 

,  so  werden  sie  aller  andern  leicht  Herr 
Etuch  ich  mir,  da  ich  lernen  wollte  mit 
II,  diese  Frau  genommen,  denn  ich  wnsste, 
),  so  würde  ich  mit  jedermann  sonst  aus- 
Iweck  ist  allerdings  bei  Sokrates,  so  viel 
worden,  aber  seine  Frau  konnte  sich  durch 
i  GeduldsQbung  zu  benutzen,  wenig  ge- 
ind  ein  innigeres  Verhältniss  kann  zwischen 
licht  stattgefunden  haben,   wenn  der  an- 

den  Philosophen  nicht  wirkbch  das  Motiv 
m  nur  eine  spätere  Ausrede  gewesen  ist. 
1  ernsthafteren  Falle  sehen  wir  Sokrates 
Tiit  einer  Härte  verfahren,  die  etwas  ver- 

Gefflhl  hat.  „Am  Morgen  seines  Todes- 
itonische  Pbädo,  „trafen  wir  die  Xanthippe 
eben  seinem  Bett  sitzend  im  GeßLngniss. 
■ß,  erhob  sie  ein  Wehklagen  und  redete 
r  "Weiber,  wie  etwa :  „0  Sokrates,  das  ist 
dich  deine  Freunde  sprechen  und  dass  du 
ber  sagte  Sokrates  mit  einem  Blick  auf 

sie  einer  nach  Hause."  Auf  dieses  führten 
euten  die  Xanthippe  unter  Geschrei  und 
lg"  —  Sokrates  aber  beginnt  ganz  ruhig 


der  Xanthippe. 


67 


eine  philosophische  Unterredung.  Man  sieht,  grosse  Zärtlich- 
keit wai*  nicht  seine  Sache,  und  wir  wtti'den  diess  von  dem 
Griechen  und  von  dem  Manne,  der  seinem  höheren  Berufe 
jede  andere  Rücksicht  unbedenklich  zu  opfern  gewohnt  war, 
zum  voraus  nicht  anders  erwarten.  Solche  Charaktere  pflegen 
gegen  andere  so  wenig,  als  gegen  sich  selbst,  weich  und  schwach 
zu  sein,  und  auch  wenn  es  ihnen  nicht  an  Gefühl  fehlt,  werden 
sie  doch  gerade  in  wichtigen  und  ernsten  Momenten  die  ruhige 
und  trockene  Sprache  des  Verstandes  lieber  reden,  als  die 
erregte  des  Herzens.  Aber  von  einer  leidenschaftlichen  und 
wenig  gebildeten  Frau,  wie  Xanthippe,  ist  nicht  zu  verlangen, 
dass  sie  diess  begi*eife;  um  so  weniger  wird  eine  solche  sich 
geneigt  fühlen,  dem  kalten  und  scheinbar  gefühllosen  Manne 
gegenüber  die  Heftigkeit  ihres  Temperaments  durch  zartere 
Bücksichten  zu  massigen. 

Ich  muss  es  dahingestellt  sein  lassen,  inwieweit  es  mir 
gelungen  ist,  von  dem  Namen  der- Xanthippe  einen  Theil  der 
Schande  abzuwischen,  die  ihm  bisher  anklebte.  Zu  einem 
Ehrennamen  habe  ich  ihn  schwerlich  zu  erheben  vermocht. 
Mag  er  aber  auch  nach  wie  vor  uns  andern  verpönt  bleiben, 
so  lässt  ihn  sich  doch  vielleicht  die  eine  oder  die  andere 
Leserin,  falls  diese  Blätter  überhaupt  Leserinnen  finden  sollten, 
wenigstens  aus  dem  Mund»  des  liebenswürdigen  Dichtei*s  ge- 
fallen, mit  dessen  Worten  ich  schliesse: 

Mädchen,  wer  ergründet  euch? 
Räthsel  ohne  Ende! 
Arg  und  falsch  und  engelgleich, 
Wer  das  reimen  könnte! 

0  nicht  süssen  Honig  nur 
Führen  eure  Lippen; 
Und  so  seid  ihr  von  Natur 
Liebliche  Xanthippen. 


5* 


1  seiner  Bedeutung  für 


lea  kennt,  der  kennt  mehr  als 
s  gilt  diess  nicht  blos  von  den 
nzen  Zeiten  und  Völkern ;  und 
iche  Interesse  jener  Schriften, 
Zustände  gewidmet  sind,  jener 
in  der  Geschichte  der  ßeligion, 
isens  eine  so  bedeutende  und 
Solche  Schriften  pflegen  Vor- 
gen auszumalen,  die  weit  über 
den*  gegebeneD  VerhaltnisseD, 
IS  überhaupt  unter  Menschen 
äch  sie  in  der  Regel  ausseheu: 
n  ihrer  Zeit  und  bedeutender 
werden  wir  doch  nicht  wenig 
erseits  offenbaren  sie  uns  die 
:  das  höchste  und  wünschens- 
t  die  Triebfedern,  von  welchen 
enen  sie  hervorgiengen.  Ande- 
1  den  gegebenen  Zuständen  in 
.  verfehlt  erkannt,  unter  wd- 
ierung  gehofft  wurde;  und  sie 
ingenheit,  indem  sie  dieselbe 
lus  prüfen  und  oft  unerbittlich 


/  .• 


Der  platonische  Staat.  69 

venirtheilen,  theils  werfen  sie  prophetische  Bilder  der  späteren 
geschichtliehen  Gestaltungen  in  die  Zukunft.  Denn  jedes  wahr- 
hafte und  geschichtlich  berechtigte  Ideal  ist  nothwendig  eine 
Weissagung,  und  eben  das  ist  es,  was  den  Idealisten  vom 
Phantasten  unterscheidet,  dass  dieser  willkührlich  selbstge- 
machte Zwecke  mit  unmöglichen  Mitteln  verfolgt,  jener  da- 
gegen von  dem  Gefühl  vorhandener  üebelstände  ausgeht  und 
geschichtlich  berechtigten  Zielen  zustrebt,  welche  nur  desshalb 
in  ihrer  weiteren  Ausführung  phantastisch  werden,  weil  die 
Bedingungen  füi*  ihre  reinere  Fassung  und  ihre  natm-geriftlsse 
Verwirklichung  poch  nicht  vorhanden  sind. 

Unter  allen  Schriften,  auf  welche  die  vorstehenden  Be- 
merkungen anwendbar  sind,  ist  wohl  kaum  eine  zweite  an 
geschichtlicher  Bedeutung,  wie  an  innerem  Gehalt,  mit  der 
platonischen  Republik  zu  vergleichen.  Uns  freilich  spricht 
auch  diese  Schrift  auf  den  ersten  Blick  seltsam  genug  an. 
Ein  Staat,  in  welchem  die  Philosophen  regieren,  und  mit  un- 
bedingter Machtvollkommenheit,  ohne  eine  Verfassung  oder 
sonst  eine  gesetzliche  Schranke,  regieren  sollen;  in  welchem 
die  Trennung  der  Stände  so  streng  durchgeführt  ist,  dass  den 
Kriegern  und  Beamten  jede  Beschäftigung  mit  Landwirthschaft 
und  Gewerben  untersagt  wird,  die  Landbauer  und  Gewerbe- 
treibenden ohne  Ausnahme  von  aller  politischen  Thätigkeit 
femgehalten,  zu  steuerzahlenden  ünterthanen  herabgedi-ückt 
werden;  in  welchem  andererseits  die  Staatsbürger  ganz  nur 
dem  Staate,  nie  und  in  keiner  Beziehung  sich  selbst  gehören 
sollen;  ein  Staat,  welcher  für  seine  höheren  Stände  die  Ehe, 
die  Familie,  das  Privateigenthum  aufhebt;  wo  alle  Verbin- 
dungen* von  Mann  und  Weib  für  den  einzelnen  Fall  von  der 
Obrigkeit  angeordnet,  die  Kinder,  ohne  ihre  Eltern  zu  kennen, 
von  ihrer  Geburt  an  in  öflfentlichen  Anstalten  erzogen,  die 
sämmtlichen  Aktivbürger  auf  Staatskosten  gemeinschaftlich 
gespeist,  die  Mädchen  ebenso,  wie  die  Knaben,  in  Musik  und 
Gymnastik,  in  Mathematik  und  Philosophie  untenichtet,  die 
Weiber,  wie  die  Männer,  zu  Soldaten  und  Beamten  verwendet 
werden;   ein  Staat,  welcher  auf  wissenschaftliche  Bildung  ge- 


Der  platoniBche  Staat 

adet  sein  will,  und  doch  der  freien  Bewegui^  de&  geistigen 
ens  die  stärksten  Fesseln  anlegt,  jede  Abweichung  von 

herrschenden  Grundsätzen,  jede  sittliche,  religiöse  und 
stierische  Neuerung  streng  unterdrückt  —  ein  solcher  Staat 
it  mit  allen  imsern  moralischen  und  politischen  Begriffen  so 
fach  im  Widei-spruch,  er  scheint  nicht  blos,   sondern  er 

auch  so  unausführbar,  und  er  ist  diess  schon  in  seiner 
.  selbst  so  sehr  gewesen,  dass  es  nicht  zu  verwundern  ist, 
n  der  „platonische  Staat"  fUr  ein  phantastisches  Ideal,  für 
tinbilduDg  eines  Träumers,    sprichwörtlich, geworden  ist. 

Es  ist  noch  nicht  so  lange  her,  dass  er  allgemein  für 
its  anderes  gehalten  wurde.  Heutzutage  hat  man  sich 
ich  nachgerade  aberzeugt,  dass  hinter  diesem  Fbantasiebild 
;  mehr  Realität  steckt,  als  man  bei  oberflächlicher  Betracb- 
l  glauben  möchte.  Kicht  allein,  dass  Plato  selbst  seine 
schlage  ganz  ernstlich  genommen  wissen  will,  und  nur  von 
;n,  wie  er  ausdrOcklich  erklärt,  Heil  fUr  die  Menschheit 
artet:  es  ist  auch  so  viel^  dann,  was  bestehenden  Sitteo 

Einrichtungen  entspricht,  und  auch  ihre  auffallendsten 
timmungen  begreifen  sieb  so  vollständig  aus  den  Zuständen 
ir  Zeit  und  aus  der  Eigenthümlichkeit  der  platonischen 
osophie,  dass  wir  daiin  nicht  wiUkührliche  Erfindungen 
iü  können,  sondern  nur  Folgerungen-,  welchen  sich  der 
osoph  gerade  desshalb  nicht  zu  entziehen  wusste,  weil  er 
Grieche  des  vierten  vorchristlichen  Jahrhunderts  und  ein 
erichtig  denkender  Mann  war.  Gleich  die  eiste  Grund- 
erung  seines  Staates,  die  Herrschaft  der  Philosophen,  ist 
leich  aus  den  gegebenen  Zuständen  und  aus  den  Voraus- 
ungen  des  platonischen  Systems  abzuleiten.    Jenes',  sofem 

herkömmlichen  griechischen  Verfassungen  sich  sichtbar 
riebt,  und  in  den  Wirren  des  peloponnesischen  Kriegs  wett- 
md  am  Verderben  der  Staaten  gearbeitet  hatten;  sofem 
1  die  wiederhergestellte  Demokratie  in  Athen  schon  durch 
Hinrichtung  des  Sokrates  in  Flato's  Augen  sich  ihr  Unheil 
iderruflich  gesprochen  hatte.    Dieses,  weil  ein  System,  das 

Sittlichkeit  auf's  Wissen  gründen  wollte,   auch  für  den 


•V  v 


in  seiner  Bedeutung  für  die  Folgezeit  71 

Staat  keinen  andern  Grund  legen  konnte,  weil  der  Staat  zuih 
Abbild  der  Idee,  das  er  nach  Plato  sein  soll,  nui*  von  denen 
gemacht  werden  kann,  diQ  sich  zui'  Anschauung  der  Ideen  er- 
hoben haben.  Aehnlich  sehen  wir  die  Trennung  der  Stände 
aus  einer  doppelten  Wurzel  hervorgehen:  aus  der  Verachtung 
des  Griechen  gegen  die  Handarbeit,  welche  den  meisten  das 
Gewerbe,  den  Spartanern  selbst  den  Landban  als  eine  Er- 
niedrigung für  den  freien  Mann  erscheinen  Uess;  und  aus 
der  Furcht  des  Philosophen,  seine  Bürger  in  die  Beschäftigung 
mit  der  Sinnenwelt  zu  verwickeln,  aus  der  Ueberzeugung, 
dass  nur  eine  gründliche  Geistes-  und  Charakterbildung  zu 
den  höheren  Aufgaben  des  Kriegei-s  und  des  Staatsmanns  be- 
fähigen könne,  und  dass  diese  mit  dem  Streben  nach  irdischem 
Gewinn,  mit  einer  Thätigkeit,  welche  den  sinnlichen  Bedürf- 
nissen und  Begierden  dient,  unvereinbar  sei.  Wenn  endlich 
jene  Unterdrückung  der  persönlichen  Interessen,  welche  in 
der  Aufhebung  der  Ehe  und  des  Privateigenthums  ihren 
schroffsten  Ausdruck  findet,  jene  Rechtlosigkeit  des  Einzelnen 
in  seinem  Verhältniss  zum  Staate  uns  nothwendig  abstösst, 
so  ist  sie  doch  nur  das  äussei-ste  einer  Denkweise,  welche 
dem  Hellenen  eben  so  natürlich  war,  wie  sie  uns  fremd  ist; 
denn  dass  die  Bürger  um  des  Staates  willen  da  seien,  nicht 
der  Staat  um  der  Bürger  willen,  dass  dem  Ganzen  gegenüber 
kein  Einzelner  ein  Recht  habe,  darüber  war  man  in  Griechen- 
land einverstanden,  und  in  Sparta  besonders  näherte  sich  auch 
die  bestehende  Sitte  in  vielen  Beziehungen  den  platonischen 
Einrichtungen.  Es  war  z.  B.  gestattet,  im  Fall  des  Bedürf- 
nisses fremder  Vorräthe,  Werkzeuge,  Hausthiere  und  Sklaven 
wie  der  eigenen  sich  zu  bedienen;  es  war  den  Bürgera  der 
Besitz  von  Gold  und  Silber  untereagt,  statt  der  edeln  Metalle 
wurde  Eisen  zu  den  Münzen  verwendet ;  die  männliche  Bevöl- 
kerung wurde  auch  im  Frieden  durch  Gemeinsamkeit  der 
Mahlzeiten,  der  Uebungen,  der  Erholungen,  selbst  der  Schlaf- 
stätten dem  Hause  fast  gänzlich  entzogen,  sie  lebte,  wie  die 
platonischen  Krieger,  in  der  Weise  einer  Besatzung;  ihre 
Erziehung  war  von  den  Kinderjahren  an  eine  öffentliche,  und 


Der  platonisctie  St&at 

Mädchea  hatten  aa  den  Leibesübui^n  theilzunehmen; 

wurde  vom  Staat  flberwacht,  ein  bejahrterer  Mann 
leiner  Frau  einen  Freund  zufuhren,  ein  kinderloser 
im  andern  die  seinige  leihen;  gegen  Einschleppui^ 
Sitten,  gegen  Neuerungen  aller  Art  wurden  die  streng- 
sregeln  ei^ffen,  Reisen  in'a  Ausland  untersagt,  Dichter 
irer,  von  denen  man  einen  übeln  Einfluss  forchtete, 
les  verwiesen,  einem  Musiker,  welcher  die  herkömm- 
[il  der  Saiten  an  der  Lyra  vermehrt  hatte,  die  öber- 
abgeschnitten.  Man  sieht  deutlich:  jeue  Einrichtni^n 
ndsätze,  die  uns  bei  Plato  so  sehr  befremden,  waren 
tienland  nicht  so  unerhört,  sie  schliessen  sich  an  das 
de  an,  sie  sind  aus  dem  Boden  des  hellenischen  Staats- 
irwachsen. 

m  aber  Plato  in  dieser  Richtung  allerdings  weiter 
s   irgend   ein  früherer,    wenn  er  namentlich  in  der 

und  Gütergemeinschaft  alles  Ernstes  Vorschläge  ge- 
at,  wie  sie  vor  ihm  nur  die  Laune  eines  Aristophanes, 
■er  Art  freilich,    als  Gipfel  alles  politischen  Unsinns 

Bühne  gebracht  hatte,  so  findet  auch  diess  in  den 
issen  der  Zeit  und  in  dem  Geist  der  platonischen 
lie  seine  Erklärung.  Einerseits  nämlich  hatten  lange 
rere  Erfahrungen  seit  dem  Anfang  des  peloponnesisdien 

gezeigt,   von  welchen  Gefchren  die  Wohlfahrt  der 

durch  die  Selbstsucht  der  Einzdnen  bedroht  sei. 
lefeihren  wollte  Plato  vorbeugen,  indem  er  jener  Selbst- 
e  Wurzel  abschnitt:  er  wollte  durch  gänzliche  Auf- 
les  Privatbesitzes  den  Streit  der  Privatinterfösen  gegen 
smeine  Interesse  unmöglich  machen.  Einigkeit,  sagt 
Ol'  den  Staat  das  erste  BedUrfiüss;  die  volle  Einigkeit 
her  nur  da  sein,  wo  keiner  etwas  für  sich  habe.  Er 
also  den  gleichen  politischen  Fehler ,  wie  ihn  später 
begangen  hat,  als  er  den  Ußbeln  der  Revolution  durch 
rankten  Despotismus  begegnen  wollte,  wie  ihn  die 
nstler  der  Reaktion  heute  noch  täglich  begehen,  wenn 
Jebergriffe  des  Freiheitsstrebens  nicht  durch  Befrie- 


Jü»j  m  --.     > 


in  seiiier  Bedeutung  för  die  Folgezeit.  73 

digung  der  begründeten  und  Abschneidung  unbegründeter 
Forderungen,  sondern  durch  Unterdrückung  aller  Freiheit  zu 
dämpfen  vorschlagen ;  mit  dem  wesentlichen  Untei'schied  freilich, 
dass  bei  Plato  mit  der  unbeschränkten  Herrschennacht  die 
YoDendete  Tugend  und  Einsicht,  mit  den  socialistischen  Ein- 
richtungen eine  Erziehung  der  Staatsbürger  verknüpft  sein 
soll,  welche  jeden  Missbrauch  derselben  zu  verhindern  und  die 
äiisserste  BeschräJikung  der  persönlichen  Freiheit  mit  ihrem 
fi*eien  Wollen  in  Einklang  zu  bringen  hätte.  Mit  den  politi- 
schen Gründen  wirkte  aber  hiefÜr  Plato's  philosophische  Eigen- 
thümlichkeit  zusammen,  und  sie  ist  es,  welche  für  die  Ge- 
staltung seines  Staatsideals  den  Ausschlag  gab.  Die  Härten 
seiner  Vorschläge  beruhen  in  letzter  Beziehung  auf  dem  idea- 
listischen Dualismus  seiner  ganzen  Weltanschauung.  Wer  nichts 
höheres  kennt,  als  die  Betrachtung  der  allgemeinen  Begriffe, 
nichts  wahrhaft  wirkliches,  als  die  ausser  den  Einzelwesen  für 
sich  bestehenden  Gattungen,  wer  in  der  Sinnenwelt  nur  die 
entstellende  Erscheinung  der  übersinnlichen,  in  der  Indivi- 
dualität nur  eine  Beschränkung  und  Trübung,  nicht  die  uner- 

* 

lässUche  Bedingung  für  die  Verwirklichung  des  Allgemeinen 
sieht ,  der  kann  folgerichtig  auch '  im  Leben  keine  freie  Ent- 
wicklung der  Individuen  zugeben;  sondern  er  wird  verlangen 
müssen ,  dass  der  Einzelne  allen  persönlichen  Wünschen  ent- 
sage und  in  selbstloser  Hingebung  sich  zum  reinen  Werkzeug 
der  allgemeinen  Gesetze,  zur  Darstellung  eines  allgemeinen 
Begriffs  läutere.  Ein  solcher  wird  daher  auch  im  Staate  nicht 
darauf  ausgehen  können,  die  Rechte  der  Einzelnen  mit  denen 
der  Gesammtheit  versöhnend  zu  vermitteln,  jene  werden  viel- 
mehr in  seinen  Augen,  dieser  gegenüber,  gar  kein  Recht  haben, 
es  wird  ihnen  nur  die  Wahl  übrig  bleiben,  entweder  auf  alle 
Privatinteressen  zu  verzichten  und  sich,  also  befähigt,  in  den 
Dienst  des  Gemeinwesens  zu  stellen,  oder  sofern  sie  diess 
nicht  wollen,  den  politischen  Rechten  und  der  politischen 
Wirksamkeit  zu  entsagen.  So  hängen  hier  die  politischen  und 
gesellschaftlichen  Einrichtungen  an  den  ersten  Anfängen  des 
Systems.    Die  Bedeutung  der  Individualist,  die  unendliche 


Der  platonJBChe  Staat 

id  BewegUDg  des  wirklichen  Lebens  ver- 
jiess  ist  der  schon  von  Aristoteles  scharf 
ihler  der  platonischen  Metaphysik  und  Aes 
smus. 

ist  auch  schon  anderswo  und  von  anderen 
,  und  nach  dieser  Seite  hin  scheint  sich 
en  Staat  unter  den  Sachverständigen  mehr 
emeine  Uebereinstimmung  zu  bilden.  Ge- 
hat  bis  jetzt  das  Verbältniss  gefunden,  in 
lu  den  Theorieen  und  den  Zuständen  der 
ieser  Gegenstand  soll  daher  hier  in  ge- 

der  kurzen  Andeutungen,  welche  ich  an 
hiertlber  g^eben  habe,  besprochen  werden. 
Beziehung  unsere  Aufmerksamkeit  zunächst 

sind  die  merkwtlrdigen  Bertlhruogspnnkte 
ionischen  Staatsideal  und  dem,  was  sich 
ristlichen  Welt  auf  kirchlichem  und  staat- 
taltet  hat.  Gleich  der  Gmndgedanke  der 
lehre  hat  mit    der   Idee   der  christlichen 

Aehnllchkeit.    Der   Staat  ist  nach  Plato 

Bestimmung  zufolge  nichts  anderes,  als 
nd  ein  Hülfemittel  der  Sittlichkeit;  seine 
ssteht  darin,  seine  Bürger  zur  Tugend  und 
kseligkeit  zu  erziehen,  ihren  Sinn  und  ihr 
I,   geistigen  Welt  zuzuwenden,   ihnen  jene 

Tode  zu  sichern,  welche  sich  am  Schlüsse 
TOssarügem  Ausblick  als,  der  Gipfel  alles 
ens  darstellt.  Es  liegt  am  Tage,  wie  nahe 
Reich  Gottes"  verwandt  ist,  dessen  irdische 
ristliche  Kirche  sein  will.  Die  theoretischen 
id  die  Gestalt  beider  sind  verschieden,  aber 
ist  dei'selbe:  in  beiden  handelt  es  sich  um 
Qwesen,  eine  Erziehungsanstalt,  deren  letztes 
sitigen  Welt  liegt.  Sagt  doch  Plato  auch 
ceine  Bettung  ßii*  die  Staaten,  wenn  nicht 
;n  die  Herrschaft  föhre.    Wenn  femer  diese 


»  in  seiner  Bedeutong  für  die  Folgezeit.  75 

HeiTschaft  bei  Plato  durch  die  Philosophen  ausgeübt  werden 
soll,  weil  sie  allein  im  Besitz  der  höheren  Wahrheit  sind,  so 
nehmen  in  der  mittelalterlichen  Kirche  die  Priester  die  gleiche 
Stellung  ein;  und  wie  jenen  die  Krieger  als  vollziehende 
Macht  zur  Seite  treten,  so  ist  nach  mittelalterlichen  Be- 
griffen eben  dieses  die  höchste  Aufgabe  des  christlichen 
Kriegerstarides,  der  Ritter  und  Fürsten,  die  Kirche  auszu- 
breiten und  zu  schützen,  die  Vorschriften,  welche  sie  durch 
den  Mund  der  Priester  ertheilt,  auszuführen.  Die  drei  mittel- 
alterlichen Stände,  der  Lehrstand,  Wehrstand  und  Nährstand, 
sind  im  platonischen  Staat  vorgebildet,  und  die  Herrschaft  des 
earsteren,  welche  sich  in  der  Wirklichkeit  allerdings  nur  theil- 
weise  chirchsetzen  liess,  ist  wenigstens  von  ihm  selbst  nicht 
minder  entschieden  und  aus  den  gleichen  Gründen  verlangt 
worden,  wie  von  Plato  die  der  Philosophen:  weil  sie  allein 
die  ewigen  Gesetze  kennen,  nach  denen  die  Staaten,  wie  die 
Einzelnen,  sich  richten  müssen,  um  ihrer  höheren  Bestimmung 
zu  entsprechen.  Auch  die  Bedingungen  endlich,  an  welche 
diese  hohe  Stellung  des  Lehrstandes  geknüpft  ist,  sind  in  der 
mittelalterlichen  Kirche  grossentheils  dieselben,  wie  bei  unse- 
rem Philosophen,  nur  aus  dem  Griechischen  in's  Christliche 
übersetzt;  denn  jene  Gemeinsamkeit  alles  Besitzes,  welche 
Plato  den  Staaten  als  höchstes  Gut  wünscht,  ist  auch  christ- 
hches  Ideal,  und  wenn  hiebei  in  der  christlichen  Kirche  der 
Begriff  der  Entsagung,  der  freiwilligen  Annuth,  im  platoni- 
schen Staat  der  der  Gütergemeinschaft  stärker  hervortritt,  so 
hebt  sich  doch  auch  dieser  Unterschied  wieder  grossentheils 
auf :  auch  Plato  verlangt  ja  von  seinen  Philosophen  und  Krie- 
gern, dass  sie  sich  auf  die  einfachste  Lebensweise  zuiilckziehen, 
und  auch  die  christliche  Kirche  hat  die  geistliche  Annuth 
sogar  in  den  Bettelorden  nur  in  der  Form  des  gemeinschaft- 
lichen Besitzes  zu  verwirklichen  vermocht.  Selbst  die  plato- 
nische Weibergemeinschaft  steht  aber  dem  Cölibat  ihrem  Wesen 
nach  weit  näher,  als  man  zunächst  glauben  möchte.  Denn 
für's  erste  sind  die  politischen  Giilnde  beider  Einrichtungen 
die  gleichen :  wie  Plato  seinen  „Wächtern"  die  Gründung  einer 


76  I^er  platonische  Staat 

Familie  untersagt^  damit  sie  ganz  und  ausschliesslich  dem 
Staat  gehören,  so  zwang  Gregor  der  widerstrebenden  Geist- 
lichkeit den  Cölibat  auf,  damit  sie  fortan  ungetheilt  der  Kirche 
gehören  sollte.  Sodann  handelt  es  sich  ja  aber  auch  bei 
Plato's  Weibergemeinschatt  keineswegs  darum,  der  persön- 
lichen' Neigung,  oder  gar  der  sinnlichen  Begierde  einen  freieren 
Spielraum  zu  geben,  sie  von  den  Fesseln  der  Ehe  zu  ent- 
lasten; sondern  es  sollen  umgekehrt  die  persönlichen  Wünsche 
beseitigt,  es  sollen  die  Bürger  in  ihren  geschlechtlichen  Funk- 
tionen, wie  in  allem,  zu  Organen  des  Staats  gemacht  werden, 
die  Ehe  soll  nicht  Sache  der  Neigung  oder  des  Interesses, 
sondern  nur  der  Pflicht  sein:  es  sind  Kinder  zu  erzeugen, 
wenn  der  Staat  deren  bedarf,  und  sie  sind  mit  denen  zu  er- 
zeugen,  welche  der  Staat  zur  Erzielung  eines  kräftigen  Nach- 
wuchses den  Einzelnen  zuweist.  Plato  verlangt  demnach  von 
seinen  Bürgern  eine  Selbstverläugnung ,  eine  Unterordnung 
unter  das  gemeinsame  Interesse,  von  welcher  bis  zur  gänzlichen 
Enthaltsamkeit  nur  ein  Schritt  war;  er  würde  kein  Bedenken 
getragen  haben,  auch  diese  zu  fordern,  wenn  sein  Staat  die 
Ehe  entbehren  könnte  und  wenn  die  Ascese  der  späteren  Jahr- 
hunderte  schon  seine  Sache  gewesen  wäre. 

Es  sind  diess  aber  keine  blossen  Analogieen,  wie  sie  auch 
zwischen  weit  auseinanderliegenden  Erscheinungen  in  Folge 
eines  zufälligen  Zusammentreffens  wohl  vorkommen,  sondern 
es  findet  hier  ein  wirklicher  Zusammenhang,  eine  Einwirkung 
des  früheren  auf  das  spätere  statt.  Denn  so  verfehlt  es  auch 
wäre,  dem  platonischen  Vorgang  einen  unmittelbar  massgeben- 
den Einfluss  auf  die  Gestaltung  des  christlichen  Kirchen-  und 
Staatswesens  zuzuschreiben,  so  wenig  lässt  sich  andererseits 
eine  Verwandtschaft  beider  verkennen,  für  welche  wir  die 
Zwischenglieder  noch  grossentheils  nachweisen  können,  durch 
die  sie  vermittelt  ist.  Die  platonische  Lehre  ist  eines  der 
wichtigsten  von  den  Bildungselementen  des  späteren  klassi- 
schen Alterthums,  eine  geistige  Macht,  deren  Wirkungen  weit 
über  den  Kreis  der  platonischen  Schule  hinausgehen.  Unter 
den  nachfolgenden  Systemen  hat  nicht  blos  das  aristotelische,^ 


.fjikJL  .-^. 


47^7*''^."'*''*" 


in  seiner  Bedeutung  für  die  Folgezeit  77 

sondern  auch  das  stoische,  ihren  Geist  in  sich  angenommen, 
und  das  letztere  besonders  hat  für  seine  Moral  der  platoni- 
schen Ethik  ungemein  viel  zu  verdanken.  Die  Philosophie 
war  aber  in  den  letzten  Jahrhunderten  vor  Christus  bei  allen 
Gebildeten,  so  weit  die  griechische  Sprache  und  Literatur 
reichte,  im  Osten  und  im  Westen,  an  die  Stelle  der  Religion 
getreten,  oder  sie  hatte  doch  ihre  Auffassung  der  Beligion  so 
durchdrungen ;  dass  von  den  alten  Mythen  kaum  noch  die 
Hülle  übrig  geblieben  war;  ihre  wesentlichen  Ergebnisse  und 
vor  allem  ihre  sittlichen  Grundsätze  waren  in  die  allgemeine 
Bildung  übergegangen,  zur  Weltreligion  geworden.  Man  brauchte 
gar  nicht  Philosoph  von  Profession  zu  sein,  um  an  ihnen  theil- 
znnehmen :  wer  überhaupt  das  Bedürfhiss  eines  höheren  Unter- 
richts empfand,  der  besuchte  die  Schulen  der  Philosophen  und 
las  ihre  Schriften;  aber  auch  die  Grammatiker,  die  Bhetoren, 
die  Geschichtschreiber,  selbst  die  Rechtslehrer  und  die  Aerzte 
pflegten  sich  an  philosophische  Lehren  anzulehnen  und  ihre 
Eenntniss  vorauszusetzen.  Diese  verbreiteten  sich  so  auf  hun- 
dert  Wegen,  und  wie  viel  sie  auch  hiebei  an  wissenschaftlicher 
Strenge  und  Reinheit  verlieren  mochten,  ihre  praktische  Wir- 
kung wurde  unberechenbar  erhöht.  Auch  das  werdende 
Christenthum  konnte  sich  diesem  Einfluss  nicht  entziehen; 
und  es  sind  nicht  blos  die  platonisirenden  Theologen  der 
griechisch-orientalischen  Länder  oder  die  gnostischen  Sekten, 
die  ihn  in  die  Kirche  einführten:  die  griechische  Philosophie 
hatte  schon  lange  vorher  zur  Entstehung  des  Christenthums 
ihren  Beitrag  geliefert,  und  sie  drang  Jahrhunderte  lang,  wie 
der  Hellenismus  überhaupt,  dessen  edelste  Früchte  sie  in  sich 
vereinigte,  von  den  verschiedensten  Seiten  her  in  die  neue 
Religion  ein.  Schon  das  vorchristliche  Judenthum  war  in  den 
hellenistischen  Kreisen  mit  griechischer  Bildung  und  Wissen- 
schaft tief  gesättigt;  Millionen  von  Juden,  der  grössere  Theil 
der  jüdischen  Nation,  lebten  in  Ländern,  die  seit  Alexander 
unter  der  geistigen  Herrschaft  Griechenlands  standen,  die  in 
der  Regel  auch  politisch  von  Griechen  oder  Halbgriechen  be- 
hen-scht  wurden ;  und  schon  der  Verkehr  des  täglichen  Lebens, 


X.O 


Des  platonische  Staat 

he  Sprache,  mit  welcher  die  meisten  all- 
/äter  vertauschten,  und  in  welcher  sie  selbst 
ten  ihres  Volkes  allein  noch  zu  lesen  ver- 
nmerklich  unendlich  viele  griechische  Ideen 
af  setzen;  am  meisten  natürlich  in  den  von 
Hauptstätten  griechischer  Bildung,  wie 
Tarsus,  dieser  Sitz  einer  berühmten  Philo- 
irenschnle,  wie  in  späteren  Zeiten  Rom,  um 

erwähnen.  Bald  begannen  aber  auch  die 
iechischen  Wissenschaft  als  solcher  sich  zu 
ntstand  eine  jüdisch-griechische  Philosophie, 
e  Theologie  mit  den  Ideen  der  giiecbiachen 
allen,  diese  mit  jener  in  Einklang  zu  bringen 
weit  man  schon  um  den  Anfang  der  christ- 
g  auf  diesem  W^e  fortgeschritten  war,  wie 
pythagoreische,  stoische  und  peripatetische 
igläubige  Judenthum   in  sich  aufgenommen 

Sciiriften  Philo's,  des  Alexandriners,  der 
r  bedeutendste  Vertreter  einer  weitverbrei- 
^ewesen  ist.  Der  Hauptsitz  dieser  Schule 
lieser  grosse  Knotenpunkt  für  die  Kreuzung 
g  der  griechischen  mit  der  orientaU  sehen 
\)  aber  nicht  auf  diese  Stadt  und  nicht  auf 
ikt,  sie  hatte  vielmehr  unter  allen  giiechisch 
ihlreiche  Anhänger,  und  selbst  auf  Palästina 
I  Länder  muss  sich  ihr  Einfluss  erstreckt 
Verbindung  mit  dieser  theologischen  Schule 
Sekte  der  Essener,  welche  im  zweiten  vor- 
indert  zunächst,  wie  es  scheint,  durch  die 
fthagoreischen  Mysterien  und  der  damit  ver- 
jntstanden  war,  welche  dann  aber  bei  der 
mg  einer  neupythagoreisdien  Philosophen- 
hrer  mehr  noch  platonischen  als  pjtbago- 
m  theilnabm.  Diese  in  Palästina  und  den 
dem  verbreitete  Sekte  war  allem  nach  einer 
(u  den  Kanälen,  durch  welche  die  griechische 


in  seiner  Bedeutung  für  die  Folgezeit.  79 

Bildung,  und  somit  auch  die  ethischen  und  religiösen  An- 
schauungen der  griechischen  Philosophen,  in's  Judenthum  ein- 
strömten. Von  dem  platonischen  Staatsideal  finden  wir  bei 
ihr  unter  anderem  die  Gütergemeinschaft,  in  der  die  Essener, 
als  Vorgänger  der  christlichen  Mönche,  in  klösterlichen  Ver- 
einen zusammenlebten.  Gerade  der  Essäismus  Scheint  aber 
von  Anfang  an  bei  der  Ausbildung  der  christlichen  Lehre  in 
massgebender  Weise  mitgewirkt  zu  haben:  die  Parthei  der 
Ebjoniten,  welche  uns  später  als  die  einzige  Bewahrerin  des 
ursprünglichen  Judenchristenthums  begegnet,  trägt  aUe  Züge 
des  Essäismus,  und  unterscheidet  sich  von  ihm  nur  durch  den 
Glauben  an  Jesus,  als  den  Messias.  Auch  der  Mann,  welcher 
dem  Christenthum  zuerst  seine  Stellung  als  Weltreligion  er- 
kämpft hat,  der  Apostel  Paulus,  war  ohne  Zweifel  schon  vor 
seiner  eigenen  üebersiedelung  in  die  hellenische  Welt  von 
dem  Einfluss  griechischer  Bildung  wenigstens  mittelbar  berührt 
worden;  denn  es  lässt  sich  kaum  denken,  dass  er  sich  diesem 
in  seiner  Vaterstadt  Tarsus  ganz  entziehen  konnte,  und  einem 
schärferen  Auge  werden  sich  seine  Spuren  auch  in  den  Briefen 
des  Apostels  nicht  ganz  verbergen.  Als  aber,  grossentheils 
durch  ihn,  die  Christengemeinde  den  Heiden,  und  zunächst 
den  Hellenen,  geöffnet  war,  als  diese  sich  massenweise  zu  ihr 
herbeidrängten  und  die  Zahl  der  Nationaljuden  innerhalb  der- 
selben bald  um  das  vielfache  überwogen,  da  war  es  ganz  un- 
veimeidlich ,  dass  auch  griechische  Anschauungen  hier  mehr 
und  mehr  Eingang  fanden.  Die  neueintretenden,  nicht  als 
Kinder  im  Christenthum  unterrichtet,  sondern  in  reiferen 
Jahren  für  dasselbe  gewonnen,  konnten  es  natürlich  nur  von 
ihrem  Standpunkt  aus  auffassen,  nur  an  die  Vorstellungen, 
welche  ihnen  von  früher  her  feststanden,  anknüpfen;  und 
mögen  auch  viele  von  ihnen  immerhin  vorher  die  Schule  des 
jüdischen  Proselytenthums  durchgemacht  haben,  mochten  sich 
auch  längere  Zeit  nur  wenige  höher  gebildete  darunter  be- 
finden :  die  Einwirkung  der  griechischen  Wissenschaft  konnte 
dadurch  zwar  abgeschwächt,  aber  doch  lange  nicht  beseitigt 
werden,  und  jemehr  nachgehends  auch  Leute  von  Wissenschaft- 


.^   ':.^ 


80  Der  platonische  Staat 

lieher  BOdung  dem  neuen  Glauben  sich  anschlössen,  um  so 
nachhaltiger  und  umfassender  musste  sie  ausfallen.  So  finden 
wir  denn  wirklich  schon  unter  den  ältesten  christlichen  Schrift- 
werken, schon  unter  den  Wortführern  der  Kirche  im  zweiten 
Jahrhundert,  nicht  wenige,  welche  mit  der  halbgiiechischen 
alexandrinischen  Schule  nahe  verwandt  sind;  und  selbst  unter 
unsem  neutestamentlichen  Schriften  können  mehrere,  wie  der 
Ebräerbrief  und  das  vierte  Evangelium,  ihren  Einfluss  nicht 
verläugnen,  mittelbar  also  auch  den  der  griechischen  Philo- 
sophie nicht.  Wie  bedeutend  diese  aber  in  der  Folge  aaf  die 
Gestaltung  der  christlichen  Glaubens-  und  Sittenlehre  einge- 
wirkt hat,  ist  bekannt.  Die  ganze  Philosophie  der  Kirchen- 
väter und  ein  grosser  Theil  ihrer  Theologie,  die  ganze  Scho- 
lastik ist  nichts  anderes,  als  ein  grossartiger,  viele  Jahrhunderte 
lang  fortgesetzter  Versuch,  die  griechische  Philosophie  für  die 
Fortbildung  und  das  Verständniss  der  christlichen  Lehre  zu 
verwenden. 

Diese  Verhältnisse  muss  man  sich  vergegenwärtigen,  wenn 
man  sich  die  Bedeutung  des  Piatonismus  für  das  Christenthum, 
und  so  auch  den  Zusammenhang  der  platonischen  Politik  mit 
dem,  was  ihr  auf  christlichem  Boden  analog  ist,  klar  machen 
will.  War  es  doch  gerade  der  Piatonismus,  welchem  theils 
für  sich,  theils  in  seiner  Verbindung  mit  der  stoischen  und 
der  neupythagoreischen  Philosophie,  in  jenem  grossen  Bildungs- 
process,  aus  dem  auch  die  christliche  Kirche  und  ihre  Dogmatik 
hervorgieng,  eine  hervorragende  Rolle  zufiel,  welchem  Jahr- 
hunderte lang  die  bedeutendsten  unter  den  christlichen  Kirchen- 
lehrern huldigten,  welcher  durch  seine  Wahlverwandtschaft 
mit  dem  Christenthum  sich  vorzugsweise  eignete,  zwischen 
ihm  und  dem  Hellenismus  zu  vermitteln.  Plato  ist  der  erste 
Urheber,  oder  wenigstens  der  bedeutendste  Vertreter  jenes 
Spiritualismus,  welcher  nicht  blos  den  Griechen,  sondern  auch 
den  Juden  ursprünglich  fremd  war,  welcher  aber  in  den  letzten 
Jahrhunderten  vor  Christus  sich  allmählich  der  Gemüther 
bemächtigt,  und  durch  das  Christenthum  in  weiten  Kreisen 
die  Herrschaft  erlangt  hat.    Er  zuerst  hat  es  ausgesprochen, 


in  seiner  Bedeutung  für  die  Folgezeit  81 

dass  die  sichtbare  Welt  nur  die  unvollkommene  Erscheinung 
einer  unsichtbaren  sei,  dass  der  Mensch  aus  dem  Diesseits 
in's  Jenseits  flüchten,  das  gegenwärtige  Leben  als  Vorbereitung 
für  ein  künftiges  benützen  solle ;  er  hat  jenen  ethischen  Dua- 
lismus begründet,  welcher  in  der  Folge  der  vorher  schon  in 
orientalischen  Religionen  und  orphischem  Mysterienwesen  vor- 
handenen Ascese  zur  wissenschaftlichen  ßechtfei*tigung  dienen 
musste.  Eben  diese  Ethik  ist  es  aber,  welche  den  hauptsäch- 
lichsten Grund  der  Eigenthümlichkeiten  enthält,  in  denen  die 
platonische  Politik  mit  dem  mittelalterlichen  Kirchen-  und 
Staatswesen  zusammentrifft.  Auf  ihr  beruht,  dort  die  Hen-- 
schaft  der  Philosophen,  hier  die  der  Priester;  denn  wenn  die 
Einzelnen  und  die  Staaten  die  höchsten  Gesetze  ihres  Thuns 
in  einer  jenseitigen  Welt  zu  suchen  haben,  so  werden  sie  der 
Leitung  derer  folgen  müssen,  welchen  jene  höhere  Welt,  sei 
es  von  der  Wissenschaft  oder  von  der  Offenbarung,  erschlossen 
ist.  Aus  ihr  stammt  in  der  altchristlichen  Sittenlehre  die 
Forderung  einer  Welteritsagung ,  die  in  mönchischer  Tugend 
ihren  höchsten  Ausdruck  findet;  in  der  platonischen  der  Grund- 
satz, dass  der  Mensch  auf  alle  persönlichen  Zwecke  verzichten 
solle,  um  nur  für's  Ganze  zu  leben,  die  Verkennung  der 
Rechte,  welche  der  Individualität  zukommen,  und  die  Unter- 
drückung ihrer  Freiheit.  Durch  jene  ethischen  Voraussetzungen 
war  es  bedingt,  dass  Plato  seinem  Staate  das  gleiche  Ziel 
steckte,  welches  in  der  Folge  die  christliche  Kirche  sich  ge- 
steckt hat,  die  Menschen  sittlich  und  religiös  zu  erziehen,  sie 
mehr  noch  für's  Jenseits  als  fÜr's  Diesseits  zu  bilden.  Wenn 
daher  beide  in  vielen  und  eingreifenden  Zügen  zusammen- 
treffen, so  ist  diess  höchst  natürlich :  die  sittliche  Weltansicht, 
welche  dem  platonischen  Staate  zu  Grunde  liegt,  hat  sich 
nachher,  mit  andern  Elementen  verschmolzen,  in  der  christ- 
lichen Kirche  weiter  entwickelt;  wer  könnte  sich  wundem, 
dass  der  gleiche  Boden  gleichartige  Früchte  getragen  hat? 
Erscheint  doch  unser  Philosoph  auch  noch  in  mancher  weite- 
ren Beziehung  als  ein  Vorläufer  des  Christenthums ,  welcher 
diesem   nicht   etwa   nur   für    seine    äussere  Ausbreitung   im 

Z«ller,  Vorträge  und  Abhandl.  Q 


Der  platonische  SUat 

Aischeo  Volke  den  Weg  geebaet,  sondern  auch  de»,  wel- 
,  es  selbst  in  seiner  inneren  Entwicklung  zu  gehen  hatte, 
Iweise  TOi'gezeichnet  hat    Jene  reine  und  erhabene  Gottes- 

z.  B. ,  weiche  an  der  Spitze  seines  Systems  steht ,   war 

von  den '  eii^eifendsten  Nonnen  der  altchnstlichen ,  wie 
in  der-jüdisch-alexandrischen  Dogmatik;  jene  Reform  der 
tsreligion,  auf  welche  er  in  der  Republik  dringt ,  jene  Be- 
gung  unwürdiger  Vorstellungen  über  die  Gottheit,  die  er 
angt,  ist  vom  Chriatenthum  vollbracht  worden;  jenen  Sitt- 
en Geist,   in  dem   er  die  Religion  aufgefasst  wissen  will, 

es  in  sich  'au%enonunen;   jenra  Gebot  der  FeindesUebe, 

eine  Perle  der  evai^eliBchcn  Moral  ist,  finden  wir  vorher 
)n,  und  in  dieser  grundsätzlichen  Allgemeinheit  zuerst,  bei 
X),  wenn  er  (eben  in  seinem  „Staat")  ausführt,  der  Gerechte 
de  auch  dem  Feinde  nie  böses  zufügen,  denn  dem  Outen 
tme  es  nicht  zu,  anderes  zu  thun,  als  gutes.  Wer  in  den 
jchen  nur  „Heiden"  zu  sehen  gewohnt  ist,  den  mögen 
he  Züge,  die  sich  ohne  Muhe  vermehren  Uessen,  befremden: 
iT  wahrhaft  historischen  Betrachtung  werden  sie  nur  das 
etz  der  Stetigkeit  in  der  geschichtlichen  Entwicklung  be- 
rtigen. 

Weit  entfernter  ist  das  Verhältniss  der  platonischen  Politik 
den  gegenwäitigen  Zuständen  des  Staats  und  der  Gesell- 
ift.  Von  einer  Einwirkung  Plato's  kann  hier  kaum  die 
le  sein,  ausser  wiefern  dieselbe  durch  seine  Bedeutung  fUr 

ältere  Zeit  vermittelt  ist;  die  Einiichtungen  der  Gegen- 
t  haben  sieb  im  wesentlichen  selbständig,  auf  Grund  der 
ebenen  Bedürfii^se,   aus   dem  Mittelalter  entwickelt,  und 

politische  Spekulation  hat  daran  im  ganzen  genommen 
in  geringen  Antheil.   Nui-  um  so  merkwürdiger  ist  es  aber, 

Plato  mit  manchen  von  seinen  Vorschlägen  der  Sache 
h  auf  das  gleiche  hinsteuert,  was  die  neuere  Zeit  in  aa- 
st Weise  und  meist  aus  anderen  Beweggi-ünden  in's  Leben 
ifen  hat.  Wenn  schon  Sokrates  im  Gegeosatz  zur  atheni- 
jn  Demokratie  verlangt  hatte,  dass  nur  den  Sachvei-stin- 
m  ein  Amt  anvertraut  und  in  öffentlichen  Angelegenheiten 


^^^^•:^"'V" 


in  seiner  Bedeutung  für  die  Folgezeit.  83 


eine  Stimme  eingeräumt  werde,  und  wenn  Plato  in  folgerichti- 
ger Anwendung  dieses  Ginindsatzes  nur  den  Männern  der 
Wissenschaft  die  Leitung  der  Staaten  übertragen  wissen  wollte, 
80  ist  auch  bei  uns  in  den  meisten  Ländern  eine  wissenschaft- 
liche Vorbereitung  zum  Staatsdienst  vorgeschrieben,  es  ist  die 
Staatsverwaltung  aus  der  Hand  des  feudalen  und  ritterlichen 
Adels  an  die  neue  Aristokratie  des  wissenschaftlich  gebildeten 
Beamtenstandes  übergegangen.  Wenn  Plato  einen  abgeson- 
derten Eriegerstand  schaffen  wollte,  der  sich  keinem  sonstigen 
Geschäft  widme,  so  glauben  auch  sie  ohne  stehende  Heere, 
und  namentlich  ohne  einen  eigenen  berufemässig  gebildeten 
Of&zierstand ,  nicht  auskommen  zu  können;  und  der  durch- 
schlagendste Grund  dafür  ist  heute  noch  der,  welchen  schon 
Plato  geltend  macht:  dass  die  Kriegskunst  eben  auch  eine 
Kunst  sei,  die  niemand  gründlich  verstehe,  der  sie  nicht  fach- 
mässig  erlernt  habe  und  als  Lebensberuf  treibe.  Wenn  Plato 
femer,  im  Zusammenhang  damit,  die  öffentliche  Erziehung, 
über  die  bei  den  Griechen  herkömmlichen  Untenichtsgegen- 
stände,  Musik  und  Gymnastik,  hinausgi*eifend,  auf  die  mathe- 
matischen und  philosophischen  Fächer,  mit  Einem  Wort,  auf 
die  gesammte  Wissenschaft  seiner  Zeit  ausdehnt,  so  haben  die 
heutigen  Staaten  dieses  Bedüi-fhiss  schon  längst  durch  die 
Gründung  von  wissenschaftlichen  Anstalten  aller  Art  anerkannt. 
Unser  Philosoph  freilich  würde  sich  dui*ch  die  Art,  wie  seine 
Ideale  unter  uns  verwirklicht  sind,  schwerlich  befiiedigt  finden ; 
er  würde  Mühe  haben,  in  der  Bevölkerung  unserer  Kanzleien 
seine  philosophischen  Regenten,  oder  in  unsem  Kasernen  die 
Orte  zu  erkennen,  in  denen  die  Krieger,  wie  er  will,  vor  allem 
Anhauch  des  Gemeinen  bewahrt,  zur  sittlichen  Schönheit  und 
Harmonie  ei-zogen.  werden  sollen;  er  würde  wohl  auch  auf 
unsem  Universitäten,  wenn  er 'manches,  was  da  vorkommt, 
mitansähe,  erstaunt  fragen,  ob  diess  die  Früchte  der  Philo- 
sophie seien,  ja  er  würde  Grund  genug  haben,  hinzuzufügen, 
wo  denn  für  die  meisten,  neben  den  hundert  Specialitäten,  die 
ihre  Zeit  ausfüllen,  die  Philosophie  selbst,  die  Einheit  und 
der  Zusammenhang  aller  Wissenschaft  bleibe ;   davon  nicht  zu 

6* 


Der  platonisdie  Staat 

lass  er  vod  unseren  vier  Fakultäten  die  drei  obereo 
e  streicbeo  wurde:  denn  eine  Theologie,  'die  etwas 
alE  Philosophie  sein  will,  wurde  er  Mythologie  nennen, 
die  Jurisprudenz  und  Medicin  betrifft,  so  ist  er  der 
,  Rechtsstreitigkeiten  wurden  in  seinem  Staat  Beine 
en,  und  fur  die  Krankheiten  werden  wenige  Haos- 
inügen:  wem  damit  nicht  zu  helfen  sei,  den  möge 
rost  sterben  lassen,  da  es  sieb  nicht  verlohne,  sein 
1  der  Pflege  eines  siechen  Körpers  hinzusclüeppen. 
BS  thut  der  Thatsache  keinen  Eintrag,  dass  er  doch 
inche  von  den  Zielen  in's  Auge  gefasst  hat,  welche 
eit,   in  ihrer  Art  freilich  und  mit  anderen  Mitteln, 

So  liegen  auch  Plato's  Bestimmungen  über  die  Er- 
und  die    Beschäftigung   des    weiblichen   Geschlecbta 

unseren  Begriffen  und  Gewobnbeiten  weit  genug  ab ; 

uns  freilich  nimmt  sich  die  Forderung  seltsam  aus, 

Frauen  Staatsämter  bekleiden  und  mit  zu  Felde 
dien,  sei  es  auch  nur  (wie  er  einmal  vorsichtig  bei- 
der Reserve;  auch  ein  strengerer  wissenschaftlicher 
it  derselben  wird  trotz  alier  Schriftstelleiinnen  und 

Frauen,  die  wir  besitzen,  schwerlich  je  allgemeia 
md  wenn  die  Gymnastik  in  den  weiblichen  Erziehungs- 

immerhin  einen  nützlichen  Unterrichtsgegenstand 
0  wilrden  wir  uns  doch  an  der  platonischen  Voraus* 
dass  sie  in  derselben  Weise  betrieben  werde,  wie  in 
iand  unter  den  Männern,  mit  Recht  stossen,  und  uns 
's  Auskunft,  dass  die  Bürgerinnen  seines  Staates  statt 
sandes  in  ihre  Tugend  gehüllt  seien,  nicht  begnügen.  ■ 
em  er,  als  einer  der  ersten,  einer  sorgßlltigen  Er* 
les  weiblichen  Geschlechts,  seiner  geistigen  und  sitt- 
Idung,  seiner  wesentJicheu  Gleichstellung  mit  dem 
m  das  Wort  redet,  gebt  Plato  Ober  die  Sitte  und 
ht  seines  Volkes  ebensoweit  hinaus,  als  er  sich  der 
annähert.  Auch  das  erinnert  ganz  an  moderne  Zu- 
ivenn  er  für  alle  Gedichte,  Schauspiele ,  Musikstücke 
twerke  eine  Censur  eingefiihrt  wissen  will,  oder  wenn 


Zx^z^-  -'-,  :v 


in  seiner  Bedeutung  für  die  Folgezeit  85 

er  in  den  „Gesetzen"  den  Voi^schlag  macht,  eine  Sammlung 
von  guten  Schriften  und  Kernliedem,  sammt  Melodieen  und 
Tänzen,  zum  Gebrauch  für  die  Bürger,  und  namentlich  auch 
zu  Schulzwecken,  von  Staatswegen  zu  veranstalten.  Noch  das 
eine  und  andere  der  Art  liesse  sich  beibringen,  so  z.  B.  seine 
Vorschläge  für  Einführung  eines  menschlicheren  Kriegsrechts; 
doch  mag  es  an  dem  angeführten  genug  sein. 

Dagegen  dürfen  wir  das  Verhältniss  der  platonischen  Dar- 
stellung zu  jenen  politischen  und  socialen  Dichtungen  nicht 
tibergehen,  welche  die  neuere  Zeit  in  so  gi'osser  Anzahl  her- 
vorgebracht hat.  Alle  diese  Staatsromane,  von  der  Utopia 
des  Thomas  Morus  bis  auf  Cabet's  Icarien  herab,  sind  nach 
Inhalt  und  Einkleidung  Nachahmungen  der  platonischen  Be- 
publik und  der  Schrift,  welche  den  Staat  der  Republik  in 
geschichtlicher  Form  schildern  sollte,  welche  aber  von  Plato 
nicht  vollendet  wurde,  des  Kritias.  In  ihnen  allen  sind  es 
poütische  Ideale,  welche  mit  grösserer  oder  geringerer  i'reiheit 
ausgemalt  werden,  und  in  allen  lassen  sich  die  bekannten 
Züge  des  platonischen  Typus  bald  vollständiger  bald  unvoll- 
ständiger wiedererkennen:  bei  den  einen  die  Herrschaft  der 
Philosophen  und  Gelehrten,  bei  andern  die  Aufhebung  des 
Familienlebens  und  des  Privateigenthums ,  die  Gemeinsamkeit 
der  Wohnungen;  der  Mahle,  der  Arbeit,  der  Erziehung,  da 
und.  dort  selbst  der  Frauen.  Aber  Ein  wesentlicher  Unter- 
schied ist  es,  der  sie  alle  in  ihrer  innersten  Tendenz  vom 
platonischen  Staat  trennt.  Plato's  leitende  Idee  ist,  wie  be- 
merkt, die  Verwirklichung  der  Sittlichkeit  durch  den  Staat: 
der  Staat  soll  seine  Bürger  zur  Tugend  heranbilden,  er  ist 
eme  grossartige,  das  ganze  Leben  und  Dasein  seiner  Mit- 
glieder umfassende  Erziehungsanstalt.  Diesem  Einen  Zweck 
haben  alle  anderen  sich  unterzuordnen,  ihm  werden  alle  Einzel- 
interessen rücksichtslos  geopfert:  nur  um  die  Glückseligkeit 
und  Vollkommenheit  des  Ganzen  könne  es  sich  für  ihn  han- 
deln, sagt  Plato,  der  Einzelne  habe  nicht  mehr  anzusprechen, 
als  mit  der  Schönheit  des  Ganzen  sich  vertrage.  Er  trägt 
daher  nicht  das  mindeste  Bedenken,   eine  kastenartige  Un- 


/* 


86  Der  platonische  Staat 

gleichheit  der  Stände  und  eine  unbedingte  Selbstentäusserung 
aller  Bürger  zur  Grundlage  seines  Staatswesens  zu  machen. 
Bei  den  modernen  Staatsromanen  umgekehrt  ^  fast  ohne  alle 
Ausnahme,  ist  es  gerade  das  Verlangen  nach  allgemeiner  und 
gleichmässiger  Theilnahme  an  den  Genüssen  des  Lebens,  was 
die  Unzufriedenheit  mit  den  bestehenden  Zuständen  erzeugt 
und  die  Ideale  hervoiTuft.  Plato  will  das  Privatinteresse  auf- 
heben, seine  modernen  Nachfolger  wollen  es  befriedigen ;  jener 
strebt  nach  Vollkommenheit  des  Ganzen,  diese  nach  Beglückung 
der  Einzelnen;  jener  behandelt  den  Staat  als  Zweck,  die 
Person  als  Mittel,  diese  die  Personen  als  Zweck,  den  Staat 
und  die  Gesellschaft  als  Mittel.  Die  meisten  unserer  Socialisten 
und  Gommunisten  sprechen  diess  offen  genug  aus :  möglichst 
viel  Genuss*  für  den  Einzelnen,  und  desshalb  gleich  viel  Genuss 
für  alle,  ist  ihr  Wahlspruch.  Aber  wenn  auch  die  Schlag- 
wörter bei  einzelnen  anders  lauten,  die  praktischen  Vorschläge 
selbst  zeigen  zur  Genüge,  auf  was  es  in  letzter  Beziehung 
abgesehen  ist ;  mag  man  auch  von  Brüderlichkeit  reden :  wenn 
diese  im  Gommunismus  bestehen  soll,  so  liegt  am  Tage,  dass 
es  sich  nicht  sowohl  um  die  Erfüllung  einer  Pflicht  handelt, 
als  um  die  Befriedigung  eines  Wunsches ;  mag  man  auch  gegen 
den  Individualismus  der  Zeit  zu  Felde  ziehen,  wie  St.  Simon: 
die  Rehabilitation  des  Fleisches  ist  nicht  der  Weg,  ihm  zu 
steuern.  Die  Glückseligkeit  der  Einzelnen  ist  es,  auf  welche 
hier  alles  berechnet  ist,  und  schon  der  Vater  dieser  ganzen 
Literatur  in  der  neueren  Zeit,  Thomas  Monis,  hat  diess  aus- 
gesprochen; denn  ausdrücklich  bezeichnet  er  die  Lust  als  den 
höchsten  Zweck  unserer  Thätigkeit,  und  wie  sehr  er  im  übri- 
gen Plato  folgen  mag,  sein  ethisches  Princip  ist  eher  epiku- 
reisch, als  platonisch.  Weiss  doch  selbst  ein  so  strenger 
Moralphilosoph,  wie  Fichte,  seinen  „geschlossenen  Handels- 
staat," bei  aller  Unausführbarkeit  doch  vielleicht  das  beste 
und  jedenfalls  eines  der  besonnensten  unter  den  socialistischen 
Staatsidealen,  nur  mit  dem  Satz  zu  begründen,  dass  jeder  so 
angenehm  leben  wolle,  als  möglich.  Ich  bin  weit  entfernt, 
diess  den  modeiiien  Theorieen  sofort  zum  Vorwurf  zu  machen: 


-V^T^?  ^> 


*    -■' 


in  seiner  Bedeutung  fiir  die  Folgezeit.  87  - 

der  Gesichtspunkt,  von  dem  sie  ausgehen,  ist  in  seinem  Grunde 
wahr  und  berechtigt,  wenn  er  auch  nicht  die  ganze  Wahrheit 
enthält,  und  durch  üebertreibung  nicht  selten  zu  viel  ver- 
kehrtem geführt  hat.  Doch  wie  dem  sein  mag.  der  Werth 
oder  der  ünwerth  jener  Theorieen  soll  hier  nicht  untersucht 
werden ,  sondern  ich  verweise  nur  desshalb  auf  ihre  allgemei- 
nere Tendenz,  um  ihr  Yerhältniss  zum  platonischen  Staat  zu 
beleuchten.  Dieses  ist  aber  in  letzter  Beziehung  das  gleiche, 
welches  überhaupt  zwischen  unserer  Auffassung  des  Staats- 
lebens und  der  hellenischen  stattfindet.  Denn  der  durch- 
greifendste Unterschied  beider  liegt  weniger  in  den  Verfassungs- 
formen ,  als  in  der  Stellung ,  welche  dem  Staatsganzen  zu  den 
Einzelnen,  ihren  Rechten  und  ihrer  Thätigkeit  gegeben  wird. 
Für  unsere  Anschauungsweise  baut  sich  der  Staat  von  unten 
her  auf:  die  Einzelnen  sind  das  erste,  der  Staat  entsteht  da- 
durch, dass  sie  zum  Schutz  ihrer  Rechte  und  zur  gemeinsamen 
Förderung  ihres  Wohls  zusammentreten.  Ebendesshalb  bleiben 
aber  auch  die  Einzelnen  der  letzte  Zweck  des  Staatslebens; 
wü*  verlangen  vom  Staat,  dass  er  der  Gesammtheit  seiner  ein- 
zelnen Angehörigen  möglichst  viel  Fi'eiheit,  Wohlstand  und 
Bildung  verschaffe,  und  wir  werden  uns  nie  tiberzeugen,  dass 
es  zur  Vollkommenheit  des  Stäatsganzen  dienen  könne,  oder 
dass  es  erlaubt  sei,  die  wesentlichen  Rechte  und  Interessen 
der  Einzelnen  seinen  Zwecken  zu  opfern.  Dem  Griechen  er- 
scheint umgekehrt  der  Staat  als  das  erste  und  wesentlichste, 
der  Einzelne  nur  als  ein  Theil  des  Gemeinwesens;  das  Gefühl 
der  politischen  Gemeinschaft  ist  in  ihm  so  stark,  die  Idee  der 
Persönlichkeit  tritt  dagegen  so  entschieden  zurück,  dass  er 
sich  ein  menschenwürdiges  Dasein  überhaupt  nur  im  Staate  zu 
denken  weiss;  er  kennt  keine  höhere  Aufgabe,  als  die  poli- 
tische, kein  ursprünglicheres  Recht,  als  das  des  Ganzen:  der 
Staat,  sagt  Aristoteles,  sei  seiner  Natur  nach  früher,  als  die 
Einzelnen.  Hier  wird  daher  der  Person  nur  so  viel  Recht 
eingeräumt,  als  ihre  Stellung  im  Staate  mit  sich  bringt:  es 
giebt,  streng  genommen,  keine  allgemeinen  Menschenrechte, 
sondern  nur  Bürgerrechte,  und  mögen  die  Interessen  der  Ein- 


88  I^6r  platonische  Staat. 

zelnen  vom  Staat  noch  so  tief  verletzt  werden,  wenn  das 
Staatsinteresse  diess  fordert,  können  sie  sich  nicht  beklagen: 
der  Staat  ist  der  alleinige  ursprüngliche  Inhaber  aller  Rechte, 
und  er  ist  nicht  verpflichtet,  seinen  Angehörigen  an  denselben 
einen  grösseren  Antheil  zu  gewähren,  als  seine  eigenen  Zwecke 
mit  sich  bringen.  Auch  Plato  theilt  diesen  Standpunkt,  ja  er 
hat  ihn  in  seiner  Republik  auf  die  Spitze  getrieben.  Anderer- 
seits erkennt  er  aber  freilich  zugleich  an,  dass  eine  wahre 
Sittlichkeit  nur  duich  freie  Ueberzeugung ,  durch  das  eigene 
Wissen  der  Einzelnen  möglich  sei,  dass  sich  auch  die  politische 
Tüchtigkeit  durch  eine  gi-ündliche  wissenschaftliche  Erkenntniss 
vollenden,  die  gewöhnliche  und  gewohnheitsmässige  Tugend 
sich  durch  die  Philosophie  läutern  und  befestigen  müsse ;  und 
ebendesshalb  ist  der  Grundstein  seines  Staates  die  philosophische 
Bildung  der  Regenten,  und  alle  andern  werden  von  jedem  An- 
theil an  der  Staatsverwaltung  unbedingt  ausgeschlossen.  Damit 
ist  offenbar  jener  altgriechische  Standpunkt,  welchen  Plato  in 
anderer  Beziehung  festhält,  wieder  verlassen,  der  Schwerpunkt 
des  Staatslebens  ist  in  die  Einzelnen,  in  ihre  Bildung „  ihre 
wissenschaftliche  Ueberzeugung  verlegt.  Aber  sich  dieser  Rich- 
tung ganz  zu  überlassen  ist  dem  Philosophen  unmöglich:  dazu 
ist  der  hellenische  Geist  in  ihm  und  seinem  System  noch  zu 
mächtig.  So  steht  er  an  der  Grenzscheide  zweier  Zeiten,  und 
während  er  selbst  mit  aller  Macht  daran  arbeitet,  eine  neue 
Bildungsform  heraufzuführen,  bringt  er  doch  zugleich  alle  die 
Interessen,  auf  welche  die  neuere  Zeit  nicht  zu  verzichten 
weiss,  dem  Geist  seines  Volkes  willig  zum  Opfer.  Ebendess- 
wegen  aber  versteht  man  ihn  blos  halb,  wenn  man  nur  seine 
Bedeutung  für  seine  Zeit  in's  Auge  fasst;  das  Innerste  seines 
Wesens  gehört,  wie  bei  allen  bahnbrechenden  Geistera,  der 
Zukunft. 


.  -X  .-^/-X.'V. -<w -N. 


mk^ 


Haroiu  Aureliua  Antoninos. 


Die  JahrhuDderte  der  römischen  KaiseHierrschaft  sind 
bekanntlich  die  Zeit,  in  welcher  sich  eine  der  wichtigsten  and 
durchgreifendsten  UmwälzuDgen  im  geistigen  Leben  der  Mensch- 
heit vollzogen  hat:  die  Entstehung  des  Christenthums ,  seine 
siegreiche  Verbreitung  unter  den  bedeutendstea  der  alten 
Kulturvölker,  der  Untei^ang  ihi-er  polytheistischen  Volks- 
religionen und  der  ganzen  an  sie  geknüpften  Bildimgsfonn. 
Eine  eigenthümlicbe  Bedeutung  kommt  in  dieser  grossen  ge- 
schichtlichen Bewegui^  der  griechischen  Philosophie  zu.  Auf 
der  einen  Seite  war  sie  es,  welche  seit  ihrem  ersten  Auftreten 
dem  Glauben  an  die  alten  Götter  die  tiefsten  und  unheilbarsten 
"Wunden  geachlag»,  welche  mehr,  als  irgend  eine  andere 
Erscheinung,  dazu  beigetragen  hat,  dass  innerhalb  des  helle- 
nischen Bildungsgebietes  die  Aendemng  der  Sinnes-  und  Denk- 
weise erfolgte,  durch  welche  nicht  allein  die  Ausbreitung, 
sondern  auch  schon  die  Entstehung  des  Christenthums  bedingt 
war.  Andererseits  aber  bemühten  sich  die  grössten  und  ein- 
flussreidisten  unter  den  griechischen  Philosophen  um  die  Wette, 
fUr  die  Glaubensvorstellungen,  welche  sie  zerstörten,  durch 
richtigere  Begriffe  über  die  Gottheit  und  die  göttliche  Wirk- 
samkeit in  der  Welt,  durch  reinere  sittUcbe  Grundsatze  und 
kräftigere  moralische  Triebfedern  einen  Ersatz  zu  schaffen; 
und  die  meisten  derselben  sachten  von  hier  aus  auch    der 


90  Marcus  Aurelius  Antoninas. 

Yolksreligion  eine  Seite  abzugewinnen,  die  es-  erlaubte^  sie  als 
Trägerin  der  sittlichen  und  religiösen  Wahrheit  für  die  grosse 
Masse  derer,  welchen  die  wissenschaftliche  Ausbildung  fehlte, 
in  ihrer  herkömmlichen  Geltung  zu  belassen.  Gerade  in  den 
Jahrhunderten,  welche  der  Entstehung  des  Ghristenthums  zu-, 
nächst  vorangiengen  und  folgten,  wird  die  griechisch-römische 
Philosophie  immer  ausschliesslicher  von  diesem  sittlich-religiösen 
Interesse  beherrscht  Wählend  der  Sinn  und  die  Fähigkeit 
für  selbständige  wissenschaftliche  Foi-schung  sich  immer  mehr 
verliert,  steigert  sich  in  demselben  Masse  das  Bedtirfhiss,  über 
die  Fragen  in's  reine  zu  kommen,  von  welchen  die  Glück- 
seligkeit des  Menschen  zunächst  abhängt.  Durch  diese  Be- 
schränkung auf  die  praktischen  Aufgaben  geht  dann  die  Philo- 
sophie allmählich  in  die  Form  der  allgemeinen  Bildung  über^ 
um  dieser  die  positive  Religion,  welche  ihr  längst  verloren 
gegangen  ist,  durch  eine  Ait  allgemeiner  Vemunftreligion  zu 
ersetzen. 

Von  den  Philosophenschulen,  welche  in  den  letzten  Jahr- 
hunderten der  alten  Geschichte  in  diesem  Sinne  arbeiteten« 
hat  keine  einen  weiter  greifenden  Einfluss  und  eine  nach- 
haltigere geschichtliche  Bedeutung  erlangt,  als  die  stoische. 
Um  den  Anfang  des  dritten  vorchristlichen  Jahrhunderts  durch 
den  Cyprier  Zeno  in  Athen  gegrtlndet,  hat  sich  diese  Schule 
ein  halbes  Jahrtausend  lang  ii^  einer  hervorragenden  Stellung 
behauptet.  Aller  Orten,  so  weit  die  griechische  Bildung  reichte, 
zog  sie  viele  von  den  besten  Männern  an  sich,  und  als  die 
griechische  Philosophie  nach  Rom  verpflanzt  wurde,  war  sie  es, 
welcher  fast  alle  die  zufielen,  denen  es  um  Wiederherstellung 
der  alten  Sittenstrenge  und  des  alten  Staatswesens  zu  thun 
war,  die  unter  den  Gräueln  der  Bürgerkriege  und  unter  dem 
Drucke  der  jungen  Alleinherrschaft  sich  einen  Rest  von  alt- 
römischer Denkweise  und  republikanischer  Gesinnung  bewahrt 
hatten.  Gerade  dem  römischen  Wesen  war  der  Stoicismus  in 
vielen  Beziehungen  wähl  verwandt ;  durch  seine  strenge  Sitten- 
lehre, seine  ernste,  religiöse  Weltansicht,  durch  den  Geist 
männlicher  Unabhängigkeit,  der  ihn  beseelte,  durch  die  prak- 


'•*'-.l>:? 


■  ^ 


Marcus  AareUas  Antoninus.  91 

tische  Wendung,  welche  den  philosophischen  Lehrsätzen  hier 
gegeben  wurde,  musste  er  sich  den  Römern  in  viel  höherem 
Grade  empfehlen,  als  die  platonische  Philosophie  mit  ihrem 
spekulativen  Idealismus,  die  aristotelische  in  ihrer  rein  wissen- 
schaftlichen Haltung  und  ihiem  Beichthum  an  Untersuchungen, 
für  welche  in  Rom  weder  Sinn  noch  Verständniss  zu  finden 
war.  Die  römische  Philosophie  ist  zwar  nicht  ausschliesslich, 
aber  doch  überwiegend  Stoicismus,  und  der  Stoicismus  seinei:- 
seits  hat  seine  wissenschaftliche  Darstellung  zwar  durchaus 
Griechen  zu  verdanken,  aber  für  seine  praktische  und  kultur- 
geschichtliche Wirkung  fand  er  erst  in  der  römischen  Welt 
den  dankbarsten  Boden  und  den  weitesten  Spielraum. 

Der  letzte  bedeutende  Name  in  der  Reihe  der  stoischen 
Philosophen  ist  nun  der  des  Marcus  Aurelius  Antoninus. 
Es  ist  aber  nicht  dieser  Umstand  allein,  welcher  ihm  ein 
höheres  Interesse  für  uns  verleiht.  Dieser  letzte  der  Stoiker 
ist  ein  so  würdiger  Vertreter  seiner  Schule,  dass  wir  uns  ihren 
Charakter  an  keiner  edleren  Persönlichkeit  zur  Anschauung 
bringen  können.  Neben  den  ursprünglichen  Zügen  der  stoi- 
schen Philosophie  lässt  er  uns  aber  zugleich  in  seinem  Wesen 
und  in  seinen  Ansichten  die  Veränderungen  erkennen,  welche 
dieselbe  in  fünf  Jahrhunderten  allmählich  erlitten  hatte.  Wenn 
wir  ferner  in  den  Philosophen  jener  Zeit  sonst  nur  Gelehrte 
zu  sehen  gewohnt  sind,  die  von  der  Schule  aus  durch  Rede 
und  Vorschrift  auf  das  menschliche  Leben  einzuwirken  suchen, 
so  hat  in  Mark  Aurel  die  Philosophie  die  Probe  der  Erfahrung 
zu  bestehen;  sie  besteigt  in  ihm  den  Thron  des  römischen 
Weltreichs  und  versucht  ihre  Kräfte  an  der  Lösung  einer 
Aufgabe,  wie  sie  schwieriger  von  der  Geschichte  niemals  ge- 
stellt worden  ist.  Bei  diesem  Versuche  kommt  sie  endlich 
mit  einer  zweiten  geistigen  Macht  in  Berührung,  welche  von 
ganz  anderen  Voraussetzungen  aus  und  in  anderer  Richtung 
an  der  gleichen  Aufgabe,  an  der  Wiedergeburt  einer  zerfallen- 
den Welt  arbeitet,  mit  dem  Christenthum ;  und  an  der  Stellung, 
welche  sie  zu  ihm  einnimmt,  spiegelt  sich  nicht  allein  der 
Gegensatz  und  die  Verwandtschaft  dieser  zwei  Erscheinungen, 


92  Marcus  Aorelius  Antoninus. 

sondern  auch  das  Verhältniss  der  christlichen  Kirche  zum 
römischen  Staat  ab.  Ich  versuche  es,  nach  diesen  verschie- 
denen Beziehungen,  so  weit  der  Raum  es  verstattet,  ein  Bild 
von  Mark  AureFs  Charakter  und  geschichtlicher  Stellung  zu 
entwerfen. 

Marcus  Annius  Verus  —  denn  so  hiess  unser  Stoiker  ur- 
spiiinglich  —  war  im  Jahr  121  nach  Christus  zu  Rom  geboren, 
wohin  sein  Urgi'ossvater  aus  Spanien  eingewandeit  war.  Die 
Familien,  denen  er  väterlicher-  und  mütterlicherseits  ange- 
hörte, waren  durch  die  Gunst  mehrerer  Kaiser  und  durch 
eigenes  Verdienst  zu  den  höchsten  Staatsämtem  emporgestiegen. 
Auch  dein  jungen  Marcus  eröflheten  sich  hiemach  die  günstig- 
sten Aussichten;  und  hatte  er  auch  seinen  Vater  schon  frühe 
verloren,  so  Hessen  es  doch  die  beiden  Grossväter  und  die 
Mutter,  in  deren  Hand  seine  Erziehung  jetzt  gelegt  war,  an 
nichts  fehlen,  was  dazu  dienen  konnte,  ihn  für  eine  hervor- 
ragende Stellung  vorzubereiten.  Schon  als  Knabe  war  er 
ernst,  von  ungewöhnlicher  Wissbegierde  und  so  wahrheits- 
liebend, dass  ihn  der  Kaiser  Hadrian  statt  Verus  (wahrhaftig) 
im  Superlativ  Verissimus  (den  allei*wahrhaftigsten)  zu  nennen 
pflegte.  Den  Studien  widmete  er  sich  mit  einer  grösseren 
Anstrengung,  als  für  seinen  schwächlichen  Körper  gut  war. 
Seinen  Lehreni  zollte  er  noch  als  Kaiser  eine  seltene  Ver- 
ehrung und  gab  ihnen  die  glänzendsten  Beweise  seiner  Dank- 
barkeit Frühe  erwachte  in  ihm  der  Geschmack  für  Philo- 
sophie: er  war  noch  nicht  zwölf  Jahre  alt,  als  er  anfieng,  die 
Kleidung  eines  Philosophen,  die  Ordenstracht,  welche  beson- 
ders die  Cyniker  und  die  Stoiker  aufgebracht  hatten,  zu 
tragen.  Und  welche  Art  von  Philosophie  ihm  am  besten  ge- 
falle, gab  er  gleichzeitig  auch  dadurch  zu  erkennen,  dass  er 
schon  damals,  um  sich  an  Bedtirfhisslosigkeit  zu  gewöhnen, 
sich  Entbehrungen  auferlegte,  deren  Uebermass  er  nur  auf 
die  Bitte  seiner  Mutter  beschränkte.  Er  hatte  Männer  der 
verschiedenen  Schulen,  vorzugsweise  jedoch  Stoiker  zu  Lehrern; 
und  er  rühmt  noch  in  späteren  Jahren,  was  er  jedem  einzel- 
nen nicht  Mos  für   seine  geistige  Ausbildung,   sondern  vor 


'^'  •  r-  - 


Marcus  Aurelius  Antoninus.  93 

allem  für  seinen  Charakter  zu  danken  habe.  Sein  Ideal  war 
der  Stoicismus;  und  unter  den  stoischen  Philosophen  machte 
keiner  auf  ihn  einen  tieferen  Eindruck,  als  Epik t et,  ein 
Phrygier,  der  unter  Nero  und  seinen  Nachfolgern  eret  als 
Sklave,  dann  als  Freigelassener  in  Rom,  seit  Domitian's  Philo- 
sophenvertreibung in  Epirus  gelebt  hatte,  und  unter  Ti*ajan 
in  hohem  Alter  gestorben  war.  Dass  er  aber  diese  Philo- 
sophie des  phrygischen  Sklaven  in  der  Folge  auf  dem  Throne 
zu  bewähren  Gelegenheit  fand,  diess  hatte  er  dem  Kaiser 
Hadrian  zu  verdanken.  Dieser  kinderlose  Fürst  hatte  seinen 
Liebling  Lucius  Cejonius  Conmiodus  adoptirt  und  zu  seinem 
Nachfolger  bestimmt.  Schon  damals  scheint  er  aber  daran 
gedacht  zu  haben,  dem  jungen  Annius  Verus,  der  sehr  frühe 
seine  Zuneigung  gewonnen  hatte,  fllr  die  Folgezeit  einen  An- 
iheil  an  der  Herrschaft  zuzuwenden.  Dai*auf  deutet  wenig- 
stens der  Umstand,  dass  er  den  fünfzehnjährigen  Jüngling  mit 
Commodus'  Tochter  verlobte.  Noch  ehe  es  jedoch  zu  dieser 
Heirath  kam,  starb  der  kränkliche,  durch  Weichlichkeit  und 
Ausschweifungen  entnervte  Gommodus;  und  nun  traf  Hadrian 
Anordnungen,  durch  welche  unserem  Marcus  die  Thronfolge 
bestimmter  gesichert  wurde.  Er  adoptirte  nämlich  an  Gom- 
modus' Stelle  den  trefflichen  Titus  Aurelius  Antoninus,  der 
nachher  als  Kaiser  den  Beinamen  Pius  (der  Fromme  oder 
Liebreiche)  erhielt  und  verdiente ;  zugleich  bestimmte  er  aber, 
dass  dieser  seinen  Neffen ,  unsem  Marcus  Annius  Verus ,  und 
mit  ihm  den  jungen  Sohn  des  verstorbenen  Gonunodus  adop- 
tiren  sollte.  In  Folge  dieser  Adoption  nahm  Mai-cus  statt 
seiner  bisherigen  Fanüliennamen  die  seines  Adoptivvaters  an, 
so  dass  er  jetzt  Marcus  Aurelius  .Antoninus  hiess,  wogegen 
sein  Name  Annius  Verus  später  auf  seinen  Adoptivbruder, 
den  jungen  Lucius  Cejonius  Commodus,  welchen  er  bei  seiner 
Thronbesteigung  gleichfalls  adoptirt  zu  haben  scheint,  über- 
gieng.  Wenige  Monate  nach  dieser  Verfügung ,  im  Juli  des 
Jahres  138  n.  Ghr.,  starb  Hadrian,  und  Antoninus  Pius  kam 
ZOT  Regierung. 


94  Marcus  AureUus  AntoninuB. 

Mit  diesem  seinem  Adoptivvater  stand  Marcus  Aurelius, 
jetzt  der  erklärte  Erbe  des  Weltreichs,  in  einem  sehr  schönen, 
in  seiner  Art  vielleicht  ohne  Beispiel  dastehenden  Verhältnisse 
Antoninus  Pias  war  bekanntlich  einer  der  besten  Hen-scher, 
seine  Regierung  eine  der  segensreichsten,  welche  dem  Kaiser- 
reich zu  Theil  wurden.  Sein  Nachfolger  schildert  uns  selbst 
in  seinen  „Selbstgesprächen"  (I,  16.  VI,  30)  die  seltenen  Eigen- 
schaften, die  ihn  auszeichneten:  seine  Milde,  die  mit  strenger 
Gerechtigkeit,  mit  unerschütterlicher  Festigkeit  in  den  wohl- 
erwogenen Beschlüssen  gepaart  war,  seine  reife,  umsichtige 
Regentenweisheit;  seine  unermüdliche  Fürsorge  für  grosses 
und  kleines  in  dem  Haushalt  des  unermesslichen  Reiches; 
seine  anspruchslose  Gediegenheit,  seinen  nüchternen  Vei-stand, 
seine  ruhige  Heiterkeit,  seine  schlichte,  von  Aberglauben  freie 
Frömmigkeit,  seine  Gewissenhaftigkeit  in  den  Geschäften,  seine 
Bemühungen  um  die  Hebung  der  öffentlichen  Sittlichkeit,  seine 
neidlose  Anerkennung  jedes  Verdienstes;  die  Beständigkeit 
seiner  freundschaftlichen  Neigungen,  die  Liberalität,  mit  der 
er  auch  als  Fürst  im  geseUigen  Verkehr  andern  ihre  Freiheit 
liess,  die  Grossherzigkeit,  mit  der  er  unverdienten  Tadel  er- 
trug ,  das  gesunde  Urtheil  und  das  richtigem  Gefühl ,  womit  er 
alle  Verhältnisse  zu  behandeln,  in  allem  das  redite  Mass  zu 
treffen  wusste.  Das  Zeugniss,  welches  Marcus  Aurelius  hier 
seinem  Vorgänger  lange  nach  dessen  Tod  ausstellt,  ist  zu- 
gleich ein  Zeugniss  der  Verehrung,  die  er  ihm  als  Jüngling 
gewidmet  hatte.  Er  richtete  sich,  sagt  sein  Biograph  Capi- 
tolinus,  nach  den  Wünschen  seines  (Adoptiv-)Vaters  in  Hand- 
lungen, Reden  und  Gedanken ;  während  der  ganzen  Regierung 
desselben  war  er  nur  zweimal  eine  Nacht  lang  von  ihm  ge- 
trennt, und  in  allen  Dingen  hielt  er  sich  so,  dass  er  sich 
jeden  Tag  tiefer  in  seiner  Liebe  befestigte.  Antoninus  seiner- 
seits behandelte  den  Adoptivsohn  von  Anfang  an  mit  einer 
Zuneigung  und  einem  Vertrauen,  wie  es  wohl  ^en  wenigsten 
Thronfolgern  von  ihren  leiblichen  Vätern  geschenkt  worden 
ist.  Er  zog  ihn  sofort  in  die  Regierungsgeschäfte,  er  über- 
häufte ihn  noch  als  Jüngling  mit  Ehrenstellen  und  Gunstbe- 


".  .-'■  ^' ' ' 


Marcus  Aurelius  Antoninüs.  95 

Zeugungen  jeder  Art;  und  um  ihn  fester  an  sich  zu  ketten, 
löste  er  die  Verlobung  mit  der  Tochter  des  vei-storbenen 
Gommodus  auf,  und  vermählte  ihn  mit  seiner  eigenen  Tochter 
Faustina.  Auch  hier  fehlte  es  zwar  nicht  an  Leuten,  die 
durch  allerlei  Ohrenbläsereien  zwischen  dem  Kaiser  und  dem 
Kronprinzen  Misstrauen  zu  säen  bemüht  waren;  aber  so  er- 
klärlich es  auch  gewesen  wäre,  wenn  den  Fürsten  beim 
Anblick  des  jugendlichen  Cäsar  ein  Gefühl  der  Eifersucht 
beschlichen  hätte:  sein  Glaube  an  Marcus  blieb  ebenso  un- 
erschüttert, als  die  kindliche  Verehrung  des  letzteren  gegen 
den  Mann,  dem  er  so  viel  zu  verdanken  hatte.  So  gewählten 
diese  zwei  vortrefflichen  Menschen  der  Welt  das  seltene  Schau- 
spiel eines  unumschränkten  Fürsten,  der  mit  seinem  Nach- 
folger in  ungestörter  Eintracht  zusammen  lebte,  und  eines- 
Thronerben,  für  ^eichen  die  Weltherrschaft  nicht  so  viel  Reiz 
hatte,  dass  er  sich  den  Tag  herbeigewünscht  hätte,  an  dem 
sie  ihm  zufallen  sollte.  Ja  es  ist  eher  zu  vermuthen,  dass 
ihm  davor  bange  war.  Denn  fortwährend  gehörte  seine  Neigung 
der  Philosophie,  und  so  wenig  die  verführerischen  Vorrechte 
seiner  Stellung  den  jungen  Fürsten  jemals  verleiten  konnten, 
seinen  sittlichen  Grundsätzen  untreu  zu  werden,  ebensowenig 
Uess  er  sich  durch  die  Staatsgeschäfte  und  die  öffentlichen 
Aemter,  die  er  zu  verwalten  hatte,  von  seinen  gewohnten 
Studien  abhalten.  Der  Ehrenname  des  Philosophen,  der  ihn 
auszeichnet,  war  ihm  lieber,  als  der  des  Gäsars;  und  wenn  es 
nach  seinen  persönlichen  Wünschen  gegangen  wäre,  so  würde 
er  ohne  Zweifel  die  Müsse  des  Gelehrten  dem  Glänze  des 
Herrschers  vorgezogen  haben. 

Dreiundzwanzig  Jahre  lebte  Marcus  am  Hofe  seines  Adop- 
tivvaters, und  wir  dürfen  wohl  annehmen,  dass  er  an  den 
Massregeln  keinen  geringen  Antheil  hatte,  durch  welche  dieser 
ausgezeichnete  Fürst  erfolgreich  bemüht  war,  die  Grenzen  des 
Reiches  zu  schützen ,  den  Frieden  zu  erhalten ,  den  Staats- 
haushalt zu  ordnen,  den  Volkswohlstand  zu  fördern,  die  Ge- 
setze und  Sitten  zu  verbessern,  der  Angeberei  und  anderen 
üeberbleibseln  des  Despotismus  zu  steuern,  das  Ansehen  und 


96  Marcus  AureliuB  Antoninns. 

die  Bedeutung  des  Senats  zu  heben,  Wohlthätigkeits-  und 
Bildungsanstalten  zu  gründen,  öffentliches  Unglück  zu  erleich- 
tern, der  vielgeplagten  römischen  Welt  eine  Zeit  der  Ruhe 
und  der  Erholung  zu  vei'schaifen,  wie  sie  dieselbe  nicht  wieder 
gesehen  hat  Im  Jahr  161  starb  Antonius  Pius,  und  die  La&t 
der  Regierung  ruhte  jetzt  ungetheilt  auf  den  Schultern  Mark 
Aurel's.  Und  niemand  war  wohl  im  Zweifel  darüber,  dass 
Antoninus  keinen  besseren  und  würdigeren  Nachfolger  erhalten 
konnte.  Marcus  Aurelius  war  jetzt  vierzig  Jahre  alt ;  er  hatte 
unter  seinem  Vorgänger  eine  Schule  der  Regierungskunst 
durchgemacht,  wie  sie  wohl  nicht  leicht  ein  Fürst  zu  benützen 
Gelegenheit  gehabt  hat ;  er  brachte  nicht  blos  einen  reich- 
gebildeten Geist,  sondern  auch  einen  edeln  und  reinen  Cha- 
rakter, vortreffliche 'Grundsätze,  eine  strenge  Gewissenhaftig- 
keit, eine  unbedingte  Pflichttreue  auf  den  Thron  mit.  So  tritt 
denn  aus  allen  seinen  Regierungshandlungen  das  Bestreben 
hervor,  die  Leitung  des  Weltreichs  im  Sinne  seines  Vorgängers 
fortzuführen.  Er  verbesserte,  von  tüchtigen  Rechtsgelehrten 
unterstützt,  die  Gesetzgebung  und  die  Rechtspflege,  sorgte 
für  die  Getreidezufuhren,  die  Strassen  und  die  Verkehrsmittel, 
beschränkte  die  Ausgaben  für  Volksbelustigungen  und  die  Un- 
menschlichkeit der  Gladiatorenkämpfe;  selbst  die  Seiltänzer 
mussten  zur  Verhütung  von  Unglücksfällen  die  Erde  unter 
ihren  Seilen  mit  Kissen  belegen.  Die  Bemühungen  des  Pius 
für  Verbesserung  der  Sitten  und  Förderung  der  Wissenschaften 
wurden  fortgesetzt,  die  von  ihm  gegründeten  Waisenhäuser 
und  wohlthätigen  Anstalten  erweitert.  Die  Missbräuche  der 
früheren  Regierungen  waren  fast  alle  verschwunden;  der 
Kaiser  war  die  Zuflucht  aller  Bedrückten  und  Bedrängten; 
und  während  er  alle  seine  Kräfte  auf's  gewissenhafteste  dem 
Staatswohl  widmete,  lebte  er  füi-  sich  selbst  in  republikanischer 
Einfachheit  und  Anspruchslosigkeit.  Gegen  seine  Freunde  bis 
zum  Uebermass  grossmüthig  und  freigebig,  zeigte  er  gegen 
Beleidigungen  und  hochverrätherische  Unternehmungen  eine^ 
ungewöhnliche  Milde.  Er  entzog  niemand  seinem  ordentlichen 
Richter,    er  begnadigte  alle,   die  wegen  politischer  Vergehen 


Marcus  Aiirelius  Antoninus.  97 

zum  Tode  verurtheilt  wurden,  und  wenn  sie  auch  noch  so 
schuldig  sein  mochten,  zu  milderen  Strafen.  Den  Senat,  die 
einzige  grosse  politische  Körperschaft,  welche  Rom  noch  be* 
sass,  suchte  auch  Mark  Aurel  durch  Au&ahme  würdiger 
Männer  und  durch  rücksichtsvolle  Behandlung  zu  heben,  seine 
Selbständigkeit  und  seinen  Geschäftski'eis  zu  erweitern.  Den 
Erpressungen  der  Beamten  in  den  Provinzen  bemühte  er  sich 
zu  steuern,  die  öffentlichen  Lasten  gerecht  zu  vertheilen,  Land- 
strichen, die  von  Hungersnoth  heimgesucht  waren,  kam  er  zu 
Hülfe.  Was  er  seinem  Bruder  Severus  nachrühmt  (Selbst- 
gespr.  I,  14),  dass  er  ihm  den  Begriff  bürgerlicher  Gleichheit, 
die  Idee  einer  Monarchie  verdanke,  welche  die  Freiheit  der 
Unterthanen  zu  achten  wisse,  das  bezeichnet  ihn  selbst.  Marcus 
Aurelius  ist  in  Wahrheit  ein  Republikaner  auf  dem  Throne; 
er  betrachtete  sich  selbst,  wie  der  grosse  preussische  König, 
als  den  ersten  Beamten  des  Staates,  und  er 'machte  für  seine 
Person  auf  keinen  andern  Vorzug  Anspruch,  als  auf  den,  für 
alle  anderen  zu  sorgen  und  zu  arbeiten.  Hätte  der  reine 
Wille  und  die  aufopfernde  Pflichttreue  Einzelner,  hätten  die 
Tugenden  seiner  Regenten  das  Römerreich  seinem  Schicksal 
entreissen  können,  Antoninus  Pius  und  Marcus  Aurelius  würden 
es  gerettet  haben. 

Aber  nicht  allein  daran  war  unter  den  damaligen  Um- 
standen, bei  der  Tiefe  und  Allgemeinheit  des  moralischen, 
poKtischen  und  socialen  Verfalls,  nicht  zu  denken,  sondern  auch 
das  bescheidenere  Glück ,  dessen  sich  Antoninus  Pius  in  seiner 
Regierung  erfreut  hatte,  war  seinem  Nachfolger  versagt. 
Jener  hatte  während  seiner  dreiundzwanzigjährigen  Herrschaft 
mit  keiner  bedeutenden  äusseren  Gefahr,  mit  keinen  erheb- 
lichen Unruhen  im  Innern  zu  kämpfen  gehabt;  einige  Grenz- 
kriege, die  keine  ausserordentlichen  Anstrengungen  erforderten, 
emige  leicht  zu  bewältigende  Aufstände  in  den  Provinzen 
konnten  den  Frieden,  welchen  die  römische  Welt  unter  ihm 
genoss,  nicht  ernstlich  gefährden.  Unter  Marcus  Aurelius 
war  dieses  anders.  Vom  Anfang  bis  zum  Ende  seiner  Regie- 
rung nahmen  mit  kurzen  Unterbrechungen  kiiegerische  Ver- 

ZftUer,  Vorträge  und  Abhandl.  7 


v."'  ":??T^  7 


98  Marcos  Aurelius  Antoninosw 

Wicklungen,  gefahrdrohende  Empörungen,  schwere  Unglücks- 
fälle seine  angestrengteste  Sorge  in  Anspruch,  und  zwangen 
ihn  gegen  seine  Neigung,  sich  den  philosophischen  Studien 
und  den  Werken  des  Friedens  zu  entziehen.  Unmittelbar 
nach  seinem  Regierungsantritt  brach  ein  Krieg  mit  Parthien 
aus,  der  erst  nach  drei  oder  vier  Jahren,  nicht  ohne  schwere 
Opfer,  durch  den  tapfem  Feldherm  Avidius  Cassius  fftr  die 
römischen  Waffen  entschiieden  wurde;  denselben,  der  in  der 
Folge  auch  einen,  wie  es  scheint,  nicht  unbedeutenden  Auf- 
stand der  Hirtenbevölkerung  im  Nildelta  niederschlug.  Ein^e 
Jahre  Später  entbrannte  an  der  Nordgrenze  des  Reichs,  am 
Oberrhein  und  die  Donau  entlang,  ein  heftiger  Kampf  mit 
verschiedenen  deutschen  Stämmen,  der  Markomannenkrieg, 
während'  gleichzeitig  in  Italien  Hungersnoth  herrschte  und>  in 
Rom  eine  verheerende  Seuche  viele  tausende  wegraflfte.  Erst 
nach  zwei  Feldzügen  gelang  es  im  Jahr  170  dem  Kaiser; 
welcher  persönlich  auf  den  Kriegsschauplatz  geeilt  war,  die 
JBarbaren  theils  durch  Waffengewalt,  theils  durch  Unterhand- 
lungen aus  dem  römischen  Gebiet  zu  entfernen,  und  die  zahl- 
losen Gefangenen,  die  sie  fortgeschleppt  hatten,  zu  befreien. 
Aber  schon  im  folgenden  Jahre  machten  sie  neue  Einfälle; 
um  die  Mittel  zum  Krieg  ohne  zu  grosse  Beschwerung  des 
Volkes  zu  gewinnen,  liess  Marcus  Aurelius  sechzig  Tage  lang 
die  Schätze  des  kaiserlichen  Palastes  versteigern;  aber  erst 
nach  vier  oder  fünf  Feldzügen,  welche  den  Kaiser  wieder  für 
lange  Zeit  von  Rom  abriefen,  wurde  ein  Friede,  der  im 
Grunde  nicht  viel  mehr  als  ein  Waffenstillstand  war,  errungen. 
Noch  ehe  diese  Gefahr  ganz  beseitigt  war,  erhob  sich  175 
n.  Chr.  im  Orient  eine  neue.  Der  Befehlshaber  der  dortigen 
Legionen,  der  ebengenannte  Avidius  Cassius,  der  verdienteste 
und  tüchtigste  Feldherr,  den  Rom  damals  besass,  hatte  die 
Fahne  der  Empörung  aufgepflanzt  und  sich  selbst  zum  Kaiser 
aufgeworfen.  Die  Ermordung  desselben  durch  seine  eigenen 
Soldaten  ersparte  Mark  Aurel  einen  Kampf,  der  für  ihn  und 
das  Reich  sehr  bedenklich  hätte  werden  können,  und  erlaubte 
ihm,  an  Cassius'  Mitschuldigen  die  ihm  natürliche  Neigung  zur 


'    « 


liarcus  Aurelios  Antoninos. 


99 


Milde  ttsd  Verzeahung  in  der  grossartigsten  Weise  zü  bethä- 
tigen :  keiner  derselben  wurde  hingerichtet,  das  Vermögen  der 
terurtheilten  ihren  Kindern  ganz  oder  theilweise  zurückgege- 
ben; die  Stadt  Antiocbia,  wdche  einen  lebhaften  Antheil  an 
der  Empörung  genommen  hatte,  erhielt  keine  schwerere  Strafe, 
als  däss  ihr  das  Recht,  öffentliche  Spiele  zu  halten,  fttr  eine 
^it  lang  entzogen  wurde.  Aber  nur  wenige  Jahre  waren 
d^n  Kaiser  vergönnt,  um  durch  persönliche  Anwesenheit  die 
Angelegenheiten  des  Orients  zu  ordnen,  und  die  Arbeit  im 
Innern  des  weiten  Keichs,  welche  durch  die  Kriegszüge  unter- 
brochen war,  wieder  anzunehmen.  Im  Jahr  178  brach  der 
Krieg  mit  den  Germanen  auf's  neue  aus.  Der  Kals^er  zog 
tMz  seiner  wankenden  Gesundheit  nochmals  in  sein  altes 
Hauptquartier  an  der  Donau,  und  nach  vielen  Anstrengungen 
war  Aussicht  auf  gänzliche  Niederwerfung  der  Feinde,  als  er 
m  Vindobona,  dem  jetzigen  Wien^  von  einer  Krankheit  er- 
griffen wurde,  der  er  nach  wenigen  Tagen,  den  17.  März  180, 
neunuüdfünfzigjährig  erlag. 

W£^  so  die  Regierung  dieses  Kaisers,  mit  der  sdnes  Vor- 
gängers verglichen,  voH  von  Kämpfen  und  Mühseligkeiten,  so 
war  er  auch  noch  in  anderer  Beziehung  in  eitet  Wdt  un- 
günstigeren Lage,  als  dieser.  Antoninus  Pius  hatte  einen  Marcus 
Aurelius  zur  Seite ^  und  er  konnte  diesem,  als  er  selbst  vom 
Schauplatz  abtrat,  das  Scepter  mit  vollkommener  Beruhigung 
übergeben.  Marcus  Aurelius  hatte  während  der  ersten  eilf 
Jahre  seiner  Herrschaft  seinen  Adoptivbruder  und  nachherigen 
Schwiegei-sohn  Lucius  Verus  zum  Mitregenten,  einen  schlaffen, 
schwelgerischen  Menschen,  der  allerdings  die  Leitung  des 
Staates  seinem  älteren  Genossen  bereitwillig  überliess,  der 
aber  durch  sein  unwürdiges  Verhalten  fortwährend  die  Ehre 
des  kaiserlichen  Hauses  blosstellte  und  Mark  AureVs  Be- 
mühungen für  die  Hebung  der  Sittlichkeit  durchkreuzte. 
Mochte  er  ihn  nun  in  Geschäften  in  die  Provinz  schicken, 
oder  ihn  unter  seinen  Augen  behalten,  das  Aergemiss,  das  er 
gab,  und  der  Schaden,  den  er  der  kaiserlichen  Auktorität  zu- 
fügte, war  immer  gleich  gross,  und  Marcus  Aurelius  selbst 

7* 


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100  Marens  Anrelitus  Antomnns. 

verhehlte  es  nicht  ganz,  dass  er  es  fbr  ein  Glück  ansah,  als 
ihn  im  Jahr  172  der  Tod  von  diesem  Verwandten  befreite. 
Aber  auch  in  seiner  eigenen  Familie  hatte  er  ähnliche  Er- 
fahrungen zu  machen.  Seine  GemaUin  Faustina,  ihres  Vaters 
und  ihres  Gatten  gleich  unwerth,  ergab  sich  Ausschweifungen, 
welche  sie  vor  der  Welt  zu  verbergen  kaum  der  Mühe  werth 
fand ;  und  sein  Sohn  Gommbdus  war  dieser  Mutter  um  so  viel 
ähnlicher  als  dem  Vater,  dass  im  Volke  die  Meinung  ver- 
breitet war,  er  sei  der  Sohn  eines  Gladiators  oder  eines  Ma- 
trosen, weil  man  es  sich  nicht  als  möglich  denken  konnte, 
dass  ein  Mensch  von  so  niedrigen  Neigungen,  ein  so  schaam- 
loser  Wüstling,  ein  Despot,  dessen  Bösartigkeit  schon  an  dem 
Knaben  zum  Vorschein  kam,  einen  Marcus  Aurelius  zum  Vater 
haben  könne.  Dass  er  diesem  Sohne  die  Herrschaft  über  das 
römische  Weltreich  hinterlassen  musste,  war  der  einzige  Kum- 
mer, welcher  dem  sterbenden  Kaiser  den  Abschied  vom  Leben 
verbitterte. 

Um  aber  vollkommen  unpartheiisch  zu  sein,  dürfen  wir 
nicht  verbergen,  dass  auch  Mark  Aurel  selbst  trotz  aller  seiner 
Vorzüge  den  Aufgaben,  die  ihm  gestellt  waren,  und  den 
Schwierigkeiten,  mit  denen  er  zu  kämpfen  hatte,  doch  nicht 
vollkommen  gewachsen  war.  Er  war  ein  vortrefflicher  Begent, 
aber  sein  eigenstes  Interesse  galt  doch  der  Philosophie  und 
der  sittlichen  Arbeit  an  sich  selbst  ungleich  mehr,  als  den 
Begierungsgeschäften.  Als  er  erfuhr,  dass  er  von  Hadrian 
zum  Thronfolger  bestimmt  sei,  sagt  Capitolinus,  war  sein 
erstes  Gefühl  nicht  das  der  Freude,  sondern  des  Schreckens; 
und  selbst  nach  Antonin's  Tode,  als  die  Sache  doch  nicht 
mehr  zweifelhaft  sein  konnte,  erklärte  er  sich  nur  zögernd 
füF  Annahme  der  Krone.  Das  Hofleben  vollends  war  so  wenig 
nach  seinem  Geschmack,  dass  er  sich,  wenn  er  irgend  konnte, 
aus  demselben  in  die  Einsamkeit  zurückzog.  Die  Philosophie, 
sagt  er  einmal  (VI,  12),  sei  seine  Mutter,  der  Hof  seine  Stief- 
mutter, er  müsse  sich  immer  wieder  zu  jener  flüchten,  um  es 
an  diesem  auszuhalten.  Er  war  mit  Einem  Wort  weit  mehr 
eine  beschauliche  als  eine  praktische  Natur,  mehr  eine  sittliche 


Marcos  Auretios  Antoninas.  101 

als  eine  politische  Grösse.  So  widmete  er  sich  denn  seinem 
Herrscherberufe  wohl  mit  der  gewissenhaftesten  Hingebung, 
der  seltensten  Pflichttreue:  aber  er  lebte  nicht  ganz,  und 
gerade  mit  seinem  tiefsten  Interesse  nicht  in  ihm,  er 
gieng  nicht  YoUständig  in  ihm  auf,  es  kam  bei  ihm  nicht  zu 
jener  Thatenlust ,  ohne  die  wir  uns  die  volle  Herrsehergrösse 
nicht  denken  können.  Und  mit  der  Thatenlust  fehlte  ihm 
auch  dasjenige  Mass  der  Thatkraft,  welches  dem  Allein- 
herrscher in  einem  so  gewaltigen  Reiche  und  unter  so  schwie- 
rigen Umständen  zu  wünschen  gewesen  wäre.  So  gross  er 
uns  in  seinem  Edelsinn,  seiner  Menschenliebe,  seiner  verzei- 
henden Milde  erscheint,  so  schön  der  Grundsatz  ist,  den  er 
80  oft  ausführt,  man  solle  den  Schlechten  nicht  zürnen,  son- 
dern sie  bemitleiden,  so  sehen  wir  doch  aus  allem,  dass  er 
weit  mehr  der  Mann  war,  Unrecht  zu  ertragen  und  zu  ver- 
zeihen,  als  ihm  mit  kräftiger  Hand  zu  steuern.  Wie  bedenk- 
lich diess  in  seiner  Lage  war,  und  wie  leicht  bei  ihm  die 
Milde  in  Schwäche  ausartete,  diess  zeigt  besonders  sein  Ver- 
halten zu  seinen  nächsten  Angehörigen.  Einen  Schlemmer, 
wie  Lucius  Yerus,  suchte  er  zwar,  so  weit  diess  im  guten 
geschehen  konnte ,  unschädlich  zu  machen ,  aber  er  duldete 
ihn  eilf  Jahre  lang  als  Mitr^enten,  und  würde  ihn  bis  an's 
Ende  geduldet  haben,  wenn  nicht  das  Schicksal  dazwischen 
getreten  wäre.  Das  sittenlose  Leben  seiner  Gemahlin  schien 
er  nicht  zu  bemerken,  so  wenig  es  ihm  auch  verborgen  bleiben 
konnte:  sei  es,  weil  er  von  ihrer  Schönheit  und  Liebens- 
würdigkeit verblendet  war,  oder  weil  er  dem  Andenken  an 
ihren  Vater  diese  Nachsicht  schuldig  zu  sein  glaubte,  oder 
nach  dem  allgemeinen  Grundsatz,  dass  man  die  Menschen  er- 
tragen müsse,  wenn  man  sie  nicht  ändern  könne.  In  der 
einzigen  Stelle  seiner  Selbstgespräche,  wo  er  ihrer  erwähnt 
(I,  17),  zahlt  er  unter  den  Wohlthaten,  welche  die  Götter  ihm 
erwiesen  haben,  auch  die  auf,  dass  sie  ihm  eine  so  lenksame, 
hebreiche  und  anspruchslose  Frau  gegeben  haben,  und  als 
sie  auf  ihrer  gemeinschaftlichen  Reise  in  den  Orient  starb 
(176  n.  Chr.),   erwies  er  ihr  Ehren,  wie  sie  der  zärtlichste 


r^r. 


s 


102  Marcos  Axxr^m  AQtottiwui. 

Gatte  der  besten  Gattin  mcbt  reicblicher  hätte  erweisf^n 
können.  Ebensowenig  war  er  im  Stande,  seinen  Sobn  GoniT 
modus,  dessen  verdferbliche  Neigungen  schon  frühe  hervor-^ 
traten,  auf  bessere  W^e  m  bringen,  ja  er  hatte  die  Schwäehe, 
ihn  in  denselben  Umgebungen  zu  lassen,  wekhe  dra  Grund 
zu  seiner  Entartung  gelegt  hatten^  Dass  er  einen  solchen 
Naehfolger  geltabt  hat,  ist  ohne  Zweifel  der  schwerste  Vor- 
wurf, der  ihn  trifft.  Audi  bei  iem  Au&tand  des  Avidiu«^ 
Cassius  zeigte  es  sich,  wie  nachtheilig  diese  Nachsicht  des 
Fürsten  dem  Staat  werden  konnte.  Denn  keine  andere  Ur* 
Sache  scheint  jene  geföhrliebe  Empörung  yeranlasst  zu  haben« 
Cassius  war  ein  Mann  von  militärische]:  Strenge,  die  bä  ihm 
nicht  selten  in  Unmenschlichkeit  ausartete.  M.  Aurel  hatte 
ihm  die  orientalischen  Heere  in  der  ausdrücklichen  Absieht 
übergeben,  dass  er  die  erschlaffte  Disciplin  in  denselben  wieder- 
herstelle ,  und  er  löste  diese  Aufgabe  in  kurzer  Zeit  mit  dem 
YoUkommensten .  Erfolge.  Aber  seine  Mittel  waren  freilich 
nur  zu  oft  empörende:  Abhacken  der  Hände,  Lebendigver* 
brennen.  Ersäufen  in  Masse;  als  einmal  einige  Hauptleute 
eine  überlegene  feindliche  Streifschaar  durch  einen  glänzenden 
Angriff  vernichtet  hatten,  liess  er  sie  an's  Kreuz  schlagen, 
weil  er  ihnen  keinen  Befehl  dazu  gegeben  habe.  Einer  so 
rohen  Kraft  konnte  Mark  AureFs  nachsichtige  Milde  nicht  die 
nöthige  Achtung  abzwingen.  Er  nannte  den  Kaiser  ein  phUo-' 
sophisches  altes  Weib,  seinen  Mitregenten  Yerus  (wie  dieser 
selbst  an  M.  Aurel  schreibt)  einen  lüderUchen  Narren*  Er 
gab  zu,  und  er  schreibt  diess  noch,  da  er  seinem  Kaiser  schon 
in  offener  Empörung  gegenüberstand,  dass  Marcus  ean  vortr^- 
licher  Mensch  sei;  aber  statt  der  Staatsgescbäfte  tr^e  er 
Philosophie,  und  mittlerweile  werdw  die  unwürdigsten  Leute 
mit  Aemtem  und  Reichthttm^m  überhäuft.  Wenn  e  r  nur  «rst 
Kaiser  sei,  sollen  diese  Schwämme  ausgepresst,  und  mög«  es 
noeh  ao  viele  Köpfe  kost^,  so  solle  die  aite  Zueht  wied/ei- 
hergestellt  werden.  Mark  Aurel  war  auch  längst  vor  simem 
E)urgei2i  gewarnt  worden;  aber  er  &&d  l{«inen  genügeuden 
Grund,  gegen  den  beliebtem  und  verdieuteu  Feldberm  einzu- 


MaEcns  Anreiias  Antoninus.  X03 

sebreiten ;  und  j;Qglelch  lebte  er  des  frommen  Vertrauens,  dass 
die  Götter  ihn  nicht  yeidassen  und  die  Menschen  einen  Gassius 
ihm  nicht  voniehen  werden;  sollte  dem  letzteren  aber  die 
Herr»^aft  bestimmt  sda ,  so  kömie  e  r  ihm  <ja  doch  nichts 
anhaben,  luid  sollte  Gassius  mehr  Liebe  verdienen,  und  ein 
besserer  Fürst  Verden,  als  er  und  seine  Kinder,  so  möge  er 
immerhin  seine  Stelle  .einnehmen.  IMeses  Vertrauen  täuschte 
ihn  audi  im  vorliegenden  Fall  nicht:  die  eigenen  Leute  des 
Usurpators  wollten  den  milden  und  gütigen  Fürsten  nicht  mit 
dem  rauhen  und  harten  Vertauschen.  Aber  unter  einer  streu- 
geren  Begierung  wäre  es  wahrscheinlich  gar  nicht  zur  Em- 
pörung gekommen;  und  däss  diese  Strenge  nicht  Mark  AureFs 
Sache  war,  dafür  werden  wir  allerdings  neben  seinem  Naturell 
aufih  .seine  philosophischen  Studien  verantwortlich  'machen 
müssen. 

Von  welcher  Art  war  nun  aber  die  Philosophie,  in  deren 
Schule  sich  Mark  Aurel  zu  dem  vortrefFlichen  Manne,  der  er 
war,  gebildet  hatte,  die  ihn  aber  andererseits  doch  von  der 
ungetheilten  Freude  an  seinem  Begentenberuf  zurückhielt? 
Es  war  diess,  wie  bemerkt,  der  Stoicismus.  Diese  Philosqphie 
gieng  nun  ihrer  wesentlichen  Bichtung  *nach  darauf  aus ,  den 
Menschen  durch  Tugend  und  Erkenntniss  unabhängig  von  allem 
Aeusseren,  und  in  seiner  Unabhängigkeit  glücksdig  zu  machen. 
Ihre  allgemeine  Weltansdiauung  ist  ein  Paiatheismus ,  der  uns 
in  allem,  was  ist  und  geschieht,  die  Offenbarung  der  Gottheit, 
die  Bethätigung  des  göttlichen  Gesetzes  erkennen  lässt.  Gott 
ist  als  das  Urfeuer  der  Stoff,  aus  dem  alle  Dinge  geworden 
sind,  und  in  den  alle  mit  der  Zeit  zurückkehren  sollen,  um 
dann  wieder  auf's  neue,  in  immer  wiederholten  Weltent- 
wieklungen,  aus  ihm  hervorzugehen.  Er  ist  aber  auch  der 
Gdst,  der  alles  schafft  und  durchdringt,  die  allgemeine  Welt- 
venmnft,  äie  alles  ordnet;  das  Schicksal,  welches  nach  unab- 
änderlichen Gesetzen  die  ganze  Beihe  der  Ursachen  und  Wir- 
kungen hervorbringt ;  die  Vorsehung,  welche  alles  in  der  Welt 
auf's  zweckmässigste  einrichtet,  und  durch  alles  das  Wohl 
der  Vemunfitwesen  fordert.    Seinen  ewigen  Gesetzen  zu  folgen 


104 


Marcus  Aurelios  Antoninus. 


ist  die  Bestimmung  des  Menschen ;  darin  allein  besteht  unsere 
Tugend  und  unsere  Glückseligkeit.  Was  den  Menschen  dieser 
Bestimmung  näher  bringt,  ist  ein  Gut,  was  ihn  von  ihr  ent- 
fernt, ist  ein  üebel;  alles  andere  dagegen,  wie  wichtig  es 
auch  zu  sein  sch\Bine,  das  Leben,  die  Gesundheit,  die  Ehre, 
die  Lust,  der  Besitz,  und  andererseits  Armuth,  Schande, 
Schmerz,  Krankheit,  Tod  —  dieses  alles  hat  auf  den  Werth 
und  die  Glückseligkeit  des  Menschen  keinen  Einfluss ,  es  ist 
etwas  gleichgültiges:  nur  die  Tugend  ist  ein  Gut,  nur  die 
Schlechtigkeit  ist  ein  Uebel.  Die  Tugend  besteht  aber  ihrem 
Wesen  nach  in  der  sittlichen  Gesinnung,  und  diese  Gesinnung 
ist  entweder  da,  oder  sie  ist  nicht  da,  ein  diittes  giebt  es 
nicht  Ein  getheilter  Besitz  der  Tugend  ist,  wie  die  Stoiker 
glauben,  unmöglich:  man  besitzt  sie  nur  ganz  oder  gar  nicht. 
Alle  Menschen  zerfallen  ihnen  daher  in  die  zwei  Klassen  der 
Tugendhaften  oder  Weisen,  und  der  Schlechten  oder  Thoren, 
und  so  wenig  in  den  Weisen  etwas  von,  Thorheit  übrig  ist, 
ebensowenig  ist  in  den  Thoren  etwas  von  Weisheit;  die  Weisen 
sind  durchaus  vollkommen  und  glückselig,  sie  sind  allein  frei, 
sie  allein  die  geborenen  Herrscher,  sie  stehen  an  Glückseligkeit 
selbst  hinter  der  Gottheit  nicht  zurück,  die  Thoren  sind  durch- 
aus schlecht,  elend,  unfrei,  oder  wie  der  stoische  Kraftausdruck 
lautet :  alle  Thoren  sind  venückt.  Dagegen  haben  alle  an- 
deren Unterschiede  unter  den  Menschen,  die  üntei'schiede  des 
Standes,  der  Nationalität,  des  Geschlechtes,  jenem  Einen  grossen 
Grundgegensatz  gegenüber  nichts  zu  bedeuten:  alle  Menschen 
sind  gleicher  Natur  und  gleicher  Abstammung,  denn  alle  sind 
Vemunftwesen  und  alle  haben  die  Gottheit  zum  Vater,  dei-en 
Ausfluss  der  menschliche  Geist  ist;  sie  alle  haben  die  gleiche 
Bestimmung  und  stehen  unter  dem  gleichen  Gesetze;  die 
ganze  Menschheit  ist  Ein  Volk ,  die  ganze  Welt  ist  Ein  Staat, 
dessen  Beherrscher  die  Gottheit,  dessen.  Verfassung  das  ewige 
Weltgesetz  ist.  Je  unb  edingter  der  Menschsich  niurch  dieses 
Gesetz  führen  lässt,  je  ausschliesslicher  er  in  der  Tugend  sein 
Glück  sucht,  um  so  unabhängiger  von  allem  Aeussem,  um  so 
befriedigter  in  sich  selbst  ist  er,  um  so  bereitwilliger  wird  er 


.•\ 


Marcus  Aureliüs  Antoninus.  105 

aber  auch  die  Gemeinschait  mit  anderen  pflegen,  und  dem 
Ganzen  gegenüber,  als  dessen  Theil  er  sich  fühlt,  in  allen 
Verhältnissen  seine  Pflicht  thun. 

Diess  ungefähr  sind  die  leitenden  Gedanken  der  stoischen 
Philosophie,  und  man  wird  zugeben  müssen,  es  ist  eine  Philo- 
sophie voll  männlichen  Ernstes ,  die  an  Strenge  und  Reinheit 
der  Grundsätze,  an  Unabhängigkeit  der  Gesinnung  nichts  zu 
wünschen  übrig  lässt;  eine  Philosophie^  welche  von  dem  Men- 
schen verlangt,  dass  er  in  allem,  was  ihm  widerfährt,  die 
ewigen  Gesetze  des  Weltlaufs  verehre,  in  allem,  was  er  thut, 
sich  diesen  Gesetzen  als  williges  Werkzeug  hingebe.  Aber 
man  wird  auch  beifügen  müssen :  es  ist  die  Philosophie  einer 
Zdt,  die  für  eine  befriedigende  öffentliche  Thätigkeit  keine 
Aussicht  darbot,  in  der  ernsteren  und  edleren  Geistern  nichts 
übrig  zu  bleiben  schien,  als  aus  dem  allgemeinen  Druck  und 
Verfall  in  ihr  Inneres  zu  flüchten,  für  die  eigene  Seele  zu 
sorgen,  und  im  übrigen  das,  was  man  nicht  ändern  konnte,  in 
schweigender  Ergebung  hinzunehmen. 

Die  gleichen  Ansichten  sind  es  nun,  denen  auch  Mark 
Aurel  huldigt.  Er  hat  uns  ein  Bild  seiner  Denkweise  in  den 
Au&eichnungen  hinterlassen ,  welche  giösserentheils  seinen 
letzten  Lebensjahren  angehörig,  uns  unter  dem  Titel  „An  sich 
selbst"  überliefert  sind.  Jede  Zeile  dieser  Selbstgesprädie  ist 
ein  Denkmal  seines  Stoicismus,  und  die  praktischen  Grund- 
lehren besonders,  von  der  Unabhängigkeit  des  Weisen,  von 
der  Zurückziehung  in  sich  selbst,  von  der  Ergebung  in  den 
Weltlauf,  von  unsem  Verpflichtungen  gegen  andere  und  gegen 
die  Menschheit  —  diese  Grundsätze  vor  allem  sind  es,  auf 
die  wir  in  denselben  bei  jedem  Schritt  stossen.  Doch  lässt 
sich  nicht  verkennen,  dass  sich  Mark  Aurel's  Stoicismus  theils 
weit  ausschliesslicher  auf  die  praktischen  Fragen  beschränkt, 
theils  in  seiner  Moral  selbst  einen  weicheren,  milderen,  reli- 
giöseren Charakter  trägt,  als  der  ursprüngliche  eines  Zeno 
und  Chrysippus;  wie  denn  die  stoische  Philosophie  schon  seit 
längerer  Zeit ,  bei  einem  Seneca ,  einem  Musonius ,  und  ganz 
besonders  bei  Epiktet,  diese  Wendung  genommen  hatte.    Die 


106  Marcus  Aurelios  Antoninos 

Nichtigkeit  aller  irdischen  Dmge,  die  Uebel  des  Lebens,  die 
Hinfidligkeit ,  die  HülfsbedürfÜgkeit ,  die  sittliche  Schwäche 
des  Menschen  lasten  viel  zu  schwer  auf  ihm,  als  dass  er  sich 
zur  freien  theoretischen  Betrachtung  der  Welt  erheben  könnte. 
Die  Philosophie  soll  dem  gedrückten  Gemüthe  Beruhigung, 
dem  kranken  Willen  Heilung  bringen;  der  Philosoph  ist  du 
Arzt  für  die  Seele,  ein  Priester  und  Diener  der  Gottheit  unter 
den  Menschen.  Als  solchen  erweist  er  sich  aber  vor  allem 
durch  die  unbeschränkteste,  hingehendste,  lilckhaltloseste 
Menschenliebe.  Alle  Menschen,  lehrt  unser  kaiserUcher  Philo- 
soph ,  sind  sich  verwandt ,  die  ganze  Menschheit  ist  Ein  Leib, 
und  wer  sich  auch  nur  von  Einem  seiner  Mitmenschen  los- 
sagt, der  scheidet  sich  wie  ein  abgehauenes  Glied  von  dem 
Stamme  der  Menschheit  selbst  ab.  Lasset  uns  Gutes  thun, 
sagt  er,  nicht  um  des  Anstandes  und  des  Buhmes  willen» 
sondern  weil  uns  das  Wohlthun  als  solches  Freude  macht, 
weil  sich  selbst  wohlthut,  wer  andern  eine  Wohlthat  erzeigt. 
Auch  die  Strauchelnden  will  er  lieben,  auch  den  Undankbaren 
und  feindselig  Gesinnten  verzeihen;  er  erinnert  uns,  dass  die 
Menschen  doch  nur  desshalb  fehlen,  weil  sie  ihr  wahres  Bestes^ 
nicht  kennen,  dass  wir  selbst  in  unserem  Linern,  an  dem  es 
allein  liegt,,  durch  fremdes  Unrecht  nicht  Schaden  leiden,  das& 
wir  auch  nicht  fehlerfrei  seien,  und  andere  gleichfalls  nehmen 
müssen,  wie  sie  nun  einmal  sind ;  statt  den  Trotz  des  Gegners, 
mit  Trotz  zu  erwiedem,  will  er  ihn  durch  Sanftmuth  über- 
winden, durch  liebreiche  Belehrung  umstimmen.  Und  wir 
wissen  ja  auch,  was  der  Philosoph  fordert,  hat  der  Kaiser 
geübt;  das  Leben  und  die  Lehre  des  Mannes,  dessen  Bild 
wir  betrachten,  stimmen  in  jedem  Zuge  auf's  schönste  zu- 
sammen. 

Wollen  wir  aber  dieses  Bild  in  seine  vollständige  geschieht-- 
liehe  Beleuchtung  rücken,  so  müssen  wir  uns  erinnern,  das& 
Mark  Aurel  nicht  blos  römischer  Kaiser  und  stoischer  Philo- 
soph, sondern  dass  er  auch  ein  Sohn  der  christlichen  Zeit 
war.  Gerade  an  den  Punkten,  in  denen  er  über  den  alt- 
römischen Geist  und  über  den  ursprünglichen  Stoidsmus  hin- 


Marcus  AureUns  AntoninoB.  107 

» 

am^ht,  tritt  er  mit  dem  Ghristenthttm  in  eine  merkwürdige 
Besdehmig.  Jene  imiige  Frömmigkeit,  jene  selbstlose  Ei^ebung 
in  den  Willen  der  Gottheit,  die  ihn  ansz^hnet,  jenes  tiefe 
Gefühl  fbr  die  Eitelkeit  aller  weltlichen  Dinge,  für  die  Schwäche 
und  Sündhaftigkeit  des  Menschen ,  jene  Sorge  um  sein  Seelen- 
heO,  jene  Reinheit  des  Wandels,  jene  Treue  im  kleinen,  wie 
im  grossen,  jene  grossartige  Erhebung  über  das  Aeussere^ 
jene  Menschenliebe  ohne  Grenzen,  die  auch  der  Unwürdigen 
und  der  Beleidiger  nicht  vergisst  —  sind  diess  nicht  eben  die 
Züge,  welche  in  der  Lehre  und  in  dem  Verhalten  der  ältesten 
Christen  vor  allen  andern  hervorl^ichten  ?  Sidlte  man  nicht 
meinen,  wenn  er  mit  dem  Christenthum  bekannt  wurde,  hätte 
er  sich  von  demselben  im  innersten  angezogen  finden  müssen? 
Ja  könnte  sich  nicht  am  Ende  die  Vermuthung  empfehlen^ 
dass  Mark  Aurel's  Stoidsmus  seine  eigenthümliche  Färbung 
christlichen  Einflüssen  mit  zu  verdanken  habe?  Und  es  giebt 
wirklich  eine  Ueberlieferung,  welche  den  frommen  Kaiser  mit 
dem  Christenthum  in  eine  freundliche  Berührung  kommen  lässt. 
Wie  der  römische  Stoiker  Seneca  von  der  christlichen  Sage 
mit  dem  Apostel  Paulus  in  Verbindung  gesetzt,  und  zum 
Beweise  dieser  Verbindung  ein  angeblicher  Briefwechsel  beider 
vorgezeigt  wurde,  so  begegnet  uns  ähnliches  bei  Mark  AureL 
In  dem  Markomannenkriege  —  so  erzählen  christliche  Schrift- 
steller in  der  nächsten  Zeit  nach  dem  Tode,  ja  vielleicht  noch 
zu  Lebzeiten  des  Kaisers  —  wurde  Mark  Aurel  in  einer 
wasserlosen  Gegend  von  einer  überlegenen  feindlichen  Macht 
abgeschnitten,  so  dass  er  in  der  dringendsten  Gefahr  war, 
mit  seinem  ganzen  Heere  zu  verdursten.  Da  warfen  sich  die 
duristUcheh  Soldaten  im  Heere  —  angeblich  eine  ganze  Legion, 
welche  desshalb  den  Beinamen  der  blitzeschleudemden  erhalten 
haben  soll  —  auf  die  Kniee,  und  ihr  Flehen  rettete  die  Annee : 
ein  plötzlich  ausbrechendes  Gewitter  versorgte  nicht  allein 
die  Römer  mit  Wasser,  sondern  es  trieb  auch  (wie  der  spätere 
Bericht  lautet)  die  Feinde  durch  Hagel  und  Feuer  in  die 
Flucht  Schon  Tertullian  beruft  sich  für  diese  Erzählung  auf 
das  eigene  Ausschreiben  des  Kaisers,  in  welchem  desshalb  die 


108  Marcus  Aurelius  Antonintts. 

Anklagen  gegen  die  Christen  mit  schwerer  Strafe  bedroht 
seien;  und  wir  selbst  besitzen  noch  einen  angeblichen  Erlass 
M.  Aurel's,  worin  er  den  Vorfall  mit  allen  seinen  wunderbaren 
Nebenumständen  erzählt,  imd  aus  Anlassi  desselben  verfugt: 
damit  die  Christen  die  wimderkräffcige  Waflfe  ihres  Gebets 
nicht  auch  einmal  gegen  ihn  wenden,  solle  ihnen  fortan  ge- 
stattet sein,  ihres  Glaubens  zu  leben,  niemand  solle  um 
seines  Christenthums  willen,  wenn  ihm  sonst  kein  Verbrechen 
zur  Last  falle,  bestraft,  sondern  es  sollen  vielmehr  die  An- 
kläger in  solchen  Fällen  lebendig  verbrannt  werden.  Indessen 
ist  nicht  blos  dieses  unglaubliche  Rescript,  wie  diess  heutzu- 
tage keines  Beweises  mehr  bedarf,  unterschoben,  sondern  auch 
mit  seiner  angeblichen  Veranlassung  verhält  es  sich  anders, 
als  die  christlichen  Schriftsteller  die  Sache  darstellen.  Das  näm- 
lich ist  zwar  richtig,  dass  Mark  Aurel  im  zweiten  Markomannen- 
kriege, also  um's  Jahr  174,  mit  seinem  Heere  in  die  angege- 
bene gefährliche  Lage  geiieth,  und  durch  ein  Gewitter  gerettet 
wurde.  Aber  dass  er  dieses  Gewitter  dem  Gebet  der  christ- 
lichen Soldaten  zu  verdanken  habe,  dieses  glaubte  weder  der 
Kaiser  selbst  noch  seine  heidnischen  Zeitgenossen.  Die  letz- 
teren leiten  das  Wunder,  das  auch  sie  annahmen,  bald  von 
dem  Gebete  des  Kaisers,  bald  von  den  Beschwörungen  eines 
ägyptischen  Zauberers  her;  Mark  Aurel  selbst  sah  darin  ohne 
Zweifel,  seinem  religiösen  Standpunkt  entsprechend,  einen 
Beweis  besonderer  göttlicher  Fürsorge ;  wie  weit  er  aber  davon 
entfernt  war,  den  Christen  hiebei  ein  Verdienst  zuzuschreiben, 
diess  erhellt  mit  vollkommener  Gewissheit  aus  der  Thatsache, 
dass  das  Wunder  der  blitzeschleudemden  Legion  in  der  Be- 
handlung, welche  den  Christen  unter  seiner  Regierung  wider- 
fuhr, nicht  die  geringste  Verändeinmg  hervorgebracht  hat. 
Diese  Behandlung  richtete  sich  aber  so  wenig  nach  den  Vor- 
schriften seines  angeblichen  Erlasses,  dass  vielmehr  gerade 
unter  ihm  gegen  die  Christen  mit  grösserer  Strenge  verfahren 
wurde,  als  diess  unter  einem  der  früheren  Kaiser,  seit  der 
neronischen  Christenveifolgung,  geschehen  war.  Aus  den  ver- 
schiedensten Theilen  des  römischen  Reichs  hören  wir  in  dieser 


Marcus  Aurelius  Antoniniis.  109 

Zeit  von  schwerer  Bedrängniss  der  Christengemeinden.  In 
Smyma  endete  der  ehrwürdige  Bischof  Polykarpus  auf  dem 
Scheiterhaufen,  nachdem  elf  andere  vor  ihm  unter  grausamen 
Qualen  hingerichtet  worden  waren;  und  sind  auch  diese  Vor- 
gänge nach  den  neuesten  Untersuchungen  schon  156  n.  Chr., 
also  noch  in  die  Regierung  des  Antoninus  Pius  zu  setzen,  so  ist 
diess  doch  für  uns  von  keiner  Erheblichkeit,  da  sich  zum  voraus 
annehmen  lässt,  und  aus  seinem  eigenen  Verfahren  klar  hervor-  - 
geht,  dass  Mark  Aurel  hinsichtlich  der  Behandlung  der  Christen 
mit  seinem  Adoptivvater  durchaus  einverstanden  war.  In  Rom 
wurden  im  J.  165  mehrere  Christen,  darunter  Justin  der  Mär- 
tyrer, einer  von  den  bedeutendsten  Kirchenlehrern  seiner  Zeit, 
getödtet.  Eine  noch  härtere  Verfolgung  brach  aber  wenige  Jahre 
nach  dem  angeblichen  Wunder  des  Markomannenkrieges,  im  Jahre 
177,  in  GalKen  aus;  namentlich  die  Christengemeinden  zu  Lyon 
und  Vienne  wurden  furchtbar  heimgesucht,  massenweise  ein- 
gekerkert, viele  ihrer  angesehensten  Mitglieder  nach  schweren 
Folterqualen  enthauptet  oder  den  wilden  Thieren  vorgeworfen. 
Dass  alles  dieses,  zum  Theil  unter  den  Augen  des  Kaisers,  ohne 
sein  Vorwissen  oder  gegen  seinen  Willen  geschehen  sei,  ist  an 
und  für  sich  undenkbar;  es  wird  aber  auch  ausdrücklich  von 
kaiserlichen  Erlassen  berichtet,  welche  über  die  Christen  die 
Todesstrafe  verhängten,  allen  denen  jedoch,  die  sich  zum  Widerruf 
verstehen  würden,  Verzeihung  angedeihen  Hessen.  Ein  noch  er- 
haltenes Edikt  Mark  Aurel's  bedroht  die  Verbreitung  neuer  Glau- 
bensweisen, welche  die  Gemüther  der  Menschen  aufzuregen  geeig- 
net seien,  bei  Leuten  von  Stand  mit  Deportation,  bei  den  übrigen 
mit  dem  Tode.  Wir  können  daher  in  diesen  Christenverfolgungen 
nur  eine  ganz  allgemeine  und  grundsätzliche,  von  dem  Kaiser 
selbst  ausgegangene  oder  doch  genehmigte  Massregel -erblicken. 
Wie  sollen  wir  es  uns  nun  aber  erklären,  dass  einer  der 
besten  Menschen  und  einer  der  mildesten  Herrscher  die  Chri- 
sten mit  dieser  Härte  behandelte  ?  dass  derselbe  Fürst,  welcher 
Empören!  und  Hochverräthem  fast  über  das  Mass  der  Staats- 
klugheit hinaus  zu  verzeihen  wusste,  gegen  eine  Religions- 
gesellschaft, deren  Grundsätze  seinen  eigenen  so  vielfach  ver- 


"(.T^'? 


•? 


110 


Marcod  Aurelius  Antoninus. 


wandt  sind,  ein  System  der  Unterdrückung  befolgte,  das  uns 
nur  höchst  ungerecht,  ja  unmenschlich  erscheinen  kann? 

Um  diese  Frage  zu  beantworten,  müssen  wir  uns  zunächst 
erinnern,  dass  Mark  Aurel  eben  der  Beherrscher  des  römischen 
Staats  war.  Dieses  Staatswesen  war  aber  in  allen  seinen  Be- 
ziehungen mit  der  Staatsreligion  so  innig  verwachsen,  dass  es 
einem  Römer  gar  nicht  möglich  war,  beide  von  einander  zu 
trennen.  Alle  öffentlichen  Handlungen  von  einiger  Bedeutung 
wurden  mit  Opfern  und  Gebeten,  mit  Beobachtung  des  Vögel- 
flugs und  Opferschau  eröffpet;  von  den  Staätsgöttern  und  ihrer 
Anrufung  erwartete  man  Sieg  im  Kriege  und  Gedeihen  im 
Frieden ;  bei  diesen  Göttern  wurde  der  Huldigungseid  und  der 
Fahneneid  geschworen;  zu  den  Göttern  sollten  die  verstorbe- 
nen Beherrscher  des  Weltreichs  sich  erheben,  und  eine  Art 
religiöser  Anrufung  wurde  auch  schon  den  lebenden  erwiesen. 
Wie  das  häusliche,  gesellschaftliche  und  bürgerliche,  so  war 
auch  das  politische  Leben  des  römischen  Volkes  an  die  Ver- 
ehrung der  Götter  geknüpft  und  von  ihr  getragen.  Nun  waren 
diese  Götter  freilich  sehr  duldsam:  eine  beträchtliche  Anzahl 
auswärtiger,  namentlich  griechischer  Gottheiten  hatte  allmäh- 
lich in  ihrem  Kreis  Aufnahme  gefunden,  und  alle  Götter  der 
besiegten  Völker  wurden  in  ihrer  Bedeutung  für  diese  Nationen 
bereitwillig  anerkannt,  wenn  sie  auch  nicht  zu  Göttern  des 
römischen  Staats  erhoben  wurden.  Aber  diese  Duldung  war 
natürlich  an  die  Bedingung  der  Gegenseitigkeit  geknüpft :  eine 
Religion,  welche  gegen  die  Staatsgötter  und  ihre  Verehrung 
feindselig  auftrat,  konnte  der  römische  Staat  wohl  etwa  da, 
wo  er  sie  in  einem  bestehenden  Volk  antraf,  wie  die  jüdische, 
innerhalb  gewisser  Grenzen  gewähren  lassen;  wenn  sie  dagegen 
die  Staatsreligion  in  ihrem  eigenen  Gebiete  angriff,  wenn  sie 
die  Bekenner  derselben  dem  anerkannten  Kultus  abwendig 
machte,  wenn  sie  auf  den  Rechtstitel  einer  nationalen,  von 
den  römischen  Eroberern  schon  vorgefundenen  Eigenthümlich- 
keit  sich  nicht  stützen  konnte,  und  doch  eine  ungehemmte 
Bewegung  für  sich  in  Anspruch  nahm,  so  musste  der  römische 
Staat  entweder  sein  ganzes  bisheriges  Princip  aufgeben,   die 


Marcus  Aurelius  .Antoninas.  111 

ganze  Verbindung,  in  welcher  er  mit  der  Volksreligion  stand, 
auflösen,  oder  er  musste  den  fremden  Eindringling  mit  allen 
den  Mitteln  zurückweisen,  welche  der  Besitz  der  Macht  und 
die  geltenden  Gesetze  an  die  Hand  gaben.  Eben  diess  war 
aber  der  Fall  des  Christenthums.  Mochten  die  Christen  noch 
so  ernstlich  versichern,  dass  sie  gute  Unteiihanen  seien,  welche 
für  die  Kaiser  beten  und  der  Obrigkeit  gehorchen:  von  römi- 
schen Staatsmännern  liess  sich  nicht  verlangen,  dass  sie  dieser 
Versicherung  Glauben  schenken  sollten.  In  Wahrheit  war 
das  Christenthum,  wie  diess  der  weitere  Verlauf  der  Geschichte 
ausser  Zweifel  gestellt  hat,  mit  dem  Bestände  des  damaligen 
Staatswesens  unverträglich.  Es  war  diess  schon  desshalb,  weil 
es  den  Glauben  der  Menschen  an  diesen  Staat  untergrab, 
weil  es  in  dem  heidnischen  Weltreich  nur  eine  widergöttliche 
Macht  zu  sehen  wusste,  der  man  sich  unterwerfen  müsse,  so 
lange  sie  nun  eben  bestand,  von  der  aber  alle  lebendigen 
Christen  sehnsüchtig  hofften  und  wünschten,  dass  der  Tag 
nicht  ferne  sei,  an  dem  Christus,  in  den  Wolken  des  Himmäls 
herabfahrend,  ihr  ein  Ende  mit  Schrecken  bereiten  werde. 
Denn  dass  der  Staat  jemals  ein  christlicher  werden  könne, 
dieser  Gedanke  lag  den  älteren  Christen  gerade  so  ferne,  wie 
ihren  heidnischen  Gegnern.  Ein  Christ,  sagen  sie,  könne  kein 
römischer  Kaiser,  und  ein  Kaiser  könne  kein  Christ  sein ;  und 
giengen  auch  nicht  alle  so  weit,  wie  diess  eine  starke  Parthei 
allerdings  that,  dass  sie  den  Staat  mit  aller  übrigen  Herrlich- 
keit der  Welt  geradehin  zum  Reich  des  Teufels  rechneten,  so 
urtheilte  doch  niemand  unter  ihnen  anders  über  den  heidni- 
schen Kultus  und  über  alles,  was  mit  ihm  in  Verbindung  stand. 
Von  allen  solchen  Dingen  und  Handlungen  mussten  die  Christen 
sich  ferne  halten,  wenn  sie  nicht  mit  den  Dämonen  in  Be- 
rührung kommen,  nicht  die  Schuld  des  Götzendienstes  auf  sich 
laden  wollten.  Welche  Zurückziehung  aus  dem  geselligen, 
welche  Verwicklungen  im  häuslichen  Leben  sich  hieraus  er- 
geben mussten,  in  einer  Zeit,  wo  die  verschiedenen  Glaubens- 
kreise äusserlich  erst  sehr  wenig  getrennt,  wo  diie  gemischten 
Ehen  z.  B.  äusserst  häufig  waren,  kann  ich  hier  nur  andeuten. 


112  Marcus  Anrelius  Antoninus. 

Auch  das  Verhältniss  zum  Staat  musste  durch  diese  Scheu 
vor  Befleckung  mit  heidnischen  Gräueln  auf's  tiefste  bertihi't 
werden.  Wo  die  Religionspflicht  anfieng,  da  fand  der  Gehor- 
sam gegen  die  Obrigkeit  seine  Grenze.  Die  Christen  erhoben 
die  Hand  nicht  zu  thätlicher  WidersetzUchkeit,  aber  sie  setzten 
duldend  jeder  Zumuthung,  die  ihr  Gewissen  verletzte,  den 
entschlossensten,  todesmuthigsten ,  unüberwindlichsten  Wider- 
stand entgegen.  Sie  suchten  sich  dem  Kriegsdienste  zu  ent- 
ziehen, nicht  blos  um  kein  Menschenblut  zu  vergiessen  und 
das  Gebot  der  Feindesliebe  nicht  zu  verletzen,  sondern  mehr 
noch,  weil  sie  den  heidnischen  Fahneneid  mit  gutem  Gewissen 
nicht  leisten  konnten.  Sie  vermieden  die  obrigkeitlichen  Aemter, 
welche  sie  mit  dem  heidnischen  Kultus  in  Berührung  zu  brin- 
gen drohten.  Sic  entzogen  ihre  Bechtssachen  wo  möglich  den 
öflfentlichen  Gerichten,  weil  es  sich,  wie  schon  Paulus  sagt, 
nicht  gezieme,  dass  Christen  bei  Heiden  ihr  Recht  suchen. 
Sie  weigerten  sich,  für  das  Wohl  der  Kaiser  zu  opfern,  bei 
ihrem  Genius  zu  schwören,  ihren  Bildern  Verehrung  zu  er- 
weisen. Sie  hatten  es  kein  Hehl,  dass  sie  die  ganze  heidnische 
Welt  für  reif  zum  Untergang ,  dass  sie  den  Glauben  und  den 
Götterdienst,  der  ein  Grundstein  des  römischen  Staats  war, 
für  ein  Teufelswerk  hielten.  Kann  man  sich  wundem ,  wenn 
im  Volk  über  eine  solche  Religionsgesellschaft  die  sinnlosesten 
und  gehässigsten  Gerüchte  im  Umlauf  waren,  und  wenn  die 
Staatsmänner  jedenfalls  nur  eine  Rotte  von  staatsgefährlichen 
Neuerem  in  ihr  zu  sehen  wussten?  Es  sind  daher  auch,  ab- 
gesehen von  Nero,  dessen  Christenverfolgung  keine  eigentlich 
politischen  Motive  hatte,  nicht  die  schlechten,  sondern  die 
besten  und  kräftigsten  Kaiser,  von  welchen  die  Massregeln 
gegen  das  Christenthum  ausgiengen.  Die  schlafferen  und 
gegen  die  Staatszwecke  gleichgültigeren  Naturen  konnten  es 
dulden;  wer  den  altrömischen  Staat  woDte,  der  musste  es 
unterdrücken. 

War  aber  der  Kaiser  in  Mark  Aurel  ein  natürlicher 
Gegner  der  Christen,  so  war  auch  der  Philosoph  in  ihm  nicht 
geeignet,  ihm  eine  bessere  Meinung  von  ihnen  beizubringen. 


^^;    -• 


Marcus  Aurelias  Antoninus.  113 

Die  stoische  Theologie  lag  allerdings  von  dem  römischen  wie 
Yon  dem  griechischen  Volksglauben  weit  a;b.  Statt  der  men- 
schenähnlichen, auch  mit  allen  Schwächen  und  Leidenschaften 
der  Menschen  behafteten  Götter  hatte  sie  den  Einen  Welt- 
geist, statt  einer  Welt,  in  welche  die  Götter  mit  Freiheit  und 
WiUkühr  von  oben  her  eingreifen ,  eine  festgeschlossene ,  un- 
verbrüchliche,  bis  auf's  kleinste  hinaus  von  aller  Ewigkeit 
her  feststehende  Naturordnung.  Daneben  weigerte  sie  sich 
nun  zwar  nicht,  auch  in  den  verschiedenen  Theilen  der  Welt 
göttliche  Kräfte  anzuerkennen.  (Vergl.  S.  24  f.)  Aber  diese 
Ausflüsse  und  Theile  der  Einen  Naturkraft  waren  doch  etwas 
ganz  anderes,  als  die  persönlichen  Götter  des  Volkes,  das 
grosse  Gemeinwesen,  welches  nach  stoischer  Anschauung 
die  Welt  bildet,  etwas  anderes,  als  der  heitere  und  bunte 
Götterstaat  der  Dichter.  Und  die  namhaftesten  Vertreter 
der  stoischen  Lehre  verbargen  es  auch  gar  nicht,  dass  sie 
in  den  Mythen  des  Volksglaubens  nur  kindische  und  un- 
würdige Fabeln  zu  sehen  wissen.  Aber  nichtsdestoweniger 
wollten  sie  diese  Religion  selbst  nicht  antasten.  Durch  die 
zügelloseste  Anwendung  der  allegorischen  Deutung  brachten 
sie  es  zustande,  auch  den  ungereimtesten  und  verwerflichsten 
Mythen  einen  unverfänglichen  Sinn  abzugewinnen,  die  Lehr- 
sätze ihrer  Physik,  die  Vorschriften  ihrer  Moral  darin  wieder- 
zufinden. In  der  gleichen  Weise  behandelten  sie  die  prak- 
tische Seite  der  Religion,  den  Kultus.  Durch  allerlei  künst- 
liche Theorien  wussten  sie  sich  die  Vorstellungen  und  Gebräuche 
der  Volksreligion  zurechtzulegen,  und  das,  was  sie  ^igenthch 
nicht  gutheissen  konnten,  mit  ihrem  System  in  eine  scheinbare 
TJebereinstimmung  zu  bringen.  So  wurden  die  Stoiker,  trotz 
ihres  inneren  Gegensatzes  zur  Volksreligion,  doch  nach  aussen 
die  eifrigen  Vertheidiger  derselben,  die  ersten  Vertreter  einer 
spekulativen  Orthodoxie.  Auch  Mark  Aurel  stand  in  dieser 
Beziehung  nicht  über  seiner  Schule,  ja  er  gehörte  nicht  einmal 
zu  der  aui^eklärteren  Parthei  in  derselben.  Seine  tiefe  und 
innige  Frömmigkeit  verschmäht  es  nicht,  mit  den  reinen  und 
würdigen  Vorstellungen  von   der  Gottheit^   auf  die  sie  sich 

Zeller,  Vorträge  und  AbliaadL  g 


114  Marcos  Aurelius  Antoninus. 

gründet,  mit  dem  geistigen  und  sittlichen  Gottesdienst,  den 
sie  ihr  widmet,  eine  lebhajfte  Theilnahme  an  dem  volksthOm- 
liehen  Kultus  zu  verbinden.  Dem  gröberen  Aberglauben  seiner 
Zeit  bleibt  er  allerdings  fremd,  den  Glauben  an  Zauberei,  Dämonen- 
beschwörung u.  8.  w.  theilt  er  nicht ;  aber  die  Götter,  von  deren  Für- 
sorge er  überzeugt  ist,  fliessen  ihm  doch  mit  den  römischen  und 
griechischen  Yolksgöttem  ununterscheidbar  zusammen,  und  unter 
den  Beweisen  dieser  Fürsorge  nennt  er  unter  anderem  auch 
weissagende  Träume,  durch  die  ihm  Mittel  gegen  Krankheiten 
geoflfenbart  worden  seien.  Um  so  mehr  mochte  er  sich  ver- 
pflichtet fühlen,  als  Kaiser  alles  zu  thim,  was  dem  Staate  die 
Gunst  der  Götter  zuwenden  konnte,  imd  so  wissen  wir  auch, 
dass  er  allen  Pflichten  des  öffentlichen  Gottesdienstes  mit 
grossem  Eifer  oblag.  Vor  dem  ersten  Markomannenkiieg  liess 
er  von  allen  Seiten  her  Priester  kommen,  fügte  zu  den  ein- 
heimischen fremde  Gebräuche ,  verordnete  siebentägige  Buss- 
gebete, und  reiste  nicht  eher  ab,  als  bis  diese  Religionsübungen 
vollbracht  waren.  In  Rom  lief  damals  das  Wort  um,  wenn 
er  als  Sieger  zurückkehre,  werde  es  den  weissen  Rindern 
schlecht  gehen.  Wenn  ein  Fürst  von  dieser  Denkweise  gegen 
die  erklärten  Feinde  der  Staatsgötter  mit  Strenge  einschritt, 
wenn  er  ihnen  gegenüber  von  dem  Grundsatz  seiner  Schule, 
der  Weise  dürfe  keine  Nachsicht  üben,  nicht  ^bgieng,  so  kann 
uns  diess  nicht  Wunder  nehmen. 

Diese  Stellung  zimi  Christenthum  würde  selbst  dann  kaum 
eine  andere  geworden  sein,  wenn  er  das  letztere  genau  genug 
gekannt  hätte,  um  die  vielfache  Verwandtschaft  der  christlichen 
Grundsätze  mit  den  seinigen  zu  bemerken.  Denn  da  er  selbst 
seine  Ansichten  nur  aus  der  Schule  der  Philosophie  geschöpft 
hatte,  und  da  auch  wii'klich  an  christliche  Einflüsse  auf  ihn 
und  seine  stoischen  Vorgänger  nicht  im  Ernste  gedacht  werden 
kann,  so  würde  er  sich  ohne  Zweifel  jene  Verwandtschaft  in 
derselben  Weise  erklärt  haben,  wie  diess  von  anderen  Christen- 
gegnem  geschehen  ist :  aus  einem  Plagiat,  welches  die  Christen 
an  den  Philosophen  begangen,  bei  dem  sie  aber  zugleich  die 
Lehren   der  letzteren   verdorben  und   entstellt  haben.    Und 


V   ^'^ 


4 

Marcus  Aurelios  Antoninus.  115 

me  ihn  die  christKche  Sittenlehre  schwerlich  gewonnen  hätte, 
so  würde  ihn  die  christliche  Dogmatik  ganz  sicher  auf's 
änsserste  abgestossen  haben.  Mit  den  ungereimtesten  unter 
den  heidnischen  Mythen  konnte  sich  ein  Philosoph  jener  Zeit 
vertragen,  weil  er  sie  eben  als  Mythen  betrachtete,  die  man 
mit  vollkommener  Freiheit  umzudeuten  sich  erlaubte;  aber 
bei  den  chiistlichen  Glaubenslehren  gieng  diess  nicht  an. 
Hier  wurde  ihm  zugemuthet,  alles  Ernstes  zu  glauben,  dass 
der  Sohn  Gottes  vom  Himmel  herabgekommen  sei,  um  unter 
dem  verachteten  Volke  der  Juden  als  Mensch  zu  leben;  es 
wurde  ihm  von  der  übernatürlichen  Geburt,  von  den  Wundern,, 
von  dem  Opfertod,  von  der  Auferstehung,  von  der  Hinmiel- 
fahrt  dieses  Gottessohnes  erzählt,  es  wurde  von  ihm  verlangt, 
dass  er  in  dem  Gekreuzigten  den  König  eines  himmlischen 
Reiches  verehre,  dass  er  seiner  nahen  sichtbaren  Wiederkunft 
hoffend  entgegensehe ,  dass  er  vom  Glauben^  an  ihn  alles  Heil 
erwarte.  Was  konnte  ein  heidnischer  Philosoph  jener  Zeit  in 
einer  solchen  Lehre  anderes  sehen,  als  was  schon  Plinius  darin 
sah,  einen  „masslosen  und  verderblichen  Aberglauben"?  und 
wie  anders  konnte  er  über  den  Heldenmuth,  mit  welchem  die 
Christen  für  ihren  Glauben  in  den  Tod  giengen,  urtheilen, 
als  wie  Mark  Aurel  wirklich  in  einer  seiner  Aufzeichnungen 
urtheilt:  es  sei  etwas  grosses,  dem  Tode  mit  Ruhe  entgegen- 
zugehen, aber  es  müsse  diess  aus  vernünftigen  Gründen  und 
ohne  Gepränge  geschehen ,  „und  nicht  aus  blossem  Trotz ,  wie 
bei  den  Christen"? 

Es  ist  Mark  Aurel  so  wenig  wie  seinen  Nachfolgern  und 
Vorgängern  gelungen,  diesen  Trotz  zu  brechen.  Das  Wort, 
welches  er  selbst  einmal  anfiihii;  *) :  „seinen  Nachfolger  vermag 
niemand  zu  tödten,"  gilt  nicht  blos  von  den  einzelnen  Herr- 
schern, es  gilt  auch  von  den  herrschenden  Partheien  und 
Richtungen.  Die  Mächte,  denen  die  Zukunft  gehört,  kann 
die  Gegenwart  nicht  vernichten.  Die  Zukunft  der  Welt  ge- 
hörte  aber  damals   dem    Christenthum.     Diese  Religion  hat 


*)  Bei  Capitolin,  im  Leben  des  Avidius  Cassius,  Cap.  2. 

8» 


^_._«.  j . 


116  Marcus  Aurelias  AnFoninns. 

den  römischen  Staat  und  die  römischen  Götter  siegreich  über- 
dauert. Es  war  ein  aussichtsloses  Beginnen,  wenn  man  hoffte, 
sie  im  Blut  ihrer  Bekenner  zu  ersticken,  und  es  macht  einen 
tragischen  Eindruck,  wenn  wir  einen  so  reinen  Charakter,  wie 
Antoninus,  durch  dieses  Beginnen  seinem  besseren  Selbst  un- 
treu werden  sehen.  Aber  mag  er  auch  hierin  seiner  Zeit  und 
seiner  Stellung  einen  unfit-eiwilligen  Tribut  bezahlt  haben :  von 
der  gerechten  Würdigung  des  seltenen  Mannes  werden  uns 
die  Schwächen  und  Irrthümer  nicht  abhalten ,  die  mit  seiner, 
wie  mit  jeder  menschlichen  Grösse  verknüpft  sind. 


6. 


HiTolfs  Vertreibung  aus  Halle ;  der  Kampf  des 
Pietismus  mit  der  Phüosophie. 


Die  neuere  Philosophie  hat  zwar  keine  Märtyrer  von  der- 
selben Ai-t  aufzuweisen,  wie  sie  in  früheren  Zeiten  nicht  selten 
beim  Zusammenstoss  der  fortschreitenden  Wissenschaft  mit 
der  herrschenden  Glaubensweise  gefallen  sind.  Der  Giftbecher 
des  Sokrates,  die  Scheiterhaufen,  auf  denen  noch  um  den 
Anfang  des  siebzehnten  Jahrhunderts  Bruno  und  Vanini  endeten, 
die  Gräuel  der  Bartholomäusnacht,  zu  deren  zahlreichen  Opfern 
Petrus  Ramus  gehört,  —  diese  blutigen,  von  der  Kirchen- 
und  Staatsgewalt  selbst  ausgehenden  Verfolgungen  Anders- 
denkender sind  längst  zur  Unmöglichkeit  geworden.  Aber  an 
Märtyrern  ihrer  philosophischen  Ueberzeugung  hat  es  bis  auf 
unsere  Tage  nie  ganz  gefehlt;  und  wenn  dieses  Martyrium  in 
der  Regel  nur  jenes  stille  imd  unscheinbare  war,  das  im  Er- 
dulden behan'licher  Zuillcksetzung,  in  dem  Mangel  an  einem 
angemessenen  Wirkungskreis,  vielleicht  auch  in  empfindlichen 
äusseren  Entbehrungen  besteht,  so  kamen  doch  immer  von 
Zeit  zu  Zeit  auch  Fälle  eines  obrigkeitlichen  Einschreitens 
g^en  Lehrer  der  Philosophie  vor,  die  trotz  ihres  verhältniss- 
mässig  milderen  Charakters  in  einer  verfeinerten  und  auf  die 
Denkfreiheit  eifersüchtigen  Zeit  kein  geringeres  Aufsehen  und 
keine  geringere  Entrüstung  hervorriefen,  als  in  früheren  Jahr- 
hunderten die  rohen  Gewaltthaten  des  Glaubenszwangs  und 
der  Partheileidenschaft. 


« ■■.  L  ..\ 


r-^wrr: 


118  Wolff's  Vertreibung  aus  Halle. 

/ 

In  der  Geschichte  der  deutschen  Philosophie  sind  es  zwei  j« 
Vorfälle,  welche  in  dieser  Beziehung  vor  andern  hervortreten:  ^jj 
Wolff's  Vertreibung  aus  Halle  und  Fichte's  Entlassung  von  .^. 
seiner  Lehrstelle  in  Jena.  Der  wichtigere  von  beiden  ist  aber  vyjji 
der  erste.  Fichte's  Entlassung  ist  zwar  immerhin  ein  denk-  vj 
würdiger  Akt  in  jenem  grossen  Kampfe,  der  noch  heute  nicht  ^j» 
ausgekämpft  ist:  dem  Kampfe  zwischen  der  Auktorität  und  .^j 
der  Geistesfreiheit,  zwischen  den  Ansprüchen  eines  Glaubens,  ^j^ 
der  an  seinen  dogmatischen  Voraussetzungen  nicht  rüttein  .«, 
lässt,  und  den  Anforderungen  einer  Wissenschaft,  die  nichts  ,^ 
für  wahr  annehmen  will,  was  nicht  bewiesen  ist,  und  nichts 
für  denkbar  anerkennt,  was  von  Widersprüchen  nicht  frei  ist. 
Aber  in  Wolff's  Leben  stellt  sich  die  Natur  jenes  Kampfes  in 
ungleich  derberen  Zügen  dar,  und  was  ihm  widerfuhr,  hat 
für  die  Geschichte  der  deutschen  Philosophie  und  Cultur  eine 
viel  grössere  Bedeutung  gehabt.  Fichte's  Entlassung  trägt 
doch  immer  mehr  den  Charakter  des  zufälligen  un,d  leicht  zu 
vermeidenden ;  man  kann  es  sich  unschwer  denken,  dass  Fichte 
in  jener  Zeit  einer  vorgeschrittenen  Aufklärung  ohne  ernst- 
liche Anfechtung  geblieben  wäre,  oder  dass  die  Sache,  mit 
etwas  weniger  Schroffheit  von  seiner  Seite,  eine  minder  ge- 
waltsame Lösung  gefunden  hätte.  Wolff's  Vertreibung  aus 
Halle  dagegen  ist  eine  von  den  Begebenheiten,  welche  in  dem 
engen  Rahmen  eines  persönlichen  Erlebnisses  den  Charakter 
eines  ganzen  Zeitalters,  seine  Gegensätze,  Kämpfe  und  Fort- 
schritte, in  mustergültiger  Weise  darstellen,  welche  bei  aller 
Zufälligkeit  der  unmittelbaren  Anlässe  doch  nur  das  zur  Er- 
scheinung bringen,  was  unter  den  gegebenen  Verhältnissen 
früher  oder  später,  in  der  einen  oder  der  anderen  Weise,  zum 
Austrag  kommen  musste.  Diese  Seite  der  Sache  ist  es  auch 
hauptsächlich,  welche  wir  hier  in's  A)ige  fassen.  Die  Einzeln- 
heiten derselben  sind  dui*ch  Wuttke's,  Erdmann's,  Bieder- 
mannes, Jul.  Schmidt's  und  anderer  Arbeiten  hinlänglich 
bekannt;  doch  wird  sich  auch  hiebei  zu  der  einen  oder  der 
anderen  kleinen  Ergänzung  Gelegenheit  finden. 


I 


Wolff's  Vertreibung  aus  Halle. 


119 


Der  Zustand  Deutschlands  war  bekanntlich  am  Ende  des 
dreissigjährigen  Krieges  so  traurig,  wie  nur  selten  der  eines 
grossen,  an  geistiger  und  sittlicher  Kraft  noch  lange  nicht 
erschöpften,  zu  bedeutenden  geschichtlichen  Leistungen  beru- 
fenen Volkes  gewesen  ist.  Nicht  allein  sein  Wohlstand,  seine 
Macht,  seine  politische  Einheit  war  für  lange  Jahre  zerstört, 
ganze  Länder  verwüstet,  ihre  Bevölkerung  auf  einen  kleinen 
Bruchtheil  zusammengeschmolzen:  auch  eine  sittliche  Verwil- 
derung, eine  ßohheit  und  Unwissenheit,  und  daneben,  trotz 
der  allgemeinen  Verarmung,  eine  üeppigkeit  und  Genussucht 
hatte  überhand  genommen,  von  der  wir  uns  heutzutage,  nach- 
dem das  siebzehnte  Jahi-hundert  allmählich  in  die  Würde  der 
„guten  alten  Zeit"  vorgerückt  ist,  schwer  einen  Begriff  machen. 
Diesen  Uebeln  entgegenzuarbeiten,  wäre  nach  damaligen  Ver- 
hältnissen zunächst  und  zumeist  die  Sache  der  Kirche  gewesen. 
Aber  weder  die  katholische  noch  die  protestantische  Kirche 
war  dazu  in  der  inneren  Verfassung.  In  jener  wurden  alle 
Kräfte  und  Interessen,  unter  der  Leitung  der  Jesuiten, 
von  dem  erbitterten  und  entsittlichenden  Streit  gegen  die 
Ketzer  verschlungen;  aber  auch  in  dieser  war  der  mächtige 
Strom  der  reformatorischen  Bewegung  schon  längst  in  das 
schmale  Bett  einer  dogmatischen  Orthodoxie  eingedämmt  wor- 
den, um  in  diesem,  so  schien  es,  am  Ende  vollständig  zu  ver- 
sumpfen. Eind"  unfruchtbare  und  leidenschaftliche  Streittheo- 
logie hatte  alles  freiere  und  gründliche  Wissen  aus  der  Lite- 
ratur und  den  Universitäten,  alle  lebendige  Erbauung  aus 
den  Kirchen,  allen  nützlichen  üntemcht  aus  den  Schulen  ver- 
drängt; die  höheren  wie  die  niederen  Lehranstalten  lagen  in 
schreckenerregender  Weise  darnieder,  für  die  geistigen  Be- 
dtii-fnisse  des  Volkes  hatten  seine  Führer  kein  Verständiiiss. 
Es  ist  einer  der  glänzendsten  Beweise  von  der  inneren  Kraft 
des  deutschen  Volkes  und  von  der  Tüchtigkeit,  welche  es  sich 
auch  unter  den  ungünstigsten  Umständen  in  seinem  Kerne 
bewahrt  hatte,  dass  es  sich  aus  diesem  Zustand  in  verhältniss- 
mässig  kurzer  Zeit  so  weit  herauszuarbeiten  vermochte,  wie 
diess  in  geistiger  und  sittlicher  Beziehung  noch  während  der 


>■    -f^^iM 


118  Wolff'B  Tertrdbnng  aus  HaUe. 

In  der  Geschichte  der  deutschen  Philosophie  sind  es  zwei 
VorföJle,  welche  io  dieser  Beziehung  vor  andern  hervortreten; 
Wolffs  Vertreibung  aus  Halle  und  Fichte's  Entlassung  Yon 
seiner  Lehrstelle  in  Jena.  Der  wichtigere  von  beiden  ist  aber 
der  erste.  Fichte's  Entlassung  ist  zwar  immerhin  ein  denk- 
würdiger Akt  in  jenem  grossen  Kampfe,  der  noch  heute  nicht 
ausgekämpft  ist:  dem  Kampfe  zwischen  der  Auktorität  und 
der  Geistesfreiheit,  zwischen  den  Ansprüchen  eines  Glaubens, 
der  an  seinen  di^matischen  Voraussetzungen  nicht  liltteln 
lässt,  und  den  Anforderungen  einer  Wissenschaft,  die  njchts 
für  wahr  annehmen  will,  was  nicht  bewiesen  ist,  und  nichts 
für  denkbar  anerkennt,  was  von  Widersprüchen  nicht  frei  ist. 
Aber  in  Wolff's  Leben  stellt  sich  die  Natur  jenes  Kampfes  in 
ungleich  derberen  ZUgen  dar,  und  was  ihm  widerfuhr,  bat 
für  die  Geschichte  der  deutschen  Philosophie  und  Cultur  eine 
viel  grössere  Bedeutvmg  gehabt  Fichte's  Entlassung  trägt 
doch  immer  mehr  den  Charakter  des  zu&Uigen  und  leicht  zu 
vermeidenden;  man  kann  es  sich  unschwer  denken,  daes  Fichte 
in  jener  Zeit  einer  vorgeschrittenen  Aufklärung  ohne  ernst- 
liche Anfechtung  geblieben  wäre,  oder  dass  die  Sache,  mit 
etwas  weniger  Schroffheit  von  seiner  Seite,  eine  minder  g«^; 
waltsame  Lösung  gefunden  hätte.  Wolff's  Vertreibung 
HaUe  dagegen  ist  eine  von  den  Begebenheiten,  welche 
engen  Kahmes  eines  persönlichen  Erlebnisses  dfUi  Q] 
eine 
sehr 
ZaBi 
sehe 
frUfai 
AdbI 
hauii 
heite 
mani 
beka: 


inder  g«^; 
bung  «^. 


ji?  Zasund  Denyi'3.i£.is   ^r 
:~;;E;iii:iäHl  Kri«»»  «  irzr: 
-jsa.  u  geistie^  r«   ^^.--jr- 

^.•:im.f&.   ED  beirj^-Ti.LrS     r-^-^   -;. 

ij^i;.  sane  polit^^  i_i.T  • ;     .- 
üiizt;  linder  verr-. -^    ™-  ,-   ..— 
-miiiiiieil  ZDfiLZX.-'^r-v:,-.  -.—      i  - 
ie.-j^,  ane  Y..'j^'Z  ^   '.7-  — ..- 
ler  allgemeM  ~^;:i~-.:^    -ü 
üie  überiaK  :-^j'rz.-_    •-    --    • 
irm  dis  ätiir-:::>  _^- _  ^    . 
,TitHl  alten  Zri~     -^  -    :     -  , 

iiesen  GeVi^a  *r  :-^-z .-.  '.- 

cÜtDisBen  m^-^-.  i^   i_.- 
Aber  wed»  i-  ^jr     .->    , 
»ac  dam  i  '^   ^ —     -.^ 
Kräfte  IM  .^r,-^  ■-,      L^     . 
m  dfflk  ---,--.-     j    -. . 


Strom  «r  ■ 
schmale  i^> 


er 
4ioa 

iiien 
.'rieb 


leitete, 


Stadien 
)rdituiig 
:iss  legte 
n  Ortho- 
(le  Theo- 
iLüraer  in 


120  WoMTs  Vertreibung  aus  Halle. 

nächsten  Generationen  nach  dem  angegebenen  Zeitpunkt  ge- 
schehen ist. 

Manche  wackere  Männer  widmeten  sich  dieser  reforma- 
torischen Aufgabe  in  der  zweiten  Hälfte  des  siebzehnten  Jahr- 
hunderts, vor  ihnen  allen  ragen  jedoch  Jakob  Philipp 
Spener  und  Gottfried  Wilhelm  Leibniz  hervor.  Die 
Wege  und  die  Ziele  dieser  zwei  Männer  sind  allerdings  ver- 
schieden, und  Spener's  geistige  Begabung  lässt  sich  dem  glän- 
zenden Talente  seines  genialen  Zeitgenossen  entfernt  nicht 
gleichstellen;  aber  darin  treffen  sie  zusammen,  dass  jeder 
von  ihnen  in  seiner  Weise  und  in  seiner  Sphäre  mit  dem 
bedeutendsten  Erfolge  auf  eine  Aenderung  und  Besserung  des 
bestehenden  ausgieng;  und  auch  in  dem  Geist  ihres  Wirkens 
lässt  sich  bei  schärferer  Betrachtung  eine  viel  weiter  gehende 
Verwandtschaft  entdecken,  als  man  auf  den  ersten  Blick  ver- 
muthen  sollte,  sofern  doch  jeder  von  beiden  an  der  Befreiung 
des  menschlichen  Geistes  arbeitete,  statt  der  Abhängigkeit  von 
fremder  Auktorität  eigene  TJeberzeugung ,  statt  eines  ererbten 
geistigen  Besitzes  einen  selbsterworbenen,  statt  des  blos  über- 
lieferten ein  selbsterlebtes  verlangte,  der  eine  auf  dem  Gebiete 
des  religiösen  Lebens,  der  andere  auf  dem  des  wissenschaft- 
lichen Denkens. 

Spener's  ganzes  Leben  war  dem  Dienst  der  Kirche,  und 
näher  dem  praktischen  Kirchendienst,  gewidfhet.  Im  Jahr 
1635  zu  Rappoltsweiler  im  Elsass  geboren,  wurde  er  1663 
Prediger  in  Strassburg,  gieng  von  da  1666  als  Senior  des 
Ministeriums  nach  Frankfurt  a.  M.,  1668  als  Oberhofprediger 
nach  Dresden,  und  1691  als  Prediger  an  der  Nicolaikirche 
nach  Berlin,  wo  er  1705,  bald  nach  Vollendung  seines  siebzig- 
sten Lebensjahrs,  starb.  In  dieser  ganzen  langen  Amtsthätig- 
keit  war  er  nun  unablässig  bemüht,  durch  Wort  und  durch 
Beispiel,  durch  sein  amtliches  Wirken,  seine  ausgebreiteten 
persönlichen  Verbindungen,  seine  Schüler  und  seine  Schriften 
eine  Verbesserung  des  kirchlichen  Lebens  herbeizuführen, 
dessen  Schäden  er  tief  fühlte,  eine  Annäherung  an  jenen  Zu- 
stand der  Vollkommenheit  zu  bewirken,  welchen  die  Apokalypse, 


-«  1 


Wolff's  Vertreibung  aus  Halle.  121 

wie  er  glaubt,  auch  der  irdischen  Kirche  in  Aussicht  stellt. 
Als  das  Hauptgebrechen  seiner  Zeit  erschien  ihm  aber  die 
Unfruchtbarkeit  eines  blossen  Buchstabenglaubens,  einer  todten 
Orthodoxie;  als  ihr  Hauptbedtti'foiss  die  Wiederbelebung  der 
protestantischen  Kirche  durch  eine  thatkräftige  Frömmigkeit. 
An  der  Wahrheit  der  lutherischen  Kirchenlehre  zweifelte  er 
nicht  im  geringsten;  aber  der  eigentliche  Sitz  der  Religion 
lag  ihm  nicht  im  Verstände,  sondern  im  Willen:  für  einen 
wirklichen  Glauben  liess  er  nur  den  gelten,  welcher  den  Trieb 
zum  frommen  Leben,  die  Liebe  und  Gottseligkeit  unmittelbar 
in  sich  schliesse.  Das  Christenthum  will  seiner  Ueberzeugung 
nach  nicht  blos  gelehrt  und  geglaubt,  sondern  persönlich  er- 
fahren und  erlebt  sein,  und  es  ist  überhaupt  nur  da,  wo  es  diess 
ist; — woraus  dann  zwar  nicht  Spener  selbst,  aber  ein  grosser 
Theil  seiner  Anhänger,  die  methodistische  Folgerung  ableitete, 
dass  jeder  wahre  Christ  irgend  einmal  in  seinem  Leben  einen 
förmlichen  Busskampf  durchgemacht,  die  verschiedenen  Stadien 
des  Bekehrungsprocesses  in  der  vorschriftsmässigen  Ordnung 
mit  ßewusstsein  zurückgelegt  haben  müsse.  Demgemäss  legte 
nun  Spener  dem  Dogmenglauben  und  der  dogmatischen  Ortho- 
doxie nicht  denselben  Werth  bei,  wie  die  herrschende  Theo- 
logie: er  war  der  Meinung,  dass  dogmatische  Irrthümer  in 
Nebenpunkten  nicht  sofort  von  der  Seligkeit  und  der  wahren 
Kirche  ausschliessen ;  und  da  er  gleichzeitig  weit  bestimmter, 
als  die  Orthodoxen,  zwischen  wesentlichem  und  unwesentlichem 
in  der  Lehre  unterschied,  so  beurtheilte  er  auch  abweichende 
Ansichten  mit  einer  in  jener  Zeit  ungewöhnlichen  Milde:  er 
wollte  z.  B.  in  die  Verdammung  eines  J.  Böhme  und  anderer 
Mystiker  nicht  einstimmen,  und  den  ßeformirten  den  wahren 
Glauben  so  wenig  absprechen,  dass  vielmehr  er  und  seine 
Schüler  einer  Union  mit  denselben  entschieden  geneigt  waren. 
Aus  demselben  Gesichtspunkt  verlangte  er  eine  andere  Be- 
handlung der  Theologie  und  des  Religionsunterrichts,  als  sie 
bisher  üblich  war.  Die  Theologie  sollte,  wie  er  meinte,  alle 
unnütze  Gelehrsamkeit,  alle  philosophischen  Subtilitäten ,  alle 
überflüssige  Polemik  bei  Seite  setzen,  um  statt  dessen  das 


122  Wolff's  Vertreibung  aus  Halle. 

Bibelstudium  und  das  praktische  Ghristenthum  desto  ausdrück- 
licher zu  treiben ;  ebenso  sollte  die  Predigt  und  der  Religions- 
unterricht vor  allem  auf  die  Schriftkenntniss  und  Erbauung 
ausgehen,  und  es  sollte  zu  dem  Ende  insbesondere  auch  der 
Katechisation  grössere  Aufmerksamkeit  geschenkt  werden. 
Spener  selbst  und  seine  Schüler  suchten  diese  Vorschläge  so- 
fort auch  in's  Leben  einzuführen,  und  namentlich  der  Theologie 
durch  jene  „coUegia  hihlica^'  aufzuhelfen,  welche  die  ersten 
Reibungep  zwischen  ihnen  und  den  Schultheologen  herbei- 
führten. Je  weniger  aber  Spener  die  blosse  Rechtgläubigkeit 
ohne  lebendige  Frömmigkeit  genügte,  um  so  weniger  konnte 
er  auch  dem  theologischen  Lehrstand  die  Stellung  einräumen, 
welche  derselbe  in  der  lutherischen  Kirche  jener  Zeit  für  sich 
in  Anspruch  nahm.  Ein  wahrer  Theolog  ist  seiner  Ansicht 
nach  nur  der ,  in  welchem  sein  Glaube  zu  einer  lebendigen, 
den  ganzen  Menschen  umbildenden  Kraft  geworden  ist,  nur 
der  Wiedergeborene;  nur  ein  solcher  kann  daher  auch  das 
Wort  Gottes  mit  Segen  verkündigen  und  auslegen.  Durch 
diesen  Einen  Grundsatz  war  das  ganze  bisherige  Verhältniss 
des  Lehrstandes  zu  den  Laien  principiell  umgeändert.  Wenn 
die  dogmatische  Rechtgläubigkeit  weder  das  einzige  noch  das^ 
wichtigste  ist,  worauf  es  in  der  Religion  ankommt,  wenn  viel- 
mehr die  Wahrheit  und  Heilskräftigkeit  der  Lehre  selbst  erst 
von  dem  persönlichen  Glaubensleben,  der  pei-sönlichen  Heils- 
erfahrung abhängt,  so  werden  es  auch  nicht  mehr  die  Theo- 
logen als  solche,  sondern  alle  Wiedergeborenen  ohne  unter- 
schied sein,  denen  in  Sachen  des  Glaubens  und  des  kirch- 
lichen Lebens  die  letzte  Entscheidung  zusteht.  Der  Herrschaft 
des  Lehrstandes,  welche  seit  der  Refonnation  immer  mehr  in 
der  lutherischen  Kirche  zur  Geltung  gekommen  war,  der 
Lehre  von  der  „Amtsgnade",  welche  schon  damals  im  Schwange 
gieng,  hält  Spener  die  gleichen  Gnmdsätze  über  das  geistliche 
Priesterthum  aller  Christen  entgegen,  die  Luther  einst  gegen 
die  Herrschaft  des  katholischen  Priesterstandes  gekehrt  hatte. 
Er  widei-spricht  Einrichtungen,  welche  die  Glaubensfreiheit 
und  die  religiöse  Selbstbestimmung  der  Einzelnen  beeinträch- 


Wolff's  Vertreibung  aus  Halle.  123 

tigen;  er  will  eine  Vei-pflichtung  auf  Glaubensbekenntnisse 
nui'  mit  der  Einschränkung  zugeben:  so  weit  diese  mit  der 
heiligen  Schrift  übereinstimmen;  er  tadelt  das  Institut  der 
Privatbeichte,  und  bestreitet  den  Satz,  dass  der  Geistliche  die 
Sündenvergebung  nicht  blos  ankündige,  sondern  auch  ertheile; 
er  wünscht  der  lutherischen  Kirche  die  presbyteriale  .  Ver- 
fassung, welche  die  Gemeinde  an  der  Kirchenleitung  mit  be- 
theiligt. Während  die  herrschende  Theologie  auf  das  äussere 
Kirchenwesen  und  die  Theilnahme  an  demselben  allen  Werth 
legte,  wollte  Spener  und  seine  Schule  die  äussere  Kirche  und 
das  geistliche  Amt  zwar  auch  nicht  verachten;  aber  als  das 
wesentlichere  erschien  ihnen  die  pieias,  die  persönliche  Fröm- 
migkeit der  Einzelnen,  deren  starke  Betonung  ihnen  von  den 
Gegnern  den  Partheinamen  der  Piietisten  zuzog.  Die  kirch- 
lichen Gottesdienste  sollten  durch  freie  Vereine  der  Gleich- 
gesinnten, die  einander  als  wahre  Christen  bekannt  seien, 
durch  jene  coUegia  pietatis  oder  Erbauungsstunden  ergänzt 
werden,  in  denen  die  persönlichen  religiösen  Erfahrungen  einen 
Hauptgegenstand  der  Besprechung  bildeten,  und  in  denen  auch 
Laien  das  Wort  erhalten  konnten,  die  Religion  sollte  möglichst 
tief  in  alle  Beziehungen  des  häusUchen  und  Privatlebens  ein- 
geführt werden.  Ebendesshalb  sollten  aber  die  Frommen 
andererseits  alles  dessen  sich  enthalten,  was  keine  unmittelbar 
religiöse  Beziehung  zuzulassen  schien ;  und  daher  jenes  zurück- 
gezogene, weltscheue  Wesen,  welches  schon  Spener  dem  pro- 
testantischen Pietismus  durch  seine  Lehre  von  den  sogenannten 
Mitteldingen  (Adiaphora)  aufgedrückt  hat.  Weltliche  Lust- 
barkeiten, wie  Theater,  Tanz  und  Musik,  Spiel  und  gesellige 
Scherze,  Spazierengehen,  Fechten,  schöne  Kleider  u.  s.  w. 
wurden  von  den  Pietisten  gemieden,  weil  sie  der  Seele  Schaden 
und  Gefahr  bringen,  jedenfalls  aber  mit  der  Gottseügkeit  nichts 
zu  thun  haben;  dafür  bemühten  sie  sich  aber,  allem,  auch 
den  alltäglichsten  Dingen  und  Verrichtungen,  eine  religiöse 
Beziehung  in  einer  Weise  aufzuprägen,  die  uns  freilich  nicht 
selten  nur  erkünstelt  und  geschmacklos  erscheinen  kann.  Wie 
weit  indessen  dieser  Standpunkt  von  dem  unsrigen  abliegen 


\ 


124  Wolff's  Vertreibung  aus  Halle. 

mag:  geschichtlich  angesehen  müssen  wir  doch  immer  in  dem 
Pietismus,  seiner  ursprünglichen  Tendenz  nach,  eine  Erschei- 
nung von  wesentlich  reformatorischem  Charakter,  eine  Beaction 
des  religiösen  Lebens  gegen  die  Unfruchtbarkeit  der  Ortho- 
doxie ,  einen  Act  der  Befreiung  von  den  Fesseln  einer  alldn- 
seligmachenden  Dogmatik  anerkennen;  und  wie  ihn  desshalb 
bei  seinem  ersten  Auftreten  der  volle  Hass  der  hen-schenden 
Theologie  traf,  so  müssen  wir  auch  zugeben,  dass  er  diesen 
Hass  redlich  verdient  hat,  dass  er  eine  von  den  Hauptursachen 
der  Veränderung  gewesen  ist,  welche  sich  um  den  Anfang  des 
achtzehnten  Jahrhunderts  in  dem  Charakter  des  deutschen 
Protestantismus  vollzog. 

Mit  dieser  neuen  Form  des  religiösen  Lebens  tritt  nun 
gleichzeitig  eine  andere  Macht  auf  den  Schauplatz,  die  einen 
noch  weit  umfassenderen  und  eingreifenderen  Einfluss  auszu- 
üben bestimmt  war:  die  deutsche  Philosophie.  Deutsch- 
land war  bis  über,  die  Mitte  des  siebzehnten  Jahrhunderts  in 
seiner  philosophischen  Entwickelung  weit  hinter  den  Englän- 
deiTi,  Franzosen  und  Holländern  zurückgeblieben.  Die  religiöse 
Bewegung  und  die  theologischen  Verhandlungen  hatten  seine 
Thätigkeit  so  ausschliesslich  in  Anspruch  genommen,  dass 
für  anderes  keine  Zeit  und  keine  Theilnahme  übrig  blieb. 
Die  Philosophie,  welche  auf  seinen  Hochschulen  gelehrt  wurde, 
war  im  wesentlichen  noch  immer  mittelalterliche  Scholastik, 
und  auch  auf  den  protestantischen  Universitäten  nur  jener 
der  Scholastik  nahe  verwandte  Aristotelismus  Melanchthon's, 
dessen  sich  die  protestantischen  Theologen ,  wie  ehedem  die 
mittelalterlichen  Scholastiker,  zum  Ausbau  ihrer  dogmatischen 
Systeme  bedienten.  Einem  Baco  und  Hobbes,  einem  Descartes 
und  Spinoza  hatte  Deutschland  keinen  ebenbürtigen  Neben- 
buhler zur  Seite  zu  stellen.  Erst  Leibniz  (1646—1716)  war 
es,  durch  den  es  in  selbständiger  Stellung  in  die  philosophische 
Bewegung  der  Zeit  eintrat.  Gleich  bei  ihm  stellte  es  sich 
aber  heraus,  dass  diess  nicht  möglich  war,  ohne  in  eine  be- 
denkliche Spannung  mit  der  herrschenden  Theologie  zu  ge- 
rathen.    Der  leitende  Gedanke  seiner  Philosophie  ist  die  Har- 


Wolff's  Vertreibung  aus  Halle.  125 

monie  des  Universums,  die  mangellose  Vollkommenheit,  der 
lückenlose  Zusammenhang  des  Weltganzen.  Die  Elemente  aUer 
Dinge  sind  nach  Leibniz  die  Monaden,  lebendige,  geistige 
Kräfte,  die,  füi*  sich  selbst  unräumlich,  nur  unter  gewissen 
Bedingungen  in  ihrem  Zusammensein  die  Erscheinung  de» 
Räumlichen  und  Körperlichen  hervorbringen.  Jedes  von  diesen 
zahllosen  Urwesen  folgt  seinen  eigenen  Gesetzen,  keines  er- 
leidet eine  unmittelbare  Einwirkung  von  den  andern;  aber 
jedes  ist  ein  Spiegel  des  Universums,  von  dem  Gesetz  und 
der  Ordnung  des  Ganzen  bestimmt;  unendlich  verschieden  an 
Vollkommenheit  stellen  sie  in  ihrer  Gesammtheit  alle  denk- 
baren Abstufungen  des  Seins  von  der  höchsten  bis  zur  niedrig- 
sten vollständig  dar;  jedes  ist  genau  so  beschaffen,  wie  diess 
zur  Vollkommenheit  des  Weltganzen  nöthig  ist,  und  jedes  kann 
nach  dem  unabänderhchen  Gesetz  seiner  Natur  nur  diejenigen 
Thätigkeiten  und  Vorstellungen  erzeugen,  welche  um  jenes 
Zweckes  willen  gerade  an  diesem  Ort  eintreten  mussten.  Keines 
von  allen  den  unzähligen  Wesen  ist  überflüssig,  keines  die 
blosse  Wiederholung  eines  andern;  sondern  jedes  ist  ein  un- 
entbehrliches Ergänzungsstück  der  Welt,  jedes  leistet  ihr  alles^ 
das  und  nicht  mehr,  was  es  ihr  nach  seiner  Eigenthümlichkeit 
zu  leisten  hat.  Die  Welt  ist  daher  als  Ganzes  genommen 
vollkommen,  sie  ist  die  beste  Welt,  die  sich  denken  lässt; 
und  selbst  das  Uebel  und  das  Schlechte,  was  in  ihr  ist,  thut 
dieser  Vollkommenheit  so  wenig  Eintrag,  dass  vielmehr  nach 
Leibniz  zu  sagen  ist,  sie  sei  mit  allen  ihren  Uebeln  besser, 
als  sie  ohne  dieselben  wäre,  weil  jedes  Uebel  eben  nur  die 
Rückseite  und  die  Bedingung  eines  Guts  ist,  das  ohne  diesen 
seinen  Schatten  nicht  dasein  könnte.  Auch  die  menschliche 
Seele  ist  nur  ein  Glied  in  der  unermesslichen  Kette  des  Welt- 
zusammenhangs;  auch  ihr  sind  alle  ihre  Geistes-  und  Willens- 
thätigkeiten  durch  ihre  Naturanlage  und  die  jeweilige  Ent^ 
wickelungsstufe  derselben  unabänderlich  vorgezeicbnet,  imd 
ihre  Natur  selbst  ist  so  beschaffen  und  wird  sich  so  entwickeln;, 
wie  diess  die  unverbrüchliche  Ordnung  des  Ganzen  mit  sich 
bringt.    An  der  Spitze   der  ganzen  Wesensreihe  steht  aber 


126 


Wolff^B  Vertreibung  aus  Halle. 


m. 


das  Wesen  aller  Wesen  oder  die  Gottheit.  Auch  aus  ihrem 
Begriff  muss  der  Philosoph  natürlich  alle  die  Vorstellungen 
ausschliessen ,  welche  einen  Zufall  und  eine  Willktihr  in  ihre 
Natur  und  ihr  Wirken  bringen  würden.  Alles,  was  ist  und 
geschieht,  ist  ein  Werk  der  göttlichen  Weltregierung;  aber 
diese  göttliche  Weltordnung  ist  im  Sinn  unseres  Philosophen 
von  der  Naturordnung  nicht  verschieden:  Gott  hat  die  Welt 
von  Anfang  an  so  eingerichtet,  dass  durch  den  natürlichen 
Zusammenhang  und  die  natürliche  Entwickelung  der  Dinge 
alle  seine  Zwecke  erreicht  werden;  sie  ist  ein  Kunstwerk, 
das  keiner  späteren  Nachbesserung  bedarf,  eine  Maschine,  die 
durch  ihre  eigenen  Kräfte  sich  unverrückt  auf  der  ihr  vor- 
geschriebenen Bahn  erhält.  Die  göttliche  Weisheit  zeigt  sich 
nicht  darin,  dass  sie  nachträglich  in  den  Weltlauf  eingreift, 
sondern  darin,  dass  sie  alles  ursprünglich  schon  nach  dem  Gesetz 
der  vollkommensten  Zweckmässigkeit  geordnet  und  jede  weitere 
Nachhülfe  tibei-fiüssig  gemacht  hat,  und  diese  Weisheit  wird 
vom  Menschen  nicht  dadurch  geehrt,  dass  er  in  dumpfem 
Erstaunen  vor  der  Unbegreiflichkeit  ihrer  Wege  stillsteht, 
sondern  dadurch,  dass  er  sie  in  ihren  Beweggründen  zu  ver- 
stehen, dass  er  alles,  so  weit  seine  Kraft  reicht,  nach  dem 
Gesetz  des  zureichenden  Grundes  zu  erklären  sich  anstrengt. 
Es  liegt  am  Tage,  wie  weit  dieser  Standpunkt  von  allen 
Voraussetzungen  des  kirchlichen  Systems  abliegt.  Eine  reli- 
giöse Weltansicht  freilich  wird  man  auch  Leibniz  nicht  ab- 
sprechen dürfen;  aber  diese  Religiosität  ist  von  anderer  Art, 
als  die  der  positiven  Dogmatik:  ein  wiUkührliches  Eingreifen 
der  Gottheit  in  den  Weltlauf,  eine  Störung  der  ursprünglichen 
Weltordnung  durch  die  Sünde,  eine  Wiederherstellung  der- 
selben durch  übernatürliche  Offenbarungen  und  Wunder  fand 
bei  folgerichtiger  Entwicklung  im  leibnizischen  System  keinen 
Baum.  Leibniz  selbst  gab  sich  nun  allerdings  viele  Mühe, 
einen  solchen  trotzdem  für  sie  zu  schaffen,  wie  er  überhaupt 
sehr  rücksichtsvoll  gegen  die  Theologie  war,  und  sein  ganzes 
Talent  mehr  als  einmal  zur  Vertheidigung  von  Lehrbestim- 
jnungen  verwandte,   deren  ursprünglichen  Sinn  er  selbst  erst 


WolfF's  Vertreibung  aus  Halle.  127 

Hindeuten  musste,  um  ihre  Rechtfertigung  übernehmen  zu 
können.  Die  Glaubenssätze,  welche  Vemunftwahrheiten  zu 
widei-sprechen  scheinen,  sollten  in  Wahrheit  nicht  widerver- 
ntinftig,  sondern  nur  übervemünftig  sein;  die  Wunder  sollten 
in  den  Weltplan  mit  aufgenommen,  in  der  ursprünglichen  Ein- 
richtung der  Dinge  präformirt  sein;  sie  sollten  nicht  den 
ewigen  Gesetzen  der  Welt,  sondern  nur  den  Regeln  des  ge- 
wöhnlichen Weltlaufs  widersprechen,  nur  eine  Offenbarung  der 
höheren  Naturordnung  in  der  niederen,  nur  andere,  durch  die 
Weltentwickelung  selbst  nothwendig  gewordene  Mittel  für  die 
unveränderlichen  Zwecke  der  göttlichen  Weisheit  sein.  Wir 
würden  dem  Philosophen  unrecht  thun,  wenn  wir  läugnen 
wollten,  dass  es  ihm  fiii'  seine  Person  mit  diesen  Wendungen 
vollkommen  ernst  war ;  wir  thäten  aber  auch  seiner  Philosophie 
unrecht,  wenn  wir  behaupten  wollten,  dass  sie  sich  folgerichtig 
aus  ihr  ableiten  lassen.  Wenn  die  Wunder  in  der  Weltein- 
richtung präformirt  sind,  so  sind  sie  keine  Wunder,  und  wenn 
in  der  Welt  als  Ganzem  nichts  zufälliges  und  willkührliches 
ist,  wenn  nichts  ohne  zureichenden  Grund  geschieht,  und  alles, 
was  ist,  ein  festgeschlossenes  System,  eine  prästabilirte  Har- 
monie bildet,  so  kann  von  Wundern  und  übernatürlichen  Oflfen- 
bamngen  überhaupt  nicht  gesprochen  werden.  Mag  sich  daher 
Leibniz  seinerseits  auch  noch  so  sehr  bemühen,  den  Supranatu- 
ralismus  der  kirchlichen  Lehre  wissenschaftlich  zu  rechtfertigen : 
aus  seinen  philosophischen  Voraussetzungen  lässt  sich  schlechter- 
dings nur  ein  System  des  reinen  Rationalismus,  nur  die  An- 
sicht ableiten,  dass  alles  streng  nach  natürlichen  Gesetzen  und 
aus  natürlichen  Ursachen  erfolge.  Um  so  weniger  kann  es 
uns  auffallen,  wenn  die  Theologie  jener  Zeit  den  Philosophen 
nicht  blos  mit  Misstrauen,  sondern  mit  offener  Feindschaft 
behandelte.  Auch  wenn  sie  die  weitergehenden  Consequenzen 
seines  Standpunktes  nicht  vollständig  durchschaute,  war  für 
sie  das,  wozu  er  selbst  sich  bekannt  hatte,  hiefür  vollkommen 
ausreichend.  Ein  Philosoph,  welcher  verlangte,  dass  der  Glaube 
mit  dei*  Vernunft  übereinstimme,  und  sich  auf  Vemunftgründe 
stütze,    war  in  ihren  Augen  schon  desshalb  vom  Atheisten 


128  Wolff's  Vertreibung  aus  Halle. 

kaum  verschieden.  Doch  kam  es  vor  Leibniz'  Tode  zu  keiner 
öffentlichen  Verhandlung  über  das  Verhältniss  seiner  Philo- 
sophie zum  Christenthum.  Er  war  wohl  beim  Volk  als  der 
„Lövenix"  (Glaubenichts)  verschrieen,  und  als  er  starb,  folgte 
kein  Geistlicher  seinem  Sarge;  wie  er  freilich  auch,  um  nihig 
sterben  zu  können,  keinen  an  sein  Sterbebett  zugelassen,  und 
in  langen  Jahren  nur  ausnahmsweise  Einmal,  bei  besonderer 
Veranlassung,  Kirche  und  Abendmahl  besucht  hatte.  Aber 
mit  öflFentlichen  Angriffen,  welche  über  beiläufige  Missfallens- 
äusserungen  hinausgegangen  wären,  blieb  er  von  Seiten  der 
Theologen  verschont;  sei  es,  weil  sie  den  Ruhm  und  die 
Stellung  des  Mannes  fürchteten,  sei  es,  weil  [sie  durch  drin- 
gendere Streitfragen  in  Anspruch  genommen  waren,  und  von 
dem  Philosophen,  der  an  keiner  Universität  lehrte,  sich  nicht 
unmittelbar  in  ihrem  Geschäft  gestört  fanden. 

Um  so  heftiger  und  hartnäckiger  war  der  Widerstand, 
welcher  Spener  und  seine  Schule  gleich  bei  ihrem  ersten  Auf- 
treten empfieng.  Von  ihnen  sah  sich  die  herrschende  Theo- 
logie auf  ihrem  eigensten  Gebiet  angegriffen ;  in  ihnen  glaubte 
man  eine  Neuerung  bekämpfen  zu  müssen ,  welche  nach  der 
Meinung  dieser  Theologen  nichts  geringeres,  als  die  Zerstörung 
aller  kirchlichen  Ordnung,  die  Herabwürdigung  des  Lehrstan- 
des, die  Verfälschung  der  reinen  lutherischen  Lehre  bezweckte, 
welche  von  allen  seit  der  Reformation  ausgebrochenen  Ketze- 
reien, nach  der  Versicherung  ihrer  Gegner,  die  gefährli^iste 
und  verderblichste  sein  sollte.  Ein  volles  Menschenalter  hin- 
durch dauerte  dieser  Kampf,  der  nicht  allein  in  zahllosen 
Streitschriften  und  nicht  blos  mit  wissenschaftlichen  Gründen, 
sondern  zugleich  auch  mit  allen  Mitteln  der  theologischen 
Verketzerung  und  der  persönlichen  Verdächtigung,  der  öffent- 
lichen Schmähung  und  des  geheimen  Ränkespiels  geführt  wurde. 
Die  leidenschaftlichsten  und  gewissenlosesten  unter  den  Gegnern 
warfen  einen  Spener  und  seine  Anhänger  geradezu  mit  den 
Wiedertäufern  der  Reformationszeit  zusammen:  es  sei  von 
ihnen,  versicherten  sie,  auf  nichts  anderes  abgesehen,  als  auf 
eine  vollständige  Umwälzung  in  Staat  und  Kirche,  auf  eine 


Wolff's  Yoisreibang  aus  Halle.  129 

Wiederholting  der  münsterischen  Tragödie;  ein  Schelwig 
wurde  nicht  müde,  den  Pietisten  Lrthümer  und  Schlechtig- 
keiten aller  Art  schuldzogeben ;  der  alte  Deutsehmann  in 
Wittenberg  wusste  Spener  in  einem  Gutachten  der  dortigen 
theologischen  Facultät  nicht  weniger  als  283  IrrMren  vorzu- 
rechne.  Aber  auch  der  mildeste  und  gemässigtste  unter  den 
orthodoxen  Gegnern  der  Pietisten,  Valentin  Löscher, 
wollte  sich  zeitlebens  nicht  dazu  verstehen,  den  Stifter  der 
Parthei  nach  seinem  Tode  den  „seligen^'  Spener  zu  nennen, 
da  er  überzeugt  war,  dass  er  der  lutherischen  Kirche  einen 
beispiellosen  Schaden  zugefbgt,  und  dass  es  „der  Satan  mit 
der  pietistischen  Bewegung  arg  genug  meine  und  etwas  sehr 
böses  vorhabe;*'  —  worauf  ihm  freilich  von  pietistischer  Seite, 
durch  den  streitfertigen  Lange,  in  einer  Schrift  der  theologi- 
schen Facultät  zu  Halle,  noch  stärker  erwiedert  wurde:  Dr. 
Löscher^s  Gebete  «und  religiöse  Betheuerungen  seien  nichts 
^uideres,  als  leeres  Blendwerk  und  pharisäisches  Heuchelwesen, 
in  Wahrheit  sei  nicht  zu  vermuthen,  dass  der  Teufel  aus  der 
Hölle  es  gröber  und  unverschämter,  als  er,  würde  machen 
können.  Auch  an  Aufforderungen  zu  obrigkeitlichem  Ein- 
schreiten,  an  Lehrverboten  auf  den  Universitäten,  Amtsent- 
Setzungen  gegen  pietistische  Geistliche,  Schliessung  der  pie- 
tistischen Erbauungsstunden  fehlte  es  nicht;  ja  in  Hamburg 
kam  es  in  den  Jahren  1693  und  1694  über  dem  pietistischen 
Streit  wiederholt  zu  einem  förmlichen  Aufruhr,  durch  welchen 
«in  Schwager  Spener's,  Horbius,  aus  der  Stadt  vertrieben 
und  das  hamburgische  Gemeinwesen  für  längere  Zeit  in  Un- 
ruhe versetzt  wurde.  Nichtsdestoweniger  gewann  der  Pietis- 
mus, auch  von  manchen  Fürsten  begünstigt,  in  der  öffentlichen 
Meinung  und  auf  den  Universitäten  mit  jedem  Jahr  mehr  an 
Boden ;  die  preussische  Regierung  fand  an  ihm  in  dem  Unions- 
bestreben ,  das  seit  Johann  Sigmund's  Uebertritt  zum  refor- 
mirten  Bekenntniss  die  natürliche  Politik  dieses  Staats  war, 
«inen  willkommenen  Bundesgenossen  gegen  die  lutherischen 
Eiferer,  und  als  im  Jahr  1694  die  Universität  Halle  gegründet 
wurde,  ward  die  theologische  Facultät  derselben  nach  Spener's 

Zeller,  Vorträge  imd  AbhandL  9 


130 


Wolff's  Vertreibigig  aus  Halle. 


Vorschlägen  und  ausschliesslich  mit  Männern  aus  seiner  Schule 
besetzt.  In  wenigen  Jahrzehenden  verbreiteten  sich  Tausende 
von  Theologen,  die  hier  ihre  Bildung  erhalten  hatten,  als 
Geistliche  und  als  Lehrer  über  Deutschland,  und  als  sich 
zwischen  1720  und  1730  die  letzten  Nächwehen  des  pietisti- 
schen Streits  aus  der  Theologie  allmählich  verloren;  hatte 
die  neue  Bichtung  den  vollständigsten  Sieg  einrngen.  Die 
strengere  Schulorthodoxie  des  siebzehnten  Jahrhunderts  war 
von  jetzt  an  kaum  noch  bei  einigen  Nachzüglern  zu  finden, 
und  das,  was  man  jetzt  Orthodoxie  nannte,  war  nur  noch  jener 
gemässigtere,  gegen  die  schrofferen  Bestimmungen  des  dogma- 
tischen Systems  gleichgültig  gewordene,  sichtbar  auf  dem 
Bückzug  begriffene  Supranaturalismus ,  welcher  mit  dem  Pie- 
tismus nicht  im  Streit  lag,  sondern  sein  dogmatisches  Gegen- 
bild und  unter  seinem  unmittelbaren  Einfluss  entstanden  war. 
Kaum  war  aber  der  Pietismus  so  weit  gekommen  und 
hatte  seinen  Frieden  mit  der  Orthodoxie  gemacht,  als  er  so- 
fort auch  begann,  seinerseits  als  Vorkämpfer  derselben  gegen 
alle  die  aufzutreten ,  welche  in  der  Neuerung  weiter  giengen, 
als  er  selbst :  die  Rolle  des  Verfolgten  war  jetzt  für  ihn  zu 
Ende,  es  schien  Zeit,  die  des  Verfolgers  zu  beginnen.  Von 
allen  Neuerungen  jener  Zeit  war  aber  die  eingreifendste,  von 
welcher  auch  die  Theologie  und  die  Kirche  am  tiefsten  berührt 
wurde,  die  leibnizische  Philosophie;,  und  diese  Philosophie  hatte 
zufälligerweise  ihren  bedeutendsten  Sitz  auf  der  gleichen  Uni- 
versität angeschlagen,  welche  auch  der  des  Pietismus  war. 
Dass  die  Theologen  der  spener'schen  Schule  in  derselben 
etwas  anderes  sehen  würden,  als  einen  höchst  verderblichen 
Ausbruch  des  Unglaubens,  dass  sie  sich  ihrer  beiderseitigen 
inneren  Verwandtschaft  bewusst  werden  würden,  liess  sich 
nicht  erwarten.  Eine  Besserung  der  sittlich-religiösen  Zustände, 
eine  Befreiung  des  Menschen  vom  Druck  hierarchischer  Glau- 
bensherrschaft wollten  freilich  auch  sie.  Aber  diese  Reform 
sollte  sich  ganz  auf  dem  Boden  der  positiven  Dogmatik,  des 
supranaturalistischen  Offenbanmgsglaubens  bewegen,  die  Be- 
freiung sollte  nur  dem  christlich-religiösen  Glaubensleben,  nicht 


Wolff's  Vertreibmig  auB  Halle.  131 

der  Vernunft  gelten,  welcher  sie  vielmehr  auf  dem  Gebiete 
des  praktischen  Lebens  und  der  allgemeinen  Bildung  sogar 
noch  engherziger,  als  die  ältere  Orthodoxie,  entgegentraten. 
Jene  religiöse  Aufklärung,  welche  Leibniz  und  seine  Schüler 
anstrebten,  konnte  ihnen  nur  als  ein  Abfall  vom  christlichen 
Glauben  erscheinen.  So  konnte  es  denn  kaum  ausbleiben, 
dass  es  zwischen  den  beiden  Bewegungen,  welche  in  den  letzten 
Jahrzehenden  des  siebzehnten  Jahrhunderts  gleichzeitig  aus 
demselben  Reformbedttrfniss  entsprungen  waren,  welche  aber 
von  Anfang  an  eine  so  verschiedene  Richtung  genommen  hatten, 
an  ihrem  beiderseitigen  Hauptsitz  zum  entscheidenden  Zu- 
sammenstoss  kam.  Dieser  Kampf  jener  beiden  reformatorischen 
Partheien  ist  es  nun,  in  dem  das  geschichtliche  Interesse  von 
WoIff^s  Vertreibung  aus  Halle  vorzugsweise  zu  suchen  ist. 

Christian  Wolff  war  als  junger  Mann  auf  die  Uni- 
versität Halle  gekommen.  Den  24.  Januar  1679  in  Breslau 
geboren,  der  Sohn  eines  Lohgerbers,  war  er  schon  vor  seiner 
Geburt  durch  ein  Gelübde  dem  Studium  gewidmet  worden. 
Er  hatte  dann  auch  wirklich  in  Jena  Theologie  studirt;  er 
selbst  jedoch  fand  sich  durch  die  Mathematik,  die  Physik  imd 
die  Philosophie  ungleich  stärker  angezogen,  und  wiewohl  er 
noch  längere  Zeit,  und  selbst  noch  in  Halle,  den  dereinstigen 
Uebergang  zum  Predigtamt  im  Auge  behielt,  trat  er  doch 
zunächst  in  Leipzig  als  philosophischer  Docent  auf.  Im  Jahr 
1706  gieng  er  als  Professor  der  Mathematik  nach  Halle.  Er 
beschränkte  sich  auch  anfangs  in  seinen  Vorlesungen  auf  diese 
Wissenschaft,  nach  einigen  Jahren  jedoch  dehnte  er  dieselben 
auf  alle  Theile  der  Philosophie  aus,  während  er  gleichzeitig 
seine  Ansichten  auch  in  Lehrbüchern  über  Logik,  Metaphysik, 
Moral  und  Politik  ausführlich  darlegte.  Die  Philosophie,  welche 
Wolff  vortrug,  war  im  wesentlichen  die  leibnizische ;  von  Leibniz: 
hatte  er  namentlich  die  Ueberzeugung  vom  durchgängigen 
Gausalzusammenhang  aller  Dinge  und  von  der  absoluten  Har- 
monie und  Vollkommenheit  des  Weltganzen,  und  in  Folge 
davon  jenen  Determinismus  aufgenommen,  welcher  auch  die 
menschlichen  Handlungen  der  gleichen  Nothwendigkeit ,   wie 

9* 


132  Wolff's  Vertreibuiig  aas  Halle. 

alle  anderen  Vorgänge,  unterwirft.  Hatte  sich  aber  hieran 
schon  bei  Leibniz  die  Forderung  angeschlossen,  alles  aus  seinen 
zureichenden  Gründen  zu  erklären,  so  ist  eben  dieses  Bestre- 
ben, alles  zu  erklären  und  uns  über  alles  auüzuklären ,  bei 
Wolff  bis  zur  Einseitigkeit  entwickelt.  Wolflf  war  ein  Mann 
von  bedächtigem,  phlegmatischem  Wesen,  ohne  alle  Genialität, 
aber  mit  dem  nüchternsten  mathematischen  Verstand  ausge- 
rüstet. Schon  als  Schüler  des  Breslauer  Gymnasiums  brachten 
ihn  die  Disputationen,  in  welche  er  und  seine  Mitschüler  nicht 
selten  mit  den  Zöglingen  der  dortigen  Jesuitenanstalten  ver- 
wickelt wurden,  auf  den  Gedanken,  ob  es  nicht  möglich  sei, 
für  die  Wahrheit  in  der  Theologie  ebenso  unwidersprechhche 
Beweise  zu  finden,  wie  in  der  Mathematik;  und  diesem  Ge- 
danken ist  er  sein  Leben  lang  treu  geblieben,  nur  dass  er 
ihn  in  der  Folge  weiter  ausdehnte.  Alle  Wissenschaften  nach 
mathematischer  Methode  zu  behandeln ,  alle  Fragen  aus  deut- 
lichen Begriffen  durch  regelrechte  Demonstration  zu  entschei- 
den, diess  ist  das  wissenschaftliche  Ideal  unseres  Philosophen; 
und  wie  trocken  und  ermüdend,  wie  geistlos  und  oberflächlich 
wir  seine  weitschweifigen  Deductionen  nicht  selten  finden 
mögen:  wer  den  damaligen  Zustand  der  Wissenschaften  und 
der  allgemeinen  Bildung  unbefangen  betrachtet,  der  wird  sagen 
müssen:  es  war  ein  Glück  für  Deutschland,  dass  es  einmal 
in  diese  trockene  logische  Schule  genommen,  dass  einmal  der 
ernstliche  Versuch  gemacht  wui'de,  in  allen  Fächern  ohne 
Ausnahme  statt  der  Auktoritäten  auf  die  Gründe,  statt  un- 
klarer Vorstellungen  auf  scharfe  und  feste  Begriffe  zurüjßk- 
zugehen. 

Auch  die  Theologie  sollte  sich  nach  Wolflf 's  Absicht  diesem 
Verfahren  nicht  entziehen.  Er  selbst  hatte  eine  altväterlich 
religiöse  Erziehung  genossen ;  als  Knabe  hatte  er  keine  Predigt 
versäumt  und  zu  Hause  täglich  in  der  Bibel  gelesen ;  er  hatte 
sodann,  wie  bemerkt,  Theologie  studirt,  und  erst  in  reiferen 
Jahi'en  den  Gedanken  an  den  Predigerberuf  aufgegeben;  er 
war  in  der  Erfüllung  seiner  Religionspflichten,  wie  in  allen 
Dingen,   gewissenhaft  und  pünktlich:    aus  dem  Jahr  1717  ist 


Wolff's  Vertreibung  aus  Halle.  13S 

noch  ein  kleines  Actenstück  erhalten,  worin  er  die  Einladung 
zur  akademischen  Refonnationsfeier  mit  der  Bemerkung  be- 
antwortet:  er  wisse  nicht,  ob  er  erscheinen  könne,  da  er  an 
diesem  Tage  das  Abendmahl  gemessen  wolle,  und  sein  Vor- 
haben, nicht  gern  ändern  möchte,  er  wolle  es  aber  mit  seinem 
Beichtvater  überlegen.  Gerade  desshalb  aber,  weil  er  es  mit 
der  Religion  nicht  leicht  nahm,  glaubte  er  sich  nur  um  so 
mehr  verpflichtet,  sein  Verfahren  auch  auf  sie  anzuwenden. 
Theologische  Erörterungen  waren  es  ja  gewesen,  welche  ihn 
zuerst  veranlasst  hatten,  die  mathematische  Evidenz  auch 
ausserhalb  der  Mathematik  zu  suchen;  durch  klare  und  un- 
widerlegliche Demonstration  der  religiösen  Wahrheiten  hoflfte 
er  der  Rehgion  den  grössten  Dienst  zu  leisten.  Und  er  wollte 
sich  hiebei  so  wenige  wie  Leibniz,  auf  die  sogenaunte  natür- 
liche Religion  beschränken:  neben  ihr  glaubte  er  vielmehr 
auch  die  geoffenbarte  in  ihrer  Geltung  belassen  und  auch  ihre 
Wahrheit  durch  zwingende  Beweise  darthun  zu  können.*) 
Und  wirklich  ist  auch  die  wolffische  Philosophie  in  der  Folge 
ebenso  gut  für  als  gegen  den  Offenbarungsglauben  gebraucht 
worden,  und  neben  den  rationalistischen  Aufklärern,  die  aus 
ihrer  Schule  hervorgiengen,  steht  eine  lange  Reihe  von  ortho- 
doxen Wolffianem,  welche  ihren  Wolff  so  gut,  wie  die  Früheren 
ihren  Aristoteles,  und  Spätere  ihren  Hegel,  zur  Formulirung 
und  Vertheidigung  der  kirchlichen  Dogmatik  zu  gebrauchen 


*)  Biedermann  (Deutschland  im  achtzehnten  Jahrhundert  n.  S.  422 
ff.)  glaubt  zwar  bei  Wolff  rationalistischere  Grundsätze  zu  finden,  als  bei 
Leibniz.  Diess  ist  jedoch  nicht  richtig.  In  ihrem  Yerhaltniss  zum  Offen- 
barungsglauben stimmen  beide  durchaus  überein:  auch  die  Stellen,  welche 
Biedermann  anführt,  Yerm.  Ged.  v.  Gott  u.  s.  w.  11,  308.  348,  besagen  nicht» 
dass  Gott  keine  Wunder  thue,  sondern  dass  die  Wunder,  wie  diess  Leibnis 
gelehrt  hatte,  von  Anfang  an  in  den  Weltplan  mitaufgenommen  und  in  der 
Weit^inrichtung  präformirt  seien.  Ebensowenig  spricht  Wolff,  um  dies» 
hier  beiläufig  zu  bemerken,  in  den  Stellen,  auf  welche  sich  Biedermann 
S.  425  beruft,  materialistische  Ansichten  aus,  sondern  die  Annahme,  die  er 
in  denselben  ausfuhrt,  ist  die  ächte  cartesianisch-leibnizische  Lehre  von 
der  prästabilirten  Harmonie. 


134  Wolff's  Vertreibung  aus  Halle. 

wussten.  Selbst  jener  Determinismus,  an  dem  Wolff's  Zeit- 
genossen den  meisten  Anstoss  nahmen,  stand  dieser  Wendung 
an  und  für  sich  nicht  mehr  im  Wege,  als  die  calvinische 
Prädestinationslehre,  auf  die  auch  Wolff  selbst  sich  (z.  B.  in 
den  von  Gottsched  in  den  Beilagen  zu  seiner  Historischen 
Lobschrift  Wolflf's  S.  35  mitgetheilten  Bemerkungen)  zu  seiner. 
Eechtfertigung  beruft.  Aber  der  ganze  Geist  der  wolffischen 
Philosophie  war  allerdings  ein  anderer,  als  der  des  herrschen- 
den theologischen  Supranaturalismus.  Wer  sich  bemüht,  die 
Glaubenssätze  zu  beweisen  und  zu  erklären,  der  bemüht  sich 
ebendamit,  sie  aus  etwas  übervemänfUgem  in  ein  Erzeugniss 
der  Vernunft,  ihren  Inhalt  aus  etwas  übernatürlichem  in  ein 
natürliches  zu  verwandeln ;  denn  etwas  beweisen,  heisst :  seine 
Noth wendigkeit  mit  Vemunftgründen  darthun,  etwas  erklären 
heisst :  es  aus  seinen  natürlichen  Ursachen  ableiten.  Hätte 
daher  die  wolffische  Philosophie  das  herrschende  System  auch 
seinem  ganzen  materiellen  Inhalt  nach  unangetastet  gelassen, 
so  setzte  sie  sich  mit  demselben  schon  dadurch  in  einen  tief- 
gi-eifenden  Gegensatz,  dass  sie  beweisen  wollte,  was  diesem 
System  gemäss  nur  Sache  des  Glaubens  sein  durfte.  Auch 
jenes  konnte  sie  aber  nicht,  sobald  sie  folgerichtiger  ange- 
wandt wurde,  als  diess  ihi*  Urheber  selbst  gethan  hatte.  Jene 
demonstrative  Methode,  die  alles  beweisen  und  erklären  will, 
hatte  ja  zu  ihrer  wesentlichen  Voraussetzung  die  leibnizische 
Lehre  von  der  Nothwendigkeit  alles  Geschehens,  von  dem 
unverbrüchlichen,  in  der  ursprünglichen  Welteinrichtung  be- 
gründeten Gausalzusammenhang  aller  Dinge.  Dass  aber  mit 
dieser  Voraussetzung  das  wunderbare  Eingreifen  einer  über- 
natürlichen Ursächlichkeit  in  den  Weltlauf,  und  ebendamit 
auch  eine  übernatürliche  Offenbarung,  in  Wahrheit  unvereinbar 
ist,  brauche  ich  hier  nicht  noch  einmal  zu  wiederholen.  Wenn 
daher  die  orthodoxen  Theologen  in  der  wolffischen  Philosophie 
einen  gefährlichen  Gegner  ihres  Systems  sahen,  ,so  hatten  sie 
dazu  alle  Ursache.  • 

Diese  Gefahr  war  aber  für  sie  um  so  grösser,    da  Wolff 
nicht,  wie  Leibniz,  seine  Ansichten  nur  in  einzelnen,  mehr  auf 


,/ 


Wolff's  Vertreibung  aus  Halle.  135 

die  eigentlich  gelehrten  Kreise  beschränkten  Arbeiten,  in  Briefen 
und  im  persönlichen  Verkehr  mit  hochstehenden  Personen  aus- 
sprach, sondern  dieselben  in  systematischer  Ausführung  und 
leichtverständlicher  schulmässiger  Form  mit  der  unmittelbar- 
sten Wirkung  auf  die  studirende  Jugend  und  die  ganze  deutsche 
Lesewelt  übertrug.  Wolflf  war  damals  der  beliebteste  und  be- 
rühmteste Universitätslehrer  Deutschlands;  seine  Schüler  rälj- 
men  die  Klai-heit  und  Ordnung  seines  Vortrags,  die  Kunst, 
mit  der  er  seine  Gedanken  ungezwungen,  als  ob  er  sie  eben 
•erst  entdeckte,  zu  entwickeln,  sie  durch  Beispiele  zu  erläutern, 
auf  eine  ansprechende  Art  mitzutheilen ,  sie,  wie  Ludovici 
in  seiner  Historie  der  wolffischen  Philosophie  sagt,  „durch 
unterstreute  artige  Einfälle,  wohlangebrachte  Gleichnisse,  lustige 
Beispiele  zu  verzuckern",  allem  eine  praktische  Nutzanwen- 
dung zu  geben  wusste.  Nach  dem  Vorgang  eines  Thoölasius 
bediente  er  sich  auf  dem  Katheder  der  deutschen  Sprache, 
imd  auch  seine  Lehrbücher  schrieb  er  in  den  ersten  Jahr- 
zehenden  seiner  akademischen  Thätigkeit  fast  ausschliesslich 
in  derselben.  Wir  werden  es  nur  natürlich  finden  können, 
wenn  sich  ein  Lehrer  des  lebhaftesten  Beifalls  erfreute,  der 
einen  bedeutenden,  dem  BedürMss  der  damaligen  Zeit  so 
ganz  entsprechenden  Inhalt  in  so  anregender  und  gewinnender 
Foim  mitzutheilen  wusste ;  wir  weräen  aber  auch  den  Kummer 
begreifen,  mit  dem  seine  theologischen  CoUegen  Lehren,  die 
sie  füi'  verderblich  und  unchristlich  hielten,  unter  den  ihrer 
Fürsorge  anvertrauten  jungen  Leuten  trotz  aller  Warnungen  sich 
immer  unaufhaltsamer  verbreiten  sahen.  Der  fromme  Francke 
hat  später  bezeugt,  schon  vor  Ausbruch  des  Streites  mit  Wolff 
habe  er  die  ^Beweise  von  seinen  gottlosen  Lehren  aus  dem 
Bekenntniss  seiner  Schüler  in  Händen  gehabt,  und  er  habe 
auch  Wolflf  Vorstellungen  darüber  gemacht,  welche  gräuliche 
CoiTuption  der  Gemüther  er  an  jenen  gefunden;  ja,  er  habe 
von  den  entsetzlichen  Verführungen,  die  durch  Wolff 's  Vor- 
lesungen in  die  hallischen  Anstalten  eingedrungen  seien,  ein 
solches  Herzeleid  gehabt,  dass  er  nachher  oft  nicht  ohne  grosse 
Bewegung  die  Stelle  angesehen  habe,  auf  der  er  Gott  auf  den 


139  Wolff's  Yertreibwig  «os  Halle. 

Kniöen  um  die  Erlösung  von  dieser  grossen  Macht  der  Fin-- 
stemiss  angerufen,  und  dass  er  die  Erfüllung  seiner  Bitte 
lebenslang  als  Beispiel  wunderbarer  Gebetserhörung  bdialten 
werde. 

Zu  diesem  tiefen  grundsätzlichen  Zwiespalt  zwischen  WoUBT 
und  den  hallischen  Theologen  kamen  nun  aber  überdiess  nodi^ 
um  ihn  zu  vergiften  und  2u  verschärfen,  persönliche  Missvex* 
hältnisse.  Wolff  war  schon  damals  von  einem  übermässigen^ 
bei  seinen  rasch  errungenen  ungewöhnlichen  Erfolgen  aUer- 
dings  verzeihliehen  Gefühl  seiner  wissenschaftlichen  Bedeutung 
erfüllt,  das  er  auch  nicht  verbarg;  wie  er  denn  z.  B.  im 
Stande  war,  im  Jahr  1724,  als  ihn  Peter  der  Grosse  nach 
,  Petersburg  zu  ziehen  suchte,  und  seine  Bedingungen  etwas 
zu  stark  fand,  ganz  unbefangen  daran  zu  erinnern,  wie  reich 
Aristoteles  von  Alexander  und  andere  Gelehrte  von  anderen 
Fürsten  belohnt  worden  seien ,  und  wie  wenig  doch  das ,  was 
diese  Leute  gethan  haben,  gegen  die  Ausführung  des  grossen 
Vorhabens  sei,  zu  dem  man  ihn  berufe.  *)  Ebenso  wenig  hielt 
Wolff,  wie  es  scheint,  mit  seinem  Urtheil  über  die  heiTschende 
Theologie  hinter  dem  Berge;  manche  seiner  Aeusseiomgen 
waren  seinen  theologischen  GoUegen  hinterbracht,  und  bei 
dieser  Gelegenheit  wohl  auch  übertrieben  und  entstellt  worden : 
er  selbst  klagt  —  in  der  von  Wuttke  herausgegebenen  Selbst- 
biographie, S.  190  —  über  „fälschlich  angebrachte  Verläum- 
düngen";  und  wie  empfindlich  sie  angenommen  wurden,  sieht 
man,  trotz  der  Versicherung  des  Gegentheils,  aus  Francke'a 
Worten:  „dass  er  mich  und  Collegas  auf's  entsetzlichste  ge- 
schmähet und  verspottet  hat,  das  ist  mir  wie  nichts  gewesen 
und  hätte  es  gem  gelitten'^  Von  den  haUiscben  Theologen 
war  aber  gerade  damals,  wo  sie  durch  das  Bewusstsein  ihres 
Sieges  über  die  altorthodoxe  Parthei  und  ihrer  sich,  immer 
mehr  befestigenden  kirchlichen  Stellung  gehoben  waren,  am 
wenigsten  zu  erwarten,  dass  sie  dem  Kampfe  mit  einem  Gegner, 
wie  Wolff,  ausweichen  würden.     Die  heiTOiTagendsten  unter 


*)  Briefe  von  Chr.  Wolff  (Petersb.  1860)  S.  27. 


Wolff's  Vertreibung  aus  Halle.  137 

denselben  waren  Francke  und  Lange.  August  Hermann 
Francke  war  ein  Mann  von  inniger  Frömmigkeit  und  höchst 
ehrwürdigem  Charakter.  Durch  seine  aufopfernde,  von  hoher 
Glaubenskraft  getragene  Thätigkeit  hatte  er  das  bewunderungs- 
würdige Werk  der  Francke'schen  Stiftungen  zu  Stande  gebracht, 
und  dadurch  nicht  wenig  2u  der  Anerkennung  beigetragen, 
welche  der  Pietismus  in  d^  öffentlichen  Meinung  erlangt  hatte ; 
sein  wissenschaftlicher  Gesichtskr^s  war  aber  beschränkt,  und 
war  er  auch  bei  seiner  milden  und  friedliebenden  Gesinnung 
und  seiner  geringeren  dialektischen  Uebung  nicht  zum  Wort- 
führer in  theologischen  Streitigkeiten  berufen,  so  war  es  doch 
nicht  schwer,  seine  Theilnahme  dafür  zu  gewinnen,  wenn  er 
das,  was  ihm  heilig  war,  in  Gefahr  glaubte^  und  wenn  ein 
streitfertigerer  die  Führerschaft  übemahm.  Einen  solchen 
hatte  nun  aber  Francke  neben  sich  an  seinem  GoUegen  Joa- 
chim Lange.  Dieser  Theolog  war  bald  nach  Wolff,  im  Jahr 
1709,  von  Berlin,  wo  er  noch  mit  Spener  befreundet  gewesen 
war,  als  Professor  nach  Halle  gekommen.  Gelehrter  als  Francke, 
in  der  Schulphilosophie  bewanderter  und  im  Disputiren  geübter, 
leidenschaftlich,  rechthaberisch,  rücksichtslos  im  Streite,  war 
er  vorzugsweise  geeignet,  den  Pietismus,  der  ursprünglich  aus 
einer  Beaction  gegen  die  unduldsame  Orthodoxie  entsprungen 
war,  zu  einer  neuen  gleich  unduldsamen  Orthodoxie  auszu- 
bilden, und  in  allen  Verhandlungen  als  der  allzeit  schlagfertige 
Vorkämpfer  seiner  Parthei  au£iutreten.  In  dieser  Stellung 
hatte  er  sich  schon  vor  seiner  Berufung  nach  Halle  gegen 
Valentin  Löscher  gewendet,  und  die  Vertheidigung  der  pie- 
tistischen Sache  alsbald  in  einen  Angriff  auf  die  heiTSchende 
Theologie  verwandelt;  und  in  dem  weiteren  fün&ehnjährigen 
Streit  mit  diesem  Gegner  war  er  durchaus  der  Wortfühi-er 
der  Pietisten  gewesen.  Ein  so  hervorragender,  in  Streitig- 
keiten der  heftigsten  Art  eingewohnter  und  in  ihnen  sich  wohl 
fühlender  Polemiker  war  ganz  der  Mann  dazu,  um  auch  mit 
Wolff  anzubinden.  Nun  waren  aber  überdiess  zwischen  beiden 
auch  schon  verschiedene  persönliche  Beibungen  vorgekommen, 
indem  Wolff  als  Prorector  bei  einigen  Anlässen  Lange's  Wün- 


138  Wolff's  Yertreibung  aus  Halle. 

«eben  entgegengetreten  war.  Die  Theologen  ihrerseits  hatten, 
wie  diess  nicht  blos  Wolflf  versichert,  sondern  wie  es  auch 
nach  Francke's  oben  angefahrten  Aeusserungen  ganz  glaublich 
und  zum  Theil  (vergl.  Goysched,  Histor.  Lobschr.  Beil.  S.  17, 
S.)  urkundlich  erwiesen  ist,  schon  längere  Zeit  vor  Wolff's 
Vorlesungen  gewarnt,  und  denen,  welche  dieser  Warnung  nicht 
Folge  leisteten,  mit  Entziehung  ihrer  Beneficien  gedroht,  so 
dass  manche  jene  Vorlesungen  nur  heimlich  zu  besuchen 
wagten.  Es  war  demnach  sowohl  durch  principielle  Gegen- 
sätze als  durch  persönliche  Spannungen  Zündstoff  genug  auf- 
gehäuft, als  zufällige  Veranlassungen  die  verhängnissvolle  Kata- 
strophe herbeiführten. 

Am  12.  Juli  1721  hatte  Wolff  das  Prorectorat  an  Lange 
zu  übergeben.  Für  die  Rede ,  welche  er  bei  dieser  Gele- 
genheit zu  halten  hatte,  wählte  er  sich  das  Thema:  über 
die  Moralphilosophie  der  Chinesen.  Er  fbhrte  aus,  dass  die 
Chinesen,  und  namenüich  Confucius,  eine  sehr  reine  und  vor- 
zügliche Sittenlehre  gehabt  haben,  welche  sich  ohne  viele 
Mühe  auf  die  Piincipien  seiner  eigenen  Moral  zurückführen 
lasse ;  und  da  es  ihnen  nun  doch  andererseits,  wie  er  behauptet, 
an  jeder,  sowohl  der  geoffenbarten  als  der  natürlichen  Religion 
fehlte,  so  fand  er  in  dieser  Thatsache  einen  merkwürdigen 
Beweis  des  Satzes,  dass  die  Vernunft  die  sittlichen  Wahrheiten 
mit  ihren  eigenen  Kräften,  und  ohne  Beihülfe  einer  höheren 
Offenbainng,  durch  die  blosse  Betrachtung  der  menschlichen 
Natur  finden  könne.  Diese  Rede  gereichte  den  anwesenden 
Theologen  zum  äussersten  Anstoss.  Dass  sich  die  Sittenlehre 
auf  die  blosse,  sich  selbst  überlassene  Vernunft  gründen  lasse, 
dass  die  Kräfte  des  natürlichen  Menschen  dafür  ausreichen, 
dass  Atheisten  eine  reine  Moral  haben  können,  —  diese  Sätze 
waren  in  ihren  Augen  ebenso  viele  verabscheuungswürdige 
Ketzereien;  und  es  waren  nicht  blos  die  Hallenser,  die  so 
dachten,  sondern  derselben  Ansicht  war  ohne  Zweifel  die 
Mehrzahl  der  damaligen  Theologen.  In  einem  Gutachten  der 
theologischen  und  philosophischen  Facultät  zu  Jena,  vom  6. 
December  1725  (Ludovici  I,  244  f.) ,   wird  es  Wolff  nicht  als 


Wolff's  Verträbung  aas  Halle.  139 

der  geringste  von  den  siebenundzwanzig  Irrthümem,  die  dort 
angezählt  sind,  vorgerückt,  dass  er  behaupte,  nicht  die  Atheiste- 
rei, sondern  nur  der  Missbrauch  derselben,  verleite  zum  bösen 
Leben,  ein  Atheist  könne  tugendhaft  leben,  und  es  gebe  ganze 
Völker,  die  keinen  Gott  glauben,  und  bei  denen  es  doch 
nicht  schlimmer,  ja  in  vielen  Stücken  besser  hergehe,  als 
unter  Christen,  wie  die  Hottentotten,  namentlich  aber  die 
alten  Chinesen.  Wolff  freilich  entgegnete  in  einer  Anmerkung 
zu  seiner  Oratio  de  Sinarum  Philosophia  practica  (Frankfurt 
1726) :  er  habe  nicht  von  der  theologischen  oder  christlichen, 
sondern  nur  von  der  philosophischen  Tugend  geredet;  die 
Vernunft  könne  durch  sich  selbst  das  Rechte  erkennen  und 
ausreichende  Beweggründe  zu  seiner  Vollbringung  aus  unserer 
Natur  schöpfen ;  diess  schUesse  aber  nicht  aus,  dass  die  Offen- 
barung theils  die  Gewissheit,  und  ebendamit  die  Wirksamkeit 
der  Vemunftwahrheiten  verstärke,  theils  auch  in  den  geoflfen- 
harten  Wahrheiten  noch  weitere  eigenthümliche  Beweggründe 
des  sittlichen  Handelns  hinzufüge.  Aber  es  begreift  sich, 
wenn  die  Theologen  eine  Entschuldigung  nicht  gelten  Hessen, 
welche  nur  dazu  dienen  konnte,  den  ganzen  Unterschied  seines 
Standpunkts  von  dem  ihrigen  an's  Licht  zu  stellen;  um  so 
mehr,  da  diese  Erläuterung  in  seiner  Rede  selbst  nicht  aus- 
drücklich gegeben  war.  Unmittelbar  nachdem  Wolflf  die  Rede 
gehalten  hatte,  brachte  der  Senior  der  theologischen  Facultät, 
Abt  Breithaupt*),  dieselbe  auf  die  Kanzel,  und  gleichzeitig 
bat  sich  die  Facultät  durch  Francke  als  ihren  Dekan  von 
Wolflf  sein  Manuscript  aus,  um  ihm  ihre  Erinnerungen  darüber 
coUegialisch  zu  communiciren.  Man  wird  es  Wolff  nicht  ver- 
übeln können,  wenn  er  sich  wenig  gutes  von  coUegialischen 
Verhandlungen  vei-sprach,  welche  damit  eröffnet  wurden,  dass 
man  seinen  Vortrag  auf  der  Kanzel  verschrie,  und  sich  dann 
nachträglich  das  Manuscript  desselben  Vortrags  von  ihm  erbat. 


*)  Welcher  demnach  nicht,  wie  Engelhardt  (Val.  Löscher  S.  177, 1) 
angiebt,  HaUe  vor  Lange's  Berufung  i.  J.  1709  verlassen  hatte.  Vgl.  auch 
Joach.  Langens  Lebenslauf  S.  82  u.  a.  St. 


140 


Wolff's  Vertreibung  aus  Halle. 


weil  man  dessen,  was  man  blos  gehört  habe,  doch  nie  ganz 
gewiss  sei.  Er  lehnte  die  Auslieferung  des  Manuscripts  in 
einem  höflichen,  aber  ziemlich  spitzigen  Brief  ab,  und  ver- 
wies die  Theologen  auf  seine  Büeher,  wo  seine  Ansichten  zu 
finden  seien. 

Während  nun  dieser  Streit'  für  den  Augenblick  ruhte, 
wurde  das  Zerwürhiss  durch  andere  Vorgänge  genährt.  Unter 
Lange's  Prorectorat  kamen  Unordnungen  unter  den  Studenten 
vor,  wetehe  dieser,  streng  und  pedantisch,  wie  er  war,  nicht 
mit  dem  richtigen  Takt  zu  behandeln  wusste;  es  wurden 
dem  unbeliebten  Prorector  Pereats  gebracht  und  Spottlieder 
auf  ihn  gesungen,  die  ihn  ohne  Zweifel  doppelt  ärgerten, 
weil  sie  mit  Vivats  auf  seinen  Vorgänger  vermischt  waren. 
Wolff's  Lieblingsschtiler  Thümmig  war  Adjunct  der  philoso- 
phischen Facultät  geworden;  nachher  machte  ein  Sohn  von 
Lange  Anspruch  auf  die  Stelle,  weil  er  als  Magister  älter  sei ; 
aber  Wolff  als  Dekan  duldete  nicht ,  dass  jener  durch  diesen 
verdrängt  werde.*)  Machte  nun  schon  diess  böses  Blut,  so 
wurde  es  Wolff  natürlich  noch  mehr  übel  genommen ,  als  sich 
Thümmig  um  eine  ausserordentliche  Professui-,  welche  Lange 
seinem  Sohn  bestimmt  hatte,  bei  der  Regierung  unmittelbar 
bewarb,  und  sie  auch  wirklich  auf  Wolff 's  Verwendung  ohne 
vorgängige  Befi-agung  der  philosophischen  Facultät  erhielt* 
Die  Gegner  behaupteten,  diess  sei  gegen  die  Statuten  der 
Universität,  was  jedoch  Wolff  bestreitet.  Den  hauptsächlich- 
sten Anlass  zum  erneuerten  Ausbruch  des  Streits  gab  aber 
eine  Prüfung  der  wolff 'sehen  Metaphysik,  die  ein  hallischer 
Docent,  M.  Strähler,  um  den  Anfang  des  Jahres  1723  er- 
scheinen liess.  Diese  Schrift  war  zwar  in  keiner  beleidigenden 
Form  abgefasst,  aber  doch  war  sie  in  mehiiacher  Hinsicht 
geeignet,   Wolff  zu  verletzen.    Während  sie  manche  Blossen 


*)  Dieser  Vorfall  scheint  der  Eede  über  die  Chinesen  schon  voran- 
gegangen za  sein;  vgl.  Wolff 's  AusfÜhrl.  Antwort  u.  s.  w.  in  der  Samm- 
lung: Acht  neue  merkwürdige  Schriften,  die  in  der  Wolff 'sehen  Philos.  er- 
regte Streitigkeit  betreffend.    Anno  1787.  S.  40. 


Wolff's  Vertreibmig  aus  Haue. 


141 


seiner  Ansichten  und  Schrüten  nieht  ohne  Scharfsinn  aufdeckte, 
hängte  sie  sich  zugldch  mit  einer  widerwärtigen  Kleinigkeits- 
krämerei an  einzehie  Ausdrucke  und  unwesentliche  Punkte, 
und  trotz  aller  höflichen  und  unterwürfigen  Redensarten  schul- 
meisterte sie  den  berühmten  Philosophen  in  einem  Tone,  an 
den  dieser  nicht  gewöhnt  war.  Ueberdiess  war  aber  ihr  Ver- 
fasser ein  früherer  Schüler  von  Wolff,  dessen  er  sich  längere 
Zeit  wohlwollend  angenonmien,  und  bei  einigen  von  seinen 
Kindern  sogar  Pathenstelle  übernommen  hatte.  Wenn  femer 
richtig  ist,  was  Wolff  behauptet,  dass  Strähler  seine  Schrift 
mit  Lange's  Beirath  und  Unterstützung^  und  auch  mit  Francke's 
Vor  wissen,  zum  Dmck  befördert  hatte,  so  musste  ihn  eine 
solche  Verbindung  des  ihm  früher  befreundeten  Schülera  mit 
seinen  ausgesprochenen  Feinden  nothwendig  tief  kränken. 
Auch  ohne  diese  erschwerenden  Nebenumstände  erschien  es 
aber  nach  damaligen  Begriffen  ungehörig  und  unschicklich, 
dass  ein  Universitätslehrer  einen  CoUegen  an  derselben  Uni- 
versität mit  Nennung  seines  Namens  öffentlich  angreife;  in 
Halle  war  diess  sogar  durch  die  Universitätsstatuten  ausdrück- 
lich verboten.  Wolff,  welcher  in  diesem  Punkte  durchaus  nicht 
über  seiner  Zeit  stand,  wandte  sich  auf  Anrathen  des  Kanz- 
lers der  Universität  mit  einer  Beschwerde  an  den  akademi- 
schen Senat,  und  als  dieser  wenig  Neigung  zeigte,  ihm  zu 
willfahren,  an  die  Regierung.  Es  wäre  ohne  Zweifel  würdiger 
gewesen,  diesen  Schritt  zu  unterlassen,  und  Strähler's  Angriff 
entweder  zu  ignoriren  oder  ihm  mit  wissenschaftlichen  Waffen 
zii  begegnen;  indessen  verlangte  Wolff  nicht,  dass  dem  Gegner 
untersagt  werde,  seine  Ansichten  zu  bestareiten,  sondern  nur, 
dass  er  dieselben  nicht  mit  Nennung  seines  Namens  bestreiten 
solle.  Damit  hatte  er  aber  sein  formelles  Recht  schwerlich 
überschritten;  und  wenn  er  von  der  akademischen  Behörde 
an  die  Regierung  gieng,  so  hatte  er  dabei  zwar  vielleicht  den 
Fehler  gemacht,  dass  er  diess  that^  ohne  die  ausdrückliche 
Entscheidung  der  ersteren  abzuwarten;  dass  er  aber  damit 
seine  Gegner  darauf  hingewiesen  habe,  nun  auch  ihrerseits 
am  Hofe  gegen  ihn  zu  arbeiten  (Wuttfce  S.  27),  kann  man 


142  Wolff's  Vertreibung  aus  Halle. 

nicht  sagen:  er  hatte  sich  nicht  an  den  Hof;  sondern  an  die 
Regierung  gewandt,  er  hatte  den  Fiscjal  angerufen,  sie 
operirten  durch  die  Adjutanten  und  den  Ho&arren.  Auf 
Wolff's  Beschwerde  erfolgte  (5.  April  1723)  von  König  Fried- 
rieh Wilhelm  L,  welcher  streng  daraufhielt,  keine  Händel 
auf  seinen  Universitäten  zu  dulden,  und  welcher  die  Streit- 
Schrift  dnes  jungen  Docenten  gegen  einen  so  berühmten  Pro- 
fessor nun  vollends  gegen  alle  Subordination  fand,  ein  scharfes 
Rescript,  worin  Strähler  bei  namhafter  Strafe  und  Verlust 
seiner  Magisterwürde  alles  weitere  Schreiben  in  dieser  Sache 
verboten  und  den  sämmtlichen  Professoren  untersagt  wurde, 
sie  in  ihren  Vorlesungen  zu  berühren.  Indessen  Hessen  sich 
.  Wolff's  Gegner  durch  diese  Niederlage  nicht  abschrecken» 
Von  der  theologischen  und  auch  von  der  Mehrheit  seiner 
eigenen  Facultät  ward  eine  Klagschrift  beim  König  eingereicht, 
die  nach  Wolff's  Angabe  Lange  mit  Strähler's  Unterstützung 
verfasst  hatte,  um  die  schweren  In-thümer  des  wolffischen 
Systems  nachzuweisen.  Auch  dieser  Schritt  scheint  aber  zu- 
nächst keinen  grossen  Eindruck  gemacht  zu  haben;  wenigstens 
wurde  die  Schrift  dem  Angeschuldigten  mit  einem  gnädigen 
Schreiben  zur  Beantwortung  zugestellt.  Man  musste  sich 
also  nach  weiterer  Unterstützung  umsehen.  Und  da  fanden 
es  denn  die  frommen  Männer  in  Halle  ganz  ang^nessen, 
sich  zum  Sturz  des  gehassten  Gegners  eines  Menschen  zu 
bedienen,  dessen  Gemeinschaft  jeder  anständige  Gelehrte, 
welchen  die  Leidenschaft  nicht  verblendet  hatte,  gemieden 
haben  würde,  auch  wenn  er  die  von  Lange  so  lebhaft  ver- 
theidigten  Ansichten  über  profane  Scherze  und  weltliche  Lust- 
barkeiten nicht  theilte.  Neben  einigen  Officieren  aus  der  Um- 
gebung  des  Königs  wurde  auch  der  bekannte  Gundling,  an 
dessen  derben  Spässen  sich  der  sonst  verständige  und  tüchtige, 
um  sein  Volk  hochverdiente,  aber  aller  feineren  Bildung  er- 
mangelnde  Monarch  zu  belustigen  pflegte,  von  Wolff's  Gegnern 
gewonnen,  und  durch  dieses  unsaubere  Werkzeug  wurde  dem 
Könige  hinterbracht,  was  ein  Lange  und  Strähler  vielleicht 
allerdings  für  eine  richtige  Consequenz  des  wolffischen  Deter- 


Wolff's  Vertreibung  aus  Halle.  I43. 

nünismus  halten  mochten,  was  aber  an  sich  selbst  eine  grobe 
Unwahrheit  war:  Wolff  behaupte,  wenn  einer  von  des  Königs 
grossen  Grenadieren  in  Potsdam  durchgehe,  so  habe  der  König 
kein  Recht,  ihn  zu  bestrafen,  weil  er  ja  nur  gethan  habe,  was 
das  Schicksal  über  ihn^verhängte.  Damit  war  der  Fürst  an  semer 
empfindlichsten  Seite  getroffen;  jetzt  sah  er  auf  einmal  in  Wolff^ 
einen  Mann,  der  alle  Grundlagen  der  Ordnung  im  Staat  und 
in  der  Armee  untergrabe;  und  im  frischen  Zorn  erliess  er 
am  8.  November  1723  jenen  berüchtigten  Gabinetsbefehl, 
durch  welchen  Wolff  nicht  blos  entsetzt,  sondern  ihm  auch 
bei  Strafe  des  Stranges  geboten  wurde,  binnen  48  Stunden 
Halle  und  die  gesammten  königlichen  Lande  zu  räumen.  Auch 
Thümmig  wurde  abgesetzt,  ein  Königsberger  Professor  Fischer 
des  Landes  verwiesen.  Wolff's  Professur  erhielt  der  jüngere 
Lange,  die  ausserordentliche^  welche  Thümmig  bekleidet  hatte, 
bekam  Strähler.*)  Die  Lehren,  von  deren  Verderblichkeit 
man  sich  so  plötzlich  überzeugt  hatte,  sollten  in  Preussen  mit 
Stumpf  und  Stiel  ausgerottet  werden. 

Diess  war  mehr],  als  Wolff^s  Gegner  gehofft,  ja  mehr,  als 
sie  gewünscht  hatten.  Ihre  Absicht  war  nicht  dahin  gegangen,- 
dass  Wolff  abgesetzt,  sondern  dass  er  n^t  seiner  Lehrthätig- 
keit  und  seinen  Schriften  auf  die  Mathematik  und  die  Physik 
eingeschränkt  werde.  Als  statt  dessen  ein  so  weitgehender 
und  so  gewaltsamer  Ausbruch  des  königlichen  Zornes  erfolgte^ 
kamen  einzelne  von  denen,  die  ihn  veranlasst  hatten,  im  ersten 
Augenblick  kaum  weniger  aus  der  Fassung,  als  derjenige, 
welcher  von  demselben « zunächst  getroffen  wurde.  Francke 
zwar  pries,  wie  wir  bereits  gehört  haben,  Gott  für  die  wunder- 
bare Erhörung  seiner  Gebete,  und  hielt  am  nächstfolgenden 
Sonntag  eine  Predigt  über  das  Evangelium  von  der  Zerstörung 


*)  Doch  hatte  Lange  selbst  Strähler  för  die  orden^che,  seinen  Sohn 
nur  für  die  ausserordentliche  vorgeschlagen.  Sowohl  dieser  Umstand,  als 
das  sogleich  anzuführende,  widerlegt  die  Behauptung,  dass  Lange  bei 
seinem  Auftreten  gegen  Wolff  von  der  Absicht  geleitet  gewesen  sei,  seinen 
Sohn  an  dessen  Stelle  zu  bringen. 


144  Wolff's  Vertreibung  aus  Halle. 

Jerusalems,  worin  von  dem  Wehruf  über  die  Schwangeren  und 
von  der  Flucht  im  Winter  auf  Wolff's  Frau  und  auf  die  da- 
malige Jahreszeit  eine  erbauliche  Nutzanw^dui^  gemacht 
war.  Aber  Lange  verlor  beim  Eintreffen  des  königlichen 
Rescripts  für  drei  Tage  den  Schlaf  und  die  Esslust.  Er  fühlte 
wohl,  welchen  Nachtheil  dieser  Sieg  der  Parthei  bringen  müsse, 
die  ihn  mit  solchen  Mitteln  erfochten  hatte,  und  welches  Licht 
auf  ihn  selbst,  als  den  Vorkämpfer  dieser  Parthei,  fallen 
werde.  Es  war  daher  ohne  Zweifel  mehr  Berechnung,  als 
christliche  Feindesliebe,  dass  nach  Einlauf  des  Gabinetsbefehls 
die  Theologen  selbst  Wolff  unter  der  Hand  ihre  Verwendung 
anbieten  liessen.  Auch  Wolff  fasste  die  Sache  nicht  anders 
auf.  Er  habe  wohl  gewusst,  sagt  er,  und  es  sei  ihm  nachher 
auch  von  Berlin  aus  bestätigt  worden,  worauf  es  abgesehen 
gewesen  sei:  ihn  zu  einem  Widerrufe  zu  bewegen  und  auf 
Mathematik  und  Physik  zu  beschi*änken.  Dazu  hatte  er  aber 
keine  Lust,  und  seine  persönliche  Lage  war  auch  nicht  von 
der  Art,  dass  sie  ihm  solche  Zugeständnisse  hätte  aufdringen 
können.    Er  wies  daher  jenen  Vorschlag  mit  Würde  zurück, 

■ 

verliess  Halle  schon  zwölf  Stunden  nachdem  ihm  der  Aus- 
weisungsbefehl zugekommen  war,  und  begab  sich  vorläufig 
nach  Kassel. 

So  hatten  die  Gegner  der  Philosophie  füi*  den  Augenblidc 
gesiegt.  Aber  ihrer  Sache  hätten  sie  keinen  schlimmeren 
Dienst  leisten  können.  Die  brutale  Vertreibung  des  Philo- 
sophen hatte  die  Wirkung,  welche  derartige  Massregdn  noch 
immer  gehabt  haben.  Dieses  Veiüahren  gegen  einen  der  ersten 
Oelehrten  der  Zeit  machte  in  und  ausser  Deutschland  ein 
unglaubliches  Aufsehen.  Wer  sich  bisher  nichts  um  Wolff 
bekümmert  hatte,  dessen  Augen  wurden  jetzt  gewaltsam  auf 
ihn  gezogen;  seine  Sache  war  durch  die  Mittel,  welche  man 
gegen  sie  gebraucht  hatte,  mit  der  des  Fortschritts,  der  Auf- 
klärung, der  wissenschaftlichen  Freiheit  identificirt:  wer  sich 
nicht  geradehin  zu  den  Feinden  der  Wissenschaft,  zum  An- 
hang der  Pietisten  zählen  lassen  wollte ,  der  musste  Wolff's 
Parthei  nehmen.    Die  Verhandlungen  über  den  Inhalt,   den 


Wolff's  Vertreibung  aus  Halle.  145 

Werth,  die  Haltbarkeit)  die  Christlichkeit  der  wolffischen  Phi- 
losophie kamen  jetzt  erst  recht  auf  die  Tagesordnung:  eine 
Masse  von  Schriften  für  sie  und  gegen  sie  erschienen;  ihr 
Geschichtschreiber  Ludovici  konnte  deren  (a.  a.  Ö.  I^  179  flf.) 
schon  im  Jahr  1737,  ohne  die  Lehrschriften  Wolflf 's  und  seiner 
Schüler,  über  zweihundert  zählen,  von  denen  nur  zwanzig 
Strähler's  Angriff  auf  Wolff  vorangehen.  Griff  doch  selbst 
ein  Schmid  in  Schmalkalden ,  Namens  Joh.  Val.  Wagner,  zur 
Feder,  um  in  Druckschriften  die  Sache  dieser  Philosophie 
gegen  Lange  zu  fuhren  (a.  a.  0.  S.  320).  In  diesem  lebhaften 
und  lang  andauernden  Streite  war  aber  das  wissenschaftliche 
Uebergewicht  ganz  unverkennbar  auf  Wolff's  Seite.  Was  er 
wollte  und  lehrte,  das  war,  auch  wenn  wir  es  nicht  selten 
ungenügend  und  einseitig  finden  müssen,  doch  jedenfalls  nichts 
willkührlich  gemachtes;  er  hatte  nicht  allein  die  Ueberl^en- 
helt  eines  klaren  und  festen  Standpunkts  und  das  allgemeine 
Recht  der  Vernunft,  sondern  auch  alle  Bedürfiüsse  seiner  Zeit 
fUr  sich,  er  hatte  an  allen  vorwärts  drängenden  Kräften  seine 
natürlichen  Bundesgenossen.  Die  jüngere  Generation  stellte 
sich  in  ganz  Deutschland  mit  Vorliebe  auf  seine  Seite;  noch 
ehe  ein  Jahrzehend  seit  seiner  Vertreibung  aus  Halle  ver- 
flossen war,  war  sein  Sieg  in  der  öffentlichen  Meinung  ent- 
schieden, und  in  der  Folge  beherrschte  seine  Philosophie  die 
Wissenschaft  und  den  Geschmack  ihres  Zeitalters  ein  volles. 
Menschenalter  hindurch  mit  einer  Macht,  wie  sie  von  den 
späteren  Systemen  höchstens  das  kantische  in  ähnlicher  Weise 
gehabt  hat.  Wenn  die  despotische  Massregel  gegen  den  Phi- 
losophen die  Ausbreitung  seiner  Ansichten  verhindern  sollte,, 
so  konnte  dazu  kein  unglücklicheres  Mittel  gewählt  werden. 

Auch  persönlich  hatte  aber  Wolff  unter  dem  Schicksal,, 
das  ihn  betroffen  hatte,  nicht  auf  die  Dauer  zu  leiden.  Scho»^ 
mehrere  Monate  vor  seinem  Abgang  von  Halle  hatte  ihm  der 
Landgraf  Karl  von  Hessen-Kassel  vortheilhafte  Anerbietungen 
machen  lassen,  um  ihn  für  die  Universität  Marburg  zu  ge- 
winnen. Noch  früher  hatte  Peter  der  Grosse,  der  ihn  bereits 
im  Jahr  1715  nach  Russland  zu  ziehen  gesucht  hatte,    die 

ZeUer,  Vortr&ge  und  Abhandl.  XO 


146  Wolff's  Vertreibung  aus  Halle. 

Unterhandlangen  mit  ihm  emeaem  und  ihm  die  Direction 
der  neu  zu  errichtenden  Akademie  der  Wissenschaften  unter  den 
günstigsten  Bedingungen  anbieten  lassen;  und  nachdem  sich 
diese  Unterhandlungen  längere  Zeit  hingezogen  hatten,  war 
Wolff  nicht  abgeneigt,  diesem  Rufe  zu  folgen,  als  die  hallische 
Katastrophe  eintrat.  Auf  die  erste  Nachricht  von  der  letz- 
teren dachte  man  in  Dresden  daran,  sich  des  berühmten  Ge- 
lehrten sofort  für  Leipzig  zu  versichern.  Es  fehlte  also  Wolff 
keinen  Augenblick  an  der  Gelegenheit  zu  einer  neuen  ehren- 
vollen Stellung.  Indessen  glaubte  er  jetzt  von  ßussland  ab- 
sehen zu  müssen,  theils  weil  er  nicht  wusste,  welchen  Eindruck 
der  Vorgang  in  Halle  dort  machen  würde,  theils  weil  er  keinen 
Schritt  thun  wollte,  der  ihm  als  Flucht  vor  seinen  Gegnern 
ausgelegt  werden  konnte.  Von  den  zwei  deutschen  Universi- 
täten, welche  sich  ihm  darboten,  hätte  er  für  seine  Person 
Leipzig  vorgezogen.  Aber  die  Unterhändler  machten  den 
Fehler,  ihm  zunächst  ungünstigere  Bedingungen  anzubieten, 
als  man  ihm  zu  gewähren  entschlossen  war,  und  so  entschied 
er  sich  für  Marburg,  wo  er  von  den  Studii'enden  mit  Jubel, 
von  den  neuen  CoUegen  freilich  zunächst  mit  einem  Protest 
empfangen  wurde,  den  zwei  scharfe  landesherrliche  Rescripte 
niederschlugen. 

Die  siebzehn  Jahre,  während  deren  Wolff  an  dieser  Uni- 
versität wirkte,  sind  ohne  Zweifel  als  die  glänzendste  Periode 
anzusehen,  welche  dieselbe  überhaupt  gehabt  hat.  Auch  er 
seinerseits  hatte  sich  über  die  neuen  Verhältnisse  nicht  zu 
beklagen.  Seine  Vorlesungen  fanden  solchen  Beifall,  dass 
hundert  und  mehr  Zuhörer  selbst  auf  einer  so  kleinen  Uni- 
versität, wie  Marburg  doch  auch  damals  immerhin  war,  bei 
ihm  etwas  ganz  gewöhnliches  waren.*)  Von  seinem  Fürsten 
und  dessen  Umgebungen  wurde  er  mit  einem  Wohlwollen  und 
einer  Hochschätzung  behandelt,  die  er  nicht  genug  zu  rühmen 
weiss.     Seine  ökonomische  Stellung,  gegen  welche  sich  dc^r 


*)  Wolff  an  Beinbeck  in  BOsching's  Beiträgen  zu  der  Lebensgesch. 
denkw.  Pers.  I,  73. 


Wolff's  YertreibttDg  ans  Halle.  147 

Philosoph  durchaus  nicht  gleichgültig  verhielt,  war,  wenn  wü* 
den  Unterschied  der  Zeiten  in  Betracht  ziehen,  glänzend  zu 
nennen :  bei  seiner  Anstellung  in  Marburg  war  ihm  ein  Gehalt 
von  1000  Thalem  in  Geld  und  Naturalien  ausgesetzt  worden; 
sein  Gesanunteinkommen  berechnet  er  schon  im  Jahr  1724 
auf  2000  Thaler  jä&lich,  obwohl  er  mit  500  Thalem  reichlich 
auskommen  könne;*)  im  Jahr  1740  sogar  nach  Abzug  seiner 
Haushaltung  auf  2000  Thaler;  die  CoUegien  allein,  bemerkt 
er,  ertragen  ihm  tausend  Thaler,  und  könnten  das  doppelte 
ertragen,  wenn  er  in  Einforderung  des  Honorars  weniger  saum- 
selig wäre.  Zu  dieser  günstigen  äusseren  Lage  kam  endlich 
für  ihn  sein  von  Tag  zu  Tag  steigender  Euhm  und  Einfluss 
in  der  wissenschaftlichen  Welt,  der  ausserordentKdie  Erfolg 
seiner  Schriften,  die  bewundernde  Anerkennung,  welche  ihm 
nicht  blos  von  Gelehrten,  sondern  auch  von  Fürsten  und 
Staatsmännern,  in  und  ausser  Deutschland,  in  reichem  Masse 
gezollt  wurde.  Die  Jahre,  welche  Christian  Wolff  in  Marburg 
zubrachte,  sind  im  ganzen  genommen  vielleicht  die  glücklichste 
Zeit  seines  Lebens,  und  er  selbst  dachte  auch  zeitlebens  dort 
zu  bleiben,  und  wählte  sich  in  diesem  Gedanken  im  Jahr 
1732,  als  ihm  ein  Sohn  starb,  an  der  Seite  desselben  in  der 
lutherischen  Kirche  zu  Marbui'g  die  Grabstätte  für  sich  und 
seine  Frau  aus. 


*)  M.  s.  die  1860  von  der  Petersburger  Academie  herausgegebenen 
Briefe  von  Chr.  Wolff  S.  25.  —  So  hoch,  wie  oben  angegeben,  berechnet 
er  selbst  bei  Büsching  a.  a.  0.  S.  63  ff.  72,  bei  Wuttke  S.  131  u.  ö. 
seinen  Gehalt.  Das  Anstellungsrescript,  bei  Gottsched  a.  a.  0.  S.  33ff., 
nennt:  50Ö  Thaler  in  Geld,  50  Scheffel  Korn,  20  Viertel  Gerste,  1  Viertel 
Erbsen,  12  Viertel  Hafer,  „Heidochsen  1  Stück  k  25  Thaler",  10  Hammel 
k  1  Goldgülden,  2  Schweine  ä  8  Eammergülden,  IVs  Centner  Fische  ä  8 
Thaler,  4  Ohm  Wein  zu  11  Thaler,  1  Mass  zu  18  Thaler  die  Ohm,  nebst 
freier  Wohnung  in  dem  neuen  Observatorio,  „wann  es  fertig";  zu  der  letz- 
teren scheint  es  aber  nicht  gekommen  zu  sein,  da  er  ihrer  in  den  späteren 
Verhandlungen  nie  erwähnt.  —  Für  das  folgende  die  Belege  bei  Büsching 
a.  a.  0.  S.  64.  72  ff.  75,  und  bei  Wuttke  S.  171.  39  ff.  52  ff. 

10* 


148  Wolff's  Vertreibung  aus  Halle. 

Indessen  kam  doch  mit  der  Zeit  manches  zusammen,  was 
den  Philosophen  eine  Verändemng  wünschen  liess.  Seine 
Frau,  eine  Hallenserin,  war  nicht  gerae  in  Marburg,  und  der 
Gedanke,^  sie,  wenn  er  sterbe,  an  diesem  Orte  zurücklassen  zu 
müssen,  war  ihm  drückend.  Dem  einzigen  Sohn,  den  er  noch  hatte, 
stand  in  Hessen  der  Umstand  entgegen,  dass  er  lutherischer, 
der  Landeshen*  und  der  grösste  Theil  des  Volks  refoimirter 
Confession  war.  Dieser  Sohn,  schreibt  er,  müsste  nach  seinem 
Tod  in  der  Fremde  herumirren,  weil  er  hier  wegen  der  Reli- 
gion nichts  werden  könnte,  als  ein  Advokat,  der  sich  mit 
Bauemprocessen  plagen  müsse,  wozu  er  ihn  doch  nicht  gern 
erziehen  möchte.  WolfF  selbst  beschwerte  sich,  dass  er  in 
Marburg  nichts  haben  könne,  was  zu  physikalischen  Experi- 
menten erfordert  werde;  und  will  er  diess  auch  unter  die 
verborgenen  Wege  Gottes  rechnen,  die  sich  der  Mensch  ge- 
fallen lassen  müsse,  so  werden  wir  es  doch  natürlich  finden, 
dass  er  es  zu  ändern  gewünscht  hätte.  Die  Hauptsache  war 
aber  wohl,  dass  er  mit  seinem  Verhältniss  zum  Hofe  mit  der 
Zeit  nicht  mehr  recht  zufrieden  war.  Dem  Landgrafen  Karl 
war  im  Jahr  1730  der  König  Friedrich  von  Schweden  gefolgt, 
welcher  das  Land  durch  seinen  Bruder  Wilhelm  als  Statt- 
halter regieren  liess.  Wiewohl  es  nun  keiner  von  beiden  an 
Aufinerksamkeiten  gegen  den  berühmten  Philosophen  fehlen 
liess,  vermisste  dieser  doch  die  Beweise  persönlicher  Hoch- 
schätzung, an  die  ihn  Landgraf  Karl  gewöhnt  hatte ;  er  glaubte 
zu  bemerken,  dass  man  ihn  nur  um  der  Dienste  willen  schätze, 
die  er  durch  seine  Vorlesungen  der  Universität  leiste ,  dass 
sein  Credit  bei  Hofe  (an  dem  ihm  nur  zu  viel  lag)  von  dem 
Mass  seiner  akademischen  Arbeit  abhänge.  In  dieser  wünschte 
er  aber  nachgerade  sich  einige  Erleichterung  gönnen  zu  dür- 
fen; und  als  sich  die  Hoflfhung,  nÄch  Halle  zurückkehren  zu 
können,  nicht  erfüllen  wollte,  hören  wir  ihn  (10.  Juni  1733) 
unmuthig  genug  klagen :  er  werde  sich  wohl  auf  den  hessischen 
Bergen  zu  Tode  steigen  und  in  Marburg  zu  Tode  arbeiten 
müssen.    Ja  er  war  1740  bereits  auf  dem  Punkte,  einen  Ruf 


Wolff's  Vertreibung  aus  Halle.  149 

nach  Utrecht  anzunehmen,  als  ihn  ein  unvorhergesehenes  Ereig- 
niss  auf  die  für  ihn  ei*freulichste  Weise  in  die  frühere  Heimath 
zurückführte. 

Bei  Friedrich  Wilhehn  von  Preussen  hatte  die  üble  Mei- 
nung von  Wolff,  welche  ihm  1723  seinen  Cabinetsbefehl  diktirt 
hatte,  noch  längere  Zeit  angehalten.  Noch  im  Jahr  1727 
waren  Wolflfs  metaphysische  und  moralische  Schriften  aus- 
drücklich unter  die  atheistischen  Bücher  gestellt  worden,  deren 
Druck  und  Verkauf  der  König .  bei  lebenslänglicher  Karren- 
strafe verboten  hatte,  und  es  war  streng  untersagt  worden, 
über  dieselben  zu  lesen.  Aber  trotz  dieses  Verbots  wurde 
nicht  allein  an  den  preussischen  Universitäten  wolffische  Phi- 
losophie vorgetragen,  sondern  auch  in  der  nächsten  Umgebung 
des  Königs  hatte  dieselbe  höchst  einflussreiche  Gönner,  wie 
den  Fürsten  von  Anhalt-Dessau,  den  Feldmai-schall  von  Grumb- 
kow,  den  Staatsminister  von  Cocceji^  zu  denen  in  der  Folge 
der  frühere  sächsische  Minister  Christoph  von  Manteuflfel,  einer 
von  Wolff 's  begeistertsten  Verehrern,  hinzukam ;  vor  allen  an- 
dern war  es  aber  der  Hofprediger  Keinbeck,  ein  treuer  An- 
hänger Wolff 's,  der  schon  früher  das  gewaltsame  Verfahren 
gegen  ihn  zu  verhindern  gesucht  hatte,  und  der  auch  jetzt 
das  meiste  zur  Umstimmung  des  Königs  beitiiig.  Durch  diese 
Männer  liess  sich  der  Fürst  überzeugen,  dass  man  ihn  früher 
über  Wolff  getäuscht  habe,  und  dass  dieser  Philosoph,  weit 
entfernt,  religions-  und  sittengefahrliche  Lehren  vorzutragen, 
vielmehr  jeder  preussischen  Universität  von  höchstem  Nutzen 
sein  würde.  Diese  Sinnesänderung  des  Königs  war  so  voll- 
ständig, dass  er  Wolff  schon  im  Jahr  1733  den  Antrag  machen 
liess,  als  Vicekanzler  unter  günstigen  Bedingungen  nach  Halle 
zurückzukehren.  Indessen  lehnte  Wolff  diesen  Ruf  ab,  wie 
er  auch  auf  die  Anträge,  welche  ihm  gleichzeitig  durch  den 
Freiherm  von  Münchhausen  gemacht  wurden,  um  ihn  für  die 
neu  zu  gründende  Universität  Göttingen  zu  gewinnen,  nicht 
eingieng.  Er  war  wohl  damals  Marburgs  doch  noch  nicht  so 
überdrüssig,  wie  später,  und  der  Gesinnung  des  Königs  noch 


150  Wolif's  Vertreibimg  aus  Halle. 

nicht  SO  sicher,  um  nicht  einen  neuen  Umschlag  in  derselben 
zu  befiirchten.  WirkUch  gab  sich  auch  Lange  alle  Mtthe, 
einen  solchen  herbeizuführen;  aber  sein  Angriff  wurde  von 
Wolff's  Freunden  so  vollständig  abgeschlagen,  dass  statt  dessen 
Wolff's  früher  so  streng  verbotene  Schriften  den  Candidaten 
der  Theologie  ausdrücklich  empfohlen  wurden,  nachdem  ihr 
Verfasser  dem  Könige  den  zweiten  Band  seiner  pMlosophia 
practica  rniiversdUs  gewidmet  hatte.  Auch  den  Gedanken, 
ihn  nach  Preussen  zu  ziehen,  gab  der  König  nicht  auf.  Aber 
doch  fürchtete  er  nach  diesem  neuen  Beweis  von  der  Un- 
versöhnlichkeit  der  hallischen  Theologen,  in  Halle  „würden 
sich  die  Kerls  gleich  wieder  bei  die  Köpfe  kriegen;''  und 
da  überdiess  für  Halle  eben  kein  Gehalt  flüssig  war,  liess 
er  ihm  jetzt  (1739)  eine  Stelle  in  Frankfurt  a.  d.  O.  an- 
bieten. Wolff  war  anfangs  nicht  abgeneigt,  diesem  Antrag 
zu  folgen;  aber  diessmal  riethen  ihm  seine  Berliner  Freunde 
selbst  ab,  wie  sie  ihm  denn  überhaupt  nicht  verbargen, 
dass  es  auch  jetzt  mit  Friedrich  Wilhelm's  Bemühungen  für 
die  Wissenschaft  nicht  so  glänzend  aussehe,  und  dass  dieser 
seinem  despotischen  Verfahren  gegen^  seine  Univei*sitäten 
nicht  so  vollständig  entsagt  habe,  wie  es  Wolff  aus  der 
Feme  scheinen  mochte;  und  in  der  That,  wenn  man  sich 
erinnerte,  dass  er  noch  vor  wenigen  Jahren  seinen  Spass- 
macher,  den  Hofrath  Morgenstern  ^  zu  Frankfurt  in  seiner 
Gegenwart  eine  possenhafte  Disputation  hatte  halten  lassen, 
und  die  Professoren  gezwungen  hatte,  sich  bei  dieser  Un- 
würdigkeit  zu  betheiligen,  so  konnte  man  sich  von  seiner 
Achtung  vor  der  Wissenschaft  unmöglich  einen  hohen  Begriff 
bilden.  So  zogen  sich  denn  die  Unterhandlungen  in  die 
Länge,  und  Wolff  war,  wie  bemerkt,  schon  im  Begriff, 
Deutschland  zu  verlassen ,  als  Friedrich  Wilhelm  I.  unver- 
muthet,  nach  kurzer  Krankheit,  den  1.  Juni  1740  starb. 
Sein  grosser  Nachfolger  war  ein  eifriger  Leser  imd  Verehrer 
der  wolffischen  Schriften,  und  er  liess  es  eine  seiner  ersten 
Segentenhandlungen  sein,  diesen  Philosophen  für  das  Unrecht 


Wolff'8  Vertreibung  aoB  HaUe.  151 

zu  entschädigen,  welches  ihm  früher  in  Preussen  widerfahren 
war.  Erst  vor  wenigen  Tagen  hatte  er,  noch  als  Kronprinz, 
die  Widmung  von  Wolff's  Naturrecht  mit  einem  äusserst 
schmeichelhaften  Schreiben  erwiedert:  schon  den  6.  Juni 
erfolgte  der  Befehl  an  Beinbeck,  sich  um  Wolif  Mühe  zu 
geben.  „Denn  ein  Mensch,  der  die  Wahrheit  suche  und 
sie  liebe,  müsse  unter  aller  menschlichen  Gesellschaft  werth 
gehalten  werden."  Dass  Wolff  einer  solchen  Aufforderung 
Folge  leisten  werde,  war  nicht  zu  bezweifeln.  Einige  Schwie- 
rigkeit machte  es  nur,  dass  der  König  ihn  in  Berlin  bei  der 
Akademie  anzustellen  wünschte.  Dazu  wollte  sich  aber  Wolff, 
in  richtiger  Würdigimg  der  Verhältnisse  und  seiner  eigenen. 
Begabung,  nicht  verstehen,  und  so  gab  denn  Friedrich  vor- 
läufig nach,  und  genehmigte  (4.  Aug.  1740)  seine  Berufung 
nach  Halle,  als  erster  Professor  des  Naturrechts  und  der 
Mathematik,  Yicekanzler  und  Geheimerath,  mit  einem  Gehalte 
von  2000  Thalern.  Die  Entlassung  von  seiner  bisherigen 
Stelle  brachte  noch  eine  Verzögerung,  so  dass  Wolff  erst 
am  30.  November  1740  Marburg  verliess  und  am  6.  December 
^in  Halle  eintraf.  Mit  den  lebhaftesten  Beweisen  der  Dank- 
barkeit und  Verehiamg  wurde  er  aus  seinem  bisherigen 
Wirkungskreis  entlassen,  mit  fürstlichen  Ehren  in  dem  neuen 
empfangen.  Und  diese  Ehrenrettung  der  Philosophie  ver- 
diente es,  dass  sie  so  gefeiert  wurde.  Wolff  selbst  zwar  machte 
bald  die  Erfahrung,  dass  es  dem  zweiundsechzigjährigen  nicht 
möglich  sei,  für  seine  akademische  Wirksamkeit  sich  mit 
alternden  Kräften  den  Boden  zurückzuerobern,  von  dem  rohe 
Gewalt  den  funfundvierzigjährigen  verdrängt  hatte;  und  aller 
Kuhm  und  alle  Ehren,  die  noch  14  Jahre  lang  sein  Haupt 
schmückten,  konnten  ihn  für  das  schmerzliche  dieser  Er- 
fahrung nicht  entschädigen.  Aber  für  die  Sache  der  Philo- 
sophie war  Wolff's  Rückkehr  nach  Halle  ein  glänzender 
Triumph,  und  den  Mächtigen  der  Erde  kann  sie  zur  augen- 
fälligen Bestätigung  der  Wahrheit  dienen,  die  sich  immer 
auf's  neue  bewährt,   und  immer  auf's  neue  verkannt  wird: 


152  WolfF's  Vertreibung  aus  Halle. 

dass  es  nichts  hilft,  den  Bedürfoissen  der  Zweiten  und  der 
Völker  sich  gewaltsam  entgegenzustemmen ,  dass  das  irrige 
und  verkehrte,  an  dem  es  freilich  auch  auf  dem  wissen- 
schaftlichen Gebiete  nie  fehlen  wird,  nur  durch  die  bessere 
Einsicht  selbst,  nicht  durch  Lehrverbote,  Verfolgimg  und 
Zurücksetzung  widerlegt  wird,  und  dass  der  Geist  der  Ge- 
schichte noch  immer  die  Werkzeuge  gefunden  hat,  durch 
welche  er  alles,  was  in  der  rastlos  fortschreitenden  Ent- 
wickelung  der  Menschheit  begi*ündet  war,  unfehlbar  und  zur 
rechten  Zeit  durchsetzte. 


7. 

• 

Johann  Gottlieb  Fichte  als  Politiker. 


Die  Geschiehte  der  letzten  Jahrhunderte  ist  verhältniss- 
mässig  arm  an  Männern  von  jener  Art,  me  sie  das  klassische 
Alterthnm  immerhin  weit  häufiger  aufisuweisen  hat :  an  wissen- 
schaftlichen Grössen,  welche  zugleich  durch  die  Kraft  und 
Tüchtigkeit  ihres  Charakters  eine  hervorragende  Stellung  ein- 
nehmen und  auf  weitere  Kreise  nachhaltig  eingewirkt  haben; 
und  es  gilt  diess  von  dem  deutschen  so  sehr  als  von  irgend 
einem  unter  den  grossen  neueren  Kulturvölkern.  In  den 
Helden  der  Reformation  freilich  haben  wir  die  tiefste  Ver- 
schmelzung deutschen  Geistes  mit  deutscher  Gemüths-  und 
Willenskraft  zu  bewundem;  aber  durchgehen  wir  die  Reihen 
der  nachfolgenden  Gelehrten,  Theologen  und  Philosophen,  wie 
wenige  sind  doch  darunter,  aus  deren  Leben  und  Schriften 
uns  das  Bild  einer  über  das  gewöhnliche  Mass  hinausreichen- 
den Persönlichkeit,  eines  grossartigen  praktischen  Wirkens 
entgegenträte !  Rechtschafifenheit,  Redlichkeit,  Ehrenhaftigkeit 
finden  wir  bei  der  Mehi*zahl  wenigstens  von  denen,  welche 
nicht  blos  für  gelehrte  Handwerker,  sondern  ftlr  wirkliche 
Meister  und  Vertreter  der  deutschen  Wissenschaft  gelten 
können;  persönliche  Liebenswürdigkeit,  ächte  Humanität,  alle 
Tugenden  des  Privatlebens  bei  vielen;  nicht  selten  endlich 
eine  bewunderungswürdige  Unverdrossenheit  und  Ausdauer, 
eine  Hingebung  an  den  inneren  Beruf,  die  sich  durch  keine 


l54  Johann  Gottlieb  FichJ;e 

Schwierigkeiten  und  Entbehrungen  zurückschrecken  lässt,  eine 
muthige,  rücksichtslose  Wahrheitsliebe,  kurz  alle  die  Charakter- 
eigenschaften,  welche  der  wissenschaftlichen  Thätigkeit  un- 
mittelbar zu  gute  kommen  und  ihre  Erfolge  bedingen.  Nur 
Eines  fehlt  den  meisten:  der  frische  Blick  in  das  Leben,  der 
Sinn  für  praktisches  Wirken,  jene  Energie  des  sittlichen  Trie- 
bes, welche  sich  nie  beim  blossen  Wissen  beruhigt,  für  welche 
sich  jede  Erkenntniss  unmittelbar  in  einen  Grundsatz  und 
jeder  Grundsatz  in  ein  Wollen  umsetzt.  Dieser  Mangel  ist 
allerdings  theÜs  aus  den  allgemeinen  Verhältnissen  der  neueren 
Zeit  theils  aus  den  besonderen  unseres  Volkes  wohl  zu  be- 
gi-eifen :  denn  je  reicher  die  theoretische  Thätigkeit  sich  ent- 
wickelt, je  vollständiger  nicht  nur .  die  Wissenschaft  überhaupt, 
sondern  irgend  ein  Bruchtheil  der  Wissenschaft  die  Kraft  de» 
Einzelnen  in  Anspruch  nimmt,  um  so  schwerer  lässt  sich  die 
Einseitigkeit  des  blossen  Gelehrten  vermeiden ;  und  je  weniger 
(wie  diess  bei  uns  bis  vor  kurzem  der  Fall  war)  die  staatlichen 
Zustände  eines  Volkes  zur  Betheiligung  an  dem  Gemeinleben 
Aufforderung  und  Gelegenheit  bieten,  um  so  sicherer  wird  in 
den  meisten  die  Fähigkeit  und  der  Trieb,  in's  grosse  zu  wirken, 
verkümmern,  und  statt  der  politischen  Tugend,  die  in  einem 
lebensvollen  Gemeinwesen  jedem  tüchtigen  Menschen  sich 
ebenso  naturgemäss  anbildet,  wie  die  Sprache  und  Sitte  seines 
Volkes,  wird  auch  den  Besten  in  der  Regel  nur  jene  Lauter- 
keit und  BechtschajSfenheit  des  persönlichen  Charakters  möglich 
sein,  welche  an  sich  selbst  freilich  unschätzbar  ist  und  die 
innere  Wurzel  jedes  sittlich  gesunden  Volkslebens  bildet, 
welche  aber  doch  nie  wirklich  ersetzen  kann,  was  dem  Volks- 
ganzen an  politischer  Grösse,  und  jedem  Einzelnen  an  der  aus 
ihr  hervorquellenden  Kräftigung  abgeht.  Nur  um  so  mehr 
verdienen  aber  diejenigen  unseren  Dank  und  unsere  Bewim- 
derung,  welche  durch  ihr  Beispiel  gezeigt  haben,  dass  dieser 
Bann  sich  durchbrechen  lässt,  und  dass  die  durchschlagendste 
Kraft  des  sittlichen  Wollens  mit  einer  gleich  hohen  Kraft  des 
wissenschaftlichen  Denkens,  eine  die  andere  tragend,  in  Einem 
und  demselben  Geiste  zusammen  sein  kann;  und  selbst  wenn 


als  Politiker.  15& 

sich  daran  die  weitere  Bemerkung  anknüpfen  sollte,  dass  in 
einer  solchen  Vereinigung  jede  von  beiden  Eigenschaften  auch 
an  den  Einseitigkeiten  und  Schroffheiten  der  anderen  ntrtur- 
gemäss  theilnehme,  würde  uns  diess  an  der  Bedeutung  der 
Männer,  in  denen  sie  uns  zur  Anschauung  kommt,  nicht  irre 
machen  dürfen. 

Diese  Verbindung  wissenschaftlicher  und  sittlicher  Grösse 
und  der  dadurch  bedingte  allseitig  anregende,  den  Willen  und 
den  Verstand  mit  überlegener  Kraft  beheiTSchonde  Einflus» 
auf  seine  Umgebung  ist  es  nun  gerade,  wodurch  Johann 
Gottlieb  Fichte  als  eine  so  eigenthümliche  und  fast  ein- 
zige Erscheinung  unter  den  deutschen  Gelehrten  dasteht  Er 
selbst  hat  seinen  Namen  zunächst  in  die  Geschichte  der  Phi- 
losophie mit  unvertilgbaren  Zügen  eingeschrieben;  und  der 
Gelehrte  wird  immer  zuerst  an  diese  Seite  seiner  Leistungen 
denken,  wenn  von  Fichte  die  Jlede  ist.  Aber  für  seine  Zeit 
noch  viel  wichtiger  und  an  unmittelbarer  Wirkung  auf  das 
Ganze  noch  weit  ergiebiger  war  die  Thätigkeit,  dui'ch  welche 
er  sich  an  dem  sittlichen  und  politischen  Leben  unseres  Vol- 
kes, an  der  Kräftigung  des  Naüonalgeistes ,  an  der  Erhebung 
Deutschlands  aus  tiefem  Falle  betheiligt  hat,  und  vielleicht 
noch  anziehender,  als  für  den  Philosophen  der  Denker,  ist 
für  den  Menschenkenner  der  Mann,  für  welchen  seine  Wissen- 
schaft selbst  nur  der  Ausdruck  und  der  geistige  Bückhalt 
eines  Charakters  war,  den  wir  den  besten  aller  Zeiten  unbe- 
denklich an  die  Seite  setzen  dürfen.  Es  ist  eine  lohnende 
Aufgabe,  diesen  Charakter  in  der  Einheit  seines  Wesens  dar- 
zustellen, in  der  Grundrichtung  und  in  den  Umwandlungen 
sdner  philosophischen  Ueberzeugung ,  in  seinen  politischen, 
socialen  und  religiösen  Bestrebungen,  in  seinem  öffentlichen 
und  seinem  Privatleben  uns  die  Entwicklung  und  Erscheinung 
Einer  und  derselben  in  Einem  Gusse  geformten  Persönlichkeit 
zu  schildei-n.  Die  nachstehenden  Blätter  jedoch  beabsichtigen 
nur  einen  Beitrag  für  eine  solche  umfassendere  Arbeit,  indem 
sie  Fichte's  politische  Theorie  nach  ihren  verschiedenen  Phasen 


156  Johann  Gottiieb  Fichte 

in  ihrem  Zusammenhang  mit  dem  Ganzen  seiner  Philosophie 
übersichtlich  darzustellen  versuchen. 

•Werfen  wir  zuerst  einen  raschen  Blick  auf  den  Mann 
selbst  und  auf  die  Zeit,  die  ihn  hervorgebracht  hat.  Die 
Natur  hatte  Fichte,  nach  allem,  was  wir  von  ihm  wissen,  zwar 
nicht  mit  sehr  glänzenden,  aber  mit  höchst  tüchtigen  Anlagen 
ausgestattet,  und  die  ersten  Umgebungen  seiner  Kindheit  hatten 
ihre  naturgemässe  Entwicklung  begünstigt.  Schon  als  Knabe 
zeichnete  er  sich  durch  einen  lebendigen  Geist,  eine  unge- 
wöhnliche Auffassungskraft,  ein  vortreffliches  Gedächtniss,  einen 
scharfen  und  klaren  Verstand  aus.  Frühe  äusserte  sich  bei 
ihm  die  Neigung  zu  einsamem  Nachsinnen  und  in  sich  gekehlter 
Selbstbetrachtung.  Ein  offener  und  gerader,  einfacher  und 
genügsamer  Sinn,  ein  kräftig  und  fest  angelegter  Wille,  ein 
redliches  frommes  Gemüth  war  die  Ausrüstung,  mit  welcher 
ihn  das  väterliche  Haus  zum  Gang  durch's  Leben  entliess. 
Wechselnde  Schicksale  zdtigten  seinen  Charakter;  Noth  und 
Entbehrung,  die  Schule  tüchtiger  Männer,  blieb  dem  unbe- 
mittelten Sohn  eines  Dorfhandwerkers  nicht  erspart;  er  lernte 
bei  Zeiten  seine  Ueberzeugung  sich  selbst  suchen,  standhaft 
für  sie  eintreten,  um  ihretwillen  Zurücksetzung  erdulden.  In 
dieser  Kunst  hat  ihn  auch  sein  späteres  Leben  immer  wieder 
geübt :  als  er  seine  Stelle  in  Jena  daransetzte  um  seiner  wissen- 
schaftlichen Unabhängigkeit  nichts  zu  vergeben,  als  er  in  der 
Folge  zu  Berlin  mitten  unter  den  feindlichen  Waffen  seine 
begeisternden  Beden  an  die  deutsche  Nation  hielt,  da  hatte 
der  Mann  nur  zu  bewähren,  was  der  Jüngling  gelernt  hatte. 
Auch  sein  Studium  diente  ihm,  wie  es  soll,  zur  Bildung  des 
Willens  nicht  minder,  als  des  Vei-standes:  durch  die  Klarheit 
seines  Erkennens  wollte  er  die  Kraft  und  die  folgerichtige 
Sicherheit  des  Handelns  erringen;  das  Theoretische  und  das 
Praktische  war  ihm  in  seinem  tiefsten  Grund  Ein  und  dasselbe, 
und  er  wusste  sich  keinen  wahrhaften  Fortschritt  nach  der 
einen  Seite  ohne  den  entsprechenden  auf  der  andern  zu  denken. 
Das  letzte  Ziel  seines  Strebens  ist  die  sittliche  Befreiung  des 
Menschen  durch  die  Wahrheit.     Auf.  die  Macht  der  Wahrheit 


als  Politiker.  157 

vertraut  er  unbedingt;  wo  nur  die  rechte  Erkenntniss  sei^ 
glaubt  er,  da  mttsse  das  richtige  Handeln  sich  nothwendig  von 
selbst  einstellen;  und  wie  er  es  als  die  erste  Bedingung  aller 
ächten  Sittlichkeit  betrachtet,  dass  der  Mensch  sich  der  Wahr- 
heit ohne  Winkelzüge  und  Vorbehalt  hingebe,  so  ist  ihm 
andererseits  die  Wahrheit  nicht  blos  eine  Sache  des  Yerstandes^ 
oder  gar  des  Gedächtnisses,  sondern  eine  belebende  Kraft,. 
welche  man  sich  nur  in  der  lebendigsten  Selbstthätigkeit  an- 
eignen, nui-  in  unausgesetzter  sittlicher  Arbeit  bewahren  kann. 
Nichts  weiss  er  sich  weniger  zu  denken,  als  einen  müssigen 
Besitz  des  Wissens,  oder  eine  solche  Ueberlieferung  desselben^ 
bei  der  es  als  ein  fertiges  von  Hand  zu  Hand  gienge :  der  Mensch 
besitzt  nach  ihm  die  Wahrheit  nur,  indem  er  sie  sucht,  indem 
er  sie  immer  neu  aus  sich  erzeugt,  und  wenn  es  möglich  wäre, 
beides  zu  trennen,  so  würde  er,  wie  Lessing,  das  Suchen  ohne 
Besitz  einem  Besitz  ohne  fortwährendes  Suchen  unbedingt  vor- 
ziehen. Auf  dieser  geistigen  Lebendigkeit  vor  allem  beruht 
der  ausserordentliche  Erfqjg,  welchen  Fichte  als  Lehrer  gehabt 
hat:  er  will  sein  Wissen  nicht  als  eine  ausgeprägte  Münze 
weiter  geben,  sondern  in  seiner  Bede  selbst  neu  erzeugen; 
seine  Vorträge  sind  nicht  Monologe,  denen  man  zuhören  kann,, 
oder  nicht,  sondern  ein  fortwährendes  Zwiegespräch  des  Philo- 
sophen mit  sich  selbst,  in  welches  er  den  Zuhörer  unwillkühr- 
lieh  mit  hereinzieht;  dieser  soll  nicht  die  Resultate  der 
Forschung  in  gutem  Glauben  von  dem  Lehrer  annehmen,  son- 
dern die  Kunst  des  Forschens  gemeinschaftlich  mit  ihm  üben 
und  lernen,  er  soll  in  die  Werkstätte  seiner  Gedanken  hinein- 
sehen, und  die  Arbeit  des  Meisters  in  geistiger  Selbstthätigkeit 
nachbilden.  Und  weil  so  sein  Erkennen  ein  lebendiges  ist,, 
sa  ist  es  auch  immer  auf's  Leben  bezogen ;  denn  ein  Wissen, 
welches  nur  in  kräftigem  Wollen  ergriffen  und  behauptet 
werden  kann,  wird  sich,  seinem  natürlichen  Zug  folgend,  immer 
dem  Gebiete  der  Willensthätigkeit  mit  Vorliebe  zuwenden.. 
Wer  es  daher  nicht  vorher  wüsste,  dem  würde  schon  Fichte's 
wissenschaftlicher  und  persönlicher  Charakter  dafür  bürgen,, 
dass  er  die  Fragen  des. Rechts  und  des  Staatslebens  nicht 


158  Johann  Gotüieb  Fichte 

iremaehlässigt ,  und  dass  er  auch  auf  diesem  Felde  den  lei- 
tenden Gedanken  seines  Lebens,  die  Idee  der  sittlichen  Freiheit, 
durchgeflüirt  haben  werde.  Auch  das  aber  könnte  ein  solcher, 
falls  am  die  Eigenthümlichkeit  des  Philosophen  näher  b^annt 
wäre,  zum  voraus  vermuthen,  dass  es  bei  diesem  Bestreben 
nicht  ohne  manche  Schroffheit  und  Härte,  nicht  ohne  befrem- 
dende Paradoxieen,  nicht  ohne  die  Gewaltsamkeit  des  Idealisten 
abgegangen  sei,  der  die  Wirklichkeit  seinen  Gedanken  unter- 
werfen, nicht  diese  von  jener  empfangen  will.  Was  von  allen 
Dingen  das  schwerste  ist,  die  Entschiedenheit  der  eigenen 
Ueberzeugung  mit  der  Anerkennung  einer  fremden,  die  Festig- 
keit der  Ginmdsätze  mit  der  Berücksichtigung  der  Verhältnisse, 
die  Idealität  des  Philosophen  mit  dem  praktischen  Blicke  des 
Weltmanns  in's  Gleichgewicht  zu  setzen,  das  musste  einem 
Charakter,  wie  Fichte,  doppelt  schwer  werden.  Sein  Vertrauen 
zu  seiner  Wissenschaft  ist  nicht  frei  von  Selbstüberhebung, 
seine  Kühnheit  überspringt  nicht  selten  die  Schranken,  welche 
Natur  und  Geschichte  der  Macht  des  Menschen  gesetzt  haben ; 
weil  er  nur  die  Wahrheit  zu  suchen  sich  bewusst  ist,  so  zwei- 
felt er  auch  nicht,  dass  das,  was  er  findet,  unumstösslich  wahr 
sei,  dass  alle  denkenden  Menschen  zu  seiner  Anerkennung  ge- 
zwungen werden  können;  er  fragt  nicht  nach  der  Möglichkeit 
dessen,  was  ihm  gut  und  zweckmässig  scheint,  sondern  er  f  o  r- 
dert  sie;  er  schliessf:  diess  ist  nothwendig,  also  muss  es 
irgend  einmal  wirklich  werden,  diess  ist  von  uns  als  noth- 
wendig erkannt,  also  müssen  wir  an  seine  Verwirklichung 
alles  setzen.  Für  eine  Zeit,  die  aus  der  Erschlaffung  heraus- 
gerissen werden  muss,  die  zu  einem  Verzweiflungskampf  um 
die  höchsten  Güter  Antriebe  und  Kraft  braucht,  für  eine 
solche  Zeit  sind  so  rücksichtslose,  nicht  rechts  noch  links 
blickende  Charaktere  unbezahlbar,  wie  sie  ihrerseits  umge- 
kehrt dieser  Zeit  bedürfen,  um  ihre  ganze  Grösse  zu  ent- 
falten; mit  der  ungestümen  Kraft  ein  gleiches  Mass  abwägender 
Besonnenheit,  mit  der  Kühnheit  des  Idealisten  die  Umsicht 
des  Staatsmanns  zu  verbinden,  ist  nur  wenigen  Lieblingen  der 
Gottheit  verliehen. 


als  Politiker.  159 

Dem  Charakter,  den  wir  soeben  geschildert  haben,  brachte 
nun  seine  Zeit  die  ergiebigsten  StofiFe,  die  fruchtbarsten  An- 
regungen entgegen.  Fichte's  Jugend  fällt  in  den  Zeitraum, 
welchen  für  Deutschland  Friedrich  der  Grosse  und  Joseph  IL 
bezeichnen.  Klopstock  stand  damals  auf  dem  Gipfel  seines 
Ruhmes,  Herder  imd  Goethe  traten  ihm  eben  zur  Seite;  an 
Lessing's  Kämpfen  für  die  Geistesfreiheit  hat  sich  in  Fichte 
der  verwandte  Sinn  zuerst  entzündet.  Während  er  in  Jena 
Theologie  studirte,  lehrte  in  Halle  Semler,  das  Haupt  der 
kritischen  Schule.  Um  dieselbe  Zeit  (1781)  liess  Kant  das 
Werk  ausgehen,  welches  der  Philosophie  eine  neue  Gestalt  zu 
geben  bestimmt  war:  die  Kritik  der  reinen  Vernunft.  In  dem 
gleichen  Jahi*e  kündigte  Schiller  in  den  Räubern  der  Welt 
das  neue  Gestirn  an,  welches  zunächst  wie  ein  drohender 
Komet  am  deutschen  Dichterhimmel  aufetieg.  In  Fichte's 
Geburtsjahr,  1762,  war  Rousseau's  „Gesellschaftsvertrag'',  diese 
Weissagung  der  französischen  Revolution,  erschienen.  Als  er 
12  Jahre  alt  war,  begann,  als  er  21  zählte,  endigte  der  nord- 
amerikanische Unabhängigkeitskrieg.  Sein  männliches  Alter 
fällt  in  die  Jahre  zwischen  dem  Anfang  der  Staatsumwälzung 
in  Frankreich  und  den  deutschen  Befreiungskämpfen.  Es  be< 
darf  nur  eines  flüchtigen  Blickes  auf  diese  Daten,  um  uns  die 
Zeit  zu  vergegenwärtigen,  aus  der  Fichte  hervorgieng,  dieses 
vorwärts  drängende  freiheitsdurstige  Geschlecht,  mit  seinem 
Misstrauen  gegen  alle  Ueberlieferungen  und  Auktoritäten,  mit 
seinem  Eifer  für  Aufklärung,  Weltverbesserung  und  Menschen* 
beglückung,  mit  seinen  kühnen  Entwürfen  und  seinen  erbärm- 
lichen Zuständen,  mit  seinem  redlichen  und  ernsten,  oft  aber 
auch  so  unerfahi*enen  und  nebelhaften  Enthusiasmus,  mit  den 
seltenen,  in  solcher  Vereinigung  nie  dagewesenen  Kräften, 
über  die  es  zu  verfügen,  den  grossen  Aufgaben,  die  es  zu 
lösen,  den  ungemeinen  Hindernissen,  die  es  zu  überwinden 
hatte. 

Für  eine  Natur,  wie  Fichte,  verstand  es  sich  von  selbst, 
dass  er  sich  in  einer  solchen  Zeit  nur  auf  die  Seite  des  ent- 
schiedensten Fortschritts  stellen  konnte.    Aber  weil  er  nicht 


/" 


160  Johann  Gottlieb  Fichte 

blos  ein  freier,  sondern  zugleich  ein  wissenschaftlicher  Kopf 
war,  so  war  es  nicht  minder  nothwendig  für  ihn,  dass  er  den 
Fortschritt  und  die  Freiheit  zunächst  in  der  Wissenschaft,  in 
der  Philosophie  suchte.  Ihr  warf  er  sich  mit  Zurücksetzung 
seiner  theologischen  Fachstudien  in  die  Arme.  Aber  auch 
hier  war  es  immer  nur  das  grosse  und  durchgreifende,  was 
ihn  anzog.  Der  erste  Fühi-er,  dessen  Leitung  er  sich  über- 
liess,  war  Spinoza.  Das  festgefugte,  in  grossem  Sinn  entworfene 
System  dieses  Denkers  (dessen  Lehren  er  sich  aber  doch  nur 
mit  gewissen,  ihm  von  Lessing  und  Leibniz  an  die  Hand 
gegebenen  Modificationen  anzueignen  wusste),  musste  seinem 
klaren,  nach  Einheit  und  Folgerichtigkeit  strebenden  Geiste 
zusagen;  die  Rücksichtslosigkeit,  mit  der  jener  das  Einzel- 
wesen dem  Ganzen  zum  Opfer  brachte,  stimmte  zu  der  Ge- 
diegenheit und  Ganzheit  seines  eigenen  Wesens;  die  uneigen- 
nützige Hingebung  des  jüdischen  Philosophen  an  die  Gottheit, 
die  klassische  Selbstlosigkeit  seines  Denkens,  die  hohe  Reinheit 
seiner  Moral  musste  für  ihn  einnehmen.  Und  die  Spuren 
dieses  Einflusses  lassen  sich  auch  später,  und  in  allen  Wen- 
dungen der  fichte'schen  Lehre,  deutlich  erkennen.  Aber  Eines 
fehlte  ihm  bei  Spinoza,  dessen  er  vor  allem  bedurfte:  die 
Freiheit.  In  jenem  pantheistischen  Systeme,  wo  sich  alles 
mit  mathematischer  Nothwendigkeit  aus  Eiöem  obersten  Grund 
entwickeln  soll,  fand  die  freie  Selbstbestimmung  keinen  Raum. 
So  Hess  Spinoza  eines  seiner  tiefsten  Bedürfhisse  unbefriedigt. 
Eben  diesem  Bedürihiss  kam  aber  die  Lehre  auf's  voUstän-^ 
digste  entgegen,  welche  damals  von  Königsberg  aus  ihren 
Eroberungszug  durch  die  wissenschaftliche  Welt  begann,  die 
kantische  Philosophie.  Und  nicht  allein  dieses:  Kant  hatte 
alle  Standpunkte  und  Ergebnisse  der  philosophischen  Ent- 
wicklung seit  einem  Jahrhundert  mit  genialem  Geiste  zusam^ 
mengefasst,  um  sie  durch  einander  theils  zu  ergänzen  theils 
zu  vernichten;  er  hatte  eine  radikale  Umwälzung  des  philo- 
sophischen Bewusstseins  nicht  blos  gefordert,  sondern  in  gründ- 
licher, durch  langjährige  Gedankenarbeit  gereifter  Forschung: 
vollzogen;  und  indem  er  so  aus  der  bisherigen  Philosophie  das 


als  Politiker.  161 

Resultat  zog,  und  sie  eben  dadurch  auf  einen  neuen  Stand- 
punkt erhob,  stellte  er  zugleich  allen  Bedüi-ßiissen  und  Be- 
strebungen seiner  Zeitgenossen,  ihrem  ganzen  Neueioings-  und 
Verbesserungsdrange,  die  vollständigste  wissenschaftliche  Be- 
friedigung in  Aussicht.  Die  Herrschaft  seines  Systems  konnte 
in  jener  Zeit  nicht  ausbleiben,  weil  dieses  Systenr  eben  nur 
in  Gedankenfoim  aussprach,  was  die  Zeit  selbst  im  inneraten 
bewegte.  Das  Losungswort  der  Zeit  war  die  Aufklärung: 
der  Mensch  soll  nichts  für  wahr  halten,  von  dessen  Wahrheit 
er  sich  nicht  durch  eigene  Prüfung  überzeugt  hat.  Das  gleiche 
verlangt  Kant  in  der  gründlichsten  Weise  für  die  Philosophie : 
wir  sollen  keine  Vorstellung  annehmen,  deren  Ursprung  wir 
nicht  geprüft,  wir  sollen  den  Aussprüchen  unserer  eigenen 
Vernunft  keinen  Glauben  schenken,  ehe  wir  die  Natur  unseres 
Erkenntnissvermögens  untersucht,  seine  Tragweite  und  seine 
Grenzen  festgestellt  haben.  Der  Drang  der  Zeit  gieng  auf 
freie  Selbstbestimmung  in  allen  Gebieten :  keine  wissenschaft- 
liche, religiöse  oder  poütische  Auktorität  sollte  anerkannt 
werden,  ehe  der  Anerkennende  selbst  ihr  die  Vollmacht  aus- 
gestellt hatte,  keine  Ordnung  geduldet,  welche  die  Gesellschaft 
sich  nicht  frei  gegeben  hatte.  Kant  sagt  uns,  dass  eben  dieses 
das  allgemeinste  Gesetz  unserer  Natur  sei;  dass  alles,  was  in 
unser  Bewusstsein  eintritt,  die  ganze  Erscheinungswelt,  nur 
durch  uns  selbst,  durch  die  eigene  Thätigkeit  des  anschauenden 
und  begreifenden  Geistes  die  Gestalt  erhalte,  in  der  es  sich 
uns  darstellt.  Die  Zeit  begehrte  ein  klares ,  begreifliches, 
praktisch  nutzbares  Wissen,  sie  wollte  von  unverstandenen 
Dogmen,  von  einer  unfruchtbaren  Metaphysik  nichts  hören. 
Kant  leistete  ihi-  den  Dienst,  diesen  Hang  theoretisch  zu  recht- 
fertigen;  alle  Metaphysik,  erklärte  er,  ist  Träumerei,  alle 
angeblichen  Belehrungen  über  die  übersinnliche  Welt  sind  eine 
Täuschung ;  unser  Wissen  erhält  seinen  Inhalt  nur  aus  der 
Erfahrung,  die  Erfahrung  aber  beruht  auf  der  Wahraehmung» 
und  wahrnehmen  können  wir  nur*  in  den  Formen ,  an  welche 
die  Natur  unser  Wahrnehmungsvermögen  geknüpft  hat:  die 
Dinge  sind  uns  immer  nur  in  sinnlicher  Fonn,   nur  als  Er- 

Zeller,  Vorträge  and  Abhandl.  W 


162  Johann  Gottiieb  Fichte 

scheinungen  gegeben,  von  dem  Ding  an  sich  können  wir  nichts 
wissei^.  Der  Ruf  der  Zeit  galt  der' Freiheit.  Kant  erkannte 
im  frefien  Willen  das  eigentliche  Wesen  des  Menschen,  das 
einzige,  was  ihm  die  übersinnliche  Welt  aufschliesse,  was  ihm 
das  Dasein  eines  Gottes  und  die  Fortdauer  nach  dem  Tode 
verbürge;  nach  allgemein  gültigen  Freiheitsgesetzen,  nicht 
nach  sinnlichen  Antrieben  zu  handeln,  aus  seiner  Vernunft 
heraus  sich  selbst  zu  bestinmien,  nicht  von  der  Naturgewalt 
der  niederen  Triebe  sich  bestimmen  zu  lassen,  darin  besteht 
nach  ihm  einzig  und  allein  seine  Aufgabe  und  seine  Würde. 
Es  begi-eift  sich,  wenn  ein  solches  System  einen  Fichte  so 
gewaltig  ergriflF,  dass  er  sich  ihm  bald  gänzlich  in  die  Arme 
warf;  und  auch  später  noch,  als  er  sich  in  mancher  Beziehung 
andere  Wege  gesucht  hatte  und  bei  seinen  Zeitgenossen  sogar 
in  den  Ruf  des  Mysticismus  gekommen  war,  hegte  er  gegen 
den  Urheber  desselben  eine  solche  Verehrung,  dass  er  in 
einer  Vorlesung  aus  seinem  letzten  Lebensjahr  (Werke  IV, 
570)  die  Weissagung  über  den  Geist,  der  in  alle  Wahrheit 
leite,  nach  seiner  keck  umdeutenden  Weise,  durch  keinen 
anderen  vollkommener,  als  durch  Kant,  erfüllt  findet.  Zugleich 
begreift  es  sich  aber  auch,  dass  Fichte  nicht  allzu  lange  bei 
Kant  stehen  blieb,  sondern  bald  eine  Vollendung  der  Philo- 
sophie suchte,  zu  welcher  Kant  den  Grund  gelegt  hatte.  Kant 
hatte  gezeigt,  dass  die  Dinge  uns  nur  so  erscheinen,  wie  sie 
uns  nach  der  Natur  unseres  Erkenntnissvermögens  erscheinen 
müssen;  aber  dass  es  wirklich  von  uns  verschiedene  Dinge 
seien,  die  uns  erscheinen,  dass  unseren  Vorstellungen  von  der 
Aussenwelt  etwas  reales  zu  Gninde  liege,  hatte  er  nicht  be- 
zweifelt. Aber  mit  welchem  Rechte,  fragt  Fichte,  sollen  wir 
diess  voraussetzen?  Wenn  wir  nicht  wissen  können,  was  die 
Dinge  an  sich,  ausser  unserer  Vorstellung,  sind,  woher  können 
wir  wissen,  dass  solche  Dinge  an  sich  sind?  Gegeben  sind 
uns  nur  unsere  Vorstellungen,  d.  h.  nur  gewisse  Bestimmungen 
unseres  Bewusstseins ;  wie  sollen  wir  von  diesem  rein  inner- 
lichen zu  einem  äusseren,  einer  von  unserem  Vorstellen  unab- 
hängigen Welt  kommen,  wie  könnte  uns  eine  solche  ihr  Dasein 


r . 


als  Politiker. 


163 


beweisen?  Sie  beweise  es  uns,  hatte  Kant  gesagt,  durch  die 
Thatsache,  dass  sich  unsere  Wahrnehmungen  uns  unwillkühr- 
lich,  als  ein  gegebenes,  aufdi-ängen.  Allein  diese  Thatsache, 
antwortet  Fichte,  erlaubt  auch  eine  andere  Erklärung.  Warum 
könnte  nicht  die  Nothwendigkeit ,  welche  jene  Vorstellungen 
uns  aufdrängt,  welche  sie  uns  als  ein  gegebenes  erscheinen 
lässt,  in  unserer  eigenen  Natur  liegen?  Ja  muss  sie  nicht 
in  ihr  und  in  ihr  allein  liegen,  wenn  die  Gmndeigenthümlich- 
keit  unseres  Wesens,  die  Selbstbestimmung  und  Selbstthätigkeit, 
gewahrt  sein  soll?  Kann  etwas  in  uns  und  für  uns  sein, 
was  nicht  durch  ims  gesetzt  wäre?  Wagen  wir  also  den 
letzten  vollendenden  Schritt,  lassen  wir  die  Voraussetzung  eines 
von  uns  selbst  verschiedenen  Dinges  ganz  fallen,  begreifen 
wir  alle  unsere  Vorstellungen  als  Erzeugnisse  unseres  eigenen 
Geistes,  erkennen  wir  in  allem  Wirklichen  nur  die  Ei*scheinung 
des  Ich,  welches  die  Dinge  als  die  Bedingung  seines  Selbst- 
bewusstseins  selbst  hervorbringt,  eben  desshalb  aber  mit  seiner 
unendlichen  schöpferischen  Kraft  über  alles  Gegebene  über- 
gi*ei{t,  und  sich  in  freiem  sittlichem  Handeln  als  die  Macht 
über  die  Dinge  bethätigt.  Durch  solche  Gedanken  wurde  der 
kantische  Kriticismus  von  Fichte  überschritten  und  zu  einem 
kühnen  und  schroffen  Idealismus  fortgebildet,  —  so  kühn  und 
schroff,  dass  er  selbst  es  auf  dieser  kahlen  Höhe  nicht  für 
die  Dauer  aushielt,  ohne  zu  schwindeln.  Nachdem  er  jenen 
Idealismus  etwa  acht  Jahre  mit  der  vollen  Entschiedenheit 
seines  Wesens  vertreten  hatte,  begann  er  ihn  wesentlich  um- 
zugestalten. Hatte  er  bisher  ohne  genauere  Bestimmung  von 
dem  Ich  geredet,  welches  die  ganze  Welt  als  seine  Erschei- 
nung erzeuge,  so  fasste  er  jetzt  die  Frage  schärfer  in's  Auge, 
wie  sich  jenes  unendliche  Ich  zu  dem  „empirischen  Ich",-  zu 
der  Einzelpersönlichkeit  verhalte,  welche  in  einen  bestimmten 
Punkt  des  Raumes  und  der  Zeit  gestellt,  diese  Welt  als  Be- 
dingung ihres  eigenen  Daseins  vorfindet;  und  bald  überzeugte 
er  sich,  dass  jener  Grund  aller  Ei-scheinung  .nicht  Ich  zu 
nennen  sei,  dass  er  vielmehr  als  das  Urwesen,  oder  die  Gott- 
heit, dem  Gegensatz  von  Ich  und  Nichtich,  von  Subjekt  und 

11* 


164  Johann  GotÜieb  Fichte 

Objekt,  schlechthin  vorangehe^  Aber  wie  er  selbst  niemals 
zugegeben  hat,  dass  er  damit  seinem  früheren  Standpunkt 
untreu  geworden  sei,  so  ist  auch  wirklich  diese  Aenderung 
seines  Systems,  wenn  man  genauer  zusieht,  doch  nicht  so 
durchgreifend,  als  man  zunächst  glauben  möchte.  Denn  fort- 
während hielt  er  daran  fest,  dass  die  Aussen  weit  nur  im 
Wissen  und  für  das  Wissen  Realität  habe,  dass  der  religiösen 
und  philosophischen  Weltbetrachtung  Gott  allein  für  ein  Wirk- 
liches, alles  andere,  ausser  Gott,  in  seiner  Besonderheit  gar 
nicht  als  ein  Seiendes  gelten  könne ; .  womit  zwar  die  Gottheit 
an  die  Stelle  des  unendlichen  Ich  gesetzt,  aber  nach  wie  vor 
der  Eine  unendliche  Geist  für  das  einzig  reale  erklärt  war. 
Fortwährend  hatte  er  daher  auch  keinen  Sinn  für  die  Natur 
und  die  Naturforschung,  sondeni  als  die  einzige  wahrhafte 
Offenbarung  des  Ewigen  erschien  ihm  das  geistige  und  sitt- 
liche Leben  des  Menschen;  und  wenn  er  dieses  jetzt  auf  den 
Gedanken  der  Gottheit  und  die  religiöse  Hingebung  an  die 
Gottheit  gründen  will,  so  liegt  doch  auch  diess  von  seinen 
frühereu  Grundsätzen  nicht  so  weit  ab:  hier  und  dort  ist  die 
Forderung  doch  immer  die,  dass  der  Mensch  handle,  und  dass 
er  aus  der  Erkenntniss  seines  ewigen  Wesens  heraus  handle. 
Ich  durfte  diese  Auseinandei-setzung  über  Fichte's  philo- 
sophisches System  nicht  umgehen,  weil  erst  von  hier  aus  auf 
seine  politischen  Ideen  das  volle  Licht  fällt.  Ist  der  Geist 
die  schöpferische  Macht,  welche  die  Erscheinung  hervorbringt, 
so  muss  er  sich  als  solche  auch  in  der  äusseren  Erscheinung 
bewähren;  ist  die  freie  That  das  erste  und  letzte,  aus  dem 
selbst  die  Natur  stammt,  so  wird  noch  viel  mehr  verlangt 
werden  müssen,  dass  der  Mensch  seine  sittliche  Welt  mit 
Freiheit  sich  selbst  schaffe.  Die  Sittlichkeit  wird  auf  diesem 
Standpunkt  nicht  in  der  Zurückziehung  aus  der  Sinnenwelt 
gesucht  werden  können,  sondern  in  ihrer  Beherrschung  durch 
die  Freiheit;  das  sittliche  Streben  wird  sich  nicht  auf  das 
Innere  des  Menschen  beschränken,  in  der  sittlichen  Idee  wird 
unmittelbar  der  Trieb  liegen,  sich  auszubreiten  und  in  der 
Welt  durchzusetzen;    und  je  höher  nun  hier  die  Ansprüche 


* 


al3  Politiker.  165 

gespannt  sind,  je  weniger  ihnen  daher  die  Wirklichkeit  ent- 
spricht, um  so  stärker  wird  der  Reiz,  dieser  verkehrten  Welt 
die  wahre,  den  bestehenden  Zuständen  das  politische  Ideal 
entgegenzusetzen.  Ein  Philosoph,  wie  Fichte,  konnte  sich  der 
Politik  nicht  entschlagen ,  und  er  konnte  in  der  Politik  nur 
Idealist  sein. 

Dieser  Gegensatz  des  Ideals  gegen  die  Wirklichkeit  tritt 
uns  bei  Fichte  als  die  Triebfeder  seiner  schriftstellerischen 
Thätigkeit  auf  diesem  Felde  gleich  zu  Anfang  entgegen.  Seine 
zwei  ei-sten  politischen  Schriften*)  sind  Gelegenheitsschriften, 
und  ihr  Inhalt  ist  die  Forderung  und  Vertheidigung  politischer 
Reformen.  Durch  beide  geht  noch  etwas  von  dem  Geist,  in 
dem  Schiller  zwölf  Jahre  zuvor  seine  Räuber  geschrieben  hatte, 
etwas  von  dem  Tone  französischer  Gonventsreden.  Wie  es  in 
diesen  gewöhnlich  war,  gegen  die  „Tyrannen"  im  allgemeinen 
zu  donnern  —  und  Tyrann  hiess  ja  jeder  Regent  — ,  so  wirft 
Fichte  in  seiner  „Zurückforderung  der  Denkfreiheit"  die  Fürsten, 
als  ob  einer  nothwendig  sein  müsste,  wie  der  andere,  alle 
zusammen ,  um  über  alle  bald  mit  stürmischer  Leidenschaft, 
bald  im  Tone  der  schneidendsten  Geringschätzung  sich  zu 
ergehen.  „Nein,  ihr  Völker,  ruft  er  aus  (W,  W.  VI,  6),  alles 
alles  gebt  hin,  nur  nicht  die  Denkfreiheit.  Immer  gebt  eure 
Söhne  in  die  wilde  Schlacht,  um  sich  mit  Menschen  zu  würgen, 
die  sie  nie  beleidigten,  entreisst  euer  letztes  Stückchen  Brod 
dem  hungernden  Kinde  und  gebt  es  dem  Hunde  des  Günst- 
lings  —  gebt  alles  hin;  nur  dieses  vom  Himmel  abstammende. 
Palladium  der  Menschheit,  dieses  Unterpfand,  dass  ihr  noch 
ein  anderes  Loos  bevorstehe ,  als  dulden ,  tragen  und  zer- 
knirscht werden,  —  nur  dieses  behauptet."  Und  wenn  er 
unmittelbar  darauf  die  Miene  annimmt,  als  ob  er  die  Fürsten 


*)  Zurückforderung  der  Denkfreiheit  von  den  Fürsten  Europen's,  die 
sie  bisher  unterdrückten.  Eine  Rede.  Heliopolis,  im  letzten  Jahre  der 
alten  Finstemiss  (1793).  Beitrag  zur  Berichtigung  der  Urtheile  des  Publi- 
kums über  die  französische  Revolution  1793.    Beides  jetzt  im  6.  Band  von 

• 

Fichte's  Werken. 


166  Johann  Gottlieb  Fichte^. 

entschuldigen  wolle,  dass  sie  nicht  anders  sind,  so  lautet  diese 
Entschuldigung  verletzender,  als  die  heftigste  Anklage.  „Hasst 
eure  Fürsten  nicht,  sagt  er,  euch  selbst  solltet  ihr  hassen. 
Eine  der  ersten  Quellen  eures  Elendes  ist  die,  dass  ihr  von 
ihnen  und  ihren  Helfern  viel  zu  hohe  Begriffe  habt."  Wie 
weise  sie  sich  auch  in  ihrer  Politik,  dem  Erbstück  halbbar- 
barischer Jahrhunderte,  dünken  mögen:  „das  könnt  ihr  sicher 
glauben,  dass  sie  von  dem,  was  sie  wissen  sollten,  von  ihrer 
eigenen  wahren  Bestimmung,  von  Menschenwerth  und  Menschen- 
rechten, weniger  wissen,  als  der  ununterrichtetste  unter  euch". 
Woher  sollten  sie  es  auch  erfahren,  sie,  für  die  man  eine 
eigene,  von  der  allgemeinen  himmelweit  verschiedene  Wahi*- 
heit  hat,  „sie,  deren  Kopfe  man  von  Jugend  auf  mühsam 
die  allgemeine  Menschenform  nimmt,  und  ihm  diejenige  ein- 
presst,  in  welche  allein  eine  solche  Wahrheit  passt"?  „Wie 
sollten  sie,  wenn  sie  es  auch  erführen,  je  Kraft  haben,  es  zu 
begreifen?  sie,  deren  Geiste  man  künstlich  durch  eine  er- 
schlaffende Sittenlehre,  durch  frühe  Wollüste,  und  wenn  sie 
für  diese  verstimmt  sind,  durch  späten  Aberglauben  seine 
Schwungkraft  raubt."  „Man  ist  versucht,  fügt  er  mit  bitterem 
Hohn  bei,  ein  stets' fortdauerndes  Wunder  der  Fürsehung  an- 
zunehmen, wenn  man  in  der  Geschichte  doch  so  ungleich  mehr 
Mos  schwache  als  böse  Fürsten  antrifft;  und  ich  wenigstens 
rechne  den  Fürsten  alle  Laster,  die  sie  nicht  haben,  für 
Tugenden  an,  und  danke  ihnen  für  alles  das  Böse,  das  sie 
mir  nicht  thun."  Die  ungerechte  Allgemeinheit  und  über- 
treibende Herbheit  dieser  Anklagen  —  ungerecht  und  über- 
trieben selbst  in  den  damaligen  Zuständen,  welche  doch  mit 
unsern  jetzigen  keine  Vergleichung  aushalten  —  konnte  nicht 
glänzender  widerlegt  werden,  als  dadurch,  dass  ihr  Urheber 
unmittelbar  darauf  von  einem  deutschen  Fürsten  —  freilich 
einem  Karl  August  —  als  Professor  nach  Jena  berufen  wurde ; 
und  diese  Universität  hatte  den  hochherzigen  Schritt  ihres 
fürstlichen  Beschützers  nicht  zu  bereuen;  denn  Fichte  mehr, 
als  irgend  einem  anderen,  hätte  sie  es  zu  verdanken,  dass  sie 


als  Politiker.  167 

in  den  letzten  zwölf  Jahren  vor  der  unglückseligen  Schlacht 
auf  ihren  Höhen  ihre  höchste  Blüthe  erlebt  hat. 

Auch  dem  Philosophen  würde  man  aber  unrechtthun,  wenn 
man  ihn  nur  nach  solchen  einzelnen  Aeusserungen  beurtheilen 
wollte.  Schon  die  Schrift  über  die  französische  Revolution, 
so  wenig  es  an  vernichtend  scharfer  Polemik  darin  fehlt, 
trägt  doch  in  der  Hauptsache  das  Gepräge  einer  ruhigen 
wissenschaftlichen  Untersuchung;  es  handelt  sich  in  ihr  weit 
weniger  um  die  Vertheidigung  dessen,  was  geschehen  ist,  als 
iHn  die  Feststellung  der  Grundsätze,  nach  denen  in  jedem 
ähnlichen  Fall  geuiiheilt  werden  müsse.  Fichte  will  nach- 
weisen^ dass  ein  Volk  das  Becht  habe,  seine  Staatsverfassung 
zu  ändern,  und  sie  nöthigenfalls  auch  einseitig  zu  ändern; 
dass  der  Adel  sich  nicht  beklagen  könne,  wenn  man  ihm  seine 
Privilegien ,  die  Kirche ,  wenn  man  ihr  ihren  zeitlichen  Besitz 
nehme.  Für  diesen  ^weck  untersucht  er  das  Wesen  und  den 
Urspning  der  staatlichen  Vereinigung,  und  er  findet  dasselbe 
mit  Rousseau  in  dem  Gesellschaftsvertrag.  Jeder  Mensch  ist 
von  Natur  schlechthin  sein  eigener  Herr,  jede  Abhängigkeit 
von  andern  kann  sich  nur  auf  seine  freie  Einwilligung,  nur 
auf  einen  Vertrag  gründen.  Diesen  Standpunkt  hält  Fichte 
in  der  genannten  Schrift  mit  solcher  Ausschliesslichkeit  fest, 
dass  er  selbst  die  elterliche  Gewalt  nur  aus  einem  freiwilligen 
Akt  herzuleiten  weiss:,  das  Kind  gehört,  wie  er  meint  (a.  a. 
0.  W.  W.  VI,  139  flf.),  den  Eltern,  weil  sie  sich  seiner  zuerst 
bemächtigt  haben,  um  die  gemeinschaftlichen  Ansprüche  der 
Menschheit  an  dasselbe  und  ihre  Pflichten  gegen  dasselbe  zu 
übernehmen;  ja  es  würde,  wie  er  beifügt,  aus  demselben 
Grunde,  nach  dem  Rechte  der  ersten  Besitzergreifung,  der 
Geburtshelferin  gehören,  wenn  nicht  diese  nur  im  Auftrag  der 
Eltern  handelte.  Wenn  so  selbst  die  erste  und  natürlichste 
Verbindung  zwischen  Menschen  auf  eine  willkührliche  Hand- 
lung zurückgeführt  wird,  so  wird  diess  von  jeder  späteren  und 
künstlicheren  in  verstärktem  Mass  gelten  müssen:  der  Staat 
kann  nur  durch  einen  Vertrag  zu  Stande  kommen  und  niemand 
ist  ihm  gegenüber  zu  etwas  verbunden,  wozu  er  sich  nicht 


I 


168  Johann  Gottlieb  Fichte 

durch  einen  Vertrag  verbinden  kann.  Jeder  Vertrag  kann 
aber,  wie  Fichte  damals  noch  irriger  Weise  annahm,  nicht 
blos  durch  Uebereinkunft  der  Partheien,  sondern  auch  einseitig 
von  einer  derselben  aufgelöst  werden,  wenn  sie  nur  die  andere 
für  etwaige  Nachtheile  entschädigt ;  denn  da  er  nur  auf  ihrem 
übereinstimmenden  Willen  beruhe,  meint  der  Philosoph,  so 
höre  er  auf,  zu  existiren,  wenn  diese  Uebereinstimmung  aufhöre. 
Auch  der  Staatsvertrag  könne  mithin  von  jedem  Betheiligten 
in  jedem  beliebigen  Augenblicke  gekündigt  werden,  und  auf 
dieses  Recht  zu  verzichten,  einen  Staatsvertrag  und  eine  Ver- 
fassung für  unabänderlich  zu  erklären,  sei  rechtlich  unmöglich. 
Dem  Zweck  aller  staatlichen  Verbindung  würde  ein  solches 
Versprechen  ohnedem  schnurstracks  zuwider  laufen.  Denn 
dieser  Zweck  sei  in  letzter  Beziehung  kein  anderer,  als  die 
Kultur  zur  Freiheit;  ein  solcher  Zweck  vertrage  sich  aber  mit 
einer  unveränderlichen  Staatsverfassung  weder  dann,  wenn 
diese  Verfassung  selbst  ihn  verfolge,  noch  wenn  sie  ihn  ver- 
hindere. Im  letzteren  Fall  versteht  sich  diess  von  selbst ;  aber 
auch  im  ersteren  lässt  es  sich,  wie  Fichte  glaubt,  nachweisen. 
Denn  in  demselben  Mass,  wie  sich  die  Menschheit  der  wirk- 
lichen sittlichen  Freiheit  annäherte,  würde  die  staatliche  Für- 
sorge für  dieselbe  entbehrlich,  und  könnte  das  Ziel  je  völlig 
erreicht  werden,  so  wäre  kein  Staat  und  keine  Staatsverfassung 
mehr  nöthig.  Wie  man  daher  die  Sache  ansehen  mag:  Ver- 
fassungsänderungen, und  auch  einseitige  Verfassungsänderungen, 
sind  nicht  allein  zulässig,  sie  sind  selbst  nothwendig,  kein  Volk 
kann  darauf  verzichten,  weil  es  auf  seine  freie  Selbstbestim- 
mung, auf  seinen  Fortschritt  zur  Freiheit  nicht  verzichten 
kann,  und  hätte  eines  darauf  verzichtet,  so  wäre  dieser  Ver- 
zicht null  und  nichtig,  weil  er  unveräusserliche  Menschenrechte 
beträfe,  die  man  durch  keinen  Vertrag  aufgeben  oder  verlieren 
kann.  Wer  allerdings  mit  einer  Verfassungsänderung  nicht 
einverstanden  ist,  den  kann  man,  nach  Fichte's  eigenen  Grund- 
sätzen, nicht  zwingen,  dass  er  sich  ihr  unterwirft;  aber  eben- 
sowenig kann  er  die,  welche  sie  verlangen,  nöthigen,  sie  zu 
unterlassen ;  in  einem  solchen  Fall  bleibt  nur  übrig,  dass  jeder 


als  Politiker.  169 

von  beiden  Theilen  seinen  eigenen  Weg  gehe,  und  den  anderen 
auf  dem  seinigen  ungestört  lasse:  mögen  sich  die,  welche  in 
dem  alten  Staat  bleiben  wollen,  so  gut  sie  können,  darin  ein- 
richten, nur  sollen  sie  andere  nicht  hindern,  neben  ihrem  alt- 
väterischen  Schloss  ein  Staatsgebäude  nach  eigenem  Geschmack 
und  Bedürfioiss  aufzuführen.  Fichte  hat  an  diesem  Ausweg 
auch  noch  später,  in  seinem  Naturrecht,  festgehalten,  und  der 
Vertragstheorie  bleibt  wirklich  kein  anderer  übrig;  dass  el- 
aber  praktisch  möglich  sei,  dass  zwei  oder  mehrere  Staaten 
in  demselben  Räume  beisammen  sein  könnten,  ohne  sich  bei 
jeder  Bewegung  zu  stören  und  sich  schliesslich  zu  zerstören, 
diess  freilich  hat  Fichte  durch  die  Beispiele  von  angeblichen 
Staaten  im  Staat,  die  er  anführt  (a.  a.  0.  149  ff.),  der  Juden, 
des  Militärs,  des  Adels  und  des  Klerus,  entfernt  nicht  bewiesen. 
Die  Einseitigkeit  seiner  Voraussetzungen  bringt  sich  eben  hier 
in  unmöglichen  Folgesätzen  an  den  Tag. 

Ihn  selbst  jedoch  stört  diese  Schwierigkeit  nicht;  er  sieht 
nicht,  dass  gerade  seine  Veriragstheorie  jede  Vearfassungs- 
änderung,  über  die  nicht  alle  Staatsbüiger  übereinstimmen, 
also  überhaupt  jede  Verfassungsändemng ,  unmöglich  machen 
würde ;  er  hält  sich  an  das,  wie  er  glaubt,  durch  seine  Beweis- 
führung gesicherte  Ergebniss,  und  fragt  nun  weiter,  was  sich 
im  Fall  einer  Verfassungsänderung  für  die  bisher  bevorzugten, 
was  sich  insbesondere  für  die  Stände  ergebe,  welche  im 
Feudalstaat  die  grössten  Vonechte  besessen  und  durch  seinen 
Untergang  am  meisten  gelitten  hatten,  den  Adel  und  den 
Klerus.  Nach  allem  bisherigen  lässt  sich  zum  voraus  erwarten, 
dass  er  sich  auch  hier  im  Princip  auf  die  Seite  der  Revolution 
stellen  werde..  Gesetzt  auch,  es  seien  gewissen  Volksklassen 
in  einem  Staatsvertrag  besondere  Begünstigungen  eingeräumt, 
so  kann  diess  nach  Fichte  doch  immer  nur  auf  Widerruf  ge- 
schehen sein,  denn  das  Recht,  seine  Verträge  auch  einseitig 
wieder  aufzuheben,  ist  ihm  zufolge  ein  unveräusserliches 
Menschenrecht,  das  Versprechen,  seinen  Willen  über  den 
Gegenstand  des  Vertrags  nicht  zu  ändern,  wäre  ein  Ver- 
sprechen, seine  Einsichten  nicht  zu  vermehren  und  zu  vervoll- 


^   k 


170  Johann  Gottlieb  Fichte 

kommnen;  sobald  daher  der  unbegünstigtere  Bürger  bemerkt, 
dass  er  durch  den  Vertrag  mit  dem  begünstigten  übervortheilt 
sei,  steht  es  ihm  frei,  den  nachtheiligen  Vertrag  aufzuheben. 
Hiemit  ist  die  Frage  im  Grundsatz  entschieden.  Indessen  ist 
Fichte  damit  nicht  zufrieden.  Er  führt  aus,  dass  zwischen 
den  privilegirten  Klassen  und  dem  Volke  *gar  kein  wirkliches 
Vertragsverhältniss  bestehe,  dass  die  Rechte  und  Verbindlich- 
keiten  aus  einem  solchen  Vertrage  sich  nicht  vom  Vater  auf 
den  Sohn  forterben ,  könnten ,  dass  die  Vorrechte  der  Privile- 
girten, wenn  man  sie  im  einzelnen  prüfe,  auf  unrechtmässiger 
Usurpation  und  grundlosen  Ansprüchen  beruhen.  Er  unter- 
sucht die  Entstehung  des  Adels ,  um  zu  zeigen,  dass  die  Vor- 
züge der  Geburt  nur  allmählich  durch  Unwissenheit,  Anmassung 
und  Missbrauch  herbeigeführt  worden  seien,  dass  sie  aber  in 
unserer  Zeit  keinen  Boden  mehr  haben,  dass  der  Adel  als 
solcher  keine  Rechte  gewähre,  ja  dass  selbst  sein  Dasein 
lediglich  vom  Willen  des  Staats  abhänge.  Er  wendet  sich 
ebenso  gegen  die  Kirche,  um  ihre  politischen  Ansprüche  zu 
prüfen,  und  wählend  er  die  Orthodoxie  seiner  Zeit  mit  der 
ätzendsten  satyrischen  Lauge  übergiesst,  *)  gewinnt  er  seiner- 


*)  Hier  ein  Beispiel.  „Unseren  heutigen  Eiferern  für  die  Aufrecht- 
haltung  ihres  reinen  alleinseligmachenden  Glaubens",  sagt  F.  S.  258, 
„muss  ich  eine  Lehre  gehen,  die  den  Yerdruss  reichlich  ersetzt,  den 
ihnen  die  Durchlesung  dieses  Kapitels  verursachen  könnte.  Wenn  sie 
ihren  Glauben  dadurch  zu  behaupten  suchen,  dass  sie  etwa  die  abenteuer- 
lichsten Sätze  aufgeben  und  ihn  der  Vernunft  näher  zu  bringen  suchen, 
so  ergreifen  sie  ein  Mittel,  das  geradezu  gegen  ihren  Zweck  läuft."  Damit, 
meint  er,  werde  nur  der  Zweifel  auch  gegen  das  beibehaltene  erregt,  und 
indem  das  System  abgekürzt  werde,  werde  seine  Prüfuiffe  und  üebersicht 
erleichtert  „Geht  den  umgekehrten  Weg:  jede  Ungereimtheit,  die  in  An- 
spruch genommen  wird,  beweiset  kühn  durch  eine  andere,  die  etwas  grösser 
ist;  es  braucht  einige  Zeit,  ehe  der  erschrockene  menschliche  Geist -wieder 
zu  sich  selbst  kommt,  und  mit  dem  neuen  Phantome,  das  anfangs  seine 
Augen  blendete,  sich  bekannt  genug  macht,  um  es  in  der  Nähe  zu  unter- 
suchen: läuft  es  Gefahr,  so  spendet  ihr  aus  dem  unerschöpflichen  Schatze 
eurer  Ungereimtheiten  ein  neues;  die  vorige  Geschichte  wiederholt  sich, 
und  so  geht  es  fort  bis  an's  Ende  der  Tage.    Nur  lasst  den  menschlichen 


als  Politiker,  171 

seits,  wie  sich  nicht  anders  erwarten  liess,  das  Ergebniss,  dass 
sich  der  Staat  um  die  Kirche  nicht  im  geringsten  zu  kümmern, 
und  die  Kirche  beim  Staate  schlechthin  nichts  zu  suchen  habe. 
„Die  Kirche",  sagt  er,  „hat  ihr  Gebiet  in  der  unsichtbaren 
Welt  und  ist  von  der  sichtbaren  ausgeschlossen;  der  Staat 
gebietet  nach  Massgabe  des  Btirgervertrages  in  der  sichtbaren 
und  ist  von  der  unsichtbaren  ausgeschlossen."  Fällt  jemand 
vom  Glauben  der  Kirche  ab,  so  mag  ihn  diese  ausschliessen, 
oder  wenn  er  Lehrer  ist,  absetzen,  sie  mag  ihn,  falls  sie  diess 
vor  ihrem  Gewissen  verantworten  kann,  verdammen  und  ver- 
fluchen, mag  ihn  des  Himmels  verweisen  und  ihn  in  die  Hölle 
gefangen  setzen,  mag  auch  etwa  Scheiterhaufen  enichten,  auf 
denen  jeder  sich  verbrennen  könne,  der  gern  verbrannt  sein 
will ,  um  selig  zu  werden ;  aber  die  Macht  des  Staats  darf  sie 
nicht  gegen  ihn  brauchen,  und  physische  Gewalt  nicht  gegen 
ihn  ausüben*  Der  Staat  umgekehrt  mag  staatsgefährliche 
Lehren  verbieten,  aber  er  hat  kein  Recht  zu  gebieten,  was 
jemand  glauben  und  lehren  soll:  das  Gebiet  des  Staats  und 
der  Kirche  ist  gänzlich  geschieden.  Was  aber  die  irdischen 
Güter  betrifft,  durch  deren  Besitz  sich  die  Kirche  ein  Dasein 
in  der  sichtbaren  Welt  gegeben  hat,  so  meint  Fichte,  diese 
seien  ihr  immer  nur  bedingungsweise  tiberlassen:  wer  ihr 
etwas  schenke,  der  thue  diess  nur,  um  ihre  himmlischen  Güter 
dafür  zu  bekommen;  wenn  er  nicht  mehr  glaube,  dass  diess 
der  Fall  sein  werde,  oder  wenn  seine  Erben  diess  nicht  glau- 
ben ,  •  so  sei  der  Vertrag ,  den  sie  mit  der  Kirche  geschlossen 
haben,  aufgehoben,  denn  der  Schenkende  habe  ebendamitjede 
Bürgschaft  für  die  Erfüllung  der  Bedingung ,   an  die  er  die 


Geist  nicht  zum  kalten  Besinnen  kommen,  nur  lasst  seinen  Glauben  nie 
ungeübt;  und  dann  trotzt  den  Pforten  der  Hölle,  dass  sie  eure  Herrschaft 
überwältigen/'  Man  würde  übrigens  dieser  wahrhaft  lessingischen  Stelle 
zu  nahe  treten,  wenn  man  sie  als  blosse  Ironie  fasste.  Fichte's  Kath  ist 
ja  auch  in  neuerer  Zeit  vielfach  mit  bestem  Erfolge  befolgt  worden,  und 
dass  diess  nicht  immer  Einfalt,  sondern  auch  Politik  war,  dafür  kann 
man  gutstehen. 


^  172  Johann  Gottlieb  Fichte 

Schenkung  geknüpft  hatte,  verloren;  ja  streng  genommen 
könnte  jeder  die  Kirchengtiter  als  herrenloses  Gut  an  sich 
nehmen,  da  eine  Anstalt  aus  der  unsichtbaren  Welt  keine 
Kechte  in  der  sichtbaren  besitzen  könne,  und  wenigstens 
dem  jeweiligen  Inhaber  eines  Kirchenguts  müsste  jedenfalls 
das  Recht  zustehen,  es  zu  behalten,  und  allen,  die  aus  einer 
.  Kirche  austreten,  das  Recht,  ihren  Antheil  an  dem  gemein- 
samen Vermögen  zurückzufordern.  —  Eine  weitere  Fortsetzung 
der  „Beiträge",  worin  wohl  noch  manche  ähnliche  Punkte 
erörtert  worden  wären,  ist  unterblieben. 

Es  ist  nun  hier  nicht  meine  Aufgabe,  diese  Ansichten  zu 
prüfen ;  ich  habe  weder  das  wahre  darin  zu  vei-theidigen,  noch 
ihre  Blossen  aufzudecken,  ich  hatte  sie  nur  als  bezeichnende 
Aeusserungen  des  Philosophen  zu  berichten.  Ihr  Urheber  selbst 
hat  fortwährend  an  ihrer  Berichtigung  und  Vervollständigung 
gearbeitet.  Die  grossen  Fragen  des  Staatslebens  und  der 
Gesellschaft  haben  ihn  bis  zu  seinem  Tode  beschäftigt,  und 
eine  Reihe  von  Vorlesungen  und  Schriften  bezeichnet  die 
Stufen,  welche  seine  politische  Theorie  hiebei  durchlaufen  hat. 
Zu  einem  durchaus  befriedigenden  Abschluss  ist  sie  nicht  ge- 
kommen; aber  es  ist  ein  Beweis  seiner  philosophischen  Rast- 
losigkeit und  Spürkraft,  dass  er  die  Hauptgesichtspunkte  ^  aus 
denen  sich  sein  Gegenstand  betrachten  Hess,  nach  und  nach 
vollständig  herausgearbeitet  hat;  wie  es  andererseits  für  seine 
Neigung  zu  vorzeitigem  Abschliessen  und  einseitiger  Durch- 
führung seiner  Untersuchungen  Zeugniss  ablegt,  dass  er  die- 
selben nicht  gleichzeitig  zui*  Einheit  zu  verknüpfen,  sondern 
sie  nur  nacheinander,  den  einen  durch  den  andern  zurück- 
drängend, hervorzuheben  gewusst  hat.  Wenn  nämlich  dem 
Staat  überhaupt  eine  dreifache  Aufgabe  obhegt:  der  Rechts- 
schutz, die  Sorge  für  das  materielle  Wohl,  die  Förderung  der 
Sittlichkeit  und  der  Bildung,  so  hat  Fichte  zuerst  die  erste 
von  diesen  Aufgaben  einseitig  in's  Auge  gefasst,  und  den  Staat 
auf  den  Zweck  einer  Rechtsanstalt  beschränkt;  in  der  Folgie 
trat  für  ihn  die  zweite  so  entschieden  in  den  Vordergrund, 
dass  er  eine  socialistische  Organisation  der  Arbeit  verlangte; 


/ 


als  Politiker.  173 

in  dem  letzten  Abschnitt  seines  Lebens  endlich  erscheint  ihm 
die  Volkserziehung  als  die  wichtigste  und  wesentlichste  Be- 
stimmung des  Staates,  und  im  Zusammenhang  damit  tritt  auch 
das  nationale  Element,  welches  er  früher  veniachlässigt  hatte, 
in  den  Mittelpunkt  seines  politischen^  Strebens.  Wir  haben 
die  Ansichten  des  Philosophen  durch  diese  ihre  Entwickelungs- 
formen  etwas  genauer  zu  verfolgen. 

Auf  dem  ersten  Standpunkt  treffen  wir  Fichte  nicht  allein 
in  den  bisher  besprochenen  Schriften,  sondern  auch  in  der 
„Grundlage  des  Naturrechts'^  vom  Jahr  1796  (Werke  3.  Bd.). 
Der  Staat  entsteht  auch  nach  dieser  Dai'stellung  durch  einen 
Vertrag,  welchen  die  Einzelnen,  nach  natürlichem  Recht  voll- 
kommen unabhängig,  mit  einander  schliessen.  Dieser  Vertrag 
ist  nothwendig,  weil  nur  durch  ihn,  und  somit  nur  im  Staate, 
überhaupt  ein  Rechtszustand  möglich  ist;  denn  nur  durch  ihn 
ist  dem  Einzelnen  für  das  rechtliche  Verhalten  aller  andern 
eine  Bürgschaft  gegeben ;  so  lange  aber  diese  Bürgschaft  fehlt, 
ruht  ihnen  gegenüber  die  rechtliche  Verpflichtung,  da  diese 
immer  nur  unter  der  Bedingung  der  Gegenseitigkeit  gilt.  Der 
Zweck  und  Inhalt  des  Staatsbtirgervertrags  ist  demgemäss  die 
gegenseitige  Sicherung  und  nur  diese;  sie  ist  der  gemeinsame 
Wille  der  Staatsbüi^er ,  jedes  andere  Interesse  dagegen,  alles 
was  ihren  Privatvortheil  und  ihre  persönlichen  Neigungen  be- 
trifft, ist  ihr  Einzelwille,  und  es  ist  insofern  ganz  richtig,  wenn 
Rousseau  zwischen  der  volonte  gSn&ale  und  der  volonte  de  tous 
unterscheidet:  jene  entsteht  aus  dieser  nur  dadurch,  dass  die 
selbstischen  Einzelwillen  in  dem  Wollen  des  gemeinen  Besten 
und  des  allgemeinen  Rechts  sich  ausgleichen,  und  sie  ist  nur 
da  vorhanden,  wo  dieses  gewollt  wird ;  wenn  auch  alle  Staats- 
bürger in  ihren  egoistischen  Zwecken  zusammenträfen,  so  hätte 
man  doch  immer  nur  eine  Gesammtheit  übereinstimmender 
Einzelwillen,  noch  keinen  Gemeinwillen.  Es  ist  diess  die 
Ansicht  vom  Staate,  welche  durch  Locke  und  das  englische 
Staatswesen  empfohlen,  durch  Rousseau  allgemein  geworden 
war,  und  fiii'  welche  um  dieselbe  Zeit  auch  Kant  in  seiner 
Rechtslehre,   und  Wilhelm  v.  Humboldt  in   seinen  „Ideen" 


176  Johann  Gottlieb  Fichte 

um  die  Organe,  durch  welche  das  Volk  sein  Recht  ausübt, 
und  die  Bedingungen,  an  welche  die  Wii'ksamkeit  dieser  Or- 
gane zu  knüpfen  ist.  Es  könnte  jemand  so  fest,  wie  nur 
Fichte,  überzeugt  sein,  dass  die  letzte  Quelle  aller  staatlichen 
Gewalt  im  Volk  liege,  und  er  könnte  doch  über  die  Verthei- 
lung  dieser  Gewalt,  über  die  Rechte  und  die  Stellung  der 
Begierung,  eine  ganz  andere  Ansicht  haben;  er  könnte  zugeben, 
dass  das  Volk  als  ganzes  nie  Rebell  sei,  aber  er  könnte  fragen, 
ob  denn  die  Regierung  und  ihre  Anhänger  nicht  auch  mit  zum 
Volk  gehören,  ob  daher  die  Erhebung  der  Masse  gegen  die 
Regierung  wirklich  eine  Handlung  des  ganzen  Volkes  und 
nicht  vielmehr  nur  der  Kampf  eines  Theils  mit  einem  Theil 
sei;  er  könnte  selbst  ganz  abgesehen  von  allen  principiellen 
Bedenken  das  fichte'sche  Ephorat  schon  desshalb  verwerfen, 
weil  es  ein  durchaus  unpraktischer  Vorsehlag  ist:  denn  ent- 
weder mQsste  es  die  Revolution  peimanent  machen,  oder  wenn 
es  diess  nicht  wollte,  hätte  es  einer  kräftigen  Regierung  gegen- 
über nicht  die  mindeste  reale  Macht  in  Händen.  Und  dieses 
letztere  Bedenken  hat  Fichte  selbst  später  (Nachg.  Ww.  H, 
632)  veranlasst,  seinen  Vorschlag  zurückzunehmen.  In  seinem 
Naturreebt  jedoch  ist  er  von  demselben  so  befriedigt,  dass  er 
allen  übrigen  Verfassungsfragen  nur  einen  untergeordneten 
Werth  beilegt,  und  je  nach  den  Umständen  diese  oder  jene 
Kegierungsform  zulässig  findet ,  wenn  nur  durch  ein  Ephorat 
für  ihre  Beaufsichtigung  gesorgt  sei.  Selbst  die  Erbmonardiie 
erklärt  er  bei  einem  unvollkommenen  Stand  der  politischen 
Bildung  für  zulässig,  ja  für  rathsam;  für  den  vollkommenen 
Staat  allerdings  hat  er  sie  fortwährend  bestritten,  weil  in 
diesem  der  höchste  Verstand  herrschen  solle,  der  höchste 
Verstand  aber  nicht  forterbe*)  —  womit  aber  freilich  wieder 
eine  verwickelte  Frage  sehr  einfach  abgemacht  ist,  und  die 
entscheidenden  politischen  Gründe,  welche  in  den  meisten 
Ländern  die  Erbmonarchie  unentbehrlich  machen,  unbeachtet 
gelassen  sind. 


*)  Wie  er  noch  i.  J.  1813  (WW.  IV,  451.  457)  sf«t 


als  PoHtiker.  177 

• 

Auch  sonst  hat  Fichte  die  politische  Theorie,  die  wir  so 
eben  kennen  gelernt  haben,  in  seiner  späteren  Zeit  nur  theil- 
weise  verlassen.  So  hat  er  namentlich  die  Lehre  vom  Staats- 
vertrag  nie  au|gegeben,  und  in  eben  der  Stelle,  worin  er  den 
Vorschlag  eines  Ephorats  zuiUckzieht,  erklärt  er  doch  zugleich, 
die  ßechtsprincipien ,  die  dabei  zu  Grunde  liegen,  seien  ganz 
richtig.  Selbst  das  Becht  der  Revolution,  das  er  früher  be- 
hauptet hatte,  hat  er  nicht  ausdrücklich  zurückgenommen, 
wiewohl  er  in  der  Folge  einräumt  (Nachg.  WW.  n,  634) :  ehe 
nicht  eine  gänzliche  Umkehiiing  mit  dem  Menschengeschlecht 
vorgehe,  sei  mit  Sicherheit  anzunehmen,  dass  Revolutionen 
statt  eines  XJebels  ein  anderes  und  gewöhnlich  ein  noch  grös- 
seres herbeiführen.  Dagegen  sehen  wir  ihn  seine  Ansicht 
über  die  Aufgabe  und  Bestimmung  des  Staats  allmählich  er- 
weitem, und  im  Zusammenhang  damit  auch  über  die  Mittel 
zur  Erfüllung  dieser  Aufgabe  neue  Vorschläge  bei  ihm  auf- 
tauchen. 

Schon  in  seinem  NatuiTecht  vom  J.  1796  hatte  Fichte 
der  socialen  Frage  besondere  Aufmerksamkeit  zugewendet. 
Den  ersten  Bestandtheil  des  Staatsvertrags  soll  ja  der  Eigen- 
thumsvertrag  bilden.  Indem  nun  der  Philosoph  das  Wesen 
dieses  Vertrags  genauer  untersucht,  kommt  er  zu  der  Ansicht : 
der  Zweck  alles  Eigenthums  sei  der,  leben  zu  können;  die 
Erreichung  dieses  Zweckes  sei  im  Eigenthumsvertrag  garantirt ; 
es  sei  mithin  Giimdsatz  jeder  vernünftigen  Staatsverfassung: 
jedermann  soll  von  seiner  Arbeit  leben  können.  Durch  diesen 
Grundsatz  wird  schon  hier  die  vorausgesetzte  Beschränkung 
des  Staats  auf  den  Rechtsschutz  durchbrochen:  während  der 
Rechtsschutz  nur  in  einer  negativen  Thätigkeit,  in  der  Ver- 
hinderung der  Rechtsverletzung  besteht,  wird  dem  Staat  durch 
denselben  eine  positive  Fürsorge  für  die  Erhaltung  der  Ein- 
zelnen zur  Pflicht  gemacht.  Das  Mittel  dazu  ist  eine  Ver- 
theilung  der  Arbeit,  welche  halb  an  die  ältere  Zunftverfassung, 
halb  an  neuere  socialistische  Theorieen  erinnert.  Jeder  Staats- 
bürger soll  ein  bestimmtes  Geschäft  treiben,  das  ihn  ernährt, 
dafür  wird  er  aber  auch  so  weit  gegen  Concurrenz  geschützt. 

Zeller,  Vortr&ge  und  Abhandl.  12 


178  Johann  Gottlieb  Fichte 

dass  er  sich  durch  seine  Arbeit  ernähren  kann,  und  wenn  er 
diess  nicht  kann,  muss  ihm  soviel  gegeben  werden,  dass  er 
zu  leben  hat:  der  Anne  erhält,  wie  Fichte  glaubt,  durch  den 
Staatsbürgervertrag  ein  absolutes  Zwangsrecht  auf  Unter- 
stützung. Andererseits  hat  der  Staat  das  Recht  und  die 
Pflicht,  die  Arbeit  zu  beaufisichtigen ,  die  Zunftmeister  zu 
prüfen,  ihre  Zahl  für  jedes  Handwerk  zu  bestimmen,  das 
Gleichgewicht  zwischen  Rohproducten  und  Fabiikaten  durch 
Beschränkung  oder  Beförderung  ihrer  Erzeugung  herzustellen, 
einen  höchsten  Preis  für  die  unentbehrlichen  Lebensbedürfnisse 
festzusetzen,  das  Recht  des  Testirens  zu  beschränken  u.  s.  w. 
Kui-z,  es  wird  schon  hier  eine  staatliche  Bevormundung  der 
Arbeit  verlangt,  welche  mit  dem  hohen  Mass  von  politischer 
Freiheit,  das  der  Philosoph  fordert,  einen  grellen  Conti-ast 
bildet. 

Noch  viel  weiter  geht  er  aber  vier  Jahre  später  in  seinem 
„geschlossenen  Handelsstaat"  (1800.  WW.  HI,  387  ff.).  Das 
Eigenthumsrecht  —  davon  geht  er  hier  aus  —  besteht  nicht 
in  dem  Recht  auf  den  ausschliessenden  Besitz  einer  Sache, 
sondern  in  dem  ausschliessenden  Recht  auf  eine  bestimmte 
fi^eie  Thätigkeit,  ob  sich  nun  diese  auf  eine  bestimmte  Sache 
beziehe  oder  nicht.  Ein  Eigenthum  findet  daher  nur  im  Ver- 
hältniss  zu  andern  Menschen  statt,  und  alles  Eigenthumsrecht 
hat  seinen  Rechtsgrund  lediglich  in  einem  Vertrag  aller  mit 
allen,  wodurch  jedem  die  ihm  ausschliesslich  angehörige  Sphäre 
seiner  Thätigkeit  bestimmt  wird.  Ein  Vertrag  aber  ist  immer 
nur  unter  der  Bedingung  der  Gegenseitigkeit  verbindlich. 
Diess  muss  auch  vom  Eigenthumsvertrag  gelten:  nur  derjenige 
ist  verbunden,  fremdes  Eigenthum  zu  achten,  der  selbst  ein 
Eigenthum  besitzt,  denn  nur  um  seinen  Antheil  am  Ganzen 
zu  erlangen  und  zu  erhalten,  verzichtet  jemand  auf  seine 
natürlichen  Ansprüche  an  das  Eigenthum  aller  andern,  der 
Staat  kann  daher  dem  Eigenthum  der  Einzelnen  nur  dann 
rechtlichen  Schutz  gewähren ,  wenn  er  jedem  ein  Eigenthum, 
eine  ausschliessliche  Berechtigung  zu  einer  gewissen  Sphäre, 
garantirt  hat;  und  diese  Eigenthumsvertheilung  ist  nur  dann 


als  Politiker.  I79 

eine  gerechte ,  wenn  sie  nach  dem  Gesetz  völliger  Gleichheit 
erfolgt,  wenn  allen  die  gleiche  Möglichkeit  gewährt  wird,  sich 
durch  Arbeit  Annehmlichkeit  des  Lebens  zu  verschaffen. 
Deingemäss  verlangt  nun  Fichte  von  dem  Vemunftstaat  die 
durchgefiihrteste  Organisation  der  Arbeit.  Für  jeden  einzelnen 
Erwerbszweig  soll  genau  festgesetzt  werden,  wie  viele  sich  ihm 
widmen  dürfen;  es  sollen  ebenso  die  Preise  aller  Produkte 
und  Fabrikate  vom  Staat  festgestellt  werden;  und  für  alle 
diese  Anordnungen  soll  der  Grundsatz  massgebend  sein,  dass 
für  die  gleiche  Ai*beit  der  gleiche  Preis  bezahlt  wird,  dass 
alle  bei  gleicher  Anstrengung  gleich  viel  von  den  Genüssen 
des  Lebens  müssen  erwerben  können.  Weil  aber  diese  Ein- 
richtung voraussetzt,  dass  das  Gesammtvermögen  des  Staats 
keinen  ihm  unbekannten  und  von  ihm  unabhängigen  Schwan- 
kungen unterworfen  sei,  so  soll  sich  jeder  Staat  gegen  alle 
andern  merkantilisch  schlechthin  abschliessen,  und  aller  Handel 
mit  dem  Ausland  soll  einzig  und  allein  durch  den  Staat  be- 
trieben werden;  und  damit  auch  die  Summe  der  umlaufenden 
Werthzeichen  sich  gleich  bleibte,  will  Fichte,  nach  dem  Vorbild 
Lykurg's  und  Plato's,  ein  eigenes  Landesgeld  einführen,  das 
im  Ausland  nicht  angenommen  wird  —  eine  Angabe,  die 
einzelne  neuere  Staaten  bekanntlich  mit  ihrem  Papiergeld  auf's 
glücklichste  gelöst  haben. 

Das  auffallende  und  unausführbare  dieser  Vorschläge,  die 
er  auch  später  wiederholt  hat*),  wird  uns  nicht  abhalten 
dürfen,  das  Verdienst  ihres  Urhebers  anzuerkennen.  Fichte 
ist  einer  der  ersten,  wenn  nicht  der  erste,  welcher  in  Deutsch- 
land die  sociale  Frage  ernstlich  in  Angriff  genommen  hat. 

« 

Wer  uns  aber  eine  wissenschaftliche  oder  praktische  Aufgabe 
zum  Bewusstsein  bringt,  dem  müssen  wir  auch  dann  dankbar 
sein,  wenn  ihm  selbst  ihre  Lösung  noch  nicht  gelungen  sein 
sollte.  Eben  diess  ist  es  ja,  was  den  geistreichen  Menschen 
vom  gewöhnlichen  unterscheidet,  dass  wir  aus  den  Irrthümern 
des  einen  in  der  Regel  mehr  lernen  als  aus  den  Wahrheiten 


*)  Vorlesungen  von  1812.    Nachg.  WW.  H,  528  ff.  542  ff. 

12* 


180  Johann  GotÜieb  Fichte 

des  andern;  weil  diese  In-thtimer  eben  nicht  aus  willkührlichen 
Einfällen,  sondern  aus  der  Wahrnehmung  wirklicher  Schwie- 
rigkeiten entspringen,  die  der  Scharfeichtige  entdeckt,  während 
die  meisten  an  ihnen  vorbeigehen,  und  weil  uns  auch  ein 
verfehlter  Lösungsversuch,  von  einem  denkenden  Kopf  ange- 
stellt und  folgerichtig  durchgeführt,  mittelbar,  durch  Aufdeckung 
eines  falschen  Weges,  auf  den  richtigen  hinweist.  Sodann 
lässt  sich  nicht  läugnen,  dass  sich  Fichte's  Socialismus,  bei 
^1  seinen  Mängeln ,  doch  immer  noch  weit  gesunder  und  be- 
sonnener zeigt,  als  die  meisten  von  den  späteren  socialistischen 
Systemen.  Diese  gehen  in  der  Regel  von  der  Voraussetzung 
ans,  dass  das  Eigenthum  ein  angeborenes  Menschenrecht  sei, 
und  sie  schliessen  nun  aus  der  natürlichen  Gleichheit  aller 
Menschen,  nach  natürlichem  Recht  sollten  alle  Einzelnen  gleich 
viel  Eigenthum  haben.  In  Wahrheit  ist  aber  jedes  Eigenthum, 
ohne  Ausnahme,  Erzeugniss  der  Arbeit:  selbst  was  mir  vor 
den  Füssen  liegt,  wird  mein  Eigenthum  erst,  wenn  ich  es  auf- 
hebe. Der  Mensch  hat  daher  von  Hause  aus  gar  kein  Eigen- 
thum, sondern  nur  die  Fähigkeit,  sich  Eigenthum  zu  erwerben, 
und  aus  der  natüi-lichen  Rechtsgleichheit  aller  Menschen  folgt 
nicht,  dass  allen  gleich  viel  Besitz  zukommt,  sondern  nur,  dass 
allen  in  gleicher  Weise  das  Recht  zusteht,  sich  zu  erwerben, 
was  sie  ohne  Verletzung  fremden  Eigenthumsrechts  erwerben 
können.  Das  Eigenthum  selbst  dagegen  muss  nothwendig 
ebenso  ungleich  sein,  als  die  Kraft,  die  Geschicklichkeit,  der 
Fleiss,  die  Sparsamkeit  und  das  Glück  der  Einzelnen,  und 
diese  Ungleichheit  muss  in  demselben  Mass  zunehmen,  wie 
die  gesellschaftlichen  Zustände  sich  verwickeln,  und  wie  das 
angesammelte  und  sich  forterbende  Eigenthum,  das  Kapital, 
zur  gewerblichen  Macht  wird.  Diess  hat  Fichte  frühzeitig 
erkannt.  Schon  in  der  Schrift  über  die  französische  Revo- 
lution (S.  121)  bemerkt  er:  „dass  alle  Menschen  auf  einen 
gleichen  Theil  Landes  rechtlichen  Anspruch  haben  und  dass 
der  Erdboden  zu  gleichen  Portionen  unter  sie  zu  vertheilen 
sei,  wie  einige  französische  Schriftsteller  behaupten,  würde 
nur  dann  folgen,  wenn  jeder  nicht  blos  das  ^ueignungs-  sondern 


als  Politiker.  181 

das  wirkliche  Eigenthumsrecht  auf  den  Erdboden  hätte.  Da 
er  aber  erst  durch  Zueignung  vermittelst  seiner  Arbeit  etwas 
zu  seinem  Eigenthum  mache,  so  sei  klar,  dass  der,  welcher 
mehr  arbeitet,  auch  mehr  besitzen  dürfe,  und  dass  der,  welcher 
nicht  arbeitet,  rechtlich  gar  nichts  besitze."  Er  verlangt  dess- 
halb  auch  vom  Staat  nicht,  dass  er  allen  seinen  Bürgern  den 
gleichen  Besitz,  sondern  nur,  dass  er  allen  die  gleiche  Gele- 
genheit zum  Erwerb  verschaffe.  Auch  diese  Forderung  ist 
nun  freilich  unbegründet."  Es  ist  unrichtig,  dass  das  Eigen- 
thumsrecht auf  einem  Vertrag  beruhe,  da  vielmehr  jeder 
Eigenthumsvertrag  jenes  Recht  schon  voraussetzt.  Es  ist 
daher  auch  unrichtig,  dass  das  Eigenthumsrecht  erst  im  Staat 
entstehe,  solidem  der  Staat  findet  es  ebenso,  wie  die  ün ver- 
letzlichkeit der  Person  und  der  Verträge,  als  ein  natürliches 
Recht  der  Einzelnen  vor,  das  er  nicht  zu  schaffen,  sondeni 
nur  zu  ordnen  und  zu  beschützen  hat.  Es  ist  endlich  un- 
richtig, dass  das  Eigenthum  in  dem  ausschliessenden  Recht 
auf  eine  bestimmte  freie  Thätigkeit  bestehe,  es  besteht  viel- 
mehr  nur  in  dem  Recht  zum  ausschliesslichen  Gebrauch  einer 
bestimmten  Sache:  das  Eigenthumsrecht  des  Schusters  auf 
sein  Leder  besteht  nicht  darin,  dass  kein  anderer  Schuhe 
machen  darf,  sondern  darin,  dass  er  sie  nicht  aus  diesem 
Stück  Leder  machen  darf.  Ebendamit  verlieren  auch  alle 
die  Folgerungen,  welche  Fichte  aus  seinen  Voraussetzungen 
ableitet,  ihi-e  Beweiskraft:  sein  ganzes  socialistisches  Gebäude 
ermangelt  einer  naturrechtlichen  Grundlage.  Dass  seine  Vor- 
schläge ohnedem  in; jeder  Beziehung  unausführbar  sind,  dass 
sie  allen  gesunden  volkswirthschaftlichen  Grundsätzen  wider- 
sprechen, dass  sie  einen  Staat  wirthschaftlich  und  moralisch 
zu  Grunde  richten,  und  ihn  vorher  noch  in  ein  Zwangsarbeits- 
haus und  eine  unerträgliche  Polizeianstalt  verwandeln  müssten, 
liesse  'Sich  leicht  zeigen.  Nur  um  so  näher  liegt  aber  die 
Frage,  was  einen  so  scharfen  Denker  die  Unhaltbarkeit  seiner 
Voraussetzungen  imd  die  Unmöglichkeit  seiner  Ergebnisse, 
was  einen  so  freisinnigen  Mann  das  despotische  seiner  Vor- 
schläge übersehen  liess.    Die  Antwort  wird  uns  theils  durch 


182  Joliann  Gottlieb  Fichte 

die  Persönlichkeit  des  Philosophen,  theils  durch  sein  System 
an  die  Hand  gegeben.  Durch  j  ene:  denn  in  Fichte's  Charakter 
liegt  überhaupt,  wie  schon  früher  bemerkt  wurde,  ein  Zug  von 
Unduldsamkeit  und  Herrschsucht;  je  fester  er  von  der  Wahr- 
heit seiner  Ideen  überzeugt  ist,  um  so  weniger  kann  er  einen 
Widerspruch  dagegen  ertragen,  um  so  lieber  möchte  er  sie 
als  allgemeines  Gesetz,  durch  die  Staatsmacht,  durchführen; 
sein  Liberalismus  trägt,  wie  der  gleichzeitige  der  französischen 
Revolution,  das  entschiedene  Gepräge  der  Gewaltsamkeit,  er 
gilt  nicht  dem  Einzelnen,  sondern  dem  Ganzen,  nicht  den 
Personen,  sondern  der  Idee,  und  er  bedenkt  sich  desshalb 
nicht,  die  Personen  zu  dem,  was  ihm  als  vemunftnothwendig 
erscheint,  zu  zwingen.  Durch  dieses:  denn  ein  Idealismus, 
wie  der  seinige,  ist  immer  despotisch:  die  Bedingungen  der 
Wirklichkeit  sind  für  ihn  nicht  vorhanden,  die  Individuen 
haben  dem  System  gegenüber  kein  Recht;  Fichte  verfährt  in 
seiner  Theorie  aus  ähnlichen  Gründen  absolutistisch,  wie  Plato, 
mit  dem  er  auch  wirklich  theilweise  schon  durch  seinen  So- 
cialismus,  und  durch  spätere  Vorschläge  noch  vollständiger 
zusammentriflft.  Was  die  vorliegende  Frage  im  besonderen 
betrifft,  so  kommt  in  den  Härten  ihrer  Lösung  zunächst  der 
Widerspruch  zum  Vorschein,  in  welchen  sich  Fichte  durch 
seine  mangelhaften  Bestimmungen  über  das  Wesen  und  die 
Aufgabe  des  Staats  verwickelt.  Von  der  Voraussetzung  aus- 
gehend, dass  der  Staat  nicht  mehr  sei,  als  eine  Vereinigung 
zum  Rechtsschutz,  kommt  er  in  der  Folge  zu  der  üeber- 
zeugung,  er  habe  sich  auch  mit  der  Fürsorge  für  die  Inter- 
essen seiner  Angehörigen  zu  befassen.  Weil  er  sich  aber  doch 
zugleich  von  jener  Voraussetzung  nicht  loszumachen  weiss, 
macht  er  nun  die  Interessen  selbst  zu  Rechten  und  verlangt 
von  dem  Staate,  dass  er  ihre  Befriedigung  ebenso  erzwinge, 
wie  er  die  Achtung  der  Rechte  zu  erzwingen  verpflichtet  und 
befugt  ist.  Es  sind  wenige  anscheinend  unverfängliche  Sätze, 
aus  denen  sein  Socialismus  sich  entwickelt,  und  eben  darin 
liegt  das  belehrende  seiner  Theorie,  dass  sie  uns  in  ihrer 
Folgerichtigkeit  und  ihrer  streng  wissenschaftlichen  Haltung 


als  PoKtiker.  183 

die  Punkte,  auf  deren  richtige  Fassung  es  hier  ankommt,  und 
die  möglichen  In-wege  deutlicher,  als  die  meisten  verwandten 
Ausführungen,  erkennen  lässt. 

So  weit  aber  Fichte  in  derselben  thatsächlich  über  die 
Beschränkung  des  Staats  auf  den  Rechtsschutz  hinausgeht,  so 
zeigt  sich  doch  seine  Staatslehre ,  so  weit  wir  bis  jetzt  sind, 
ihrem  Umfang  nach  in  doppelter  Hinsicht  unvollständig ;  darin 
nämlich,  dass  er  die  idealen  Aufgaben  so  wenig,  als  die  natio- 
nalen Bedingungen  des  Staatslebens  beachtet.  Noch  in  den 
Vorlesungen  über  die  Gnmdzüge  des  gegenwärtigen  Zeitalters, 
welche  er  im  Winter  1804/5  in  Berlin  hielt  (WW.  Vü,  166  f.), 
erklärte  Fichte:  „die  höheren  Zweige  der  Vemunftkultur,  Re- 
ligion, Wissenschaft,  Tugend,  können  nie  Zwecke  des  Staates 
werden,"  weil  sie  in  ihrem  Wesen  unabhängig  von  ihm  seien, 
und  er  seinerseits,  in  seiner  Eigenschaft  als  zwingende  Gewalt, 
sich  darauf  einrichte,  vollständig  mit  seinen  eigenen  Mitteln 
auszukommen.  Und  in  denselben  Vorlesungen  (S.  212)  ant- 
wortet er  auf  die  Frage:  wie  es  denn  nun  gehen  solle,  wenn 
ein  Staat  durch  seine  Fehlgriffe  sich  zu  Grunde  richte:  „Ich 
frage  zurück:  welches  ist  denn  das  Vaterland  des  wahrhaft 
ausgebildeten  christlichen  Europäers?  Im  allgemeinen  ist  es 
Europa,  insbesondere  ist  es  in  jedem  Zeitalter  derjenige  Staat 
in  Europa,  der  auf  der  Höhe  der  Kultur  steht.  Jener  Staat, 
der  gefährlich  fehlgreift,  wird  mit  der  Zeit  freilich  untergehen, 
demnach  aufhören,  auf  der  Höhe  der  Kultur  zu  stehen.  Aber 
eben  darum,  weil  er  untergeht  und  untergehen  muss,  kommen 
andere,  und  unter  diesen  Einer  vorzüglich  herauf,  und  dieser 
steht  nunmehr  auf  der  Höhe,  auf  welcher  zuerst  jener  stand. 
Mögen  dann  doch  die  Erdgebomen,  welche  in  der  Erdscholle, 
dem  Flusse ,  dem  Berge ,  ihr  Vaterland  erkennen ,  Bürger  des 
gesunkenen  Staates  bleiben ;  sie  behalten,  was  sie  wollten  und 
was  sie  beglückt:  der  sonnenverwandte  Geist  wird  unwider- 
stehlich ungezogen  werden  und  sich  hinwenden,  wo  Licht  ist 
imd  Recht.  Und  in  diesem  Weltbürgersinne  können  wir  dann 
über  die  Handlungen  und  Schicksale  der  Staaten  ims  voll- 
kommen beruhigen,   fOr  uns  selbst  und  unsere  Nachkommen, 


184  Johann  GotÜieb  Fichte 

bis  an  das  Ende  der  Tage."  Wir  finden  also  in  jenem  Jahr 
noch  bei  Fichte  zwei  von  den  bezeichnendsten  Zügen  des  da- 
maligen Zeltgeistes  beisammen :  einerseits  jene  niedrige  Ansicht 
vom  Staate,  welche  die  höheren  geistigen  und  sittlichen  Inter- 
essen von  seinem  Wirkungskreis  ausschliesst :  andererseits  jene 
weltbtirgerliche  Geringschätzung  der  Nationalität  und  des  Vater- 
landes, welche  uns  bei  mehreren  von  den  ersten  Geistern  aus 
unserem  Volke  in  einer  für  uns  so  befremdenden  Weise  ent- 
gegentritt, und  eben  nur  aus  den  trostlosen  politischen  Zu- 
ständen und  der  allgemeinen  Ertödtung  des  öffentlichen  Lebens 
in  jener  Zeit  sich  begreifen  lässt. 

Was  den  Philosophen  über  diese  doppelte  Beschränktheit 
hinausführte,  war  der  Drang  der  Noth  und  die  Schule  der 
Erfahrung.  Als  sein  Volk  vom  Feinde  bedrängt  war,  da  fühlte 
er,  dass  das  Vaterland  noch  etwas  anderes  sei,  als  diese  Erd- 
scholle, und  als  der  preussische  Staat  unter  der  Wucht  des 
Eroberers  zusammenzubrechen  drohte,  da  wurde  ihm  klar, 
dass  er  noch  eine  höhere  Aufgabe  habe,  und  dass  ihm  durch 
andere  Mittel  geholfen  werden  müsse,  als  durch  Gewerbe- 
polizei und  Bechtspflege.  Kaum  ein  Jahr  nach  jenen  kosmo- 
politischen Aeusserungen,  als  der  Krieg  des  Jahrs  1806  unheil- 
drohend heraufzog,  hören  wir  es  ihn  aussprechen*),  dass  es 
gar  keinen  Kosmopolitismus  überhaupt  geben  könne,  dass 
vielmehr  in  der  Wirklichkeit  der  Kosmopolitismus  nothwendig 
Patriotismus  werden  müsse;  denn  wer  daran  arbeiten  wolle, 
dass  der  Zweck  des  menschlichen  Daseins  in  der  Menschheit 
verwirklicht  werde,  der  müsse  zunächst  in  der  eigenen  Nation 
an  seiner  Verwirklichung  arbeiten ;  die  eigene  Nation  aber  sei 
(wie  Fichte  schon  hier  auf's  wärmste  und  naehdiiicklichste 
ausführt)  für  den  Deutschen  nur  die  deutsche,  es  gebe  keinen 
besonderen  preussischen  Patriotismus,  soddern  nur  einen  deut- 
schen. Als  dann  der  Krieg  wirklich  ausbrach,  erbot  er  sich, 
die  preussische  Armee  in's  Feld  zu  begleiten,   um  al»  Redner 


*)  In  dem  ersten  der  zwei  Gespräche  über  den  Patriotismus,  welches 
im  JuH  1806  geschrieben  ist;  Nachg.  Werke  lU,  228  f.  232  f. 


als  Politiker.  185 

auf  die  Gemüther  zu  wirken.  Nachdem  endlich  das  Waffen- 
glück gegen  Preussen  entschieden  hatte,  schloss  er  sich  der 
Flucht  des  Hofes  nach  Königsberg  an,  und  gieng  später  nach 
Kopenhagen,  um  nicht  unter  französischer  Herrschaft  in  Berlin 
leben  zu  müssen.  In  der  Folge  musste  er  sich  doch  dazu 
entschliessen ;  aber  er  kam  nicht,  um  sich  dem  Sieger  zu 
unterwerfen,  sondern  um  ihn  zu  bekämpfen;  er  glaubte  das 
sicherste  Mittel  zur  Wiederherstellung  des  Vaterlandes  zu 
kennen,  und  wie  bei  ihm  immer  Erkenntniss  und  Entschluss 
Eins  war,  so  beschloss  er,  sofort  und  auf  jede  Gefahr  hin  an 
seine  Verwirklichung  Hand  anzulegen.  Während  Berlin  noch 
vom  Feinde  besetzt  war,  im  Winter  1807/8,  hielt  er  vor  einer 
zahlreichen  Zuhörerschaft,  von  französischen  Aufpassem  be- 
lauert, jene  „Reden  an  die  deutsche  Nation",  welche  als  die 
erste  offene  Aufforderung  zur  Erhebung  aus  dem  Unglück  mit 
ihrer  männlichen  Kühnheit  weit  über  die  Grenzen  seines  Hör- 
saals und  selbst  Preussens  hinaus  eine  elektrische  Wirkung 
hervorbrachten.  Dass  sie  der  Sieger  nicht  verhindert  und  den 
muthigen  Redner  nicht  verfolgt  hat,  könnte  als  ein  Wunder 
erscheinen ;  es  war  aber  wohl  die  bekannte  napoleonische  Ver- 
achtung gegen  die  Ideologen,  welche  diese  Vorträge  über  Ver- 
besserung der  Erziehung,  wie  sie  der  Moniteur  nannte,  unge- 
fährlich erscheinen  liess.  Mochten  die  Deutschen  nach  ihrer 
Weise  Metaphysik  treiben;  für  das  Reich  des  Weltbezwingers, 
schien  es,  sei  davon  nichts  zu  befüi*chten. 

In  diesen  Reden  macht  nun  Fichte  den  obenbezeichneten 
doppelten  Fortschritt,  dass  er  die  höheren  Bildungszwecke, 
und  dass  er  die  Nationalität  in  sein  Staatsideal  mitaufoimmt. 
Und  zwar  fällt  beides  jetzt  für  ihn  schlechthin  zusammen. 
Der  Staat  muss  sich  die  sittliche  Bildung  zum  höchsten  Zweck 
setzen,  weil  nur  durch  sie  Deutschland  geholfen  werden  kann, 
und  Deutschland  muss  wiedergeboren  werden,  weil  sonst  alle 
wahrhafte  Bildung  in  der  Welt  aussterben  würde.  Noch  drei 
Jahre  zuvor,  in  den  Vorlesungen  über  die  Grundzüge  des 
gegenwärtigen  Zeitalters,  hatte  Fichte  von  seiner  Zeit  ein 
sehr  unvörtheilhaftes  Bild  entworfen.    Er  hatte  sie  in  ihrer 


186  Johann  Gottiieb  Fichte 

selbstgefälligen  und  selbstsüchtigen  Aufklärung  als  das  Mittel- 
glied zwischen  zwei  Welten  bezeichnet,  der  des  dunkeln  Ver- 
nunftinstinkts und  derjenigen  der  selbstbewussten  Freiheit; 
als  die  Epoche  der  BefL*eiung,  nicht  allein  von  der  äusseren 
Auktorität,  sondern  auch  von  der  Botmässigkeit  des  Vernunft- 
Instinkts  und  der  Vernunft  überhaupt  in  jeglicher  Gestalt; 
als  das  Zeitalter  der  absoluten  Gleichgültigkeit  gegen  alle 
Wahrheit  und  der  völligen  Ungebundenheit  ohne  einigen  Leit- 
faden; als  den  Stand  der  vollendeten  Sündhaftigkeit  (WW. 
Vn,  18).  Die  neuen  Vorlesungen  eröffiiet  er  mit  der  Erklä- 
rung (ebd.  264  f.):  sein  Zeitalter  mache  mehr,  als  irgend  ein 
anderes,  Riesenschritte.  Der  Zeitabschnitt,  den  er  vor  drei 
Jahren  geschildert,  sei  in  Deutschland  (er  sagt  nur :  „irgendwo") 
vollkommen  abgelaufen  und  beschlossen.  Die  Selbstsucht  habe 
hier  durch  ihre  vollständige  Entwicklung  sich  selbst  vernichtet, 
indem  sie  darüber  ihr  Selbst  und  dessen  Selbständigkeit  ver- 
loren habe.  Erheben  könne  sich  Deutschland  aus  diesem  Zu- 
stand lediglich  unter  der  Bedingung,  dass  ihm  eine  neue  Welt 
aufgienge  und  zwar  eine  solche,  die  der  herrschenden  Gewalt 
unvemommen  bliebe.  Diese  neue  Welt  und  ihren  wahren 
Eigenthümer  vrill  er  seinen  Zuhörern,  und  in  ihnen  allen 
Deutschen  ohne  Unterschied,  zeigen,  und  die  Mittel  zu  ihrer 
Erzeugung  angeben.  Er  will  sein  Volk  von  dem  Schmerz 
über  den  erlittenen  Vei-lust  zu  klarer  Besonnenheit  und  Be- 
trachtung erheben,  er  will  es  lehren,  sich  durch  diesen  Schmerz 
zum  Ent&chluss  und  zur  That  anspornen  zu  lassen;  er  will 
ihm  die  Wahrheit  als  unumstossliche  Ueberzeugung  einprägen, 
dass  kein  Mensch  und  kein  Gott  und  keines  von  allen  im 
Gebiete  der  Möglichkeit  liegenden  Ereignissen  ihm  helfen 
könne,  sondern  dass  es  selber  allein  sich  helfen  müsse,  wenn 
ihm  geholfen  werden  solle.  In  glühenden  Worten  wendet  er 
sich  an  alle  Deutsche,  welchem  Stamme  sie  angehören :  an  die 
Alten,  wie  an  die  Jungen,  an  die  Geschäftsmänner,  die  Ge- 
lehrten, die  Fürsten,  die  Bürger;  er  beschwört  sie,  einen 
letzten  und  festen  Entschluss  zu  fassen,  zu  wählen  zwischen 
der  Knechtschaft  und  der  Freiheit,  der  Ehre  und  der  Schande ; 


als  Politiker. 


187 


zu  handeln,  als  ob  jeder  einzelne  allein  da  sei  und  alles  allein 
thun  müsse,  nicht  von  der  Stelle  zu  gehen,  ehe  die  Gewissheit 
des  dereinstigen  Sieges  gewonnen  sei.  Wenn  unser  Volk  dieses 
Entschlusses  fähig  sei  und  den  rechten  Weg  einschlage,  dann, 
ist  er  überzeugt,  werde  nicht  allein  Deutschland  sich  wieder 
erheben,  sondern  es  werde  überhaupt  eine  neue  Weltzeit,  ein 
besseres  Zeitalter  für  die  Menschheit  anbrechen.  So  wird  ihm 
gerade  die  tiefste  Erniedrigung  seines  Volkes  zum  Anlass  der 
stolzesten  Hoffiiung ;  wie  sich  den  Propheten  des  alten  Bundes 
an  die  Zeiten  des  äussersten  öffentlichen  Unglücks  die  höchsten 
Erwartungen  knüpften,  so  ist  auch  in  ihm  der  Glaube  an  das 
Vaterland  so  unüberwindlich,  dass  ihm  gerade  seine  politische 
Vernichtung  zum  Beweis  einer  sicher  bevorstehenden  Wieder- 
geburt dienen  muss,  in  der  von  Deutschland  das  Heil  der 
Welt  ausgehe. 

Näher  stützt  sich  dieser  Glaube  auf  die  Ueberzeugung, 
dass  die  Sache  der  Menschheit  unmöglich  verloren  sein  könne, 
dass  sie  ihre  geschichtliche  Bestimmung  erreichen  müsse,  so 
gewiss  ein  Gott  sei  und  in  der  Geschichte  regiere.  Diess 
veimöge  sie  aber  nur  durch  ächte  Bildung,  und  eine  solche 
könne  von  keinem  andern  Volk  ausgehen,  als  dem  deutschen. 
Die  Deutschen  allein  —  auf  diese  etwas  zweifelhafte  Deduk- 
tion gründet  Fichte  den  Anspruch,  welcher  ihm  in  Wahrheit 
natürlich  als  patriotisches  Postulat  vor  aller  Deduktion  fest- 
steht —  sie  allein  unter  allen  neueren  Kulturvölkern  haben 
ihre  Sprache  rein  aus  sich  selbst  und  ihrem  gemeinsamen 
Volksleben  heraus  stetig  entwickelt,  alle  romanischen  Stämme 
haben  die  ihrige  erst  durch  Uebertragung  einer  fremden,  und 
zwar  einer  selbst  schon  halb  abgestorbenen  Sprache  erhalten ; 
jene  „reden  eine  bis  zu  ihrem  ersten  Ausströmen  aus  der 
Naturkrait  lebendige",  diese  „eine  nur  auf  der  Obei-flä^che 
sich  regende,  in  der  Wurzel  aber  todte  Sprache"  (WW.  Vn, 
325).  Zwischen  beiden  findet  daher  in  Betreff  ihrer  ganzen 
Bildung  und  Denkart,  deren  wichtigster  Träger  und  Vermittler 
die  Sprache  ist,  gar  kein  Vergleich  statt.  Nur  bei  den  Deut- 
schen greift  die  Geistesbildung  in's  Leben  ein,  bei  den  andern 


188  Johann  Gottlieb  Fichte 

geht  jedes  von  beiden  seiBen  Gang  für  sich  fort.  Jenen  ist  es 
mit  aller  Bildung  rechter  eigentlicher  Ernst,  diesen  ist  sie  ein 
genialisches  Spiel;  diese  haben  Geist,  jene  zum  Geiste  auch 
noch  Gemüth;  jene  treiben  alles  mit  redlichem  Fleiss  und 
Ernst,  diese  lieben  es,  sich  im  Geleise  ihrer  glücklichen  Natur 
gehen  zu  lassen;  bei  jenen  ist  das  Volk  im  Ganzen  bildsam, 
und  alle  Bildung  ist  volksthümlich ,  bei  diesen  scheiden  sich 
die  gebildeten  Stände  vom  Volke  und  machen  es  zum  blinden 
Werkzeug  ihrer  Pläne  (S.  327  flf.).  Nur  bei  den  Deutschen 
findet  sich  noch  Ursprünglichkeit  und  Liebe  zur  Freiheit,  nur 
bei  ihnen  Glaube  an  Freiheit  und  an  ein  ewiges  ^Fortschreiten 
unseres  Geschlechts:  alle  ursprünglichen  Menschen,  wenn  sie 
als  Volk  betrachtet  werden,  sind  das  Urvolk,  das  Volk  schlecht- 
weg, sind  Deutsche.  Alle  dagegen,  die  sich  darein  ergeben, 
ein  zweites  und  abgestammtes  zu  sein,  ein  blosser  Anhang 
eines  ursprünglicheren  Lebens,  ein  vom  Felsen  zurücktonender 
Nachhall  einer  schon  verstummten  Stimme,  alle  diese  sind 
Fremde  und  Ausländer.  „Was  an  Geistigkeit  und  Freiheit 
dieser  Geistigkeit  glaubt  und  die  ewige  Fortbildung  dieser 
Geistigkeit  durch  Freiheit  will,  das,  wo  es  auch  geboren  sei 
und  in  welcher  Sprache  es  rede,  ist  unsers  Geschlechts,  es 
gehört  uns  an  und  es  wird  sich  zu  uns  thun.  Was  an  Still- 
stand, Bückgang  und  Girkeltanz  glaubt,  oder  gar  eine  todte 
Natur  an  das  Ruder  der  Weltregierung  setzt. (ein  Hieb  gegen 
Schelling  und  die  Naturphilosophie),  dieses,  wo  es  auch  ge- 
boren sei,  und  welche  Sprache  es  rede,  ist  undeutsch  und 
fremd  für  uns ,  und  es  ist  zu  wünschen ,  dass  es  je  eher  je 
lieber  sich  gänzlich  von  uns  abtrenne"  (S.  374  flf.).  Es  wäre 
übel  angebracht,  hier  mit  dem  Philosophen  über  die  geschicht- 
liche Richtigkeit  seiner  Behauptungen  zu  rechten:  das  gehört 
gerade  zu  seiner  eigensten  Natur,  dass  er  sich  bei  dem  ge- 
schichtlichen als  solchem  nicht  beruhigt,  sondeiii  jedes  gegebene 
zur  Darstellung  eines  allgemeinen  Begriffs  idealisirt;  es  hiesse 
die  Bedüi-fiiisse  jener  Zeit  verkennen,  wenn  man  einem  Fichte 
oder  Arndt  oder  sonst  einem  von  ihren  Gesinnungsgenossen 
die  nationale  Selbstüberhebung  vembeln  wollte,    die  sich  in 


als  Politiker.  189 

ihren  Schriften  ausspricht:  unser  Volk  hatte  es  in  der  That 
nöthig,  dass  es  sich  für  mehr  hielt,  als  es  war,  dass  es  nach 
dem  höchsten  griff  und  das  grösste  sich  zutraute,  wenn  es 
sich  aus  der  tiefsten  Entwürdigung  auch  nur  zu  dem  erheben 
wollte,  was  es  ohne  alle  Frage  sein  konnte.  Und  hiefOr  dient 
auch  Fichte  seine  hohe  Ansicht  von  den  Deutschen.  Weil  das 
deutsche  Volk  das  einzige  wahrhafte  KultuiTolk  ist,  weil  Ur- 
sprünglichkeit und  Freiheit,  wahre  Geistesbildung  und  Sitt- 
lichkeit, ächte  Religiosität  und  Wissenschaft  nur  bei  ihm  zu 
finden  sind,  ist  das  Schicksal  der  Menschheit  an  sein  Schicksal 
gebunden,  und  so  unfehlbar  die  Menschengeschichte  ihrem 
5Sel  entgegenschreitet,  so  unfehlbar  muss  das  Volk  erhalten 
bleiben,  das  sie  allein  auf  diesen  Weg  führen  kann.  Das 
Mittel  zu  seiner  Erhaltung  wird  aber  nur  in  dem  liegen 
können,  woiin  seine  Grösse  und  sein  eigenthümlicher  Vorzug 
überhaupt  liegt.  Die  allgemeinste  und  planmässigste  Ent- 
wicklung der  deutschen  Eigenthümlichkeit ,  die  Heranbildung 
des  ganzen  Volkes  zur  Freiheit,  zur  Selbstthätigkeit,  zur  Sitt- 
lichkeit, zu  wahrhafter  Erkenntniss  und  zu  einem  auf  klarer 
Erkenntniss  ruhenden  Handeln  —  mit  Einem  Wort,  eine 
durchgi-eifende ,  von  festen  philosophischen  Gnindsätzen  ge- 
leitete, planmässige  Nationalerziehung  der  Deutschen  ist  das 
Heilmittel,  welches  Deutschland  aus  den  Fesseln  der  Fremd- 
herrschaft, unser  ganzes  Geschlecht  aus  der  Gefahr  des  Ver- 
wildems  und  Vorkommens  erretten  soll.  —  Die  Philosophie, 
welche  Fichte  dieser  Volkserziehung  zu  Gninde  gelegt  wissen 
will,  ist  natürlich  seine  eigene;  denn  wie  er  in  Kant  den 
Begründer  der  wahren  Philosophie  verehrt,  so  ist  er  über- 
zeugt, dass  er  selbst  der  einzige  sei,  der  Kant  verstanden 
und  sein  Werk  im  rechten  Sinn  fortgesetzt  habe;  und  wie  er 
nun  die  praktische  Bedeutung  und  Wirkung  der  Philosophie 
stark  zu  überschätzen  gewohnt  ist,  so  scheut  er  sich  nicht, 
von  jener  allein  wahren  Lehre  zu  versichern,  dass  sie  „die 
Schöpfung  erst  geendet,  die  Menschheit  auf  ihre  eigenen  Füsse 
gesetzt  und  sie  von  aller  Bevormundung  durch  das  Ungefähr 


190  Johann  Gotdieb  Fichte 

mündig  erklärt  habe''*).  Den  richtigen  pädagogischen  Stand- 
punkt aber,  sich  immer  an  die  Selbstthätigkeit  des  Zöglings 
zu  wenden,  nichts  bei  ihm  durch  mechanisches  Anlernen,  alles 
durch  Anwendung  und  Entwickelung  seiner  eigenen  Kräfte  zu 
bewii'ken,  hat  zuerst,  wie  Fichte  glaubt,  Pestalozzi  gefunden» 
Fragen  wir  weiter,  wie  sich  Fichte's  Forderung  in  einem 
Volke  durchführen  lasse,  so  verlangt  der  Philosoph  hiefiir 
eine  durchgreifende  Verdrängung  der  Familienerziehung  durch 
die  öffentliche.  Als  ihr  letztes  Ziel  endlich  und  ihre  unaus- 
bleibliche Folge  betrachtet  er  eine  Herrschaft  des  Lehrstandes, 
deren  bestimmtere  politische  Form  (Wahlmbnarchie  oder  Ari- 
stokratie) ihm  selbst  zu  überlassen  sei.  Es  sind  diess  ähn- 
liche Vorschläge ,  me  die  der  platonischen  Bepublik.  Auch 
hier  soll  ja  dem  drohenden  Untergang  eines  Volkes  durch 
die  Erziehung  auf  wissenschaftlicher  Grundlage  vorgebeugt 
werden;  für  diesen  Zweck  wird  alle  Staatsgewalt  den  Philo- 
sophen in  die  Hand  gegeben ,  und  mit  'dem  Familienleben 
wird  auch  die  Familienerziehung  aufgehoben.  Soweit  der  pla- 
tonische Idealismus  in  seinem  wissenschaftlichen  Charakter 
von  dem  fichte'schen  abliegt,  so  nahe  berührt  er  sich  mit  ihm 
in  seinen  politischen  Ideen.  Doch  sind  Fichte's  Vorschläge 
theils  an  sich  selbst  massvoller  als  die  platonischen,  theils 
wird  auch  ihre  Verwirklichung  nicht  von  Zwang  oder  gewalt- 
samem Umsturz,  sondern  von  der  allmählich  wirkenden  Kraft 
der  Ueberzeugung  erwartet.  In  diesem  Sinne  war  es,  dass 
sich  Fichte  für  die  Stiftung  der  Berliner  Universität  begeisterte, 
zu  deren  eifirigsten  Förderern  er  gehört  hat :  ein  neues  besseres 
Geschlecht  sollte  herangebildet,  das  deutsche  Volk  sollte  durch 
Wissenschaft  und  Erziehung  verjüngt  werden;  dann  erst^ 
glaubte  Fichte,  sei  auf  einen  erfolgreichen  Kampf  gegen  seine 
Unterdrücker  zu  hoffen.  Die  Generation,  der  er  selbst  an- 
gehörte, gab  er  verloren,  nur  für  die  kommende  Zeit  wollte 
er  zu  bessei*en  Zuständen  den  Giund  legen. 


*)  Gespr.  üb.  Patriot  Nachg.  WW.  m,  231.    AehnHches  findet  sich 
aber  sowohl  m  den  Beden  an  die  deutsche  Nation  als  anderwärts  öfters» 


als  Politiker.  191 

Es  war  ein  Glück  für  Deutschland,  dass  das  Schicksal, 
gegen  unser  Volk  gütiger  als  gegen  .die  Griechen,  mit  seiner 
politischen  Wiederherstellung  nicht  gewartet  hat,  bis  die  Ideen 
des  Philosophen  verwirklicht  wären.  Fichte  selbst  hat  zwar 
diese  Ideen  nie  aufgegeben;  diess  hielt  ihn  aber  natürlich 
keinen  Augenblick  ab^  sich  an  dem  Befreiungskampf  des  Jahres 
1813  mit  der  vollen  Entschiedenheit  seines  Wesens  zu  be- 
theiligen. Auch  durch  persönliche  Dienstleistung  wünschte  er, 
wie  i.  J.  1806,  sich  nützlich  zu  machen,  indem  er  das  Haupt- 
quartier als  Feldprediger  begleitete;  doch  wui-de  dieses  Aner- 
bieten diessmal  so  wenig,  wie  früher,  angenommen.  Um  so 
mehr  suchte  er,  soweit  der  Kriegsdienst  noch  eine  Zuhörer-^ 
Schaft  übrig  gelassen  hatte ,  durch  Vorlesungen  zu  wirken ,  in 
denen  er  nach  seiner  Weise  die  augenblickliche  Lage  aus  all- 
gemeineren Gesichtspunkten  zu  betrachten,  die  nothwendigen 
Entschlüsse  durch  deutliche  Begriffe  zu  befestigen,  die  Be-^ 
geisterung  über  sich  selbst  aufzuklären  und  durch  diese  Selbst- 
erkenntniss  zu  veredeln  sich  bemühte.  In  den  Vorträgen 
„über  die  Staatslehre  oder  das  Verhältniss  des  Urstaates  zum 
Vemunftreiche"  (Sommer  1813)  werden  nicht  blos  die  früheren 
Gedanken  über  Nationalerziehung  und  Staatsverfassung,  über 
das  Ziel  der  Geschichte  und  die  Bestimmung  unseres  Volkes 
(wie  theilweise  schon  firiiher  in  der  Kechtslehre  von  1812) 
wiederholt,  sondern  sie  werden  auch  durch  Untersuchungen, 
welche  sich  unmittelbar  auf  die  Zeitlage  beziehen,  erweitert. 
Fichte  spricht  über  gerechten  und  unrechtmässigen  Krieg;  er 
erkennt  als  einen  gerechten  allein  den  Volkskrieg,  in  dem  es 
sich  um  die  Erhaltung  und  die  höchsten  Güter  einer  Nation 
handelt;  er  fordert,  dass  in  einem  solchen  Kiiege  schlechthin 
alles  geopfert,  dass  er  von  jedem  Einzelnen  und  von  dem 
Ganzen  mit  Anspannung  aller  Kräfte,  als  ein  Kampf  auf  Leben 
und  Tod,  ohne  Friede  oder  Vergleich  geführt  werde.  Er 
spricht  mit  tiefer  Verachtung  von  jener  erbärmlichen  Schwäche^ 
welche  früher  Preussens  jähen  Fall  herbeigeführt  hatte;  er 
verlangt,  dass  man  die  Charakterkraft  und  die  Hülfsmittel 
des  Feindes  nicht  unterschätze,  dass  man  sich  ihm  gegenüber 


I 

« 


192  Johann  GoUlieb  Fichte 

auf  die  äussersten  Anstrengungen  gefasst  mache.  Napoleon 
ist  ihm  der  Mann ,  in  dem  alles  böse ,  gegen  Gk)tt  und  Frei- 
heit feindliche,  was  seit  Beginn  der  Zeit  von  aUen  Tugend- 
haften bekämpft  worden,  in  dem  aber  auch  alle  Kraft  des 
Bösen  zusammengedi'ängt  ist.  Er  ist  eine  Ruthe  in  der  Hand 
Gottes,  aber  freilich  nicht  dazu,  „dass  wir  ihr  den  entblössten 
Rücken  hinhalten,  um  vor  Gott  ein  Opfer  zu  bringen,  wenn 
«s  recht  blutet,  sondern  dass  wir  dieselbe  zerbrechen"  (WW. 
IV,  417  ff.).  Alle  Bestandtheile  menschlicher  Grösse  sind  in 
ihm:  der  klarste  Verstand,  der  unerschütterlichste  Wille,. die 
vollkommene  Kenntniss  der  Nation,  über  die  er  sich  der 
Herrschaft  bemächtigt  hat.  Er  wäre  der  Wohlthäter  und 
Befreier  der  Menschheit  geworden ,  wenn  auch  nur  eine  leise 
Ahnung  ihrer  sittlichen  Bestimmung  in  seinen  Geist  gefallen 
wäre;  jetzt  ist  er  ihre  Geissei.  Von  Einer  grossen  Leiden- 
schaft beherrscht,  setzt  er  alles  für  seine  Herrschaft  ein;  alle 
Schwächen  der  Menschen  werden  seine  Stärke:  wie  ein  Geier 
schwebt  er  über  dem  betäubten  Europa,  lauschend  auf  alle 
falschen  Massregeln  und  Schwächen,  um  flugschnell  herab- 
zustürzen und  sie  sich  zu  Nutze  zu  machen.  Die  Schwächen 
anderer  Herrscher  wandeln  ihn  nicht  an;  sein  Leben  und 
alle  Bequemlichkeit  desselben  setzt  er  daran:  er  will  Herr 
der  Welt  sein ,  oder  nicht  sein.  Auf  beschränkende  Verträge 
lässt  er  sich  nicht  ein,  Ehre  und  Treue  sind  für  ihn  nicht 
vorhanden;  es  giebt  nichts,  was  ihm  Einhalt  thun  kann,  als 
eine  Stärke,  die  der  seinigen  überlegen  ist.  Was  bisher 
gegen  ihn  aufgetreten  ist,  hatte  einen  bedingten  Willen,  blos 
berechnende  Klugheit;  zu  besiegen  ist  sein  absoluter  Wille 
nur  durch  einen  absoluten  Willen,  seine  Begeisterung  für  die 
Hen-schaft  nur  durch  die  stärkere  für  die  Freiheit  (S.  426  flf.). 
So  schildert  Fichte  den  Gegner,  und  wer  möchte  läugnen, 
dass  die  Schilderung  zutrifft?  So  fasst  er  die  Aufgabe  des 
grossen  Kampfes  auf,  und  man  wird  ihm  zugestehen  müssen, 
dass  er  sein  Ziel  begriffen,  dass  er  männlich  dafür  mitge- 
wirkt hat.  Sein  Ende  sollte  er  nicht  erleben.  Fichte's  Gattin 
ward  bei  der  Pflege  von  Verwundeten,  zu  der  er  selbst  sie 


als  Politiker.  193 

ermuntert  hatte,  vom  Lazarethfieber  ergiiflfen.  Sie  genas, 
aber  sie  übertrug  die  Krankheit  auf  ihren  Mann,  der  ihr 
am  27.  Jan.  1814  erlag.  Einen  seiner  letzten  lichten  Augen- 
blicke hatte  die  Nachricht  von  Blüchers  Eheinübergang  und 
dem  raschen  Vordringen  der  Verbündeten  in  Frankreich  ver- 
schönert. Er  starb,  wie  sein  Geistesverwandter  Schiller,  in 
voller  Manneskraft  und  mit  Plänen  für  bedeutende  Arbeiten 
beschäftigt:  er  hatte  das  52.  Lebensjahr  noch  nicht  vollendet. 
Aber  fast  möchte  man  das  Geschick  preisen,  dass  es  ihm  die 
Täuschungen  det  nächstfolgenden  Periode  erspart  hat,  dass 
er  davon  verschont  blieb,  die  Früchte  der  heiTliehsten  Volks- 
erhebung von  dem  Unverstand  vergeudet,  von  der  Erbärm- 
lichkeit und  der  Selbstsucht  vergiftet  zu  sehen;  dass  er  die 
bittere  Erfahrung  nicht  machen  dui-fte,  welche  so  manche 
von  den  Besten  in  Deutschland  in  einer  traurigen  Zeit  der 
Keaktion  gemacht  haben:  für  die  reinste  und  vollste  Hin- 
gebung an  die  vaterländische  Sache  mit  Kränkung  und  Ver- 
folgung belohnt  zu  werden;  dass  er  die  Schmach  nicht  er- 
lebte, das  kühne  Manifest  der  Freiheitskriege,  die  Reden  an 
die  deutsche  Nation,  auf  dem  Schauplatz  ihres  Ruhmes  ge- 
ächtet, seinen  Namen  neben  dem  Schleiermachei-s  auf  die 
Liste  der  Uebelgesinnten  gesetzt  zu  wissen.  Nachdem  er  für 
sein  Volk  und  für  die  Menschheit  gelebt  hatte,  ist  er  noch 
in  der  Blüthezeit  der  vaterländischen  Begeisterung  in  ihrem 
Dienste  gestorben. 

Sein  philosophisches  System  ist  schon  längst  von  jüngeren 
und  reiferen  Leistungen  überholt  Auch  seine  politischen 
Theorieen  werden  so,  wie  er  sie  aufgestellt  hat,  keinen  An- 
hänger mehr  zählen.  Aber  noch  lange  Jahre  wird  man  auch 
da,  wo  man  ihm  widersprechen  muss,  und  vielleicht  da  gerade 
am  meisten,  von  ihm  lernen  können,  und  wenn  der  Schrift- 
steller je  vergessen  werden  könnte,  wäre  immer  noch  der 
Mann  werth,  dass  sein  Andenken  stets  auf's  neue  aufgefrischt 
.werde.  Die  Menschen  sind  selten,  welche  das  Gute  so  un- 
verfälscht und  kräftig  wollen,  wie  Fichte;  welche  so  ganz  im 
Aether   der  Idee  leben,    die  Bergluft  der  Freiheit   so   rein 

Zeller,  Vorträge  und  Abhandl.  ]^3 


'  -  :    .j:i'^jß 


'  '* 

I 


194  Johann  Gk>ttlieb  Fichte  als  Politiker. 

athmen;  welche  sich  einer  Sache  so  rückhaltslos  hinzugeben, 
so  rastlos  in  ihrem  Dienst  zu  arbeiten,  so  furchtlos  für  sie 
einzustehen  die  Willensstärke  besitzen.  Mit  einem  solchen  in 
Berührung  zu  treten,  darf  niemand  bereuen,  und  wer  immer 
ihn  unbefangen  auf  sich  wirken  lässt,  der  wird  schliesslich, 
wenn  er  von  innerer  Noth  oder  von  äusserer  Gewalt  bedrängt 
ist,  mit  den  Worten  des  Dichters  dankbar  und  gekräftigt  aus- 
rufen können:  „Weg  die  Fessehi!  Deines  Geistes  hab'  ich 
einen  Hauch  verspürt". 


8. 

Friedrich  Schleiermaoher. 

Zum  zwölften  Febroar. 


Der  zwölfte  Februar  hat  zweimal  in  diesem  Jahrhundert 
der  deutschen  Wissenschaft  Männer  von  epochemachender 
Grösse  geraubt.  Den  12.  Februar  1804  starb  Immanuel 
Kant;  an  demselben  Tage,  dreissig  Jahre  später,  Friedrich 
Schleiermacher.  Der  eine  ist  der  Beformator  unserer 
Philosophie,  der  andere  der  unserer  Theologie ;  und  beide  sind 
diess  auf  analogem  Wege  geworden,  und  nehmen  zu  ihren 
Vorgängern  und  Nachfolgern  eine  analoge  Stellung  ein.  Wie 
Kant  die  Philosophie  seiner  Zeit  z\nschen  der  leibniz-wolffi- 
schen  Metaphysik  und  dem  englisch-französischen  Empirismus 
getheilt  fand,  so  fand  Schleiermacher  die  Theologie  zwischen 
Supranaturalismus  und  Rationalismus  getheilt.  Wie  jener  den 
Streit  der  philosophischen  Standpunkte  auf  kritischem  Wege,  — 
durch  Bestimmung  der  Grenzen,  innerhalb  deren  jeder  von 
beiden  berechtigt  sei,  und  des  Beitrags,  den  jeder  für  unser 
Erkennen  leiste,  —  zu  schlichten  suchte:  so  sehen  wir  auch 
diesen  bemüht,  die  richtige  Mitte  zwischen  Supranaturalismus 
und  Rationalismus,  zwischen  der  „mystischen"  und  der  „em- 
pirischen" Auffassung  des  Christenthums ,  zwischen  „Doketis- 
mus"  und  „Ebjonitismus",  „Manichäismus"  und  „Pelagianismus" 
zu  finden,   indem  er  untei-sucht,  inwieweit  jedes  von  diesen 

13* 


r 


196  Friedrich  Schleiermacher. 

Elementen  berechtigt ,  in  welcher  Weise  und  in  welchem  Mass 
es  durch  das  entgegengesetzte  zu  beschränken  und  zu  er- 
gänzen sei.  Wie  aber  bei  Kant  diese  kritische  Scheidung 
und  Verknüpfung  der  philosophischen  Piincipien  dadurch  be- 
dingt ist,  dass  er  sie  auf  das  menschliche  Selbstbewusstsein^ 
als  ihre  einheitliche  Wurzel,  zurückführt,  so  erkannte  Schleier- 
macher in  dem  religiösen  Bewusstsein  die  Quelle,  auf  welche 
alle  dogmatischen  Vorstellungen  und  Standpunkte  zurückzu- 
führen sind ,  die  Norm ,  an  dey  ihre  Wahrheit  und  Geltung 
zu  messen  ist  Auch  daiin  gleichen  sich  endlich  die  beiden 
Männer,  dass  ihre  geschichtliche  Bedeutung  weit  über  die 
Grenzen  ihrer  Systeme  und  Schulen  hinausgeht.  Wie  Kant's 
ächteste  Schüler  nicht  diejenigen  gewesen  sind,  welche  beim 
kantischen  Eriticismus  als  solchem  stehen  blieben,  sondern 
die,  welche  ihn  über  sich  hinaus  fortbildeten,  nicht  die  Schulze, 
Jacob ,  Kiesewetter  u.  s.  w.,  sondern  die  Reinhold,  Fichte, 
Schelling  und  Hegel:  so  ist  auch  Schleiermacher  nicht  von 
denen  am  gründlichsten  verstanden  worden,  und  er  hat  nicht 
durch  die  am  bedeutendsten  gewirkt,  welche  an  den  Formeln 
seiner  Dogmatik  festhielten,  sondern  weit  mehr  durch  die- 
jenigen, welche  diese  mit  aller  Schärfe  geprüft,  die  Wider- 
sprüche in  seinem  System  aufgedeckt,  die  unvereinbaren  Be- 
standtheile  desselben  zersetzt,  seinen  Buchstaben  durch  seinen 
Geist  widerlegt,  und  ebendamit  auch  seinen  Geist  weiter,  als 
Schleiermacher  selbst  es  vermocht  hatte,  entwickelt  haben. 
Und  wie  Kant  nicht  blos  die  Philosq)hie,  sondern  di^  -ganze 
Bildung  des  deutschen  Volkes,  sein  wissenschaftliches,  sitt- 
liches und  religiöses  Leben,  mit  neuen  geistigen  Kräften  be- 
fruchtet hat,  so  geht  auch  Schleiermachers  Einüuss  so  wenig, 
als  der  Werth  imd  Gehalt  seiner  Persönlichkeit,  in  seinem 
dogmatischen  System  auf. 

Schleiermacher  war  nicht  allein  der  grösste  Theologe, 
welchen  die  protestantische  Kirche  seit  der  ßeformationszeit 
gehabt  hat;  nicht  allein  der  Kirchenmann,  dessen  grosse  Ge- 
danken über  die  Vereinigung  der  protestantischen  Bekennt- 
nisse, über  eine  fi-eiere  Kirchenverfassung,  über  die  Rechte 


Friedrich  Schleiermacher.  197 

der  Wissenschaft  und  der  religiösen  Individualität  trotz  alles 
Widerstandes  sich  durchsetzen  werden,  und  eben  jetzt  aus 
tiefer  Verdunklung  sich  auf's  neue  zu  erheben  begonnen  haben; 
idcht  allein  der  geistvolle  Prediger,  der  hochbegabte,  tief 
wirkende,  das  Herz  durch  den  Vei-stand  imd  den  Verstand 
durch  das  Herz  bildende  Religionslehrer:  Schleiermacher  war 
auch  ein  Philosoph,  der  ohne  geschlossene  Systemsform  doch 
die  fruchtbarsten  Keime  ausgestreut  hat;  ein  Alterthumsfor- 
«eher,  dessen  Werke  für  die  Kenntniss  der  griechischen  Philo- 
sophie von  epochemachender  Bedeutung  sind;  ein  Mann  end- 
Mch,  der  an  der  staatlichen  Wiedergeburt  Preussens  und 
Deutschlands  redlich  mitgearbeitet,  der  im  persönlichen  Ver- 
kehr auf  unzählige  anregend,  erziehend,  belehrend  eingewirkt, 
der  in  vielen  ein  ganz  neues  geistiges  Leben  wach  gerufen  hat. 

Eine  so  vielseitige  Individualität  lässt  sich  noch  weniger, 
als  jede  andere,  mit  einer  allgemeinen  Formel,  welche  es  auch 
sei,  umfassen:    sie  lässt  sich  nur  geschichtlich,  aus  der  Ge-  , 
sammtheit  der  Bedingungen,  unter  denen  sie  sich  entwickelt 
hat,  verstehen. 

Was  uns  nun  an  dieser  Individualität  vor  allem  entgegen- 
tritt, das  ist  eine  in  ihrer  Art  einzige  Verbindung  entgegen- 
gesetzter und  scheinbar  widersprechender  Eigenschaften.  Neben 
einer  vielseitigen  Empfänglichkeit  eine  haarschaii  ausgeprägte 
EigenthümUchkeit ;  neben  einem  tiefen,  leicht  erregbaren  und 
feinen,  allem,  was  den  Menschen  ergreifen  kann,  offenstehenden 
Gefühl  ein  eindringender,  zersetzender  Verstand;  neben  einer 
lebendigen,  wannen,  oft  fast  überschwänglichen  Begeisterung 
€ine  immer  wache,  selbstbewusste,  jeden  Schritt  seines  inneren 
Lebens  begleitende  Reflexion;  neben  einer  rastlosen,  viel- 
geschäftigen Beweglichkeit  ein  fest  zusammengefasster ,  mit 
ruhiger  Sicherheit  in  sich  beharrender  Wille.  Wir  müssen 
annehmen,  dass  diese  Eigenschaften  schon  ursprünglich  in 
Schleieimachers  Natur  angelegt  waren,  auch  noch  ehe  er  sie 
durch  die  Arbeit  und  Erfahrung  seines  Lebens  zum  Charakter 
entwickelt  hatte ;  wogegen  ihm  manche  sonstige  Begabung  ohne 
Zweifel  von  Anfang  an  in  geringerem  Masse  verliehen  war. 


'  19g  Friedrich  Schleiermacher. 

Um  z.  B.  ein  Dichter  oder  ein  Künstler  zu  werden,  hätte  er 
mit  einer  reicheren  Fülle  der  anschauenden  Phantasie,  mit 
mehr  Unmittelbarkeit  und  weniger  Beflexion  ausgerüstet  sein 
müssen ;  so  wie  er  war ,  konnte  er  wohl  wissenschaftliche  und 
rednerische,  aber  keine  dichterischen  Kunstwerke  hervorbringen. 
Zu  dieser  Naturanlage  kommen  sodann  die  mannichfachen 
Einwirkungen  der  Lebens-  und  Bildungsverhältnisse ,  die 
Schleiermacher  durchlief.  Die  verständige  Liebe  seiner  Mutter^ 
die  strenggläubige  und  doch  von  der  kantisch^n  Philosophie 
nicht  unberührt  gebliebene  Denkwelse  des  Vaters,  die  sitt- 
liehe  Tüchtigkeit  beider  konnte  schon  in  dem  Knaben  einen 
guten  Grund  legen.  Die  Brüdergemeinde,  der  er  von  Hause 
aus  angehörte,  und  deren  Erziehungsanstalten  ihn  beim  ersten 
Beginn  des  Jünglingsalters  aufnahmen,  hat  auf  die  Entwicke- 
lung  seines  religiösen  Gefühls  so  nachhaltig  eingewirkt,  dass 
er  selbst  nodi  in  späteren  Jahren  sich  als  einen  „Hermhuter 
.höherer  Ordnung"  bekennen  konnte;  zugleich  lernte  er  aber 
auch  hier  durch  eigene  schwere  Erfahrung  die  Fesseln  kennen, 
in  welche  eine  engherzige,  weltscheue  Frömmigkeit  einen 
höher  strebenden  Geist  schlägt.  Dass  er  diese  Fesseln  zer- 
sprengte ,  dass  sich  bald  nach  dem  Beginn  seines  neunzehnten 
Lebensjahres  sein  Austritt  aus  der  Biildergemeinde  entschied, 
diess  hatte  er  nächst  dem  eigenen  Nachdenken  hauptsächlich 
den  Anregungen  zu  verdanken,  mit  welchen  das  klassische- 
Alterthum  seinen  empfänglichen  Geist  befruchtete;  und  auch 
füi-  seine  weitere  Entwickelung  waren  die  Alten,  und  Plato 
vor  allen,  dem  er  in  so  mancher  Hinsicht  wahlverwandt  ist, 
von  der  eingreifendsten  Bedeutung.  Dazu  kamen  weiter  die 
neueren  Philosophen,  Leibniz  und  Spinoza,  imd  späterhin 
Schelling,  Kant,  Fichte  und  Jacobi,  während  er  gleichzeitig 
als  Theolog  den  kiitischen  Geist  eines  Lessing  und  Semler  in 
sich  aufnahm.  In  der  Folge  -^  seit  dem  Jahre  1797  —  trat 
er  mit  F.  Schlegel  und  den  Freunden  desselben  in  einen  Ver- 
kehr, dessen  Spuren  nicht  blos  in  dem  hervortreten,  was  an 
Schleiermachers  ethischer  und  religiöser  Weltansicht  romantisch 
zu  nennen  ist,   sondern  auch  in  dem  Ernst,   mit  dem  er  die 


Friedrich  Scbleiermacher.  199 

VeriiTungen  der  Eomantik  in  sich  selbst  niedergekämpft,  und 
ihre  phantastischen  Neigungen  durch  klare  Verständigkeit 
überwunden  hat.  Nehmen  wir  dazu  die  wissenschaftlichen 
Studien  des  Theologen,  die  Anfordeioingen  und  Bückwirkungen 
des  Predigtamts,  welchem  sich  Schleiermacher  von  Anfang  an 
aus  eigenem  Bedürfhiss,  mit  Liebe  und  Eifer  gewidmet  hat;, 
schlagen  wir  auch  jene  vielen  und  theilweise  sehr  engen  per- 
sönlichen Verbindungen  nicht  zu  gering  an,  die  er  namentlich 
mit  geist-  und  gemüthvoUen  Frauen  unterhielt,  so  werden 
wir  uns  eine  ungefähre  Voi-stellung  von  den  Bildungsstoflfen 
machen  können,  welche  der  vielseitige  Mann  in  sich  ver- 
arbeitet, von  den  Elementen,  deren  vereinigte  Wirkung  ihn 
gezeitigt  hat. 

Hier  soll  jedoch  dieser  Bildungsprocess  *)  nicht  weiter 
verfolgt,  sondern  es  soll  nur  der  Versuch  gemacht  werden,  in 
kurzen  Zügen  ein  Bild  seiner  wissenschaftlichen  Eigen|- 
thümlichkeit  und  seines  Systems  zu  entwerfen. 

In  den  ersten  Zug  dieses  Bildes  werden  sich  nun  auch 
diejenigen  leicht  finden,  welche  bisher  Schleiermachers  wissen- 
schaftliche Bedeutung  nur  von  weitem  beachtet  haben.  Nie- 
mals hat  Schleiermacher  die  religiöse  und  theologische  Grund- 
lage seiner  Bildung  verlassen  oder  verläugnet.  In  jener  Zeit 
der  Zweifel,  da  er  sich  unter  inneren  Wehen  von  der  Brüder- 
gemeinde und  der  überlieferten  Dogmatik  losrang,  dachte  er 
allerdings  daran,  sich  dem  Lehrfach  zu  widmen,  wenn  sich 
seine  Ueberzeugungen  nicht  änderten;  aber  Theologie  wollte 
er  doch  studiren,  schon  um  mit  sich  selbst  in's  reine  zu  kom- 
men, und  als  er  sie  studirt  hatte,  fand  er  keinen  Grund,  sich 
etwas  anderes  als  die  Predigerthätigkeit  zu  wünschen.  A1& 
er  in  Berlin  mit  der  Jüdin  Henriette  Herz  in  täglichem  Ver- 
kehr stand  und  für  F.  Schlegel  schwärmte,  war  er  Prediger 
an  der  Charite;  kurz  vor  den  Briefen  über  die  Lucinde  er- 


*)  Der  uns  jetzt  im  ersten •Theil  von  Dilthey's  Leben  Schleier- 
machers,  so  weit  diess  überhaupt  möglich  war,  nach  den  urkundlichsten 
Quellen  sorgfältig  dargelegt  ist. 


200  Friedrich  Schleiermacher. 

schien  von  ihm  ein  Band  Predigten,  und  mitten  aus  seiner 
romantischen  Periode  heraus  schrieb  er  die  Reden  über  die 
Religion,  mit  der  ausgesprochenen  Absicht,  die  Gebildeten  des 
Jahrhunderts  zur  Frömmigkeit  zurückzuführen.  Diese  Fröm- 
migkeit war  nun  allerdings  damals  weniger  positives  Christen- 
thum,  als  philosophische  Mystik ;  oder  genauer :  das  Christliche 
darin  hatte  sich  auf  die  elementare  Gestalt  des  Gefühls  zu- 
rückgezogen, es  war  ein  Christenthum  ohne  Dogmatik,  und 
selbst  der  Mittelpunkt  des  späteren  schleiermacher'schen  Sy- 
stems, die  Person  Christi,  ist  dem  Redner  noch  keineswegs 
unentbehrlich.  Das  wesentliche  im  Christenthum  ist  ihm  hier 
erst  die  Idee,  dass  alles  Endliche  einer  höheren  Vermittelung 
bedürfe,  um  mit  der  Gottheit  zusammenzuhängen;  von  Christus 
dagegen  heisst  es,  er  habe  sich  nie  für  den  einzigen  Mittler 
ausgegeben,  nie  verlangt,  dass  man  um  seiner  Person  willen 
seine  Idee  annehme,  sondern  umgekehi-t  um  dieser  willen  auch 
jene;  und  demgemäss  erklärt  denn  auch  Schleiermacher  folge- 
richtig, wer  von  demselben  Hauptpunkte  mit  Christus  ausgehe, 
der  sei  ein  Christ,  möge  er  auch  historisch  seine  Religion  aus 
sich  selbst  oder  von  irgend  einem  andern  ableiten;  ob  dem 
Einzelnen  Christus  als  Mittler  genüge,  oder  ob  er  Heilige  als 
solche  neben  ihn  stelle,  oder  sich  selbst  oder  diess  und  jenes 
für  sich  zu  Mittlern  erkläre,  —  das  Princip  sei  acht  christlich, 
so  lange  es  frei  sei.  So  wird  auch  von  den  „heiligen  Schriften" 
gesagt,  sie  seien  Bibel  geworden  aus  eigener  Ki-aft,  aber  sie 
verbieten  keinem  anderen  Buche,  auch  Bibel  zu  sein  oder  zu 
werden.  Und  von  dem  Christenthum  im  ganzen  wird  ver- 
sichert, es  begehre  durchaus  nicht,  die  einzige  Gestalt  der 
Religion  in  der  Menschheit  zu  werden,  es  verschmähe  diese 
beschränkende  Alleinherrschaft,  es  würde  gern  andere  und 
jüngere ,  wo  möglich  kräftigere  und  schönere  Gestalten  der 
Religion  neben  sich  hervorgehen  sehen.  Aber  dennoch  sind 
diese  Reden  nicht  allein  vom  Geist  der  Frömmigkeit,  sie  sind 
auch  vom  Geist  des  Christenthum«  durchdrungen.  Hat  auch 
die  Person  Christi  hier  noch  nicht  die  gleiche  Bedeutung  für 
Schleiermacher  gewonnen,  wie  später,  so  ist  es  doch  im  übrigen 


Friedrich  Schleiermacher.  201 

nicht  schwer,  die  leitenden  Gedanken  seiner  Dogmatik  schon 
in  den  Reden  zu  erkennen:  das  absolute  Abhängigkeitsgefühl, 
den  Gegensatz  der  Sünde  und  Gnade,  die  allgemeine  Erlösungs- 
bedürftigkeit, die  Nothwendigkeit  der  religiösen  Gemeinschaft, 
den  Determinismus  und  zugleich  den  Universalismus  der  Er- 
wählungslehre.  Schleiermacher  ist  selbst  in  seiner  romantischen 
Periode  wesentlich  Theolog  imd  zwar  christlicher  Theolog. 

Seine  Theologie  hat  aber  freilich  einen  anderen  Charakter 
als  die  der  gewöhnlichen  Theologen.  Die  Religion ,  so  wie  er 
sie  auffasst,  hat  es  nicht  mit  einem  besonderen  Gebiete  neben 
anderen  zu  thun;  die  Beziehung  des  Menschen  zur  Gottheit 
betrifft  nicht  blos  einen  Theil  seiner  Lebensthätigkeiten ,  so 
dass  sie  andere  ausser  sich  hätte,  sondern  das  Ganze:  alle 
gesunden  Gefühle  sind  religiöse,  alles,  was  der  Mensch  thut, 
und  alles,  was  ihm  widerfährt,  kann  und  soll  unter  den  reli- 
giösen Gesichtspunkt  gestellt  werden,  seine  ganze  Persönlich- 
keit soll  vom  Geist  der  Frömmigkeit  durchdrungen,  eben 
desshalb  aber  auch  schlechterdings  nichts,  was  in  den  Bereich 
seines  persönlichen  Lebens  fällt,  vom  Gebiet  der  Religion  aus- 
geschlossen sein.  Der  Gegensatz  des  Religiösen  und  Nicht- 
religiösen,  des  Geistlichen  lind  Weltlichen,  des  Christlichen 
und  Nichtchristlichen  liegt  nach  Schleiermacher  nicht  in  den 
Gegenständen,  sondern  nur  in  der  Art,  wie  wir  sie  behandeln, 
und  nur  der  Mangel  an  wahrer  Frömmigkeit,  nur  eine  un- 
fi-omme  Engherzigkeit  kann  uns  einzelnes  als  ein  solches 
erscheinen  lassen,  was  mit  unserem  religiösen  Leben  in  keinem 
Zusammenhang  stände  und  einer  religiösen  Auffassung  un- 
würdig oder  unfähig  wäre.  Auch  der  Theolog  wird  sich  daher 
nicht  darauf  beschränken  dürfen,  sein  besonderes  Fach  als 
ein  besonderes  zu  betreiben;  seine  höhere  Aufgabe  wird  viel- 
mehr gerade  darin  bestehen,  dass  er  die  Religion,  in  richtiger 
Erkenntniss  ihres  Wesens,  in  alle  Beziehungen  des  mensch- 
lichen Lebens  einführe;  dass  er  alles  Wirkliche  in  ihrem  Lichte 
betrachte;  dass  er  die  religiöse  Idee  zu  einer  umfassenden 
Weltanschauung  entwickle.  Die  Theologie  darf  sich,  mit 
Einem  Wort,  auf  diesem  Standpunkt  mit  der  sonstigen  Wissen- 


202  Friedrich  Schleiermacher. 

Schaft  und  Bildung  nicht  blos  nicht  in  Widerspruch  setzen, 
sondern  sie  muss  dieselbe  auf's  umfassendste  in  sich  auf- 
nehmen ;  und  hat  sie  es  zunächst  freilich  nur  mit  dem  reli- 
giösen Leben  zu  thun,  gehören  insofern  philosophische,  natur- 
wissenschaftliche, philologische,  historische  Untersuchungen  als 
solche  nicht  in  ihren  Bereich,  so  darf  doch  dem  Theologen 
keines  von  diesen  Gebieten  fremd  bleiben,  weil  er  sonst  un- 
möglich der  Aufgabe  genügen  könnte,  alles  Menschliche 
religiös  zu  behandeln :  nur  die  vielseitigste  Bildung  macht  eine 
Theologie,  wie  sie  Schleiermacher  verlangt,  möglich. 

Diese  Grundsätze  wurzeln  tief  in  Schleiermachers  Natur 
und  Entwicklung.  Ein  so  beweglicher,  ftür  die  mannichfaltigsten 
Anregungen  so  empfänglicher  Geist  konnte  sich  nicht  in  der 
herkömmlichen  Weise  auf  ein  Fachstudium  beschränken;  eine 
so  einheitlich  angelegte,  so  fest  in  sich  geschlossene  Indivi- 
dualität konnte  ebensowenig  die  verschiedenen  Bildungselemente^ 
welche  sie  in  sich  au&ahm,  zusammenhangslos  neben  einander 
liegen  lassen,  ohne  sie  auf  einen  bestimmten  inneren  Einheits- 
punkt zu  beziehen.  Dass  aber  dieser  Einheitspunkt  für  ihn 
die  Religion  war,  dass  er  dieser  „Virtuose  der  Frömmigkeit ** 
wurde,  der  er  gewesen  ist,  dafür  wirkte  sein  ganzer  Bildungs- 
gang mit  seiner  Naturanlage  zusammen.  War  er  doch  gerade 
in  den  entscheidenden  Jahren  des  Uebergangs  vom  Knaben 
zum  Jüngling  Zögling  einer  Gemeinde,  welche  alles  in  der 
Welt,  kleines  und  grosses,  aus  religiösen  Gesichtspunkten  zu 
betrachten  und  unmittelbar  auf  den  göttlichen  Willen  zurück- 
zuführen gewohnt  war,  in  welcher  das  religiöse  Gefühlsleben 
mit  einseitiger  Innigkeit  gepflegt  wurde;  war  ihm  doch  später 
dui-ch  seine  Theologie  und  sein  Predigtamt  fortwährend  die 
Aufforderung  gegeben,  an  allem  die  religiösen  Beziehungen 
hervorzukehren.  Schleiermacher  ist  der  religiösen  Weltansicht, 
welche  ihn  in  seiner  Jugend  beherrscht  hatte,  auch  als  Mann 
treu  geblieben,  aber  er  hat  sie  weit  über  die  Schranken  hinaus 
erweitert,  innerhalb  deren  er  sich  damals  bald  so  beengt  fühlte. 
Die  Religion  blieb  ihm  eine  Sache  des  Gefühls,  wie  sie  ihn 
zuerst  in  der  Gestalt  eines  fi-ommen  Gefühlschristenthums  tiefer 


Friedrich  Schleiennacher.  203^ 

ergriflfen  hatte ;  aber  statt  sich  auf  den  engen  Kreis  der  hei-m- 
hutischen  Theologie  zu  beschränken,  schloss  sich  sein  religiösem 
Gefühl  mit  der  umfassendsten  Empfänglichkeit  der  Welt  auf, 
um  sich  von  allem  zu  nähren,  was  sich  ihm  grosses  und  schönes 
darbot.  Er  fuhr  fort,  alle  Dinge  und  alle  Lebenserfahrungen 
der  religiösen  Auffassung  zu  unterwerfen,  wie  er  es  als  Herrn- 
huter  gethan  hatte;  aber  jetzt  nicht  mehr,  indem  er  den 
fremdartigen  Masstab  einer  positiven  Dogmatik  an  sie  anlegte» 
sondern  indem  er  mit  freiem  Sinn  gerade  in  ihrer  eigenthüm- 
lichen  Natur  ihre  religiöse  Bedeutung  erkannte.  Er  wollte 
Christ  sein,  aber  eben  nur  indem  er  Mensch  sei:  das  Christ- 
liche war  ihm  nicht  mehr  ein  besonderes  neben  dem  allge- 
mein Menschlichen,  sondern  dieses  selbst  in  seiner  höchsten 
Vollendung.  Ebendamit  erweiterte  sich  aber  seine  Theologie 
zur  Philosophie,  und  es  waren  ihm  nicht  allein  für  sein  theo- 
logisches System,  sondern  auch  unmittelbar  für  sich  selbst, 
und  insbesondere  für  die  Reinigung,  die  Erweiterung  und  die 
Stärkung  seines  religiösen  Lebens,  die  allgemein  wissenschaft- 
lichen Untersuchungen  unentbehrlich,  denen  er  einen  so  be- 
deutenden Theil  seiner  Geisteskraft  gewidmet  hat. 

Wollen  wir  nun  etwas  genauer  auf  Schleiermachers  Phi- 
losophie eingehen,  so  müssen  wir  vor  allem  die  verschieden- 
ai-tigen  Bestandtheile  unterscheiden,  die  sich  in  ihr  durch- 
dringen. So  viel  auch  die  Philosophip  dem  seltenen  Mann  zu 
verdanken  hat:  ihm  selbst  war  sie  doch  weder  die  einzige 
noch  die  höchste  Lebensaufgabe.  Für  ihn  handelte  es  sich 
weit  weniger  darum,  ein  philosophisches  System  aus  Einem 
Guss  zu  gestalten,  als  sich  selbst  durch  Philosophie  zu  bilden,, 
und  eine  wissenschaftliche  Grundlage  für  seine  Theologie  zu 
gewinnen:  er  ist  als  Philosoph  Eklektiker,  wenn  auch  einer 
der  geistreichsten  und  selbständigsten  Eklektiker,  die  es  ge- 
geben hat.  Näher  sind  es  drei  oder  vier  Elemente,  die  seiner 
philosophischen  Weltansicht  zu  Grunde  liegen. 

Zuerst  jener  Pantheismus,  der  unserem  Theologen 
schon  frühe ,  trotz  aller  Protestationen ,  den  Vorwurf  des  Spi- 
nozismüs  zugezogen  hat.    Und  der  Sache  nach  nicht  mit  Un- 


V 


204  Friedrich  Schleiermacher. 

recht,  so  viel  Missverstand  auch  im  einzelnen  mitunterlief, 
^ott  und  die  Welt  sind  nach  Schleiermacher  nur  vei*schiedene 
Ausdrücke  für  den  gleichen  Werth:  Gott  ist  das  Eine  gegen- 
satzlose Wesen  aller  Dinge ;  dasselbe  Wesen,  in  der  Gesammt- 
heit  der  Erscheinungen  sich  darstellend,  ist  die  Welt;  und  es 
kann  desshalb  weder  Gott  ohne  die  Welt,  noch  die  Welt  ohne 
Gott  gedacht,  es  kann  auf  keiner  von  beiden  Seiten  etwas 
anderes,  als  die  unabänderliche  Nofhwendigkeit  des  Absoluten, 
angenommen  werden.  Gott  ist  nicht  ein  allmächtiger  Wille 
ausser  und  über  der  Welt,  der  nach  freiem  Belieben  in  sie 
eingreift,  er  ist  nur  das  unendliche  Wesen  der  Welt  selbst; 
Schleiermacher  hat  nicht  blos  die  Mehrheit  göttlicher  Eigen- 
schaften, nicht  blos  die  Unterschiede  des  Wissens  und  Wollens, 
des  Könnens  und  des  VoUbringens ,  des  Möglichen  und  des 
Wirklichen  für  Gott  geläugnet:  er  hat  in  der  Persönlichkeit 
Gottes  auch  die  Grundvoraussetzung  des  gewöhnlichen  Theis- 
mus, mit  einer  für  jeden,  der  sehen  will,  unverkennbaren 
Bestimmtheit  bestritten.*)  Er  glaubt  auch  an  keine  zeitliche 
Weltschöpfung,  also  überhaupt  an  keine  Weltentstehung;  er 
glaubt  nicht,  dass  der  göttliche  Wille  den  Naturzusammenhang 
durch  Wunder  durchbreche,  oder  der  menschliche  durch  seine 
Freiheit  über  das  Gesetz  der  Naturnothwendigkeit  sich  erhebe; 
«r  erwartet  von  der  Vorsehung  keine  Abänderung  des  Welt- 
laufes, weil  sie  eben  nur  das  Naturgesetz  selbst  ist,  und  er 
bestreitet  aus  diesem  Grunde  z.  B.  die  Meinung,  als  ob  das 
Gebet  eine  andere  Wirkung  haben  könnte,  als  die  innere  auf 
das  Gemüth  des  Betenden;  er  kennt,  als  Philosoph,  keine 
Fortdauer  des  Einzelnen  nach  dem  Tode,  und  beim  Verlust 
seines  liebsten  Freundes  weiss  er  der  trostbedürftigen  Witwe 


*)  Eine  eingehende  Erörterung  über  diesen  Punkt  der  schleiennacher'- 
schen  Theologie  findet  sich  in  meiner  Abhandlung :  Erinnerung  an  Schleier- 
machers Lehre  von  der  Persönlichkeit  Gottes,  Theol.  Jahrb.  I,  263  ff. 
Unter  den  seitdem  erst  bekannt  gewordenen  Aeusserungen  des  Theologen 
vgl.  m.  namentlich  die  in  dem  Brief  an  Jacobi  in  Schleierm.  Leben  in 
Briefen  ü,  844. 


-_r^  i-c 


Friedrich  Schleiermacher.  20^ 

(seiner  späteren  Frau)  nur  zu  sagen,  dass  es  keinen  Unter- 
gang für  den  Geist  gebe ,  das  persönliche  Leben  aber  sei  ja, 
nicht  das  Wesen  des  Geistes,  es  sei  nur  eine  Erscheinung^ 
Es  ist  nach  Schleiermacher  Ein  unverbrüchliches  Band  des 
Naturzusammenhanges ,  das  alles  umschliesst ;  der  Einzelne  ist 
nur  ein  Moment  dieses  Ganzen ;  jedes  ist  so,  wie  es  an  seinem 
Ort  im  Ganzen  sein  muss,  und  jedes  wirkt  so,  wie  es  wirken 
muss;  von  Einem  Punkt  aus  entwickelt  sich  alles  mit  unbe- 
dingter  Nothwendigkeit,  und  auch  das,  was  uns  hässlich,  ver- 
derblich und  schlecht  scheint,  kann  im  Weltganzen  nicht  fehlen  r' 
die  UnvoUkommenheiten  des  Einzelnen  gehören  zur  Vollkom- 
menheit des  Ganzen,  die  unendliche  Ursächlichkeit  Gottes 
kann  nur  in  der  unendlichen  Mannichfaltigkeit  der  endlichen 
Dinge  sich  darstellen,  die  eben  desshalb  alle  Stufen  der  Voll- 
kommenheit, von  der  niedrigsten  bis  zur  höchsten,  einnehmen 
müssen;  nur  aus  den  vielen  verschiedenen  Tönen  entsteht  die 
Harmonie  des  Universums,  und  keiner  von  ihnen  kann  fehlen,. 
keiner  anders  sein,  wenn  die  Welt  das  sein  soll,  was  sie  ist, 
die  mangellose  Oflfenbarung  der  göttlichen  Vollkommenheit. 
Es  ist  diess  allerdings  nicht  reiner  Spinozismus,  denn  das 
spihozistische  ist  bei  Schleiermacher  vielfach  gemildert,  belebt 
und  idealisirt,  und  es  haben  auch  bei  der  Bildung  dieser 
Ansichten  noch  andere  Factoren  mitgewirkt:  einerseits  der 
religiöse  Vorherbestimmungsglaube  der  reformirten  Dogmatik 
und  der  ergebungsvolle  Vorsehungsglaube  der  Hermhutery 
andererseits  die  ästhetische  Weltanschauung  der  Griechen, 
deren  hauptsächlichster  Ausleger  für  Schleiermacher  Plato  ge- 
wesen ist,  und  das  leibmzische  System,  in  das  ihn  schon  wäh- 
rend seiner  Studienzeit  Eberhard  einführte,  mit  seiner  Lehre 
von  der  prästabilirten  Harmonie  aller  Dinge,  der  Nothwendig- 
keit alles  Geschehens  und  der  Vollkommenheit  der  Welt,  in 
der  diese  Nothwendigkeit  sich  verwirklicht.  Aber  die  Grund- 
gedanken gehören  unläugbar  Spinoza,  oder,  wenn  man  lieber 
will,  der  Weltansicht  an,  welcher  unter  den  neueren  Denkern 
Spinoza  zum  schärfsten  und  rückhaltlosesten  Ausdruck  ver- 
helfen hat. 


r-^^: 


^06  Friedrich  Schleiermacher. 

Mit  diesem  Pantheismus  verknüpft  sich  nun  aber  bei 
Schleiermacher  ein  zweites  Element,  welches  nach  Ursprung 
und  Charakter  von  jenem  weit  abliegt,  —  der  kantische 
Xriticismus.  Er  selbst  sagt  uns  in  den  Briefen,  dass  er 
Xant  eifrig  studirt  habe,  und  auch  wenn  er  es  uns  nicht  sagte, 
würde  ein  Blick  auf  seine  Schiiften,  und  namentlich  auf  seine 
„Dialektik"  uns  davon  überzeugen.  Was  in  diesen  Vorlesun- 
gen über  die  Entstehung  unserer  Vorstellungen  und  die  Gren- 
zen unseres  Wissens  gesagt  ist,  das  lautet  so  kantisch,  dass 
«ich  neuerdings  hieran  sogar  die  schiefe  Behauptung  ansdüies- 
sen  konnte,  Schleiermacher  sei  in  der  Hauptsache  nichts  an- 
deres, als  ein  Kantianer.  „Vermittelst  der  Sinnlichkeit,  hatte 
Kant  gesagt,  werden  uns  Gegenstände  gegeben,  durch  den 
Verstand  werden  sie  gedacht,  alles  Denken  aber  muss  sich 
jzuletzt  auf  Anschauungen,  mithin  auf  Sinnlichkeit  beziehen ''; 
und  er  hatte  hieraus  geschlossen,  dass  uns  von  dem  unsinn- 
lichen Wesen  der  Dinge,  oder  dem  „Ding  an  sich",  keiije 
Vorstellung  möglich  sei;  denn  gegeben  seien  uns  die  Dinge 
immer  nur,  wie  sie  sich  unserer  sinnlichen  Anschauung  dar- 
stellen, mithin  als  Erscheinung:  nur  an  der  Erscheinung  habe 
daher  unser  Denken  einen  Inhalt;  sobald  wir  dagegen  über 
die  Erscheinung  hinausgehen ,  bewegen  wir  uns  nur  in  leeren 
Begriffen,  von  denen  wir  nie  wissen  können,  ob  und  wie  viel 
ihnen  Sein  entspreche.  Ganz  ähnlich  erklärt  Schleiermacher 
in  der  Dialektik,  es  seien  in  allem  Denken  zwei  Functionen 
zu  unterscheiden:  die  organische  und  die  intellectuelle ;  jene 
liefere  den  Denkstoff,  diese  die  Denkform,  jene  bringe  die 
Mannichfaltigkeit  der  sinnlichen  Eindrücke,  diese  die  Einheit, 
Sonderung  und  Bestimmung;  keine  von  beiden  könne  aber 
die  andere  entbehren,  und  wie  die  Mannichfaltigkeit  der  Em- 
pfindung ohne  den  bestimmenden  Gedanken  ein  verworrenes 
Chaos  wäre,  so  wäre  der  Gedanke  ohne  die  Empfindung  eine 
leere  Einheit,  eine  Form  ohne  Inhalt.  Und  wie  Kant  hieraus 
gefolgert  hatte,  dass  sich  das  Ueb ersinnliche  nicht  erkennen 
lasse,  so  folgert  Schleiermacher  das  gleiche  in  Betreff  der 
Gottheit.    Denn  auch  unsere  höchsten  Begriffe  führen  uns  nie 


Friedrich  Scbleiennacher.  207 

über  das  Gebiet  des  gegensätzlichen  Seins  hinaus,  aus  dessen 
Beobachtung  sie  ursprünglich  herstammen;  versuchen  wir  da- 
gegen das  zu  denken,  was  über  allen  Gegensätzen  liegt,  so 
verliere  unser  Denken  allen  Inhalt  und  alle  Bestinmitheit. 
Um  die  Gottheit  zu  denken,  müssten  wir  den  einheitlichen 
Grund  alles  Seins  denken,  eben  diess  können  wir  aber  nicht, 
weil  alle  unsere  Vorstellungen  auf  der  Erfahinmg  ruhen,  die 
uns  immer  nur  ein  besonderes^  getheiltes,  endliches  zeige. 
Das  gleiche  gilt  aber  nach  Schleiermacher  auch  von  dem 
Willen,  welcher  uns  bei  Kant  die  intelligible  Welt  öffiien  sollte, 
die  unserem  Denken  verschlossen  sei.  Wie  sich^eses  immer, 
zwischen  Gegensätzen  bewegt,  so  befindet  sich  auch  jener, 
nach  Schleiermachers  Bemerkung,  immer  im  Zustand  streitiger 
^ Wollungen".  Wir  werden  also  ebenso  auch  über  das  wirk- 
liche Wollen  zu  dem  einheitlichen  Grund  desselben  hinaus- 
getrieben. Hier  müssen  wir  endlich  auch  für  die  Zusammen- 
gehörigkeit des  Seins  mit  dem  Wollen  den  letzten  Grund 
suchen.  Alles  drängt  uns  so  nach  dem  tiefsten  Grund  aller 
Dinge,  nach  der  Gottheit  hin,  und  doch  vermögen  wir  sie 
weder  in  unserem  Denken  noch  in  unserem  Wollen  wirklich 
zu  ergreifen. 

Es  ist  nicht  schwer,  den  Widerspruch  wahrzunehmen,  in 
welchen  sich  Schleiermacher  hiemit  verwickelt.  Wenn  Kant 
das  unsinnliche  Wesen  der  Dinge,  oder  das  „Ding  an  sich" 
für  unerkennbar  gehalten  hatte,  so  hatte  er  sich  dabei  wohl 
gehütet,  irgend  etwas  positives  über  dasselbe  auszusagen.  Er 
hatte  es  für  einen  blos  problematischen  oder  Grenzbegiiff 
erklärt,  mit  dem  wir  eben  nur  den  Punkt  bezeichnen,  über 
den  uns  unsere  Vernunft  nicht  hinausführe.  Anders  Schleier- 
macher. Dass  die  Gottheit  für  uns  unerkennbar,  ein  Ding 
an  sich  sei,  diess  schliesst  er  nicht  einfach  aus  der  Analyse 
unseres  Erkenntnissvermögens  als  solcher,  sondern  aus  der 
Beschaffenheit  der  Begriffe,  welche  es  uns  liefert;  er  sagt 
nicht :  in  dem  Gebiete  unseres  Denkens  findet  sich  der  Gottes- 
begriff nicht  vor,  sondern  er  sucht  zu  zeigen,  dass  unsere 
höchsten  Begriffe  der  Gottesidee   nicht  entsprechen.     Indem 


208  Friedricli  Schleiermacher. 

er  also  läugnet,  dass  wir  einen  Begriff  von  Gott  haben,  setzt 
er  zugleich,  als  Masstab  seines  Urtheils,  einen  bestimmten 
Gottesbegriff  voraus.  Und  so  haben  wir  ja  auch  gesehen,  dass 
es  eine  sehr  ausgesprochene  Gottesidee,  die  spinozistische,  ist, 
welche  er  seiner  Theologie  zu  Grunde  legt. 

Wie  weiss  er  nun  aber  diesen  Widerspruch  zu  lösen ,  wie 
den  Verzicht  auf  eine  spekulative  Gotteserkenntniss  mit  seiner 
eigenen  theologischen  Spekulation  zu  vereinigen  ?  Die  Antwort 
liegt  für  ihn  in  der  eigenthümlichen  Bedeutung,  welche  er 
der  Persönlichkeit  beilegt.  Wie  er  selbst  eine  scharf  und 
fest  ausgeprägte  Individualität  war,  so  nimmt  auch  in  seinem 
System  die  Persönlichkeit  eine  beherrschende  Stellung  ein; 
wie  er  in  sich  selbst  das  verschiedenartigste  zur  persönlichen 
Lebenseinheit  verknüpfte,  so  ist  es  auch  hier  die  Persönlich- 
keit, welche  die  auseinanderstrebenden  Elemente  seiner  Welt- 
ansicht zusammenhält;  wie  er  aber  für  sein  persönliches  Da- 
sein, je  vielseitiger  es  sich  ausbreitet,  nur  um  so  mehr,  in  der 
frommen  Anlehnung  an  ein  Höheres  und  der  sittlichen  Unter- 
ordnung unter  ein  allgemeines  Gesetz  den  festen  Halt  sucht, 
so  kennt  auch  sein  System  keine  Persönlichkeit,  welche  nicht 
eine  Erscheinung  des  unendlichen  Geistes,  und  welche  nicht 
ebendesswegen  den  ihr  eingeborenen  Keim  des  Göttlichen  zur 
sittlichen  That  und  zum  Charakter  zu  entwickeln  bestimmt 
wäre.  Jede  Person  ist  eine  eigenthümliche  und  ursprüngliche 
Darstellung  der  unendlichen  Vernunft,  ein  nothwendiges  Er- 
gänzungsstück zur  vollkommenen  Anschauung  der  Menschheit, 
ein  Compendium  der  ganzen  menschlichen  Natur,  ja  des  Uni- 
versums. Es  kann  daher  nicht  von  uns  gefordert  werden, 
dass  wir  unsere  Individualität  unterdrücken,  sondern  nur,  dass 
wir  sie  in  ihrem  eigenthümlichen  Wesen  frei  ausgestalten, 
dass  wir  das  werden,  was  wir  sind.  Andererseits  aber 
können  wir  diess  nur,  sofern  wir  dem  Beruf  treu  bleiben,  den 
unsere  Stellung  im  Weltganzen  uns  anweist;  denn  der  Einzelne 
ist  das,  was  er  ist,  immer  nur  dadurch,  dass  er  an  diesen  Ort 
des  Ganzen  gestellt  ist,  und  dass  die  Kräfte  des  Ganzen  in 
dieser  bestimmten  Richtung  in  ihm  wirken.   Seiner  individuellen^ 


Friedrich  Schleiermacber.  209      ' 

Natur  folgen  und  dem  allgemeinen  Gesetz  folgen,  bedeutet 
für  Schleiermacher  eins  und  dasselbe,  und  gerade  das  ist  der 
grosse  Vorzug  seiner  Ethik-,  gerade  darauf  beruht  nicht  zum 
geringsten  Theil  auch  seine  fruchtbare  Wirkung  als  Prediger 
und  Religionslehrer,  dass  er  die  Rechte  der  Individualität  im 
vollen* Mass  anerkennt,  ohne  doch  darum  der  Strenge  der 
sittlichen  Anforderung  das  geringste  zu  vergeben,  dass  er  bei 
dem  entschiedensten  Widerspruch  gegen*  allen  Eudämonismus 
doch  zugleich  weit  entfernt  ist ,  mit  Kant  an  alle  unter- 
schiedslos den  gleichen  Masstab  anzulegen,  dass  er  das  Sitten- 
gesetz in  die  Individualität  einzuführen,  diese  mit  jenem  zu 
durchdringen,  dass  er  die  Sittlichkeit  nicht  als  abstractes 
Gebot,  sondern  als  lebendige  Kraft,  nicht  als  eine  Unter-  . 
drückung  der  Natur,  sondern  als  ihre  Verklärung  durch  den 
Geist  zu  fassen  weiss.  Man  wird  in  dieser  starken  Betonung 
der  Persönlichkeit  neben  dem  Einflusg  eines  Leibniz  und 
Lessing,  eines  Fichte  und  Jacobi,  auch  den  Charakter 
der  romantischen  Schule  nicht  verkennen.  Dabei  wird  man 
allerdings  nicht  übersehen,  wie  hoch  sich  Schleiermacher  dui'ch 
den  Ernst  seiner  Grundsätze  und  durch  die  wissenschaftliche 
Strenge  seines  Verfahrens  über  die  meisten  von  den  Wort- 
führern der  Romantik  erhebt;  und  man  wird  zur  Erklärung 
dieser  Vorzüge  neben  seiner  eigenen  Tüchtigkeit  auf  alle  die 
Elemente  hinweisen  dürfen,  welche  ihn  vor  einer  einseitigen 
Subjektivität  zu  bewahren  geeignet  waren:  die  tiefe  Frömmig- 
keit, die  ihn  beseelte,  die  grossartige  Selbstlosigkeit  Spinoza^s, 
die  Strenge  der  kantischen  und  fichte'schen  Moral,  den  klas-  • 
sischen  Geist  der  griechischen  Ethik.  Welche  hohe  Stellung 
aber  doch  der  Persönlichkeit  in  seinem  System  zukommt, 
diess  zeigt  sich  vor  allem  an  de;  engen  und  unmittelbaren 
Beziehung,  welche  er  ihr  zum  Gottesbewusstsein  anweist. 

In  der  Persönlichkeit  nämlich  und  im  persönlichen  Selbst- 
b^wusstsein  ist  nach  Schleiermacher  das  gegeben,  was  er  am 
Denken  vermisste,  ein  Organ,  um  das  Unendliche  zu  ergreifen. 
Weder  in  unserem  Wissen  noch  in  unserem  Thun  können 
wir  uns  desselben  bemächtigen,   denn  beide  bewegen  sich  in 

ZeU«r,  Vorträge  und  Abhandl.  24 


210  Friedrich  Schleiermacher. 

GegensätzeB ,  das  böchste  Sein  aber  und  das  höchste  Wissen 
ist  seblecfathin  einfach.  Nur  unsere  Fei'sönlichkeit  selbst,  nur 
inkt  unseres  Wesens,  «elcher  alle  Seiten 
napft,  ist  das  unmittelbare  Abbild  und 
-Stellung  des  unendlichen  Wesens,  das 
ieios  die  Gegens&tze  desselben  in  sich 
daher  in  diese  tiefete  Wurzel  unseres 
zurückgehen,  schauen  wir  in  ihr  das 
s  ursprünglich  gegeben  im  unmittelbaren 
-  im  GefOhl,  und  eben  desshalb  muss 
slich  Sache  des  Gefühls  sein,  weil  wir 
t  in  ein  unmittelbareB  Verhältniss  zu 
Ut  jene  gefOhlsmässige  Auffassung  der 
nhleiermachers  EigenthQmlichkeit  so  tief 
ner  ganzen  Theologie  ihren  Charakter 
mzen  seines  Systems  ihre  wissenschaft- 
Dass  aber  freilich  gerade  hier  ein  wunder 
nn  audi  er  selbst  sich  nicht  ganz  ver- 
wir  auch  nicht  untersuchen,  ob  die 
ausschliesslich,  wie  unser  Theolog  an- 
)esdiränkt  ist,  wollen  wir  auch  manche 
icken,  die  sich  hier  aufdrängt,  so  muss 
lelbst  zugeben,  dass  das,  was  er  das 
wuBstsein  oder  Gefühl  nennt,  in  der 
ein  vorkomme,  dass  wir  uns  unseres  Ich 
immer  uur  in  einer  bestimmten  Thätig- 
mmten  Zustand  bewusst  werden,  dass 
igiöses  Gefühl  nie  für  sieh  allein  einen 
.  in  seinem  wirklichen  Vorkommen  von 
nie>  getrennt  sei,  dass  wir  nicht  den 
en,  das  Gottesbewusstsein  zu  isoliren, 
loses  Brüten  zu  gerathen,  dass  wir  es 
1  dem  frischen  und  lebendigen  Bewusst- 
Auch  diese  Bestimmung  ist  allerdings 
inem  solchen,  welcher  sich  die  Gottheit 
ihne  die  Welt,  und  die  Beligion  nicht 


Friedrich  ScUeiennacher,  211 

getrennt  von  dem  sonstigen  Leben  des  Menschen  zu  denken 
weiss;  aber  fbr  die  obige  Ableitung  des  religiösen  Gefühls  ist 
sie  höchst  gefährlich.  Denn  wenn  wir  den  Begiiff  der  Gott- 
heit in  unserem  Denken  desshalb  nicht  sollen  vollziehen  kön- 
nen, weil  es  nie  aus  dem  Gebiete  der  Gegensätze  herauskomme, 

■ 

so  müsste  das  gleiche  auch  von  unserem  Gefühl  gelten;  auch 
in  ihm  soll  ja  das  Gottesbewusstsein  immer  nur  an  einem 
besonderen  zum  Vorschein  kommen,  welches  ebendamit  auch 
ein  gegensätzliches  sein  muss.  Soll  es  andererseits  an  einem 
solchen  Gottesbewusstsein  genügen,  welches  den  Grund  alles 
Seins  an  einem  anderen  ergreift,  so  haben  wir  dieses  auch  in 
unseren  Begriffen.  Wir  haben  demnach  das  Absolute  in  dem 
einen  Fall  nicht  mehr  und  nicht  weniger,  als  in  dem  andern, 
und  Schleiermacher  selbst  giebt  diess  zu,  wenn  er  in  der 
Dialektik  (S.  152  f.)  die  Behauptung  zurückweist,  dass  die 
Religion  in  dieser  Beziehung  ttber  der  Philosophie  stehe. 
YoUkommenheit  und  UnvoUkommenheit ,  sagt  er,  seien  in 
beiden  gleich  vertheilt,  nur  nach  verschiedenen  Seiten,  und 
der  Philosoph  bleibe  desshalb  nicht  zurück,  weil  er  wolle,  was 
ein  anderer  (der  Religiöse)  nicht  habe.  —  So  bedenklich  aber 
dieses  Zugeständniss  auch  sein  mag:  für  Schleiermachers 
Theologie  und  für  seine  ganze  Weltansicht  ist  die  Bestimmung, 
dass  die  Religion  ausschliesslich  Sache  des  Gefühls  sei,  von 
der  eingreifendsten  Wichtigkeit  Denn  nur  dadurch  wird  es 
ihm  möglich,  ihr  Gebiet  von  dem  wissenschaftlichen  in  der 
Art  zu  scheiden,  dass  er  der  historischen  und  philosophischen 
Kritik  volle  Freiheit  lassen  kann,  ohne  für  die  Religion  selbst, 
für  das  fromme  Gefühlsleben,  von  ihr  zu  fürchten;  nur  darin 
liegt  für  ihn  die  Rechtfertigung  jener  freien  Universalität, 
welche  die  Religion  an  keinen  einzelnen  Gegenstand,  an  keine 
bestimmte  Form  oder  Formel  gebunden  sieht,  sondern  jedes 
gesunde  Gefühl  und  alles,  was  ein  gesundes  Gefühl  in  uns 
hervorrufen  kann,  in  ihren  Bereich  mit  aufnimmt;  und  wenn 
es  allerdings  zu  eng  war,  sie  auf's  Gefühl  zu  beschränken, 
80  wird  doch  dieser  Mangel  weit  überwogen  durch  das  Ver- 
dienst, dass  es  Schleiermacher  zuerst  wieder,  und  klarer,  als 

14* 


*  --/""^ 


y 


212  Friedrich  Schletermacher. 

irgend  einer  vor  ihm,  zum  allgemeinen  Bewusstsein  gebracht 
hat,  um  was  es  sich  in  der  Religion  eigentlich  handelt,  und 
worin  auch  die  Bedeutung  aller  religiösen  Vorstellungen  und 
Handlungen  in  letzter  Beziehung  zu  suchen  ist:  nicht  in  einem 
Wissen  und  nicht  in  einem  Thun  als  solchem,  sondern  nur  in 
ihrer  Wirkung  auf  das  menschliche  Gemüth. 

An  diese  Grundbestimmung  schliesst  sich  nun  das  meiste 
von  dem,  was  Scfaleiermachers  religionsphilosophisches  und 
theologisches  System  auszeichnet,  folgerichtig  genug  an.  Das 
religiöse  Gef&hl  ist  GelQihl  einer  absoluten  Abhängigkeit,  denn 
wie  könnte  sich  der  Mensch  einer  Macht  gegenüber,  welche 
ihn  selbst  und  alle  Dinge  mit  unabänderlicher  Nothwendigkeit 
beherrscht,  anders  als  abhängig  fbhlen?  und  was  bleibt  über- 
haupt für  ein  ursprüngliches,  mit  der  Persönlichkeit  gegebenes, 
Gefühl  anders  übrig?  denn  da  wir  in  jedem  Gefühl  eines 
Zustandes,  eines  Bestimmtseins  inne  werden,  so  wird  ein  Ge- 
fühl, das  als  ursprünglich  jeder  Selbstthätigkeit  vorangeht, 
nur  das  reine  Bestimmtwerden,  die  schlechthinige  Abhängigkeit 
zum  Inhalt  haben  können.  Ebenso  wird,  wenn  wir  uns  in 
der  Gottheit  den  Gegenstand  dieses  GefQhls  vorstellen,  der 
leitende  Gesichtspunkt  in  dem  Begriff  der  unendlichen  Macht, 
der  „schlechthinigen  Ursächlichkeit*'  lii^en  Müssen;  denn  aus 
der  Analyge  des  absoluten  Abhängigkeitsgefühls  lässt  sich 
keine  andere  Bestimmung  ableiten,  und  dem  schleiermacher- 
sehen  Spinozismus  würde  keine  andere  entsprechen,  während 
ihm  zugleich  seine  kritischen  Bedenken  gegen  die  Möglichkeit 
einer  objektiven  Gotteserkenntniss  verbieten,  von  der  abso- 
luten Ursächlichkeit  zu  der  absoluten  Substanz  Spinoza's  oder 
zu  irgend  einer  anderen  spekulativen  Aussage  über  die  Gott- 
heit fortzugehen.  Wenn  daher  unser  Theolog  in  seiner  Dog- 
matik  die  ganze  Gotteslehre  in  den  Gedanken  der  schlecht- 
hinigen Ursächlichkeit  auflöst,  wenn  er  alles,  was  darüber 
hinausgeht,  jede  Unterscheidung  göttlicher  Eigenschaftep,  jede 
„Personification**  der  Gottheit,  als  eine  subjektive  Zuthat  ab- 
weist, wenn  er  erklärt,  dass  die  Gottesidee  selbst  nur  das 
imbestimmte  „Woher  unseres  absoluten  Abhängigkeitsgefühls^, 


Friedrich  Schleiermacher.  213 

d.  h.  nur  die  unendliche  Ursache  bezeichne,  von  der  wir  uns 
schlechthin  bestimmt  fühlen,  wenn  er  aber  andererseits  an 
dieser  Abhängigkeit  auf's  allei*strengste  festhält,  und  weder 
kleines  noch  grosses,  weder  freie  noch  natürliche  Ursachen 
irgendwie  von  ihr  auszunehmen  weiss,  so  werden  wir  uns  diess 
nach  allem  bisherigen  vollkommen  erklären  können. 

Fragen  wir  weiter,  wie  die  Religion  im  Menschen  ent- 
steht, so  liegt  einerseits  ihre  Wui-zel,  nach  Schleiermacher, 
unmittelbar  in  der  menschlichen  Persönlichkeit  selbst;  und 
insofern  widerspricht  er  der  supranatm-alistischen  Vorstellung, 
als  ob  sie  nach  Ui'sprung  und  Inhalt  etwas  übernatürliches 
und  übervemünftiges  sein  könnte.  Andererseits  aber  hat  sich 
die  religiöse  Anlage  in  jedem  selbstthätig  und  auf  eigenthüm- 
liehe  Weise  zu  entwickeln :  es  giebt  keine  natürliche  Beligion, 
sondern  nur  eine  positive.  Was  sich  aber  entwickelt,  das  ist 
immer  theilweise  noch  unentwickelt  und  daher  entwickelungs- 
bedürftig :  das  religiöse  Leben  wird  mithin  in  jedem  gegebenen 
Augenblick  nur  unvollständig  entwickelt  sein,  es  wird  sich  in 
jedem  neben  dem  Theil  seines  Wesens,  der  vom  religiösen 
Gefühl  durchdrungen  ist,  auch  solches  finden,  das  dieser  Durch- 
dringung noch  widerstrebt;  oder  wie  diess  Schleiermacher 
später  theologisch  ausgedrückt  hat:  es  wirkt  in  jedem  neben 
der  Gnade  auch  die  Sünde;  und  da  die  Sinnlichkeit  in  ihrer 
EntWickelung  dem  höheren  Leben  voraneilt,  da  das  reUgiöse 
Gefühl  auch  bei  der  normalsten  Entwickelimg  nur  allmählich 
der  sinnlichen  Gefühle  sich  bemächtigt,  so  ist  zu  sagen,  der 
Mensch  stehe  zuerst  unter  der  HeiTSchaft  der  Sünde  und  erst 
nachher  unter  der  der  Gnade.  Um  so  nöthiger  wird  es  ihm 
dann  aber  sein,  dass  sein  religiöses  Leben  durch  andere  ge- 
weckt, genährt,  zur  Allgemeinheit  erweitert  werde ,  und  daher 
dieser,  hohe  Werth  der  religiösen  Gemeinschaft  für 
unseren  Theologen.  Gerade  weil  die  Beligion  als  Sache  des 
Gefühls  das  individuellste  ist,  bedarf  sie  am  meisten  der  Er- 
gänzung durch  ein  Gemeinleben.  Wie  ist  aber  eiii  solches, 
wie  ist  eine  religiöse  Mittheilung  überhaupt  möglich?  Nicht 
in  derselben  unmittelbaren  Weise,   wie  diess  z.  B.  bei  der 


214  .  Friedrich  Schldermacher. 

wissenschafüichen  Mittheilung  der  Fall  ist.  Gedanken  lassen 
sich  aussprechen,  Gefühle  lassen  sich  nur  darstellen.  Alle 
religiöse  Mittheilung  und  Lebensgemeinschaft  beruht  darauf^ 
dass  der  Einzelne  durch  die  Darstellung  seiner  Gefühle  andere 
anregt,  analoge  Gefühle  in  sich  zu  erzeugen.  Oder  wie 
Schleiermacher  dafür  auch  sagt:  alle  religiöse  Mittheilung 
beruht  auf  Offenbarung;  denn  nur  dieses,  die  Darstellung  des 
Individuellen,  nicht  eine  übematürliche  Mittheilung,  versteht 
er  unter  der  Offenbarung.  Im  besonderen  wird  aber  von 
einer  Offenbarung  da  zu  sprechen  sein,  wo  einzelne  vermöge 
der  überwiegenden  Kräftigkeit  ihres  religiösen  Lebens  einen 
grösseren  oder  kleineren  Kreis  von  Empfänglichen  um  sich 
versammeln,  wo  sie  durch  ihre  Selbstdarstellung  andere  an- 
regen, ihr  religiöses  Gefühl  in  der  von  jenen  vorgebildeten 
eigenthümlichen  Richtung  zu  entwickeln,  wo  es  sich,  mit  !E!inem 
Wort,  um  die  Stiftung  einer  neuen  Religion  oder  Religionsform 
handelt.  Die  religiöse  Eigenthümlichkeit  des  Retigionsstifters 
ist  der  Typus,  welcher  dem  von  ihm  begründeten  Gemeinwesen 
seinen  Charakter  aufprägt.  Wie  verschieden  aber  auch  diese 
Gemeinschaften  an  Werth  und  Vollkommenheit,  und  wie  man- 
nichfaltig  innerhalb  derselben  die  Abstufungen  sein  mögen, 
welche  sich  in  dem  religiösen  Leben  der  Einzelnen  finden : 
sofern  es  doch  immer  ein  religiöses  Leben  ist,  sofern  sich 
darin  etwas  in  der  menschlichen  Natur  angelegtes,  eine  an 
und  für  sich  nothwendige  Beziehung  des  Menschen  zum  Ewigen 
verwirklicht  hat,  hat  jeder  Einzelne  und  jedes  Gemeinwesen 
einen  eigenthümlichen  ihm  zugemessenen  Antheil  an  der  Wahr- 
heit ;  und  da  nun  ferner  auch  das  nicht  zufällig  ist,  wie  dieser 
Antheil  für  den  Einzelnen  ausfällt,  da  jeder  das  ist  und  leistet, 
was  er  an  dieser  Stelle  des  Ganzen  sein  und  leisten  kann, 
da  es  unmöglich  ist,  dass  jemand  im  Zusammenhang  des 
Ganzen  anders  sein  könnte,  als  er  ist,  so  haben  wir  uns  auch 
in  religiöser,  wie  in  jeder  anderen  Beziehung  bei  der  Wirk- 
lichkeit schlechthin  zu  beruhigen,  die  Welt  als  Ganzes  und 
alles  einzelne  darin  in  seinem  Verhältniss  zum  Ganzen  für 
voDkommen  zu  halten.    Mit  anderen  Worten:   es  giebt  keine 


Friedrich  Schleiermacher.  215 

von  Gott  verworfenen,  sondern  nur  erwäWte,  und  wenn  nicht 
alle  zu  der  gleichen  Seligkeit  erwählt  sind,  wenn  die  Stufen- 
reihe der  Frömmigkeit  und  der  Seligkeit  so  unendlich  ist, 
wie  die  des  Seins,  so  gehört  diese  Mannichfaltigkeit  gleichfalls 
zur  Vollkonajnenheit  der  Welt,  und  auch  darüber  kann  sich 
keiner  beschweren,  dass  er  gerade  auf  diese  Stufe  gestellt  ist; 
denn  dieser  Einzelne  ist  er  nur  an  diesem  Orte:  „wenn  er 
an  die  Stelle  eines,  andern  träte,  und  der  andere  an  die  seinige, 
so  wäre  dieser  jener  und  jener  dieser,  und  es  hätte  sich  nichts 
geändert." 

Ich  habe  im  vorstehenden  Christi  und  des  Christenthums 
nicht  erwähnt,  und  doch  habe  ich  einen  grossen  Theil  von 
Schleiermachers  christlicher  Glaubenslehre  seinen  Grundzügen 
nach  dargestellt.  Was  er  als  Theolog  zu  diesen  religions- 
philosophischen Ansichten  hinzugethan  hat,  das  ist  nur  die 
eigenthümliche  Anwendung,  welche  von  denselben  auf's  Christen- 
thum  und  seinen  Stifter  gemacht  wird.  Die  christliche  Religion 
zeichnet  sich  vor  allen  andern  dadurch  aus,  dass  in  ihr  das 
Princip  einer  in's  unendliche  fortwachsenden»  religiösen  Ver- 
vollkommnung gegeben  ist ;  und  da  wir  nun  diesen  ihren  Vorzug 
als  Christen  nur  von  dem  ßeligionsstifter  herleiten  können, 
so  muss  dem  letzteren  eine  wirklich  unbegrenzte  religiöse 
VoDkommenheit  zugeschrieben,  er  muss  als  dieses  geschicht- 
liche Individuum  zugleich  in  religiöser  Beziehung  urbildlich 
gesetzt  werden.  Einen  Beweis  dieser  Sätze  hat  Schleiermacher 
nicht  gegeben  und  nicht  einmal  ernstlich  versucht:  sie  sind 
für  ihn  eine  religiöse  Voraussetzung,  ein  Postulat  seines  christ- 
lichen Bewusstseins.  Wie  es  mit  der  wissenschaftlichen  Be- 
rechtigung dieses  Postulats  steht,  soll  hier  nicht  weiter  erörtert 
werden;  es  ist  diess  von  anderen  zur  Genüge  geschehen,  und 
es  ist  hier  gerade  di8  bedenkliche  Lücke  aufgezeigt  worden, 
welche  den  Zusammenhang  des  Systems  durchlöchert,  und  die 
Absicht  seines  Urhebers,  das  Christliche  zugleich  als  ein  durch- 
aus natürliches  ei*scheinen  zu  lassen,  die  Unzerreissbarkeit  des 
Naturzusammenhangs  auch  in  der  positiven  Dogmatik  fest- 
zuhalten, vereitelt.    Um  so  leichter  begreift  sich  aber  diese 


■1 


VI 


216  Friedrich  Schleiermacher. 

Voraussetzung  bei  ihm  selbst.  Das  Ghristenthum  war  einmal 
für  ihn  die  Quelle  seines  religiösen  Lebens ,  der  Grund ,  von 
dem  er  ausgieng ;  er  wollte  nicht  als  Philosoph  eine  Vemunft- 
religion  suchen,  sondeni  nui*  die  positive  mit  Hülfe  der  Philo- 
sophie sich  erklären,  sie  mit  der  Natur  des  Menschen  und 
mit  der  Wissenschaft  unserer  Zeit  in  Einklang  bringen,  ihr 
inneres  Wesen  möghchst  rein  herausstellen;  die  christliche 
Frömmigkeit  ist  füi-  ihn  ein  höchstes  und  letztes,  das  Ghristen- 
thum die  vollkommene  Religion.  Dann  ist  aber  nothwendig 
auch  sein  Stifter  das  Urbild  religiöser  Vollkommenheit;  denn 
wenn  die  Religion  überhaupt  etwas  schlechthin  eigenthümliches 
ist,  wenn  auch  in  jeder  gemeinsamen  Glaubensweise  nur  die 
religiöse  Individualität  ihres  Stifters  sich  fortsetzt,  so  wird 
jene  Vollkommenheit,  welche  das  Ghristenthum  von  allen  an- 
deren Religionen  unterscheidet,  nur  aus  der  persönlichen  VoU- 
konmienheit  seines  Stifters  sich  erklären  lassen.  Jede  Religion 
ist  so,  wie  die  Pei-sönlichkeit ,  aus  der  sie  hervorgeht,  deren 
innerstes  Wesen  sich  in  ihr  darstellt;  giebt  es  eine  vollkom- 
mene Religion,  §o  wird  diese  nur  das  Werk  einer  religiös  voll- 
konmienen,  urbildlichen  Persönlichkeit  sein  können. 

Von  dieser  Voraussetzung  aus  entwickelt  sich  nun  Schleier- 
machers theologische  Ansicht  in  der  Richtung  weiter,  welche 
durch  diesen  Anfang  gegeben  war.  Christus  ist  unser  reli- 
giöses Urbild;  aber  diess  ist  auch  das  einzige,  dessen  wir 
bedürfen;  wir  haben  daher  kein  Recht,  mehr  in  ihm  zu  sehen, 
als  den  vollkommenen  Menschen,  wir  düifen  nicht  die  wider- 
spruchsvolle Vorstellung  des  Gottmenschen  auf  ihn  anwenden, 
keine  übernatürliche  Entstehung  seiner  Persönlichkeit  voraus- 
setzen, nicht  durch  die  Wunder  der  evangelischen  Geschichte 
unsem  Glauben  mit  unserer  Wissenschaft  in  einen  unauf- 
löslichen Streit  bringen.  Christus  ist  det  schöpferische  Urheber 
unseres  religiösen  Lebens,  deijenige,  welcher  die  eigen thüm- 
lichen  Vorzüge  der  christlichen  Gemeinschaft  begründet,  dem 
Gottesbewusstsein  in  derselben  zur  ungehemmten  Entwicklung 
verhelfen  hat;  er  ist  insofern  der  Erlöser:  alle  religiöse  Voll- 
kommenheit des  Christen  ist  als  sein  Werk  zu  betrachten,  ist 


Friedrich  Schleiermacher.  217 

eine  Wirkung  der  Gnade;  alles,  was  ausser  Zusammenhang 
mit  ihm  sich  entwickelt,  erscheint  in  religi<yser  Hinsicht  un- 
YoUkommen  und  gebunden,  steht  unter  der  Herrschaft  der 
Sünde.  Aber  die  erlösende  Thätigkeit  Christi  ist  etwas  durch- 
aus naturgemässes ;  so  wenig  die  menschliche  Natur  durch 
einen  angeblichen  Sündenfall  in  übernatürlicher  Weise  ver- 
schlimmert worden  ist,  ebenso  wenig  wird  sie  durch  die  Er- 
lösung übernatürlich  geheilt ;  sondern  wie  überhaupt  ein  Mensch 
auf  andere  religiös  einwirkt,  durch  seine  Selbstdarstellung,  so 
auch  Christus  auf  die  Menschheit;  es  ist  hier  an  keine  stell- 
vertretende Genugthuung,  an  kein  Strafleiden,  an  nichts  von 
alledem  zu  denken,  wodurch  die  alte  supranaturalistische  Dog- 
matik  die  Versöhnung  bedingt  glaubt;  Christus  hat  in  Rede 
und  That  seine  urbildliche  Persönlichkeit  zur  Anschauung  ge- 
bracht, andere  haben  sie  in  sich  nachgebildet,  und  es  ist  so 
eine  Lebensgemeinschaft  entstanden,  welche  fortwährend  von 
ihr  beseelt  ist ;  diess  allein  ist  nach  Schleiermacher  das  wesenf- 
liche,  alles  andere  wird  als  „magisch^  beseitigt.  Aus  diesem 
Grunde  ist  nun  die  erlösende  Einwirkung  Christi  für  uns  durch 
die  Kirche  vermittelt:  nicht  als  ob  diese  mit  übernatürlichen 
Kräften  oder  mit  einer  unbedingten  Auktorität  über  den 
Glauben  ihrer  Mitglieder  ausgerüstet  wäre,  sondern  nur  dess- 
halb ,  weil  in  ihr  allein  das  Bild  Christi  lebendig  fortgepflanzt 
und  auf  die  Einzelnen  übertragen  werden  kann.  Andererseits 
bedarf  aber  die  Kirche  selbst  einer  Norm,  an  welcher  sie  ihr 
Christusbild  fortwährend  berichtigt,  damit  es  nicht  durch  den 
Einfluss  der  menschlichen  Meinungen  in's  Schwanken  gebracht 
werde ;  und  daher  bei  Schleieimacher  die  normative  Auktorität 
der  neutestamentlichen  Schriften.  Wenn  endlich  aus  der  Kirche 
so  wenig,  als  aus  der  Menschheit,  jemals  alle  unreinen  Ele- 
mente verschwinden  werden,  wenn  die  Erscheinung  mit  der 
Idee,  die  sichtbare  Kirche  mit  der  unsichtbaren  nie  schlechthin 
zusammenfallen  wird,  wenn  auch  die  Voi-stellung  von  einer 
jenseitigen  Vollendung  der  Kirche  sich  nicht  widerspruchslos 
vollziehen  lässt,  so  hat  doch  die  Kirche  eben  an  der  Person- 


*  ^' 


n 


218  Friedrich  Schleiermacher. 

lichkeit  ihres   Stifters   die  BOrgschaft  ihrer  fortschreitenden 

Vervollkommnung:  der  Geist  Christi,  der  als  christlicher  Qe- 

'   meingeist  in  ihr  wohnt,  führt  sie  in  alle  Wahrheit,  das  religiöse 

^  Leben  der  Menschheit  feiert  in  ihr  seine  höchste  Vollendung. 

Auch  hier  wird  freilich  die  Kritik  mancherlei  Bedenken 
nicht  unterdrücken  können.  Man  kann  bezweifeln,  ob  Christus, 
selbst  seine  Urbildlichkeit  eingeräumt,  nach  Schleiermachers 
Voraussetzung  wirklich  der  Erlöser  sein  könnte,  ob  er  wirklich, 
seiner  eigenen  Darstellung  zufolge,  das  religiöse  Leben  der 
Gläubigen  schöpferisch  erzeugt,  oder  nicht  vielmehr  blos  das 
in  ihnen  liegende  durch  sein  Vorbild  erweckt  und  leitet;  ob 
wir  daher  ein  Recht  haben,  mit  dem  Theologen  die  göttliche 
Gnade  an  Christus  und  die  christliche  Kirche  zu  binden,  und 
den  Gegensatz  ,  der  Wiedergeborenen  und  Un wiedergeborenen, 
der  Verworfenen  und  Erwählten,  doch  wieder  in  eine  Welt- 
ordnung einzuführen,  von  der  er  selbst  uns  gesagt  hat,  dass 
es  in  ihr  nicht  Gefässe  der  Ehre  gebe  und  Gefasse  der  Unehre, 
dass  vielmehr  alles  an  seinem  Ort  recht  und  gut  sei.  Man 
kann  es  unbegreiflich  finden,  dass  die  Kirche  das  Bild  Christi 
rein  sollte  bewahren  können,  ohne  es  aus  ihrem  eigenen  zu 
erweitern  oder  zu  verändern.  Man  kann  fragen,  wie  denn 
die  pei*sönliche  Einwirkung  Christi  seine  Schüler  so  voUkommep 
reinigen  konnte,  dass  den  Männern,  welche  doch  auch  Schleier- 
macher nicht  für  Heilige  hält,  eine  mangellose  Darstellung 
seines  Bildes  möglich  wurde?  und  ob  man  seine  Augen  nicht 
geflissentlich  verschliessen  muss,  um  auf  diese  Ableitung  das 
normative  Ansehen  von  Schriften  zu  gründen,  welche  doch 
grösstentheils  gar  nicht  von  unmittelbaren  Schülern  Christi 
verfasst  sein  wollen,  und  von  denen  in  der  Wirklichkeit,  aller 
Wahrscheinlichkeit  nach,  nur  eine  einzige  (und  gerade  eine 
solche,  die  Schleiermacher  für  unächt  hält)  von  einem  der- 
selben verfasst  ist.  Man  kann  es  als  einen  Widerspruch  er- 
kennen, wenn  Schleiermacher  als  Dogmatiker  die  Auktorität 
jener  Schriften  beweist,  und  als  Kritiker  manche  derselben 
auf's  freieste  behandelt.   Man  kann  an  den  G^waltthätigkeiten 


Friedrich  Schldennacher.  21d^ 

V 
0 

Anstoss  nehmen,  welche  sich  der  Theolog  nicht  selten  als 
Ausleger  erlaubt  hat,  um  das  neue  Testament  mit  seiner 
Dogmatik  in  Einklang  zu  bringen;  man  kann  sich  wundem, 
wie  leicht  ein  Mann,  dessen  kritisches  Auge  sonst  so  scharf 
ist,  über  die  Zweifel  hinwegkommt,  von  denen  sein  Lieblings- 
buch, das  Johanneische  Evangelium,  bedroht  ist ;  wie  in  seiner 
Behandlung  der  evangelischen  Geschichte  mit  den  fruchtbarsten 
Gedanken  und  den  feinsten  Wahrnehmungen  eine  für  uns 
späteren  oft  fast  unbegreifliche  Yerkennung  des  natürlichen  und 
geschichtlich  wahrscheinlichen  Hergangs  Hand  in  Hand  geht; 
wie  willkührlich  er  die  Stellen  unschädlich  zu  machen  sucht, 
welche  die  übermenschliche  Natur  und  die  Präexistenz  Christi 
aussprechen,  wie  viele  sophistische  Kunstgriffe,  gezwungene 
Auslegungen,  grundlose  Vermuthungen,  kleinliche  und  unwahi*- 
scheinliche  Erklärungen  er  es  sich  kosten  lässt,  um  seine 
Ghristologie  in  die  Evangelien  hineinzudeuten,  und  die  Wunder 
der  letzteren  wegzudeuten,  um  mit  Einem  Wort  jene  Vor- 
stellung von  dem  Leben  Jesu  zu  gewinnen,  deren  Unhaltbarkeit 
S  trau  SS'*')  so  überzeugend  an's  Licht  gestellt  hat.  Man  kann 
überhaupt  leicht  nachweisen,  dass  die  Versöhnung  zweier  Stand- 
punkte ,  die  ihrer  Natur  nach  unvereinbar  sind ,  des  religions- 
philosophischen und  des  positiv  theologischen,  selbst  einem 
Schleiermacher  nicht  gelungen  ist,  und  nicht  gelingen  konnte. 
Aber  wie  klar  wir  auch  die  Mängel  seines  Systems  einsehen 
mögen,  so  dürfen  wir  doch  desshalb  seine  wissenschaftliche 
Grösse  und  seine  geschichtliche  Bedeutung  nicht  verkennen. 
Schleiermacher  ist  der  erste,  welcher  das  eigenthümliche  Wesen 
der  Religion  gründlicher  erforscht,  und  dadurch  auch  der 
praktischen  Bestimmung  ihres  Verhältnisses  zu  andeiii  Ge- 
bieten einen  unberechenbaren  Dienst  geleistet  hat.  Er  ist 
einer  der  bedeutendsten  unter  den  Männern,  welche  seit  mehr 


*)  In  seinen  beiden  Leben  Jesu  und  in  der  Schrift':  Der  Christus  des 
Glaubens  und  der  Jesus  der  Geschichte.  Eine  Kritik 'des  Schleiermacher- 
sehen  Lebens  ^J^|u^    Berlin  1865. 


220  fViedrich  SchMenutcher. 

als  eiDem  Jahrhundert  daraa  arbeiten,  daa  allgemein  Menach- 
liche  aus  dem  Positiven  herauszuheben,  das  überlieferte  im 
Geist  unserer  Zeit  umzubilden,  einer  der  vordersten  unter  den 
Vorkämpfern  des  modernen  HomaniBmus.  Er  zuerst  hat  die 
philosophische  Idee  in  das  einzelne  der  protestantischeD  Dog- 
matik  eingeführt.  Er  hat  fOr  die  Theologie  im  religi&s«! 
BewusstseiD  einen  neuen  Boden  gewonnen,  und  durch  diese 
Vertiefimg  ihr«  Prindps  die  Gegensätze,  welche  er  in  der 
Zeittheologie  vorfand,  als  solche  Oberwunden,  die  Religioas- 
wissenschaft  von  der  Aeusserlicbkeit  der  supranaturalistischen 
wie  der  rationalistisdien  Behandlung  befreit,  und  sie  genöthigt, 
von  der  'äussern  Erscheinung  der  Religion  auf  ihr  inneres 
Wesen,  auf  ihre  lebendige  Quelle  ']fm  menschhchen  Geiste 
zurUckzi^efaen.  Die  Religion  ist  ihm  ein  gegebenes,  wie 
dem  Supranaturalisten ,  aber  sie  ist  ihm  zugleich  das  e^ne 
Erzengniss  des  menschlichen  Geistes,  wie  dem  Rationalisten: 
denn  gegeben  ist  sie  ursprün^ch  nur  im  menschlichen  Selbst- 
bewusstsein.  Das  Cbristenthum  ist  etwas  positives,  denn  es 
beruht  auf  der  Persönlicbkeit  Christi,  und  diese  kann  nicht 
a  priori  deducirt  werden,  sie  ist  der  schöpferische  Anfangs- 
punkt einer  eigenartigen  Entwicklung;  aber  es  ist  darum 
nichts  ubematttrliches ,  denn  es  ist  hierin  jeder  andern  posi- 
tiven Religion  analog,  und  es  gestaltet  sich  von  diesem  An- 
fangspunkt aus  ganz  nach  natürlich  psychologischen  Gesetzen. 
Die  Eigenthümlichkeit  des  religiösen  Gebiets  soll  gewahrt, 
und  es  soll  zugleich  dem  feindlichen  Zusunmenstoss  mit  allen 
anderen  Gebieten  vorgebeugt  werden:  die  Religion  soll  keiner 
bereditigten  menschlichen  Thätigkeit  widersprechen  können, 
weil  sie  selbst  ,die  höchste  BlOthe  der  menschlichen  Natur 
ist  Wer  die  Religion  in  diesem  freien  Geist  auffasste,  der 
konnte  selbstverständhch  auf  Formeln  keinen  Werth  legen, 
und  vollends  nicht  auf  solche,  die  er  selbst  als  veraltet  er> 
kannt  hatte;  er  konnte  nidit  zugeben,  dass  die  religiöse 
Gemeinschaft,  von  deren  Segen  er  tiberzeugt  war,  durch 
die    Formen    des  Kultus  oder  des  Dogma  getrennt    werde. 


Friedrich  Schleiermacher.  221 

Schleiermacher  war  daher  der  natürliche  Wortführer  der 
evangelischen  Union,  und  sie  ist  unstreitig  eines  von  den 
Werken,  in  denen  sein  Geist  am  fruchtbarsten  fortlebt  Dieser 
Geist  wird  sich  auch  in  der  Folge  immer  mehr  Bahn  brechen, 
und  er  wird  auch  dann  noch  kräftig  fortwirken,  wenn  von 
dem  dogmatischen  System,  welches  er  sich  als  seine  nächste 
wissenschaftliche  Form  geschaffen  hat,  schon  längst  kein  Stein 
mehr  auf  dem  andern  liegt. 


9. 

Das  ürchristenthum. 


Was  ist  das  Christenthum ,  und  was  war  es?  Es  ist 
schwer,  das  erste  zu  sagen,  wenn  man  von  dem  zweiten  keinen 
Begiiff  hat,  und  es  ist  unmöglich,  über  das  zweite  in's  reine 
zu  kommen,  wenn  man  sich  das  erste  nicht  klar  gemacht  hat 
Die  nachstehende  Erörterung  gilt  nun  zunächst  der  zweiten 
von  diesen  Fragen :  sie  versucht ,  an  den  hervortretendsten  * 
Zügen  zu  zeigen,  was  das  Christenthum  in  seiner  ersten  Zeit 
war;  es  wird  sich  aber  daraus  immerhin  auch  bis  zu  einem 
gewissen  Grade  ergeben,  was  es  seinem  wahren  Wesen  nach 
ist.  üebrigens  wird  sich  unsere  Darstellung  auf  das  Christen- 
thum als  solches,  d.  h.  auf  den  Glauben  der  christlichen 
Gemeinde,  hier  um  so  mehr  beschränken,  da  über  die 
Entstehung  imA  die  geschichtlichen  Voraussetzungen  dieses 
Glaubens,  über  die  Persönlichkeit  und  die  Geschichte  seines 
Stifters,  in  der  nächstfolgenden  und  in  der  letzten  Abhandlung 
dieser  Sammlung  ohnediess  zu  sprechen  sein  wird. 

Dai^  Christenthum  war  zuerst  der  Glaube  an  Jesus  als 
den  Messias,  nicht  mehr  und  nicht  weniger.  Seine  Dogmatik 
war  damals  noch  einfach :  wenn  sich  ein  Jude  zu  dem  Glauben 
an  die  Messianität  Jesu  bekannte,  so  erklärte  er  sich  eben- 
damit  für  einen  Christen  und  wurde  dui;ch  die  Taufe  in  die 
Gemeinde  aufgenommen.  Die  Taufe  bedurfte  daher  auch 
keiner  langen  Vorbereitung :  Petrus  tauft  den  Cornelius,  nach- 


Das  ürduistentham.  223 

dem  sie  kaum  einige  kurze  Reden  gewechselt  haben  (Apg.  10) ; 
der  äthiopische  Eunuche  (Apg.  8,  26  ff.)  wird  unterwegs  auf 
der  Strasse  Von  Philippus  bekehrt  und  getauft ;  die  Gemeinde 
in  Jerusalem  verstärkt  sich  an  Einem  Tag  um  dreitausend 
und  an  einem  zweiten  um  zweitausend  Mitglieder  (Apg.  2,  41. 
4,  4);  ^aulus  erhält  (Apg.  9,  19)  die  Taufe  ohne  allen  vor- 
gängigen Unterricht,  und  er  selbst  rechnet  es  sich  Gal.  1,  16 
zum  Ruhm  an,  dass  er  keines  Menschen  Schüler  sei,  sondern 
seine  Lehre  einzig  und .  allein  der  innem  Gottesoffenbarung 
verdanke.  Hätte  das  Ghristenthum  schon  ein  eigenthttmliches 
Lehrsystem  gehabt,  so  wären  solche  schnelle  Bekehrungen 
eine  Unmöglichkeit  gewesen,  so  hätten  sie  nicht  einmal  in 
der  Sage  vorkommen  können :  wenn  jeder  getauft  wurde ,  so- 
bald er  Jesus  als  den  Messias  anerkannte,  so  können  die 
ersten  Christen  sich  keines  weiteren  wesentlichen  Unterschieds 
vom  Judenthum  bewusst  gewesen  sein.  Wie  wenig  aber  darin 
für  sie  schon  der  Austritt  aus  dem  Judenthum  lag,  diess  er- 
hellt unwidersprechlich  aus  der  Geschichte  des  Paulus:  aus 
der  unsäglichen  Mühe,  die  es  ihn  kostete,  die  universelle, 
über  die  Grenzen  des  Judenthums  hinausreichende  Bestimmung 
des  Ghristenthums  zur  Anerkennung  zu  bringen;  aus  dem 
Hass  und  der  Verfolgung,  welche  er  sich  durch  diesen  Abfall 
von  der  väterlichen  Religion  zuzog;  aus  der  Stellung,  welche 
die  jerusalemitische  Gemeinde  und  die  älteren  Apostel  selbst 
g^en  ihn  einnahmen;  aus  den  jahrhundertlangen  Verhand- 
lungen, die  vorangehen  mussten,  ehe  die  Emancipation  des 
Ghristenthums  vom  Judenthum  und  die  Idee  einer  allgemeinen, 
Heiden  und  Juden  gleich  sehr  umfassenden  Kirche  vollständig 
durchgesetzt  war.  Die  Briefe  des  Paulus  beweisen,  dass  er 
aUer  Orten,  wohin  seine  apostolische  Wirksamkeit  reichte, 
auch  in  den  von  ihm  selbst  gestifteten  Gemeinden,  mit  dem 
zähen  Widerstand  einer  judenchristlichen  Parthei  zu  kämpfen 
hatte,  welche  seine  Apostelwürde  für  eine  Usurpation  erklärte, 
und  von  den  Heiden,  die  er  bekehrt  hatte,  den  Uebertritt 
zum  Judenthum,  die  Annahme  der  Beschneidung  und  des  ^. 
ganzen  mosaischen  Gesetzes  verlangte ;  und  auch  die  gemässigt- 


224  I^as  ürchristenthum. 

4 

sten  von  diesen  Gegnern  konnten  wenigstens  über  den  Anstoss 
nicht  wegkommen,   dessen  Beseitigung   ein  Hauptzweck  des 
Römerbriefs  ist,  dass  das  auseiTrählte  Volk  Gottes  bei  seiner 
Ansicht,   trotz  seiner  theokratischen  Vorrechte,   in  der  Theil- 
nahme  am  mesfianischen  Reiche  thatsächlich  hinter  den  Heiden 
zurückblieb.     Wenn   dem  grossen  Heidenapostel  von  Anfang 
bis  zu  Ende  ein  solcher  Widerstand  und  solche  Vorurtheile 
entgegentraten,   so  muss  der  Gedanke,  dass  der  christliche 
Glaube  eine  neue^  vom  Judenthum  verschiedene  Religionsform 
sei,  der    älteren  Christengemeinde  und    ihren  Leitern  völlig 
fremd  gewesen  sein.    Bei  jener  denkwürdigen  Verhandlung  in 
Jerusalem,  von  der  uns  freilich  nur  der  GaJaterbrief  (c.  2), 
nicht  die  Apostelgeschichte  (c.  15),  einen  urkundlichen  Bericht 
giebt,  musste  Paulus  die  ganze  Festigkeit  seines  Charakters 
und  die  ganze  Kraft  seiner  üeberzeugung  einsetzen,  um  seinen 
heidenchristlichen  Begleiter   Titus   vor   der  Anforderung  der 
Beschneidung  zu  schützen  und  das  Recht  einer  selbständigen 
Heidenmission  zu  behaupten;   offenbar  nur  desshalb,  weil  in 
jenem  Zeitpunkt,  etwa  zwanzig  Jahre  nach  dem  Tode  Jesu, 
seine  persönUchen  Schüler  sich  noch  in  keiner  Beziehung  vom 
Judenthum  losgesagt  hatten,  weil  ihnen  der  Glaube  an  Jesus  nur 
der  Glaube  an  den  Erretter  des  jüdischen  Volkes,  nur  ein  Theil 
ihrer  gesetzlichen  Frömmigkeit  war.    Wie  wenig  sie  aber  auch 
in  der  Folge  über  diesen  Standpunkt  hinauskamen,  sieht  man 
aus  dem,  was  im  Galaterbriefe  weiter  erzählt  wird.    Als  einige 
Zeit    nach   jenen   Verhandlungen  Peti*us   in    Antiochien    mit 
Paulus  zusammentraf,  nahm  er  zwar  anfangs  keinen  Anstand, 
mit  den  getauften  Heiden  an  demselben  Tische  zu  speisen, 
und  dadurch  anzuerkennen,   dass  ihnen  die  Unreinheit  nicht 
mehr  anhafte,  die  nach  jüdischen  Begriffen  eine  Tischgemein- 
schaft des  Israeliten  mit  den  Götzendienern  unmöglich  machte ; 
sobald   aber  Judenchristen    aus    der  Umgebung  des  Jacobus 
kamen,  zog  er  sich  von  den  Heidenchristen  zurück,   „weil  er 
die  aus  der  Beschneidung  fürchtete,"  und  ebenso  machten  es 
auch  die  übrigen  Judenchristen,  so  dass  selbst  Bamabas,  der 
vieljährige  Begleiter  und  Gehülfe  des  Heidenapostels,  sich  zn 


Bas  ürduistenihiim.  225 

dem  gleichen  Verhalten  verleiten  liess.  Paulus  weiss  in  diesem 
Benehmen,  über  welches  er  seinem  Mitapostel  die  nachdrück- 
lichsten Yorwtlrfe  machte,  auch  später  imr  eine  offenbare 
„Heuchelei''  zu  sehen ;  uns  wird  es  eher  beweisen ,  dass  jene 
freieren  Grundsätze,  denen  sich  Petrus  vorübergehend  gefügt 
hatte,  weder  ihm  selbst  noch  den  übrigen,  ausser  Paulus,  fest 
genug  standen,  um  sie  mit  der  Entschiedenheit  eigener  üeber- 
zeugung  gegen  abweichende  Ansichten  zu  behaupten.  Eeinen- 
falls  aber  können  sie  in  Jerusalem,  im  Kreise  der  Urgemeinde 
und  des  Jakobus,  anerkannt  gewesen  sein;  sonst  hätten  un- 
möglich die,  welche  dorther  kamen,  einem  Petrus  und  selbst 
einem  Bamabas  solche  Furcht  einflössen  können,  dass  sie  den 
Heidenchristen  die  kaum  gewährte  Gemeinschaft  sofort  wieder 
thatsächlich  aufkündigten.  Die  Palästinenser  müssen  nach  wie 
vor  überzeugt  gewesen  sein,  dass  der  Messias  und  sein  Reich 
nur  für  die  Juden  ^bestimmt  sei,  und  dass  NichtJuden  der 
Zutritt  zu  demselben  nur  unter  der  Bedingung  des  üebertritts 
zum  Judenthum  gestattet  werden  sollte:  sie  liessen  sich  die 
Heidenmission  des  Paulus  und  ihre  Erfolge  wohl  als  Thatsache 
gefallen,  aber  sie  betrachteten  die  von  ihm  bekehrten  fort- 
während als  unreine,  so  lange  sie  nicht  durch  die  Beschnei- 
dung in  das  Volk  Gottes  aufgenommen  waren;  sie  suchten 
dieselben  desshalb  überall  zu  sich  herüberzuziehen,  und  selbst 
rein  heidenchristlichen  und  von  Paulus  allein  gestifteten  Ge- 
meinden, wie  denen  Galatiens,  Gesetz  und  Beschneidung  auf- 
zureden. Dass  nun  aber  Paulus  vollends  sich  nicht  damit 
begnügte ,  die  Pforte  des  Gottesreichs  den  Heiden  zu  öffnen, 
sondern  dass  er  auch  die  geborenen  Juden  ihrer  gesetzlichen 
Verpflichtungen  entband,  dass  er  es  geradezu  aussprach,  das 
€hristenthum  sei  mit  dem  Judenthum,  der  Glaube  mit  dem 
Oesetz  unvereinbar,  man  könne  nicht  zugleich  auf  jenen  ver- 
trauen und  sich  durch  dieses  gebunden  fühlen ,  man  habe  nur 
die  Wahl  zwischen  Christus  und  Moses,  —  diess  erschien  den 
Judenchristen  älteren  Schlages  als  ein  solcher  Gräuel,  es  er- 
zeugte sich  unter  ihnen  ein  so  erbitterter  Hass  gegen  den 
Zerstörer  des  Gesetzes,   dass  man  auf  Seiten  dieser  Parthei 

Zeller,  Vortr&ge  imd  AbhandL  X5 


v.-.t^: 


.  ^ 


226  ^A8  ürchristenthnm. 

keine  Schmähung  gegen  den  grossen.Heidenapostel- zu  stark, 
keine  Yerläumdung  über  ihn  unglaublich  fand. .  Die  Fabeln 
und  Übeln  Nachreden,  mit  welchen  die  Nachkommen  der  alten 
Judenchristen,  die  späteren  Ebjoniten,  ihn  verfolgten,  sind  uns 
noch  theil weise  bekannt;  und  ebenso  gehässig  äussern  sich 
über  ihn  noch  die  clementinischen  Homilieen,  eine  ebjonitische 
Partheischrift  aus  dem  letzten  Drittheil  des  zweiten  Jahrhunderts, 
wenn  sie  ihn  als  den  „feindseligen  Menschen^,  den  YerkUn* 
diger  des  „falschen  Evangeliums*',  der  „gesetzlosen  und  nichts« 
würdigen  Lehre^,  oder  um  alles  zusammenzufassen,  als  den 
Zauberer  Simon  darstellen,  als  den  vom  Judenthum  abgefallenen 
Samaritaner,  der  sich  selbst  zum  Gott  aufbläht,  und  der  alle 
Länder  von  Palästiua  bis  Bom  mit  seinen  Zauberkünsten  ver- 
führt, bis  er  in  der  Hauptstadt  des  Reiches,  von  Petrus ,  dem 
ächten  Apostel,  ereilt  und  entlarvt,  dem  verdienten  Schicksal 
anheimfällt.  Kein  anderer  war  aber  ohne  Zweifel  von  Anfang 
an  der  Sinn  und  Beweggrund  der  Simonssage.  Was  Paulus 
schon  von  seinen  korinthischen  Gegnern  vorgeworfen  wuirde, 
dass  er  sich,  ohne  wirklicher  Apostel  zu  sein,  eigenmächtig 
in  die  Apostelwürde  eingedrängt  habe;  was  die  allgemeine 
Meinung  der  strengeren  judenchristlichen  Parthei  war,  dass 
er  abtrünnig  vom  väterlichen  Gesetz  die  Welt  zu  dem  gleichen 
Abfall  verleite,  das  wurde  als  Geschichte  unter  dem  Namen 
des  samaritanischen  Irrlehrers  von  ihm  erzählt;  und  selbst 
jenen  grossartigen  Unterstützungen,  die  er  in  seinen  Gemeinden 
so  eifrig  betrieben  hatte,  um  durch  diesen  Beweis  hülfreicher 
Theilnahme  die  Jerusalemiten  zu  gewinnen,  selbst  diesen 
Liebeswerken  wurde  im  Munde  der  Verläumdung  die  gehässige 
Wendung  gegeben,  dass  er  sich  von  einem  Petrus  und  Johannes 
die  apostolischen  Vorrechte  zu  erkaufen  vergeblich  versucht 
habe.  Da  schon  die  Apostelgeschichte  diese  Simonssage  kennt, 
und  sie  durch  ihre  Darstellung  unschädlich  zu  machen  nöthig 
findet  (in  ihr  wird  Simon  c.  8,  9  flf,  noch  vor  der  Bekehrung 
des  Paulus  beseitigt),  so  dürfen  wir  ihre  Entstehung  mit  Sicher- 
heit in  den  Anfang  des  zweiten  Jahrhunderts  hinaufrücken, 
und  wir  haben  so  auch  an  ihr  einen  Beweis  für  die  Heftigkeit, 


Das  Urchristenthuoii.  227. 

mit  der  man  sich  gerade  auf  dem  ursprünglichen  Schauplatz  des 
Christenthums  seiner  Losreissung  vom  Judenthum  widersetzte. 
Weitere  Belege  dieser  Thatsache  finden  sich  nicht  blos 
in  sonstigen  altkirchlichen  Schriften,  sondern  auch  in  den  neu- 
testamentlichen,  sobald  man  sie  mit  geschichtlichem  Blick  liest» 
in   Menge.    Besonders  belehrend  sind   in  dieser  Beziehung, 
nächst  den  paulinischen  Briefen,  zwei  Bttcher,  von  denen  jedes 
in  seiner  Art  über  den  Geist  des  alten  Judenchristenthums 
Zeugniss  ablegt:   die  Apostelgeschichte  und  die  Offenbarung 
des  Johannes.  —  Die  Apostelgeschichte  ist   allerdings 
allen  Anzeichen  nach  weder  von  einem  Begleiter  des  Paulus 
noch  überhaupt  im  ei'sten  Jahrhundert  nach  Christus  verfasst 
worden,  wenn  auch  für  einzehie  Abschnitte  derselben  die  Denk- 
schrift eines  paulinischen  Reisegefährten  benützt  und  theilweise 
aufgenommen  zu  sein  scheint;  sie  ist  femer  viel  zu  sehr  von 
praktisch- dogmatischen    Interessen  behen*scht  und  geht  mit 
den  überlieferten  Stoffen  viel  zu  frei  um,  sie  hatte  aber  auch 
an  ihnen  selbst  schon  ohne   Zweifel  ein  viel  zu  sagenhaftes 
Material,  als  dass  wir  eine  urkundliche  Geschichtsdarstellung 
von  ihr  erwarten  dürften.    Aber  theils  können  wir  selbst  aus 
dieser  späten  und  in  vielen  Beziehungen  unzuverlässigen  Dar- 
stellung die  ältere  Ueberlieferung  nicht  selten  noch  deutlich 
genug  heraushören;    theils  erhalten  wir  mittelbar,   durch  die 
ganze  Tendenz  der  Schrift  und  die  in  ihr  durchgeführte  Ge- 
schichtsbehandlung, über  die  Zeit,  aus  der  sie  selbst  herstammt, 
Aufschlüsse,  von  denen  auch  auf  die  Vorzeit  ein  überraschendes 
Licht   zurückfällt;    und  der  letztere  Umstand  ist  es  haupt- 
sächlich, welcher  der  Apostelgeschichte  für  die  Eenntniss  des 
ältesten    Ghristenthums   diese   hohe   Bedeutung    giebt.     Der 
Verfasser  dieser  Schrift  ist  sichtbar  ein  Pauliner:  der  paulini- 
sche  Universalismus,  der  Uebergang  des  messianischen  Heils 
von  den  ungläubigen  Juden  zu  den  Glaubigen  aus  den  Heiden 
ist  der  Gedanke,  unter  welchen  die  Geschichte  des  apostoli- 
schen Zeitalters  hier  gestellt  wird;  ihr  eigentlicher  Held  ist 
Paulus,  imd  mit  seinem  Eintritt  in  die  apostolische  Wirksam- 
keit verschwindest  die  jerusalemitische  Gemeinde,  so  weit  nicht 

15* 


i 


\v^ 


228  I^  üidnMnithiiiiL. 

die  Geschichte  des  Paolos  selbst  eu  ihr  zorückfübit,  aos  dem 
Gesichtskreis  des  Verfassers;  die  Empfehlong  des  Hddeo- 
apostels  ond  seises  Werkes  ist  der  praktische  Zweck,  dem 
ihre  Geschichtsdarstellong  dient,  die  Gründoog  der  römischen 
Chiistengemeinde ,  als  Metropole  des  paolinischen  Heiden- 
christenthoms,  ist  das  Ziel,  in  dem  sie  zam  Abschloss  kommt. 
Diese  praktisch  -  dogmatische  Ahzweckong  der  Schrift  tritt  om 
so  klarer  und  unabweisbarer  hervor,  je  vollständiger  uns  eine 
voi-urtheilsfreie  und  genaue  PrQfong  ihrer  Erzählung^  über- 
zeugen muss,  dass  der  Verfasser  ihr  zuliebe  die  Gesduchte 
mit  der  äussersten  Freiheit  behandelt,  die  ihm  überlieferten 
Stoffe  tendenzmässig  umgebildet,  ganze  Erzählungen  neu  er- 
funden oder  verdoppelt,  allbekannte  Vorfälle,  weil  sie  semem 
Zweck  widerstritten,  mit  Stillschweigen  übergangen,  seine 
Darstellung  von  Anfang  bis  zu  Ende  darauf 'angelegt  hat,  in 
den  angeblichen  Verhältnissen  und  Grundsätzen  des  apostoli- 
schen Zeitalters  ein  Vorbild  für  diejenige  Gestaltung  der 
kirchlichen  Zustände  und  Partheiverhältnisse  aufzustellen, 
welche  er  in  seiner  Zeit,  um  120  nach  Christus,  für  durch- 
führbar und  wünschenswerth  hält.  Er  will  den  Partheien, 
welche  sich  damals  in  der  Kirche  die  Herrschaft  streitig 
machten,  der  petrinisch-judaistischen  und  der  paulinisch-uni- 
versalistischen ,  in  der  Geschichte  ihrer  Urzeit  und  an  dem 
Beispiel  ihrer  apostolischen  Häupter  ihre  Gleichberechtigung, 
ihr  ursprüngliches  Einverständniss  und  die  Bedingungen  dieses 
Einverständnisses  zur  Anschauung  bringen.  Nur  um  so  be- 
lehrender ist  es  aber,  zu  sehen,  mit  welchen  Opfern  unser 
Pauliner  den  Frieden  zu  erkaufen  bereit  ist  Den  paulinisdien 
Universalismus  sollen  sich  die  Judenchristen  gefallen  lassen; 
aber  um  ihnen  denselben  annehmbar  zu  machen,  werden 
alle  die  eigenthümlichen  Lehren,  auf  die  Paulus  selbst  ihn 
gestützt  hatte,  alle  Hauptschlagwörter  der  paulinischen  Dog- 
matik  bei  Seite  gelegt  oder  bis  zur  Unkenntlichkeit  abge- 
schwächt; es  werden  nicht  allein  unverhältnissmässig  wenige 
paulinische  Lehrreden  mitgetheilt,  sondern  diese  selbst  sind 
auch  so  gehalten,  dass  sie  dem  strengsten  Judenchristen  nicht 


■aK"*"^"' 


Das  UrohxiBtentkiiia.  229 

Tfohl  zum  Anstoss  gereichen  konnten.  Von  allen  jenen  Sätzen, 
welche  for  den  Apostel  selbst  den  änssersten  Werth  hattm, 
von  der  Sündhaftigkeit  aller  Menschen,  von  der  Unmöglichkeit 
der  GesetzeserfQllung,  von  dem  Yersöhnungstod  Christi,  von 
der  Rechtfertigung  ans  dem  Glauben,  nicht  durch  Ges6tze&- 
werke,  von  der  Abschaffung  des  mosaischen  Gesetzes  und  des 
ganzen  jüdischen  Beligionswesens  —  von  diesen  Grundl^iren 
des  geschichtlichen  Paulus  finden  sich  bei  dem  der  Apostd- 
geschichte  kaum  ein  paar  Anklänge  (13,  38  1  20,  24) ,  die  so 
schwach  sind,  dass  der  Verfasser  stärkeres  und  ebenso  starkes 
auch  dem  Petrus  (15,  10.  10,  34),  und  selbst  dem  Jakobus 
(15,  13  ff.),  so  wie  er  diese  Männer  darstellt,  in  den  Mund 
legen  kann*  Im  übrigen  enthalten  alle  seine  Vorträge  nur 
die  allgemein  anerkannten  Lehren  des  jüdischen  Monotheismus 
und  des  christlichen  Messiasglaubens,  nur  das  gleiche,  was  wir 
auch  in  den  petrinisQhen  Beden  (c.  2 — 5,  10)  treffen:  die 
Lehren  von  der  Einheit  Gott^\  der  Messiaswürde  und  der 
Auferstehung  Jesu,  die  Aufforderung,  sich  zu  bekehren  und 
Werke  zu  thun,  die  der  Bekehrung  würdig  seien  (26,  20),  die 
Predigt  von  der  Gerechtigkeit,  der  Enthaltsamkeit  und  dem 
künftigen  Gericht  (24,  25),  abe^  nichts  von  dem,  was  uns  als 
das  eigenthümlich  paulinische  aus  jeder  Zeile  seiner  ächten 
Briefe  entgegentritt  Ja  gerade  der  Grundsatz,  welcher  für 
den  geschichtlichen  Paulus  der  Angelpunkt  seiner  ganzen 
Theologie  war,  dass  durch  Christus  das  jüdische  Gesetz  auf- 
gehoben sei ,  und  dass  Christus  eben  dazu  gekommen  sei ,  um 
an  die  Stelle  der  jüdische  Beligion  eine  neue ,  an  die  Stelle 
des  Gesetzes  den  Glauben  zu  setzen  —  gerade  diese  Grund- 
lehre des  ursprün^chen  Paulinismus  wird  in  der  Apostel- 
geschichte ausdrücklich  yerläugnet  Paulus  versichert  in  seinen 
Briefen  aller  Orten,  dass  der  Glaube  an  Christus  und  das 
Festhalten  am  mosaischen  Gesetz  sich  ausschliessen;  nach  der 
Darstellung  der  Apostelgeschidite  (c  15  vgl  m.  21,  20  ff.) 
hätte  er  sidi  mit  d^i  Jerosal^niten  darüber  verständigt,  ja 
er  selbst  hätte  es  als  formliches  Kircfaengesetz,  als  Verfügung 
des  heiligen  Geistes   verkündigt,  dass  die  gläubigen  Juden 


230  I>AS  ürchristenthniiL 

aach  nach  ihrem  Uebertritt  zum  Christenthuin  fortwährend 
an  das  Gesetz  gebunden  seien,  dass  aber  aaeh  den  Heiden- 
christen gennsse  Enthaltungen  nicht  erlassen  werden  k&inen, 
welche  der  wirUiche  Paulus  (wie  wir  aus  1  Kor.  8—10  sehen) 
an  sich  selbst  für  ganz  unbegründet  ansah,  und  nur  unter 
Umständen,  aus  schonender  Berücksichtigung  fremder  Yor- 
urtheile,  verlangte.  Paulus  erklärt  seinen  Galatem  (Gal.  5, 
2  f.)  mit  allem  Nachdruck,  wenn  sie  sich  beschneiden  lassen, 
haben  sie  von  Christus  nichts  zu  hoffen,  und  er  hatte  sich 
aus  diesem  Grunde,  wie  schon  oben  bemerkt  wurde,  bei  seiner 
Anwesenheit  in  Jerusalem  der  Forderung,  dass  sein  Begleiter 
Titus  die  Beschneidung  annehme,  mit  unerschütterlicher  Festig- 
keit widersetzt  (Gal.  2,  3  f.);  die  Apostelgeschichte  (16,  3) 
lässt  ihn  um  dieselbe  Zeit  die  Beschneidung  des  Timotheus 
selbst  vornehmen,  den  Vorfall  mit  Titus  dag^en  verschweigt 
sie.  Paulus  konnte  nach  seinen  Grundsätzen  weder  sich  selbst 
an  das  Gesetz  binden,  noch  seine  fernere  Geltung  in  der 
Christengemeinde  zugeben:  die  Apostelgeschichte  schildei't  ihn 
als  einen  gesetzesfrommen  Israeliten,  dem  nur  die  Yerläum- 
dung  nachsage,  dass  er  von  den  väterlichen  Gebräuchen  ab- 
gefallen sei,  und  auch  andefe  zu  diesem  Abfall  verleite:  er 
selbst  versichert  in  ihr  25,  8,  er  habe  sidi  gegen  das  judische 
Gesetz  in  keiner  Weise  verfehlt ,  er  nennt  sich  23,  6  einen 
Pharisäer,  ein  Mitglied  der  strengsten,  gesetzeseifrigsten  Parthei 
unter  den  Juden,  was  er  in  der  Wirklichkeit  zwar  fi-üher 
allerdings  gewesen  war,  aber  damals  so  wenig  mdir  war,  als 
Luther  nach  seiner  Yerheirathung  noch  ein  Mönch  war;  er  über- 
nimmt (18,  18.  21,  20  ff.)  jüdische  Gelübde  und  Opfer,  die 
der  geschichtliche  Paulus  unmöglich  übernommen  haben  kann, 
und  zwar  ausdrücklich,  um  die  falsche  Nachrede  zu  wider- 
legen, dass  er  die  Judenchristen  vom  Gesetz  abwendig  mache, 
und  um  zu  beweisen,  dass  auch  er  es  treulich  befolge;  er 
ergreift  jede  Gelegenheit,  um  das  jüdische  Nationalheiligthum 
und  die  jüdischen  Nationalfeste  zu  besuchen,  mag  er  auch 
noch  so  entfernt,  und  durch  seinen  apostolischen  Beruf  noch 
so  stark  in  Anspruch  genommen  sein  (11,  SO.  18,  20.  19,  21. 


Bas  ürchristenüiiiin.  .  231 

20,  16.  24,  11.  17),  und  mag  aus  seiner  eigenen  Erzählung 
(Gal.  1,  15  ff.)  noch  so  klar  hervorgehen,  dass  er  einzelne 
dieser  Beisen  (Apg.  11,  80,  wahrscheinlich  aber  auch  18,  20  ff.) 
gar  nicht  wirklich  gemacht  hat ;  er  steht  auch  mit  den  Juden- 
aposteln und  der  palästinensischen  Gemeinde  im  besten  Ein- 
veiTiehmen,  und  alle  Beweise  des  Gegentheils,  wie  der  Streit 
über  Titus  und  der  harte  Zusammenstoss  mit  Petrus  (Gal.  2, 

8.  11  ff.) ,  w'erden  in  Stillschweigen  begraben.  Selbst  der 
Bemf  des  Heidenapostels  erscheint  hier  nicht  als  ein  freiwillig 
gewählter,  sondern  als  ein  ihm  durch  die  Verhältnisse  fast 
wider  Willen  aufgedrungener.  Während  er  selbst  uns  sagt 
(Gal.  1, 15  f.  2, 7),  dass  er  sich  vom  ersten  Tag  seines  Christen- 
glaubens an  zur  Verkündigung  des  Evangeliums  unter  den 
Heiden  berufen  gewusst  habe,  während  er  alle  seine  üeber- 
zeugungen  hätte  verläugnen  müssen,  um  nicht  Juden  und 
Heiden,  wie  in  Betreff  ihrer  Erlösungsbedürftigkeit  (Rom.  3, 

9.  23  u.  a.),  so  auch  in  Betreff  ihrer  Ansprüche  ^n  seine 
apostolische  Wirksamkeit  sich  gleichzustellen  (Rom.  1,  14), 
lässt  ihn  die  Apostelgeschichte  überall,  wo  sich  eine  jüdische 
Bevölkerung  vorfindet,  ohne  Ausnahme  den  Grundsatz  befolgen, 
den  er  hier  wiederholt  ausspricht  (18,  46.  18,  6.  28,  8),  sich 
nicht  eher  an  die  Heiden  zu  wenden,  als  bis  ihm  die  Juden 
durch  hartnäckige  Verschmähung  seiner  Predigt  ein  Recht 
dazu  gegeben  haben  (vgl.  c.  9,  20  ff.  28  f.  26,  20.  22,  17  ff. 
13,  5.  14,  42  ff.  14,  1.  16,  13.  17,  1.  18,  4.  19,  8.  28,  17). 
So  ängstlich  soll  der  Mann,  welcher  in  Wahrheit  der  kühnste 
Bestreiter  des  jüdischen  Partikularismus  und  seiner  erträumten 
Vorrechte  war,  eben  diese  Vorrechte  gehütet  haben.  So  wird 
ihm  dann  freilich  mit  Recht  von  dem  hochverehrten  Haupte 
der  palästinensischen  Judenchristen,  von  Jakobus,  unter  seiner 
eigenen  Zustimmung,  bezeugt,  dass  an  der  Nachrede  von 
seinem  Antinomismus  kein  wahres  Wort  sei  (21,  24),  und 
selbst  die  Juden  erklären  ihm  in  Rom ,  was  sie  freilich  dem 
wirklichen  Paulus  niemals  gesagt  haben  könnten,  es  sei  ihnen 
sieht  das  geringste  nachtheüige  über  ihn  zu  Ohren  gekommen. 
Wer  sieht  l^er  nicht,  dass  diese  Darstellung  auf  eine  Parthei 


■ 
ff  "      ^  ~ 

4 
/ 

232  I^fts  ürchristenÜuuD. 

berechnet  ist,  die  noch  enge  mit  dem  Judenthum  verwachsen 
war,  und  nur  durch  die  weitgehendsten  Zugeständnisse  für 
die  Zulassung  der  Heiden  zum  Christenthum ,  die  grosse  That 
des  Paulus ,  gewonnen  werden  konnte  ?  Und  wie  gross  musa 
die  Macht  dieser  Parthei  damals  noch  gewesen  sein,  wenn  es 
ein  so  entschiedener,  und  mit  den  Verhältnissen  offenbar  so 
genau  bekannter  Pauliner  nöthig  fand,  das  Bild  seines  Helden 
so  vollständig  umzuzeichnen,  die  wirklichen  Motive  seiner  weit* 
geschichtlichen  Leistung,  die  Grundsätze,  auf  denen  Sßine 
ganze  Bedeutung  beiiiht,  so  systematisch  zu  verstecken  und 
zu  verläugnen,  damit  wenigstens  der  äussere  Erfolg  seines 
Werkes  und  die  Anerkennung  seiner  Apostelwtirde  gerettet, 
die  messiasglaubigen  Juden  mit  dem  Dasein  eines  Christen- 
thums  ausserhalb  des  Judenthums  versöhnt  würden.*) 

Stand  es  aber  so  noch  im  ersten  Drittheil  des  zweiten 
Jahrhunderts;  wie  mag  es  um  die  Mitte  des  ersten  ausgesehen 
haben!  Gab  es  fünfzig  bis  sechzig  Jahre  nach  dem  Tode  des 
Paulus  noch  so  viele,  welche  sich  in  die  Thatsache  des  Heiden- 
christenthums  nicht  zu  finden  im  Stande  waren,  welche  in 
dem  grössten  der  Apostel  nur  den  Eindringling,  in  dem  Be- 
gründer einer  selbständige  diristlichen  Kirche  nur  den  Zer- 
störer ihrer  väterlichen  Beligion  zu  sehen  wussten,  für  welche 
man  ihn  erst  zu  einem  anderen,  als  er  gewesen  war,  machen 
musste ,  um  ihnen  die  Anerkennung  seiner  Person  und  seines 
Werkes  abzudringen;  war  diese  Parthei  selbst  in  der  Haupt- 
stadt der  heidnischen  Welt,  in  der  Paulus  selbst  gewirkt  und 
geblutet  hatte,  in  jener  Zeit  noch  so  mächtig  (und  dass  die 
Apostelgeschichte  gerade  in  Born  und  für  Rom  geschrieben 
wurde,  geht  aus  entscheidenden  Anzeichen  hervor):  wie  ge- 
waltig haben  wir  uns  nicht  ihren  Einfluss,  wie  leidenschaftlich 
ihren  Hass  gegen  den  falschen  Apostel,  den  Abtrünnigen  vom 
Gesetz,  den  Verführer  zum  Abfall,  in  Palästina  und  in  der 


*)  Das  iiSih«r6  über  £e  oben  beqprodieneQ  Fdokte  giebt»  nach  B ««r's 
ToTgtof,  meiiw  „ikpoatelfMchidit«^  (StaMi^  1854),  nameiiäich  a  297  iL 
920  m 


Das  ürchristenthum.  238^ 

Zeit  seines  frisch  einsehneidenden  Wirkens  rorzustellen !  und 
ivie  ist  es  denkbar,  dass  das  Vorurtheil  gegen  Paulus  und  den 
Paulinismus  jemals  zu  sdcher  Stärke  und  solchem  Einfluss 
hätte  gelangen  können,  wenn  die  palästinensischen  Apostel 
und  die  von  ihnen  geleiteten  Gemeinden  mit  demselben  sa  • 
einverstanden  gewesen  wären,  wie  man  sich  diess  gewöhnlich 
vorstellt? 

Wie  es  sich  in  der  Wirklichkeit  verhielt,  davon  haben 
wir  ein  unmittelbares  Zeugniss,  neben  den  obenbesprochenen 
paulinischen  Briefen,  in  der  Offenbarung  des  Johannes. 
Dieses  merkwürdige  Buch  war  bekanntlich  fast  seit  seiner 
Entstehung  ein  unlösbares  Bäthsel,  und  es  musste  diess  sein, 

« 

so  lange  man  in  ihm  pichts  anderes  zu  sehen  wusste,  als  ein 
prophetisches  Compendium  der  Welt-  und  Kirchengeschichte, 
mit  dem  die  wirkliche  Geschichte  in  Einklang  zu  bringen, 
aus  dem  die  künftige  herauszulesen  sei  Eine  so  verkehrte 
Voraussetzung  konnte  natürlich  zu  keiner  vernünftigen  Er- 
klärung und  keinem  wirklichen  Yerständniss  der  Schrift  führen, 
und  je  grösser  nicht  selten  die  Anstrengung  und  der  Scharf- 
sinn war,  den  man  an  ihre  Deutung  verschwendet! ,  um  so 
unwiderleglicher  stellte  sich  nur  die  Nothwendigkeit  heraus, 
jene  Voraussetzung  selbst  aufzugeben  und  die  Apokalypse 
nicht  aus  der  Geschichte,  welche  für  ihren  Verfasser  noch  in 
der  Zukunft  lag,  sondern  aus  den  Verhältnissen,  den  Vor- 
stellungen und  den  Erwartungen  der  Zeit  und  des  Kreises  zu 
erklären,  denen  er  selbst  angehörte.  Seit  die  neuere  Wissen- . 
Schaft  diess  gethan  hat,  ist  das  alte  Räthselbuch  zu  einer 
von  den  gescluchtlidi  verständlichsten  Schriften  unseres  Kanon  \ 

und  zu  einer  von  den  werthvcillsten  Urkunden  aus  der  Urzeit 
der  christlichen  Kirche  gewordai.  Wir  wissen  jetzt,  unter 
welchen  Verhältnissen  und  in  welcher  Absicht  es  verfasst  ist, 
wir  ktanen  seine  Abfassungszeit  auf  wenige  Monate  hin  mit 
vollkommener  Sicherheit,  und  selbst  seinen  Verfasser  mit  hoher 
Wahrscheinlichkeit  bestimmen.  In  jener  Zeit  nach  Nero's 
Tode,  deren  Verwirrung  und  Schrecken  uns  Tacitus  so  an- 
schaulich schildert,  während  Galba's  kurzer  B^erang  (Juni 


\ 


/ 


234  ^^  ürcbristenthnm. 

68  bis  Januar  69)  fand  sich  der  judenchristliche  Verfasser  der 
Offenbarung  getrieben,  seine  Erwartungen  von  der  Zukunft  in 
der  herkömmlichen  Form  jüdischer  Apokalyptik  auszusprechen, 
seine  Glaubensgenossen  für  den  Entscheidungskampf  zwischen 
Christus  und  dem  Antichrist,  der  in  der  allemächsten  Zeit 
bevorstehe  sollte,  vorzubereiten,  sie  zur  Ausstossung  aller 
unreinen  Elemente,  zum  würdigen  Empfang  des  himmlischen 
Königs  aufzufordern,  sie  mit  dem  glühenden  Muthe  des  Mär- 
tyrerthums  zu  erfüllen,  dem  nach  seiner  Ueberzeugung  kein 
treuer  Bekenner  Christi  entgehen  kann.*)  Dieser  Verfasser 
nennt  sich  selbst  Johannes,  und  die  alte  kirchliche  Ueber- 
lieferung,  welcher  die  Offenbarung  weit  früher,  als  das  vierte 
Evangelium,  bekannt  ist,  versteht  unter  ihm  keinen  andern, 
als  den  Apostel  dieses  Namens ;  damit  stimmen  aber  auch  alle 
glaubwürdigen  Angaben  über  den  Charakter  und  die  Lebens- 
geschichte des  Apostels,  es  stimmt  damit  der  ganze  Geist  der 
Schrift,  ihr  Inhalt,  ihre  Darstellungsform  und  ihre  Sprache, 
so  vollkommen  überein,  dass  wir  sie  für  richtig  zu  halten  allen 
Ginind  haben.  Die  Offenbarung  hat  daher  aller  Wahrschein- 
lichkeit nach  einen  von  den  angesehensten  persönlichen  Schülern 
Jesu  zum  Verfasser,  und  sie  ist  sogar  ohne  Zweifel  das  einzige 
Werk  von  einem  der  filteren  Apostel,  das  wir  besitzen.  Selbst 
dann  aber,  wenn  man  ihren  apostolischen  Ursprung  nicht  zu- 
geben wollte,  müsste  man  doch  einräumen,  dass  es  ein  Mann 
von  apostolischer  Stellung  und  apostolischem  Geiste  gewesen 
sein  muss,  der  es  wagen  durfte,  jene  sieben  Sendschreiben 
(c.  2.  3.)  an  die  kleinasiatischen  Gemeinden  zu  erlassen,  und 
die  Gesichte,  welche  der  Herr  der  Kirche  ihm  gezeigt  hat, 
in  seinem  Namen  und  Auftrag  zu  verkündigen :  selbst  in  diesenii 
an  sich  sehr  unwahrscheinlichen  Fall  hätten  wir  immer  noch 
an  unserem  Buche  das  urkundlichste  Denkmal  des  Geistes, 
der  unter  den  alten  Judenchristen  um  das  Ende  des  aposto- 
lischen Zeitalters  gehen*scht  hat. 

'*')  Einiges  weitere  über  diese  Abzweckang  der  Apokalypse  und  über 
die  Verhältnisse,  unter  denen  sie  entstanden  ist,  findet  sich  tiefer  unten,  in 
der  Abhandlung  über  die  Tübinger  Schule. 


Das  Urcbristenthum.  235 

Dieser  Geist  liegt  aber  freilich  von  dem,  was  wir  heutzu- 
tage Christenthum  nennen,  in  vielen  Beziehungen  weit  ab. 
Für  uns  handelt  es  sich  bei  dem  Christenthum,  wie  bei  der 
Beligion  überhaupt,  zunächst  um  das,  was  es  jedem  Einzelnen 
für  sein  inneres  Leben  und  der  menschlichen  Gesdlschaft  für 
ihre  geschichtliche  Entwickelung  leistet;  und  auch  wenn  sich 
der  Blick  auf  ein  jenseitiges  Leben  richtet,  werden  doch  alle, 
die  nicht  bei  einer  ganz  äusserlichen  Auffassung  der  Beligion 
stehen  geblieben  sind,  in  diesem  jenseitigen  nur  die  natur- 
gemässe  Fortsetzung  und  Vollendung  dessen  sehen,  was  seinem 
Wesen  und  seinem  geistigen  Gehalte  nach  schon  im  Diesseits 
vorhanden  sein  muss.  Der  Apokalyptiker  dagegen  dringt  zwar 
gleichfalls  mit  allem  Nachdruck  auf  die  Erfüllung  der  sittlich- 
religiösen Anforderungen,  an  welche  die  künftige  Seligkeit 
geknüpft  ist;  aber  in  dem  sittlichen  und  religiösen  Zustande 
des  Menschen  liegt  nach  seiner  Auffassung  nicht  der  Zweck 
und  das  Wesen  der  Beligion,  sondern  sie  ist  nur  das  Mittel, 
nur  die  Bedingung  der  künftigen  Seligkeit;  nicht  das  Innere 
des  Menschen  und  nicht  die  geschichtliche  Entwickelung  der 
Menschheit,  sondern  die  Wunderwelt  des  künftigen  Messias- 
reichs gilt  ihm  für  den  eigentlichen  Schauplatz  der  göttlichen 
Offenbarung;  und  jener  künftigen  Welt  ist  sein  Auge  in  so 
feuriger  Sehnsucht  zugewendet,  dass  ihm  darüber  die  gegen- 
wärtige zu  etwas  werthlosem  und  nichtigem  zusammenschrumpft, 
dass  er  überall  in  ihr  nur  das  Walten  der  gottfeindlichen, 
dämonischen  Mächte  zu  sehen  weiss,  dass  er  den  Augenblick 
nicht  erwarten  kann,  in  dem  alle  Beiche  der  Welt  mit  Schrecken 
zusammenstürzen,  und  das  Beich  der  Auserwählten  an  ihre 
Stelle  tritt.  Dieses  künftige  Gottesreich  aber  denkt  sich 
Johannes  genau  so,  wie  sich  die  Juden  der  damaligen. Zeit 
ihr  Messiasreich  zu  denken  pflegten.  Jene  Züge,  die  uns  so 
fremdartig  ansprechen,  die  erste  Auferstehung  und  die  tausend- 
jährige Herrschaft  der  Frommen  in  Jerusalem,  die  Umschaflfung 
des  Himmels  und  der  Erde,  die  Herabkunft  des  himmlischen 
Jerusalem  mit  seinen  Strassen  aus  Gold,,  seinen  Mauern  aus 
Jaspis  und  seinen  Thoren  aus  Perlen,   der  Baum  des  Lebens 


;^.^7%S?: 


«    * 


-V" 


236  I^  UrehriflteiLthiim. 

und  das  Hochzeitmahl  de?  Messias  —  alle  diese  Züge  sind 
seiner  Meinung  nach  nicht  blosse  Symbole  oder  dichterische 
Bilder,  sondern  sie  sind  bei  ihm  ebenso  ernstlich  gemeint,  als 
in  den  jüdischen  Schriften.  Seine  messianischen  Hoffaungen 
sind  die  eines  Juden,  sein  Messiaa  ist  der  des  jüdischen  Volkes, 
und  so  bilden  denn  auch  (c  7)  die  Erwählten  aus  den  zwölf 
Stämmen  den  eigentlichen  Kern  des  künftigen  Gottesvolks,  zu 
welchem  die  glaubigen  Heiden,  wenn  auch  noch  so  zahlreich, 
doch  nur  wie  Plebejer  hinzutreten;  zwischen  dem  Christenthum 
und  dem  wahren  Judenthum  ist  für  ihn  kein  Unterschied  (vgl. 
c.  2,  9.  3,  9);  diejenigen  von  den  Heidenchristen  dagegen, 
welche  dem  Judenthum  gegenüber  eine  unabhängige  Stellung 
einnahmen,  welche  sich  nicht  wie  jüdische  Proselyten  an  die 
mosaischen  Eh^esetze  binden  lassen  wollten  "*"),  und  welche 
nach  dem  Vorgang  des  Paulus  (1  Kor.  7—10)  an  dem  Genüsse 
des  Fleisdi^  von  Opferthieren ,  den  Juden  fast  so  anstössig, 
wie  der  Götzendienst  selbst'*'*),  kein  Aig  fanden,  diese  freier 
denkenden  paulin|^hen  Christen  sind  ihm  die  Nikolaiten  oder 
Bileamiten,  die  Anhänger  der  Jesabel  und  ihrer  Teufelslehre, 
die  der  Messias,  wenn  sie  sich  nicht  schleunig  bekehren,  bei 
seinem  Kommen  vertilgen  wird  (2,  6.  14  f.  20  ff.).  Auch  für 
den  Heidenapostel  selbst  ist  auf  den  zwölf  Grundsteinen  der 
neuen  Gottesstadt  (21 ,  14) ,  unt^  den  „zwölf  Aposteln  des 
Lammes^,  den  allein  berechtigten,  von  Christus  persönlich 
erwählten,  kein  Baum,  und  die  Gemeinde  von  Ephesus  wird 
Off b.  1,  2.  6  ausdrücklich  belobt ,  nicht  blos  weil  sie  die 
Werke  der  ^Nikolaiten"  hasst,  sondern  vorher  noch,  weil  sie 
„diejemgeiy^  die  sich  Apostel  nennen  und  es  doch  nicht  sind, 
geprüft  und  falsch  erfunden  hat^«  Die  Hindeutung  auf  Paulus 
lässt  sich  hier  kaum  verkennen;  sagt  er  uns  doch  in  den 


*)  Nur  darauf  nämlich,  nicht  auf  wirkliche  Unzucht,  bezieht  sich  der 
Vorwurf  der  „Hurerei^'  c  2,  14  20,  wie  diess  durch  Yezgleichung  von 
ApgBch.  15,  20.  29.  21,  25  ausser  Zweifel  gestellt  wird. 

**)  Man  vergL  hierüber  1  Kor.,  Apgseh«  und  Ott&ab.  Jöh.  an  tei  an- 
fafldirten  Oxten. 


Dm  Urchriftenilinnu 


23T 


Eorintherbriefen  deutlich  genug,  irie  entschieden  und  aus  wa- 
chen Gründen  ihm  von  den  Gegnern  die  Apostelwflrde  abge- 
^ritten  wurde,  und  wie  gross  die  Zahl  seiner  Widersacher 
(nadi  1  Kor.  16,  9)  gerade  in  Ephesus  war;  und  bd  einem 
Manne,  der  noch  so  ganz  in  jüdische  Anschauungen  lebt,  der 
Yom  Abscheu  g<^n  das  Heidentbum  und  gegen  jedes  ihm 
gemachte  Zugeständniss,  von  Hass  und  Bache  gegen  die  heid- 
nischen Unterdrücker  so  erfüllt  ist,  wie  der  Apokalyptiker, 
kann  es  uns  auch  wirklich  nicht  hn  geringsten  überraschen, 
wenn  der  Apostel  der  Heiden  ihm  als  ein  falscher  Apostel, 
seine  Lossagung  vom  Judenthum  als  ein  Ab&U  vom  Gesetz 
Gottes,  die  Unabhängigkeit  seines  Auftretens  als  eine  Auf- 
lehnung geg^  das  Ansehen  der  ächten  Apostel,  dk  Sicherheit 
seines  apostolischen  Selbstgefühls  als  strafbare  Anmassung  er- 
schien. Hat  doch  nicht  einmal  ein  Luther  einen  Zwingli  zu 
würdigen  und  zu  dulden  gewusst;  und  doch  stand  dieser  jenem 
ohne  allen  Vergleich  näher,  als  ein  Paulus  selbst  den  frei- 
sinnigsten und  begabtesten  unter  den  Judenchristen  Palästina^s. 
Der  enge  Zusammenhang  des  ältesten  Christenthums  mit 
dem  Judenthum,  welcher  aus  den  vorstehenden  Er&rteningen 
hervorgeht,  wird  auch  noch  durch  einige  weitere  Nachrichten 
bestätigt  Die  Apostelgeschichte  (2,  46.  3,  1.  5,  20  f.  42.  21, 
20  ff.)  sagt  uns,  dass  die  Christen  in  Jerusalem^  und  die  zwölf 
Urapostel  an  ihrer  Spitze,  an  dem  nationalen  Gottesdienst 
fortwährend  theilnahmen,  dass  sie  so  gut,  wie  ihre  nichtchrist- 
lichen Landsleute,  nach  mosaischem  Ritus  Opfer  darbrachten 
und  Gelübde  übernahmen,  dass  sie,  wie  es  c.  21,  20  heisst, 
sammt  und  sonders  Eiferer  für  das  Gesetz  waren,  dass  sie 
nicht  blos  überhaupt  Juden,  sondern  auch  Juden  der  strengsten 
Uebung  sein  und  bleiben  wollten;  und  nach  allem  bisherigen 
wird  uns  diess  durchaus  nicht  auffallen.  Jakobus  besonders, 
den  Bruder  des  Herrn,  das  langjährige  und  hochgefeierte  Ober- 
haupt der  Gemeinde  in  Jerusalem,  schildert  die  ebjonitische 
Legende  bei  Hegesippus  (um  170)  als  das  Musterbild  eines 
gesetzesfronmien  Israeliten  und  eines  essenischen  Heiligen: 
als  dnen  Nasiräer,  dessen  Haupt  von  kdnem  Scheermesser 


23S  I^&8  ürchmtcnthiim. 

berfthrt  wurde;  als  einen  Asceten,  welcher  sich  des  Fleisches, 
des  Weines,  der  Ehe,  der  Bäder^  der  Salben  enthielt,  welcher 
blos  linnene  Gewänder  trog,  und  tagtä^ch  im  Tempel  für 
das  jüdische  Volk  auf  den  Knieen  lag;  und  mag  auch  immer- 
hin in  dieser  Schilderung  manches  übertrieben  sein:  dass 
Jakobus  ^in  eifriger  Anhänger  des  Judenthums  im  Christai- 
thum  war,  lässt  sich  (schon  w^en  Apg.  21,  17  ff.  6aL  2,  12) 
so  wenig  bezweifeln,  als  dass  er  hiebei  seine  palästinensischen 
Glaubensgenossen,  was  den  allgemeinen  Grundsatz  betrifft, 
(^me  Ausnahme,  was  seine  strenge  Durchführung  anbelangt, 
ihrer  überwiegenden  Mehrheit  nach  für  sich  hatte.  Diese 
ältesten  Christa  wollten  nichts  anderes  sein,  als  messias- 
glaubige  Juden:  der  Satz,  dass  Jesus  der  Messias  sei,  war 
der  einzige  Lehrsatz,  durch  den  sie  sich  von  ihren  Volksge- 
nossen aus  der  pharisäische  oder  essenischen  Sekte  unter- 
schieden. 

Nur  aus  dem  jüdischen  Yorstellungskreise  konnten  daher 
auch  die  näheren  Bestinmiungen  dieses  un^rünglichen  Christen- 
glaubens genommen  sein.  „Jesus  von  Nazareth  ist  der  Mes- 
sias,^ so  lautet  das  christliche  Dogma.  Der  Messias  aber  war 
eine  der  damaligen  jüdischen  Theologie  schon  längst  nach 
allen  Seiten  hin  bekannte  Erscheinung,  eine  nach  einem  festen 
dogmatischen  Typus  ausgeführte  Vorstellung.  Aus  propheti- 
schen Aussprüchen,  die  meist  sehr  künstlich  und  ohne  alle 
Bücksicht  auf  ihre  eigentliche  Meinung  gedeutet  wurden ;  aus 
geschichtlichen  Vorbildern,  deren  Auffassung  und  Benutzung 
natürlich  der  Phantasie  gleichfalls  den  freiesten  Spielraum 
liess ;  aus .  der  gesteigerten  Zusammenfassung  alles  dessen, 
worin  der  gläubige  Israelite  das  Ideal  der  Theokratie  und 
des  theokratischen' Fürsten  fand,  aus  den  Wünschen  und  Er- 
wartungen ,  welche  sich  an  die  Lage  und  die  Schicksale  des 
jüdischen  Volks  anknüpften,  aus  der  tausendjährigen  Geschichte 
und  Hoffaung  der  Nation  hatte  sich  die  Idee  des  Gottgesandten 
entwickelt,  der  allen  Leiden  derselben  ein  Ende  machen  und 
den  langersehnten  Gottesstaat  in  seiner  glänzendsten  Gestalt 
verwirklichen  sollte.    Der.  Nachkomme  Davids,  den  die  alten 


Das  UrduristeaÜiiiiii.  239^ 

Propheten  erwartet  hatten,  war  zum  „Sohn  Gottes"  geworden; 
und  dachten  auch  bei  diesem  Ausdruck  jedenfalls  nur  die 
wenigsten  (wenn  überhaupt  welche),  an  ein, übermenschliches 
Wesen,  so  wurde  doch  die  Würde,  die  Macht  und  die  äussere 
Erscheinung  des  Messias  um  so  mehr  in's  übernatürliche  aus« 
gemalt  In  den  Wolken  des  Himmels,  im  Glanz  der  Jehovah«« 
glorie,  im  Geldte  der  himmlischen  Heerschaaren  sollte  er  er«* 
scheinen,  um  die  Feinde  Israelis  zu  vertilgen,  die  Heiden  theils 
-  zu  bekehren ,  theils  zu  vernichten ,  die  unvergängliche  Herr* 
Schaft  des  Gottesvolks  zu  begründen.  Vor  dieser  Erscheinung 
sollten  die  „Geburtswehen  des  Messias"  hergehen,  due  Zeit 
der  Noth  und  des  Unglücks,  deren  Schrecken  mit  allem  Auf- 
wand orientalischer  Phantasie  ausgemalt  wurden,  und  schon 
in  einen  ziemlich  feststehenden  Typus  gebracht  waren:,  Yer* 
finsterung  von  Sonne  und  Mond,  schreckhafte  Natur-  und 
Himmelserscheinungen,  Aufruhr  aller  Völker  gegen  Israel,  äus- 
serste  Bedrängniss  der  heiligen  Stadt ,  Herrschaft  der  bSsen 
Mächte  über  die  Erde  —  diese  und  ähnliche  Ereignisse  waren 
es ,  die  als  Vorboten  des  nahenden  Betters  erwartet  wurden. 
Um  so  herrlicher  dachte  man  sich  die  Zeit  der  Buhe  unter 
seiner  Herrschaft.  Was  die  ausschweifendste  Einbildungskraft 
von  Glanz  und  Pracht  ersinnen  konnte,  wurde  in  ihrer  Be- 
schreibung vereinigt;  die  Hauptsache  war  aber  dem  frommen 
Israeliten  das  himmlische  Jerusalem,  welches  als  die  Wohnung 
Gottes  unter  den  Menschen  vom  Himmel  auf  die  verklärte 
Erde  herabkommen  und  die  Jehovahverehrer  fllr  ewige  Zeiten 
in  seinen  Mauern  beherbergen  sollte.  Auf  die  Erde  wurde 
nämlich  der  Schauplatz  des  künftigen  Gottesreichs  durchweg 
verl^,  und  das  jüdische  Nationalbeiligthum  sollte  sein  Mittel- 
punkt sein ;  nur  eine  untergeordnete  Abweichung  ist  es ,  dass 
die  einen  (wie  unsere  Apokalypse)  ein  doppeltes  Messiasreich 
annahmen,  erst  ein  zeitliches  in  dem  jetzigen,  dann  ein  ewiges 
in  dem  himmlischen  Jerusalem,  während  andere  gleich  dem 
ersten  messianischen  Reiche  ewige  Dauer  beilegten.  Wie  leb- 
haft sich. aber  die  jüdische  Theologie  schon  vor  der  Zerstö- 
rung Jerusalems  mit  dem  Bilde  der  himmlischen  Gottesstadt: 


.  *^y  V 


240  Dm  IJidiiiBteiitlHim. 

beschäftigt,  and  wie  vollstftndig  sie  sidi  dasselbe  ausgemalt 
hatte ,  sieht  man  daraus ,  dass  ihre  Schilderang  in  der  Offen- 
barung des  Johannes  (21,  10  ff.)  fiist  keinen  Zug  enthält, 
if  elcher  sich  nicht  in  der  rabbinischen  Literatur  und  in  anderen 
altjfidischen  Schriften,  wie  die  ältesten  SibjlHnen  und  das 
-vierte  Buch  Esra,  wiederfände.  Einzelheiten,  wie  die  Würfel- 
form der  Stadt,  ihre  Edelsteinmauem  und  ihre  Perlenthore, 
der  Lebensstrom  und  die  Lebensbäume  mit  ihren  Früchten, 
haben  dort  ihre  Parallele;  und  sind  auch  die  Schriften,  worin 
wir  sie  finden,  theÖweise  viel  jünger,  als  unsere  Apokalypse, 
so  beweist  doch  ihr  Zusammentreffen  mit  der  letzteren,  dass 
sie  schon  yor  dem  Ende  des  apostolischen  Zeitalters,  und 
wahrscheinlich  schon  in  der  vorchristlichen  Zeit  einen  Bestand- 
theil  der  jüdischen  Messiasei'wartung  ausmachten.  Sind  doch 
auch  jene  zwei  Ungeheuer,  welche  nach  den  Rabbinen  beim 
Festmahl  des  Messias  verzehrt  werden  sollen,  der  Fisch  Le- 
Tiathan  und  der  Ochse  Behemoth,  schon  um  den  Anfang  un- 
seres zweiten  Jahrhunderts  jüdischen  und  judenchristlichen 
Schriftstellern  bekannt;  und  wenn  die  Eabbinen  denselben 
Trauben  beifügen,  deren  Beeren  man  anzapft  wie  Fässer,  so 
will  ein  Mann,  der  dra  Johannes  noch  gekannt  hat,  gar  aus 
dem  Munde  dieses  Apostels,  und  mittelbar  aus  dem  Christi, 
noch  viel  abenteuerlichere  Beschreibungen  von  den  Riesen- 
trauben  und  Biesenähren  im  Reich  des  Messias  gehört  haben.*) 
Man  sieht  deutlich:  was  wir  beim  ersten  Anblick  für  eine 
späte  Ausgeburt  rabbinischer  Phantasie  halten  möchten ;  das 
reicht  über  die  Anfänge  unserer  Religion  hinauf,  was  zunächst 
nur  wie  ein  müssiger  Einfall  Einzelner  aussieht,  das  war  zur 
Zeit  Jesu  Volksglaube,  und  dieser  Glaube  wurde  alles  Ernstes 
auch  von  solchen  getheilt,  deren  Bedeutung  wir  nicht  gering 
anschlagen  können,  so  seltsam  auch  viele  von  ihren  Vorstel- 
lungen uns  ansprechen. 

In   diesen  Vorstellungskreis  trat  nun  das  Christenthum 


•)  Dieselben  werden  tiefer  unten,  in  dem  Aufeatz  über  die  Tübinger 
Schule,  angeführt  werden. 


^>*- 


*  j 


Das  Urchristenthum.  241 

ein,  und  es  nahm  ihn  fast  vollständig  in  sich  auf.  Ob  und 
inwieweit  diess  schon  von  Jesus  selbst  geschehen  ist,  kann 
hier  allerdings  nicht  untersucht  werden ; .  ich  werde  auf  diese 
Frage  an  einem  andeni  Orte  zurückkommen.*)  Was  aber 
seine  ei*sten  und  unmittelbaren  Schüler  betrifft,  so  steht  von 
ihnen  auch  schon  nach  den  bisherigen  Erörterungen  ausser 
Zweifel,  dass  sie  die  messianischen  Erwartungen  ihrer  Volks- 
genossen in  allen  Hauptpunkten  theilten,  und  dass  sie  auch 
in  ihrem  Glauben  an  den  erschienenen  Messias  keinen  Grund 
fanden,  dieselben  aufzugeben.  Schon  die  einzige  Apokalypse 
würde  hiefür  vollgültiges  Zeugniss  ablegen,  wenn  es  über- 
haupt noch  eines  Beweises  für  das  bedürfte,  was  alle  Denk- 
male des  ältesten  Christenthums  einstimmig  bestätigen.  Nur 
die  dogmatische  Befangenheit  einer  späteren  Zeit  konnte  diese 
Zeugnisse  überhören,  und  dasjenige  für  ein  blosses  Bild  oder 
eine  unwesentliche  Nebensache  erklären,  was  den  ersten  Chri- 
sten für  den  Kern  und  Mittelpunkt  ihres  ganzen  Glaubens 
gegolten  hat. 

Ganz  unverändert  liess  sich  nun  freilich  der  jüdische 
Messiasbegilff  in  das  Christenthum  nicht  herübemehmen.  Die 
Juden  ei*warteten  einen  Messias,  der  in  den  Wolken  des 
Himmels  kommen  sollte,  um  das  ersehnte  Gottesreich  zu  stiften. 
Der  christliche  Messias  aber  war  statt  dessen  in  der  anspruchs- 
losen Gestalt  eines  Mannes  aus  dem  Volke,  eines  umher- 
ziehenden Lehrers,  in  aller  Demuth  und  Niedrigkeit  aufge- 
treten; er  hatte  bei  der  Masse  des  Volkes  nur  Lauheit  oder 
Misstrauen,  bei  der  herrsehenden  Klasse  leidenschaftlichen 
Widei-stand  gefunden;  er  hatte  den  Tod  des  Verbrechers  er- 
litten, und  statt  des  gehofilen  Weltreichs  hätte  er  nur  die 
Herrschaft  der  Gottergebenheit  und  der  Liebe  in  den  Herzen 
begründet.  Es  liegt  hier  auch  wirklich  der  tiefste  Grund  für 
die  Ablösung  der  neuen  Religion  von  der  alten ,  für  die  Ent- 
stehung eines  Christenthums  ausser  dem  Judenthum.  Dass 
die  Erwartung  eines  zukünftigen  Messias  dem  Glauben  an  den 


*)  In  der  Abhandlang  über  Strauss  und  Benan. 

Zeller,  Vortrage  und  Abhandl.  \Q 


*,^  ^    •*"^**.    *  ~^ 


242  ^^  Urchristenthum. 

erschienenen  weichen  musste;  dass  seine  Erscheinung  und  sein 
Schicksal  mit  der  jüdischen  Messiasidee  in  diesem  durchgrei- 
fenden Widerspruch  stand;  und  was  die  Hauptsache  ist,  dass 
er  selbst  diese  hohe,  reine,  gotterfüllte  Persönlichkeit  war, 
dass  er  dieser  Held  war,  dessen  sittliche  Grösse  den  Glauben 
an  seine  Sendung  allen  jüdischen  Yorurtheilen  und  allem 
äusseren  Augenschein  zum  Trotz  über  seinen  Tod  hinaus  in 
voller  Lebendigkeit  zu  erhalten  die  Kraft  hatte  —  diess  ist 
es  in  der  That,  was  der  christlichen  Kirche  ihr  Dasein  gegeben 
hat,  diess  jener  „verschwindende  Punkt",  in  dem,  der  Lauf 
der  Geschichte  umwandte,  und  der  tiefe  Zwiespalt  des  Geistes 
mit  sich  selbst  zunächst  für  den  religiösen  Glauben  4ind  das 
fromme  Gemüthsleben  sich  zu  versöhnen  begann.  Den  ersten 
Christen  jedoch  kam  diese  Bedeutung  ihres  Meisters  noch 
nicht  rein  zum  Bewusstsein;  für  ihre  Vorstellung  handelte  es 
sich  hier  nicht  blos  um  eine  Neugestaltung  des  sittlichen  und 
religiösen  Lebens,  sondern  diese  selbst  verknüpfte  sich  ihnen 
unmittelbar  wieder  mit  denselben  äusserlichen  Vorgängen,  von 
denen  sie  als  Juden  das  Heil  erwartet  hatten.  Dass  Jesus 
der  Messias  sei,  stand  ihnen  fest.  Worin  aber  die  Aufgabe 
des  Messias  bestehe,  darüber  war  kein  Jude  im  Zweifel:  er 
sollte  „das  Reich  Israel  wiederaufrichten"  (Apg.  1,  6.  Luc. 
24,  21),  den  Thron  Davids  einnehmen  (Luc.  1,  32.  Apg.  2,  30), 
dem  Volke  Rettung  bringen  von  seinen  Feinden  (L.  2,  71). 
Und  derselbe,  welchen  Gott  hiezu  gesandt  hatte,  war  von 
diesem  Volke  verschmäht  worden,  er  hatte  am  Kreuze  ver- 
blutet,  ohne  in  der  Lage  der  Nation  die  mindeste  Aenderung 
herbeigeführt  zu  haben.  Wie  liess  sich  beides  vereinigen,  die 
üeberzeugung  von  seiner  messianischen  Würde  und  Bestinmiung 
und  die  Thatsachen,  welche  dieser  üeberzeugung  widersprachen  ? 
Der  Glaube  der  Jünger  ergriff  den  Ausweg,  welchen  der  Glaube 
in  ähnlichen  Fällen  immer  ergriffen  hat:  was  die  Gegenwart 
verweigerte,  wurde  von  der  Zukunft,  und  natürlich  von  der 
allernächsten  Zukunft,  gehofft.  Hatte  Jesus  sein  messianisches 
Werk  während  seines  Lebens  nicht  vollendet,  so  erwartete 
man  diess  nur  um  so  mehr  von  dem  auferstandenen  und  zur 


Das  Ürchristenthum.  243 

Mmmlischen  Hen-lichkeit  eingegangenen.  So  lange  ihr  Meister 
lebte,  glaubten  seine  vertrautesten  Schüler  nicht  anders,  als 
dass  er  alsbald  das  messianische  Reich  aufrichten  werde,  und 
sie  Hessen  sich  in  dieser  Meinung  durch  die  Andeutungen 
über  das  ihm  bevorstehende  Schicksal  (die  freilich  unmöglich 
€0  bestimmt  gelautet  haben  können,  wie  unsere  Evangelien 
diess  darstellen)  im  geringsten  nicht  irre  machen;  erst  als 
sein  Tod  diese  Erwartungen  vereitelt  hatte,  fiengen  sie  an, 
auf  seine  Wiederkunft  zu  hoffen,  und  sein  Erdenleben  als 
eine  blosse  Vorbereitung  ftti-  dieselbe  zu  betrachten:  nach 
der  Auferstehung,  heisst  es,  habe  ihnen  Jesus  über  die 
Nothwendigkeit  seines  Todes  die  Augen  geöffnet.  Der  christ- 
liche Messiasglaube  wurde  jetzt  zum  Glauben  an  die  Wieder- 
kunft des  Messias:  während  das  Judenthum  nur  von  einer 
einmaligen  Erscheinung  desselben  weiss,  lehrt  das  Chiisten- 
thum  eine  doppelte,  die  eine  in  der  Vergangenheit,  die  -andere 
in  der  Zukunft,  die  eine  der  jüdischen  Messiaserwartung  ebenso 
widersprechend,  wie  die  andere  mit  ihr  übereinstimmt. 

Man  ist  seit  langem  gewohnt,  und  auch  nach  allen  kritischen 
Aufklärungen  der  letzten  vierzig  Jahre  sind  die  Gebildeten  unter 
den  Christen  ihrer  Mehrzahl  nach  dabei  geblieben,  die  sichtbare 
Wiederkunft  Christi  unter  dasjenige  im  neuen  Testamente  zu 
rechnen,  was  nur  bildlich,  oder  nur  aus  Anbequemung,  dem 
jüdischen  Volksglauben  zuliebe,  gesagt  sei ;  wenn  Christus  und 
die  Apostel  vom  Gottesreich  reden,  so  soll  damit  die  christ- 
liche Kirche,  wie  sie  sich  seitdem  geschichtlich  entwickelt  hat, 
wenn  sie  vom  Kommen  des  Henn  sprechen,  soll  seine  Offen- 
l)arung  in  der  Geschichte,  oder  unser  Kommen  zu  ihm  nach 
dem  Tode  gemeint  sein.  Diese  Vorstellung  ist  aber  das  will- 
kührlichste  und  ungeschichtlichste,  was  man  sich  denken  kann. 
Wir  freilich  wissen  mit  jener  sichtbaren  Wiederkunft  nichts 
mehr  anzufangen,  und  selbst  für  die  wunderglaubigen  unter 
uns  ist  sie  bedeutungslos  geworden,  eine  dogmatische  Antiqui- 
tät, welche  die  einen  ganz  bei  Seite  legen,  die  andern  eben 
nur  aus  Respekt  vor  dem  Buchstaben  der  Schrift  mit  sich 
fortschleppen,   die  aber  alle  aus  ihrem  praktischen  Gebrauch 

16* 


244  ^fts  ürchristenthum. 

und  Interesse  entfernt  haben;  wir  freilich  wissen,  dass  der 
wahre  Gottesstaat  nicht  in  Gestalt  einer  sichtbaren  Stadt  mit 
Mauern  und  Häusern  vom  Himmel  herabzukommen  braucht, 
sondern  von  innen  heraus  im  Geist  und  Gemüth  der  Menschen 
sich  aufbaut.  Die  ersten  Christen  wussten  aber  eben  dieses 
noch  nicht,  und  sie  waren  so  wenig  geneigt,  sich  auf  das  sitt- 
liche Reich  Gottes  zu  ^beschränken,  dass  vielmehr  die  Ei*war- 
tung  der  sichtbaren  Wiederkunft  Christi  und  des  äusseren 
Gottesreichs  den  greifbaren  Mittelpunkt  ihrer  Dogmatik,  das 
wirksamste  Motiv  ihrer  religiösen  Begeisterung  ausmachte. 
Auch  das  neue  Testament  steht  noch  ganz  auf  diesem  Boden; 
eine  Ausnahme  macht  nur  das  Johannesevangelium,  für  dessen 
jüngeren  Ursprung  und  vorgeschrittene  Entwickelungsstufe 
diese  Abneigung  gegen  jenen  alterthümlichen  Glauben  höchst 
bezeichnend  ist.  Zwar  begegnen  wir  auch  bei  Lukas  (17,  20) 
der  Erklärung:  „das  Reich  Gottes  kommt  nicht  mit  Warten 
(d.  h.  seine  Ankunft  wird  durch  ungeduldiges  Warten  nicht 
beschleunigt;  Luther  übersetzt  unrichtig:  „nicht  mit  äusser- 
lichen  Geberden")  und  man  wird  nicht  sagen :  siehe  hier,  oder 
siehe  da  ist  es;  denn  siehe  das  Reich  Gottes  ist  inwendig  in 
euch."  Aber  die  Meinung  kann  dabei  keinenfalls  die  sein, 
das  äussere  Kommen  des  Gottesreichs  zu  läugnen,  sondern 
jene  Worte  gelten  nur  der  Ungeduld,  welche  einen  bestinunten 
Zeitpunkt  für  sein  Erscheinen  festsetzt,  der  Leichtgläubigkeit, 
welche  sich  bereden  lässt,  der  Messias  habe  sich  da  oder  dort 
schon  gezeigt,  der  Aeusserlichkeit,  welche  die  sittlichen  Be- 
dingungen seines  Kommens  übersieht;  dass  er  aber  konmien 
werde,  und  zwar  wie  der  Blitz,  der  plötzlich  aufleuchtend 
allen  sichtbar  wird,  diess  wird  umnittelbar  nachher  ausdrück- 
lich versichert.  Sonst  ohnedem  wird  aller  Oiten,  bei  Lukas 
so  gut ,  wie  im  übrigen .  neuen  Testament ,  von  der  Wieder- 
kunft Christi  in  den  Wolken  mit  voller  Bestimmtheit  gesprochen. 
Die  sämmtlichen  neutestamentlichen  Schriftsteller,  ausser  dem 
vierten  Evangelisten,  hegen  diese  Erwartung  nicht  blos  alles 
Ernstes,  sondern  sie  ist  auch  für  sie  von  so  entscheidender 
Wichtigkeit,   dass  sie  mit  derselben,   ihrer  eigenen  Ansicht 


Das  ürchristenthum.  245 

nach,  den  Grundstein  ihres  Glaubens,  den  Zielpunkt  ihrer 
Hoffnung  verlieren  würden.  Der  Belege  finden  sich  fast  so 
Tiele,  als  Kapitel  im  neuen  Testament;  um  aber  ein  übriges 
zu  thun ,  mag  ein^  Anzahl  der  beweisendsten  Stellen  unten 
angemerkt  werden.  *)  Diese  Stellen  sprechen  sich  so  klar  und 
bestimmt  aus,  sie  sind  in  einem  so  ernsten  und  durchaus  lehr- 
haften Tone  gehalten,  dass  es  nur  als  die  äusserste  Willktihr 
«nd  Künstelei  bezeichnet  werden  kann,  wenn  selbst  Schleier- 
macher  die  Lehre  von  der  Wiederkunft  Christi  aus  dem  neuen 
Testament  wegzudeuten  versuchte.  Im  Qegentheil :  diese  Lehre 
vvar  mehr  als  ein  Jahrhundert  lang  der  Brennpunkt  des  Chri- 
fitenthums,  und  mit  den  neutestamentlichen  stimmen  hierin 
auch  die  ausserkanonischea  Schriften  überein.  Wie  nahe  aber 
freilich  das  Christenthum  hiemit  dem  Judenthum  noch  stand, 
liegt  auf  der  Hand.  Der  einzige  bewusste  Unterschied  beider 
bestand  in  der  ersten  Zeit  darin,  dass  die  Christen  von  der 
Wiederkunft  des  Messias  erwarteten,  was  nach  jüdischer 
Meinung  sein  erstes  und  einziges  Kommen  bringen  sollte;  der 
Inhalt  dieser  Erwartung  war  aber  bei  beiden  der  gleiche. 
-„Die  Juden,  sagt  eine  altkirchliche  Schrift,  waren  über  die 
erste  Ankunft  des  Hen^n  im  In-thum,  und  diess  ist  der 
einzige  Streitpunkt  zwischen  ihnen  und  uns."  Dass  diess 
4er  getreue  Ausdruck  für  den  Glauben  der  ältesten  Kirche 
ist,  steht  ausser  Zweifel.  Ja  selbst  dieser  Untei-schied  ist  ein 
£iessender;  denn  für  das  eigentlich  messianische  Kommen  galt 
den  ersten  Christen  so  gut ,  wie  den  Juden,  nur  das  Kommen 
des  Messias  in  den  Wolken,  sein  irdisches  Leben  dagegen 
erschien  ihnen  als  eine  blosse  Vorbereitung,  er  sollte  in  dem- 
selben strenggenommen  noch  nicht  al3  Messias,  sondern  erst 
in  der  Rolle  seines  eigenen  Vorläufers  und  Verkündigers  auf- 
getreten sein.  Vgl.  Apg.  3,  20.  Dass  nichtsdestoweniger  auch 
in  diesem  Judenchristenthum  schon  der  fruchtbare  Keim  dessen 


*)  Von  der  Offenbarung  des;  Johannes  war  schon  oben  die  Rede,  weiter 
vgl.  m.  Matth.  c.  24  f.  16,  27  f.  26,  64.  Marc.  c.  13.  Luc.  c.  21.  9,  26, 
Apg.  1,  11.  3,  20.  1  Kor.  15,  52.  1  Thess.  3,  13.  4,  16  ff.  2  Thess.  1,  7  f. 
2  Petr.  3,  9  f.  Jud.  14  ff  1  Joh.  2,  28. 


,♦   • 


.«     -■  V  - 


246 


Das  ürcbristenthum. 


lag,  was  in  der  Folge  aus  ihm  heryorgieng,  ist  schon  bemerkt 
worden;  aber  seinen  Aiihängeni  selbst  verbarg  er  sich  in  der 
Schaale,  die  sie  von  ihm  nicht  zu  trennen  wussten,  und  was 
späterhin  als  ein  unhaltbares  Aussenwerk  verlassen  wurde^ 
das  erschien  ihnen,  wie  diess  ja  gerade  bei  Glaubenssätzen  so 
unendlich  oft  vorkommt,  als  die  Hauptsache. 

Diese  Bedeutung  konnte  aber  die  Wiederkunft  Christi 
für  die  urchristliche  Zeit  nur  dann  haben,  wenn  sie  für  un- 
mittelbar bevorstehend  gehalten  wurde.  Nur  darin  lag  der 
praktische  Werth  dieser  Vorstellung,  dass  jeder  glauben  konnte, 
die  Parusie  selbst  noch  zu  erleben,  wie  sie  umgekehrt  auch 
für  die  strenggläubigsten  unter  den  jetzigen  Christen  ihre 
Wichtigkeit  desshalb  verloren  hat,  weil  diese  fast  ohne  Aus- 
nahme auf  das  baldige  Eintreten  jenes  Ereignisses  verzichtet 
haben.  Wenn  das  Weltende  dem  Einzelnen  nicht  näh^  steht, 
als  das  natürliche  Ende  seines  Lebens,  so  hat  jenes  für  ihn 
keine  persönliche  Bedeutung  mehr,  es  ist  daher  nicht  mehr 
Gegenstand  des  praktischen  und  religiösen,  sondern  nur  noch 
des  theoretischen,  naturwissenschaftlichen  oder  theologischen 
Interesses.  Den  Christen  des  ersten  Jahrhunderts  dagegen 
war  es  noch  ernst  mit  ihrem  Glauben  daran,  er  war  ihnen 
Herzenssache,  und  darum  hofften  sie  es  auch  noch  selbst  zu 
erleben:  hätte  ihnen  jemand  gesagt,  dass  die  Wiederkunft 
Christi  ei'st  nach  ein  paar  tausend  Jahren  erfolgen  werde,  so 
hätte  er  den  innersten  Kern  ihrer  messianischen  HofiEhungen 
angetastet.  „Der  Herr  ist  nahe"  (Phil.  4,  5);  „es  ist  nahe 
gekommen  das  Ende  aller  Dinge"  (1  Petr.  4,  5) ;  „die  Zukunft 
des  Herrn  ist  nahe"  (Jak.  5,  8);  „es  ist  die  letzte  Stunde^*^ 
(1  Joh.  2,  18) ;  „noch  über  eine  kleine  Weile,  so  wird  kommen, 
der  da  kommen  soll,  und  nicht  verziehen"  (Ebr.  10,  37)  — 
diess  ist  der  einstimmige  Buf  der  neutestamentlichen  Schriften. 
„Wahrlich,  ich  sage  euch,"  erklärt  Christus  Matth.  16,  28 
(Marc,  9,  1.  Luc.  9,  27),  „es  stehen  etliche  hier,  die  nicht 
schmecken  werden  den  Tod,  bis  dass  sie  des  Menschen  Sohn 
kommen  sehen  in  seinem  Eeiph."  „Wahrlich  ich  sage  euch,*^ 
heisst  es  Matth.  24,  34  (Marc.  13,  30.    Luc.  21,  32),  „diess 


Das  ürchristenthum.  247 

Geschlecht  wird  nicht  vergehen,  bis  dass  dieses  alles  [die 
Zerstöiimg  Jerusalems  und  die  Wiederkunft  Christi]  geschehe;" 
und  merkwürdig  genug  wird  beigefugt:  „Himmel  und  Erde 
werden  vergehen,  aber  meine  Worte  werden  nicht  vergehen." 
Noch  früher  erwartet  die  Apokalypse  die  letzte  Katastrophe: 
vierthalb  Jahre  lang,  glaubt  sie,  werde  Jerusalem  mit  Aus- 
nahme des  Tempels  von  den  Bömem  besetzt  sein,  daim  werde 
das  Thier  aus  dem  Abgrund,  der  Kaiser  Nero,  mit  dämonischer 
Hülfe,  an  der  Spitze  orientalischer  Heerschaaren ,  als  Anti- 
christ wiederkehren,  alsbald  aber  auch  von  dem  persönlich 
erscheinenden  Christus  vernichtet  werden.  (M.  vgl.  c.  11.  13. 
17.  19,  die  Zeitrechnung  betreffend  insbesondere  11,  2.  3.  12, 
6.  14.  13,  5.).  Die  Wiederkunft  Christi  hätte  demnach,  da 
die  Apokalypse  in- der  zweiten  Hälfte  des  Jahrs  68  nach 
Christus  verfasst  ist,  etwa  im  Jahr  72  erfolgen  müssen.  Selbst 
Paulus  zeigt  sich  bei  diesem  Punkte  ganz  in  den  Erwaiiungen 
seiner  Zeitgenossen  befangen.  „Es  wird  die  Posaune  schallen," 
sagt  er  1  Kor.  15,  52,  „und  die  Todten  werden  auferstehen 
unverweslich,  und  wir  werden  verwandelt  werden."  Noch 
weiter  ist  diess  im  ersten  Thessalonicherbrief  4, 16  ausgeführt. 
„Denn  das  sagen  wir  euch  als  ein  Wort  des  Herrn,  dass  wir, 
die  wir  leben  und  übrigbleiben  bis  zur  Ankunft  des  Herrn, 
den  Entschlafenen  nicht  zuvorkommen  werden.  Denn  der 
Herr  selbst  wird  unter-  Schlachtgeschrei,  mit  dem  Rufe  des 
Erzengels  und  der  Posaune  Gottes,  herabsteigen  vom  Himmel, 
und  die  in  Christus  gestorbenen  werden  zuerst  aufstehen; 
dann  werden  wir,  die  wir  leben  und  übrigbleiben,  zugleich 
mit  ihnen  entrückt  werden  in  den  Wolken,  dem  Hern  ent- 
gegen in  die  Luft"  u.  s.-  w.  Noch  ganz  späte  Schriften ,  wie 
der  zweite  Petrusbrief  (3,  3  flf.),  der  es  bereits  nöthig  findet, 
das  lange  Ausbleiben  der  Wiederkunft  zu  entschuldigen,  kön- 
nen sich  doch  von  dieser  Erwartung  selbst  nicht  trennen: 
das  Johannesevangelium  ist  die  einzige  unter  den  neutesta- 
mentlichen  Schriften,  welche  an  die  Stelle  des  sichtbaren 
Kommens  die  geistige  Einkehr  Christi  in's  Gemüth  setzt  (c* 
14,  3.  18  flf.  16,  16  ff.). 


248  I^fts  ürchristentham. 

Man  sieht,  es  gehört  etwas  dazu,  die  Nähe  der^Parusie 
aus  dem  neuen  Testament  zu  entfernen.  Aber  welche  Leistung 
wäre  Theologen  unmöglich,  wenn  es  sich  darum  handelt,  miss- 
liebige  Vorstellungen  aus  der  Schrift  hinweg-  und  andere  dafür 
hineinzudeuten?  Auch  hier  hat  die  Exegese  mehr  als  Ein 
Meisterstück  abgelegt.  Wenn  Paulus  sagt :  die  Todten  werden 
auferstehen,  wir  anderen  aber  werden  verwandelt  werden,  so 
sollte  diess  bedeuten:  wir,  die  todten,  werden  auferstehen, 
die  übrigen  aber  werden  verwandelt  werden ;  wenn  Matth.  16, 
28  versichert  wird,  ein  Theil  der  Anwesenden  werde  des 
Menschen  Sohn  in  seinem  Beich  kommen  sehen,  so  soll  dabei 
an  alles  andere  eher  zu  denken  sein,  als  an  die  persönliche 
Wiederkunft  des  Messias;  wenn  in  unzähligen  anderen  Stellen 
von  der  Nähe  dieser  Wiederkunft  gesprochen  wird,  und  Er- 
mahnungen  für  die  Gegenwart  der  sprechenden  daraus  abge- 
leitet werden,  so  soll  nichts  hindern,  sich  dieselbe  im  Sinn 
der  neutestamentlichen  Männer  noch  .einige  Jahrtausende  ent- 
fernt ^zu  denken ;  von  den  hundert  und  aber  hundert  an  Ge- 
waltsamkeit sich  übertreflFenden  Deutungen  der  Apokalypse 
nicht  zu  reden.  Ein  besonders  glänzendes  Beispiel  dieses  exe- 
getischen Scharfsinns  bieten  die  Beden,  welche  Matth.  24 
(Marc.  13.  Luc.  21)  berichtet  sind.  Wenn  hier  V.  3  nach  der 
Wiederkunft  Christi  und  der  Welt  Ende  gefragt  wird,  und 
wenn  V.  29  ff.  vom  Kommen  des  Megschensohns  in  den  Wol- 
ken, von  den  Engeln  mit  der  Gerichtsposaune,  von  der  Ver- 
finsterung der  Sonne  und  des  Mondes  und  dem  Herabfallen 
der  Sterne  die  Bede  ist,  so  machte  es  den  Erklärern  nicht 
die  geringste  Schwierigkeit,  alles  diess  auf  die  Zerstörung 
Jerusalems,  die  Ausbreitung  des  Christenthimis  und  andere 
zeitgeschichtliche  Ereignisse  zu  deuten.  Wenn  ferner  zuerst 
(V.  15 — 28)  die  Belagerung  Jerusalems  durch  die  Bömer 
beschrieben,  und  (Jann  V.  29  fortgefahren  wird:  „alsbald  aber 
nach  der  Trübsal  jener  Tage  werden  Sonne  und  Mond  ihren 
Schein  verlieren"  u.  s.  w.,  so  sollte  kein  Ginind  zu  finden 
"sein,  um  nicht  das  zweite  von  diesen  Ereignissen  einige  tau- 
send Jahre  später  zu  setzen,  als  das  erste.    Wenn  es  endlich 


/ 


^'*^.: 


Das  Urchristenthum. 


249 


in  demselben  Zusammenhang  V.  34  heilst;  „dieses  Geschlecht 
wird  nicht  vergehen,  bis  diess  alles  geschieht,"  so  meinte  man, 
die  Worte  „diess  alles"  seien  doch  keinenfalls  so  zu  betonen, 
dass  nicht  die  Hauptsache,  die  Wiederkunft  Christi,  davon 
auszunehmen  wäre;  oder  man  erklärte  wohl  auch  „dieses 
Geschlecht"  von  dem  jüdischen  Volke  ,|  dem  hier  eine  Fort- 
dauer bis  an's  Ende  der  Tage  verheissen  werde,  unbekümmert 
darum,  dass  der  griechische  Sprachgebrauch  diess  verbietet, 
und  dass  es  widersinnig  wäre,  auf  die  Frage  (V.  3):  „wann 
wird  diess  geschehen?"  zu  antworten:  die  jüdische  Nation 
wird  nicht  aussterben,  bis  es  geschehen  ist.  Andere  erfanden 
zur  Kettung  ihrer  dogmatischen  Voraussetzungen  die  „prophe- 
tische Perspektive,"  d.  h.  sie  behaupteten,  vor  dem  begeisterten 
Blicke  des  Propheten  verschwinden  die  Untei-schiede  der  Zeiten, 
so  dass  es  fQr  ihn  nichts  ausmache,  in  Einem  Athem,  und 
ohne  jede  Andeutung  ihrer  Verschiedenheit,  von  zwei  Ereig- 
nissen zu  reden,  von  denen  das  eine  morgen,  das  andere 
nach  Jahrhunderten  oder  Jahrtausenden  eintreffen  sollte.  Ein 
falscher  Prophet  sollte  er  aber  danim  natürlich  doch  nicht  sein, 
wenn  er  auch  beide  Vorfälle  ausdiUcklich  für  gleichzeitig  er- 
klärte. Zuletzt  ist  dann  noch  Hengstenberg  auf  die  Auskunft 
verfallen,  das  Kommen  auf  den  Wolken  finde  bei  jedem  von 
jenen  Gottesgerichten  statt,  wie  deren  in  der  Geschichte  schon 
unzählige  eingetreten  seien,  z.  B.  die^Zerstörung  Jerusalems, 
die  Schlacht  bei  Jena  u.  s.  w.  —  eine  Ausrede,  von  der  man 
nicht  weiss,  ob  man  ihren  Aberwitz,  falls  es  ihrem  Urheber 
damit  ernst  war,  oder  ihre  Frivolität,  wenn  es  ihm  nicht  damit 
ernst  war,  mehr  bewundern  soll.  Man  müsste  Anstand  nehmen, 
solcher  Einfälle  auch  nur  zu  erwähnen),  wenn  es  irgend  einen 
Widersinn  gäbe,  dem  nicht  eine  Menge  von  unseren  „glaubi- 
gen" Theologen  in  ihrer  Rathlosigkeit  bereitwilligst  Beifall 
geklatscht  hätte,  sobald  er  auch  nur  den  entferntesten  Schim- 
mer von  apologetischer  Brauchbarkeit  zeigte. 

Ich  bin  auf  die  Vorstellungen  der  ältesten  Kirche  von 
der  Wiederkunft  Christi  etwas  näher  eingetreten,  weil  es  keinen 
anderen  Punkt  giebt,   an  welchem  sich  die  Eigenthümlickeit 


•.  *  '  *y^' '  ■*- 


250  ^M  Urchristenthtun. 

des  ältesten  Christenthums  und  sein  Unterschied  von  dem 
heutigen  schärfer  herausstellte.  Welche  weit  auseinander- 
liegenden Gegensätze,  das  Ghristenthum  unserer  Tage,  in  seiner 
weltbeherrschenden  Selbständigkeit,  in  seiner  Ausbreitung  zu 
unzähligen  kirchlichen  und  staatlichen  Gemeinwesen,  in  seiner 
allseitigen  Yerschlingung  mit  der  sonstigen  Bildung,  dieses 
freie,  universalistische,  Welt  gewordene  Christenthum ,  und 
das  Christenthum  der  Urzeit,  welches  von  aller  weltlichen 
Bildung  und  Thätigkeit  abgekehrt  das  Weltende  sehnsüchtig 
erharrte,  und  es  jeden  Augenblick  erleben  zu  können  glaubte; 
welches  noch  unfähig,  auf  eigenen  Füssen  zu  stehen,  und  fast 
ohne  Bewusstsein  über  sein  eigentliches  Wesen  in  der  starren 
Umhüllung  des  Judenthums  verpuppt  lag,  und  welches  an 
seiner  natürlichen  Entwicklungsfähigkeit  verzweifelnd  nur  von 
einer  wunderbaren,  gewaltsamen  Umkehrung  des  Weltlaufs  — 
nicht  seine  Befreiung  von  jener  Hülle,  sondern  ihre  Befestigung 
für  alle  Ewigkeit  erwartete !  und  wie  viele  und  durchgreifende 
Veränderungen  mussten  vorangehen,  ehe  sich  die  jetzige  Ge- 
stalt des  religiösen  Lebens  aus  jener  urchristlichen  entwickeln 
konnte ! 

Die  erste  und  wichtigste  von  diesen  Veränderungen  war 
die  Losreissung  des  Christenthums  vom  Judenthum,  und  der, 
welcher  dieselbe  bewirkt  hat,  war  der  Apostel  Paulus.  Man 
ist  freilich  viel  zu  weit  gegangen,  wenn  schon  behauptet  wurde, 
nicht  Jesus,  sondern  Paulus,  sei  der  eigentliche  Stifter  des 
Christenthums;  wie  vielmehr  dieser  selbst  nichts  anderes  sein 
wollte,  als  das  reine  Werkzeug  seines  Herrn,  so  wird  auch 
eine  unbefangene  Geschichtsbetrachtung  zugeben  müssen,  dass 
nur  der  Gedanke  an  das  in  Jesus  erschienene  Heil,  nur  die 
Kunde  von  der  Person,  der  Lehre  und  den  Schicksalen  Jesu 
den  grossen  Heidenapostel  zu  dem  machen  konnte,  was  er 
geworden  ist.  Ebenso  gewiss  ist  aber  auch,  dass  das  von 
Jesus  ausgegangene  religiöse  Leben  nicht  über  den  engen 
Kreis  einer  jüdischen  Sekte  hinausgekommen  und  in  dieser 
Gebundenheit  am  Ende  wieder  erstickt  sein  würde,  wenn 
nicht  ein  Mann,  wie  Paulus,  sein  inneres  Wesen  herausgekehrt, 


Das  ürchristenthum.  251 

und  mit  einer  kühnen  That  des  Geistes  seinen  principiellen 
Unterschied  vom  Judenthum  zum  Bewusstsein  gebracht  hätte» 
Das  messianische  Heil  ist  nicht  blos  für  die  Juden  bestimmt, 
sondern  ganz  in  der  gleichen  Welse  auch  für  die  Heiden ;  da& 
Ghristenthum  ist  nicht  blos  Vollendung  des  Judenthums,.  son- 
dern etwas  wesentlich  neues:  erst  im  Ghristenthum  wird  der 
Aufgabe  der  Religion  Genüge  geleistet,  die  „Gerechtigkeit  vor 
Gott''  herbeigeführt,  das  Judenthum  dagegen  verhält  sich  zu 
ihm  nur,  wie  das  Schattenbild  zur  Sache,  wie  der  Gehorsam 
des  Knaben  zur  Freiheit  des  Mannes;  für  den  üebertritt  zum 
Ghristenthum  kann  daher  der  vorgängige  Eintritt  in  den  Mo- 
saismus  so  wenig  verlangt  werden,  dass  vielmehr  umgekehrt 
auch  für  die  geborenen  Juden  durch  denselben  die  Gültigkeit 
des  jüdischen  Religionsgesetzes  als  solchen  aufholt  —  diess 
sind  die  Gedanken,  von  denen  die  ganze  apostolische  Thätig- 
keit  des  Paulus  getragen  ist,  und  durch  die  er  dem  Ghristen- 
thum seine  Selbständigkeit  erobert  hat.  Im  Dienste  dieser 
Gedanken  stehen  alle  die  Lehren,  durch  welche  Paulus  der 
Begründer  der  christlichen  Dogmatik  geworden  ist.  Eine  neue 
Religion  konnte  nur  desshalb  nöthig  sein,  weil  die  Menschheit 
durch  die  alte  ihre  Bestimmung  nicht  erreichen  konnte;  es 
können  nur  desswegen  alle  ohne  Ausnahme  auf  den  Glauben 
an  Ghristus  angewiesen  sein,  weil  es  unmöglich  ist,  durch 
Gesetzeserfiillung  das  göttliche  Wohlgefallen  zu  erlangen. 
Warum  ist  diess  aber  unmöglich?  Weil  es  unmöglich  ist, 
antwortet  Paulus,  das  Gesetz  so  zu  erfüllen,  wie  es  erfüllt 
sein  will,  weil  alle  ohne  Ausnahme  Sünder  sind;  und  Sünder 
sind  alle,  weil  alle  mit  dem  „Fleische'^  als  einer  ihr  höheres 
Leben  störenden,  mit  dem  Geist  im  Streit  liegenden  Macht 
behaftet  sind.  Sofern  endlich  diese  Thatsache  in  ihrer  Allge- 
meinheit wieder  eine  Erkläi-ung .  verlangt ,  verweist  uns  der 
Apostel  auf  die  That  des  ersten  Menschen,  durch  welche  jener 
Widerstreit  und  mit  ihm  die  Sünde  in  die  menschliche  Natur 
gekommen  sei.  Ist  es  jiber  hiernach  schlechterdings  unmöglich^ 
das  Wohlgefallen  Gottes  sich  durch  eigenes  Thun  zu  erwerben, 
sind  alle  der  Sünde  und  ihrer  Strafe,   dem  Tode,   verfallen» 


•T-.X'**» 


252  ^fts  ürchristenthom. 

SO  bleibt  uns  nur  übrig,  unser  Heil  vom  Verzicht  auf  das 
eigene  Thun  und  die  eigene  Gerechtigkeit,  vom  Glauben  an 
Christus  zu  erwarten:  er  hat  in  seinem  Tode  den  Fluch  des 
Gesetzes  gelöst,  und  uns  von  der  Strafe,  die  es  dem  üeber- 
treter  androhte,  befieit,  indem  er  sie  selbst  übernahm ;  er  hat 
aber  zugleich ' auch*die  Macht  der  Sünde  gebrochen,  indem  er 
in  seinem  Leibe  das  Fleisch  und  mit  ihm  die  Sünde  abge- 
tödtet,  das  Strafurtheil  gegen  die  Sünde  vollzogen  hat.  So  ist 
es  nun  dem  Menschen  möglich  gemacht,  sich  vor  Gott  gerecht- 
fertigt zu  wissen,  sich  nicht  mehr  als  Knecht  Gottes,  sondern 
als  Kind  Gottes  zu  fühlen ;  an  die  Stelle  des  Gesetzes,  welches 
von  aussenher  befiehlt,  ist  der  „Geist  Gottes",  die  innerlich 
wirkende  Macht  des  religiösen  Lebens,  getreten;  der  äussere 
Kultus  mit  seinen  Opfern  und  Gärimonien  erscheint  nicht  blos 
entbehrlich,  sondern  der  wahren  Frömmigkeit  geradezu  hinder- 
lich; das  Evangelium  und  das  Gesetz,  der  Glaube  und  die 
Beschneidung  sind  unvereinbar;  wir  bedüifen  keiner  Priester- 
schaft mehr,  denn  ein  jeder  tritt  für  sein  Yerhältniss  zu  Gott 
selbst  ein,  dieses  Yerhältniss  ist  ein  durchaus  unmittelbares 
und  freies  geworden.  ,So  geht  hier  zuerst  die  Einsicht  auf, 
dass  das  Ghristenthum  einen  ganz  neuen  religiösen  Inhalt  in 
das  Leben  der  Menschheit  eingeführt  habe,  dass  ihr  jetzt  erst 
der  Weg  zu  Gott  gezeigt  und  eröflfnet  sei:  die  christliche  Ge- 
meinde tritt  als  eine  durchaus  selbständige ,  auf  einem  eigen- 
thümlichen  Grunde  beruhende  Religionsgesellschaft  mit  dem 
Anspruch,  die  alleinseligmachende  Glaubensweise  zu  besitzen 
und  alle  Völker  in  sich  aufzunehmen,  nicht  allein  der  heid- 
nischen, sondern  auch  der  jüdischen  Beligion  gegenüber. 

Wie  gewaltig  diese  paulinische  Theologie  in  die  Entwick- 
lung der  christlichen  Kirche  und  ebendamit  in  die  Geschichte 
unseres  Geschlechts  eingriff,  sieht  man  am  besten  an  dem 
heftigen  Widerstand,  den  sie  in  der  Christengemeinde  selbst 
fand,  an  der  tiefgehenden  Bewegung,  die  sie  hervorrief,  an 
der  Zeit  und  den  Kämpfen,  die  es  kostete,  bis  sich  auch  nur 
ihre  Grundgedanken  durchgesetzt  hatten.  Die  Spuren  dieses 
Widei-standes  lassen  sich,  wie  schon  oben  gezeigt  wurde,  von 


Das  Urchristenthum.  255 

den  Lebzeiten  des  Apostels  bis  über  die  Mitte  des  zweiten 
Jahrhundeils ,  und  in  einzelnen  Auslaufen!  noch  viel  weiter 
herab,  deutlich  verfolgen;  und  derselbe  gieng  ursprünglich 
nicht  etwa  nur  von  einigen  wenigen  aus,  die  sich  dadurch 
von  der  Mehrzahl  in  der  Kirche  getrennt  hätten,  sondern  er 
hatte  in  der  jerusalemitischen  ürgemeinde  selbst  seinen  Haupt* 
sitz,  und  an  den  Häuptern  des  Apostelkreises,  an  den  ange- 
sehensten unter  den  persönlichen  Schülern  Jesu,  seinen  Rück- 
halt. Paulus  seinerseits  suchte  zwar  fortwährend  sich  mit  den 
Palästinensern  zu  verständigen;  er  unternahm  desshalb  die 
Keise  nach  Jerusalem,  über  die  er  Gal.  2  berichtet,  und  in 
derselben  Absicht  geschah  es  ohne  Zweifel,  dass  er  vor  seinem 
letzten  Besuch  in  der  jüdischen  Hauptstadt  die  grosse  Kollekte 
mit  jenem  ausserordentlichen  Eifer  betrieb,  den  wir  aus  2  Kor. 
8  f.  kennen  lernen:  durch  eine  grossartige  Liebesthat  von 
Seiten  der  Heidenchristen  sollten  die  Vorurtheile  der  Juden- 
christen gegen  sie  widerlegt  und  für  die  Aechtheit  ihres  Chri- 
stenthums  der  thatsächliche  Beweis  geführt  werden.  Aber 
wenn  ihm  diese  Absicht  bei  den  Gegnern  so  wenig  gelang,^ 
dass  sein  Liebeswerk  selbst  zu  neuen  Gehässigkeiten  gemiss- 
braucht  wurde,*)  so  gieng  auch  bei  ihm  die  Friedensliebe 
nicht  so  weit,  dass  er  ihr  die  Berechtigung  seines  Standpunktes 
und  die  Unabhängigkeit  seines  Wirkens  zum  Opfer  zu  bringen 
vermocht  hätte.  Es  lag  mithin  hier  ein  tiefer  Gegensatz  vor,, 
der  auch  die  Häupter  der  werdenden  Kirche,  die  apostolischen 
Verkündiger  der  neuen  Lehre,  gegen  einander  in  Spannung 
setzte.  Die  Folgezeit  freilich  konnte  diess  nicht  mehr  zugeben. 
In  demselben  Masse,  wie  der  Streit  des  Judaismus  und  Pauli- 
nismus in  der  Kirche  sich  ausglich,  verschwand  auch  die  Er- 
innerung an  seine  Bedeutung  und  am  Ende  selbst  an  sein 
Dasein;  je  höher  die  Vorstellungen  von  den  Aposteln  stiegen^ 
je  unbedingter  die  Kirche  ihre  Lehre  und  ihre  Einrichtungen 
auf  die  apostolische  Ueberlieferung  gründete,  um  so  weniger 
konnte  sie  bezweifeln,  dass  die  Apostel  in  allen  Stücken  durch- 


*)  M.  s.  hierüber,  was  S.  226  bemerkt  ist 


254  ^^  UrchristenÜLuiiL 

aus  einstimmig  gewesen  seien,  und  so  gewöhnte  man  sich 
dann ,  sie  alle  zu  einer  unterschiedslosen  Einheit  zusammen- 
zufassen, alle  Gegensätze  der  Einzelnen  und  der  Paitheien 
über  der  vermeintlichen  Einerleiheit  der  ihnen  allen  gleich- 
massig  geoffenbarten  Lehre  zu  vergessen.  Derselben  Gewohn- 
heit folgen  auch  heute  noch  weit  die  meisten.  Man  redet 
von  den  Aposteln  im  allgemeinen,  als  ob  man  damit  lauter 
gleichdenkende  und  in  jeder  Beziehung  gleichgesinnte  Männ^ 
bezeichnete,  und  wenn  man  etwa  auch  verschiedene  Lehr- 
b^riffe  im  neuen  Testament  unterscheidet,  so  macht  doch 
selten  einer  von  unsem  Theologen  so  Ernst  mit  diesem  unter- 
schied, wie  diess  in  Baur's  lichtvollen  Vorlesungen  über  neu- 
testamentliche  Theologie  geschehen  ist:  man  lässt  jeden  neu- 
testamentlichen  Schriftsteller  im  Grunde  dasselbe  sagen,  wie 
alle  übrigen,  nur  mit  etwas  anderen  Worten,  an  ernstliche 
Unterschiede  dagegen,  an  Widersprüche  und  Zerwürfnisse, 
soll  in  ihrer  Lehre  so  wenig,  als  in  ihrem  persönlichen  Ver- 
halten, gedacht  werden.  Eine  unbefangene  Geschichtsforschung 
wird  aber  diese  Vorstellung  weder  mit  den  unbestreitbarsten 
Thatsachen  noch  mit  der  sonstigen  geschichtlichen  Analogie 
in  Einklang  zu  bringen  wissen.  So  tiefe  Umwälzungen  im 
Leben  der  Menschheit,  wie  die  Entstehung  einer  neuen  Welt- 
religion, vollziehen  sich  niemals  ohne  die  häi*testen  Kämpfe; 
und  diese  Kämpfe  werden  nicht  blos  zwischen  denen  gefühi-t, 
welche  der  neuen  geschichtlichen  Bildung  beitreten,  und  denen, 
die  ihr  widerstreben ;  sondern  auch  unter  den  ersteren  selbst 
wird  es  immer,  je  grösser  ihre  geschichtlichen  Aufgaben  sind, 
um  so  mehr,  zu  Gegensätzen  kommen,  die  erst  nach  längerer 
Zeit  ihre  Ausgleichung  finden,  zu  einer  Verschiedenheit  der 
Auffassungen  und  der  Ansichten,  aus  der  sich  nicht  ohne  ernst- 
liche Reibungen  ein  allgemeineres  Einverständniss  über  Ziele 
und  Wege  herausarbeitet.  Wenn  selbst  die  Reformatoren  des 
sechszehnten  Jahrhunderts,  bei  aller  Uebereinstimmung  in  den 
Hauptpunkten,  doch  über  die  nähere  Fassung,  die  Tragweite 
und  die  Consequenzen  ihrer  Grundsätze  sich  nicht  zu  einigen 
im  Stande   wareiL,   wie  lässt  sich  annehmen,   dass  diess  im 


Das  Urchristenthum.  255 

m 

ersten  unter  .viel  tiefer  gehenden  Gegensätzen  ohne  weiteres 
gelangen  sein  sollte?  dass  diejenigen,  die  auch  als  Christen 
noch  Juden  bleiben  wollten,  mit  denen,  'deren  Grundgedanke 
die  Unvereinbarkeit  von  Christenthum  und  Judenthum  war, 
friedlich  Hand  in  Hand  gehen  konnten?  Und  der  Augenschein 
zeigt  ja  auch,  wie  wenig  diess  der  Fall  war.  Wir  haben  schon 
oben  gehört,  welchen  Angriffen  sich  Paulus  während  seiner 
ganzen  Wirksamkeit  von  judenchristlicher  Seite  ausgesetzt 
fand;  wir  haben  uns  überzeugt,  dass  sich  diese  Gegner  nicht 
mit  Unrecht  auf  die  Gemeinde  in  Jerusalem  und  ihre  Führer, 
die  älteren  Apostel,  beriefen;  vnr  haben  uns  von  einem  der 
letzteren  selbst  in  der  Apokalypse  sagen  lassen,  wie  tief  er 
noch  in  jüdischen  Erwartungen  und  Vonirtheilen  befangen  war, 
und  wie  wenig  er  sich  in  die  freieren  Grundsätze  des  paulini- 
schen  Ghristenthums  zu  finden  wusste;  wir  haben  gesehen, 
dass  noch  im  zweiten  Jahrhundert  die  Apostelgeschichte  die 
eingreifendsten  Zugeständnisse  an  den  Judaismus  nöthig  findet, 
um  seine  Abneigung  gegen  den  Heidenapostel  und  sein  Werk 
zu  beschwichtigen,  dass  noch  viel  weiter  herab  bei  den  Nach- 
kommen der  palästinensischen  Gemeinden,  den  Ebjoniten,  die 
gehässigsten  Behauptungen  über  Paulus  im  Umlauf  waren. 
Was  andererseits  Paulus  betrifft ,  so  sehe  man  nur ,  wie  bitter 
er  sich  (2  Kor.  11,  5. 18. 12,  11)  den  „hohen  Aposteln"  gegen- 
überstellt; man  lese  seine  Erklämng  Gal.  2,  6,  dass  er  sich 
um  die  jerusalemitischen  Auktoritäten  nichts  bekümmere ;  man 
erinnere  sich  seines  nachdrücklichen  Auftretens  gegen  Petrus 
(Gal.  2,  14),  und  des  Unwillens,  mit  dem  er  noch  lange  nach- 
her das  Benehmen  des  Apostelfllrsten  kurzweg  eine  verwei-fliche 
Heuchelei  nennt;  man  vergesse  nicht,  dass  er  auch  schon  un- 
mittelbar nach  seiner  Bekehrung  (Gal.  1,  16  f.)  nicht  nöthig 
gefunden  hatte,  sich  mit  den  Urapopteln,  mit  „Fleisch  und 
Blut"  zu  besprechen,  dass  er  sich  seine  Auffassung  des  Ghri- 
stenthums und  seiner  Lehre  ganz  selbständig  ausbildete,  und 
seinen  apostolischen  Beruf  vollkommen  unabhängig  von  seinen 
Vorgängern  betrieb  —  man  beachte  diese  und  ähnliche  Er- 
scheinungen auf  beiden  Seiten,  und  man  höre  endlich  einmal 


•*r  '     .^*T^^  - 


256  ^fts  ürchristenthum. 

auf,  für  den  apostolischen  Kreis  diese  Einstimmigkeit,  und  für 
das  älteste  Christenthum  diese  ruhige  Entwickelung  ohne  in- 
nere Kämpfe  und  Gegensätze  vorauszusetzen,  die  gerade  bei 
den  Anfängen  einer  so  weltumwälzenden,  aus  der  tiefsten 
Gährung  der  Geister  entsprungenen  Bewegung  am  wenigsten 
möglich  war.  Aus  dem  Bedürfhiss  der  Erbauung  kann  aller- 
dings der  Wunsch  hervorgehen ,  in  der  apostolischen  Zeit  das 
reine,  durch  keinen  Missklang  getrübte  Urbild  des  christlichen 
Lebens  anzuschauen;  eine  geschichtliche  Betrachtung  dagegen 
wird  auch  für  diese  Zeit  die  allgemeinen  Gesetze  der  geschicht- 
lichen Entwicklung  geltend  machen,  und  am  Ende  von  der 
Grösse  des  Christenthums  nichts  verloren,  sondern  dieselbe 
vielmehr  erst  recht  verstanden  haben,  wenn  sie  die  Hemmun- 
gen nachweist,  durch  welche  sich  der  von  Christus  ausgegan- 
gene Strom  eines  neuen  geistigen  Lebens  Bahn  brechen  musste. 

Dieser  Kampf  des  freieren  paulinischen  Christenthums 
mit  dem  älteren  judenchristlichen  oder  ebjonitischen .  Stand- 
punkt bildet  (nach  Baur's  folgenreicher  Entdeckung)  ein 
volles  Jahrhundert  hindurch  den  Hauptinhalt  der  christlichen 
Kirchen-  und  Dogmengeschichte,  und  die  verschiedenen  Wen- 
dungen desselben  lassen  sich  nicht  blos  aus  kndei-weitigen 
Quellen,  sondern  noch  deutlicher  und  unmittelbarer  in  solchen 
Schriften  nachweisen,  die  als  Werke  von  Aposteln  und  Apostel- 
schülem  in  unserer  neutestamentlichen  Sammlung  eine  Stelle 
gefunden  haben. 

In  der  nächsten  Zeit  nach  dem  Tode  des  Paulus  war  nun 
die  Trennung  der  Partheien  ohne  Zweifel  eine  sehr  schroffe. 
Da  das  Heiden  christenthum  einmal  da  war,  und  da  die  grosse 
Mehrheit  in  der  Kirche  aus  Heidenchristen  bestand,  musste 
man  es  sich  freilich  gefallen  lassen,  und  wenigstens  ein  Theil 
der  Judenchristen  hatte  schon  frühe  darauf  verzichtet,  die 
getauften  Heiden  der  Beschneidung  zu  unterwerfen:  in  seinen 
Briefen  an  die  Korinther  und  die  Römer  hat  Paulus  diesen 
Anspruch  nicht  mehr  abzuwehren,  und  die  Offenbarung  des 
Johannes  macht  ihren  „Nikolaiten",  den  paulinischen  Christen, 
zwar  den  Genuss  von  Götzenopferfleisch  und  die  üebertretung 


Das  Urchristenthum«  257 

der  jüdischen  Ehegesetze  zum  Vorwurf,  von  den  übrigen  Ge- 
setzesYorschriften  dagegen  und  von  der  Beschneidung  schweigt 
sie  nicht  blos,  sondern  sie  selbst  kennt  (c.  7)  eine  unzählbare 
Menge  von  Glaubigen  aus  allen  Völkern,  die  zu  dem  jüdischen 
Grundstamm  der  Gottesgemeinde  hinzugekommen  sind.  Aber 
es  war'  noch  längere  Zeit  blos  ein  Theil  der  Judenchristen,  der 
80  dachte,  andere  dagegen  behaupteten  noch  zu  Justin's  Zeit 
(um  150)  und  später,  nur  durch  den  vollständigen  Uebertritt 
zum  Judenthum  ^  könne  der  Heide  am  messianischen  Reich 
und  seiner  Seligkeit  Antheil  erhalten,  und  der  Verfasser  der 
Apostelgeschichte  muss  diese  Ansicht  sogar  noch  sehr  ver- 
breitet und  einflussreich  gefunden  haben,  da  er  sonst  keinen 
Anlass  gehabt  hätte,  dem  Judaismus  in  seiner  Dai*stellung  alle 
die  Zugeständnisse  zu  machen,  die  er  ihm  gemacht  hat;  und 
auch  bei  den  milder  gesinnten  war  jene  Anerkennung  des 
Heidenchristenthums  doch  nur  eine  bedingte.  Die  getauften 
Heiden  wurden  auch  von  ihnen  nur  wie  jüdische  Proselyten 
angesehen,  und  es  wurden  von  denselben  ähnliche  Rücksichten 
auf  die  jüdischen  Speise-  und  Ehegesetze  verlangt,  wie  von 
diesen ;  jene  vollständige  Lossagung  von  der  jüdischen  Lebens- 
weise, die  ein  Paulus  für  den  Christen  so  natürlich  fand,  war 
auch  den  gemässigteren  aus  der  judenchristlichen  Parthei  ein 
Gräuel  (der  Apokalyptiker  z.  B.  weiss  sich  über  diese  „Teufels- 
lehre'' nicht  stark  genug  auszudrücken),  die  paulinische  Lehre 
von  der  Rechtfertigung^ durch  den  Glauben,  ohne  Gesetzes- 
werke, blieb  ihnen  unverständlich,  und  gegen  die  Person  des 
Apostels,  dieses  Apostaten  vom  väterlichen  Gesetz,  hegten 
sie  ein  so  unüberwindliches  Vorurtheil,  dass  noch  tief  in's 
zweite  Jahrhundert  hinein,  und  lange  nachdem  sein  grosses 
Werk  sich  die  allgemeine  Anerkennung  erzwungen  hatte,  die 
Angriffe  gegen  ihn  fortgiengen.  Von  den  schrofferen  wurde 
er  bald  versteckter,  als  Magier  Simon,  bald  auch  offen  ge- 
schmäht, die  gemässigteren  pflegten  ihn  wenigstens  zu  igno- 
riren  und  seine  Verdienste  zu  verkleinem ;  selbst  sein  eigenstes 
Werk,  die  Ausbreitung  des  Christenthttms  über  den  heidni- 
schen Westen,   wurde  von  der  ebjonitischen  Sage  auf  Petrus 

Z«Uer,  Yortzige  und  A^lnndL  yj 


258  I>fts  ürchristenthnitt. 

übertragen,  nnd  auch  die  herrschende  kirchliche  üeberlieferong 
räumte  dieser  Partheilüge,  wie  me  finden  werden,  solche  Macht 
über  sich  ein ;  dass  dem  Hamptd  der  Palästinenser '  von  der 
grossen  weltgeschichtlichM  That  des  Heidenapostels  der  Löwen- 
theil  zufiel. 

Wie  wenig  es  noch  um  das  Ende  des  ersten  Jahrhunderts 
zu  einer  Ausgleichung  dieses  Gegensatzes  gekommen  war, 
sieht  man  an  zwei  Stücken  unserer  neutestamentlichen  Samm- 
lung, welche  beide  um  diese  Zeit  oder  nicht  lange  vorher 
verfasst  zu  sein  scheinen:  dem  Brief  an  die  Ebräw  und  dem 
Brief  des  Jakobus;  —  an  die  Aechtheit  des  letzteren  ist 
nämlich,  was  auch  seine  Vertheidiger  gagen  mögen,  so  wenig, 
als  an  den  paullnischen  Ursprung  des  ersteren,  zu  denken. 
Wenn  der  Verfasser  des  Ebräerbrieüs  seinen  judenchristlichen 
Lesern  auf's  angelegentlichste  beweist,  dass  durch  Christus 
dem  jüdischen  Priesterthum ,  dem  jüdischen  Opferdienst ,  dem 
ganzen  jüdischen  Religionswesen  ein  Ende  gemacht,  an  die 
Stelle  des  alten  Bundes  ein  neuer  getreten  sei,  so  kann  eben 
dieses  von  ihnen  noch  nicht  anerkannt  gewesen  sein;  wenn 
er  ihnen  an  zahllosen  alttestamentlichen  Beispielen  darthut, 
dass  alle  göttlichen  Segnungen  an  den  Glauben  geknüpft  seien, 
so  muss  er  es  mit  solchen  zu  thun  haben,  die  nicht  den  Glauben, 
sondern  die  Gesetzeserfüllung  als  das  entscheidende  für  das 
Yerhältniss  des  Menschen  zu  Gott  ansahen;  wenn  er  alle  seine 
exegetische  Kunst  aufbietet,  um  zu  zeigen,  dass  auch  nach 
alttestamentlicher  Lehre  Christus  ein  ganz  einziges,  mit  keinem 
andern  vergleichbares,  seiner  Natur  nach  über  die  Engel, 
seiner  Stellung  und  Bedeutung  nach  über  die  bewundertsten 
Helden  der  jüdischen  Geschichte  und  die  höchsten  Würden- 
träger der  Theokratie  erhabenes  Wesen  sei,  so  kann  diese 
Ansicht  in  der  damaligen  Zeit  noch  nicht  allgemeiner  und  un- 
be2Sireifelter  Glaube  der  Kirche  gewesen  sein.  Der  Ebr&erbrief 
beweist  mit  Einem  Wort  durch  die  Mühe,  welche  er  sich  giebt, 
um  den  Standpunkt  des  Judenchristenthums  zu  widerlegen, 
welche  Macht  dasselbe  noch  in  seiner  Zeit  war.  Noch  un- 
mittelbarer erhellt  diess  aus  dem  Brief  des  Jakobus  für  die 


Das  Urchristenthum.  259 

Ereiise,  welche  den  Ausdruck  ihrer  U^berzeugungen  in  ihm 
fandra.  Dies^  Brief  zeigt  nicht  blos  in  einzehien  Bestim- 
mungen (me  c  5,  12.  14)  die  charakteristischen  Züge  des 
Ebjonitismus,  er  lässt  uns  die  Schlagwörter  und  Oedanken  der 
paidinischen  Theologie  nicht  blos  in  auffallender  Weise  ver- 
missen, wie  denn  z.  B.  der  Yersöhnungstod  Christi  nirgends 
in  ihm  ber&hrt,  und  Christus  überhaupt  nur  wenig  genannt 
wird;  sondern  er  stellt  sich  geiudezu  als  eine  Btreitöchrift 
gegen  den  Pauünismus  dar,  und  er  bekämpft  namentlich  sein« 
Grundlehre  von  der  Rechtfertigung  durch  den  Glauben  mit 
einer  solchen  Bitterkeit  und  mit  einer  so  gründlichen  Ver- 
kennung ihres  eigentlichen  Sinnes,  dass  man  klar  sieht,  wie  weit 
die  Parthei,  deren  Sprache  wir  hier  hören,  von  einer  Verstän- 
digung mit  dem  paulinischen  Christenthum  noch  entfernt  ist.  Was 
für  Paulus  der  innerste  Einheitspunkt  seines  ganzen  religiösen 
Lebens,  die  fruchtbare  Wurzel  alles  Guten  ist,  das  erklärt  der 
Jakobusbrief  für  ein  todtes  Wissen,  wie  es  auch  die  Teufel 
haben  können;  der  Rechtfertigung  durch  den  Glauben  stellt 
er  die  Rechtfertigung  durch  die  Werke  entgegen,  ohne  die 
jener  todt  sei;  die  Beispiele,  welche  Paulus  und  der  Ebräer- 
brief  für  die  Rechtfertigung  durch  den  Glauben  angeführt 
hatten,  sucht  er  ihnen  zu  entreissen  und  füi*  sich  zu  benutzen ; 
wer  sich  auf  den  blossen  Glauben  verlässt,  den  nennt  er  einen 
„eiteln  Menschen** ;  statt  der  Gnade,  von  der  Paulus  alles  allein 
hofft,  verweist  er  uns  (1,  22  ff.  2,  8  f.  4,  11)  auf  das  Gesetz, 
welchem  jener  jeden  Werth  und  jede  Geltung  für  den  Christen 
abgesprochen  hatte.  So  unversöhnt  stehen  sich  um  jene  Zeit 
die  Partheiai  und  Ansichten  noch  gegenüber. 

Im  allgemeinen  scheint  nun  in  diesem  Kampfe  das  Juden- 
christenthum  für  den  Augenblick  auch  in  solchen  Gemeinden 
und  Ländern  die  Oberhand  gewonnen  zu  haben,  denen  Paulus 
selbst  das  Christenthum  gebracht  hatte.  So  haben  wir  schon 
oben  gesehen,  wie  die  ephesinische  Gemeinde  von  dem  Apo- 
kalyptiker  wenige  Jahre  nach  dem  Tode  des  Paulus  wegen 
ihrer  Abwendung  v(m  ihm  und  seiner  Lehre  belobt  wird;  und 
was  uns  über  die  kleinasiatische  Kirche  übei'liefertist,  lässt 

17* 


260  I^ftB  ürchriBtentbniiL 

uns  bis  tief  in^s  zweite  Jahrhundert  herab  das  üebergewicht 
des  Judenchristenthums  deutlich  erkennen.  Ihre  grosse  apo- 
stolische Auktorität  ist  Johannes  —  nicht  der  Evangelist,  von 
dem  man  vor  der  Mitte  des  zweiten  Jahrhunderts  noch  nichts 
wusste,  sondern  der  Judenapostel,  der  Apokalyptiker,  — •  Paulus 
dagegen  wird  in  der  Ueberlieferung  dieser  Kirche  nicht  ge- 
nannt ;  *)  zu  ihren  angesehensten  Lehrern  gehört  jener  Papias, 
der  uns  so  acht  rabbinische  Aussprüche  über  die  Herrlichkeit 
des  Messiasreichs  überliefert  hat,  der  Judenchrist,  der  sich 
nur  bei  den  alten  Aposteln  und  ihren  Schülern  befrage ,  von 
den  „fremden  Lehren''  (eines  Paulus)  nichts  wissen  will ;  aus 
ihrem  Schosse  ist  gegen  die  Mitte  des  zweiten  Jahrhunderts 
der  Montanismus  hervorgegangen,  der  mit  seinem  krankhaft 
überspannten  Chiliasmus,  mit  seiner  visionären  Prophetie,  mit 
seiner  Verkündigung  eines  „neuen  Gesetzes'*  deutlich  genug 
auf  seinen  Ursprung  aus  dem  Judenchristenthum  hinweist,  und 
der  zugleich  durch  seine  weite  Verbreitung  und  seinen  ein- 
greifenden Einfluss  für  die  Macht  dieser  Denkweise  in  der 
damaligen  Zeit  Zeugniss  ablegt  Den  Judaismus  der  ältesten 
römischen  Gemeinde  können  wir  aus  dem  Bömerbrief ,  seine 
fortdauernde  Herrschaft  in  derselben  aus  den  zwei  letzten 
Kapiteln  dieses  Sendschreibens  und  dem  Philipperbrief  (den 
unpaulinischen  Ursprung  dieser  Stücke  vorausgesetzt),  be- 
sonders aber  aus  der  Apostelgeschichte  erschUessen,  sofern 
diese  ganz  unverkennbar  auf  die  römische  Gemeinde  berech- 
nete Schrift,  nach  dem  früher  bemerkten,  noch  um's  Jahr  120 
zur  Gewinnung  der  Judenchristen  die  bedeutendsten  Zuge- 
ständnisse an  ihren  Standpunkt  nöthig  findet.  Zwei  Urkunden 
des  römischen  Ebjonitismus  aus  dem  zweiten  Jahrhundert  be- 
sitzen wir  noch  in  dem'  „Hirten''  des  Hermas  und  den  pseudo- 
clementinischen  Homilieen.  Noch  um  175  bezeugt  Hegesippus, 
einer  von  den   angesehensten  Männern  der  judenchristlichen 


*)  Einen  bezeichnenden  Bdeg  Meför  bie^  unter  ändert  das  Sdireiben 
des  Bischofs  Polykrates  von  Ephesos  aa  den  römischen  Bischof  Viktor  b. 
Enseb.  JL  G.  m,  81. 


Das  ürchristfflithtun.  261 

Parthei,  den  Hauptgemeinden  seiner  Zeit,  die  er  gelbst  bereist 
hatte,  und  namentlich  auch  der  römischen  Gemeinde,  er  habe 
darin  alles  so  getroffen,  „wie  das  Gesetz  und  die  Prophet^ 
und  der  Herr  es  verlangen",  derselbe  Hegesippus,  welcher  in 
einer  uns  erhaltenen  Aeusserung  die  Worte  des  Paulus  1  Kor. 
2, .  9  fili*  eine  schriftwidrige  und  unchristliche  Lüge  erklärt. 
Auch  sein  Zeitgenosse  Justin,  der  lange  in  Rom  lebte,  eine 
von  den  Säulen  der  kirchlichen  Theologie,  neigt  siißh  zum  Eb- 
jonitismus ;  Paulus  wird  in  seinen  Schriften  vollständig  ignorirt- 
Der  Brief  des  angeblichen  Barnabas  findet  es  noch  um  120 
bis  130,  die  ignatianisehen  Briefe  finden  es  um  160  nothwendig, 
vor  der  Uebertragung  des  Judei\thums  in's  Christenthum  nach- 
drücklich zu  warnen ,  die  Unabhängigkeit  des  -letzteren  von 
dem  ersteren  ausführlich  zu  beweisen:  wie  kann  da  an  eine 
üeberwindung  des  Judaismus  im  apostolischen  Zeitalter  ge- 
dacht, sein  lang  andauernder  nachhaltiger  Einfluss  verkannt 
werden  ? 

Auf  eine  eigenthümliche  Weise  spricht  sich  dieser  Einfluss 
des  Judenchristenthums  in  einem  Zug  aus,  der  gerade  bei  der 
römischen  Kirche  eine  grosse  geschichtliche  Wichtigkeit  hat: 
in  der  tendenzmässigen  Veränderung  der  Ueberlieferungen 
über  die  Stiftung  der  Gemeinden.  Keine  Thatsache  der  älte- 
sten Kirchengeschichte  ist  gewisser,  als  die,  dass  die  erste 
Verbreitung  des  Ghristenthums  unter  den  Heiden  ausschliesslich 
oder  fast  ausschliesslich  das  Werk  des  Paulus  und  seiner 
Schüler  gewesen  ist;  von  Petrus  dagegen  sagt  er  selbst  uns 
(Gal.  2,  7),  dass  er  seinen  apostolischen  Wirkungski-eis  viel- 
mehr unter  den  Juden  gesucht  habe.  So  unläugbai*  diess  aber 
auch  sein  mag :  die  judenchristliche  Parthei  Hess  sich  dadurch 
nicht  abhalten,  das  Verdienst  der  Heidenbekehrung  dem  wirk- 
lichen Heidenapostel  zu  rauben,  und  es  auf  ihren  Apostel,  auf 
Petms,  zu  übertragen;  und  so  handgreiflich  diese  Erdichtung 
auch  ist:  die  Kirche  liess  sie  sich  gefallen,  und  selbst  in  sol- 
chen Gemeinden,  deren  paulinischer  Ursprung  ausser  allem 
Zweifel  steht,  nahm  man  keinen  Anstand,  dem  Paulus  den 
Judenapostel  als  Mitbegründer  an  die  Seite  zu  stellen.    Nach- 


262  ^^  ürchristenthonL 

dem  man  sich  judenchristlicherseits  vergeblich  g^en  die  That- 
sache  des  Heidenchristenthums  gesperrt  hatte,    wollte  man 
durch  diese  Wendung  nicht  blos  die  Ehre  des  grossen  Erfolgs 
für  die  eigene  Parthei  gewinnen,  sondern  man  wollte  auch 
die  heidenchristlichen  Gemeinden  durch  dieselbe  zu  sich  her- 
überziehen, sie  dazu  bringen,  sich  selbst  als  petrinische,  der 
judenchristlichen  Glaubens-  und  Lebensform   angehörige,  zu 
betrachten..  Die  Traditionen  über  ihre  Stiftung  sollten  einen 
historischen  Rechtsanspruch  an  ihre  dogmatische  Stellung,  an 
ihre  Gonfession  (wenn  dieser  Ausdruck  erlaubt  ist)  begründen. 
Ebendesshalb  aber  setzt   das  Gelingen  jenör  Geschichtsver- 
fälschung einen  bedeutenden  Einfluss  der  Parthei  voraus,  in 
deren  Interesse  sie  lag.    Und  sie  gelang  in  einer  für  uns  fast 
unglaublichen  Weise.    Nach  der  Apostelgeschichte  (11,  19  flf. 
13  f.  vgl.  Gal.  2,    12)  war  Antiochien  der  erste  Sitz  einer 
heidenchristlichen  Gemeinde:   die  spätere  Ueberlieferung  er- 
klärte Petrus  für  den  Gründer  und  den  ersten  Bischof  der- 
selben. Die  Christengemeinde  in  Koiinth  war  ganz  unbestreitbar, 
wie  die  ältesten  griechischen  Gemeinden  ohne  Ausnahme,  eine 
Stiftung  des  Paulus.    Aber  schon  er  selbst  hatte  eine  Parthei 
gegen  sich,  die  lieber  nach  Petrus  genannt  sein  wollte  (1  Eor. 
1,  12);  hundert  Jahre  später  erzählt  ein  korinthischer  Bischof 
ganz  unbefangen,  seine  Gemeinde  sei  ebenso,  wie  die  römische, 
von  Petrus  und  Paulus  zusammen  gegründet  worden.    Nicht 
anders  verhält  es  sich  aber  auch  mit  der  angeblichen  Bethei- 
ligung des  Petrus  an  der  Stiftung  der  römischen  Kirche.   Der 
Bömerbrief  und  die  Apostelgeschichte  stellen  es  ganz  ausser 
Zweifel,   dass  es  überhaupt  kein  Apostel  war,   welcher  das 
Christenthum  zuerst  nach  Bom  brachte,  und  dass  damals,  als 
Paulus  dorthin  kam,  62  n.  Chr.,  weder  Petrus  noch  sonst  ein 
Apostel  diese  Stadt  besucht  hatte ;   dass  er  später  noch  hin- 
kam^ ist  um  so  unwahrscheinlicher,  da  alle  Angaben  darüber 
ein  ganz  unhistorisches  Aussehen  haben,  das  meiste  darin  er- 
weislich falsch  ist,  und  das  übrige  von  dem  offenbar  unwahren 
sich  schwer  trennen  lässt.   Nichtsdestoweniger  treffen  wir  schon 
frühe  die  Behauptung,  Petrus  sei  der  erste  Bischof  von  Bom 


Das  Urclooristenthum. 


263 


und  der  .eigentliche  Stifter  der  dortigen  Christengemeinde 
gewesen.  Wo  diese  Behauptung  ursprünglich  herstammt,  und 
was  nüt  dersdben  beabsichtigt  wurde,  sieht  man  ganz  deutlich 
an  einem  Zuge,  der  mit  der  ganzen  Sage  tief  verwachsen 
nicht  blos  ihrer  verbreitetsten ,  sondern  allen  Anzeichen  nach 
auch  ihrer  ältesten  Form  angehört.  Petrus  soll  in  der  Ver- 
folgung des  Magiers  Simon  nach  Bom .  gekomi^ien  sein ,  und 
nach  seiner  Ueberwindung  die  römische  Gemeinde  gegründet 
und  als  Bischof  regiert  haben.  Nach  dem,  was  sich  uns  früher 
über  den  ursprünglichen  Sinn  der  Simonssage  ergeben  hat, 
heisst  diess:  die  Erzählung  von  der  Wirksamkeit  des  Petrus 
in  Bom  wurde  in  Umlauf  gesetzt,  um  ihn  als  den  wahren 
Apostel  der  Bömer  und  des  ganzen  Abendlandes  darzustellen, 
um  die  römische  Kirche  als  angeblich  petrinische  Stiftung  für 
das  Judenchristenthum  zurückzufordern,  Paulus  dagegen  und 
den  Paulinismns  (den  LTlehrer  und  die  Inlehre,  welche  Petrus 
in  der  Person  des  Magiers  schlug)  aus  ihrem  wohlerworbenen 
Besitzstand  zu  verdrängen.  Diess  Hess  sich  nun  allerdings  in 
dem  beabsichtigten  Umfang  nicht  durchsetzen;  aber  so  viel 
wurde  doch  immer  erreicht,  dass  in  der  römischen  Ueber- 
lieferung  selbst  Petrus  dem  Paulus  nicht  allein  zur  Seite  trat, 
sondern  auch  den  Vortritt  vor  ihm  erhielt.  In  der  Folge 
musste  die  angebliche  römische  Bischofswürde  des  Petrus  den 
Eechtsvorwand  für  die  unglaublichsten  Ansprüche  auf  geistliche 
Weltherrschaft  abgeben;  für  die  Geschichte  des  nachapostolischen 
Zeitalters  ist  diese  Sage  hauptsächlich  als  ein  Denkmal  und 
ein  Hebel  der  kirchlichen  Partheibewegung  von  Bedeutung. 
Das  älteste  Zeugniss  von  ihrer  Anerkennung  ausserhalb  der 
ebjonitischen  Kreise  enthält  eine  Schrift,  die  von  einem  Pau- 
liner um  140  n.  Chi*,  verfasst  sein  mag,  der  ei-ste  Brief  Petri; 
unter  dem  Babylon  nämlich,  in  dem  dieser  Brief  geschrieben  sein 
wiD,  ist  ohne  Zweifel  Bom  zu  verstehen,  von  dem  wir  aus  der 
Apokalypse  und  den  Sibyllinen  sehen,  dass  es  bei  den  Christen 
nicht  selten  mit  diesem  symbolischen  Namen  bezeichnet  wurde. 
Um  die  Mitte  und  nach  der  Mitte  des  zweiten  Jahrhunderts 
wurde  sie  dann,  wie  os  scheint,  allgemein  angenommen,  doch 


.^ — — 


264  I^AS  ürchristenthum. 

nicht  ohne  dass  ihr  die  gegen  Paulus  gerichtete  Spitze  abge- 
brochen wurde:  Judenchristenthum  und  Paulinismus  hatten 
sich  inzwischen  verständigt,  und  in  derselben  Eintracht  sollten 
nun  auch  die  Häupter  der  beiden  Partheien  in  Rom  zusammen- 
gewirkt und  die  römische  Kirche  gemeinsam  gestiftet  haben. 
Dass  es  aber  mit  der  Zeit  zu  dieser  Verständigung  kommen 
musste,  diess  war  in  der  ganzen  Sachlage  begründet.  So  weit 
auch  die  beiden  Partheien  bei  vielen  von  den  wichtigsten 
Fragen  auseinandergehen  mochten:  noch  mächtiger  war  doch 
das,  was  sie  verband,  das  neue  religiöse  Leben,  das  sie  im 
Glauben  an  den  erschienenen  Messias  gewonnen  hatten,  die  . 
Eindrücke  und  Anschauungen,  welche  der  Stifter  des  Christen- 
thums  hinterlassen  hatte,  die  Verehrung  gegen  seine  Person, 
in  der  alle  übereinstimmten.  Die  Judenchristen  wollten  aller- 
dings auch  als  Christen  noch  Juden  bleiben :  aber  wie  konnten 
sie  es,  wenn  sie  doch  fortwährend  den  Gesandten  und  Sohn 
Gottes  in  dem  sahen,  all  ihr  Vertrauen  und  alle  ihi-e  Hofl&iung 
auf  den  setzten,  welchen  das  jüdische  Volk  durch  seine  theokra- 
tische  Obrigkeit  als  einen  Irrlehrer  verworfen,  als  einen  Gottes- 
lästerer gekreuzigt  hatte,  von  dem  es  auch  in  der  Folge  seiner 
ganz  überwiegenden  Mehrzahl  nach  so  wenig,  wie  vorher, 
etwas  hören  wollte?  Sie  fühlten  sich  allerdings  fortwährend 
durch  das  mosaische  Gesetz  gebunden,  dessen  treue  Beobachter 
sie  sein  wollten :  aber  die  Keime  eines  neuen  sittlich-religiösen 
Lebens,  die  sie  ihrem  grossen  Meister  verdankten,  mussten 
durch  ihre  innere  Triebkraft  auch  sie  immer  mehr  über  jene 
Schranken  hinausführen;  und  diess  um  so  mehr,  da  auch  der 
Essäismus  mit  seiner  Sittenstrenge,  seiner  weitherzigen  Men- 
schenliebe, seiner  Verwerfung  des  Opferwesens,  von  Anfang 
an  Einfluss  bei  ihnen  gewonnen  hatte.  Sie  waren  der  Mei- 
nung, dass  die  Heiden  nur  dui'ch  Vermittlung  des  Judenthums 
zum  messianischen  Heil  kommen  sollten:  aber  nachdem  die 
Geschichte  einen  anderen  Weg  genommen  hatte,  nachdem  das 
Heidenchristenthum  als  Thatsache  vor  ihnen  stand,  mussten 
auch  sie  sich  in  diese  Thatsache  finden  lernen;  und  so  erfahren 
wir  ja  auch  durch  Paulus  und  durch  Johannes  in  der  Apokalypse, 


Das  ürchristaitham.  265 

dass  diess  noch  während  des  apostolischen  Zeitalters,  wenn 
auch  halb  widerwillig  und  mit  manchen  Einschril|^kungen, 
geschehen  ist.  Auf  der  anderen  Seite  hatte  aber  auch  der 
Paulinismus  dem  Judenthum  nicht  so  vollständig  abgesagt, 
dass  jede  Brücke  zur  Verständigung  mit  den  Gegnern  abge- 
brochen gewesen  wäre.  So  entschieden  auch  Paulus  daran 
festhielt,  dass  mit  Christus  das  mosaische  Gesetz  und  das 
ganze  jüdische  Beligionswesen  sein  Ende  erreicht  habe:  an 
dem  göttlichen  Ui'sprung  des  Gesetzes  zu  zweifeln,  kam  ihm 
nicht  in  den  Sinn,  die  alttestamentlichen  Schriften  galten  auch 
ihm  für  die  unfehlbare  Offenbarung  der  Gottheit,  auf  diese 
Schriften  gründet  auch  er  seinen  Glauben ,  die  jüdische  Theo- 
logie bildet  auch  für  ihn  die  Grundlage  seiner  Dogmatik.  Gab 
man  aber  diess  einmal  zu,  so  war  es  in  der  That  nicht  leicht, 
der  Anerkennung  des  Gesetzes  auszuweichen,  dessen  Urkunde 
eben  das  alte  Testament  ist,  und  es  war  nicht  jedem  gegeben, 
mittelst  allegorischer  Auslegung  und  rabbinischer  Dialektik 
aus  ihm  selbst  zu  beweisen ,  dass  das  Gesetz  nur  gegeben  sei, 
um  in  der  Folge  einer  durchaus  neuen  Religion  Platz  zu 
machen.  Nicht  viel  anders  verhielt  es  sich  aber  auch  in  Be- 
treff der  eigenthümlich  christlichen  Lehren.  Was  der  Stifter 
des  Christenthums  gewesen  sei,  was  er  gelehrt  und  gewollt 
habe,  darüber  konnten  eigentlich  doch  nur  seine  persönlichen 
Schüler  Zeugniss  ablegen,  und  für  die  Hauptthatsachen  seiner 
Geschichte  hatte  sich  auch  ein  Paulus  auf  dieses  Zeugniss, 
auf  die  üeberliefening ,  berufen  müssen.  Mit  welchem  Recht 
konnte  man  dann  aber  die  Auffassung  der  christlichen  Lehre 
ablehnen,  welcher  die  persönlichen  Schüler  Jesu  ganz  un- 
streitig gehuldigt  hatten^?  und  wenn  ein  Paulus  im  Vertrauen 
auf  die  ihm  gewordene"  unmittelbare  Offenbarung  sich  seine 
Theologie  mit  vollkommener  Selbständigkeit  gebildet  hatte, 
Hess  sich  die  gleiche  Unabhängigkeit  auch  von  denen  erwarten, 
welche  sich  dieses  Rückhalts  nicht  bewusst  waren?  Wenn 
femer  Paulus  den  Unterschied  des  Christenthums  vom  Juden- 
thum dahin  bestimmt  hatte,  dass  man  in  diesem  durch  des 
Gesetzes  Werke  selig  werden  wolle,  in  jenem  nicht  durch  die 


( 

I 


366  I^  ürchristenihmii. 

Werke,  sondern  durch  den  Glauben,  so  war  hiemit  die  Frage 
nicht  beantwortet,  wie  es  sieh  denn  nun  mit  den  Werken 
verhalte,  die  auch  er  als  Früchte  des  Griaubena  verlangte, 
welche  Bedeutung  der  christlichen  Sittlichkeit  und  den  mora* 
lisehen  Bestandtheilen  des  mosaischen  Gesetzes  zukomme ;  warf 
man  sie  aber  einmal  auf,  so  musste  man  fast  unvermeidlich 
zu  einer  theilweisen  Anerkennung  des  Gesetzes  zurückgeführt 
werden:  theils  weil  der  ganze  Standpunkt  jener  Zeit  eine 
positive  Offenbarung  der  sitthchßn  Gebote  zum  Bediirfiüss 
machte,  eine  solche  aber  vor  der  Entstehung  eines  neutesta- 
mentlichen  Kanons  nur  in  den  alttestamentlichen  Schriften  zu 
finden  war,  theils  weil  es  sich  dem  gewöhnlichen  Bewusstsein 
schwer  klar  machen  liess,  dass  die  Werke  zur  Seligkeit  zwar 
unerlässlich  seien,  dass  aber  nur  der  Glaube  seUg  mache,  dass 
das  Gesetz  den  Christen  nichts  mehr  angehe,  aber  doch  im 
höheren  Sinn  von  ihm  erfüllt  sein  wolle.  Und  was  wir  schon 
hier  bemerken  können,  das  gilt  von  der  paulinischen  Dogmatik 
überhaupt:  sie  war  zu  künstlich,  zu  verwickelt,  von  zu  eigen- 
thümlichen  Anschauungen  getragen,  als  dass  sie  ihrem  ganzen 
Umfang  nach  durchdringen  konnte,  so  einfach  und  einleuchtend 
auch  ihr  grosser  Grundgedanke,  die  Gleichberechtigung  aller 
Chrisfen,  die  Vereinigung  von  Juden  und  Heiden  in  einer 
Weltreligion,  war.  Die  judenchristlichen  Anschauungen  hatten 
ihr  gegenüber  den  Vortheil  der  grösseren  Greifbarkeit  und 
Klarheit,  der  engeren  Anschliessung  an  die  bisherigen  Vor- 
stellungen der  Menschen;  und  sie  hatten  es  ohne  Zweifel 
neben  allem  andern  auch  diesen  Eigenschaften  zu  verdanken, 
dass  sie  selbst  in  den  paulinischen  Kreisen  bis  zu  einem  ge- 
wissen Grad  Eingang  fanden.  —  War  aber  demnach  die  all- 
mähliche Annäherung  und  Verschmelzung  der  Partheien  in 
ihrem  inneren  Wesen  begründet,  so  musste  sie  durch  ihre 
äusseren  Verhältnisse  in  hohem  Grade  gefördert  werden.  Das 
Judenthum  selbst  drängte  die  Christen,  auch  die  gesetzestreuen 
unter  denselben,  aus  seinem  Schosse  hinaus ;  nachdem  vollends 
die  politische  Existenz  des  jüdischen  Volkes  von  den  Bömem 
vernichtet,  der  Mittelpunkt  seiner  Gottesverehnmg  zerstört. 


Das  UrchriBtenthtun. 


267 


der  gesetzliche  Opferdienst  unmöglich  geworden  war,  und  jede 
Aussicht  auf  Wiederherstellung  mehr  und  mehr  schwand, 
musste  das'  Band,  welches  einen  Theil  der  Christenheit  noch 
mit  der  Religion  ihrer  Väter  verknüpfte,  sich  allmählich  lösen, 
diese  Beligion  musste  als  etwas  thatsächlich  yorilbergegangenes, 
von  Gott  selbst  aufgehobenes  ei*scheinen;  während  andererseits 
auch  in  der  heidnischen  Welt  der  Druck  und  die  Verfolgung, 
der  Juden-  und  Heidenchristen  gleich  sehr  ausgesetzt  waren, 
dazu  beitrug,  dass  sie  im  Kampf  mit  den  gemeinsamen  Geg- 
nern ihrer  eigenen  Zusammengehörigkeit  sich  lebhafter  bewusst 
wurden.  So  trat  der  Gegensatz  beider  Partheien  nach  und 
nach  gegen  das  wesentlichere,  was  sie  gemein  hatten,  zu- 
rück, seine  Spannung  liess  nach,  jede  von  beiden  gab  einen 
Theil  ihrer  Eigenthümlichkeit  an  die  andere  ab,  und  aus  dem 
Gefühl  ihrer  ursprünglichen  Einheit  giengen  jene  Friedens- 
Yorschläge  hervor,  welche  alle  darauf  hinauslaufen,  dass  die 
noch  vorhandenen  Gegensätze  theils  vermittelt,  theils  zurück- 
gestellt, dio  gemeftschaftlichen  Ueberzeugungen  als  das  ent- 
scheidende hervorgehoben  und  ausgebildet,  die  streitenden 
Theile  in  der  gleichmässigen  Anerkennung  dieses  gemeinsamen 
vereinigt  werden  sollen. 

Auch  hiefür  bietet  uns,  neben  einigen  anderweitigen 
Schriften,  das  neue  Testament  die  Belege.  Schon  im  Ebräer- 
brief  und  im  Brief  des  Jakobus  zeigen  sich  Spuren  einer  An- 
näherung der  beiden  Partheien ,  wiewohl  diese  Stücke  ihrer 
Hauptabzweckung  nach  eher  als  Streitschriften  derselben  zu 
betrachten  sind.  So  lebhaft  auch  der  Ebräerbrief  für  den 
paulinischen  Grundsatz  eintritt,  dass  das  Judenthum  durch 
das  Christenthum  aufgehoben  sei,  so  erscheint  doch  das  Ver- 
hältniss  beider  hier  lange  nicht  so  schroff  und  ausschliessend, 
wie  bei  Paulus:  das  Christenthum  ist  weniger  der  Gegensatz, 
als  die  Vollendung  des  Judenthums,  in  ihm  ist  verwirklicht, 
was  dieses  nur  andeutet  und  vorbildet,  es  hat  in  reiner  und 
geistiger  Weise,  was  dieses  in  sinnlicher  Hülle  hat,  aber  es 
bringt  doch  nichts  schlechthin  neues,  nichts,  was  nicht  auch 
im  alten  Bunde  irgendwie  schon  vorhanden  war;  die  Thätigkeit 


268  I^M  ürchristeiitham. 

Christi  wird  unter  den  alttestamentlichen  Begriff  des  Priester- 
thoms  gestellt,  die  neue  Beligionsfonn ,  die  er  gebracht  hat, 
ist  ein  neues  Oesetz,  der  paulinische  Gegensatz  der  Glaubens- 
und Gesetzesgerechtigkeit  tritt  zurück,  und  der  seligmachende 
Glaube  selbst  ist  nicht  jenes  pauUnische  unbedingte  Vertrauen 
auf  die  Gnade  Gottes  in  Christus  ^  sondern  die  Ueberzeugung, 
an  der  es  im  Judenthum  auch  nicht  gefehlt  hat,  „dass  ein  Gott 
sei,  und  dass  er  denen,  die  ihn  suchen,  ein  Vergelter  sein 
werde"  (11,  6).  So  bitter  sich  andererseits  der  Jakobusbrief 
über  die  paulinische  Lehre  vom  alleinrechtfertigenden  Glauben 
ausspricht,  so  geht  doch  auch  er  bereits  über  den  Standpunkt 
des  strengen  Judaismus  hinaus,  wenn  er  im  Christenthum  mit 
Paulus  eine  neue  Schöpfung,  in  seiner  Lehre  „das  vollkom- 
mene Gesetz  der  Freiheit"  erkennt  (1,  18.  25.  2,  12),  tmd 
demgemäss  auch  nicht  sowohl  auf  Befolgung  der  positiven 
mosaischen  Satzungen,  als  auf  Wohlthätigkeit,  Menschenliebe, 
Sittlichkeit  dringt.  Noch  viel  bestimmter  tritt  aber  die  Ab- 
sicht der  Vermittlung  und  Friedensstiftun^zwischen.  den  Par- 
theien in  anderen  neutestamenüichen  Büchern  hervor.  In 
erster  Reihe  steht  unter  diesen,  wie  schon  früher  gezeigt 
wurde,  die  Apostelgeschichte.  Ein  Werk  des  gleichen  Ver- 
fassers ist  das  Lukasevangelium ,  als  dessen  Foi*tsetzung  jene 
selbst  sich  bezeichnet,  und  auch  in  seiner  Tendenz  trifft  es 
mit  ihr  zusammen.  Wie  dort  die  Geschichte  der  Apostel,  so 
wird  hier  die  Geschichte  Christi  im  Interesse  des  paulinischen 
Universalismus  bearbeitet;  und  wie  dort  das  palästinensische 
Judenchristenthum  nicht  direkt  bekämpft,  sondern  mit  mög- 
lichster Schonnng  in  den  Paulinismus  herübergeleitet  wird,  so 
schliesst  sich  auch  hier  der  Verfasser  so  eng  als  möglich  an 
die  ältere,  judenchrisüiche  üeberlieferung  an;  aber  er  weiss 
die  Züge,  welche  zu  seiner  eigenen  Auffassung  des  Christen- 
thüms  nicht  passten,  mit  solchem  Geschick  zu  beseitigen  oder 
unschädlich  zu  machen,  und  sie  durch  die  entgegengesetzten 
Elemente  zu  ergänzen,  dass  der  Gesammteindruck  seines 
Christusbildes  doch  von  dem  älteren,  das  uns  Matthäus  er- 
halten hat,  merklich  abweicht.    Der  galiläischen  Wirksamkeit 


Das  ürchristenthtim.  269 

Jesu  stellt  er  die  samaiitanische ,  die  Heilsyerkündigung  im 
heidnischen  Lande,  mit  den  ihr  eigenthümlichen,  dem  Interesse 
des  PauUnismus  so  merkwürdig  entsprechenden  Erzählungen 
und  Lehrreden  (9,  15—19,  27),  zur  Seite;  den  zwölf  Juden- 
aposteln treten  bei  ihm  die  Repräsentanten  der  Heidenmission, 
die  siebzig  Jünger,  in  sichtbar  bevorzugter  Stellung  gegen- 
über; das  Verbot,  den  Heiden  und  Samaritern  zu  predigen 
(Mt.  10,  5),  wird  übergangen,  das  harte  Wort  an  die  kana- 
näiscbe  Frau  (Mt  15,  24  ff.  Mr.  7,  27)  sammt  der  ganzen 
Erzählung  ausgeworfen,  der  Ausspruch  über  die  ewige  Dauer 
des  Gesetzes  (Luc  16,  16  f.  vgl.  Matth,  5,  18)  zwischen  zwei 
entgegenstehende  Aussagen  eingeklemmt,  und  dadurch  seiner 
ursprünglichen  Bedeutung  beraubt,  die  Parabel  von  dem  Armen 
und  Reichen  (16,  19  ff.)  so  umgebildet,  daps  ihre  ursprünglich 
ebjonitische  Spitze  (Y.  25)  gegen  die  ungläubigen  Juden  ge- 
kehrt wird;  die  Erklärungen,  welche  den  zwölf  Aposteln,  und 
insbesondere  dem  Petrus,  einen  Vorrang  vor  Paulus  zu  sichern 
schienen  (Matth.  16,  18.  18,  18.  19,  28),  werden  von  Lukas 
(9,  21.  22,  30)  theils  weggelassen,  theils  abgeschwächt,  es  wird 
überhaupt  solches,  was  sich  gegen  Paulus  deuten  Hess,  be- 
seitigt (wie  Matth.  13,  24  f.)  und  verändert  (Matth.  7,  22  f. 
vgl.  L.  13,  26  f,),  gegentheiliges  (wie  L.  9,  49  f.)  eingeschoben ; 
und  wenn  Johannes  Offb.  21,  14  nur  die  Namen  der  zwölf 
„Apostel  des  Lammes''  an  den  Grundsteinen  des  neuen  Jeru- 
salems angeschrieben  sein  lässt,  so  erhalten  bei  Lukas  (10, 20) 
die  Siebzig  (oder  ohne  Bild:  der  Heidenapostel  und  seine 
Schüler)  die  ausdrückliche  Versicherung,  dass  ihre  Namen  im 
Himmel  eingeschrieben  seien.  Noch  manche  weitere  Züge 
liessen  sich  beibringen,  die  uns  zeigen,  wie  der  angebliche 
Lukas  seinen  Lesern  die  Bestimmung  des  Ghristenthums  für 
alle  Menschen,  die  Unempfänglichkeit  der  Juden  für  das  mes- 
sianische  Heil  und  den  Unwerth  ihrer  vermeintlichen  Vorzüge, 
die  Gleichberechtigung  der  glaubigen  Heiden  mit  den  Juden 
nahezulegen,  wie  er  seine  judaistischen  Glaubensgenossen  ohne 
Verletzung  ihrer  Vorurtheile  für  seinen  Standpunkt  zu  gewinnen 
sucht.    Die  beiden  Schriften  des  Lukas  sind  mit  Einem  Wort 


270  I^as  UrchriBtenthttm. 

nicM  blos  Geschichtswerke,  sondern  die  Geschichte  dient  in 
ihnen  einer  bestimmten  Tendenz:  sie  wollen  im  Sinn  des  pau- 
linischen  ünivei'salismus  auf  die  kirchlichen  Ueberzeugungen 
und  Zustände  einwirken,  und  dem  judenchristlichen  Theil  der 
Christengemeinde  zur  Vereinigung  die  Hand  bieten.  —  Die 
gleiche  Absicht  verfolgt  in  anderer  Form  der  erste  Brief  des 
Petrus.  An  die  Aechtheit  dieses  Schreibens  ist  schon  desshalb 
nicht  zu  denken,  weil  es  von  deutlichen  Nachklängen  ächter 
und  unächter  paulinischer  Briefe,  des  Jakobus-  und  des  Ebräer- 
briefe  erfüllt  ist,  und  weil  neben  der  praktisch  -  moralischen 
Auffassung  des  Ghristenthums ,  in  der  es  sidi  namentlich  mit 
dem  Brief  des  Jakobus  berührt,  auch  die  leitenden  Gedanken 
der  patllinischen  Dogmatik  wenigstens  theilweise  sichtbar  in 
ihm  hervortreten;  wenn  wir  vielmehr  alle  Anzeichen  zusammen- 
nehmen ,  so  wird  es  nur  in  eine  verhältnissmässig  späte  Zeit, 
das  zweite  Viertheil  des  zweiten  Jahrhunderts,  gesetzt  werden 
können.  Nur  tun  so  augenfälliger  ist  aber  der  Zweck  dieser 
Unterschiebung.  Der  erste  der  Judenapostel  selbst  soll  denen, 
deren  höchste  Auktorität  er  war,  eine  Auffassung  des  Christen- 
thums  empfehlen,  welche  die  paulinische  Theorie  zwar  in  ihren 
allgemeinen  Grundzügen  und  ihi'em  pi-aktischen  Ergebniss  fest- 
hält, das  Judenthum  als  eine  abgethane  Sache  behandelt,  und 
in  der  christlichen  Gemeinde  ^in  neues,  auf  den  Glauben  an 
den  Versöhnungstod  Jesu  gegründetes  Grottes^lk  sieht,  welche 
aber  doch  auch  den  judenchristHchen  Ansch^iuungen  so  viele 
Anknüpfungspunkte  bietet,  und  über  die  Streitpunkte  so  be- 
hutsam hinweggeht;  dass  man  auch  auf  dieser  Seite  sich  leicht 
mit  ihr  befreunden,  und  sich  in  keiner  Beziehung  äbgestossen 
finden  könnte.  —  Derselben  Eichtung  gehört  unter  den 
ausserkanonischen  Schriften  der  erste  von  den  angeblichen 
Briefen  des  römischen  Clemens  an,  jedenfalls  älter  als  der 
erste  Brief  Petri ,  da  er  von  der  Anwesenheit  dieses  Apostels 
in  Rom  noch  nichts  weiss;  unter  den  neutestamentlichen  die 
beiden  im  Petrusbrief  schon  benützten  Sendschreiben  an  die 
Epheser  und  Kolosser,  die  aber  doch  schwerlich-  vor  dem 
zweiten  Jahrzehend  des  zweiten   Jahrhunderts,    und   gewiss 


^  Das  UrdiristenthtinL  271 

Bidbt  von  Paulus,  verfasst  sind.  In  den  letzteren  besonders 
tritt  die  Idee  der  christlidien  Kirche  mit  einem  Nachdruck 
hervor,  me  in  keinem  andern  von  den  neutestamentlichen 
Btlehem ;  sie  ist  der  Leib  Christi,  die  einhdtliGhe,  allumfassende 
Gemeinschaft ,  in  der  Juden  und  Heiden  verdnigt  sind ,  seit 
Christus  die  Scheidewand  zwischen  ihnen  weggenommen,  das 
Gesetz  mit  sich  an^s  Kreuz  geheftet  hat;  in  ihr  sollen  alle 
Gegensätze ,  welche  die  Menschen  bisher  trennten ,  durch  die 
Einheit  des  christlichen  Glaubens  und  Lebens  aufgehoben  sein. 
Die  allgemeine  Voraussetzung  dieser  Ausfllhrungen  bildet  die 
paulinische  Lehre;  wie  ja  überhaupt  von  einer  selbständigen 
und  allgemeinen  christlichen  Kirche  nicht  die  Bede  sein  konnte, 
so  lange  man  sich  nicht  von  der  jüdischen  Religionsgemeinde 
losgemacht  und  die  Gleichberechtigung  der  bekehrten  Heiden 
anerkannt  hatte.  Aber  dodi  wird  auch  dem  Judenthum  das 
Zugeständniss  gemacht,  dass  es  im  ursprünglichen  Besitz  der 
Heilsgüter  gewesen  sei,  an  denen  die  Heiden  erst  nachträglich 
Antheü  erhalten  haben  (Eph.  2,  12.  3,  6);  die  Hauptstreit- 
punkte der  Partheien  werden  nicht  mehr  näher  erörtert,  so 
bestimmt  auch  der  Kolosserbrief  (2,  16  ff.)  ebjonitische  An- 
forderungen zurückweist,  die  Frage  über  die  Rechtfeiligung 
wird  gar  nicht  berührt,  und  statt  der  .persönlichen  Reibungen 
zwischen  Paulus  und  den  Judenchristen,  deren  Spuren  den 
Briefen  des  Apostels  so  tief  eingedrückt  sind,  treffen  wir  am 
Schluss  des  Kolosserbriefs  ausdrücklich  mehrere  Notabilitäten 
der  judenchristlichen  Parthei,  im  Verein  mit  Paulinem,  wie 
Lukas,  als  seine  Gehülfen  und  Vertrauten.  Der  Standpunkt 
dieser  Schriften  ist  mit  Einem  Wort  zwar  im  ganzen  der 
paulinische ;  aber  ihr  Paulinismus  ist  der  einer  späteren  Zeit : 
die  früheren  Streitfragen  sind  schon  theilweise  in  den  Hinter- 
grund getreten ,  die  paulinisdien  Anschauungen  haben  ihr 
schärferes  Gepräge  verloren,  und  im  Bewusstsein  der  Einigkeit 
in  den  Hauptpunkten  kann  man  sich  auch  mit  den  bisherigen 
Gegnern  yarständigen,  und  sie  für  die  Eine  gemeinsame  Kirche 
zu  ge¥rinnen  hoffen. 

Sollten  aber  diese  Versuche  zur  Vereinigung  der  kirch- 


Da»  UrchriitenthoDL 

beien  einen  inneren  Halt  und  einen  dauernden 
n,  Bo  moBste  mit  denselben  die  theologiBche  Arbeit 
m.d  gehen,  dorch  welche  man  sich  des  gemeinsamen 
.  und  Leben  der  Kirche,  der  ehristhchen  Eigen- 
i  in  ihrem  Unterschied  von  der  jüdischen,  bewusst 
her  handelte  es  sich  dabei  um  ein  doppeltes:  die 
ics  cbristlidien  Verhaltens,  und  den  onterschei- 
alt  des  christlichen  Glaubens;  und  so  ^eles  auch 
Jeziehnngen  im  Streit  lag,  so  fehlte  es  doch  in 
beiden  an  dea  Grundlagen  für  eine  schliessliche 
ng.  FOr  die  prahtisdie  Auffassui^  des  Christen- 
es  allerdings,  von  der  höchsten  Wichtigkeit,  ob 
it  der  ältesten  Christengemeinde  fortwährend  durch 
he  Gesetz  gebunden  fand,  oder  mit  Paulus  dieses 
ibgethan  hielt;  aber  selbst  ober  diesen  tiefgehenden 
;riffen  die  sittlichen  Antriebe  und  Grundsätze  über, 
neuen  Beligionsparthei  von  ihrem  Stifter  als  werth- 
mächtniss  vererbt  waren;  und  je  aogenscheinlicher 
e  NoÜiwendigkeit  herausstellte,  auf  die  Beschnei- 
eidencfaristen  zu  verzichten,  je  w^entlichere  Stacke 
iserfullung  auch  den  Judenchiisten  seit  der  Zbt- 
iisalems  unmöglich  wurden,  je  weniger  andererseitG 
ilus  in  dem  Ganzen  seiner  sittlichen  Weltanschaaang 
ren  Ansicht,  und  selbst  mit  manchen  Einseitigkeiten 
m  Widerspruch  stand,  um  so  leichter  konnte  sich 
■er  sittlichen  Aufgaben  und  Pflichten  jene  Veb&c- 
•  im  wesentlichen  bilden,  die  uns  auch  wirklich 
berbleibseln  des  nachapostolischen  Zeitalters  ent- 
Man  streitet  sich  wohl  über  den  Antheil  der  guten 
er  Rechtfertigung,  aber  Ober  ihre  unbedingte  Noth- 
besteht  kein  Zweifel;  man  ist  längere  Zeit  uneinig 
ie  viel  von  den  positiven  Geboten  des  Mosaismus 
isten  verbindlich  sei,  aber  als  die  Hauptsache  wird 
■  der  sittlidie  Inhalt  Aes  Gesetzes  anerkannt,  und 
ief  des  Jakobus  sind  es  nicht  mehr  die  „Gesetzes- 
Btrengen,  buchstäblichen  Sinn,  um  die  es  ihm  zu 


Das  ürchristenthum.  273 

thun  ist,  sondern  nur  die  „Werke":  das  Gesetz,  dessen  Be- 
folgung er  fordert,  ist  das  „vollkommene  Gesetz  der  Freiheit", 
„das  königliche  Gesetz"  der  Nächstenliebe,  und  die  Erfüllung 
dieses  Gesetzes  fällt  der  Sache  nach  mit  der  Sittenreinheit 
und  der  Menschenliebe  zusammen,  die  Jesus  in  der  Bergrede 
dem  Buchstaben  des  Gesetzes  als  das  höhere  gegenüberstellt.  *) 
Und  wie  so  der  praktische  Vereinigungspunkt  für  die 
Kirche  in  der  Sittenlehre  ihres  Stifters  gefunden  wurde,  so. 
lag  ihr  dogmatischer  Einheitspunkt  in  der  Verehrung  seiner 
Person.  Auf  den  Glauben  an  seine  Auferstehung,  an  sein 
Fortleben  im  Himmel,  an  seine  messianische  Wiederkunft,  war 
die  Kirche  gegründet;  und  nachdem  hiemit  einmal  der  erste 
entscheidende  Schritt  gethan  war,  wetteiferten  alle  Pai'theien 
in  der  Kirche,  die  Vorstellung  von  seiner  Persönlichkeit  und 
seiner  Würde  in's  übernatürliche  zu  steigern.  Je  grösser  und 
ausserordentlicher  das  war,  was  man  von  ihm  erwartete  und 
ihm  zu  verdanken  sich  bewusst  war,  um  so  weniger  konnte 
man  ihn  mit  anderen  Menschen,  ja  mit  anderen  Geschöpfen 
überhaupt,  auf  Eine  Linie  stellen;  je  höher  das  Selbstgefühl 
der  Kirche  stieg,  je  ausschliesslicher  alles  Heil  an  den  christ- 
lichen Glauben  geknüpft  wurde,  je  unbedingter  man  sich  in 
demselben  mit  der  Gottheit  geeinigt  und  versöhnt  glaubte, 
um  so  höher  musste  auch  die  Idee  von  dem  Stifter  der  Kirche 
steigen,  in  welcher  dieses  ihr  Selbstgefühl  seinen  Ausdruck 
fand.  Jede  Zeit  und  jeder  Standpunkt  legte  in  diese  Idee 
alles  das  hinein,  was  nöthig  schien,  um  in  Christus  den  Stifter 
der  wahren  Religion,  den  Urheber  des  Heils,  den  Mittler 
zwischen  Gott  und  Welt  anzuschauen;  aber  wie  hoch  er  auch 
auf  diesem  Wege  über  das  Mass  des  Menschlichen  erhoben 
werden  mochte:  auch  diejenigen,  welchen  für  ihre  Person  viel- 
leicht eine  niedrigere  Voi'stellung  genügt  hätte,  konnten  sich 
doch  der  höheren,  wenn  sie  ihnen  entgegentrat,  kaum  ent- 
ziehen, da  sie  ja  doch  nur  zur  Verherrlichung  Christi  und 
seines  Werks  diente. 


*)  Gerade  die  Bergrede  hat  Jakobas  c.  2,  5.  5,  12  im  Auge. 

Zell  er,  Vorträge  und  Abhandl.  ][g 


Das  UrchrlBtenthum. 

rstellimgea  über  Chrietua  halten  sich  noch 
tliche  Analogieen:  er  ist  der  messianische 
I,  welcher  vor  allen  andern  mit  dem  gött- 
stet, mit  der  höchsten  Vollmacht  von  Gott 
weit  sich  aber  schon  von  dieser  Voraus- 
ü  liess,  zeigt  uns  die  Apokalypse.  Wenn 
rste  und  der  letzte"  heiBSt,  wenn  von  ihm 
die  sieben  Geister  Gottes  in  der  Hand 
das  Wort  Gottes,  als  der  Anfang  der 
t,  wenn  ihm  (3, 12.  19, 12)  deutlich  genug 
irtheüt  wird,  so  ist  damit  eine  so  hohe 
'eTSOQ  ausgesprochen,  dass  man  schon  hier 
trten  Evangeliums  zu  finden  glauben  könnte, 
h  nicht  vrirklich  der  Fall;  so  überschwftng- 
'rädikate  auch  lauten,  so  wollen  sie  doch, 
tet,  nicht  mehr  ausdrücken,  als  die  höchste 

Würde  und  Bedeutung  des  Messias,  und 
I,  was  sich  nicht  ebenso  oder  ähnlich  in 
)gie  fände,  ohne  dass  darum  an  eine  Ober- 
gedacht würde.    Christus  heisst  das  Wort 

Wort  von  seinem  Mund  ausgeht,  weil  er 
ehlQsse  verkündet  und  vollzieht;  er  ist  der 
ng,  weil  dieselbe  von  Anfang  an  auf  ihn 
I  Name  (wie  die  Rabbinen  sagen)  vor  der 
;  er  führt  den  Jehovahnamen,  aber  nicht 
er  Natur,  sondern  als  einen  „neuen  Namen", 

den  er  (c.  3,  12,  gleichfalls  nach  rabbini- 
;)  mit  den  Auserwählten  und  dem  himm- 
leilt.  Alle  diese  Prädikate  sind  Bezeieh- 
und  der  Würde,  nicht  des  Wesens,  und 
n  erhöhten,  nicht  dem  als  Mensch  unter 
len  Christus  beigelegt.  Aber  doch  liegt 
)r  auch  hiemit  über  alle  anderen  Mensdien 
und  wie  leicht  sich  aus  solchen  zuerst  nur 
.mtsname  gemeinten  Prädikaten  der  Glaube 
bliche  Natur    dessen,    dem    sie  beigelegt 


Das  Urchristenthum.  275 

wurden,  entwickeln  konnte.  Wurde  doch  in  ähnlicher  Weise 
aus  dem  „Sohn  Gottes",  welcher  zunächst  nur  ein  Ehrenname 
'des  Messias  ist,  in  der  Folge  die  Erzählung  von  seiner  über- 
natürlichen Erzeugung,  ohne  Zweifel  noch  im  ersten  Jahr- 
hundert und  auf  judenchi-istlichem  Boden,  herausgesponnen; 
mussten  doch  auch  die  Wunder,  deren  Glanz  bald  g^ug  die 
geschichtliche  Gestalt  Jesu  verbarg,  in  dieser  ihrer  Häufung 
fast  unvermeidlich  den  Schein  des  Uebermenschlichen  auf  seine 
Person  werfen,  so  wenig  sie  auch  an  sich  selbst  über  den 
prophetischen  Typus  hinausgehen;  war  es  doch  kaum  möglich, 
unter  dem,  der  im  Himmel  zur  Rechten  Gottes  sitzen  und  als 
Weltrichter  von  da  wiederkommen  sollte,  sich  ein  wahrhaft 
menschliches  Wesen  zu  denken.  Wirklich  finden  wir  auch 
schon  in  dem  Hirten  des  Hermas,  einer  judenchristlichen  Schrift, 
welche  gegen  die  Mitte  des  zweiten  Jahrhunderts  verfasst  zu 
sein  scheint,  die  Vorstellung,  dass  der  Geist  Gottes  bei  Christus 
nicht  blos,  wie  bei  den  übrigen  Propheten,  einen  menschlichen 
Geist  erfüllt  und  beseelt,  sondern  sein  ganzes  geistiges  Wesen 
gebildet  habe,  indem  er  in  einen  menschlichen  Leib  als  Seele 
desselben  eintrat;  und  später  lassen  die  streng  ebjonitischen 
clementinischeh  Homilieen  Eine  und  dieselbe  Persönlichkeit 
zuerst  in  Adam  und  anderen  alttestamentüchen  Männern  er- 
scheinen und  schliesslich  in  Christus  ihre  bleibende  Stätte 
finden.  Noch  stärkere  Antriebe  zur  Steigerung  der  christo- 
logischen  Vorstellungen  lagen  aber  in  der  paulinisehen  Auf- 
fassung des  Christenthums.  Stammt  das  Christenthum  seinem 
Inhalt  und  seiner  Abzweckung  nach  nicht  aus  dem  Judenthum 
her,  so  durfte  auch  sein  Stifter,  wie  Paulus  glaubte,  seinem 
wahren  Wesen  nach  nicht  aus  dem  jüdischen  Volk  stammen : 
er  mochte  wohl  dem  Fleische  nach  der  Sohn  Davids,  aber 
seine  geistige  Persönlichkeit  musste  höheren  Ureprungs  sein 
(Rom.  1,  3).  Ist  jenes  eine  durchaus  neue,  über  jede  Ver- 
^  gleichung  mit  dem  Judenthum  erhabene,  in  ihrer  ganzen  Rich- 
tung ihm  entgegengesetzte  Glaubensweise,  so  kann  auch  Christus 
nicht  in  Eine  Reihe  mit  den  jüdischen  Propheten  gestellt 
werden.    Hat  Christus  eine  auf  die  ganze  Menschheit  unter- 

18* 


^.«>c 


Das  ürchristenthum.  277 

ihm  fremd  blieb,  sondern  auch  in  der  paulinischen  Schule 
scheint  es  nur  allmählich  durchgedrungen  zu  sein.  Bei  Lukas 
wenigstens  und  im  ersten  Petrusbrief  kommt  diese  höhere 
Christologie  nirgends  zum  Vorschein;  wogegen  andere  Schriften 
verwandter  Richtung,  die  angeblichen  Briefe  des  Bamabas  und 
des  römischen  Clemens,  sie  voraussetzen,  ohne  sie  doch  in 
bestimmterer  Fassung  vorzutragen.  Es  erscheint  so  in  der 
christlichen  Kirche,  nachdem  seit  dem  Tode  ihres  Stifters  be- 
reits ein  Jahrhundert  verflossen  war,  alles  noch  sehr  unfertig: 
die  Theile  derselben  sind  zwar  in  gegenseitiger  Annäherung 
begriffen,  aber  sie  haben  sich  noch  nicht  wirklich  zu  Einem 
gleichartigen  Ganzen  verschmolzen,  und  ebenso  ist  das  Dogma, 
welches  den  Mittelpunkt  der  kirchlichen  Theologie  bilden  sollte, 
weder  an  sich  selbst  so  entwickelt,  noch  so  allgemein  aner- 
kannt, dass  es  dieser  Aufgabe  schon  wirklich  genügte. 

Den  entscheidenden  Anstoss  zur  weiteren  Entwickelung 
gab  das  Auftreten  jener  Partheien,  welche  unter  dem  Namen 
der  Gnostiker  zusammengefasst  werden.*)  Die  tiefgehende 
Umwälzung,  von  der  sich  die  Kirche  durch  diese  Neuerer 
bedroht  sah,  führte  die  tiberwiegende  Mehrheit  in  derselben 
weit  schneller,  als  alle  theologischen  Verhandlungen  es  ver- 
mocht hätten,  zur  Einigung.  Einestheils  wurden  die  Anhänger 
des  paulinischen  Christenthums  dadurch  veranlasst,  von  der 
radikalen  Auffassung  ihres  eigenen  Standpunkts,  die  ihnen  in 
der  Gnosis,  unter  ausdiiicklicher  Berufung  auf  den  grossen 
Heidenapostel,  entgegentrat,  sich  im  Namen  desselben  loszu- 
sagen, sich  mit  den  bisherigen  Gegnern  auf  den  gemeinsamen 
Gmnd  der  kirchlichen  Ueberlieferung  zu  stellen,  welche  sich 
allenthalben  übereinstimmend  von  der  Gesammtheit  der  Apostel 
durch  Vennittlung  der  Bischöfe  fortgepflanzt  haben  sollte. 
Solche  Absagebriefe  des  Paulinismus  an  die  Gnosis,  mitten 
aus  der  Zeit  des  Kampfes  heraus,  sind  die  Schreiben  an  Ti- 


*)  Eine  eingehendere  Auseinandersetzung  über  die  Gnostiker  und  ihren 
geschichtlichen  Einfluss  findet  sich  in  der  Abhandlung  über  die  Tübinger 
Schule. 


Das  ürchristentliuni.  279 

geschieden:  die  Fäden,  welche  die  Kirche  mit  ihrer  juden- 
christlichen Vergangenheit  verknüpften,  sollten  nicht  abgerissen, 
aber  sie  sollte  auch  nicht  bei  dieser  Vergangenheit  festgehalten 
werden ;  die  äussersten  Partheien  nach  rechts  und  links  wurden 
beseitigt,  und  auf  dem  freien  Baume  zwischen  ihnen  traten 
die  Mittelpartheien  zur  gemeinsamen  Errichtung  der  allge- 
meinen oder  „katholischen"  Kirche  zusammen. 

Das  kirchliche  Institut,  durch  welches  diese  Einigung  er- 
möglicht und  der  katholischen  Kirche  ein  fester  Bestand  ge- 
geben wurde,  war  der  Episkopat,  wie  er  sich  jetzt  aus  der 
älteren  presbyterialen  Gemeindeverfassung  herausbildet;  die 
dogmatische  Gnindlage  des  neuen  Gebäudes  lag  in  der  Christo- 
logie,  welche  gleichzeitig  durch  ihre  Verbindung  mit  der  phi- 
lonischen  Logoslehre  und  die  aus  dieser  Verbindung  sich 
ergebende  Umbildung  der  letzteren  für  längere  Zeit  zum 
Abschluss  kam.*)  Von  dem  Episkopat  nun  hat  keine  andere 
Schrift  des  zweiten  Jahrhunderts  eine  so  hohe  Idee  aufgestellt, 
und  diese  Idee  so  nachdrücklich  und  erfolgreich  —  gerade  im 
Gegensatz  gegen  die  gnostische  Häresie  und  im  Zusammen- 
hang mit  der  Ueberzeugung  von  der  Selbständigkeit  des 
Christenthums  und  der  höheren  Natur  seines  Stifters  —  gel- 
tend gemacht,  als  die  ignatianischen  Briefe;  den  Höhe- 
punkt der  theologischen  Entwicklung  in  den  Zeiten  der  gnosti- 
schen Bewegung  bezeichnet  das  johanneischeEvangelium, 

Auch  dieses  wunderbare  Werk  ist  erst  durch  die  neuste 
Kritik  dem  geschichtlichen  Verständniss  zugänglich  gemacht 
worden.  Bis  dahin  war  es  demselben  aus  dem  gleichen  Grunde 
verschlossen  gewesen,  aus  dem  es  diess  für  die  Mehrzahl  heute 
noch  ist:  weil  man  sich  nicht  zu  seiner  freien  wissenschaft- 
lichen Betrachtung  zu  entschliessen,  den  Standpunkt  des  Evan- 
gelisten von  dem  eigenen  nicht  zu  unterscheiden,  das  Werk 
desselben  nicht  in  seiner  individuellen  Eigenthümlichkeit  auf- 
zufassen,  aus  dem  Geist  und  den  Zuständen  seiner  Zeit  zu 


*)  Auch  über  diese  Punkte,  und  über  den  Zusammenhang  beider,  giebt 
die  Abhandlung  über  die  Tübinger  Schule  einiges  weitere. 


Das  ürchristenthum.  281 

Wundererzählungen  giebt,  von  welcher  die  johanneischen  nicht 
in  verstärktem  Masse  gedrückt  würden;  dass  nicht  blos  die 
Reden,  welche  der  vierte  Evangelist  Jesus  in  den  Mund  legt, 
offenbar  sein  eigenes  Werk  sind,  dem  geschichtlichen  Charakter 
Jesu  dagegen  und  der  ihm  durch  die  geschichtlichen  Verhält- 
nisse vorgezeichneten  Aufgabe,  ja  überhaupt  der  Natur  eines 
wirklichen  menschlichen  Selbstbewusstseins  widerstreiten,  son- 
dern dass  auch  das  ganze  Evangelium  eine  freie,  von  Einer 
dogmatischen  Grundidee  getragene  Schöpfung  ist;  dass  sein 
theologischer  Gesichtskreis  weit  über  die  Entwickelungsstufe 
des  ersten  Jahrhunderts  hinausliegt,  dass  es  die  Gnosis,  den 
Montanismus,  die  Passahfrage  unverkennbar  berücksichtigt, 
und  dadurch,  wie  durch  seinen  ganzen  Standpunkt,  auf  die 
Mitte  des  zweiten  Jahrhunderts  als  seine  Abfassungszeit  hin- 
weist. Je  vollständiger  aber  hiemit  die  bisherige  Vorstellung 
von  diesem  Evangelium  widerlegt,  und  je  genauer  sein  ge- 
schichtlicher Ort  bestimmt  wird,  um  so  höher  steigt  auch  die 
Bedeutung,  welche  ihm  für  die  Geschichte  der  werdenden 
Kirche,  für  den  Abschluss  ihrer  ersten  Bildungsperiode  und 
die  Vorbereitung  ihrer  weiteren  Entwicklung  zukommt.  Das 
vierte  Evangelium  hat  die  Christologie  nicht  blos  dogmatisch 
so  weit  vollendet,  als  diess  überhaupt  von  der  Logoslehre  aus 
möglich  war,  sondeni  es  hat^auch  das  Ganze  der  evangelischen 
Geschichte  aus  diesem  Gesichtspunkt  mit  künstlerischem  Sinn 
umgeschaffen ;  es  hat  die  praktische  und  die  theoretische  Seite 
der  Religion,  die  Forderung  der  Liebe  und  die  der  Erkennt- 
niss,  in  dem  Gedanken  vereinigt,  dass  der  tiefste  Mittelpunkt 
dei-selben  in  der  inneren,  durch  den  fleischgewordenen  Logos 
vermittelten  Einheit  aller  Glaubigen  mit  Gott  liege ;  und  wäh- 
rend es  in  der  Innerlichkeit  dieser  geistigen  Gottesverehrung 
das  Judenthum  als  eine  äusserliche  und  beschi-änkte ,  den 
Christen  gar  nicht  mehr  berührende  Glaubensweise  behandelt, 
während  es  auch  zu  hierarchischen  Einrichtungen  innerhalb 
der  christlichen  Kirche  nirgends  einen  Zug  zeigt,  und  die 
Ansprüche  auf  einen  Primat  des  Petrus  und  der  römischen 
Petruskirche  in  verhüllten,  aber  für  jene  Zeit  sehr  verstand* 


Das  Urehristentiiam.  283 

die  wortgetreue  Offenbarung  des  göttlichen  Geistes,  in  dem 
neutestamentlichen  Lehrbegriff  ein  durchaus  einstimmiges, 
widerspruchsfreies  Ganzes  zu  haben  glaubt.  Hat  man  diese 
Schriften  «Js  menschliches  Werk  und  geschichtliches  Ei*zeugniss 
zu  begreifen  begonnen,  hat  man  sich  von  der  tiefgehendea 
Verschiedenheit  der  neutestamentlichen  Lehrbegiiffe,  von  den 
scharfen  Gegensätzen  in  der  apostolischen  Kirche  überzeugt, 
so  hört  jede  Möglichkeit  auf,  die  neutestamentliche  Lehre  zum 
Gesetz  für  den  christlichen  Glauben  zu  machen.  Es  giebt  ja 
nicht  blos  einerlei  Lehre  im  neuen  Testament,  sondern  ver- 
schiedene Lehrweisen,  die  sich  mehr  oder  weniger  ausschliessen, 
nicht  blos  Ein  Urchristenthum ,  sondern  eine  ganze  Beihe  alt- 
christlicher Entwicklungsformen,  die  sich  alle  hier  abgelagert 
haben.  Man  kann  nicht  der  synoptischen  und  der  johannei- 
schen  Christologie  zugleich  folgen,  die  Grundsätze  Ae^  Paulus 
und  die  des  Jakobus  zugleich  gutheissen,  auf  den  Standpunkt 
der  Apokalypse  und  den  des  vierten  Evangeliums  sich  zugleich 
stellen;  man  kann  nicht  mit  dem  Heidenapostel  überzeugt 
sein,  dass  es  unmöglich  sei,  als  Christ  zugleich  Jude  zu  sein, 
und  mit  den  Judenaposteln  eben  diess  sein  wollen.  Aber  nicht 
blos  die  Vereinigung  der  widersprechenden  neutestamentlichen 
Lehrbegriffe  ist  unmöglich ,  sondeni  auch  von  jedem  einzelnen 
derselben  und  von  den  Punkten,  in  denen  sie  sich  nicht  wider- 
sprechen, kann  nur  die  Befangenheit  sich  verbergen,  dass 
unsere  Zeit  sich  dieselben  nicht  mehr  in  ihrem  ui-sprünglichen 
Sinn  aneignen  kann,  und  dass  nicht  einmal  die  katholische 
und  protestantische  Orthodoxie  sie  in  diesem  Sinn  festhält. 
Der  jüdische  Monotheismus  bildet  freilich  die  gemeinsame 
Grundlage,  wie  des  ältesten,  so  auch  des  heutigen  Christen- 
thums;  aber  ist  es  seit  Eopernikus  noch  möglich,  sich  die 
Gottheit  an  einem  bestimmten  Ort  im  Himmel  wohnend  vor- 
zustellen, wie  diess  die  christliche  Kirche  von  Anfang  an  ganz 
unstreitig  gethan  hat?  Und  doch  steht  und  fällt  mit  dieser 
Vorstellung  nicht  blos  die  Möglichkeit,  dass  Christus  sich  in 
seinem  Leibe  zu  Gott  in  den  Himmel  erhoben  habe  und  von 
da  wiederkehren  werde,   und  ebendamit  auch  die  Möglichkeit 


Das  Urcbristenihum. 


285 


zur  wahren  Menschennatur  rechnen  würden,  die  menschliche 
Seele,  fehlt  hier.  Halten  wir  uns  umgekehrt  an  die  drei  ersten 
Evangelien,  so  erscheint  Christus  hier  freilich  vollkommen  als 
Mensch,  aber  zu  dem  Gottmenschen  der  kirchlichen  Dogmatik 
fehlt  ihm  gerade  die  Hauptsache,  der  mit  dem  Menschen  ver- 
bundene Gott;  während  doch  zugleich  das,  was  dessen  Stelle 
hier  vertritt,  die  Begabung  mit  übernatürlichen  Kräften,  die 
wunderbare  Ausrüstung  mit  dem  prophetischen  Geiste,  auch 
diesen  synoptischen  Christus  von  dem  geschichtUchen ,  um  den 
es  der  Wissenschaft  unserer  Tage  zu  thun  ist,  sehr  bestimmt 
unterscheidet.  Auch  Schleiermachers  „urbildlicher"  Christus 
fällt  mit  dem  Messiaspropheten  des  alten  Judenchristenthums 
so  wenig,  als  mit  dem  Logos  des  Johannes  oder  dem  himm- 
lischen Menschen  des  Paulus,  zusammen.  Wenn  das  Christen- 
thum  daran  geknüpft  wäre,  dass  man  von  Christus  dieselbe 
Vorstellung  habe,  wie  die  neutestamentlichen  Schriftsteller,, 
so  gäbe  es  schon  längst  keinen  Christen  und  kein  Christen- 
thum  mehr. 

Das  gleiche  gilt  aber  noch  von  vielen  und  tiefeingreifenden 
Bestimmungen  der  christlichen  Glaubenslehre.  So  wird  z.  B. 
die  Menschwerdung  Gottes  von  der  kirchlichen  Dogmatik  mit 
der  Nothwendigkeit  einer  Erlösung  von  der  Sünde  begründet,, 
welche  sich  von  den  Stammeltern  unseres  Geschlechts  auf  alle 
ihre  Nachkommen  fortgeerbt  habe,  und  welche  so  gross  sein 
soll,  dass  der  Mensch  von  Natur  schlechterdings  nichts  gutea 
denken,  wollen  oder  thun  könne.  Unter  den  neutestament- 
lichen Schriftstellern  ist  Paulus  der  einzige,  welcher  die  All- 
gemeinheit der  Sünde  von  der  That  Adams  herleitet;  aber 
auch  er  behauptet  entfernt  nicht,  wie  Augustin  und  unsere 
Reformatoren,  dass  alle  Thaten  und  Willensregungen  des  Un- 
wiedergeborenen sündhaft  seien,  er  sagt  vielmehr  ausdrücklich 
das  Gegentheil  (Rom.  2, 14.  7, 22) ;  wenn  er  nichtsdestoweniger 
überzeugt  ist,  niemand  könne  sich  selbst  durch  sein  Thun  die 
Seligkeit  verdienen,  so  gründet  sich  diess  darauf,  dass  hiefür 
seiner  Ansicht  nach  eine  vollkommene  Sündlosigkeit ,  eine 
mangellose   Gesetzeserfüllung  nöthig  wäre    (Gal.  3,  10.  5,  3). 


Dfu  UrchriBtenthuin. 

Lehre  von  der  ErbsOnde  ist  mitbin  selbst  bei 
IQ  ibrer  katholüchen  nocb  iß  ihrer  protestanti- 
2U  finden;  Paulus  steht  aber  überdiess  mit 
unter  den  neutestamentlichen  SchriftsteUem 
einigen  p&eudopaulinischen  Briefen)  ganz  allein ; 
^en  wohl,  was  auch  Römer  und  Griechen  oft 
dass  kein  Mensch  fehlerfi-ei  sei,  und  dass  alle 
der  Wiedergeburt,  bedUifen,  aber  sie  sagen 
That  der  Stammeltem  daran  schuld  sei,  und 
lieh  sei,  durch  die  eigene  sittliche  Arbeit  das 
ottea  zu  erwerben.  —  Einstinuniger  sind  die 
len  Schriften  in  einer  Vorstellung ,  die  im 
r  gröbere^  mythische  Ausdruck  für  die  lieber- 
er Macht  des  Bösen  ist,  in  dem  Glauben  an 
Schon  in  dem  späteren  Judentbum  hatte  dieser 
nglicb  aus  der  persischen  Religion  stammend, 
js  um  sich  gegriffen,  dass  man  alle  möglichen 
akheiten  von  dem  Einfluss  der  Dämonen,  selbst 
B^essenheit,  alles  Böse  in  der  Welt  von  der 
Teufels  herleitete.  Der  gleiche  Glaube  gieug 
e  in's  Christenüium  über,  und  es  giebt  kaum 
laubensartikel ,  Ober  den  unsere  neutestament- 
I  so  einig  wäreu,  wie  tlber  diesen.  Schon  Jesus 
1  Anfang  an  mit  dem  Teufel  zu  kämpfen  gehabt 
istreibuogen  sollten  einen  hervorragenden  Theil 
thätigkeit  gebildet,  der  Teufel  soUte  in  der 
das  Ischarioth  seinen  Tod  herbelgefuhrt,  seine 
keit  sollte  die  TJeberwindung  des  Teufels  zum 
haben;  und  ebenso  soll  auch  jeder  Christ  und 
itliche  Kirche  unablässig  gegen  den  Teufel  zu 
was  ihnen  schlimmes  widerfährt,  was  sich  in' 
[feindliches  zeigt,  ist  ein  Werk  des  Teufels,  die 
t  ist  sein  Reich,  und  die  Götter  der  Heiden 
LÜr.  10,  20)  Dämonen.  Einzelne  Schriften  be- 
e  Apokalypse,  der  Epheser-  und  Kolosserbrief, 
f  Petri,   das  Evangelium  und   die  Briefe  des 


Das  Urchristenthum.  287 

Johannes,  lieben  es,  das  Geschäft  Christi  und  das  Leben  des 
Christen  unter  diesen  Gesichtspunkt  zu  stellen;  aber  an  sich 
selbst  ist  er  keinem  einzigen  von  den  neutestamentlichen 
Schriftstellern  fremd,  und  Schleiermachers  Ausrede,  dass  sie 
diese  Voi-stellung  mit  ihrem  religiösen  Glauben  in  keine  Ver- 
bindung gesetzt  haben,  und  ihr  keine  dogmatische  Bedeutung 
beilegen,  ist  das  grundloseste  und  geschichtswidrigste,  was  man 
sich  denken  kann.  Gerade  dieser  Glaube  gereicht  aber  freilich 
unserer  Zeit  wie  kein  anderer  zum  Anstoss;  er  mag  wohl  in 
den  untersten  Volksschichten  noch  foitspuken,  es  mögen  auch 
von  denen,  die  an  sich  darüber  hinaus  sein  sollten,  noch 
manche  ihre  Phantasie  damit  aufregen  oder  ihn  um  der  Auk-  ^ 
torität  willen  in  ihrer  dogmatischen  Vorrathskammer  dulden, 
aber  für  ihr  religiöses  Leben  selbst  hat  er  auch  bei  solchen 
nicht  die  geringste  Bedeutung  mehr,  und  wer  sich  in  der 
Theologie  gegen  die  heutige  Bildung  nicht  gänzlich  abgesperrt 
hat,  der  ist  über  ihn  längst  mit  sich  im  reinen.  Wir  sehen 
auch  hier  wieder,  wie  weit  der  Abstand  zwischen  unserer  und 
der  altchiistlichen  Denkweise  ist,  und  wie  Glaubensvorstellungen, 
denen  man  ehemals  das  höchste  Gewicht  beilegte,  uns  nicht 
Mos  entbehrlich,  sondern  schlechthin  unmöglich  geworden  sind. 
Ein  anderes  Beispiel  dieser  Art  ist  uns  schon  früher  in 
dem  Glauben  an  die  Wiederkunft  Christi  vorgekommen.  Wir 
haben  gesehen,  dass  dieser  Glaube  für  die  Christenheit  ein 
volles  Jahrhundert  lang  im  Mittelpunkt  ihres  religiösen  Be- 
wusstseins  stand,  und  dass  es  nicht  allein  das  sichtbare  Kom- 
men des  Herrn,  sondern  ebensosehr  auch  die  unmittelbare 
Nähe  dieses  Ereignisses  war,  was  für  sie  die  grösste  Be- 
deutung hatte.  Für  uns  umgekehii;  hat  sich  nicht  blos  diese 
Annahme  als  L'rthum  erwiesen,  sondern  die  ganze  Erwartung 
einer  persönlichen  und  sichtbaren  Wiederkunft  Christi  ist  aus 
unserem  Vorstellungskreis  gänzlich  verschwunden.  An  ihre 
Stelle  ist  für  unsere  Zeit  der  ünsterblichkeitsglaube  getreten: 
so  wenig  man  vor  achtzehnhundert  Jahren  den  für  einen 
Christen  gehalten  haben  würde ,  der  an  der  Wiederkunft  des 
Messias  gezweifelt  hätte,  so  wenig  pflegt  man  heutzutage  den 


Das  Drchristentlium- 

ui  der  Unsterblichkeit  zweifelt,  und  nicht 
ganzes  Christenthum  io  diesen  Einen 
cbrumpft.  Nur  daif  man  darum  nicht 
ueh  der  Standpunkt  der  ersten  Christen, 
leuen  Testaments  sei.  Die  neutestament- 
ehren  wohl  einstimmig  die  Auferstehui^ 
Auferstehung  ist  etwas  anderes,  als  die 
der  letzteren  handelt  es  sieh  um  die 
ten  Persönlichkeit,  von  der  man  voraus- 
Natur  nach  dem  Untergang  nicht  unter- 
man  sieh  diese  mit  einer  dereinstigen 
ider  auch  mit  einer  theilweisen  Fort- 
Organs  verknüpft  denkt,  ist  für  den 
in  als  solchen  von  keiner  Erheblichkeit ; 
vielmehr  mit  Kant  fragen:  „wem  ist 
lieb,  dass  er  ihn  gerne  in  Ewigkeit  mit 
!,  wenn  er  seiner  entübrigt  sein  kann?" 
omgekehrt  handelt  es  sich  um  die  Wieder-  ' 
jrbelebung  des  Leibes,  und  diese  kann 
r  von  einem  wunderbaren  Einschreiten 
cht  erwai-tet  werden.  Erst  durch  die 
bes  sollte  auch  die  Seele  in  ein  Leben, 
les  Lebens  verdient,  zurückgerufen,  erst 
Frommen  in  die  ewige  Seligkeit  einge- 
ssem  Zeitpunkt  werden  sie  in  dem  Scheol, 
bausung  der  Abgeschiedenen,  aufbewahrt, 
nahm,  dass  sie  in  zwei  Abtheiluugen,  die 
L,  die  andere  für  die  Gottlosen,  getheilt 
n  allgemeinen  als  eine  Stätte  des  Todes, 
-en,  gedacht  wurde.  Diess  ist  die  ganz 
s  neuen  Testaments,  wenn  sich  auch  im 
der  jüdischen  Theologie,  der  'Widerspnich 
Apokalyptiker  durch  die  Annahme  einer 
lg  in  seiner  Art  gelöst  hat,  dass  zwar  in 
itehung  als  ein  VoiTecht  der  Frommen, 
der  Gerechten"   besehrieben  wird,   dass 


Bas  Urchristentlium.  289 

man  aber  zugleich  auch  ein  allgemeines  Gericht  und  desshalb 
eine  Auferstehung  aller  Gestorbenen  annimmt.  Auch  das  Para- 
dies, in  welches  der  arme  Lazarus  und  der  bussfertige  Schacher 
gleich  nach  ihrem  Tode  kommen  (Luc.  16,  22.  23,  43),  ist 
nicht  das  „obere"  oder  himmlische,  sondern  das  „untere ** 
Paradies,  der  Wohnort  der  Frommen  in  der  Unterwelt.  Nur 
in  einigen  wenigen  Stellen  (Ehihpp.  1,  21  ff.,  Apg.  7,  59,  viel- 
leicht auch  Ebr.  12,  23)  ist  von  einem  unmittelbaren  XJeber- 
gang  der  Gestorbenen  in  den  Himmel  die  Eede;  diese  stehen 
aber  theils  sehr  vereinzelt,  theils  beziehen  sie  sich,  wie  es 
scheint,  durchaus  auf  christliche  Märtyrer,  denen  auch  die 
Kirchenväter  des  zweiten  und  dritten  Jahrhunderts  das  Vor- 
recht beilegen ,  dass  sie  allein  schon  vor  der  Auferstehung  in 
den  Himmel  kommen  sollen.  Im  übrigen  aber  wissen  sich  die 
neutestamentlichen  Schriftsteller,  und  wussten  sich  die  älteren 
Christen  überhaupt,  ein  geistiges  Fortleben  nach  dem  Tode 
so  wenig  zu  denken,  dass  Paulus  z.  B.  (1  Kor.  15,  12  ff.  32) 
geradezu  erklärt,  wenn  die  Todten  nicht  auferstehen,  wäre 
der  ganze  Christenglaube  eitel  und  gi-undlos  und  alle  Hoffiaung 
der  Christen  wäre  auf  dieses  Leben  beschränkt:  „wenn  die 
Todten  nicht  auferstehen,  lasset  uns  essen  und  trinken,  denn 
morgen  sind  wir  todt".  Als  in  der  Folge  die  Gnostiker  die 
Unsterblichkeit  der  Seele  zwar  zugaben,  aber  die  Auferstehung 
des  Leibes  bestritten,  waren  die  angesehensten  Kirchenlehrer, 
ein  Justin  und  Irenäus,  noch  einstimmig  der  Meinung:  wer 
die  Auferstehung  läugne  und  die  Seelen  gleich  nach  dem  Tode 
in  den  Himmel  kommen  lasse,  den  dürfe  man  so  wenig  für 
einen  rechten  Christen  halten,  als  die  Sadducäer  für  rechte 
Juden.  Die  ganze  Vorstellung  von  dem  Zustand  nach  dem 
Tode  ist  ursprünglich  aus  dem  jüdisch  -  pharisäischen  Dogma 
in  das  christliche  herübergekommen;  erst  seit  der  Mitte  des 
zweiten  Jahrhunderts  gewann  neben  jenem  die  platonische 
Lehre  von  einer  natürlichen  Unsterblichkeit  und  einem  geisti- 
gen Fortleben  Eingang,  und  erst  in  der  neueren  Zeit  ist  es 
bei  der  Mehrzahl  der  Gebildeten  durch  die  letztere  verdrängt 
worden.    Der  christlichen  Urzeit  lag  diese  noch  ferne:    was 

Zeller,  Vorträge  und  Al>liandl.  29 


Das  Drcbristenthntn. 

für  die  meisten  ein  unerlässlicher  Bestandtheil  ihres 
ns  ist,  galt  ihr  för  ein  Merkmal  der  verhasstest«! 

ch  weitere  Belege  sucht,  findet  sie  leicht  in  Bau r 's 
itlicher  Theolt^ie,  iD  Strauss'  Glaubenslehre  und 
Werken.  Es  wird  aber  auch  schon  ans  den  bisher 
n  hinreichend  hervorgehen,  wie  es  um  jene  Ueber- 
;  unseres  Gl&ubem  mit  der  Lehre  des  neuen  Testa- 
,  welche  fast  allgemein  theils  vorausgesetzt,  theils 
rd.  Ist  diese  Uebereinstimmung  denn  auch  nur 
können  wir  denn,  und  wenn  wir  es  noch  so  sdir 
i  alles  vergessen,  was  die  Er&hrung,  die  Bildung, 
chaft,  die  geistige  Arbeit,  die  sittliche  und  politi- 
;klung  von  achtzehn  Jahrhunderten  auch  unsem 
'orstellungen  neues  zugebracht,  das  alles  wieder 
Jten,  was  sie  nun  einmal  widerlegt  hat?  Können 
Juden  werden,  wie  es  die  ersten  Christen  gewesen 
ten  wir  glauben,  was  ihnen  der  wichtigste  Glaubens- 
esen  ist,  die  Wiederkehr  Christi  in  den  Wolken, 
nalter  nach  seinem  Tode?  Können  wir  uns  anders, 
äweise,  in  eine  Weltanschauung  zurückversetzen, 
lie  Erde  der  Mittelpunkt  des  Weltalls  war,  Über 
imel  als  der  Wohnsitz  Gottes  und  der  Engel,  imter 
lausung  der  Todten,  die  ihrer  Auferstehung  ent- 
1?  Können  wir  uns  die  alten  judenchristlichen  Vor- 
rom Messias  und  seinem  Beich,  oder  andererseits 
ische  Logoslehre,  ohne  Abzug  und  Umdeutung  an- 
5nnen  wir  an  die  ganze  neutestamenüiche  Lehre 
;lauben,  wenn  zwischen  den  einzelnen  Schriftstellern 
'^idei'spriiche  stattfinden?  Wie  viele  derartige  Fragen 
aufwerfen,  und  auf  welche  derselben  lässt  sich 
mit  Kein,  antworten?  Es  ist  nun  einmal  unmöglich, 


lieren  Belege  für  die  obige  Darstellung  giebt  meine  Abhaad- 
heoL  Jahrbücbem  VI,  390  £:  Die  Lehre  des  N.  T.  vom  Zn- 
m  Tode. 


Bas  ürchristenthnm.  291 

dass  die  spätere  Zeit  in  die  Denkweise  der  früheren  zurück- 
gehe, so  unmöglich,  als  dass  der  Mann,  wieder  Knabe  werde, 
oder  dass  ein  Mensch  seine  Persönlichkeit  mit  der  eines  andern 
vertausche.  Wie  der  einzelne  Mensch,  so  ist  auch  jeder  Ver- 
ein von  Menschen  in  einem  beständigen  Wechsel  seiner  inneren 
und  äusseren  Zustände,  in  einer  unablässigen  Entwicklung 
begriffen,  und  er  kann  unmöglich  beim  Beginn  dieser  Ent- 
wicklung alles  das  schon  besitzen,  was  er  erst  durch  sie  er- 
ringen soll.  Auch  mit  der  Religion  und  der  Kirche  verhält 
es  sich  nicht  anders.  Das  Urchristenthum  ist  nicht  das  ganze 
Christenthum ,  und  wenn  man  über  das  Urchristenthum  hin- 
ausgeht, so  ist  diess  darum  noch  kein  Uncbristenthum.  Wäre 
dem  nicht  so,  so  hätte  das  Christenthum  schon  mit  dem  ersten 
Schritt,  durch  den  es  sich  vom  Judenthum  losmachte,  zu  exi- 
stiren  aufgehölt.  Schon  das  Christenthum  des  Paulus  war  ein 
anderes,  als  das  der  XJrapostel,  und  im  vierten  Evangelium 
ist  der  jüdische  Messiasglaube  in  den  ausgesprochensten  Gegen- 
satz von  Christenthum  und  Judenthum  übergegangen.  Nur 
die  Unwissenheit  oder  Befangenheit  kann  diese  Thatsache 
übersehen,  und  nui-  der  Unvei-stand  kann  von  unserer  Zeit 
verlangen,  was  der  urchristlichen  selbst  nicht  möglich  war. 
Will  man  es  aber  dennoch  von  uns  verlangen ,  nun  so  zeige 
man  erst  an  sich  selbst,  wie  wir  es  machen  sollen,  man  be- 
weise uns  erst,  dass  der  eigene  Glaube  von  dem  der  ersten 
Christen  nicht  abweicht ;  ich  glaube  aber  nicht,  dass  auch  nur 
ein  einziger  von  unseren  Zeitgenossen  diesen  Beweis  zu  liefeni 
im  Stande  ist. 

Wie  aber,  wenn  es  nicht  das  Urchristenthum  ist,  in  dem 
sich  das  Wesen  des  Christenthums  vollkommen  darstellt,  wo 
sollen  wir  diese  Darstellung  denn  suchen?  Ueberall,  wenn 
man  will,  oder  auch  nirgends.  Das  Christenthum  ist  ein  ge- 
schichtliches Princip,  dessen  Wesen  daher  auch  nur  aus  dem 
Ganzen  seiner  geschichtlichen  Erscheinung  erkannt  werden 
kann.  Was  das  Christenthum  sei,  können  wir  nur  aus  dem 
abnehmen,  was  es  geworden  ist,  auch  in  seiner  ersten  Ge- 
stalt das  wesentliche,  das  eigentlich  christliche  im  Urchristen- 

19* 


Das  ürchristenthunL  295 

Leben  eine  Umwälzung  vollziehen,  welche  viel  tiefer  geht,  als 
die  mit  ihr  verknüpfte  Umbildung  der  Dogmatik ,  wie  diess 
bei  der  Reformation  unverkennbar  der  Fall  war;  und  es  kann 
umgekehrt  die  spätere  Zeit  mit  der  früheren  in  dem  Ganzen 
der  religiösen  Gefühle  und  Antriebe  viel  mehr  gemein  haben, 
als  man  nach  dem  tiefen  Gegensatz  der  theoretischen  Welt- 
anschauung vermuthen  sollte.  Wie  sich  nun  unsere  Zeit  in 
dieser  Beziehung  zu  der  christlichen  Urzeit  verhält,  diess  ist 
eine  Frage,  deren  Beantwortung  eine  besondere  umfassende 
Untersuchung  erfordern  würde;  die  vorstehende  Darstellung 
wollte  nicht  mehr  geben,  als  ein  übersichtliches  Bild  des  älte- 
sten Christenthums  und  der  wichtigsten  von  den  Formen,  die 
es  durchlaufen  musste,  bis  aus  der  unscheinbaren  Gemeinde 
palästinensischer  Judenchristen  die  katholische  Kirche  des 
zweiten  Jahrhunderts,  aus  dem  jüdischen  Messiasglauben  die 
Dogmatik  des  Johannesevangeliums  hervorgieng. 


10. 

Die  TübiBger  historische  Schule. 


me  UBd  der  Standpunkt  der  Tübinger  Schule  ist 
ässig  erst  spät  in  weiteren  Kreisen  bekannt  ge- 
r  Gründer  dieser  Schule  hatte  schon  in  den  dreissi- 
iie  Grundlinien  seiner  Geschichtsansicht  entworfen, 
te  sie  schon  um  die  Mitte  der  vierziger  in  um- 
''erken  nach  allen  Seiten  hin  ausge^rt;  auch  die 
äfte,  die  sich  an  ihn  anBchlossen,  waren  grösseren- 

um  diese  Zeit  aufgetreten,  und  seit  den  ersten 
ie  im  Zasammenhaog  mit  dem  Streit  über  Strauss* 
auch  auf  ihn  gemacht  wurden,  war  die  Verhandlung 
(gen,  die  er  angeregt  hatte,  nicht  wieder  zum  Still- 
nmen.  Aber  selbst  unter  den  Theologen  fanden 
suchungen  viele  Jahre  lang  nicht  die  Beachtung, 
ibUhrt  hätte;  und  die  Nichttheologen  blieben  Er- 

die  fast  ausscbtiesslich  in  theologischen  Werken 
iften,  mit  allen  Hül&mitteln  der  Fachgelehrsamkeit, 
den,  beinahe  ganz  fremd.  Eine  allmähliche  Aen- 
in  trat  ein,  als  Baur  im  „Ghristentbum  der  drei 
Lunderte"  (1.  A.  1853)  seine  Auffa^ung  des  ältesten 
ns  gemeinTerständlieh  in  einem  ansprechenden 
i  dai'Iegte;  aber  erat  seit  seinen  letzten  Lebens- 
l  in  höherem  Grad  erst  seit  seinem  Tode,  haben 
ten  ausser  dem  engeren  Kreise  seiner  theologischen 


Die  Tübinger  historische  Schale.  295 

Schüler  Wurzel  gefässt,  und  auch  ausser  Deutschland,  in  der 
Schweiz,  in  Holland,  im  protestantischen  Frankreich,  zahlreiche 
Anhänger  unter  Theolc^en  und  Nichttheologen  gewonnen.  Selbst 
in  England  hat  man  denselben  eine  ernstere  Aufmerksamkeit  zu 
widmen  begonnen,  und  in  der  Schrift  von  Mackay*)  hat  es 
ein  gründlicher  Kenner  der  neueren  deutschen  Kritik  und  ein 
entschiedener  Freund  des  Baur'schen  Standpunkts  unternom- 
men, seine  Landsleute  mit  denselben  bekannt  zu  machen.  Ich 
weiss  nicht,  welchen  äussern  Erfolg  dieses  Werk  gehabt  hat; 
verdient  hat  es,  nicht  allein  durch  seine  sachliche  Zuverlässig- 
keit, sondern  auch  durch  seine  klare  und  geschmackvolle,  mit 
sicherer  Hand  auf's  wesentliche  gerichtete  Darstellung,  den 
besten. 

Wie  die  Tübinger  Schule  in  ihrer  äusseren  Ausbreitung  / 

ihren  Weg  von  den  Theologen  zu  den  Nichttheologen  genom- 
men hat,  so  zeigt  auch  ihre  innere  Eigenthümlichkeit  ein 
grundsätzliches  Hinausgehen  über  die  theologischen  Traditionen. 
Ihr  Stifter  und  seine  Schüler  waren  zunächst  allerdings  Theo- 
logen, welche  durch  ihre  Fachwissenschaft  zu  ihren  Unter- 
suchungen geführt  wurden.  Aber  sie  wollten  die  Stoflfe,  für 
welche  man  bis  dahin  in  der  Begel  eine  ganz  eigenthümliche, 
von  dem  sonst  anerkannten  wissenschaftlichen  Verfahren  ab- 
weichende Behandlung  verlangt  hatte ,  ihrerseits  nicht  nach 
theologischen,  sondern  nach  rein  geschichtlichen  Gesichtspunkten 
behandeln.  Um  diesen  Charakter  der  Tübinger  Schule  aus- 
zudrücken, habe  ich  sie  als  historische  Schule  bezeichnet. 
Auch  den  Namen  einer  theologischen  braucht  sie  allerdings 
desshalb  nicht  abzuweisen  und  auf  ihre  Berechtigung  inner- 
halb der  protestantischen  Theologie  nicht  zu  verzichten;  sie 
kann  vielmehr  mit  Grund  für  sich  anführen,  dass  eben  das 
dem  ächten  Geiste  des  Protestantismus  gemäss  sei,  die  ge- 
schichtliche wie  jede  andere  Wahrheit  ohne  alle  Nebenrück- 
sichten zu  suchen,   nicht  die  wissenschaftliche  Ueberzeugung 


/ 


^)  The  Tübingen  School  and  its  antecedents.     By  R,  W.  Mackay  M, 
A.  Lond.  1863. 


-T»  ir 


296  •  I>ie  Tübinger 

nach  dogmatischen  Voraussetzungen,  sondern  die  dogmatischen 
Vorstellungen  nach  dem  Ausfall  der  wissenschaftlichen  For- 
schung zu  bestimmen.  Doch  diesen  Punkt  habe  ich  hier  nicht 
zu  untersuchen;  ich  betrachte  die  „Tübinger  Schule"  hier  nur 
nach  ihrem  geschichtlichen  Standpunkt  und  ihren  geschicht- 
liehen Ergebnissen. 

Zunächst  muss  ich  hiebei  allerdings  an  die  Geschichte  der 
Theologie  anknüpfen.  Die  ältere  Theologie  verhielt  sich  be- 
kanntlich zu  den  biblischen  Urkunden  und  Erzählungen  ganz 
allgemein  ebenso  unkritisch ,  wie  diess  ihre  Nachfolgerin ,  die 
neuere  Orthodoxie,  heute  noch  thut.  Die  Sammlung  der  bibli- 
schen Schriften  galt  als  Ganzes  für  wörtlich  inspirirt  und  mit- 
hin für  unfehlbar ;  an  dem  höheren  Ursprung  von  einem  dieser 
Bücher  zu  zweifeln,  die  Glaubwürdigkeit  ihres  Inhalts  in  Frage 
zu  stellen,  erschien  als  eine  Gottlosigkeit,  ein  Verbrechen. 
Hieraus  ergab  sich  von  selbst,  wie  man  ihren  geschichtlichen 
Inhalt  zu  behandeln  hatte.  Die  Theologie  sollte  den  Sinn  ihrer 
Erzählungen  ausmitteln,  ihre  verschiedenen  Aussagen  verknüpfen, 
ihre  Glaubwürdigkeit  im  grossen  wie  im  kleinen  vertheidigen, 
nie  aber  und  unter  keinen  Umständen  die  Wahrheit  einer 
biblischen  Erzählung,  die  Richtigkeit  einer  Angabe,  die  Aecht- 
hieit  und  Eingebung  eines  biblischen  Buches  antasten.  Der 
mittelalterlichen  Theologie  wurde  diess  nun  allerdings  nicht 
schwer,  weil  die  damalige  Wissenschaft,  kritiklos  und  an  Auk- 
toritäten  gefesselt,  auch  mit  den  nichtbiblischen  Schiiftstellem 
nicht  viel  anders  zu  verfahren  pflegte.  Auch  später  jedoch, 
als  das  15.  und  16.  Jahrhundert  den  kiitischen  Sinn  zu  ent- 
binden und  einer  wissenschaftlicheren  Geschichtsforschung  die 
Bahn  zu  öffnen  begonnen  hatte,  konnte  sich  doch  die  Theologie 
von  der  hergebrachten  Auffassung  und  Behandlung  ihres  Gegen- 
standes nicht  losreissen:  der  ältere  Protestantismus,  welcher 
sich  ganz  und  gar  auf  die  biblischen  Schriften  gründen  wollte, 
konnte  einen  Zweifel  an  diesen  Schriften  und  ihrem  Inhalt  so 
wenig,  wie  der  Katholicismus ,  ja  fast  noch  weniger  zugeben. 
Nur  einzelne  wagten  es,  von  dem  hergebrachten  Wege  auf 
wenig  betretenen  Seitenpfaden  sich  zu  entfernen,    und  selbst 


historische  Schule.  297 

als  seit  dem  Ende  des  17.  Jahrhunderts  durch  die  englischen 
und  dann  durch  die  französischen  Freidenker  der  Glaube  an 
die  biblischen  Erzählungen  in  weiteren  Kreisen  erschüttert 
war,  verhielt  sich  die  Theologie  zu  diesen  nicht  selten  aller- 
dings leichtfertigen  und  masslosen  Angriflfen  fast  nur  abwehrend. 
Erst  der  deutsche  Rationalismus  war  es,  welcher  innerhalb  der 
Theologie  seihst  den  durchgeführten  Versuch  machte,  von  der 
biblischen  Geschichte,  und  so  namentlich 'auch  von  der  Ur- 
geschichte des  Christenthums,  eine  mit  der  menschlichen  Ver- 
nunft und  der  allgemeinen  Erfahrung  übereinstimmende  Vor- 
stellung zu  gewinnen,  diese  Geschichte  aus  einer  wunderbaren 
und  übernatürlichen  in  eine  natürliche  zu  verwandeln.  Aber 
wie  diess  auch  sonst  nicht  selten  im  Anfange  geschieht:  er 
blieb  bei  diesem  Versuch  auf  halbem  Wege  stehen.  Von  den 
zwei  Voraussetzungen  der  älteren,  supranaturalistischen  Theo- 
logie: dass  wir  in  den  biblischen  Erzählungen  erstens  reine 
Geschichte,  und  zweitens  eine  überaattirliche,  an  die  sonstigen 
Gesetze  des  Geschehens  nicht  gebundene  Geschichte  haben  — 
von  diesen  Voraussetzungen  liess  er  die  zweite  fallen,  die  erste 
wagte  er  in  der  Hauptsache  nicht  anzutasten.  So  entstand 
für  ihn  die  Aufgabe,  zu  zeigen,  dass  man  die  biblischen  Be- 
richte nur  richtig  aufzufassen  brauche,  um  in  ihnen  statt  der 
vermeintlichen  Wunder  lauter  natürliche  und  höchst  begreif- 
liche Vorgänge  zu  entdecken.  Da  jedoch  diese  Berichte  in 
Wirklichkeit  ganz  unverkennbar  Wunder  erzählen  und  erzählen 
wollen,  so  war  zu  jenem  Nachweis  keine  geringe  Kunst  nöthig. 
Es  mussten  die  Mittel  gefunden  werden,  das,  was  sich  selbst 
als  ein  übernatürliches  giebt,  seiner  Geschichtlichkeit  unbe- 
schadet, in  ein  natüriiches  zu  verwandeln.  Aber  die  Rüst- 
kammern des  Rationalismus  waren  auch  reich  an  den  hiefÜr 
nöthigen  Apparaten.  Ein  fast  unerschöpfliches  Hülfsmittel  bot 
schon  die  Sprache.  So  manches ,  was  sich  uns  als  ein  über- 
natürliches dai-stellte,  schien  vielleicht  nur*so,  weil  man  die 
Eigenthümlichkeit  der  alt-  und  neutestamenüichen  Ausdrucks- 
weise, der  orientalischen  Bildersprache,  nicht  in  Beti'acht  zog. 
Wenn  z.  B.  unzähligemale  im  alten  Testament  steht,   Gott 


Die  Tobii^eT 

en,  war  es  denn  nöthig,  Mebei  an  ein  wirkliches 
denken,  konnten  die  Propheten  nicht  bildlich 
gottbegeisterten  Reden  als  Reden  der  Gottheit 
)en?  Wenn  der  biblischen  Erzählung  zufolge  die 
Eva  oder  Bileauis  Esel  mit  seinem  Herrn  redet, 
fiel  natui^emässer,  dieses  Zwiegespräch  in  das 
treffenden  Personen  zu  verlegen,  in  den  Reden 
r  den  bildlichen  Ausdmck  für  die  Gedanken  zu 
:  in  jenen  aus  Anlaas  dieser  Thiere  aufeestiegen 
io  in  den  Worten,  die  der  Teufel  hei  der  Ver- 
Christus  richtet,  und  in  der  Teufelaerscheinung 
en  bildlichen  Ausdruck  für  die  Ueberlegungen, 
US  vor  seinem  öffentlichen  Auftreten  anstellte  ? 
ffitelgeschichte  erzählt,  der  Geist  sei  am  Pflngst- 
FOnger  herabgekommen,  was  heisst  das  anders, 
Jünger  hei  diesem  Anlass  von  einer  lebhaften 
eisterung  ergriffen  wurden?  Die  Erzähler,  nahm 
en  auch  nichts  anderes  sagen ;  nur  unsere  Schuld 
ffir  eigentlich  nehmen,  was  uneigentlich  gemeint 
ir  orientaiische  Bilder  in  occidentalische  Begriffe 
Weiter  bemerkte  man,  dass  die  religiöse  Welt- 
,uch  natürliche  Vorgänge  unmittelbar  auf  die 
ckzufllhren  gewohnt  sei,  tmd  dass  von  dieser 
lg  wiederum  die  Orientalen  weit  ausschliesslicher, 
jrrsclit  werden;  und  man  schlMB  hieraus,  dass 
Schriftsteller  durchaus  nicht  die  Absicht  haben, 
tliehe  Ursächlichkeit,  aus  der  sie  einen  Vorgang 
Ifaturursachen  auszuschüessen ,  durch  die  er  ge- 
klärbai'  wird.  Wenn  also  etwa  erzählt  wird, 
n  Flammen  auf  den  Berg  Sinai  herabgefahren, 
it  nur  ein  Gewitter  angedeutet  sein;  wenn  in 
rwähnteu  Falle  beim  Pfingstfest  feurige  Zui^en 
lerabgekommen  sein  sollen,  so  waren  diess  elek- 
n ;  dass  Paulus  und  Silas  im  Gefängniss  zu  Phi- 
;eln  plötzlich  von  den  Händen  fielen,  war  die 
s  Erdbebens;    wenn  Paulus  vor  Damaskus  ge- 


\ 


historische  Schule.  299 

blendet  und  nachher  durch  Ananias  wieder  sehend  gemacht 
wurde,  so  ist  jenes  durch  einen  Blitz,  dieses  durch  die  kalten 
Hände  des  alten  Mannes  bewirkt  worden  u.  s.  w.  Sollte  aber 
diese  Erklärung  nur  da  zulässig  sein,  wo  die  Berichte  selbst 
eine  Andeutung  der  natürlichen  Ursachen  enthalten,  die  mit 
im  Spiel  waren?  ist  es  nicht  ebenso  möglich,  dass  die  natür- 
lichen Gründe  eines  Erfolgs  von  dem  Erzähler  auch  ganz  über- 
gangen sind  ?  Dass  z.  B.  Christus  und  die  Apostel  ihre  Kranken- 
heilungen auf  ganz  natürlichem  Wege,  wie  andere  Aerzte, 
bewirkt  haben ,  wenn  wir  auch  von  den  Mitteln ,  die  sie  an- 
wandten, im  Neuen  Testament  nichts  lesen?  Ja  ist  nicht 
vieDeicht  der  Schein  des  Wunderbaren  oft  nur  desshalb  ent- 
standen, weil  den  Berichterstattern  selbst  die  näheren  Um- 
stände nicht  so  genau  bekannt  waren,  weil  auch  sie  für  ein 
unvermitteltes  hißlten,  was  in  Wahrheit  seine  ausreichenden 
Gründe  gehabt  hat?  In  solchen  Fällen  ist  es  eben  Sache  des 
Auslegers,  die  fehlenden  Mittelglieder  der  Erzählung  zu  er- 
gänzen; und  wenn  es  ihm  an  dem  nöthigen  Scharfsinn  nicht 
fehlt,  wird  er  sich  leicht  überzeugen,  dass  z.  B.  die  Todten- 
erweckungen  der  evangelischen  Geschichte  und  Christi  eigene 
Auferstehung  nichts  anderes  waren  als  ein  Wiederei^wachen 
von  Scheintodten ;  dass  bei  der  Speisungsgeschichte  Jesus  nicht 
das  unmögliche  gethan  hat,  mehr  als  5000  Menschen  mit  we- 
nigen Broden  zu  sättigen,  sondern  dass  er  nur  durch  seinen 
Vorgang  den  Anstoss  zur  freigebigen  Vertheilung  der  vorhan- 
denen Lebensmittel  gegeben  hat;  dass  das  Wunder  von  Kana 
nichts  weiter  als  ein  Hochzeitscherz  war,  indem  Jesus  die 
Wasserkrüge  heimlich  mit  Wein  füllen  liess,  die  Anwesenden 
aber  diess  nicht  bemerkten  u.  dgl.  Nehmen  wir  dazu  noch 
die  mancherlei  Freiheiten  der  Worterklärung,  durch  welche 
z/  B.  das  Wandeln  Jesu  auf  dem  See  zu  einem  Wandeln  am 
Seeufer,  und  der  wunderbare  Fund  eines  Geldstücks  im  Maul 
eines  Fisches  zum  Verkauf  des  Fisches  imi  dieses  Geldstück 
gemacht  wurde,  so  werden  wir  es  begreifen,  dass  keine  Wunder- 
erzählung augenscheinlich  genug  sein  konnte,  um  nicht  von 
dieser  rationalistischen  Auslegung  in  einen  natürlichen  Vorgang 


historische  Schule.  301 

gläubigen  Gegner  haben  diess  mitunter  nicht  ohne  Erfolg  ge- 
than.  Aber  sie  konnten  den  Rationalismus  dennoch  nicht  au& 
dem  Felde  schlagen,  weil  sie  selbst  ähnliche  Gewaltsamkeiten 
und  Sophismen  zjir  Durchftthmng  ihres  Standpunktes  sich  er- 
laubten; noch  weit  mehr  aber,  weil  dieser  Standpunkt  mit 
den  Ueberzeugungen  der  Zeit  und  den  allgemein  anerkannten 
Ergebnissen  der  Wissenschaft  im  Widerspruch  lag.  So  viel 
auch  der  Rationalismus  in  seiner  Behandlung  der  biblischen 
Erzählungen  gefehlt  hat:  seine  Fehler  rührten  nur  daher, 
dass  er  ihre  geschichtliche  Prüfung  blos  zur  Hälfte  durchführte ; 
diese  Halbheit  war  aber  immer  noch  besser,  als  das  ganz  un- 
geschichtliche  Verfahren  des  Supranaturalismus,  der  mit  seinem 
Wunderglauben  jede  Herstellung  eines  historischen  Zusammen- 
hangs, mit  seiner  Inspirationslehre  jede  Kritik  der  biblischen 
Schriften  in  der  Wurzel  aufhob:  dass  sie  dieses  Verfahren 
gegen  jene  Halbheit  eintauschen  solle,  liess  sich  von  einer  in 
allem  übrigen  Wissen  fortschreitenden  Zeit  nicht  verlangen. 
Weit  entfernt  daher,  den  Rationalismus  durch  seine  Apologetik 
zu  besiegen,  nahm  ihn  der  moderne  Supranaturalismus  viel- 
mehr immer  vollständiger  in  sich  auf:  während  die  alten  Theo- 
logen mit  ihrem  Wunderglauben  durch  dick  und  dünn  gegangen 
waren,  liebte  man  es  jetzt  auch  auf  offenbarungsgläubiger 
Seite,  den  auffallendsten  Wundem  die  Spitze  abzubrechen, 
natürliche  Erklärungsgründe  zwische^einzuschieben,  die  eigent- 
liche Meinung  der  biblischen  Erzählungen  hinter  unbestimmteren 
AusdiTlcken,  einen  *  rettenden  Engel  z.B.  hinter  einer  „Fügung 
der  Vorsehung"  u.  dgl.  zu  verbergen.  Wer  Belege  für  dieses^ 
Verfahi-en  sucht,  findet  sie,  um  andere  zu  übergehen,  in  reichem 
Mass  bei  Neander.  Ein  Rationalismus ,  welcher  die  biblische 
Geschichte  geschichtlich  behandeln  will,  aber  dabei  auf  halbem 
Weg  stehen  bleibt,  und  ein  Supranaturalismus,  welcher  vom 
Offenbarungs-  und  Wunderglauben  nicht  lassen  will,  aber  mit 
der  gleichen  Halbheit  fortwährender  Zugeständnisse  an  den 
Gegner  sich  nicht  zu  entschlagen  weiss,  diess  ist  das  Schau- 
spiel, welches  uns  die  Theologie  auf  diesem  Gebiete  im  ersten 
Drittheil  unseres  Jahrhunderts  darbietet;   und  wenn  die  Be- 


302  Die  Tübinger 

handkng  der  alttestameatlicbeti  Geschichte  und  Schriften  all- 
mählich —  nicht  ohne  den  hartnäckigsten  Widerstand  der  neu 
loxie  —  auf  einen  freieren  und  gesunderea 
waren  doch  die  scbücbteraen  Versuche,  das 
äutestamentlichen  zu  thun,  immer  nur  ver- 
1.  Selbst  die  grossen,  in  unsere  ganze  theo- 
ag  80  tief  eingi-eifenden  Leistungen  Scbleier- 
ils  brachten  hier  zunächst  keine  AendeiHDg 
icher  verhielt  sich  als  Kritiker  und  Exeget 
ntüchen  Schriften  wesentlich  rationalistisch, 
ler  Glaubenslehre  freilich  mit  dem  Grund- 
ildlichen  Christus"  auch  allen  andern  die 
n  seinen  Schülern  wussten  weit  die  meisten, 
rlei  Kapitulationen  mit  dem  Zeitgeist,  all- 
zu einem  Supranaturalismus  zu  finden,  der 
mehr  verdichtete,  wobei,  die  Wunder  be- 
lebelbafte  Phrasen,  über  die  Haimonie  des 
i  Leiblichen ,  beschleunigten  Naturprocess 
Inge  Rolle  zu  spielen  hatten.  Hegel  stand 
ion  anf^ghch  gleichfalls  mit  einem  Batio- 
r,  dessen  Spuren  sich  auch  nie  ganz  hei 
in;  in  der  Folge,  als  die  Versöhnung  des 
Wissen  das  Losungswort  seiner  Religions- 
en  war,  erklärte  er  das  Geschichtliche  des 
bgültig ,  weil  es  nur  auf  die  Idee  daiin  an- 
iussert  er  sich  denn  auch  wirklich  darüber 
IBS  sich  die  entgegengesetztesten  Ansichten 
locht  auf  ihn  berufen  konnten.  Seine  Schule 
LUgs  in  ihrer  vermeintlichen  spekulativen 
bstzufrieden  und  glücklich,  sie  pflegte  auf 
:u  Standpunkt"  der  rationalistischen  Kritik 
Geringschätzung  herabzusehen,  dass  man 
ler,  so  schien  es,  alles  andere  eher  hätte 
ils  einen  so  radikalen  Angriff  auf  die  kirch- 
mgen,  wie  er  bald  darauf  erfolgt  ist.  Als 
Aolastischen  Formeln  in  aller  Unbefangenheit 


historische  Schule.  303 

mit  Bibelsprüchen  belegte,  welche  oft  nicht  das  entfernteste 
damit  zu  thun  haben,  als  Bruno  Bauer,  der  nachmalige  Him- 
melsstüimer ,  die  übernatürliche  Erzeugung  Jesu  „spekulativ'^ 
deducirte,  und  Göschel  seine  theologischen  Phantasmagorieen 
gleich  sehr  und  mit  gleichem  Recht  für  biblisch  und  für  philoso- 
phisch ausgab,  da  hatte  diese  orthodoxe  Verworrenheit  in  der 
hegel'schen  Schule  ihren  Höhepunkt  erreicht. 

So  war  der  Stand  dieser  Untersuchungen,  als  vor  nunmehr 
vierzig  Jahren  Strauss'  Leben  Jesu  erschien.  Die  Wirkung 
dieser  Schrift  war  eine  so  aussei-ordentlicbe,  wie  sie  in  Deutsch- 
land kein  anderes  theologisches  Werk  hervorgebracht  hat. 
Die  Selbsttäuschungen  der  biblischen  Theologie  waren  mit 
Einem  Mal  von  der  schärfsten,  unerbittlichsten,  den  Gegner 
unermüdet  in  alle  Schlupfwinkel  verfolgenden,  allen  seinen 
Wendimgen  mit  dialektischer  Ueberlegenheit  nachgehenden 
Kritik  in  ein  helles  Licht  gestellt;  der  Rationalismus  sah  das 
künstliche  Netz  seiner  natürlichen  Erklärungen  zerrissen,  der 
Supranaturalismus  die  mühsame  Arbeit  seiner  apologetischen 
Schanzwerke  zerstört,  die  Halben  und  Unklaren  aller  Partheien 
fanden  sich  aus  ihrer  Behaglichkeit  aufgeschreckt,  zur  scharfen 
Stellung,  zur  rückhaltslosen  Entscheidung  von  Fragen  gedrängt, 
deren  Schwierigkeiten  sie. bisher  so  glücklich  auszuweichen 
gewusst  hatten.  Kein  Wunder,  dass  dem  Schlag,  welcher  die 
theologische  Atmosphäre  so  unerwartet  durchzuckt  hatt.e,  zu- 
nächst Ein  Schrei  des  Entsetzens  und  der  .Entrüstung ,  eine 
unbeschreibliche  Aufregung  gegen  den  Frie^^sstörer,  eine  über- 
triebene Angst  vor  den  Verheerungen  folgte,  die  eine  so  ver- 
wegene Kritik  im  Reiche  des  Glaubens,  der  Frömmigkeit, 
selbst  der  Sittlichkeit  anrichten  müsse.  Und  doch  war  das, 
was  Strauss  wollte,  im  Gi*unde  sehr  einfach.  Er  verlangte 
nicht  mehr  imd  nicht  weniger,  als  was  sich  für  jede  wissen- 
schaftliche Theologie  von  selbst  versteht :  dass  die  evangelischen 
Berichte  nach  denselben  Grundsätzen  behandelt  werden,  nach 
denen  wir  jede  andere  Ueberlieferung  beurtheilen;  dass  der 
kritischen  Untersuchung  ihre  Ergebnisse  weder  ganz  noch 
theilweise  zum  voraus  vorgeschrieben,  dass  die  Feststellung 


historisclie  Schule.  305 

welche  ein  solches  Geschehen  berichtet,  falsch  ist  ?  Mit  dieser 
Fragestellung  ist  aber  auch  die  Antwort  gegeben.  Denn  da 
sich  die  Wahrscheinlichkeit  einer  Annahme  eben  nur  nach 
ihrer  Uebereinstimmung  mit  anderem  als  wahr  anerkannten 
bemessen  lässt,  und  da  uns  nun  in  unserer  Ei*fahrung  von 
ungenauer  Beobachtung,  ungetreuer  Ueberlieferung,  absicht- 
licher und  unabsichtlicher  Erdichtung,  überhaupt  von  unrich- 
tiger Berichterstattung  zahllose  Beispiele  vorliegen,  von  einem 
sicher  beglaubigten  Wunder  dagegen,  von  einem  Erfolg,  der 
nachweisbar  nicht  aus  dem  natürlichen  Zusammenhang  der 
Dinge  heiTorgegangen  ist,  kein  einziges,  so  lässt  sich  kein 
Fall  denken,  in  welchem  der  Historiker  es  nicht  ohne  allen 
Vergleich  wahrscheinlicher  finden  müsste,  dass  er  es  mit  einem 
unrichtigen  Bericht,  als  dass  er  es  mit  einer  wunderbaren 
Thatsache  zu  thun  habe.  Wenn  daher  Strauss  die  Wunder 
schlechtweg  als  ungeschichtlich  behandelt,  so  thut  er  nur,  was 
er  als  voraussetzungsloser  Kritiker  thun  muss,  er  folgt  nur 
denselben  wissenschaftlichen  Grundsätzen,  nach  denen  sich  die 
Geschichtsforschung  auf  allen  anderen  Gebieten  richtet.  *) 

In  der  Anwendung  dieser  Grundsätze  kam  er  nun  fi-eilich 
zu  einem  für  die  meisten  höchst  überraschenden  Ergebniss. 
Ein  grosser  Theil  der  evangelischen  Erzählungen  sollte  unge- 
schichtlich sein;  nicht  allein  die  Eindheits-  und  Himmelfahits- 
geschichte,  sondern  auch  die  Wunderthaten  Jesu  mit  wenigen 
natürlich  erklärbai*en  Ausnahmen,  auch  viele  von  den  Reden, 
darunter  fast  alle  im  vierten  Evangelium  berichteten,  auch 
die  Auferstehung  des  Gekreuzigten  sollte  nur  der  Uel^erliefe- 
rung  nicht  der  Wirklichkeit  angehören.  Es  begreift  sich, 
wenn  dieses  Ergebniss  selbst  von  denen,  welche  Strauss'  kriti- 
schen Grundsätzen  im  allgemeinen  ihre  Zustimmimg  nicht 
versagen  konnten,  nicht  wenige  zurückschreckte.  Aber  wie 
viel  auch  dagegen  geschrieben  und  geeifert  worden  ist:   wenn 


*)  Einige  weitere  Erläuterungen  über  die  obenbesprocliene  Frage,  zu 
denen  mich  ein  Angriff  Eitschl's  yeranlasste,  finden  sich  in  Sybel's  Histor. 
Zeitschr.  VI,  364  ff.  VIU,  100  ff. 

Zeller,  Vortr&ge  und  Abhandl.  20 


historisclie  Schule.  307 

peltes  verwiesen:  das  Interesse  der  ältesten  Christengemeinde 
an  der  Verhenlichung  ihres  Stifters,  und  das  Bedürfiiiss  der- 
selben, in  ihm  theils  die  alttestamentlichen  Weissagungen  er- 
füllt, theils  überhaupt  die  jüdische  Messiasidee  verwirklicht  zu 
sehen.  Den  entscheidendsten  Einfluss  hatte  aber  nach  Strauss 
das  letztere  Moment,  wie  sich  denn  auch  nur  aus  ihm  die 
Erscheinung  erklärt,  dass  die  christliche  Sage,  aus  den  viel- 
fachsten Beiträgen  der  Einzelnen,  aus  zahllosen  kleinen  Quellen 
zusammengeflossen,  doch  im  ganzen  den  gleichen  Weg  ein- 
schlug und  ein  in  den  Hauptpunkten  zusammenstimmendes 
Christusbild  lieferte.  Was  der  Messias  sei,  was  er  wirken, 
wie  er  sich  der  Welt  darstellen,  durch  welche  Wunder  er 
verherrlicht  werden  sollte,  diess  war  schon  durch  die  jüdische 
Theologie  so  weit  festgestellt,  dass  sich  einerseits  aus  dieser 
Erwartung,  andererseits  aus  der  geschichtlichen  Erinnerung 
an  Jesu  Persönlichkeit,  Thaten  und  Schicksale,  in  der  christ- 
lichen Gemeinde  eine  Ueb erlief erung  bilden  konnte,  die  in 
ihren  einzelnen  Bestandtheilen  keine  gi'össeren  Abweichungen 
zeigt,  als  in  unsern  Evangelien  wirklich  vorliegen. 

So  fruchtbar  und  so  berechtigt  aber  diese  Erklärung  ohne 
Zweifel  in  vielen  Beziehungen  ist,  so  hat  sie  doch  zwei  wesent- 
liche Mängel,  welche  ihi*  Urheber  auch  in  der  Folge  als  solche 
anerkannt  hat.*)  Für's  jerste  nämlich  lässt  sich,  auch  wenn 
man  im  übrigen  die  Ergebnisse  der  straussischen  Kritik  zu- 
giebt ,  doch  nicht  verkennen ,  dass  nicht  der  ganze  Inhalt  un- 
serer evangelischen  Schiiften  auf  dem  von  ihr  eingeschlagenen 
Wege  zu  erklären  ist.  Aus  der  sagenhaften  Ueb  erlief  erung 
geschichtlicher  Thatsachen  und  aus  der  von  Strauss  angenom- 
menen mythischen  Dichtung,  mit  Einem  Wort :  aus  der  christ- 
lichen Volkssage,  lassen  sich  theils  nm*  die  gemeinsamen  Züge  in 
den  evangelischen  Berichten,  theils  nur  solche  Abweichungen 
erklären,  welche  als  zufällig  und  unwillkührlich  durch  alle 
diese  Berichte  sich  hindurchziehen,  ohne  eine  bestimmte  Ten- 


*)  M.  s.  hierüber  die  letzte  Abhandlung  dieser  Sammlung  und  meine 

Schrift:  „D.  F.  Strauss",  S.  90  f. 

20* 


historisclie  Sclmle.  309 

kommen  wir  nicht  über  die  wenigen  und  etwas  unbestimmten 
Vermuthungen  hinaus,  welche  sich  über  den  geschichtlichen 
Kern  der  evangelischen  Darstellungen  aus  der  Ueberzeugung 
Ton  der  Ungeschichtlichkeit  alles  übrigen  ergeben.  Nun  könnte 
man  freilich  glauben,  viel  weiter  lasse  sich  überhaupt  nicht 
kommen,  wenn  es  einmal  mit  der  Glaubwürdigkeit  der  evan- 
gelischen Berichte  so  stehe,  wie  Strauss  annimmt.  Aber  so 
schlechthin  wird  sich  diess  nicht  behaupten  lassen.  Gesetzt 
auch,  unmittelbar  aus  diesen  Berichten  liesse  sich  nicht  mein* 
abnehmen,  als  was  Strauss  in  seinem  ersten  Leben  Jesu  von 
ihnen  übrig  lässt:  dass  Jesus,  der  Sohn  Joseph's  und  Maria's, 
das  nahe  Gottesreich  und  sich  selbst  als  den  Stifter  desselben, 
den  Messias  ankündigte;  dass  seine  Reden  und  seine  Persön- 
lichkeit ihm  eine  Parthei  von  begeisterten  Anhängern  gewan- 
nen; dass  einzelne  Züge  seiner  Wirksamkeit  schon  auf  seine 
Zeitgenossen  den  Eindruck  des  Wunderbaren  machten;  dass 
«r  die  herrschende  Parthei  der  Pharisäer  auf's  entschiedenste 
angriff,  ihren  bitteren  Hass  auf  sich  lud  und  auf  ihren  Betrieb 
gekreuzigt  wurde;  dass  endlich  längere  oder  kürzere  Zeit 
nach  seinem  Tode  der  Glaube  an  seine  Auferstehung  und 
seine  Au&ahme  in  den  Himmel  sich  verbreitete  —  gesetzt 
auch,  die  Evangelien  selbst  führten  njcht  weiter,  so  verlohnte 
^s  sich  doch  immer  noch,  zu  untersuchen,  ob  wir  uns  nicht 
auf  einem  anderen  Wege  noch  eine  genauere  Vorstellung  über 
den  Stifter  des  Christenthums  und  sein  Werk  verschaffen 
können.  Sind  unsere  Evangelien  nicht  einfache  historische 
Berichte,  hat  vielmehr  das  religiöse  Interesse  und  die  dogma- 
tische Reflexion  einen  wesentlichen  Antheil  an  ihrer  Ent- 
stehung, so  sind  sie  nur  um  so  gewisser  Urkunden  des  Gei- 
stes, welcher  in  der  ältesten  Kirche  lebte,  und  der  verschie- 
denen in  ihr  vorhandenen  Ansichten  und  Interessen.  Ueber 
die  gleichen  Gegenstände  besitzen  wir  aber  auch  noch  an- 
dere, theüweise  sogar  noch  ältere  und  unmittelbarere  Zeug- 
nisse in  den  übrigen  neutestamentlichen  Schriften,  in  den  An- 
gaben der  kirchlichen  Schriftsteller,  in  den  ausserkanonischen 
Ueberresten   der   ältesten  christlichen  Literatur.     Versuchen 


historische  Schule.  311 

Männer  immer  der  Unterschied,  dass  dem  einen  die  kritische 
Bestreitung  des  überlieferten  nur  ein  Mittel  für  die  Herstel- 
lung des  geschichtlichen  Thatbestands,  dem  andern  das  posi- 
tive in  seiner  Geschichtsansicht  nur  der  Niederschlag  und  fast 
ein  Nebenprodukt  seiner  kritischen  Analysen  ist. 

Dieses  ihr  Verhältniss  kommt  auf  bezeichnende  Weise 
schon  in  ihrem  beiderseitigen  Ausgangspunkt  an  den  Tag. 
Strauss  wendet  sich  mit  seiner  Kritik  sofort  gegen  die 
Schriften,  in  welchen  ihn  das  wunderbare  und  unwahrschein- 
liche am  meisten  stört,  theils  weil  es  hier  am  meisten  gehäuft 
ist,  theils  weil  es  den  Mittelpunkt  der  christlichen  Religion, 
die  Person  und  Geschichte  Christi  selbst  trifft;  Baur  sucht 
vor  allem  eine  haltbare  Unterlage  für  weitere  geschichtliche 
Gombinationen  zu  gewinnen,  er  hält  sich  daher  mit  Vorliebe 
an  diejenigen  Bücher  der  neutestamentlichen  Sammlung,  welche 
sich  als  die  unmittelbarsten  und  ältesten  Urkunden  aus  der 
urchristlichen  Zeit  für  diesen  Zweck  vorzugsweise  eignen,  an 
die  ächten  paulinischen  Briefe.  Indem  er  zunächst  in  ihnen 
festen  Fuss  fasste,  kam  er  zu  der  Ueberzeugung,  dass  man 
sich  von  dem  apostolischen  Zeitalter  fast  allgemein  ein  falsches 
Bild  mache,  dass  dasselbe  nicht  jene  goldene  Zeit  einer  unge- 
störten Harmonie  gewesen  sein  könne,  für  die  man  es  gewöhn- 
lich ausgiebt;  er  glaubte  vielmehr  in  den  eigenen  Aussagen 
des  Paulus  die  Beweise  tiefgehender  Gegensätze  und  Ifebhafter 
Kämpfe  zu  entdecken,  welche  er  mit  der  judenchristlichen 
Parthei,  und  auch  mit  den  älteren  Aposteln  selbst,  zu  beste- 
hen hatte;  und  indem  er  hiemit  alle  weiteren  Nachrichten 
über  diese  Parthei,  ihr  Verhältniss  zum  Paulinismus,  ihre 
Dauer  und  ihren  Einfluss  verknüpfte,  indem  er  in  den  soge- 
nannten Ebjoniten  nur  denselben  Judaismus  wiedererkannte, 
mit  dem  schon  Paulus  zu  kämpfen  hatte,  und  demgemäss  die 
in  der  pseudoclementinischen  Literatui*  erhaltenen  ebjonitischen 
Schriften  zu  Rückschlüssen  auf  die  ältere  Zeit  benützte,  fand  er 
schon  vor  Strauss'  Auftreten  die  Grundlagen,  auf  denen  er 
später  seine  weitgreifenden  historischen  Gombinationen  auf- 
baute.   Und  bereits  war  ihm  auch  von  hier  aus  die  Darstel- 


■en  Wun- 
er, durch 
jenen  Er- 
Jileierung 
jte  Schü- 
hrend  er 
8  und  in 


3  Römer, 
gen  blieb 

noch  im 
ag,  nach 
le  Frage, 
ben  Evan' 
let  hatte. 
)n.  Bald 
er  Untev- 
*  paulini- 
hluss  ge- 
i-Echungen 

der  drei 
tUung  der 
\.n  diesen 

mehi-ere 
",  welche 
1842  be- 
ult Baur, 
neutesta- 
gen  aber  ■ 
ieitschrift, 
kritischen 
irifl  über 


historische  Schule.  813 

die  Apostelgeschichte  ist  aus  Abhandlungen  in  den  Jahr- 
büchern hervorgegangen.  InSchwegler's  „Nachapostolischem 
Zeitalter''  (1846  f.)  machte  ein  höchst  talentvoller  Anhänger 
der  bäurischen  Schule  den  Versuch,  ihre  Annahmen,  den 
Lehrer  damals  noch  in  manchem  ergänzend  oder  ihm  voran- 
eilend, zu  einem  grossen  Geschichtsbild  zu  verknüpfen,  wel- 
ches zwar  im  einzelnen  manche  Lücken  und  Blossen  darbot, 
in  seinen  Grundzügen  aber  mit  eben  so  viel  Geist  als  Einsicht 
entworfen,  und  dabei  in  der  lichtvollsten  Darstellung  klar  und 
kräftig  ausgeführt  ist.  Eöstlin's  gelehrte  und  scharfsinnige 
Arbeiten,  Planck's  anregende  Aufsätze,  Hilgenfeld's  und 
Volkmar's  fruchtbare  kritische  Thätigkeit  können  hier  nur 
berührt  werden;  was  in  der  Folge  durch  Gelehrte,  wie  Lip- 
sius,  Keim,  Holtzmann,  Holsten,  Hausrath  u.  a., 
bald  in  näherem,  bald  in  entfernterem  Zusammenhang  mit 
Baur's  Forschungen  auf  diesem  Gebiete  geleistet  worden  ist, 
liegt  ohnedem  jenseits  der  Grenzen  der  gegenwärtigen  Dar- 
stellung ;  A.  R  i  t  s  c  h  1 ,  früher  ein  eifriger  Anhänger  der  tübin- 
ger  Kritik,  ist  in  der  Folge  ihr  gewandtester  Gegner  gewor- 
den, ohne  dass  er  darum  ihr  Schüler  zu  sein  aufgehört  hätte. 
Auch  die  übrigen  ebengenannten  stimmen  allerdings  in  ihren 
Ergebnissen  gar  nicht  immer  mit  Baur  überein,  imd  diese 
Abweichungen  sind  mitunter  über  Gebühr  betont  worden ;  dass 
aber  ihre  Untersuchungen  im  wesentlichen  auf  dem  Boden  der 
bäurischen  Geschichtsansicht  erwachsen  sind,  lässt  sich  nicht 
verkennen. 

Wollen  wir  nun  diese  Ansicht  zunächst  im  allgemeinen 
nach  ihren  leitenden  Gesichtspunkten  kennen  lernen,  so  ist 
ihre  erste  Anforderung  dieselbe  geschichtliche  Voraussetzungs- 
losigkeit,  welche  wii*  schon  bei  Strauss  getroffen  haben.  Die 
Behauptung,  dass  für  die  heilige  Geschichte  andere  Gesetze, 
und  mithin  auch  für  die  Erfoi-schung  dieser  Geschichte  andere 
Grundsätze  gelten,  als  für  alles  sonstige  Geschehen  und  seine 
wissenschaftliche  Ermittlung  —  diese  Behauptung  kann  Baur 
so  wenig,  wie  Strauss,  gutheissen.  „Das  Christenthum",  sagt 
er  (Tüb.  Schule  S.  13  f.),  „ist  einmal  eine  geschichtliche  Er- 


historische  ScKule.  315 

Standpunkt  zu  stellen?"  Das  Wunder  und  die  geschichtliche 
Betrachtung  der  Dinge  schliessen  sich  aus,  wer  diese  will, 
kann  jenes  nicht  zugeben  —  in  dieser  üeberzeugung  ist  Baur 
mit  Strauss  vollkommen  einverstanden.  Was  die  beiden  Kri- 
tiker unterscheidet,  ist  nur  das  oben  berührte,  dass  der  eine 
weit  bestimmter,  als  der  andere,  auf  eine  positive  Anschauung 
von  der  Entstehung  des  Christenthums  und  seiner  ältesten 
Schriftwerke  ausgeht.  Beide  nehmen  an,  dass  unsere  neute- 
stamentlichen  Geschichtsbücher  manches  erzählen,  was  entwe- 
der gar  nicht  oder  doch  nicht  in  dieser  Weise  geschehen  sei, 
dass  sich  aus  ihren  Erzählungen,  so  wie  sie  vorliegen,  kein 
geschichtlich  treues  Bild  von  der  Entstehung  und  der  frühe- 
sten Entwicklung  des  Christenthums  gewinnen  lasse.  Wie 
sollen  wir  es  aber  dann  gewinnen?  Aus  denselben  Schriften, 
antwortet  Baur,  in  Verbindung  mit  den  übrigen  neutestament- 
lichen  und  kirchlichen  Schriftwerken,  nur  durch  ein  anderes 
Verfahren.  Einestheils  nämlich  enthalten  dieselben,  so  weit 
sie  erzählender  Art  sind,  neben  dem  unglaublichen  und  un- 
wahrscheinlichen doch  immer  einen  sehr  bedeutenden  Kern 
geschichtlicher  Ueberlieferung,  den  wir  auszusondern  hoffen 
dürfen,  sobald  wir  bestimmte  Richtpunkte  hiefür  gefunden 
haben;  andemtheils  lassen  sie  alle  ohne  Ausnahme,  wenn  sie 
auch  als  mittelbare  Zeugnisse  über  die  Geschichte  ihrer  Vor- 
zeit nur  theilweise  und  nur  mit  Vorsiebt  zu  gebrauchen  sind, 
sich  als  unmittelbare  Urkunden  für  die  Kenntniss  der  Zeit 
verwenden,  welcher  sie  selbst  ihre  Entstehung  verdanken. 
Selbst  die  erzählenden  unter  diesen  Schriften  wollen  ja  nicht 
blosse  Geschichtsbücher  sein,  sondern  sie  haben  einen  bestimm- 
ten religiösen  Zweck:  sie  wollen  belehren,  erbauen,  auf  die 
christliche  Gemeinde  einwirken.  Bei  den  neutestamentlichen 
Briefen  ohnedem  und  der  Offenbarung  des  Johannes  liegt  diese 
Absicht  am  Tage.  Hieraus  folgt  von  selbst,  dass  sich  in  ihnen 
der  religiöse  Standpunkt  der  Verfasser  und  der  Kreise,  denen 
sie  angehörten,  ebendamit  auch  ihre  Partheistellung,  ihr  Ver- 
hältniss  zu  den  praktischen  und  dogmatischen  Fragen  ihrer 
Zeit,  ihre  Wünsche  für   die  Zukunft,  ihre  Ansicht  von  den 


zugefilhrt  werden  müsse, 
ageier  Bestimmtheit,  bald 
isprechea  wird;  dass  sich 
lervorgiengen,  die  Verhält- 
sie einwirken  wollten,  in 
puren  will  nun  Baur  nach- 
fassungszeit  der  neutesta- 
lem  EntscheiduDg^rQnden 
Charakter  und  ihrer  Ten- 
uch  aus  derselben  Quelle 
ie  kirchlichen  Verhältnisse 
las  gleiche  Verfahren  will 
ihriftwerke,  bis  gegen  das 
rab,  anwenden,  denn  als 
I  beide  sich  gleich,  und 
3  Sammlung  au%eDOtamen 
t)eweist  diess  nur,  dass  die 
jten,  als  jeue,  nicht,  dass 
ingere  Bedeutung  hatten, 
men  Zeiten  und  Partheien 
isigsten  Masstab  fUr  die 
aber  die  älteste  Kirche, 
atlichen  Geschichtsbüchern 
Ind;  und  indem  er  nun  die 
nen  unmittelbaren  Spuren 
einer  umfassenden  Combi- 
I  von  Späteren  übermalte 
i  ihrer  Entwicklung,  und 
seiner  ursprünglichen  Gre- 
nach  wiederherzustellen. 
ise  Arbeit  erkennt  er  aber 
ckung  seine  kritische  Lauf- 
Verfölge  mehr  und  mehr 
«hon  die  Apostel  und  das 
rensatz  des  Judaismus  und 
jchen  und  einer  universa- 


historische  Schule.  317 

listischen,  einer  alttestamentlich  gesetzlichen  und  einer  freieren 
Auffassung  des  Christenthums  getheilt  waren;  dass  dieser  Ge- 
gensatz nur  allmählich,  unter  mancherlei  Kämpfen  und  Ver- 
mittlungen, sich  ausgeglichen,  dass  er  erst  in  der  zweiten 
Hälfte  des  zweiten  Jahrhunderts  in  der  „katholischen"  Kirche 
und  ihrer  Dogmatik  seine  Endschaft  erreicht  hat.  In  jenem 
tiefeingreifenden  Gegensatz  sieht  Baur  die  treibende  Kraft, 
von  welcher  die  Entwicklung  der  Kirche  mehr  als  ein  Jahr- 
hundert lang  ausgieng ;  durch  die  Stellung,  welche  sie  zu  dem- 
selben einnahmen,  bestimmte  sich,  ihm  zufolge,  der  dogma- 
tische Charakter  der  Einzelnen  und  der  Partheien;  die  Denk- 
male des  Kampfes  und  der  Vermittlungen,  durch  die  er  been- 
digt wurde,  haben  wir  noch  in  ausserkanonischen  und  neute- 
stamentlichen  Schriften :  jedes  Stadium  des  Weges,  welchen  die 
Kirche  in  ihrer  Entwicklung  zurücklegte,  ist  durch  Schrift- 
werke bezeichnet,  von  denen  ein  Theil,  mit  den  Namen  von 
Aposteln  oder  Apostelschülem  meist  mit  Unrecht  geschmückt, 
in  der  Folge  als  neutestamentliche  Sammlung  dem  heiligen 
Codex  der  Juden  zur  Seite  gestellt  wui-de.  Auch  auf  den 
Stifter  des  Christenthums  wird  erst  von  dieser  späteren  Ent- 
wicklung aus  das  volle  geschichtliche  Licht  zurückfallen;  nur 
eine  solche  Vorstellung  über  ihn  wird  richtig  sein  können^ 
durch  welche  die  späteren  Zustände  seiner  Gemeinde  nicht  zum 
unerklärbaren  Räthsel  gemacht  werden,  und  die  Grundfrage 
für  alle  geschichtlichen  Untersuchungen  über  die  Person  und 
Lehre  Jesu  ist  die  Frage:  was  er  gewesen  und  yne  er  aufge- 
treten sein  muss,  wenn  einerseits  die  judaistische  Beschränkt- 
heit seiner  unmittelbaren  Schüler,  und  andererseits  die  unend- 
liche Entwicklungsfähigkeit,  die  weltbewegende  Kraft  seine* 
Werkes  möglich  sein  sollte. 

Ehe  ich  aber  Baur's  Ansichten  hierüber  weiter  in's  ein- 
zelne verfolge,  wird  es  gut  sein,  einige  Fragen  zu  beantworten,, 
welche  vielleicht  dem  einen  oder  dem  anderen  von  unseren 
Lesern  schon  seit  längerer  Zeit  auf  der  Zunge  liegen.  Dahin 
kann  ich  nun  zwar  die  Frage  nicht  rechnen,  welche  uns  von 
supranaturalistischer  Seite  so  oft  entgegengetreten  ist,   wa& 


historische  Schule.  319 

Zeugungen  entspricht;  ob  sie  dagegen  an  sich  wahr  ist,  lässt 
sich  nicht  nach  Gefühlen,  sondern  nur  nach  Gründen  be- 
stimmen. Geschichtliche  Fragen  nach  der  Wahrheit  einer  Er- 
zählung oder  dem  Verfasser  einer  Schrift  statt  der  äusseren 
Zeugnisse  und  der  inneren  Anzeichen  aus  dem  Gefühl  ent- 
scheiden zu  wollen,  ist  so  widersinnig,  dass  man  die  Sache  nur 
zu  nennen  braucht,  um  ihre  Unmöglichkeit  klar  zu  machen. 

Doch  hierüber  wird  jeder  Einsichtige  mit  uns  einverstan- 
den sein.    Aber  auch  ganz  abgesehen  von  den  supranaturali- 
stischen Vorstellungen  über  die  biblischen  Schriften  könnte  es 
scheinen,  die  Kritik  müsse  nothwendig  zu  weit  gehen,  wenn  sie 
von  einer  Sammlung,  welche  seit  mehr  als  1500  Jahren  allge- 
mein anerkannt  ist,  die  meisten  Stücke  ihren  angeblichen  Ver- 
fassern abspricht;  wenn  sie  Schriften,  die  bis  auf  die  neueste 
Zeit  für  apostolisch  gegolten  haben,  in  die  Mitte  des  zweiten 
Jahrhunderts  herabrückt;  wenn  sie  den  Verfassern  der  bibli- 
schen Bücher,  diesen  frommen  und  redlichen  Männern,  zutraut, 
dass  sie  Thatsachen  und  Reden  erdichtet,  den  eigenen  Werken 
die  Namen  von  Aposteln  und  Apostelschülern  fälschlich  vor- 
gesetzt haben;  wenn  sie  über  den  Stifter  des  Christenthums 
und  seine  nächsten  Nachfolger  schon  so  bald  nach  ihrer  eige- 
nen Zeit  diese  Masse  von  ungeschichtlichen  Angaben  verbreitet 
und   geglaubt,  wenn  sie  gleichzeitig  so   viele  unterschobene 
Schriften  von  der  Kirche  angenommen  werden  lässt;  wenn  sie 
den  Aposteln  Uneinigkeit  und  Zwiespalt  über  die  wichtigsten 
Lebensfragen  des  Christenthums,  der  ältesten  Christengemeinde 
eine  für  uns  ganz  unbegreifliche  Befangenheit  im  Judenthum 
Schuld  giebt ;  wenn  sie  dem  Johannesevangelium,  diesem  Lieb- 
lingsbuch der  modernen  Frömmigkeit,  mit  seiner  Aechtheit  fast 
alle  geschichtliche  Glaubwürdigkeit  abspricht,  um  dafür  in  der 
Offenbarung,  vor  deren  veralteten  Anschauungen  die  Bildung 
unserer  Tage  das  Kreuz  schlägt,  ein  achtes  Werk  des  Apostels, 
die  zuverlässigste  Urkunde  des  vorpaulinischen  Christenthums, 
das  einzige,  was  von  einem  persönlichen  Schüler  Jesu  übrig 
ist,  zu  erkennen.    Dieser  Schein  hat  für  solche,   welche  der 


historische  Schule.  321 

siebzehnhundert,  welche  seitdem  verflossen  sind.  Wie  steht  es 
nun  aber  in  dieser  Beziehung?  Sind  für  die  Aechtheit  der 
neutestamentlichen  Schi-iften  —  wir  wollen  nicht  sagen  von 
Zeitgenossen,  sind  auch  nur  von  solchen,  die  in  der  ersten 
und  zweiten  Generation  nach  ihren  angeblichen  Verfassern  ge- 
lebt haben,  Zeugnisse  daJFlir  aufzuweisen?  Von  ausdrücklichen 
und  unmittelbai-en  Zeugnissen,  so  viel  uns  bekannt  ist,  nicht 
ein  einziges,  von  mittelbaren,  die  erst  auf  einem  Umweg,  durch 
allerlei  Schlüsse  und  Vermuthungen  gewonnen  werden,  nur 
wenige.  Wir  hören  durch  Papias,  einen  Schüler  des  Apostels 
Johannes,  von  einer  Sammlung  von  Aussprüchen  Christi,  die 
der  Apostel  Matthäus  in  ebräischer  Sprache  verfasst  habe; 
aber  diese  ebräische  Spmchsammlung  kann  weder  unser 
griechisches  Matthäusevangelium,  noch  kann  dieses  nur  eine 
Uebersetzung  von  jener  sein;  unser  Evangelium  lässt  sich 
mittelst  der  äusseren  Zeugnisse,  und  abgesehen  von  der  Unter- 
suchung über  sein  Verhältniss  zu  Markus,  und  Lukas,  nicht 
vor  Justin  dem  Märtyrer  (um  150  n.  Chr.)  nachweisen.  Der- 
selbe Papias  weiss  von  evangelischen  Denkwürdigkeiten,  welche 
Markus  nach  den  Vorträgen  des  Petms  aufgezeichnet  haben 
soll ;  aber  seine  Beschreibung  derselben  passt  nicht  auf  unsem 
Markus;  diesen  scheint  nicht  einmal  Justin  in  Händen  gehabt 
zu  haben.  Dagegen  ist  unser  drittes  Evangelium  allerdings 
von  Justin  und  gleichzeitig  von  dem  Gnostiker  Marcion  ge- 
braucht worden;  aber  wie  alt  es  damals  schon  war,  wissen 
wir  nicht;  von  der  Apostelgeschichte  vollends  findet  sich  die 
erste  Spur  um's  Jahr  170  n.  Chr.  Nicht  früher  haben  wir 
sichere  Kunde  von  dem  Dasein  des  vierten  Evangeliums  und 
der  Johanneischen  Briefe,  während  noch  von  Papias  und  Justin 
nicht  allein  ihre  Bekanntschaft  mit  diesen  Schriften  nicht  zu 
erweisen,  sondern  ihre  Unbekanntschaft  mit  denselben  höchst 
wahrscheinlich  ist,  und  alle  Mühe,  die  man  sich  auch  neuestens 
wieder  gegeben  hat,  dieses  Ergebniss  umzustossen,  löst  sich 
vor  einer  genauen  Untersuchung  des  wirklichen  Sachverhalts 
in  nichts  auf.  Dagegen  nennt  Justin  die  Offenbarung,  deren 
Abfassungszeit  (68  n.  Chr.)  sich  ohnedem  aus  ihr  selbst  mit 

Zeller,  Vorträge  und  Abhandl.  2] 


ein  Wei'k  des  Apostels  Jo- 
irung  köimen  wir  in  einzelnen 

zweiten  Jahrhunderts  hinauf 
zbea  Briefe  fehlt  es  vor  Mar- 
Ucklichen  Zeugnissen,  die  an 
r  dieser  Gnostiker  nicht  in 
3hrere  derselben  schonten 
jusbriefes,  der  beiden  petri- 
:hte,  der  dem  BamabaB  und 
ireiben  bekannt  waren,  lässt 
mg  dieser  Schriften  darthun. 
en  Briefe  betrifft,  so  mag  m 
lass  ftlr  keinen  derselben  ein 
lähmen  der  „tübinger"  Kritik 
fassungszeit  widerlegte. 

dass  eine  derartige  Ueber- 
dem  Alter  imd  der  XJrkund- 
B  sie  haben  mUsste,  um  die 
s  sich  handelt,  wiiklich  sicher 

angeblichen  Verfasser  einer 
ng  ein  Zeitraum  von  vierzig, 
ndert  J^ren  liegt,  dann  ist, 
ffend,  fOi-  eine  Zeit,  welche 
ehrte,  die  weiteste  Möglieh- 
ir  wissen  ja  nicht  im  gering- 
D  Schriftstellern  eine  Kunde 
ikam,  die  sie  als  "Werke  von 
lützten.  Es  ist  möglich,  dass 
ten  gehabt  haben;  es  ist  aber 
T  unsicheren  Meinung  gefolgt 
der  Verfasser,  welche  sie  in 
ler  Schrift  beigefügt  fanden, 
rie  ja  auch  von  uns  weit  die 
Liitik  nicht  geUbt  sind,  es  zu 
1  auf  dem  Titel  geben  aber 
imen    nur  eine  sehr  geringe 


■v. 


historisclie  Schale.  323 

Gewähr  für  die  AecMheit  eines  Buchs,  da  eben  alles  darauf 
ankommt,  ob  sie  wahr  sind :  ob  nicht  der  Verfasser  sein  Werk 
einem  anderen  unterschoben,  oder  ein  dritter  nach  unsicherer 
Kunde,  vielleicht  nach  blosser  Vermuthung,  den  Namen  des 
Verfassers  seiner  Handschrift  beigefügt  hat ;  oder  ob  nicht  um- 
gekehrt eine  Schrift,  welche  diesen  Namen  ursprünglich  mit 
Recht  trug,  in  der  Folge  überarbeitet,  ausgezogen,  durch  Zu- 
sätze bereichert,  vielleicht  zu  etwas  ganz  anderem  gemacht 
worden  ist,  ohne  ihn  zu  verlieren  —  ein  Fall,  welcher  in  der 
alten  Literatur  oft  genug  vorkommt,  und  vor  der  Erfindung 
der  Buchdruckerkunst  ungleich  leichter,  als  jetzt,  möglich  war. 
So  lange  daher  unsere  Zeugnisse  für  eine  Schrift  nicht  zu  ihrer 
angeblichen  Abfassungszeit  selbst  hinaufreichen,  sondern  sich 
ihr  nur  bis  auf  die  Entfernung  von  einem  oder  einigen  Men- 
schenaltern annähern  (wie  diess  bei  den  neutestamentlichen 
Schriften  ohne  Ausnahme  der  Fall  ist),  haben  dieselben  die 
bedenklichste  Lücke,  und  sind  für  sich  genommen  nicht  im 
Stande,  den  Zweifeln  der  inneren  Kiitik  eine  haltbare  Schranke 
entgegenzusetzen. 

Diese  Lücke  füllt  man  nun  gewöhnlich  kurzer  Hand  mit 
dem  guten  Glauben  an  die  Kirche  und  die  Zuverlässigkeit  der 
kirchlichen  Tradition  aus.  „Wie  lässt  es  sich  denken,  fragt 
man,  dass  die  Kirche,  dass  auch  die  hervoiTagendsten  Männer 
in  derselben  unsere  neutestamentlichen  Schriften  so  einstimmig 
angenommen  hätten,  wenn  sie  sich  nicht  von  ihrem  Ursprung 
und  ihrer  Glaubwürdigkeit  aufs  vollständigste  überzeugt  hatten? 
Handelte  es  sich  doch  für  sie  nicht  um  kleines,  stand 
doch  die  treue  Ueberlieferung  der  Geschichte  und  der  Lehr- 
reden ihres  Stifters,  der  unverfälschte  Besitz  der  apostolischen 
Schriften,  mit  Einem  Wort  die  ganze  Lehre  der  Kirche  und 
die  geschichtliche  Grundlage  dieser  Lehi-e  hier  in  Frage." 
Aber  ftlr's  erste  ist  die  Anerkennung  unserer  kanonischen 
Schriften  in  der  ersten  Zeit  gar  nicht  so  einstimmig  erfolgt, 
wie  man  sich  wohl  vorstellt.  Wir  wissen,  dass  neben  unsem 
Evangelien  und  statt  derselben  längere  Zeit  manche  weitere 

im  Gebrauch  waren,   die  von  jenen  oft  sehr  bedeutend  ab- 

21* 


historische  Schule.  325 

überhaupt  ein  dogmatisches  oder  praktisches  Interesse  an  die 
Annahme  oder  die  Verwerfung  einer  Ueberlieferung  geknüpft 
ist,  wird  immer  und  nothwendig  das  geschichtliche  Interesse 
ihrer  strengen  und  vorurtheilslosen  Prüfung,  die  Unbefangen- 
heit des  kritischen  Verfahrens  gefährdet.  Je  grösser  die  dog- 
matische und  religiöse  Bedeutung  der  neutestamentlichen 
Schriften,  je  lebendiger  in  der  Kirche  das  religiöse  und  theo- 
logische Interesse  war,  je  ausschliesslicher  alle  Partheien  in 
ihr  ohne  Ausnahme,  die  Orthodoxen  wie  die  Häretiker,  die 
Gnostiker  wie  die  Ebjoniten,  von  demselben  beherrscht  wur- 
den, um  so  unwahrscheinlicher  ist  es,  dass  sie  die  Schriften, 
welche  ihnen  als  apostolische  geboten  wurden,  mit  kritischem 
Auge  betrachtet ,  dass  sie  Ursprung  und  Inhalt  derselben 
wissenschaftlich  untersucht,  dass  sie  die  Ueberlieferung  vorur- 
theilsfi'ei  geprüft,  Gründe  und  Gegengründe  in  der  kühlen 
skeptischen  Weise  des  Geschichtsforschers,  für  kein  Ergebniss 
zum  voraus  entschieden,  abgewogen  haben  sollten.  Sondern 
es  lässt  sich  unbedingt  erwarten,  dass  ihr  Urtheil  ganz  und 
gar  durch  dogmatische  Gründe  bestimmt  wurde,  dass  jede 
Parthei  die  Schriften  als  apostolisch  annahm,  welche  mit  ihren 
Voraussetzungen  und  Tendenzen  übereinstimmten,  die  ihnen 
widerstrebenden  verwarf;  und  dass  ebenso  später  die  Majori- 
tät, welche  sich  zur  katholischen  Kirche  zusammenfasste,  unter 
den  als  apostolisch  überlieferten  Schriften  nur  denjenigen  ihre 
Anerkennung  zollte,  in  welchen  das  religiöse  Bewusstsein  dieser 
späteren  Zeit  sich  am  reinsten  und  vollständigsten  wiederer- 
kannte. Diess  konnten  aber  möglicherweise  ganz  andere  sein, 
als  die  von  der  werdenden  Kirche  zuerst  hervorgebrachten,  da 
in  diesen  wohl  manche  Anschauungen  vorkamen,  welche  den 
Späteren  auf  ihrem  Standpunkt  unverständlich  und  fremdartig 
geworden  waren,  und  manches  fehlte,  was  erst  in  der  Folge 
in  die  kirchliche  Ueberzeugung  aufgenommen  worden  war, 
jetzt  aber  die  grösste  Bedeutung  für  sie  erhalten  hatte.  Dass 
daher  die  Kirche  wegen  der  religiösen  Wichtigkeit  unserer 
neutestamentlichen  Schriften  ihren  Ursprung  gi-ündlich  unter- 
sucht, dass  sie  aus  diesem  Grunde  nichts  unächtem  den  Zu- 


werde,  diess  ist  nicht 
auch  eise  höchst  un- 

übersehen,  dass  es  für 
■chenlehrer,  deren  Ur- 
I  leicht  war,  sich  von 
idlicher  Sicherheit  zu 
it  sind  trotz  aller  der 
1  Bildung,  welche  sie 
che  und  unabsichtliche 
ten  Art  vorgekommen. 

Offenbarung  in  ihrer 
n  Kant  zi^eschrieben, 
venu  der  Zustand  der 
Jahren.  In  die  Samm- 
landlung  von  Schelling 
Von  mehreren  sha- 
erschaft  streitig.  Die 
lea  Sibylla  von  Brieg 
ihalten  und  in  dieser 
Bhtschreibem  benützt 
IS  d.  G-r.  haben  bis  in 
ichichtsquelle  gegolten; 

royäles  Hess  sich  die 
1  wieder  als  acht  auf- 
jen,  durch  welche  der 

sind  von  ihm  selbst, 
;,  gar  nicht,  von  der 
deckt,  das  „Buch  der 
ranzösischen  Begierung 
iriefwechsel  Marie  An- 
rfte  es  langer  Verhand- 
ligsbild"  (Elxdiv  ßaai- 
tung  Earl's  I.  diesem 
ton's  sofortiger  Wider- 
Zweifel an  der  Aecht- 


historische  Schule.  327 

heit  dieser  Denkschrift  des  königlichen  „Märtyrers**  verstummte; 
als  sich  50  Jahre  später  Toland  für  Milton  erklärte,  wurde 
ihm  diess  in  England  kaum  weniger  übelgenommen,  als  seine 
Angriffe  auf  den  neutestamentlichen  Kanon.  Bald  nach  dem 
unglücklichen  Ende  des  Nikodemus  Frischlin  erschien  unter 
seinem  Namen  ein  Gedicht,  „vom  grossen  Christofifel** ,  dessen 
Aechtheit  bis  auf  die  neueste  Zeit  nicht  bestritten  wurde; 
selbst  Strauss  hatte  in  seiner  Biographie  Frischlin's  die  Zweifel, 
welche  ihm  aufetiegen,  um  der  starken  äusseren  Bezeugung 
willen  unterdrückt.  Jetzt  ist  nachgewiesen,  dass  ein  anderer 
der  Verfasser  war,  Frischlin  es  nur  herausgegeben  und  viel- 
leicht da  und  dort  überarbeitet  hat.*)  Wenn  in  diesen  und 
in  so  manchen  anderen  Fällen  die  Täuschung  entdeckt  wurde, 
so  haben  wir  diess  nicht  allein  der  ungleich  entwickelteren 
Kritik,  sondern  auch  den  günstigeren  Verhältnissen  der  Neu- 
zeit zuzuschreiben.  Der  altchristlichen  Welt  fehlte  nicht  blos 
jene,  sondern  auch  diese. 

Die  Kirche  jener  Zeit  war  ja  keineswegs,  wie  man  sich 
die. Sache  oft  nebelhaft  genug  vorstellt,  eine  so  festgeschlossene 
Einheit,  dass  man  von  dem,  was  in  einem  Theile  derselben 
vorgieng,  sofort  in  jedem  andern  sichere  Kunde  hätte  haben 
müssen.  Es  gab  auch  für  den  allgemeinen  literarischen  Ver- 
kehr nichts,  was  unsere  Zeitschriften  und  Messkataloge  und 
ähnUche  Hülfsmittel  unserer  Tage  hätte  ersetzen  können.  Für 
uns  ist  es  freilich  in  den  meisten  Fällen  ein  leichtes,  über  den 
Ursprung  eines  Buchs  in's  reine  zu  kommen.  Aber  wenn 
z.  B.  in  Rom  eine  Schrift  in  Umlauf  gesetzt  wurde,  die  ein 
halbes  Jahrhundert  vorher  von  einem  Apostel  im  fernen  Osten 
verfas3t  sein  sollte,  oder  wenn  in  Alexandrien  ein  Brief  auf- 
tauchte, den  ein  solcher  angeblich  nach  Kreta  oder  Kleinasien 
gerichtet  hatte,  wer  hatte  die  Mittel,  um  die  Richtigkeit 
dieser  Angaben  sicher  zu  stellen?  Man  hätte  in  die  betreffen- 
den Gemeinden  selbst  reisen,  man  hätte  genaue  Nachforschungen 
an  Ort  und  Stelle   vornehmen  müssen ,   welche  dann  wahr- 


*)  Das  nähere  bei  Strauss  Leben  Jesu  f.  d.  d.  V.  42  f. 


historische  Schule.  329 

testen  Philosophen  Ansichten  aussprechen  zu  lassen,  sdie  ihrer 
wirkliehen  Meinung  schnurstracks  zuwiderlaufen  —  diese  und 
ähnliche  Dinge  sind  gerade  in  den  letzten  vorchristlichen  und 
den  ersten  christlichen  Jahrhunderten  ganz  gewöhnlich,  und 
wie  plump  auch  dabei  oft  der  Betrug,  wie  grell  die  Verletzung 
aller  geschichtlichen  Möglichkeit  ist,  so  ist  es  doch  immer  nur 
ein  Ausnahmsfall,  wenn  die  Täuschung  von  den  Betheiligten 
bemerkt  wird.  Um  nur  Ein  Beispiel  aus  einem  Kreise  anzu- 
führen, welcher  der  christlichen  Kirche  nahe  genug  steht: 
aus  der  pythagoreischen  Schule  kennen  wir  (wie  schon 
S.  52  f.  bemerkt  wurde)  mehr  als  achtzig  Schriften,  die 
sämmtlich  von  Pythagoras  oder  von  Pythagoreem  der  alten 
Zeit  herrühren  wollen;  aber  wenn  wir  zwei  oder  drei  ausneh- 
men, kann  es  bei  allen  übrigen  nicht  dem  mindesten  Zweifel 
unterliegen,  dass  sie  erst  seit  dem  letzten  Jahrhundert  vor 
Christus  von  Neupythagoreerü  verfasst  worden  sind,  um  auf 
diesem  Wege  platonische,  aristotelische,  stoische  Sätze  oder 
auch  eigene  Erfindungen  als  altpythagoreisch  an  den  Mann  zu 
bringen.  Und  diess  geschah  grösstentheils  wohl  in  eben  dem 
Alexandrien,  welches  der  Hauptsitz  der  literarischen  Kritik  in 
der  alten  Welt  ist,  und  die  Zeitgenossen  hatten  so  gar  kein 
Auge  für  den  wahren  Sachverhalt,  dass  die  gelehrtesten  Ken- 
ner der  alten  Philosophie  in  jener. Zeit  Schriften,  welche  für 
uns  den  Stempel  der  Fälschung  an  der  Stirne  tragen,  ganz 
unbefangen  als  acht  anführen  und  gebrauchen !  Wenn  es  bei 
den  Gelehrten  vom  Handwerk  so  aussah,  wie  lässt  sich  an- 
nehmen, dass  mehr  literarische  Kritik  bei  solchen  zu  Hause 
gewesen  sein  werde,  die  von  ganz  anderen  Interessen  beseelt 
waren,  einem  anderen  Bei-uf  und  anderen,  der  wissenschaft- 
lichen Kritik  weit  femer  stehenden  Bildungskreisen  an- 
gehörten ? 

Wie  es  in  Wahrheit  bei  den  alten  Kirchenlehrern  in 
dieser  Beziehung  bestellt  war,  diess  können  wir  schon  aus 
Einem  bezeichnenden  Zug  abnehmen:  aus  der  Leichtgläubig- 
keit, mit  der  eine  Menge  der  fabelhaftesten  Ueberlieferungen 
in  der  alten  Kirche  und  selbst  von  ihren  gefeiertsten  Lehrern 


V 


historische  Schule.  331 

unter  den  christlichen  Apologeten  ist  keiner,  der  nicht  die 
Sibylle  so  gläubig,  Wie  jeden  alttestamentlichen  Propheten,  zum 
Zeugen  aufriefe,  und  als  der  Christengegner  Celsus  diese  unter- 
schobenen Zeugnisse  zurückwies,  trat  ihm  Origenes  mit  der 
vollen  Ueberzeugung  von  ihrer  Berechtigung  entgegen.  — 
Ebensowenig  bezweifelt  Clemens  (Strom.  V,  599),  dass  Zoro- 
aster  einige  Zeit  nachdem  er  in  der  Schlacht  gefallen  war 
wieder  in's  Leben  zurückgekehrt,  und  dass  die  Schrift  acht 
sei,  worin  er  erzählte,  was  er  im  Todtenreich  gesehen  hatte. 
Für  uns  freilich  reicht  seine  eigene  Mittheilung  hin,  um  uns 
in  diesem  Buch  Zoroaster's  die  ungereimte  Nachahmung  eines 
bekannten  platonischen  Mythus  erkennen  zu  lassen.  —  Wie 
femer  griechische  Schriftsteller  im  Interesse  des  Judenthums 
von  Juden  gefälscht  wurden ,  so  erlaubten  sich  Christen  schon 
frühe  in  ihrem  Interesse  Fälschungen  in  der  griechischen 
Uebersetzung  des  alten  Testaments.  Der  Verfasser  des  Bar- 
nabasbriefes  und  Justin  der  Märtyrer,  einer  von  den  einfluss- 
reichsten Theologen  der  älteren  Kirche  und  der  wichtigste 
Zeuge  über  unsere  neutestamentlichen  Schriften,  gebrauchen 
mehrere  solche  von  Christen  unterschobene  Stellen  als  Schrift- 
zeugnisse. Dabei  weiss  Justin  recht  wohl,  dass  sie  im  ebräi- 
schen  Text  fehlen.  Aber  statt  sich  dadurch  auf  die  richtige 
Spur  leiten  zu  lassen,  stellt  er  die  völlig  aus  der  Luft  gegriffene 
Behauptung  auf,  die  Juden  hätten  die  betreffenden  Stellen  aus 
den  ebräischen  Exemplaren  ausgemerzt;  und  statt  sich  über 
den  frommen  Betrug  seiner  Glaubensgenossen  zu  schämen, 
kanzelt  er  die  Gegner  —  ohne  Zweifel  im  besten  Glauben  an 
sein  Recht  —  wegen  des  entsetzlichen  Verbrechens  ab,  das 
sie  durch  ihre  angebliche  Schriftverstümmelung  begangen 
haben.  --  Ein  andermal  hat  derselbe  Justin,  wie  es  scheint, 
gar  selbst  eine  Urkunde  gefälscht,  ohne  es  zu  wissen.  Für 
die  Legende  vom  Magier  Simon  beruft  er  sich  auf  die  Bild- 
säule, welche  diesem  Zauberer  auf  der  Tiberinsel  gesetzt  wor- 
den sei,  mit  der  Inschrift:  Simoni  deo  Scmdo.  Justin  lebte 
in  Rom,  und  jene  Inschrift  konnte  ihm  aus  eigener  Anschauung 
bekannt  sein.    Glücklicherweise  ist  sie  aber  auch  uns  bekannt, 


historische  Schule.  333 

Buch  Henoch  z.  B.,  dessen  Grundschrift  um  HO  v.  Chr.  ver- 
fasst  sein  mag,  schon  in  unserem  Brief  des  Judas  dem  Vater 
Methusalah's  u.  s.  w.  —  Der  Brief  des  edessenischen  Fürsten 
Abgar  an  Jesus  und  Jesu  Antwortschreiben  darauf  wird  von 
Eusebius  in  gutem  Glauben  mitgetheilt,  und  weder  an  der 
sonstigen  Ungereimtheit  dieses  Briefwechsels,  noch  auch  daran 
nimmt  er  Anstoss,  dass  Jesus  hier  einen  Ausspruch  des  Johan- 
nesevangeliums mit  der  Formel  anführt:  „es  steht  von  mir 
geschrieben".  —  Selbst  in  Fällen,  wo  die  Nähe  der  Zeit  und 
des  Ortes  eine  Entdeckung  der  Täuschung  leicht  genug  ge- 
macht hätte,  liess  man  sich  doch  täuschen.  So  hatte  z.  B. 
ein  Christ  eine  Erzählung  über  den  Tod  und  die  Auferstehung 
Jesu  verfertigt,  welche  mit  unsem  evangelischen  Darstellungen 
ganz  übereinstimmend  sich  selbst  für  einen  von  Pilatus  an 
Kaiser  Tiberius  erstatteten  amtlichen  Bericht  ausgab.  Wäre 
Quellenkritik  die  Sache  der  damaligen  Kirche  gewesen,  so 
hätten  doch  wohl  Nachforschungen  über  die  Aechtheit  eines 
so  wichtigen  Aktenstücks  stattfinden  müssen.  Aber  davon 
zeigt  sich  keine  Spur:  der  Bericht  des  Pilatus  war  der  Christ- 
liehen  Sache  zu  günstig,  als  dass  man  seine  Urkundlichkeit 
hätte  bezweifeln,  und  sich  nicht  ebenso  zuversichtlich  darauf 
berufen  sollen,  wie  sich  Justin  auch  auf  die  Schatzungstabellen 
des  Quirinius  beinift,  die  er  ganz  sicher  mit  keinem  Auge  ge- 
sehen hat.  —  Das  gleiche  gilt  von  den  angeblichen  Erlassen 
römischer  Kaiser  zu  Gunsten  der  Christen.  Nicht  genug,  dass 
Eusebius  ein  solches  dem  Antoninus  Pius  unterschobenes  Edikt 
als  acht  mittheilt,  und  auf  dasselbe,  leichtfertiger  Weise  auch 
Aeusserungen  eines  Zeitgenossen  von  Antoninus  bezieht,  welche 
in  Wahrheit  auf  ganz  andere  Rescripte  gehen:  schon  Justin 
beruft  sich  um's  Jahr  150  gegen  Antoninus  Pius  auf  ein  uns 
erhaltenes  Edikt  Hadrian's,  das  aller  Wahrscheinlichkeit  nach 
unächt  ist,  und  TertuUian  i.  J.  198  auf  einen  gleichfalls  noch 
vorhandenen  Erlass  Mark  Aurel's,  worin  dieser  Kaiser  die 
wunderbare  Errettung  seines  Heeres  durch  das  Gebet  christ- 
licher Soldaten  (das  Wunder  der  sog.  legio  fulminafrix;  s.  o. 
S.  107  f.)   berichtet,   den  Christen  Religionsfreiheit  gewährt 


historische  Schale.  335 

giebt,  und  da  die  Cherubim  vier  Gesichter  haben.  Wir  werden 
nicht  bezweifeln,  dass  diese  Gründe  seinen  Lesern  ganz  ein- 
leuchtend gewesen  sind :  aber  wer  sich  die  Aufgabe  der  Kritik 
auch  nur  im  groben  klar  gemacht  hat,  dem  wird  eine  der- 
artige Beweisführung  doch  nicht  in  den  Sinn  kommen.  Ein 
solcher  würde  aber  freilich  auch  jener  allegorischen  Auslegung 
den  Abschied  geben,  von  welcher  die  ganze  patristische  Theo- 
logie, wie  schon  vor  ihr  und  gleichzeitig  die  giiechische  und 
die  jüdische,  beherrscht  ist.  Wenn  einem  Theologen  der  Buch- 
stabe der  heiligen  Schriften  so  gleichgültig  ist,  dass  ihm  selbst 
seine  äusserste  Misshandlung  kein  Bedenken  macht,  wenn  er 
den  Schriftstellern',  die  er  erklären  soll,  auch  das  fernste  und 
fremdartigste,  falls  es  nur  erbaulich  oder  geistreich  lautet,  mit 
beruhigtem  Gewissen  unterschiebt,  so  zeigt  er  ebendamit,  dass 
er  überhaupt  für  geschichtliche  Dinge  keinen  Sinn  hat;  dem, 
welcher  das  leichtere,  die  richtige  Auffassung  des  gegebenen, 
so  gänzlich  verfehlt,  das  schwerere,  die  geschichtliche  Kritik 
zutrauen,  heisst  Trauben  an  den  Dornen  suchen.  Wenn  man 
die  alten  Kirchenlehrer  als  untadelhafte  Zeugen  über  den 
Ursprung  der  neutestamentlichen  Schi*iften  behandelt,  wenn 
man  sich  berechtigt  glaubt,  jeden  Zweifel  an  ihrer  Unfehlbar- 
keit der  Kritik  als  eine  Majestätsbeleidigung  gegen  die  Kirche 
in's  Gewissen  zu  schieben,  so  zeigt  man  damit  nur,  dass  man 
die  Schriften  jener  Männer  entweder  nicht  kennt,  oder  dass  man 
sich  bei  ihrer  Lesung  die  Augen  den  klarsten  Thatsachen 
gegenüber  zugehalten  hat.  Die  Aufgabe  dieser  Männer  war 
nun  einmal  eine  andere,  als  die  des  Geschichtsforschei*s ,  und 
dieser  ihrer  Aufgabe  sind  sie  mit  glänzendem  Erfolg  und  be- 
wunderungswüi'diger  Hingebung  nachgekommen;  zur  literari- 
schen Kritik  dagegen  fehlte  es  ihnen  gleich  sehr  an  der 
inneren  Befähigung,  wie  an  den  äusseren  Hülfsmitteln ;  eben- 
desshalb  darf  man  aber  auch  eine  solche  nicht  von  ihnen  er- 
warten und  den  Mangel  an  urkundlichen  Zeugnissen  über  den 
Urspmng  der  neutestamentlichen  Schriften  nicht  durch  ein 
nebelhaftes  Vertrauen  auf  ihre  Zuverlässigkeit  ersetzen  wollen. 
Nicht  einmal  die  Voraussetzung  ist  begründet,  dass  diese 


\ 


] 


historische  Schule.  337 

ZU  einem  Werk  grober  Täuschung,  und  die  Kirche,  welche 
diese  Täusclmng  nicht  bemerkt  haben  soll,  zu  einem  Haufen 
von  Einfältigen?  Ist  es  aber  nicht  vielmehr  gleich  unglaub- 
lich, dass  sie  den  Betrug  nicht  entdeckt,  und  dass  sie  dem 
entdeckten  ihre  Anerkennung  ertheilt  hätte  ?  Ehe  man  jedoch 
diese  oft  so  vernommenen  Anschuldigungen  wiederholt,  wäre  es 
wohlgethan,  sich  zu  besinnen,  ob  sich  nicht  vielleicht  mehr 
Eifer  als  richtiges  Verständniss  darin  ausspricht.  Denn  für's 
erste  handelt  es  sich  hier  nicht  um  alle  neutestanientlichen 
Schriften.  Einen  ächten  Grundstock  derselben  hat  vielmehr 
wenigstens  die  „tübinger"  Kritik  nie  geläugnet.  Ebensowenig 
hat  sie  behauptet,  dass  alle  die  Schriften,  deren  Aechtheit  sie 
bestreitet,  im  strengen  Sinne  des  Wortes  für  unterschoben 
zu  halten  seien.  Man  muss  hier  vielmehr  verschiedene  Fäljp 
unterscheiden.  Ein  Schriftsteller  kann  ein  Werk,  das  er  selbst 
allein  verfasst  hat,  einem  anderen  beilegen,  wie  wir  diess 
z.  B.  von  den  Verfassern  der  unächten  Briefe  von  Aposteln 
annehmen.  In  diesem  Falle  haben  wir  eine  reine  Unter- 
schiebung. Es  ist  aber  zweitens  auch  möglich,  dass  er  das 
fragliche  Werk  nicht  seinem  ganzen  Inhalt  nach  selbst  verfasst, 
sondern  nur  ein  älteres  überarbeitet,  und  dieser  Ueberarbei- 
tung  den  Namen  des  ursprünglichen  Verfassers  gelassen  hat. 
In  dieser  Art  mag  z.  B.  aus  der  Spruchsammlung  des  Mat- 
thäus durch  mehrfache  Bearbeitung  unser  Matthäusevange- 
lium, aus  unserem  ersten  und  dritten  Evangelium  unter  Bei- 
ziehung einer  weiteren,  dem  Markus  beigelegten  Evangelien- 
schrift, unser  Markus,  aus  dem  Reisebericht  des  Lukas  unsere 
Apostelgeschichte  entstanden  sein.  Wie  bedeutend  in  einem 
solchen  Fall  auch  die  Erweiterungen  und  Veränderungen  w^aren, 
die  mit  der  Grundschrift  vorgenommen  wurden,  so  konnte 
man  sich  doch  berechtigt  glauben,  den  ursprünglichen  Titel 
der  letzteren  stehen  zu  lassen.  Es  konnte  drittens  geschehen, 
dass  eine  Schrift,  deren  Verfasser  sich  nicht  genannt  hatte, 
von  den  Späteren  nach  eigener  Vermuthung  diesem  oder 
jenem  bekannten  Mann  zugeschrieben  wurde,  wie  der  Ebräer- 
brief  dem  Paulus   oder  von  andern  dem   Barnabas.  der  Bar- 

Zeller,  Vorträge  nnd  Al)Iiandl.  22 


historische  Schule.  339 

-der  Buchstabe  nicht  der  Geist  ist  und  die  Bibel  nicht  die  Re- 
ligion? Dass  das  Christenthum  Jahrhunderte  lang  sich  weit 
mehr  durch  mündliche  üeberüeferung ,  als  durch  Schriften, 
fortgepflanzt  hat?  Dass  diese  Religion  und  ihr  Stifter  bleiben, 
was  sie  sind,  wie  es  sich  auch  mit  unserer  geschichtlichen 
Kenntniss  derselben  und  mit  den  Büchern  verhalten  mag, 
denen  wir  diese  Kenntniss  verdanken  ?  Was  jedoch  die  Haupt- 
sache ist:  von  Betrug  und  Fälschung  kann  mit  Beziehung  auf 
die  neutestamentlichen  Schriften  auch  dann  nicht  gesprochen 
werden,  wenn  ein  Theil  derselben  wirklich  von  späteren  Ver- 
fassern Aposteln  und  Apostelschülem  mit  Absicht  und  Be- 
wusstsein  beigelegt  sein  sollte.  Denn  wie  ein  solches  Ver- 
fahren  moralisch  zu  beurtheilen  ist,  ob  es  sich  als  Fälschung 
bezeichnen  lässt,  oder  nicht,  diess  hängt  ganz  und  gar  von 
den  Begriffen  und  der  Sitte  der  Zeit  ab,  um  die  es  sich  han- 
delt, und  diese  hinwiederum  werden  zunächst  von  der  Ent- 
wicklung des  literarisch-kritischen  Bewusstseins  bedingt  sein. 
Uns  freilich  erscheint  es  auf  den  ei"Sten  Anblick  fast  unbe- 
greiflich, dass  es  jemand  für  erlaubt  halten  sollte,  einer 
Schrift,  die  er  selbst  verfasst  hat,  einen  beliebigen  andern 
Namen  vorzusetzen,  das  eigene  Werk  einem  Apostel  oder  sonst 
«inem  gefeierten  Manne  der  Vorzeit  zuzuschreiben.  Aber  diess 
erscheint  uns  nur  desshalb  so,  weil  wir  gewohnt  sind,  der 
schriftstellerischen  Infdividualität  einen  selbständigen  Werth 
iJeizulegen ,  dem  Schriftsteller  ein  geistiges  Eigenthumsrecht 
auf  sein  Werk  zuzugestehen,  den  Schriften,  welche  wir  in  die 
Hand  bekommen,  uns  kritisch  gegenüberzustellen,  sie  zunächst 
nur  als  Berichte  und  Meinungsäusserungen  dieser  bestimmten 
Individuen  zu  behandeln,  für  deren  Beurtheilung  die  Person- 
lichkeit  ihrer  Verfasser  wesentlich  mit  in  Betracht  kommt. 
Denken  wir  uns  dagegen  eine  Zeit,  für  welche  alle  diese  Rück- 
sichten nur  in  sehr  geringem  Masse  vorhanden  waren,  welcher 
die  Persönlichkeit  des  Schriftstellers  in  seinem  Werk  unter- 
gieng,  welche  nicht,  wie  wir,  zuei-st  nach  dem  Verfasser  fragte, 
um  hieiTiach  die  Glaubwürdigkeit  der  Schrift  zu  bestimmen, 
sondern  welche  umgekehrt,  wie  wir  diess  bei  der  alten  Kirche 

22* 


•f 


historische  Schule.  34i 

von  den  alten  Historikern  ausser  Thucydides.  Wenn  Plato 
seinen  Sokrates  ganze  Bände  hindurch  sagen  lässt,  was  er  in 
seinem  Leben  nie  gesagt  oder  gedacht  hat,  und  wenn  er  diese 
Eeden  recht  geflissentlich  an  geschichtliche  Veranlassungen  an- 
knüpft und  mit  allem  Schein  der  geschichtlichen  Wirklichkeit 
zu  umgeben  sucht,  wenn  Xenophon,  Aeschines  und  andere  So- 
kratiker  in  ihrer  Art  ebenso  verfuhren,  so  kann  man  nicht 
sagen,  diese  Männer  wollen  jene  Reden  damit  nicht  für  ge- 
schichtlich ausgeben ;  das  richtige  ist  vielmehr,  dass  sie  gegen 
die  geschichtliche  Wahrheit  derselben,  mit  Ausnahme  weniger 
Darstellungen,  vollkommen  gleichgültig  sind,  dass  ihnen  das 
geschichtliche  nur  ein  unselbständiges  Vehikel  ihrer  Gedanken 
ist:  was  sich  ihnen  als  die  wahre  sokratische  Philosophie  dar- 
stellt, das  lassen  sie  theils  aus  Pietät  theils  aus  künstlerischen 
Rücksichten  von  dem  Stifter  dieser  Philosophie  selbst  vortra- 
gen; dass  sie  damit  ihm  gegenüber,  ein  Unrecht,  den  Lesern 
gegenüber  einen  Betrug  begehen  könnten,  kommt  ihnen  nicht 
in  den  Sinn.  Nicht  anders  haben  es  aber,  nach  der  Annal^e 
der  neuesten  Kritik,  auch  diejenigen  christlichen  Schrifts^Uer 
gemacht,  welche  ihre  Auffassung  der  paulinischen  oder  petri- 
nischen Lehre  von  Paulus  oder  Petrus,  ihre  Auffassung  des 
Christenthums  von  dem  Stifter  desselben  aussprechen  liessen: 
an  einen  Betrug  darf  man  hier  so  wenig  wie  dort  denken,  weil 
es  sich  für  diese  Schriftsteller  überhaupt  nicht  um  die  Ge- 
schichtlichkeit, sondern  um  den  Inhalt  der  betreffenden  Reden 
und  Schriften  handelte.  Der  Name  eines  Apostels,  einer  Schrift 
vorgesetzt,  soll  dem  Leser  ihren  Inhalt  als  einen  acht  aposto- 
lischen an's  Herz  legen :  ob  der  Apostel  wirklich  so  gesprochen 
hat,  ist  einerlei,  wenn  er  nur  nach  der  Meinung  (|es  Ver- 
fassers so  hätte  sprechen  können,  und  eben  als  Apo^el  so 
hätte  sprechen  müssen.  Heutzutage  werden  wir  freilich  einem 
Schriftsteller  diese  Freiheit  nicht  mehr  gestatten;  aber  ehe- 
dem verhielt  es  sich  damit  anders.  Besonders  in  der  späteren 
Zeit  des  klassischen  Alterthums,  gerade  in  den  Jahrhunderten, 
welchen  die  neutestamentlichen  Schriften  angehören,  war  diese 
Pseudonyme  Schriftstellerei  an  der  Tagesordnung.     In  diesen 


iSBenhafte  Unterschiebung  pytha- 
hon  oben  gedacht  wurde.  Aber 
iB  zu  nehmen ,  belobt  Jamblich 
,  dass  sie  ihre  Werke,  auf  eigenen 
ter  der  Schule  zi^eschrieben  ha- 
;  nennen,  nennt  er  einen  Akt  der 
leit  —  ähnlich  wie  der  Verfasser 
l  Thekla,  über  seiner  Erdichtung 
er  habe  diess  aus  Liebe  zu  dem 
den  wird  dasselbe  von  verschie- 
Q  doch  keinen  Anstand,  wie  man 
so  auch  umgekehrt  fremdes  sich 
iT  Literatur  dieser  Zeit  häufiger, 
nze  Abschnitte  aus  fremden  Wer- 
;  in  seine  eigenen  aufnimmt,  ohne 
men;  und  diess  thun  nicht  etwa 
-  spätesten  Jahrhunderte,  sondern 
er  machen  es  ebenso,  ohne  dass 
ts  zu  scheuen  hätten,  oder  sich 
en.  Aristotelische  Schüler  z.  B., 
ast,  haben  unter  ihrem  eigenen 
s.  w.  herausgegeben,  welche  nur 
elischen  waren  und  diese  oft  wört- 
bedeutende Theile  seiner  philo- 
;u  aus  grieehischen  Werken  ent- 
und  anderemal  namhaft  gemacht 
sere  Begriffe  von  geistigem  Eigen- 
:ht  vorhanden,  sowohl  der  Name 
lalt  ihrer  Werke,  wurde  in  einem 
lehr  zulässig  finden,  als  Gemein- 
rher  das  Verfahren  jener  Zeit  nach 
beurtheilen  wollte,  so  würde  man 
wenn  man  die  Paragraphen  eine» 
oeignung  fremden  Eigenthums  auf 
das  alte  Sparta  anwenden  wollte, 
id  die  Christen  in  ihrer  religiösen 


historische  Schale.  343 

Schriftstellerei  nach  den  gleichen  Voraussetzungen  verfuhren, 
lässt  sich  durch  zahlreiche  Beispiele  d&rthun.  Wer  möchte 
z.  B.  behaupten,  dass  jene  alttestamentlichen  Pseudepigraphen, 
an  deren  Aechtheit  nicht  zu  denken  ist,  wie  das  Buch  Henoch, 
das  vierte  Buch  Esra,  das  Testament  der  zwölf  Patriarchen, 
ernste  und  religiöse  Bücher,  die  auch  von  der  Kirche  fleissig 
gebraucht  wurden,  von  Fälschern  und  Betrügern  herrühren? 
Wer  könnte  dasselbe  von  christlichen  Schriften,  wie  die  igna- 
tianischen  Briefe,  der  Brief  Polykarp's,  die  clementinischen 
Homilieen  und  Recognitionen,  die  apostolischen  Constitutionen,, 
annehmen  —  Schriften ^^ von  der  höchsten  Bedeutung,  deren 
Unächtheit  aber  theils  allgemein  zugestanden,  theils  wenig- 
stens aus  sachlichen  Gründen  unzweifelhaft  ist?  Nicht  einmal 
die  jüdischen  und  christlichen  Sibyllinen  wird  man  nach  un- 
sem  Begiiffen  von  Schriftfälschung  beurtheilen  dürfen,  und 
wenn  der  Gnostiker  Marcion  aus  dem  Lukasevangelium  sich 
ein  eigenes  nach  seinem  System  zurecht  machte,  wird  man 
nicht  sagen  dürfen,  er  habe  dasselbe  verfälschen,  sondeni  viel- 
mehr, er  habe  das  vermeintlich  verfälschte  reinigen,  das  ächte 
paulinische  Evangelium  wiederherstellen  wollen;  das  gleiche 
wird  überhaupt  von  der  Mehrzahl  jener  vielen  neutestament- 
liehen  Apokryphen  gelten,  von  denen  wir  noch  Kunde  haben» 
Auch  in  unserer  kanonischen  Sammlung  sind  manche  Bücher, 
bei  denen  eine  absichtliche  Unterschiebung  unbestreitbar  vor- 
liegt. Von  den  Sprüchwörtem  Salomo's  z.  B.,  dem  Prediger, 
dem  Buch  der  Weisheit  wird  kaum  noch  irgend  jemand,  von 
den  Weissagungen  Daniers  und  dem  zweiten  Brief  des  Petnis 
werden  nur  äussei-st  wenige  zu  behaupten  wagen,  dass  sie 
acht  seien ;  ebenso  unläugbar  ist  aber,  dass  diese  Schriften  sich 
selbst  dem  König  Salomo,  dem  Propheten  Daniel,  dem  Apostel 
Petrus  beilegen,  dass  sie  theilweise,  wie  eben  der  zweite 
Petrusbrief  und  das  Buch  Daniel,  recht  geflissentlich  darauf 
ausgehen,  diesen  ihren  Ursprung  zu  beglaubigen,  dass  auch 
die  Kirche  bis  auf  die  neuere  Zeit  herab  sie  jenen  Männern 
zugeschrieben  hat,  dass  die  pseudodanielischen  und  pseudo- 
salomonischen  Schriften  schon  von   den   späteren  Juden   für 


/  •  I 


historische  Schule.  345 

diese  Darstellungen  zugleich  durch  die  Namen  von  Aposteln 
und  Apostelschülern  als  acht  apostolische  zu  bezeichnen? 

Aehnlich,  wie  mit  der  bisher  besprochenen  Frage,  verhält 
es  sich  auch  mit  der  Behauptung,  welche  der  neueren  Kritik 
gleichfalls  so  sehr  verübelt  worden  ist,  dass  in  die  biblischen 
und  so  auch  in  die  neutestamentlichen  Darstellungen  mög- 
licherweise viel  ungeschichtliches  Eingang  gefunden  haben 
könne ;  wobei  wir  es  übrigens  hi e  r  eben  nur  mit  der  Behauptung 
dieser  Möglichkeit  zu  thun  haben,  ganz  abgesehen  von  der  Frage, 
ob  solche  ungeschichtliche  Bestandtheile  in  jenen  Dar- 
stellungen wirklich  vorkommen,  und  wie  weit  das  ungeschicht- 
liche darin  geht.  So  anstössig  diese  Behauptung  dem  sein  muss, 
welchem  die  Unfehlbarkeit  der  biblischen  Schriften  vor  aller 
Untersuchung  feststeht,  so  natürlich  wird  sie  der  unbefangenen 
geschichtlichen  Erwägung  erscheinen.  Für's  erste  nämlich 
lässt  sich  nicht  bezweifeln,  dass  die  Geschichte  Jesu  und  der 
Apostel  anfangs  ausschliesslich  oder  doch  ganz  überwiegend 
durch  mündliche  Ueberlieferung  fortgepflanzt  wurde,  und  nur 
eine  willkührliche  Voraussetzung  ist  es,  wenn  man  meint,  dieses 
Uebergewicht  der  mündlichen  Ueberlieferung  über  die  schrift- 
liche könne  nur  wenige  Jahre  gedauert,  und  es  müsse  mit  der 
ersten  Abfassung  christlicher  Geschichtsbücher  sofort  aufge- 
hört haben.  Wir  wissen  vielmehr,  dass  noch  im  zweiten 
Jahrhundert  über  die  Reden  und  Thaten  Jesu  eine  Menge  Erzäh- 
lungen im  Umlauf  waren,  aus  denen  z.  B.  Papias  (um  130—140) 
die  glaubwürdigen  sammeln  will,  weil  er  sich  von  der  münd- 
lichen Ueberlieferung  mehr  Belehrung  verspricht,  als  von 
BücheiTi  (s.  0.  S.  321) ;  wir  sehen  noch  in  der  zweiten  Hälfte  dieses 
Jahrhunderts  Hegesippus  die  christliche  Welt  durchreisen,  um 
die  Lehrüberlieferungen  der  Kirche,  welche  damals  offenbar 
noch  keine  normative  Schriftsammlung  gehabt  haben  kaim,  zu 
erkunden,  noch  am  Ende  desselben  Irenäus  und  Tertullian 
gegen  die  Gnostiker  auf  die  kirchliche  Tradition,  als  den  ein- 
zigen sicheren  Haltpunkt,  sich  stützen,  weil  die  Aechtheit  und 
Geltung  der  Schriften  noch  im  Streit  lag.  Das  Christenthum 
ist  ursprünglich  ungleich  mehr  durch  persönliche  Verkündigung 


346  I>>e  Tübinger 

als  durch  Schriftstellerei  verbreitet,  auch  die  Geschichte  seines 
Ursprui^s  ist  daher  nothwendig  zunächst  von  Mund  zu  Mund 
überliefert  worden*).  Wie  unwahi^cheinlich  es  aber  ist,  dass 
ein  geschichtlicher  Bericht  auf  diesem  Wege  sich  unvertodert 
erhalte,  zeigt  schon  die  tägliche  Erfahrung.  Man  beobachte 
nur  einmal  die  Wandlungen  der  Sage  im  grossen  oder  im 
kleinen.  Wie  schwer  ist  es  nicht  in  der  Regel,  über  Dinge,  die 
sich  kaum  erst  zugetragen  haben,  an  Ort  und  Stelle  selbst  durch- 
aus zuverlässige  Nachrichten  zu  erhalten,  sobald  man  es  nicht  mit 
Augenzeugen  zu  thun  hat!  Auch  wo  niemand  eine  Täuschung  be- 
absichtigt, reichen  wenige  Tage,  ja  wenige  Stunden  oft  hin,  um 
das  geschehene  vollständig  zu  entstellen  und  etwas  rein  sagen- 
haftes an  seine  Stelle  zu  setzen.  Was  muss  nicht  alles  mög- 
lich sein,  und  was  ist  nicht  alles  nachweisbar  schon  vorge- 
kommen, wo  die  Sage  in  Baum  und  Zeit  weite  Wege  zu 
durchlaufen  hat,  wo  der  spätere  Erzähler  von  dem  Schauplatz 
der  Begebenheiten  entfernt,  durch  lange  Jahre,  vielleicht  durch 
mehrere  Menschenalter  von  den  Ereignissen  getrennt,  nach 
mündlicher  Ueberliefemng  berichtet!  Seihst  dem  soigfältig- 
sten  kritischen  Geschichtsforscher  ist  es  in  solchen  Fällen  un- 
zähligemale  unmöglich,  den  Thatbestand  auch  nur  mit  einiger 
Sicherheit  herzustellen;  um  wie  viel  weniger  solchen,  bei  denen 
wir  nur  ein  kleinstes  von  kritischer  Kunst  und  rein  geschicht- 
lichem Interesse  voraussetzen  dürfen.  Und  diese  Schwierig- 
keit wird  nicht  vermindert,  sondern  in's  unendliche  vermehrt, 
wenn  eine  Geschichtserzählung  zugleich  eine  hohe  religiöse, 
überhaupt  eine  praktische  Bedeutung  hat.  Denn  je  lebhafter 
das  eigene  Interesse  bei  einer  Erzählung  hetbeiligt  ist,  um  so 
lebhafter  wird  auch  die  Phantasie  anger^  werden,  sich  das 
geschehene  näher  auszumalen-,  um  so  grösser  ist  daher  die 
Gefahr,  dass  ungesehichtliche  Zuthaten  in  die  Ueberliefei-ung 
sich  einmischen  und  ihren  geschichtlichen  Kern  am  Ende,  bei 
öfterer  Wiederholung  dieses  Hergangs,  bis  zur  Unkenntlichkeit 
überwuchern.      Dass    unsere    neutestamentlichen    G^chichts- 


*)  Einiges  weitere  luerüber  in  der  Abhandlung  über  Strauss  und  Renan. 


historische  Schule.  347 

bücher  vor  dieser  Gefahr  geschützt  gewesen  seien,  liesse  sich 
nur  dann  behaupten,  wenn  die  Augenzeugenschaft  ihrer  Ver- 
fasser oder  die  Zuverlässigkeit  ihrer  Quellen  nüt  Sicherheit  za 
erweisen  wäre;  da  aber  dieser  Beweis  aus  den  äusseren  Zeug- 
nissen sich  nicht  führen  lässt,  kann  man  der  Kritik  nicht  ver- 
bieten, auch  das  Gegentheil  wenigstens  als  möglich  vorauszu- 
setzen, und  deipnach  auch  die  Möglichkeit  sagenhafter  Zu- 
thaten  in  ihren  Erzählungen  in  weitem  Umfang  anzunehmen. 

Ebensowenig  lässt  siÄi  dann  aber  die  weitere  Möglichkeit 
abweisen,  dass  diese  Sagenbildung  ganz  oder  theilweise  von 
bestimmten  Motiven,  von  praktischen  oder  dogmatischen  Inter- 
essen beheri'scht  war,  dass  sie  nicht  blos  einfache  Sagen,  son- 
dern auch  Mythen  erzeugt  hat.  Nichts  anderes  lässt  sich  viel- 
mehr nach  der  Natur  der  Sache  voraussetzen.  Alle  Reli- 
gionen, welche  wir  kennen,  ohne  Ausnahme,  haben  ihre  Mythen 
und  wer  auch  nur  einigermassen  mit  der  Eigenthümlichkeit 
des  religiösen  Bewusstseins  und  der  religiösen  Ueberlieferung 
vertraut  ist,  der  wii-d  diess  sehr  begreiflich  finden.  Dass  es 
beim  Christenthum  anders  sein  sollte,  ist  um  so  weniger  zu 
erwarten,  da  hier  gerade  die  umstände  einer  raschen  und 
fruchtbaren  Mythenbildung  in  vieler  Beziehung  höchst  günstig 
waren.  Man  hat  zwar  geglaubt,  in  einer  so  geschichtlichen 
Zeit  hätten  sich  keine  Mythen  mehr  erzeugen  können.  Aber 
dass  die  ersten  christlichen  Jahrhunderte  eine  durchaus  ge- 
schichtliche Zeit  waren,  diess  ist  theils  in  dieser  Allgemeinheit 
nicht  richtig,  da  es  vielmehr  eben  diese  Zeit  ist,  welcher  die 
Geschichte  der  Philosophie  und  der  Religion  eine  Menge  von 
Erdichtungen  und  falschen  Angaben,  die  Literatur  dieser 
Fächer  zahllose  Unterschiebungen  zu  verdanken  hat;  theils 
hat  schon  Strauss  treffend  bemerkt,  eine  Zeit  könne  recht 
wohl  für  gewisse  Völker  und  gewisse  Bildungskreise  eine  ge- 
schichtliche Zeit  sein,  ohne  dass  doch  darum  in  derselben  bei 
allen  Völkern  imd  in  allen  Kreisen  geschichtlicher  Sinn  und 
geschichtliches  Bewusstsein  zu  finden  sein  müsste.  Gerade  im 
jüdischen  Volk  hat  sich  dieses,  wie  bei  den  Orientalen  über- 
haupt, während  seiner  ganzen  staatlichen  Existenz  niemals  zu 


historische  Schule.  34^ 

liefeiiing  schon  in  Schriften  fixirt,   kann   man   somit  an  ihr 
selbst  nichts  mehr  ändern,  so  ändert  man  ihren  Sinn,  indem 
man  ihr  den  eigenen  Standpunkt  gewaltsam  aufdrängt,  man 
greift  zur  Allegorie,  oder  auch  zu  den  Künsteleien  einer  ra- 
tionalistischen Exegese;  und  wir  wissen,  wie  eifrig  die  erstere 
in  der  alten  Kirche  gehandhabt  wurde,  welche  für  die  zweite 
freilich  nicht  gemacht  war.    Ist  dagegen   die  Ueberliefeiiing 
noch  flüssig,  wie  diess  die  christliche  bis  über  die  Mitte  des 
zweiten  Jahrhunderts  herab  mehr  oder  weniger  gewesen  ist, 
so  hilft  man  sich  einfacher :  mit  der  üeberlieferung  selbst  wer- 
den   die   Veränderungen    vorgenommen,    welche   die   fortge- 
schrittene Zeit  fordert,  und  es  geschieht  diess  grossentheils^ 
ohne  dass  man  sich  dessen  bewusst  ist,   durch  eine  unmittel- 
bare Uebertragung  des  eigenen  Standpunkts  in  die  Vorzeit: 
die  religiöse  Sage  wird  mit  mythischen  Elementen  versetzt,  sie^ 
nimmt  vielleicht  in  manchen  Parthieen  einen  rein  mythischen 
Charakter  an.    Und  diess  um  so  leichter,  je  mehr  über  die 
Gegenstände,  womit  sie  sich  beschäftigt,  schon  vor  ihr  und  un- 
abhängig von  ihr  bestimmte  dogmatische  üeberzeugungen  im 
Umlauf  sind.    In  diesem  Falle  befinden  wir  uns  aber  gerade 
bei  der  evangelischen  Geschichte.    Was  der  Messias  sein  und 
wirken  werde,  stand  den  Juden,  wie  ich  schon  früher  bemerkt 
habe,  in  allen  Hauptpunkten  bereits  fest,  als  Jesus  auftrat: 
aus  prophetischen   Aussprüchen,  aus   alttestamentlichen   Vor- 
bildern und  eigenen  Erwartungen  hatte  man  sich  ein  bis  in's 
einzelne  ausgeführtes  Messiasbild,  eine  messianische  Dogmatik 
entworfen,  welche  man  nun  in  der  Geschichte  des  erschienenen 
Messias  wiederzufinden  erwarten  musste.    Was  ist  natürlicher,, 
als  dass  sich  diese  Geschichte  allmählich  jener  Erwartung  ge- 
mäss gestaltete,  dass  man  ihre  Lücken  durch  weitere,  von  dem 
herrschenden  MessiasbDd  entlehnte  Züge  ausfüllte,  dass  man 
Thatsachen,  die  ihr  widersprachen,  durch  Zwischenglieder  mit 
ihr  in  Einklang  brachte?    Waren  aber  hiemit  einmal  gewisse 
Bestimmungen  in  die  Geschichte  Christi  eingeführt,  so  ergab 
es  sich  von  selbst,   dass   sie   auch   immer  weiter  ausgemalt 
wurden.    Dieser  ganze  Prozess  der  Mythenbildung  kann  für 


historische  Schule.  351 

und  seinen  wunderbaren  Tod!  Wie  gläubig  wird  von  einem 
Justin,  Irenäus  u.  s.  w.,  von  allen,  die  seiner  erwähnen,  ohne 
Ausnahme,  auch  das  abenteuerlichste  über  ihn  angenomm^ii! 
Und  doch  ist  diese  altchristliche  Faustsage  so  durch  und  durch 
unliistorisch,  dass  man  unsere  Volksbücher  über  Faust  gerade 
so  gut  als  Geschichtsquelle  brauchen  könnte,  wie  die  Angaben 
der  Kirchenväter  über  Simon.  Welches  Uebermass  des  un- 
glaublichen tritt  uns  aus  den  unzähligen  Märtyi'erlegenden  ent- 
:gegen,  und  wie  bereitwillig  sind  diese  Legenden  von  den  an- 
gesehensten Kirchenlehrern  nacherzählt  worden,  das  Oelmär- 
tyrerthum  des  Apostels  Johannes  z.  B.  schon  von  TeituUian, 
die  Wunder  bei  Polykarp's  Tode,  nach  einem  gleichzeitigen 
Bericht  der  Gemeinde  zu  Smyma,  von  Eusebius!  Welches 
Licht  fällt  auf  die  Geschichtsforschung  der  alten  Kirche,  wenn 
wir  einen  Bischof  von  Korinth  um  170  n.  Chr.,  trotz  der 
Apostelgeschichte  und  der  Korintherbriefe,  in  einem  amtlichen 
Schreiben  versichern  hören,  die  korinthische  Christengemeinde 
sei  von  Petrus,  als  dieser  mit  Paulus  nach  Rom  reiste,  mit- 
gestiftet worden ;  oder  wenn  der  gefeierte  Eusebius,  der  Vater 
der  Kirchengeschichte,  aufs  bestimmteste  behauptet,  die  von 
Philo  (um  30  n.  Chr.)  geschilderten  jüdischen  Therapeuten 
seien  Christen,  und  die  heiligen  Schriften  derselben,  deren 
jener  erwähnt,  seien  unsere  neutestamentlichen  Bücher  ge- 
wesen; oder  wenn  Tertullian  mit  voller  Ueberzeugung  berich- 
tet, dass  zu  seiner  Zeit  in  Palästina  das  himmlische  Jerusalem 
40  Tage  lang  jeden  Morgen  mit  Mauern  und  Thürmen  am 
Himmel  erschienen  sei!  Noch  schlagender  ist  aber  vielleicht 
ein  weiteres  Beispiel,  das  ich  mit  Uebergehung  aller  andern 
anführen  will.  Der  grösste  Kirchenlehrer  des  Abendlandes, 
der  heilige  Augustinus,  erzählt  uns  (Civ.  D.  XXII,  8)  eine 
Menge  der  ausserordentlichsten  Wunder,  die  unter  seinen 
eigenen  Augen  vorgekommen  sein  sollen:  Todtenerweckungen, 
Teufelsaustreibungen,  Blindenheilungen  u.  s.  w. ;  eine  bösartige 
Fistel  in  Augustin's  Gegenwart  durch  Gebet  so  plötzlich  ge- 
heilt, dass  der  Arzt,  der  sie  operiren  wollte,  eine  festge- 
schlossene Narbe  an  ihrer  Stelle  fand;  eine  Frau  ebensoplötz- 


382  Die  Tübinger 

lieh,  auf  einen  Traum  hin,  dui'ch  das  Zeichen  des  Kreuzes  vom 
Brustkrebs  befreit,  und  ähnliches.  Ein  alter  verstockter  Heide 
wjrd  durch  Reliquien,  welche  man  ihm  unter  das  Kopfkissen 
legt,  im  Schlafe  bekehrt ;  ein  armer  Schuster  bittet  die  zwan- 
zig Märtyrer  um  Kleider,  und  findet  alsbald  einen  Fisch,  der 
einen  goldenen  King  im  Bauche  hat,  u.  s.  f.  Dabei  vei-sichert 
Augustin,  dass  er  von  den  ihm  bekannt  gewordenen  Wundem 
nur  den  kleinsten  Theil  erwähnt  habe.  Der  heilige  Stephanus 
allein,  sagt  er,  habe  in  den  zwei  Städten  Hippo  und  Calama 
so  viele  Kranke  geheilt,  dass  er  viele  Bände  schreiben  müsste, 
um  alles  zu  erzählen.  Und  zugleich  giebt  er  uns,  wie  man 
glauben  könnte,  für  die  Wahrheit  jener  Wunder  jede  erdenk- 
liche Bürgschaft.  Er  hatte  nämlich  die  Einrichtung  getroffen, 
dass  über  alle  derartige  Vorfalle  föiniliche  Urkunden  aufge- 
nommen wurden.  Solcher  Urkunden  waren  ihm  allein  aus  der 
Stephanus-Kapelle  bei  Hippo  in  weniger  als  zwei  Jahren  gegen 
siebzig  zugekommen,  in  Calama  gab  es  deren  noch  weit  mehr. 
Ueberdies  behauptet  Augustin  noch,  bestimmt  zu  wissen,  dass 
viele  Wunder  nicht  au%ezeichnet  seien.  Was  sollen  wir  nun 
dazu  sagen?  Schliesslich  werden  wir  in  dieser  beispiellosen 
Häufung  von  Wundem  doch  nur  einen  Beweis  für  die  Leicht- 
gläubigkeit jener  Zeit  und  die  Unersättlichkeit  ihres  Wunder- 
bedürfnisses, nur  eine  Bestattung  des  schwegler'scben  Satzes 
(Nachap.  Zeit.  I,  47)  finden  können:  „Alles  glaublich  zu  fin- 
den, sobald  es  erbaulicher  Natur  ist,  diess  nun  eben  ist  genau 
der  Matorische  Standpunkt  der  ältesten  Väter."  Aber  zugleich 
werden  wir  uns  nicht  verbergen  können,  dass  es  vom  ge- 
schichtlichen Gesichtspunkt  aus  schwer  ist,  die  neutestament- 
liehen  Wunder  zu  vertheidigen,  wenn  man  die  von  Augustin 
mitgetheilten  bestreitet,  und  dass  dieser  Kirchenvater  in  seinem 
Recht  ist,  wenn  er  sich  auf  diese,  als  die  besser  beglaubigten, 
zum  Beweis  für  jene  beruft.  Hier  haben  wir  wirklich,  was 
wir  dort  fast  durchaus  vermissen.  Der  Berichterstatter  ist  ein 
Zeltgenosse,  theilweise  selbst  ein  Augenzeuge  der  Begeben- 
heiten, die  er  berichtet;  er  ist  durch  sein  bischöfliches  Amt 
zu  ihrer    genauen   Untereuchung    vorzugsweise    berufen;    wir 


historische  Schale.  353 

kennen  ihn  als  einen  Mann,  an  Geist  und  Wissen  vor  allen 
seinen  Zeitgenossen  hervorragend,  an  religiösem  Eifer,  an  Glau- 
benskraft und  sittlichem  Emst  hinter  keinem  zurückstehend. 
Die  wunderbaren  Vorfälle  haben  sich  an  bekannten  Personen, 
mitunter  vor  grossen  Volksmassen  ereignet,  sie  sind  auf  amt- 
liche Anordnung  urkundlich  verzeichnet  worden.     Und   doch 
glauben  unsere  Theologen,   wenigstens   die   protestantischen, 
nicht  an  diese  Wunder,  und   doch  feinden  ebendieselben  die 
Kritik  an,  dass  sie  gleich  ungeschichtliche  Berichte  in  Schriften 
für  möglich  hält,  von  denen  wir  lange  nicht  so  sicher  wissen,  wann 
und  von  wem  und  nach  welchen  Quellen  sie  verfasst  wurden! 
Doch  gesetzt  auch,  unsere  neutestamentUchen  Schriften 
seien  von  ungeschichtlichen  Bestandtheilen  nicht  freizusprechen, 
lässt  sich  auch  annehmen,  dass  solche  ungeschichtliche  An- 
gaben absichtlich  gemacht  wurden,  dass  nicht  blos  die  be- 
wusstlos  dichtende  Sage,  sondern  auch  die  bewusste  schrift- 
stellerische  Thätigkeit  daran  Antheil    hat?   lässt  sich   diess 
denken,  ohne  dass  wir  uns  von  den  Urhebern  solcher  Täu- 
schungen in  moralischer  Beziehung  ein  Bild  machen  müssten, 
welches  der  geschichtlichen  Wahrscheinlichkeit  und  der  Ach- 
tung   vor   jenen  Männern  gleich  wenig  entsprechen  würde? 
Unsere  Antwort  auf  diese  Frage  ist  die  gleiche,  wie  oben  in 
Betreff  der  Unterschiebung  von  Schriften.    Wo  überhaupt  kein 
geschichtlicher  Sinn  und  keine  geschichtliche  Kritik  ist,  da 
wird  die  tendenzmässige  Veränderung  des  überlieferten  Ge- 
schichtsstoffes ganz  anders  angesehen  werden,  und  ebendess- 
halb  auch  hinsichtlich  ihrer  sittlichen  Zulässigkeit  ganz  anders 
zu  beui-theilen  sein,   als  wo   sie  vorhanden  sind.     Das  Ge- 
schichtliche hat  auf  diesem  Standpunkt  noch  gar  keine  selb- 
ständige  Bedeutung;    seine  Thatsächlichkeit  wird  allerdings 
nicht  bezweifelt,  aber  sein  Werth  imd  Interesse  liegt  für  die 
Verfasser  wie  für  die  Leser  der  Schriften  nur  darin,  dass  es 
gewissen  religiösen  Ideen  und   Bestrebungen  zum  Ausdruck 
dient;  ebendesshalb  aber  glaubt  man  sich  auch  berechtigt,  es 
mit   voller  Freiheit  nach  dogmatischen  Zwecken  umzubilden 
und   selbst  neuzubilden,   und  man  hat  durchaus  nicht  das 

Zeller,  Vorträge  und  Abliandl.  23 


nan  die 
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}.    Man 

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in  Gott 
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.  Aber 
etrüger 


historische  Schule.  355 

Eecht,  die  neuere  Kritik  desshalb  in  Anklagestand  zu  ver- 
setzen, weil  sie  die  Möglichkeit  behauptet,  dass  auch  noch 
andere  biblische  SchrijFtsteller  die  Geschichte  mit  derselben 
Freiheit  behandelt  haben  könnten?  über  „Tendenzkritik"  zu 
klagen,  gleich  als  ob  nicht  alle  literarische  KriJ,ik  die  Tendenz 
der  Schriften,  mit  denen  sie  sich  beschäftigt,  zu  untersuchen 
verpflichtet  wäre,  oder  gar  diesem  Vorwurf  die  iiTefiihrende 
Wendung  zu  geben,  als  ob  die  Resultate  dieser  Ki-itik  selbst 
aus  gewissen  theologischen  Tendenzen  und  nicht  vielmehr  ein- 
fach aus  der  Absicht  entsprungen  wären,  den  geschichtlichen 
Thatbestand  rein  auszumitteln,  von  der  Entstehung  des  Christen- 
thums  imd  seinen  ältesten  Zuständen  ein  möglichst  getreues, 
vollständiges  und  in  sich  einstimmiges  Bild  zu  erhalten? 

Wie  nun  dieses  Bild  von  der  „Tübinger  Schule"  des 
näheren  ausgeführt  wird,  diess  soll  hier  an  der  Hand  von 
Baur's  Kirchengeschichte,  so  weit  sie  die  ältere  Kirche  be- 
trifft,*) in  der  Kürze  gezeigt  werden. 

Um  das  Christenthum  geschichtlich  zu  begreifen,  sagt 
Baur  (Christenth.  d.  3  erst  Jahrh.  S.  1  ff.),  darf  man  schon 
seinen  Anfang  nicht  als  jenes  schlechthinige  Wunder  betrach- 
ten, wofür  er  den  meisten  gilt ;  man  muss  ihn  in  den  geschicht- 
lichen Zusammenhang  hereinziehen  und  soweit  als  möglich  in 

* 

seine  natürlichen  Elemente  auflösen,  man  muss  das  Christen- 
thum „als  eine  dem  Geiste  der  Zeit  entsprechende  und  durch 
die  ganze  bisherige  Entwickelungsgeschichte  der  Völker  vor- 
bereitete allgemeine  Form    des  religiösen   Bewusstseins  auf- 

*)  Die  vorliegende  Abhandlung  war  ursprunglich  zugleich  eine  Anzeige 

der  zwei  ersten  Bände  von  Baur's  Kirchengeschichte,  von  denen  der  erste 

u.  d.  T.    „das  Christenthum   und  die   christliche  Kirche  der   drei  ersten 

Jahrhunderte"  1853  (m  zweiter  Auflage  1860,  in  dritter  1863),  der  zweite: 

„die  christliche  Kirche  vom  Anfang  des  vierten  bis  zum  Ende  des  sechsten 

Jahrhunderts"  1859  (2.  A.  1863)  erschien.  Ich  lasse  diesen  Theil  derselben 

mit  abdrucken ,  wiewohl  jene  Schriften  inzwischen  auch  unter  den  Nicht- 

theologen  einen  bedeutenden  Leserkreis  gefunden  haben:  theils  weil  eine 

Uebersicht  über  ihren  wesentlichen  Inhalt  doch  manchen  erwünscht  sein 

wird,  theils  weil  ich  von  ihr  auch  zu  manchen  eigenen  Erläuterungen  An- 

lass  genommen  habe. 

23* 


hm  durch  die  Eroberungen 
;h  das  Römerreich  nicht 
Verbreitung  gebahnt,  son- 
neinschaft  herg^tellt,  in 
theile  der  Nationalitäten 
üniversalismus  des  Gottes- 
ft  eines  Weltreichs  vor- 
izeitig  und  im  Zusammen- 
eten  des  religiösen  Lebens 
gegangen.  Während  die 
,uben  und  abergläubische 
törten,  das  Judenthnm  in 
nathigem  Fartikularismus 
nerte,  war  zugleich  hier 
n  Weltanschauung  gelegt 
liatte  sieh  durch  die  Phi- 
jUere,  auf  das  menschliche 
Offenbarung  der  Gottheit 
igiösen  Lebens  entwickelt; 
linzufugen,  der  Monotheis- 
■beitet,  die  sinnhch  heitere, 
ensansicht  des  Hellenen 
alistischen  Dualismus  ver- 
jenseitige Welt  eröffnet 
ben  nur  zur  Vorbereitung 
r  in  der  alexandrinischen 
dl  umgebildet  worden,  es 
zum  grösseren  Theil  ab- 
•ch  allegorische  Erklärung 
ophen  erfüllt,  an  die  Stelle 
ne  innerliche,  mit  ängst- 
imfassender  Menschenliebe 
der  Armen  und  Stillen  im 

stellt    sich   so  nicht  als  . 
eothält  nichts,   was  nicht 
orbereitet  und  der  Stufe 


.    historische  Schule.  357 

der  Entwickelung  entgegengeführt  worden  ist,  auf  welcher  es 
uns  im  Christenthum  erscheint,  nichts,  was  nicht,  sei  es  in 
dieser  oder  jener  Form,  auch  zuvor  schon  als  ein  Eesultat 
des  vernünftigen  Denkens,  als  ein  Bedürfniss  des  menschlichen 
Herzens,  als  eine  Fordeining  des  sittlichen  Bewusstseins  sich 
geltend  gemacht  hätte." 

Auch  an  sich  selbst  ist  die  Lehi-e,  welche  der  Stifter  des 
Christenthums  ursprünglich  aufstellte,  nach  Baur  sehr  einfach. 
Lassen  wir  die  johanneische  Darstellung  aus  dem  Spiele^ 
welche  nun  einmal  mit  derjenigen  der  drei  andern  Evangelien 
nicht  zu  vereinigen  ist,  halten  wir  uns  auch  unter  diesen  zu- 
nächst an  das,  welches  wir  für  die  „relativ  ächteste  und  glaub- 
würdigste Quelle  der  evangelischen  Geschichte"  zu  halten 
haben,  an  Matthäus,  so  finden  wir  in  der  Lehre  Jesu  im 
wesentlichen  „nichts,  was  nicht  eine  rein  sittliche  Tendenz 
hätte,  und  nur  darauf  hinzielte,  den  Menschen  auf  sein  eigenes 
sittlich  -  religiöses  Bewusstsein  zurückzuweisen."  (A.  a.  0. 
S.  35.)  Die  Armuth  im  Geiste,  in  welcher  die  Erhebung  des 
religiösen  Bewusstseins  über  den  Druck  der  Endlichkeit  sich 
ausspricht,  die  vollkommene  Gerechtigkeit,  bei  der  es  nicht 
auf  die  äussere  That  ankommt ,  sondern  auf  das  Innere  der  . 
Gesinnung,  jene  Selbstlosigkeit,  andere  ebenso  zu  lieben,  wie 
sich  selbst,  jene  Herzenseinfalt  und  Demuth,  welche  nichts  für 
sich  sein  und  alles  von  Gott  empfangen  will,  jene  Innigkeit 
und  Unbedingtheit  des  religiösen  Lebens,  welche  sich  in  dem 
Vatemamen  Gottes  ausdrückt  (ich  erweitere  auch  hier  die 
baur'sche  Darstellung  um  einen,  wie  mir  scheint,  wesentlichen 
Zug)  —  diess  sind  die  hervorstechendsten  Forderungen  der 
Lehre  Jesu.  Durch  diese  Vertiefung  und  Reinigung  des  sitt- 
lich-religiösen Bewusstseins  wird  die  mosaische  Gesetzesreligion 
grundsätzlich  überschritten,  die  alttestamentliche  Theokratie 
zu  einem  sittlichen  „Reich  Gottes"  vergeistigt.  Doch  hat 
Jesus  selbst  weder  mit  d^m  Mosaismus  gebrochen,  noch  eine 
eigene  entwickeltere  Dogmatik  vorgetragen ;  er  hat  namentlich 
die  späteren  Bestimmungen  über  Sünde  und  Gnade  noch  nicht, 
aufgestellt,  sondern   er  wendet  sich    einfach    an    den  freien    ^ 


T-" 


historische  Schu/e.  359 

Umgestaltung  ihres  inneren  Lebens  in  Wahrheit  noch  Juden 
waren:  so  weit  waren  sie  doch  noch  lange  Zeit  nachher  (wie 
diess  aus  den  paulinischen  Briefen  deutlich  hervorgeht,  und 
dui-ch  die  dogmatisch  umgefärbte  Darstellung  der  Apostelge- 
schichte nicht  widerlegt  werden  kann)  von  einem  klaren  Be- 
wusstsein  über  die  Stellung  entfernt,  welche  sie  damit  zum 
Judenthum  eingenommen  hatten.  Ihr  neuer  Glaube  erschien 
ihnen  nur  als  die  Vollendung,  nicht  als  ein  Aufgeben  des  alten ; 
«ie  wollten  in  der  jüdischen  Religionsgemeinschaft  bleiben  und 
die  christliche  auf  solche  beschränken,  die  jener  angehörten 
oder  dm-ch  die  Beschneidung  zu  ihr  übertraten;  sie  fühlten 
sich  fortwährend  an  die  Vorschriften  des  mosaischen  Gesetzes 
gebunden,  sie  sahen  in  Jesus  nur  den  Messias  der  Juden, 
nicht  den  Stifter  einer  neuen,  Juden  und  Heiden  gleichsehr 
umfassenden,  und  beide  gleichsehr  ihres  bisherigen  religiösen 
Charakters  entkleidenden  Weltreligion.  Den  ersten  Schritt 
nach  dieser  Eichtimg  hin  bezeichnet  vielmehr  das  Auftreten 
des  Hellenisten  Stephanus,  und  ihre  principielle  Begründung 
erhielt  die  Unabhängigkeit  des  Christenthums  vom  Judenthum 
erst  durch  den  grossen  Heidenapostel,  durch  Paulus.  Erat  in 
ihm  hat  das  christliche  Bewusstsein  grundsätzlich  und  bestimmt 
mit  dem  Mosaismus  gebrochen.  Er  zuerst  hat  es  ausgespro- 
chen, dass  nicht  das  Judenthum,  sondern  nur  das  Ghristen- 
thum  den  Menschen  in  das  richtige  Verhältniss  zu  Gott  setzen 
könne.  Dieser  Gedanke  steht  seit  der  Bekehrung  des  Apostels 
im  Mittelpunkt  seiner  religiösen  Weltansicht,  von  hier  aus  hat 
sich,  wie  diess  Baur  des  näheren  nachweist,  der  ganze  pau- 
linische  Lehrbegriflf  in  seinen  Grundzügen  entwickelt.  Es  han- 
delt sich  bei  dieser  Theologie  nicht  blos  um  dogmatische  Spe- 
kulationen, soadern  den  Kern  derselben  bildet  die  praktische 
Frage  nach  dem  Verhältniss  der  beiden  ßeligionsformen,  nach 
der  wahren  Eeligion  und  dem  rechten  Weg  zur  Seligkeit.  Je 
weiter  sich  aber  hiebei  Paulus  von  allem  entfernte,  was  bis- 
her bei  Juden  und  Judenchristen  als  unantastbar  gegolten 
hatte,  je  schroffer  er  mit  der  Behauptung,  dass  die  ganze  alt- 
testamentliche  Religion  nur  ein  Mittel,  die  Sünde  zur  Reife  zu 


ymger 

adeDthum  mid  ChristeDtbunv 
linbar  seien,  uicht  allein  den 
igenosseti,  sondern  auch  den 
nen  gestifteten  Gemeinde  ent- 
ist  es,  dass  er  selbst  bei  den 
[iristen  mit  fortgesetztem  Miss- 
en mit  Hass  und  Widerspruch 
(Verhandlung  zwischen  ihm  und 
lern  Namen  des  Äpostelcondls 
eigenen  Darstellung  (welcher 
der  Apostelgeschichte  unbe- 
!u  einer  grundsätzlichen  Aus- 
Ansätze,  sondern  nur  zu  einer 
Macht  der  Thatsachen  abge- 
n  seinem  Wirkungskreise  ge- 
ler  hiebe!  der  eine  oder  der 
srigen  Standpunkt  verzichtet 
)ei  dem  harten  Zusammenstoss, 
stiTis  in  Antioehien  stattfand; 
1  beiden  Theilen  unbekümmert 
Weg  gehen,  ja  wir  erfahren 
lass  selbst  in  den  von  Paulus 
griffe  Eingang  fanden,  welche 
ei,  und  uameatlich  von  aus* 
pfehluDgen  veraehenen  Send- 
sein Werk  gerichtet  wurden, 
isen,  schrieb  Paulus  den  ge- 
■;  in  ihnen  liegt  eine  von  den 
n  der  beiden  Korintherbriefe; 
laben  wir  uns  eadlieh  auch  den 
will  in  diesem  Sendschreiben 
landersetzung  seines  ganzen 
ne  apostolische  Stiftung  ent- 
idt,  eine  Gemeinde  von  vor^ 
Ige,  gewinnen  und  ihre  Vor- 
stenthum ,  diesen   glücklichen 


historische  Schule.  361 

Nebenbuhler  des  Judenthums  und  seiner  theokratischen  Vor- 
rechte; beschwichtigen.  Zur  Versöhnung  der  Partheien  sollte 
auch  die  Sammlung  für  die  Jerusalemiten  dienen,  welche 
Paulus  unter  seinen  Gemeinden  so  eifrig  betrieben  hatte,  und 
deren  Ertrag  er  persönlich  nach  Jerusalem  überbrachte.  Aber 
dieser  Versuch  hatte  einen  unglücklichen  Ausgang.  Der  Apo- 
stel selbst  wurde  dadurch  in  die  Gefangenschaft  und  schliess- 
lich in  den  Tod  geführt ;  denn  die  Angabe,  dass  er  damals  wie- 
der befreit  und  erst  später,  in  einer  zweiten  römischen  Ge- 
fangenschaft, hingerichtet  worden  sei,,  ist  von  Baur  ebenso  wie 
die  damit  zusammenhängende;  für  die  späteren  kirchlichen 
Verhältnisse  so  wichtig  gewordene  Sage  von  der  Anwesenheit 
des  Petrus  in  Rom  und  seinem  römischen  Episkopat,  längst 
widerlegt  worden.  Auch  das  Versöhnungswerk  des  Apostels 
muss  aber  in  der  Hauptsache  misslungen  sein;  denn  alle 
Spuren  weisen  darauf  hin,  dass  sich  in  der  nächsten  Zeit  nach 
seinem  Tode  die  Partheien  in  der  christlichen  Kirche  noch 
schroff  genug  gegenüberstanden,  und  dass  einige  Menschen- 
alter nöthig  waren,  um  ihre  allmähliche  Annäherung  und  ihre 
schliessliche  Verschmelzung  herbeizuführen.  Es  sind  so  hier 
ähnliche  Verhältnisse,  wie  sie  später  bei  der  Reformation  des 
16.  Jahrhunderts  hervortreten:  über  der  abweichenden  Auffas- 
sung des  gemeinsamen  Werkes  trennen  sich  schon  die  ersten 
Wortführer  der  religiösen  Bewegung;  eine  Ausgleichung  wird 
(auf  dem  sog.  Apostelconvent)  versucht,  aber  sie  ist  so  wenig, 
als  dort  die  Wittenberger  Concordie,  von  Bestand;  erst  nach 
schroffer  Spaltung,  nach  langen  Imingen  und  gegenseitigen 
Anfeindungen  kommt  es  zur  wirklichen  inneren  Uüion. 

Die  Spuren  dieses  Verlaufs  sucht  nun  Baur  sowohl  inner- 
halb als  ausserhalb  der  neutestamentlichen  Schriftsammlung 
auf.  Die  reinste  und  wichtigste  Urkunde  des  Paulinismus 
sieht  er,  nächst  den  Briefen  des  Apostels,  in  dem  Lukas- 
evangelium, welches  seiner  Ansicht  nach  die  evangelische  Ge- 
schichte eben  aus  dem  Gesichtspunkt  des  paulinischen  Univer- 
salismus behandelt;  während  Matthäus  die  ursprüngliche  evan- 
gelische Ueberlieferung,  wie  sie  sich  in  judenchristlichen  Krei- 


362  Die  Tübinger 

gen  fortgepflanzt  hatte,  verhältnissmässig  am  reinsten  wieder- 
giebt;  einen  einseitigen  Paulinismus  finden  wir  in  der  Folge, 
mit  gnostischem  Dualismus  Hand  in  Hand  gehend ,  bei  Mardon. 
Von  judenchristlicher  Seite  ist  die  älteste  Schrift,  die  wir  be- 
sitzen, die  Offenbarung  des  JohanneSj  welche  1—2  Jahre  vor 
der  Zerstörung  Jerusalems,  aller  Wahrscheinlichkeit  nach  von 
dem  Apostel,  dessen  Namen  sie  trägt,  verfasst  wurde,  und 
welche  auch  seiner  —  um  diess  beiläufig  zu  bemerken  —  gar 
nicht  unwürdig  ist,  sobald  man  sie  nur  mit  geschichtlichem 
Verständniss  betrachtet.  Denn  wenn  uns  freüich  ein  auf 
Jahrtausende  berechneter  prophetischer  Abriss  der  Welt-  und 
Kirchengeschichte,  falls  er  durch  die  nachfolgenden  Ereignisse 
bestätigt  wurde,  unbegreiflich,  und  falls  er  diess  nicht  wurde, 
phantastisch  erscheinen  müsste,  so  ist  dagegen  nichts  begreif- 
licher, als  eine  Schrift,  welche  bei  einer  tief  eingreifenden 
Wendung  der  Geschichte  die  Erwartungen  einer  Religions- 
parthei  von  der  nächsten  Zukunft  ausspricht,  und  diese  Parthei 
für  die  bevorstehenden  Ereignisse  zu  kräftigen  und  zu  sam- 
meln sich  bemüht.  Eben  diess  thut  nun  die  Apokalypse. 
Die  ältesten  Christen  erwarteten  bekanntlich  mit  jedem 
Tage  das  Ende  der  Welt  und  die  wunderbare  Wieder- 
kunft des  Messias,  welcher  dann  erst  den  letzten  Zweck 
seiner  Erscheinung,  die  Stiftung  des  messianischen  Kelches, 
verwirklichen  sollte.  Die  ganze  apostolische  und  nachaposto- 
lische Zeit,  das  ganze  neue  Testament,  nur  seine  jüngsten 
Bestandtheile  ausgenommen,  ist  voll  von  dieser  Erwartung; 
sie  ist  es,  welche  den  ersten  Christen  jene  opferfreudige  Hin- 
gebung im  Kampfe  mit  der  heidnischen  und  der  jüdischen 
Welt  möglich  gemacht  hat,  und  gerade  die  unmittelbare  Nähe 
der  Wiederkunft  Christi  ist  es,  worauf  hiebei  alles  ankam ; 
denn  wenn  der  Einzelne  ein  solches  Ereigniss  erst  Jahrhun- 
derte und  Jahrtausende  nach  seinem  Tode  zu  erwarten  hat, 
so  hat  es  füi-  ihn  keine  Bedeutung  mehr.  Als  nun  in  der 
neronischen  Christenverfolgung  das  heidnische  Weltreich  der 
Christengemeinde  zum  ersten  Mal  mit  grausamer  Wuth  ent- 
gegentrat, als  in   dem  jüdischen  Kriege  die   Geschicke  des 


■»jii*i**y^ 


historische  Schule.  363 

Volkes,  das  seinen  Messias  verworfen  hatte,  sich  zu  erftdlen 
begannen,  als  nach  Nero's  Tod  um  den  Thron  der  Cäsaren  in 
blutigem  Bürgerzwist  gekämpft  wurde,  da  schien  den  Christen 
die  prüfungsreiche  Wai-tezeit  ihrem  Ende  sich  zuzuneigen;  es 
tauchte  das  Geiilcht  auf,  welches  in  einem  bedeutenden  Theile 
der  römischen  Welt  bei  der  heidnischen  und  der  christlichen 
Bevölkerung  Glauben  fand,  Nero  sei  seinen  Mördern  entronnen, 
oder  nach  christlicher  Wendung  der  Sage,  er  werde  wieder 
vom  Tode  ei*weckt  werden,  um  demnächst  mit  orientalischen 
Heeren  zuiiickzukehren  und  an  Rom  furchtbare  Rache  zu 
nehmen;  die  Christen  sahen  in  ihm  den  Antichrist,  der  mit 
Hülfe  der  Dämonen  sein  Werk  zu  Ende  führen,  alle  treuen 
Bekenner  Christi  vertilgen,  dann  aber  vor  dem  wiedererschei- 
nenden Messias  in  den  Staub  sinken  sollte.  Aus  diesen  Ver- 
hältnissen und  Erwartungen  heraus  ist  die  „Offenbarung"  ge- 
schrieben: sie  will  die  Christenheit  zum  standhaften  Bekennt- 
niss  und  zur  unverfälschten  Bewahrung  ihres  Glaubens  er- 
mahnen, und  sie  auf  das  bevorstehende  Märtyrerthum  vorbe- 
reiten, indem  sie  den  Ausgang  des  nahen  Kampfes  und  die 
überschwänglichen  Belohnungen  der  glaubenstreuen  Streiter 
nach  Anleitung  der  herrschenden  jüdischen  Messiaserwartungen 
in  der  längst  herkömmlichen  Form  prophetischer  Darstellung 
schildert.  Sie  ist  ein  Manifest  der  Christenheit  für  den,  wie 
man  annahm,  unmittelbar  bevorstehenden  Entscheidungskampf 
mit  den  widerchristlichen  Mächten.  Sie  ist  daher  für  ihre 
Zeit  ein  Werk  von  der  höchsten  Bedeutung,  und  sie  ist  nur 
desshalb  von  der  Folgezeit  umgedeutet,  angezweifelt,  sölbst 
aus  dem  Kanon  entfernt  worden,  weil  spätere  Jahrhunderte  in 
ihren  alterthümlichen  Anschauungen,  in  ihren  von  der  Ge- 
schichte längst  überholten  und  widerlegten  Erwartungen  sich 
nicht  zurechtzufinden  wussten.  Nur  um  so  bezeichnender  ist 
es  aber,  wenn  ein  solches  Buch  Dinge,  welche  Paulus  verthei- 
digt  und  erlaubt  hatte,  zu  der  Teufelslehre  Bileam's  rechnet, 
wenn  einer  der  angesehensten  von  den  Judenaposteln  selbst 
damals  noch  die  Heidenchristen  nur  wie  Hintersassen  zu  dem 
ächten  judenchristlichen  Stamm  der  Messiasgemeinde  hinzukom- 


864  I>ie  Tttbinger 

men  lässt,  wenn  unter  den  zwölf  Aposteln  des  Messias,  derea 
Namen  auf  den  Grundsteinen  des  himmlischen  Jerusalems  ein- 
gegraben sind,  iQr  den  grossen  Heidenapostel  kein  Baum  bleibt, 
■wenn  die  ephesische  Gemeinde,  in  der  er  so  lai^e  gewirkt 
hatte,  belobt  wird,  dass  sie  die,  welche  sich  selbst  zu  Aposteln 
machen  wollten,  geprüft  und  sie  falsch  erfanden  habe.  Man 
sieht  auch  hier,  welche  harte  Gegensätze  es  waren,  aus  deren 
Vermittlung  die  katholische  Kirche  allein  hervoi^ehen  konnte. 
Weitere  Beweise  von  der  Stimmung  der  judaisirenden  Parthei 
gegen  Paulus  bringt  Baui*  aus  Papias,  Hegesippus  und  beson- 
ders  aus  den  pseudo-clementinischen  Schriften  bei,  und  eben- 
dahin bezieht  er  mit  Recht  die  Sage  von  dem  Magier  Simon, 
über  deren  ursprüngliche  Bedeutung  schon  anderwärts  (S.  226) 
das  erforderliche  beigebracht  ist 

Indessen  lag  es  in  der  Natur  der  Sache,  dass  die  Theiie 
-dei'  Christenheit,  welche  doch  immer  durch  gemeinsamen  Glau- 
ben verbunden  waren,  nicht  alle  und  nicht  immer  in  dieser 
Spannung  beharren  konnten,  dass  die  Streitfragen  ihre  Schärfe 
allmählich  verloren,  die  gemeinschaftlichen  Elemente  bestimm- 
ter heraustraten,  dass  die  sich  bekämpfenden  Partheien  im 
Streite  selbst  sich  näher  kamen,  manches  von  einander  an- 
nabmen,  über  anderes  sich  verglichen,  dass  mit  der  Zeit  für 
alle  Christen  eine  gemeinsame  Dogmatik  und  eine  gemeinsame 
Kirche  entstand.  Sowohl  auf  judenchristlidier  als  auf  pauli- 
nischer  Seite  lässt  sieb,  wie  Baur  zeigt,  diese  aoBgleichende 
Thätigkeit  wahrnehmen.  Dort  ist  es  bereits  eine  wesentliche 
Mildeiimg  des  urspiünglichen  Standpunktes,  wenn  schon  frühe 
auf  die  Beschneidung  der  Heidenchristen  verzichtet  und  die 
Taufe  an  ihre  Stelle  gesetzt  wird,  wenn  das  Heidenchristen- 
thum,  welches  man  als  ein  paulinisches  nicht  gelten  lassen 
wollte,  zu.  einem  petrinischen  gemacht,  wenn  in  den  Clemen- 
tineu  Petrus  als  der  eigentliche  Heidenapostel  dargestellt  und 
so  neben  dem  fortwährenden  leidenschaftlichen  Widerspruch 
gegen  die  Person  des  Paulus  sein  Werk  und  der  von  ihm  ver- 
fochtene  Grundsatz  des  Universalismus  anerkannt  wird.  Unter 
den  neutestamentlichen   Büchern  legt  der  Jakobusbrief  von 


historisclie  Schale.  365 

dem  Einfluss  Zeugniss  ab,  welchen  diese  paulinische  Auffas- 
sung des  Christentliums  auch  auf  solche  gewann,  die  ihr  in 
vielen  Beziehungen  noch  grundsätzlich  widerstrebten.  Den 
TJebergang  vom  Judenchristenthum  zum  Paulinismus  bezeichnet 
der  Brief  an  die  Ebräer ;  nächst  ihm  stellen  sich  in  den  reiner 
paulinischen  Briefen  an  die  Epheser,  die  Kolosser  und  die 
Philipper,  und  in  den  bereits  gegen  die  häretische  Gnosis  ge- 
richteten Pastoralbriefen  verschiedene  Formen  und  Stufen 
jener  vermittelnden  Bestrebungen  dar,  welche  in  der  Apostel- 
geschichte durch  eine  ganz  und  gar  im  conciliatorischen  Inter- 
esse gehaltene,  den  geschichtlichen  Stoff  mit  grosser  Freiheit 
erweiternde  und  umbildende  Darstellung  ihre  Spitze  erreichen. 
Von  der  Absicht,  die  dogmatischen  Gegensätze  möglichst  zu 
neutralisiren,  ist  das  Markusevangelium  geleitet,  ein  Auszug 
aus  Matthäus  und  Lukas,  der  für  seine  sonstige  Farblosigkeit 
nur  in  der  stärkeren  Ausmalung  der  äusseren  Vorgänge  einen 
Ersatz  sucht.  Aehnliche  Wahrnehmungen  wiederholen  sich 
ausserhalb  unserer  neutestamentlichen  Sammlung  bei  den 
Schriften,  welche  uns  unter  den  Namen  des  Barnabas,  Ignatius, 
Clemens,  Polykarpus  und  Hermas  tiberhefert  sind,  und  bei 
Justin  dem  Märtyrer.  So  sehen  wir  denn  seit  der  zweiten 
Hälfte  des  zweiten  Jahrhunderts  den  Gegensatz,  welcher  die 
apostolische  und  nachapostoHsche  Zeit  so  tief  bewegt  hatte, 
verschwinden,  Petrus  und  Paulus  erscheinen  als  durchaus  ein- 
verstanden in  ihren  üeberzeugungen  und  zu  gemeinsamem 
Wirken  verbrüdert,  und  um  uns  hierüber  keinen  Zweifel  übrig 
zu  lassen,  werden  sie  von  der  römischen  Kirche,  in  welcher 
«ich  diese  Versöhnung  der  Partheien  zuerst  vollzogen  zu  haben 
scheint,  gemeinschaftlieh  als  ihre  Stifter  verehrt,  und  es  wer- 
den in  der  Stadt,  welche  Petms  niemals  betreten  hat,  die 
Gräber  der  beiden  Apostel  als  Denkmale  ihres  gemeinsamen 
Märtyrertodes  gezeigt.  Schon  unsere  beiden  petrinischen 
Eriefe  legen  diese  Tendenz  deutlich  an  den  Tag,  wie  denn 
auch  beide  erst  im  zweiten  Jahrhundert,  wahrscheinlich  in 
Eom,  geschrieben  sind.  Ihren  letzten  dogmatischen  Abschluss 
erhielt   aber  diese    ganze  Bewegung   des  religiösen   Geistes 


366  I>ie  Tübinger 

durch  jenes  Evangelium,  welches  um  die  Mitte  des  zweiten 
Jahrhunderts  ver&sst  und  nicht  sehr  lange  nachher  als  ein 
Werk  des  Apostels  Johannes  allgemein  anerkannt  wurde. 
Das  Judenthum  liegt  fUr  den  Standpunkt  dieses  Evangeliums 
als  eine  längst  überwundene  Erscheinung  in  der  Vergangen- 
heit, das  Ghristenthum  ist  als  der  einzige  und  allgemeine 
Heilsweg  festgestellt,  alle  Gegensätze,  die  es  innerhalb  des 
jüdischen  Partikularismus  festhalten  wollten,  sind  in  seinem 
Universalismus  aufgehoben,  ein  neues  absolutes  Princip,  das 
weltschöpferische  Wort  Gottes,  hat  sich  in  ihm  geoffenbart,  und 
die  Aufgabe  kann  nur  die  sein,  durch  keine  beschränktere 
Form  des  religiösen  Lebens  beirrt,  diesem  Göttlichen  sich  ganz 
hinzugeben,  in  Liebe  mit  dem  Sohn  Gottes  und  dui*ch  ihn  nüt 
Gott  selbst  sich  zu  einigen.  Von  jenen  Kämpfen,  dm*ch  welche 
sich  die  Christenheit  in  ihrer  Urzeit  hindurcharbeiten  musste, 
wird  diese  ideale  Darstellung  nicht  mehr  berührt:  wie  der 
Stifter  des  Christenthums  zur  Göttlichkeit  erhoben  ist,  so  ist 
auch  das  Ghristenthum  selbst  ein  unendliches,  dem  gegenüber 
alles  andere  seine  Bedeutung  verliert ;  das  christliche  Bewusst- 
sein  hat  einep  Buhepunkt  erreicht  und  die  Nebel  hinter  sich 
gelassen,  welche  auf  tieferen  Stufen  seinen  Gesichtskreis  um- 
hüllt hatten. 

Schon. bei  diesen  Entwicklungen  sind  nun  zwei  Erschei- 
nungen betheiligt,  deren  Spuren  namentlich  dem  Johannes- 
evangelium eingedrückt  sind,  deren  Wirkung  aber  im  weiteren 
Verlaufe  sich  noch  vollständiger  herausstellen  sollte,  die  Gno- 
sis  u3J(S**^^ontanismus.  Die  erste  hatte  Baur  schon  im  Jahre 
1835  in  einem  eigenen  Werke  behandelt,  und  sie  seitdem  foi-t- 
während  im  Auge  behalten ;  für  eine  gründlichere  Erforschung 
des  Montanismus  hatte  Schwegler  in  der  Schrift,  mit  der  er 
sich  in  die  gelehrte  Welt  einführte,  den  ersten  nachhaltigen 
Versuch  gemacht,  an  den  weiteren  Verhandlungen  darüber 
auch  Baur  theilgenommen.  In  seiner  „christlichen  Kiixhe  der 
drei  ersten  Jahrhunderte"  (S.  175)  fasst  der  letztere  die  Er- 
gebnisse dieser  Untersuchungen,  in  mancher  Beziehung  er- 
gänzt und  schärfer  bestimmt,   übersichtlich  zusammen.     Die 


I 


historische  Schule.  367 

ältere  und  bedeutendere  von  den  zwei  eben  genannten  Er- 
scheinungen isti  die  Gnosis,  jene  vielgestaltige  religiöse  Speku- 
lation, welche  die  christliche  Kirche  des  zweiten  Jahrhunderts 
von  Syrien  und  Pontus  bis  nach  Spanien  und  Nordaiiika  in 
ihrer  Tiefe  aufgeregt,  und  einige  Menschenalter  hinduixh  um 
die  Herrschaft  in  ihr  gerungen  hat.  Wir  können  dieselbe  aus 
einem  doppelten  Gesichtspunkt  betrachten.  Einerseits  erscheint 
sie  als  eine  Fortsetzung  der  jüdisch  -  alexandrinischen  Philo- 
sophie, von  welcher  sie  auch  geschichtlich  ohne  Zweifel  zunächst 
ausgieng,  als  eine  Uebertragung  griechischer  und  theilweiäe 
auch  orientalischer  Spekulationen  in's  Christenthum.  Anderer- 
seits treffen  wir  aber  bei  den  Gnostikem  eine  solche  Energie 
des  eigenthümlich  christlichen  Bewusstseins,  eine  so  hohe  Mei- 
nung von  dem  neuen  und  unterscheidenden  der  christlichen 
Keligion,  dass  sie  den  geschichtlichen  Zusammenhang  derselben 
mit  dem  vorchristlichen  völlig  abreissen,  und  im  Judenthum 
insbesondere  nicht  eine  dem  Christenthum  gleichartige,  gleich- 
falls göttliche  Offenbarung,  sondern  nur  das  Werk  eines  be- 
schränkten, tief  unter  dem  höchst^i  Gott  stehenden  Wesens 
zu  finden  wissen.  Nach  jener  Seite  könnte  man  sie  flir  Schü- 
ler der  heidnischen  Philosophen,  nach  dieser  für  extreme  Pau- 
liner halten.  Beides  ist  aber  hier  aufs  engste  verbunden» 
Die  Gnostiker  wollten  das  Christenthum  in  seiner  Reinheit  und 
Vollendung  darstellen,  sie  wollten  aus  demselben  alle  jene 
trübenden  Bestandtheile  ausscheiden,  welche  ihm  als  Ueber- 
bleibsel  des  Judenthums  bei  der  Masse  der  Christen  noch  an- 
haften, sie  verlangten,  wie  Paulus,  ein  vergeistigtes,  pneuma- 
tisches Christenthum.  Das  Mittel  dazu  sollte  nun  die  höhere 
Erkenntniss,  die  Spekulation  sein,  für  welche  sie  nur  bei  den 
jüdisch-alexandrinischen,  und  in  letzter  Beziehung  mit  diesen 
bei  den  griechischen  Philosophen  die  Anleitung  finden  konn- 
ten; natürlich  entlehnten  sie  aber  von  ihren  Vorgängern  vor 
allem  das,  was  ihrer  eigenen  religiösen  Tendenz  entsprach, 
jenen  schroffen,  spiritualistischen  Dualismus,  der  im  Univer- 
sum wie  in  der  Menschenwelt  überall  nur  ungöttliches,  unvoll- 
kommenes und  böses  erblickte,  um  alles  göttliche  und  geistige 


368  ^e  Tübinger 

auf  die  edleren,  der  gnostischen  Erkenntniss  fähigen  Seelea 
zu  beschränken.  So  kraus  es  aber  in  dieser  Spekulation  auch 
hergeht,  so  fremdartig  und  abenteuerlich  das  meiste  darin  uns 
anspricht,  so  ausserordentlich  war  doch,  wie  schon  aus  ihrer 
weiten  Verbreitung  und  ihrer  langen  Dauer  hervorgeht,  ihre 
Wirkung  auf  die  christliche  Kirche.  Vergleichsweise  von  ge- 
ringerem, an  sich  selbst  aber  doch  immer  noch  von  sehr  be- 
deutendem Einfluss  ist  der  Montanismus,  welcher  vor  der 
Mitte  des  zweiten  Jahrhunderts  in  Eleinasien  entstand  und 
gleichfalls  bald  in  der  ganzen  christlichen  Welt  Anhänger  ge- 
wann. Diese  Denkweise  bildet  in  vielen  Beziehungen  das  Ge- 
genstück zu  der  Gnosis.  Auch  sie  hat  es  nämlich  auf  eine 
Vollendung  der  Kirche,  ein  pneumatisches  Christenthum  ab- 
gesehen, aber  das  Motiv  derselben  liegt  für  sie  in  der  damals 
bereits  veraltenden,  von  ihr  mit  fanatischer  Begeisterung  er- 
neuerten Erwartung  des  nahen  Weltendes;  ihr  Inhalt  besteht 
nicht  in  der  Reinigung  des  Christenthums  von  allem  Jüdischen, 
sondern  im  Gegentheil  in  einer  Verschärfung  jener  Sitten-  und 
Kirchenzucht,  die  vorherrschend  judenchristlichen  Ursprungs 
ist,  in  einer  grösseren  Strenge  der  Fasten-  und  Ehegesetze, 
des  Busswesens  u.  s.  w.,  mit  Einem  Wort  in  einem  „neuen 
Gesetz";  das  Mittel,  um  sie  herbeizuführen,  ist  nicht  die 
Spekulation,  sondern  die  Prophetie,  die  Ekstase,  in  welcher 
der  Mensch  dem  neuen  prophetischen  Geiste,  dem  Paraklet, 
sich  als  willen-  und  bewusstloses  Werkzeug  hingiebt.  Darin 
jedoch  treffen  beide  Erscheinungen,  Gnosis  und  Montanismus, 
zusammen,  dass  sie  eine  Reform  der  Kirche,  einen  Fortschritt 
zu  höherer  religiöser  Vollkommenheit,  meist  allerdings  mit 
entgegengesetzten  Mitteln,  verlangen.  Und  dass  sie  auch  wirk- 
lich für  den  weiteren  Verlauf  der  kirchlichen  Entwicklung  von 
der  höchsten  Wichtigkeit  gewesen  sind,  lässt  sich  nicht  ver- 
kennen. Die  Gnosis  gab  der  theologischen  Spekulation  auch 
ausserhalb  der  eigenen  Parthei  einen  so  kräftigen  Anstoss,  dass 
sich  selbst  ihre  erbittertsten  Gegner,  die .  Ebjoniten,  diesem 
Einfluss  nicht  entziehen  konnten,  und  in  dem  System  der  cle- 
mentinischen  Homilieen  eine  eigenthümliche  Foim  Judenchrist- 


historische  Schule.  369 

lieher  Gnosis  erzeugten;  innerhalb  der  katholischen  Kirche 
wiederholt  sie  sich  in  der  rechtgläubigen  Gnosis  der  grossen 
alexandrinischen  Kirchenlehrer,  eines  Clemens,  Origenes  und 
ihrer  über  den  ganzen  Osten  verbreiteten,  Jahrhunderte  lang 
fortwirkenden  Schule;  dieser  Gnosis,  welche  die  Lehren  der 
gi-iechischen  Philosophen  so  bereitwillig  in  die  christliche 
Dogmatik  einführte,  und  sie  mit  der  christlichen  Ueberlieferung 
zu  so  merkwüi'digen  Lehrgebäuden  verknüpfte.  Der  Monta- 
nismus hat  theils  auf  die  christliche  Dogmatik,  namentlich  in 
der  Lehre  von  der  Dreieinigkeit,  theils  und  besonders  auf  die 
Gestaltung  der  christlichen  Sitte  und  der  kirchlichen  Sittenzucht 
eingewii'kt.  Noch  wichtiger  ist  aber,  dass  der  Kampf  mit  die- 
sen Gegnern,  und  vor  allem ,  mit  der  Gnosis,  die  Kirche 
nöthigte,  sich  zu  einer  schärfer  abgegi-enzten  Lehreinheit  und 
festeren  Yerfassungsformen  zusammenzufassen.  Den  Gnostikem 
gegenüber  half  es  nichts,  sich  auf  die  heiligen  Schriften  zu 
berufen.  Von  den  alttestamentlichen  wollten  sie  nichts  wis- 
sen, die  neutestamentlichen  wurden  von  ihnen  theils  gleichfalls 
nicht  anerkannt,  theils  durch  jene  allegorische  Auslegung,  ge- 
gen welche  die  damalige  Theologie  kein  Mittel  hatte,  in  ihrem 
Sinn  umgedeutet.  Einer  Auktorität  aber,  welche  den  Streit 
schlichtete,  konnte  man  nicht  entbehren,  denn  der  ganze 
kirchliche  Glaube  beruhte  auf  Auktorität  und  Tradition ;  wenn 
man  sich  einmal  darauf  einliess,  seine  Geltung  von  dem  Er- 
folge der  wissenschaftlichen  Beweisfühmng  abhängig  zu  machen, 
so  drohte  alles  in's  Schwanken  zu  gerathen.  So  blieb  nichts 
übrig,  als  auf  das  Zeugniss  zurückzugehen,  von  welchem  auch  die 
Annahme  der  heiligen  Schriften  am  Ende  abhieng,  das  Zeugniss 
der  kirchlichen  Ueberlieferung.  In  ihr  sollte  die  ächte  aposto- 
lische Lehre  bewahrt  sein,  welche  man  auch  bereits,  um  alle 
abweichenden  Behauptungen  desto  sicherer  auszuschliessen,  in 
übersichtlichen  Bekenntnissen,  in  der  sogenannten  Glaubens- 
regel, zusammenzufassen  pflegte.  Wer  verbürgte  aber  die  Treue 
und  den  apostolischen  Urspmng  dieser  Ueberlieferung?  Wer 
konnte  überhaupt  in  dem  Streit  der  Meinungen  einen  festen 

Zeller,  Vorträge  und  Abhandl.  24 


ien  Spaltungen  in  den  Ge- 
telpunkt  darbieten,  an  dem 
,  vo  das  Recht  und  wo  das 
stliche  Kirche,  wo  die  wiU- 
die  Häresie,  zu  suchen  sei? 

die  Nachfolger  der  Apostel, 
i  jenen  die  reine  Lehrüber- 
xilische  Geist  vererbt  hatte, 
lostischen  Häresie  und  dem 
a  den  Einzelgemeinden  2ur 
[irchenverfessung.  In  den 
sonst,  bis  g^en  die  Mitte 

bedeuten  die  Namen  der 
ich  dasselbe;  jetzt  dagegen 
iheitliche,  alle  Rechte  der 
de  Spitze  derselben  rasch 
3,chgen,  und  jene  hohe  Idee 
eiche  zuerst  in  den  pseudo- 
aischen  Schriften  mit  aller 
it  nun  eine  kirchliche  Ein- 
en gegebenen  Verhältnissen 
Baur  a.  a.  0.  302  f.)  durch 
m  Grundform  einer  unend- 
insofem  die  Elemente  der 
n  Hierarchie  in  sich  trägt. 
biet  der  Kirche  äusserlich 
)  und  das  Verhältniss  der 
Merkmalen,  durch  den  Aus- 

Auktorität,  zu  bestimmen; 
rer  Einheit,  im  Gegensatz 
1*81  ist  mit  der  Sache  auch 
atholischen  Kirche  ge- 
h  diese  Idee  sich  in  noch 
.  Die  Bischöfe  treten  nicht 
ien  zusammen,  welche  zu- 


historische  Schule.  371 

nächst  allerdings  noch  auf  einzelne  Provinzen  beschränkt  sind ; 
sondern  frühe  schon  erheben  gewisse  Gemeinden  den  An- 
spruch, dass  sie  als  apoitolische  Stiftungen  die  Lehre  der 
Apostel  reiner  und  zuverlässiger,  als  andere,  bewahrt  haben, 
dass  daher  ihnen  und  ihren  Bischöfen  bei  Lehrstreitig- 
keiten eine  vorzugsweise  Geltung  zukomme.  Keine  andere 
Gemeinde  hat  aber  diesen  Anspruch  höher  gespannt .  und  keine 
ist  mit  ihm  vollständiger  durchgedrungen,  als  die  der  Welt- 
hauptstadt, von  der  die  Völker  nun  schon  einmal  ihre  Gesetze 
zu  erhalten  gewohnt  waren,  die  römische.  Sie  war  nicht  allein 
im  Abendlande  die  einzige ,  welche  sich  eines  apostolischen 
Ursprungs  rühmen  konnte:  sie  führte  auch  ihre  Stiftung  auf 
die  zwei  grössten  Apostel,  Paulus  und  Petrus,  zurück,  und 
ihre  Bischöfe  wollten  desshalb  nicht  allein  Nachfolger  der 
Apostel  in  ihrem  Amte,  sondern  auch  Nachfolger  des  Petrus 
in  seinem  Primat  sein.  Schon  gegen  das  Ende  des  zweiten 
und  im  Laufe  des  dritten  Jahrhunderts  gelangt  dieser  An- 
spruch im  Abendland  allmählich  zur  Anerkennung,  und  es  wird 
so  im  Glauben  der  Völker  der  Gnind  gelegt,  auf  dem  in  der 
Folge,  unter  der  Gunst  der  Verhältnisse,  die  päpstliche  Macht 
aufgebaut  wuide.  In  Wahrheit  ist  freilich  die  römische  Kirche, 
wie  bemerkt,  weder  von  Paulus  noch  von  Petrus  gestiftet  worden, 
ja  Petiiis  ist  sicher  niemals  nach  Rom  gekommen.  Nicht  die 
apostolische  Stiftung,  sondern  die  politische  Bedeutung  Rom's. 
ist  es,  welcher  die  römische  Kirche  ihre  hohe  Stellung  zu  ver- 
danken hat,  und  nur  weil  man  in  Rom  schon  frühe  dieser 
massgebenden  Bedeutung  der  eigenen  Gemeinde  sich  bewusst 
wurde,  hat  die  römische  Sage  die  beiden  Apostel  am  Schluss  ihres 
Lebens  zu  gemeinsamem  Märtyrertod  hier  zusammengeführt, 
und  in  der  Folge  den  Apostelfürsten  Petrus  sogar  zum  Stifter 
und  ersten  Bischof  der  römischen  Kirche  erhoben.  Dem  da- 
maligen  kirchlichen  Bewusstsein  musste  sieh  aber  die  Sache 
freilich  anders  darstellen:  wenn  die  Gemeinde  der  Weltstadt 
unter  allen  Christengemeinden  die  erste. Stelle  einnahm,  so 
musste  sie  auch  von  den  ersten  unter  den  Aposteln  ge- 
stiftet sein. 

24* 


372  I>ie  Tübinger 

Mit  dieser  Ausbildung  der  kirchlichen  Verfassung  und 
Auktorität  steht  nun  die  Entwicklung  des  Dogma  in  einer 
merkwürdigen  Wechselbeziehung,  iffie  das  Bedürfhiss  einer 
festen  Glaubensnorm  der  Haupthebel  für  die  Steigerung  der 
bischöflichen  Macht  und  der  kirchlichen  Einheit,  für  den  Fort- 
schritt der  Kirche  zur  Katholicität  war,  so  spiegelt  sich  an- 
dererseits in  dem  Inhalt  der  kirchlichen  Lehre  das  Bewusst- 
sein  der  Kirche  über  sich  selbst  ab,  und  wenn  wir  die  Geschichte 
derselben  genauer  verfolgen,  so  können  wir  deutlich  wahr- 
nehmen, wie  sie  nur  dasselbe  ideal,  für  die  Anschauung  der 
Gemeinde ,  ausdrückt ,  was  in  den  gegebenen  Zuständen  als 
ein  reales  vorhanden  ist,  wie  jeder  neuen  Stufe  in  der  Lehr- 
bildung eine  Veränderung  in  den  thatsächlichen  Verhältnissen 
der  Kirche,  in  ihrer  Macht  und  ihrer  Verfassung  entspricht. 
Der  Mittelpunkt  der  christlichen  Dogmatik,  die  Lehre,  welche 
noch  alle  anderen  in  sich  schliesst  und  zu  keiner  selbständigen 
Entwicklung  kommen  lässt,  ist  in  den  ersten  Jahrhunderten 
die  Lehre  von  der  Person  Christi.  Gerade  von  ihr  gilt  aber 
im  strengsten  Sinn  der  Kanon,  dass  das  Dogma  nur  ein  Reflex 
des  unmittelbaren  religiösen  Bewusstseins  ist.  Die  Kirche  im 
ganzen  und  jede  Parthei  in  derselben  hat  dem  Stifter  des 
Christenthums  jederzeit  genau  diejenigen  Eigenschaften  bei- 
gelegt, deren  er  ihrer  Meinung  nach  bedurfte,  um  Urheber 
der  eigenthümlichen  Segnungen  zu  sein,  die  vom  Christenthum 
erwartet  wurden.  Worin  aber  diese  gesucht  wurden,  und 
welche  Vorstellungen  man  sich  demnach  über  Christus  bildete, 
diess  musste  natüi'lich  ganz  und  gar  von  der  Beschaffenheit 
des  jeweiligen  religiösen  Bewusstseins  abhängen,  und  es  ver- 
hielt sich  in  dieser  Beziehung  von  Anfang  an  nicht  anders, 
als  es  sich  heute  noch  verhält.  So  lange  man  im  Christen- 
thum nicht  mehr  sah,  als  die  Vollendung  des  Judenthums, 
genügte  der  christlichen  Gemeinde,  um  die  Würde  ihres  Stif- 
ters zu  bezeichnen,  die  jüdische  Vorstellung  vom  Messias:  er 
war  ein  Mensch  wie* andere  Menselien,  wenn  auch  ein  wunder- 
bar erzeugter,  mit  dem  göttlichen  Geist  im  höchsten  Mass 
ausgerüsteter  Mensch,  er  war  nur  der  grösste  von  den  Pro- 


■I* 


historische  Schule.  373 

pheten.  So  in  unsern  drei  ersten  Evangelien;  so  trotz  der 
gesteigertsten  Messiasprädikate  in  der  Offenbaioing  des  Johan- 
nes. Als  Paulus  das  Christenthum  vom  Judenthum  losriss^ 
um  in  ihm  eine  selbständige  Macht,  das  letzte  Ziel  und  den 
ursprünglichen  Zweck  der  ganzen  Menschheit  zu  erkennen,  da 
überschritt  er  sofort  auch  den  jüdischen  Messiasbegriflf ;  Christus 
wurde  ihm  aus  einem  idealen  Repräsentanten  des  jüdischen 
Volkes  zum  Ideal  der  Menschheit,  aus  einer  einzelnen,  erst 
im  Verlauf  der  Geschichte  in's  Leben  getretenen  Erscheinung,, 
zum  schöpferischen  Princip  des  Ganzen,  zur  Voraussetzung 
aller  Geschichte:  er  beschrieb  ihn  als  den  Urmenschen,  den 
himmlischen  oder  pneumatischen  Menschen,  welcher  schon  vor 
seinem  irdischen  Leben  präexistirt  habe,  durch  welchen  Gott 
alles  in's  Werk  setzte.  In  demselben  Masse  sodann,  wie  die 
christliche  Kirche  zum  sicheren  Gefühl  ihrer  selbständigen 
Eigenthümlichkeit  und  ihrer  universellen  Bestimmung  kam, 
wie  sie  sich  äusserlich  über  die  ganze  römische  Welt  ver- 
breitete, innerlich  sich  durch  den  Episkopat  organisirte  und 
allen  abweichenden  Partheien  gegenüber  sich  als  katholische 
Kirche  zusammenfasste ,  sehen  wir  auch  die  paulinische  Vor- 
stellung über  Christus  sich  verbreiten  und  gleichzeitig  zu  einer 
noch  höheren  fortschreiten;  im  Ebräerbrief,  in  den  kleineren 
paulinischen  Briefen,  bei  Pseudoignatius  und  Justin  lässt  sich 
dieser  aufeteigende  Gang  des  Dogma  bis  zu  dem  Punkte  ver- 
folgen, auf  dem  es  in  der  Lehre  des  vierten  Evangelisten  vom 
Wort  Gottes  zu  einem  vorläufigen  Abschluss  gelangte.  Be- 
merkenswerth  ist  dabei  einerseits  der  Einfluss,  welchen  die 
philonische  Theorie  vom  Logos,  und  durch  diese  die  griechische 
Philosophie,  auf  die  Fassung  der  christlichen  Grundlehre  er- 
hielt, andererseits  der  enge  Zusammenhang,  in  welchen  die 
Christoiogie  schon  von  dem  angeblichen  Ignatius  mit  seiner 
Idee  vom  Episkopat  gebracht  wird:  je  höher  Christus  steht, 
um  so  höher  steht  auch  der  Stellvertreter  Christi,  der  Bischof; 
das  hierarchische  Interesse ,  wenn  es  auch  bei  der  christologi- 
sehen  Entwicklung  nicht  das  entscheidende  gewesen  ist,  war 
doch   dabei   schon   frühe   mit  im   Spiel,   und  es  ist  insofern 


>T 


Y7\ 


374  Die  Tübinger 


schwerlich  ganz  zufällig,  dass  auch  im  Vierten  Jahrhundert 
ein  Presbyter,  Arius,  es  war,  welcher  die  äussei-ste  Steigerung 
der  Lehre  von  der  Göttlichkeit  Christi  bekämpfte  und  eine 
Versammlung  von  Bischöfen,  welche  sie  dui'chsetzte  (Baur  a.  a. 
O.  363).  Denn  auf  die  Dauer  konnte  man  sich  bei  jener  Lehr- 
form, welche  das  vierte  Evangelium  darstellt,  doch  nicht  be- 
ruhigen. Wie  liess  sich  ein  zweites  göttliches  Wesen  neben 
Gott  denken,  ohne  den  Grundsatz  des  Monotheismus  zu  ge- 
fährden? wenn  andererseits  jenes  Wesen  dem  höchsten  Gott 
untergeordnet  wurde,  wie  diess  bis  zum  Anfang  des  vierten 
Jahrhunderts  allgemein,  und  so  namentlich  auch  in  den  neu- 
testamentlichen  Schriften  geschieht,  mit  welchem  Recht  liess 
es  sich  doch  zugleich  als  ein  göttliches  Wesen  betrachten, 
und  inwiefern  konnte  es  dem  Bedürfiiiss  gentigen,  eine  volle 
Einigung  des  Menschen  mit  Gott  zu  vermitteln?  Wie  tief 
diese  Fragen  die  alte  Kirche  beschäftigt  haben,  zeigt  die  Ge- 
schichte der  Christologie.  Nur  in  langsamem  Fortschritt, 
unter  fortwährenden  Kämpfen  mit  den  „Monarchianem",  welche 
Christus  bald  zur  menschlichen  Natur  eines  blossen  Propheten 
herabsetzten,  bald  umgekehrt  seine  persönliche  Vei-schiedenheit 
von  Gott  läugneten,  hat  sich  die  kirchliche  Lehi*e  entwickelt. 
Wo  aber  diese  Entwicklung  hinfuhren  würde,  konnte  längst 
nicht  mehr  zweifelhaft  sein.  Nachdem  man  einmal  begonnen 
hatte,  den  Stifter  des  Christenthums  zu  übermenschlicher 
Natur  und  Würde  zu  erheben,  konnte  diese  Bewegung  nicht 
eher  zur  Ruhe  kommen,  als  bis  das  Interesse,  von  dem  sie 
ausgieng,  der  unendlichen  Bedeutung  des  Christenthums  in  ihm 
sich  bewusst  zu  werden,  die  durch  ihn  gestiftete  Gemeinschaft 
des  Menschen  mit  Gott  in  seiner  Person  als  eine  absolute  an- 
zuschauen, vollkommen  befriedigt  war.  Diess  konnte  es  aber 
nur  dann  sein,  wenn  er  in  einem  Verhältniss  zu  Gott  stand, 
welches  keine  Steigerung  mehr  zuliess,  wenn  er  selbst  Gott 
im  vollen  Sinne  des  Wortes  war.  In  demselben  Zeitpunkt 
daher,  in  welchem  die  christliche  Religion  die^errschaft  über 
das  römische  Reich  in  Besitz  nahm  und  sich  so  als  die  absolute 
Religion  verwirklichte,  erhob  sie  auch  ihren  Stifter  zur  Ab- 


historische  Schule.  375 

solutheit:  die  erste  allgemeine  Kirchenversammlung ,  die  erste 
Oesammtvertretung  des  christlichen  Episkopats  war  es,  welche 
xinter  der  Leitung  des  ersten  christlichen  Kaisers  die  Wesens- 
gleichheit Christi  mit  Gott  dem  Vater,  eine  Lehre  von  sehr 
jungem  Ursprung,  als  kirchliches  Dogma  verkündete. 

Die  Vorgänge,  durch  welche  das  Christenthum  bald  nach 
dem  Anfang  des  vierten  Jahrhunderts  zur  römischen  Reichs- 
religion geworden  ist,  das  frühere  wechselnde  Verhältniss  des- 
selben zur  Staatsgewalt,  die  Geschichte  der  Christenverfol- 
gungen, von  denen  man  sich  gewöhnlich  so  schiefe  und 
übertriebene  Vorstellungen  macht,  die  literarischen  Angriffe 
heidnischer  Schriftsteller  auf  die  christliche  Religion  und  ihre 
Vertheidigung  durch  die  christlichen  Apologeten  können  hier 
nicht  dargelegt  werden.  Auch  auf  den  letzten  Abschnitt  des 
bäurischen  Werkes  über  die  drei  ersten  Jahrhunderte:  „das 
Christenthum  als  sittlich-religiöses  Princip",  will  ich  hier  nicht 
näher  eingehen,  so  belehrend  es  auch  an  sich  wäre,  sich  die 
sittlichen  Zustände  der  altchristlichen  Kirche  nicht  blos  nach 
ihren  Lichtseiten,  sondern  auch  nach  ihren  meist  viel  zu  wenig 
beachteten  Schattenseiten  von  ihm  schildern  zu  lassen,  und 
schon  in  jenen  ersten  Jahrhunderten  die  Keime  so  mancher 
Erscheinungen  nachzuweisen,  in  deren  späterer  Entwicklung 
die  protestantischen  Kirchenhistoriker  in  der  Regel  nur  einen 
Abfall  von  der  Reinheit  des  ursprünglichen  Christenthums  zu 
sehen  wissen.  Dagegen  soll  die  geschichtliche  Entwickelung 
der  Kirche  während  der  nächsten  Jahrhunderte  und  Baur's 
Behandlung  derselben  noch  in  der  Kürze  berührt  werden. 

Es  ist  diess  die  Zeit,  in  welcher  das  Christenthum  die 
Staatsreligion  des  römisch -griechischen  Kaiserreichs  war,  zu 
seiner  Herrschaft  unter  den  germanischen  Völkern  dagegen 
und  zu  der  eigenthümlichen  kirchlich-politischen  Gestaltung  der 
abendländischen  Welt  erst  der  Grund  gelegt  wurde.  Der 
Kampf  mit  dem  Heidenthum  war  jetzt  innerhalb  des  römischen 
Reichs  entschieden,  und  die  kaiserlichen  Edikte  brachten  ihn 
auch  äusserlich  zum  Abschluss.;  auch  der  Versuch  einer  philo- 
sophisch-religiösen Restauration  des  Heidenthums  unter  Julian's 


1  • 


376  I>w  Tübinger 

kurzer  Regierung  war  nur  eine  vorübergehende  Episode. 
Gleichzeitig  trat  von  den  geimanischen  Stämmen,  welche  das 
römische  Westreich  unter  sich  theilten,  ein^r  nach  dem  andera 
in  den  Kreis  der  Kirche  ein;  wobei  es  als  eine  eigenthümliche 
Fügung  oder,  wie  wir  auch  sagen  können,  als  ein  Beweis  von 
Chlodwig's  politischem  Schartblick  erscheint,  dass  die  Franken 
von  Anfang  an  dem  katholisch  -  orthodoxen  Glauben  zugethan 
waren ,  und  dadurch  mit  Rom  in  engere  Verbindung  kamen, 
während  alle  andern  Germanen  zuerst  dem  Arianismus  hul- 
digten. So  leicht  aber  diese  Eroberungen  der  Kirche  seit 
Constantin's  üebertritt  wurden,  so  bedeutend  stand  ihr  fort- 
während die  geistige  Macht  des  Heidenthums  gegenüber.  Von 
den  schiiftstellerischen  Angrififen  eines  Julian  fieilich  hatte  sie 
noch  weit  weniger,  als  von  seinen  politischen  Massregeln  zu 
fürchten,  der  Polytheismus  von  seiner  neuplatonischen  Um- 
deutung  der  Mythologie  und  von  den  christlichen  Ideen,  welche 
er  griechischen  Göttergestalten  unterlegte,  nichts  zu  hoffen; 
gegen  das  Römerthum  wurde  die  christliche  Religion  von 
Augustin  in  seinem  grossen  Werke  vom  Gottesstaat  geistvoll 
und  für  die  damalige  Zeit  glänzend  vertheidigt.  Weit  schwie- 
riger war  es  dagegen,  zwei  Systeme  von  heidnischem  Ursprung, 
den  Piatonismus  und  den  Manichäismus,  nicht  blos  als  Gegner 
abzuwehren,  sondern  auch  vor  ihrem  Eindringen  in  die  christ- 
liche Theologie  sich  zu  schützen.  Der  Piatonismus,  oder  das  was 
man  damals  Piatonismus  nannte,  war  von  Anfang  an  in  einer 
eigenthümlichen  Beziehung  zum  Christenthum  gestanden.  Schon 
zu  der  ersten  Entstehung  desselben  hatte  er  ohne  Zweifel  durch 
Vermittlung  der  alexandrinischen  Theologie  und  des  Essäismus 
seinen  Beitrag  geliefert.  In  der  Folge  hatte  er  nicht  allein  auf  die 
häretische  Gnosis  und  durch  sie  auf  die  Gesanmitkirche  höchst 
bedeutend  eingewirkt,  sondern  auch  die  Vertreter  der  kirch- 
lichen Wissenschaft  waren  grösstentheils ,  und  gerade  die  be- 
deutendsten unter  denselben  am  unverkennbarsten,  bei  dem 
alexandrinischen  Piatonismus  in  der  Lehre  gewesen.  Als  sodann 
seit  dem  dritten  Jahrhundert  die  neuplatonische  Schule  alle  noch 
lebensfähigen  Elemente  der  griechischen  Philosophie  zu  einem 


^  I  [■* 


Mstorisclie  Schule.  377 

umfassenden,  von  Plato's  ursprünglicher  Lehre  freilich  ziemlich 
weit  abliegenden  System  verknüpfte  und  alle  andern  Schulen 
in  sich  aufzehrte,  trat  sie  zwar  zunächst  als  die  letzte  und 
bedeutendste  Vorkämpferin  des  alten  Glaubens  der  christ- 
lichen Kirche  feindselig  entgegen;  zugleich  waren  sich  aber 
beide,  das  Christenthum  und  der  Neuplatonismus ,  innerlich 
viel  zu  nahe  verwandt,  als  dass  nicht  eine  gegenseitige  An- 
ziehung und  Einwirkung  zwischen  ihnen  hätte  Platz  greifen 
sollen;  wozu  noch  hinzukommt,  3ass  die  Christen  eine  höhere 
wissenschaftliche  Bildung  nur  in  den  Schulen  der  griechischen 
Gelehrten  finden  konnten.  Diese  huldigten  aber  bald  alle, 
Khetoren,  Grammatiker  und  Philosophen,  dem  Neuplatonismus. 
So  geschah  es,  dass  diese  Philosophie  die  allgemeine  Voraus- 
setzung der  christlichen  Theologie  wurde,  denn  einer  Philosophie 
bedurfte  man  nun  einmal,  und  eine  andere  hatte  man  nicht 
zur  Verfügung.  Auch  die  orthodoxesten  Kirchenlehrer  konnten 
sich  diesem  Einfluss  nicht  entziehen,  und  in  den  dogmatischen 
Verhandlungen  des  vierten  und  fünften  Jahrhunderts,  sogar 
in  den  Glaubensbekenntnissen^  welche  sich  aus  jener  Zeit  in 
die  unsrige  vererbt  haben,  lassen  sich  die  neuplatonisch- 
aristotelischen  Kategorieen,  an  welche  man  damals  gewöhnt 
war,  noch  deutlich  erkennen.  Selbst  wo  diese  Philosophie  mit 
der  kirchlichen  Dogmatik  in  Konflikt  kam,  wurde  ihr  oft  mehr 
eingeräumt,  als  man  glauben  sollte.  Der  christliche  Neupia- 
toniker  Synesius  z.  B.  wurde  zum  Bischof  von  Ptolemais  ge- 
wählt und  von  dem  sonst  so  hierarchisch  gesinnten  Patriar- 
chen Theophilus  in  Alexandiien  als  solcher  bestätigt,  wiewohl 
er  offen  erklärte,  dass  er  Dinge,  wie  die  Aufei-stehung  des 
Leibes  und  der  einstige  Weltuntergang,  nicht  glauben  könne, 
dass  er  sich  zwar  dem  Volke  gegenüber  an  die  Mythen,  für 
sich  selbst  dagegen  an  die  Philosophie  halten  wolle.  Am 
schlagendsten  zeigt  sich  aber  der  Einfluss,  welchen  der  Neu- 
platonismus auf  die  christliche  Kirche  gewann,  und  seine  Ver- 
wandtschaft mit  dem  damaligen  Christenthum  an  den  Schrif- 
ten, welche  ein  christlicher  Neuplatoniker  um  den  Anfang  des 
sechsten  Jahrhunderts  unter  dem  Namen  des  Areopagiten  Dio- 


'^*'., 


378  Die  Tübinger 

nysius,  des  von  Paulus  bekehrten  angeblichen  ersten  Bischofs 
Ton  Athen  verfasst  hat.  Die  Theologie  dieser  Schriften  ist 
beim  Lichte  betrachtet  ungleich  mehr  platonisch  als  christ- 
lich: selbst  die  Grundlehren  von  der  Dreieinigkeit  und  der 
Menschwerdung  Gottes  finden  hier  im  Grunde  nur  dem  Namen 
nach  eine  Stelle.  Nichtsdestoweniger  sind  die  Werke  des 
Areopagiten  von  Anfang  an  als  acht  anerkannt  worden;  in 
der  östlichen  Kirche  rasch  verbreitet,  später  auch  in  die 
abendländische  tibergetragen,  bildeten  sie  eine  von  den  gel 
feiertsten  Auktoritäten  der  mittelalterlichen  Theologie;  sie 
waren  namentlich  das  Lieblingsbuch  und  die  Hauptquelle  der 
spekulativen  Mystik,  welche  in  jenen  Jahrhunderten  eine  so 
bedeutende  Rolle  spielt,  ja  bis  auf  unsere  Zeit  herab  erstreckt 
sich  durch  Vermittlung  katholischer  und  protestantischer  Mystiker 
ihr  Einfluss.  So  viel  abstossendes  auch  ihr  Inhalt  für  die 
Orthodoxie  hätte  haben  sollen :  ihre  Lehre  von  der  himmlischen 
Hierarchie  der  Engel  und  von  der  ihr  nachgebildeten  irdischen 
Hierarchie  entsprach  theils  der  unbewusst  polytheistischen 
Neigung  jener  Zeit,  theils  dem  Interesse  des  Klems  viel  zu 
sehr,  sie  hatte  in  der  herrschenden  Denkweise  viel  zu  feste 
Anknüpfungspunkte,  als  dass  man  nicht  darüber  alles  andere 
bereitwillig  vergessen  hätte.  —  Weit  feindseliger  verhielt  sich 
die  Kirche  zum  Manichäismus  ^  diesem  aus  der  persischen  Re- 
ligion und  dem  Buddhismus  in's  Ghiistenthum  eingedrungenen 
und  dann  mehr  und  mehr  christianisirten  Dualismus,  der  aber 
seinen  Ursprung  doch  nie  ganz  verläugnen  konnte.  Augustin 
und  andere  Eirchenhäupter  kämpften  bis  aufs  äusserste  gegen 
die  Manichäer,  Synoden  wurden  gegen  sie  abgehalten,  die 
Staatsgewalt  —  so  weit  war  man  nun  schon  längst  —  zu  ihrer 
Unterdrückung  aufgerufen:  die  ersten  Häretiker,  welche  hin- 
gerichtet worden  sind,  waren  spanisdie  Priscillianisten,  ein  Sei- 
tenzweig der  Manichäer  (denn  Spanien,  scheint  es,  war  schon 
damals  vom  Schicksal  bestimmt,  mit  dem  Beispiel  der  Eetzer- 
verfolgung  voranzuleuchten).  Und  dennoch  war  die  Einwirkung 
des  Manichäismus  auf  die  Kirche  höchst  bedeutend,  und  es 
sind  nicht  blos  jene  mittelalterlichen ,  für  die  ganze  Kiixhen- 


historische  Schule.  379 

geschichte  so  wichtigen  Partheien  der  Katharer,  Albigenser 
u.  s.  w.,  welche  mit  dieser  Häresie  in  offenkundigem  Zusam- 
menhang stehen,  sondeni  auch  die  kirchliche  Dogmatik  hat 
ohne  Zweifel  mehr,  als  sie  weiss,  von  ihr  entlehnt.  Denn  der 
bedeutendste  Begründer  der  späteren  Theologie,  der  heilige 
Augustinus,  hat  viele  Jahre  lang  der  manichäischen.  Sekte  an- 
gehört; und  wenn  er  sich  nachher  von  ihi*  losgesagt  und  sie 
im  Namen  der  Kirche  aufs  lebhafteste  bestritten  hat,  so  folgt 
doch  daraus  nicht  im  geringsten,  dass  er  auch  in  sich  selbst 
alle  Nachwirkungen  seiner  früheren  Ueberzeugung  getilgt 
hatte.  Gerade  in  der  Lehre  vielmehr,  durch  welche  er  in 
der  Geschichte  der  Theologie  Epoche  gemacht  hat,  in  seiner 
Lehre  von  der  Sünde  und  der  Gnade,  glauben  wir  diese  Nach- 
wirkungen recht  deutlich  zu  erkennen,  und  mit  demselben 
Recht  und  in  demselben  Sinn ,  wie  wir  einen  Clemens  und 
Origenes  kirchUche  Gnostiker  nennen,  würden  wir  Augu- 
stin's  System  als  einen  kirchlich  gewordenen  Manichäismus 
bezeichnen  dürfen. 

Dieses  System  bildet  den  anziehendsten  und  wichtigsten 
Punkt  in  der  Geschichte  der  Theologie  vom  4.  bis  zum  6. 
Jahrhundert.  Diese  Periode  ist  bekanntlich  vor  allen  andern 
durch  lebhafte  dogmatische  Streitigkeiten,  langwierige  Ver- 
handlungen und  kirchliche  Glaubensgesetze  ausgezeichnet ;  und 
namentlich  ihre  erste  Hälfte,  von  der  nicänischen  bis  zur 
chalcedonensischen  Kirchenversammlung,  ist  die  Zeit,  in  welcher 
die  Hauptlehren  des  kirchlichen  Glaubens:  von  der  Dreieinig- 
keit und  der  gottmenschlichen  Natur  Christi,  von  der  mensch- 
lichen Sündhaftigkeit  und  der  göttlichen  Gnade,  zum  Ab- 
schluss  gebracht  wurden.  Dabei  hat  sich  der  Osten  und  der 
Westen  in  die  dogmatischen  Aufeaben  der  Zeit  in  bezeichnen- 
der Weise  getheilt.  Während  jener  ganz  und  gar  durc);i  die 
Verhandlungen  über  die  Dreieinigkeit  und  die  Person  Christi 
in  Anspruch  genommen  ist  und  das  übrige  kaum  irgend  einer 
Aufinerksamkeit  würdigt,  liefert  umgekehrt  die  abendländische 
Kirche  für  diese  Erörterungen  im  ganzen  kaum  einen  selb- 
ständigen Beitrag,  und  nur  in  einzelnen  entscheidenden  Mo- 


historische  Schule.  381 

dejitung  hervorhebt,  welche  die  orthodoxen  Lehrbestimmungen 
für  die  Einheit  und  Unabhängigkeit  der  Kirche,  für  die  Sache 
der  Katholicität  und  der  Hierarchie  hatten.  Ausführlicher  be- 
spricht er  (S.  123 — 216)  die  augustinische  Lehre  von  der 
Sünde  und  Gnade,  die  pelagianische  Opposition  gegen  die- 
selbe und  den  sogenannten  Semipelagianismus,  dem  aber  nach 
seiner  richtigen  Wahrnehmung  auch  eine  Milderung  der  augu- 
stinischen  Sätze,  ein  Semiaugustinismus,  zur  Seite  geht.  Gerade 
hier  war  aber  auch  zur  Feststellung  der  richtigen  Gesichtspunkte 
noch  besonders  viel  zu  thun.  Augustin's  Lehre  ist  von  den 
protestantischen  Theologen  von  Anfang  an  und  bis  auf  den 
heutigen  Tag  herab  desshalb  in  ein  falsches  Licht  gertickt 
worden,  weil  sie  viel  zu  unbedingt  mit  der  altprotestantischen 
identificirt  wurde.  So  entsteht  aber  das  Unbegreifliche,  dass 
derselbe  Mann,  welchen  die  katholische  Kirche  mit  Recht  als 
einen  ihrer  grössten  Kirchenfürsten  und  als  den  Hauptbe- 
gründer der  abendländischen  Theologie  im  Mittelalter  verehrt, 
welcher  im  Kampfe  mit  Häretikern  und  Schismatikern  den  acht 
katholischen  Standpunkt  so  streng  und  eifrig  gewahrt  hat,  — 
dass  eben  dieser  Mann  in  seiner  epochemachenden  dogmati- 
schen Thätigkeit  die  protestantischen  Grundsätze  verfochten, 
dass  sich  die  katholische  Kirche  auf  dem  Grunde  derselben 
Ueberzeugungen  auferbaut  haben  soll,  durch  welche  Luther 
und  Calvin  diese  Kirche  in  einem  grossen  Theil  der  christ- 
lichen Welt  gestürzt  haben.  Kann  man  sich  zu  einer  so  un- 
wahrscheinlichen Annahme  nicht  entschliessen,  will  man  über- 
haupt den  grossen  afrikanischen  Kirchenlehrer,  dessen  klein- 
ster Fehler  der  Mangel  an  hierarchischer  Folgerichtigkeit  war, 
in  der  Einheit  seines  Wesens  und  in  dem  Zusammenhang 
seines  vielseitigen  Wirkens  veratehen,  so  wird  man  vor  allem 
fragen  müssen,  ob  jene  Sätze,  welche  die  Protestanten  freilich 
dem  Buchstaben  nach  von  ihm  entlehnt  haben,  für  ihn  auch 
die  gleiche  Bedeutung,  wie  für  sie,  hatten.  Und  da  zeigt  sich 
denn  bald,  was  wir  in  der  Dogmengeschichte  so  oft  wahr- 
nehmen können,  und  was  von  den  meisten  so  wenig  beachtet 
wird,    dass    die  gleichen  oder  nahe   verwandte    dogmatische 


r  «.^ 


382  I>ie  Tübinger 

Formeln  bei  verschiedenen  einen  sehr  verschiedenen  -  Sinn  h^- 
ben  und  ganz  entgegengesetzten  Interessen  dienen  können. 
Bei  Augustin  hat  die  Lehre  von  der  natürlichen  Unfähigkeit 
des  Menschen  zum  Guten  und  von  der  allein  wirkenden  Gnade 
Gottes  nicht  die  Bedeutung,  wie  im  Protestantismus,  den  Men- 
schen in  der  Kraft  seines  Glaubens  auf  Gott  allein  zu  stellen» 
und  ihn  ebendamit  von  jeder  menschlichen  Bevormundung  in 
Glaubenssachen,  von  Glaubenszwang  und  Hierarchie  zu  be- 
freien;  er  will  nicht  desshalb  der  Gottheit  gegenüber  auf  alles 
Verdienst  und  alle  Freiheit  verzichten,  um  eben  diese  Freiheit 
den  Mensehen  gegenüber  desto  reiner  und  unbedingter  zu  be- 
haupten. Sondern  wenn  er  dem  Menschen  vorhält,  dass  et 
von  Natur  grundverdorben  sei  und  durch  sich  selbst  nichts^ 
vermöge,  so  will  er  ihn  damit  nur  antreiben,  um  so  mehr  alles 
von  der  Kirche  zu  hoffen,  ihr  gegenüber  jedes  eigene  ür- 
theil  aufzugeben;  wenn  er  alles  Gute  von  der  Gnade  her- 
leitet, so  setzt  er  dabei  voraus,  dass  die  Gnade  durch  die 
kirchlichen  Heilsmittel  wirke;  wenn  er  die  Menschheit  in  die 
Minderzahl  der  Erwählten  und  die  grosse  Mehrheit  der  Ver- 
worfenen scheidet,  so  versteht  es  sich  für  ihn  von  selbst,  dass 
kein  Ungetaufter  und  kein  Häretiker,  dass  nur  Mitglieder  der 
katholischen  Kirche  zu  den  Erwählten  gehören  können.  Die 
gleichen  Sätze,  welche  einem  Luther  und  Zwingli,  einem 
Wicleff  und  Huss  dazu  dienten,  die  Allgewalt  der  Kirche  und 
des  Klerus  zu  brechen,  dienen  einem  Augustin  dazu,  sie  zu 
befestigen.  Desshalb  hat  denn  auch  die  Kirche  seiner  Lehre,, 
so  weit  sie  immer  über  die  bisherige  Ueberlieferung  hinaus- 
gieng,  und  so  bedenklich  sie  in  vielen  Beziehungen  erscheinen 
musste,  doch  sofort  ihre  Beistimmung  geschenkt.  Zugleich  hat 
sie  aber  auch  den  sogenannten  Semipelagianismus  fortwährend 
geduldet,  und  dem  Augustinismus  selbst  in  ihren  massgeben- 
den Erklärungen  seine  äussersten  Spitzen  abgestumpft;  denn 
so  entschieden  es  in  ihrem  Interesse  lag,  dass  der  ausser- 
christUchen  Menschheit  jede  sittliche  Kraft  abgesprochen,  dass 
alles  Gute  und  alle  Hoffnung  auf  die  Seligkeit  ausschliesslich 
an  die  tirchMchen   Gnadenmittel   geknüpft   werde,  so  wenig 


■^Ä*^~    -C^ 


historische  Schale.  38$ 

konnte  sie  doch  andererseits  eine  solche  Auffassung  der  augu^ 
stinischen  Sätze  gutheissen,  bei  welcher  auch  flir  die  Mitglie-^ 
der  der  Kirche  der  Nutzen  und  das  Verdienst  der  guten 
Werke  aufgehoben,  die  kirchlichen  Heilsmittel  gegen  die  gött- 
liche Vorherbestimmung  zurückgestellt,  die  Unfehlbarkeit  der 
kirchlichen  Entscheidungen  und  die  Vollkommenheit  der  Hei- 
ligen durch  die  Erinnerung  an  die  Sündhaftigkeit  aller  Men- 
schen unmöglich  gemacht  worden  wäre.  Die  Folgerungen^ 
welche  sich  aus  Augustin's  Voraussetzungen  unweigerlich  er- 
geben, durften  nicht  gezogen,  neben  seinen  Annahmen  mussten 
auch  die  entgegengesetzten  geduldet  und  benützt ,  die  dogma- 
tische Folgerichtigkeit  musste  dem  praktischen  Bedtirfniss  und 
dem  kirchlichen  Interesse  zum  Opfer  gebracht  werden.  Wenn 
daher  die  mittelalterliche  Theologie  mit  Augustinismus  be- 
gonnen hat,  um  im  Semipelagianismus  zu  enden,  so  erklärt 
sich  diess  sehr  einfach:  das,  was  wir  pelagianisch  nennen,  ist 
eben  nicht  allein  bei  den  Zeitgenossen  Augustin's,  sondern  ea 
ist  auch  in  ihm  selbst  weit  mächtiger,  als  man  wenigstens  auf 
protestantischer  Seite  in  der  Regel  geglaubt  hat. 

Und  wie  jenes  kirchlich-katholische  Interesse  die  Dogmen- 
bildung beherrscht  und  selbst  in  den  Vorstellungen  über  Gott 
und  Christus  sich  ausgeprägt  hat,  so  sehen  wir  überhaupt  die 
christliche  Kirche,  seit  sie  in  Constantin  das  Römen-eich  er- 
obert hat,  sich  mehr  und  mehr  zur  Einheit  zusammenfassen 
und  sich  zu  einem  auch  äusserlich  mächtigen  Gemeinwesen 
gestalten.  Jene  hohe  Idee  der  Kirche,  welche  namentlich 
Augustin  gegen  die  donatistischen  Schismatiker  entwickelt  hat, 
wird  unbedenklich  und  uneingeschränkt  auf  die  bestehende 
katholische  Kirche  übertragen,  und  wenn  man  sich  auch  nicht 
verbergen  kann,  dass  vieles  an  ihr  ist,  was  der  Idee  nicht  ent- 
spricht, dass  die  Heiligkeit  der  Kirche  durch  so  viele  ihrer 
Mitglieder  in  Frage  gestellt  wird,  so  lässt  man  sich  doch  da- 
durch in  dem  Glauben  an  die  Vollkommenheit  des  Ganzen 
nicht  irre  machen.  In  der  kirchlichen  Anerkennung  sieht  man 
die  sicherste  Bürgschaft  für  die  Wahrheit  einer  Lehre,  denn 
was  von  allen  geglaubt  wird,  das  kann,  wie  diess  z.  B.  Vin- 


inger 

lerUhmten  Commomtoriiim  zu 
ler  Ueberlieferung,  aus  gött- 
Die  Aussprüche  der  Kirche 
in  Augustin  sich  nicht  scheut, 
Svangelium  würde  er  glaubeu, 

Kirche  ihn  dazu  bestimmte. 

Verhandlungen  oft  zi^ei^, 
sr  Kirche  herheigefohrt  wurde, 

viel  bei  den  EirchenmäQuem 
und  Beweggillnde  bei  jenen 
itten,  so  unkirchlich  und  un- 
ui'ch  welche  ihre  Anerkennung 
e  der  kirchlichen  Einheit  war 
lie  ganze  Zeit  war  im  religiö- 
«ren  Leitung  zu  bedürftig,  als 
)etretenen  Wege  wieder  hätte 
ölkem ,  welche  seit  Jahrhun- 
ä  römischen  Kaiserreichs  ge- 
ten,  aller  sittlichen  Selbstbe- 
ilter,  bUeb  der  Welt  nichts 
ikten  Auktorität  willentos  zu 
icht  der  Kirche  zu  begeben, 
i  beherrschende  Stellung  ihrer 
1  und  sich  durch-  eine  Periode 
isten  Mittelpunkt  für  künftige 
e  Geschichtsforschung  recht- 
,  indem  sie  dieselbe  in  ihrer 
begreift,  sie  rechtfertigt  aber 
ihe  sie  nicht  länger  aufrecht 
ichichtlichen  Zustände,  dui'ch 
re  geworden  sind, 
welche  der  Kirche  zuerkannt 
der  Klenis;  und  schon  frühe 
:  ursprünglichen  Verhältnisse 
[er  als  die  Kirche  im  engereu 
bilden  jetzt  ein  Fatiiciat  mit 


historische  Schule.  385 

eigenem  Standesgeist,  eigenen  Standeseinrichtungen  und  Ab- 
zeichen, dessen  Glaubens-  und  Sittengesetzen,  dessen  geist- 
licher Gerichtsbarkeit  und  Kirchenleitung  die  Plebejer,  die 
Laien,  sich  unbedingt  zu  unterwerfen  haben,  durch  dessen 
Vermittlung  allein  sie  die  Vergebung  der  Sünden  und  alle 
göttlichen  Gnadengüter  erhalten  können.  Aus  der  Masse  der 
Kleriker  hatte  sich  aber  schon  vor  dem  Beginn  des  vierten 
Jahrhunderts  der  Episkopat  zu  einer  solchen  Höhe  emporge- 
hoben, dass  die  übrigen  Kleriker  ihrerseits  wieder  zu  den  Bi- 
schöfen in  dasselbe  Abhängigkeitsverhältniss  traten,  wie  die 
Laien  zum  Klerus  im  ganzen.  Nur  die  Bischöfe  sind  es, 
welche  auf  den  Synoden  die  Gesammtkirche  darstellen,  nur 
sie  haben  die  kirchliche  Gesetzgebung,  Gerichtsbarkeit  und 
Verwaltung  in  der  Hand,  nur  sie  können  im  Namen  des  hei- 
ligen Geistes  über  den  Glauben  der  Kirche  entscheiden.  In- 
dessen wachsen  sehr  schnell  und  mit  immer  bedeutenderen 
Rechten  die  Bischöfe  der  Provincialhauptstädte,  oder  die  Me- 
tropolitane,  über  ihre  Mitbischöfe  hinaus,  und  über  diese  wieder 
die  fünf  (bzw.  sieben)  Patriarchen,  die  Bischöfe  der  wichtigsten 
Hauptstädte  des  Reichs.  Von  diesen  selbst  treten  dann  wieder 
zwei  vor  den  andern  hervor:  der  Bischof  von  Rom  und  der 
Bischof  von  Neu-Rom,  von  Konstantinopel.  Auch  ihre  Macht- 
verhältnisse und  Aussichten  waren  freilich  in  Wahrheit  sehr 
ungleich.  Der  Patriarch  von  Konstantinopel  hatte  neben  sich 
die  Patriarchen  von  Alexandrien  und  Antiochien,  welche  sich 
ihm  unterzuordnen  nicht  geneigt  waren,  über  sich  in  unmittel- 
barster Nähe  den  Kaiser;  er  konnte  es  auch  nach  der  muha- 
medanischen  Eroberung,  welche  seine  orientalischen  Neben- 
buhler unschädlich  machte,  nicht  weiter  bringen,  als  zum 
höchsten  geistlichen  Würdenträger  eines  verkommenden  Reiches. 
Rom  dagegen  stand  ohne  Nebenbuhler  im  Abendland  da;  die 
politische  Abhängigkeit  von  Konstantinopel  war  immer  nur 
eine  bedingte  und  vorübergehende;  und  während  das  Patriar- 
chat von  Neu-Rom  seine  Ansprüche  nur  auf  die  VoiTCchte  der 
Residenz  gründen  konnte,  wies  es  selbst  einen  so  weltlichen 
Ursprung  der  seinigen  beharrlich  ab,  um  sich  statt  dessen  auf 

Zeller,  Vorträge  und  Abhandl.  25 


historische  Schule.  387 

in  demselben  Masse ,  wie  die  äussere  Ausbreitung  der  Kirche, 
der  Glanz  ihrer  Stellung,  die  Macht  ihrer  Diener,  die  Masse 
der  kirchlich  festgestellten  Lehren,  die  Pracht  und  Mannig- 
faltigkeit des  Gottesdienstes  zunahm,  hat  die  Reinheit  des 
sittlichen,  der  Ernst  und  die  Lauterkeit  des  religiösen  Lebens 
abgenommen.  Ja  noch  mehr:  sie  hat  gerade  desshalb  abge- 
nommen, weil  das  andere  zunahm.  Auch  die  früheren  Jahr- 
hunderte waren  zwar  keinesw^s  jenes  goldene  Zeitalter  der 
Frömmigkeit,  wofür  sie  nicht  selten  gehalten  werden,  und  auch 
in  unserer  Periode  lassen  sich  die  wohlthätigen  Wirkungen 
des  Christenthums  in  vielen  Erscheinungen  nachweisen.  Aber 
im  ganzen  lässt  sich  nach  dieser  Seite  hin  eine  rasche  und 
bedenkliche  Verschlimmerung  nicht  verkennen.  In  den  gottes- 
dienstlichen Handlungen  nimmt  eine  Aeusserlichkeit  überhand, 
welche  gegen  die  Einfalt  und  Innigkeit  des  ursprünglichen 
Christenthums  auffallend  absticht.  Die  Sacramente  werden 
mehr  und  mehr  zu  unverstandenen  Mysterien,  welche  nicht 
durch  den  frommen  Sinn,  mit  dem  sie  gefeiert  werden,  son- 
dern duixh  sich  selbst  wirken  sollen,  und  je  höher  die  Vor- 
stellungen vom  Abendmahlsopfer  und  von  der  Taufe  sich 
steigern,  je  glänzender  der  Schein  ist,  welcher  von  ihnen  auf 
die  Priester  zuiilckf ällt ,  um  so  allgemeiner  wird  auch  eine 
magische  Auffassung  und  eine  äusserlich  abergläubische  Be- 
handlung derselben.  In  der  Heiligenverehrung  mit  allem,  was 
von  Reliquiendienst,  Wallfahrten  und  Wunderlegenden  daran 
hängt,  wird  ein  Element  in  den  christlichen  Kultus  aufge- 
nommen, über  dessen  religiösen  Werth  verschiedene  verschie- 
den urtheilen  werden,  bei  dessen  geschichtlicher  Wüi-digung 
aber  sein  Zusanunenhang  mit  dem  Polytheismus  und  den  heid- 
nischen Religionsgebräuchen  sich  nicht  verkennen  lässt;  und 
je  bedeutender  dieses  Element  für  das  religiöse  Leben  jener 
Zeit  und  der  folgenden  Jahrhunderte  geworden  ist,  um  so 
klarer  liegt  auch  am  Tage,  was  eine  natürliche  Betrachtung 
der  Dinge  zum  voraus  nicht  anders  erwarten  wird,  dass  auch 
das  Christenthum  die  Menschen,  ihre  Vorstellungen  und  Sitten 

nicht  mit  einemmal  verwandeln,  dass  es  die  heidnische  Welt 

25* 


^ 


Mstorisclie  Schule.  389 

ihren  Bedürfnissen  entsprach,  desshalb  verurtheilt  werde,  weil 
es  mit  unsem  Begriffen,  Gewohnheiten  und  Zuständen  nicht 
mehr  übereinstimmt. 

Die  Pflicht  dieser  geschichtlichen  Gerechtigkeit  nach  beiden 
Seiten  hin  gegen  das  Christenthum  und  die  christliche  Kirche 
zu  üben,  von  ihrer  Entstehung  und  ihrer  Entwicklung  ein 
möglichst  treues,  dem  wirklichen  Thatbestand  entsprechendes, 
mit  dem  geschichtlich  möglichen  und  wahrscheinlichen  über- 
einstimmendes Bild  zu  gewinnen,  diess  ist  die  Aufgabe,  welche 
die  „Tübinger  Schule"  sich  gesetzt  hat.  Die  Natur  ihres 
Gegenstandes  brachte  es  mit  sich,  dass  sie  hiebei  sich  zu- 
nächst kritisch  verhalten,  dass  sie  viele  allgemein  herrschende 
Annahmen  bestreiten,  manche  festgewurzelte  Ueberzeugung 
verletzen  musste.  Aber  wer  ihre  Arbeiten,  und  wer  nament-^ 
lieh  die  letzten  Werke  ihres  Stifters  mit  unbefangenem  Auge 
betrachtet,  der  wird  sich  leicht  überzeugen,  dass  ihr  letztes 
Ziel  das  rein  positive  der  geschichtlichen  Erkenntniss  ist,  und 
wie  weit  auch  über  ihre  einzelnen  Ergebnisse  die  Ansichten 
auseinandergehen  mögen,  die  Anerkennung  wird  man  ihr  nicht 
versagen  dürfen,  dass  ihre  leitenden  Grundsätze  nur  dieselben 
sind,  welche  ausserhalb  der  Theologie  die  ganze  deutsche  Ge- 
schichtschreibung seit  Niebuhr  und  Ranke  beherrschen. 


Ferdinand  Cäuistian  Baur.  391 

hegerschen  Religionsphilosophie,  und  aus  dem  ganzen  Stand- 
punkt der  neueren  Wissenschaft  überhaupt,  für  die  christliche 
Religion,  ihre  Geschichte  und  ihre  heiligen  Schriften  zu  er- 
geben schienen;  sie  verlangte,  dass  über  die  Wahrheit  der 
Lehren,  über  die  Richtigkeit  der  Ueberlieferungen,  einzig  und 
allein  nach  wissenschaftlichen  Gesichtspunkten  entschieden, 
dass  die  Kritik,  welcher  selbst  ein  so  hervorragend  kritischer 
Kopf,  wie  Schleiermacher,  immer  wieder  die  gefährlichsten 
Spitzen  umgebogen  hatte,  rücksichtslos  durchgeführt,  in  das 
Verhältniss  des  positiven  Glaubens  zur  Wissenschaft  die  vollie 
Klarheit  gebracht  werde.  Je  nachdrücklicher  aber  diese  Min- 
derheit vorwärts  drängte,  um  so  sehnsüchtiger  wandte  die  über- 
wiegende Mehrheit  der  Theologen,  gleich  unfähig,  jenen  zu 
folgen  und  sie  wissenschaftlich  zu  widerlegen,  ihre  Blicke 
rückwärts.  Jene  dämmernde  Unbestimmtheit,  jene  gemüth- 
liche  oder  scholastische  Halborthodoxie,  bei  welcher  sich  bis- 
her die  meisten  so  wohl  befunden  hatten,  wurde  immer  un- 
möglicher. Die  Mittelparthei,  wie  sie  sich  aus  der  Fusion  von 
ehemaligen  Rationalisten  und  Supranaturalisten,  aus  der  hegel'- 
schen  Rechten,  vor  allem  aber  aus  der  zahlreichen  schleier- 
macher'schen  Schule  gebildet  hatte,  verlor  Schritt  für  Schritt 
den  Boden  unter  den  Füssen;  das  heranwachsende  Ge- 
schlecht begann  sich  von  diesem  „überwundenen  Standpunkte" 
abzuwenden ,  und  sich  seiner  Mehrzahl  nach  unter  der  Fahne 
der  Orthodoxie  und  der  confessionssüchtigen  Hyperorthodoxie 
zu  sammeln,  welche  unter  dem  ausgiebigen  Schutze  reaktio- 
närer Regiemngen  bald  aller  Orten  üppig  aufschoss;  die  ehr- 
geizigen und  herrschsüchtigen,  die  schwachen  und  auktoritäts- 
bedürftigen  unter  den  Anhängern  der  bisherigen  Partheien 
wussten  sich  oft  wunderbar  schnell  von  der  Nothwendigkeit 
des  „Fortschiitts"  von  Schleiermacher  zu  Calov,  von  Hegel 
zur  Concordienformel ,  zu  überzeugen;  und  bald  genug  hatte 
man  in  den  weitesten  Kreisen  auch  praktisch  zu  erfahren, 
was  es  heisst,  wenn  dogmatische  Fanatiker  und  unduldsame 
Hierarchen  die  Leitung  von  Kirche  und  Staat  in  die  Hand 
bekommen.      In  der  neuesten  Zeit  hat  nun  allerdings   der 


Ferdinand  Christian  Baur.  393 

man  bei  dem  Bilde  eines  Mannes  verweilen,  der  gerade  in 
dieser  Beziehung  in  der  jüngsten  Vergangenheit  ganz  einzig 
dasteht.  Und  das  um  so  mehr,  wenn  sich  in  diesem  Bilde 
zugleich  ein  bedeutender,  und  seinem  Gehalte  nach  vielleicht 
der  wichtigste  Abschnitt  aus  der  Geschichte  der  neuesten 
Theologie  zur  Anschauung  bringt;  und  wenn  andererseits  den 
wissenschaftlichen  Leistungen  persönliche  Eigenschaften  zur 
Seite  stehen,  welche  uns  in  dem  Gelehrten,  dessen  Wissen,  in 
dem  Forscher,  dessen  Geist  wir  bewundem,  zugleich  auch  den 
edeln  und  liebenswürdigen  Menschen  verehren  lassen.  Eben 
diess  ist  aber  bei  dem  Theologen  der  Fall,  dessen  Andenken 
diese  Blätter  gewidmet  sind.  Um  ihn  freilich  nach  allen  diesen 
Seiten  hin  erschöpfend  zu  schildern,  wäre  mehr  Raum  erfor- 
derlich, als  wir  hier  für  uns  in  Anspnieh  nehmen  dürfen. 
Die  vorliegende  Darstellung  gilt  ihrer  Hauptabzweckung  nach 
zunächst  Baur's  wissenschaftlichen  Arbeiten,  sie  soll  an  der 
Hand  seiner  Schriften  die  allmähliche  Entwicklung  seiner  Ge- 
schichtsansicht und  seines  theologischen  Standpunkts  nach- 
weisen ,  und  ebendamit  dem  Leser  von  der  Entstehung  und 
dem  Gange  der  Forschungen,  durch  welche  er  in  die  Theo- 
logie unserer  Zeit  so  tief  eingegiiffen  hat ,  eine  genauere  Vor- 
stellung gewähren.  Aber  doch  wollen  und  dürfen  wir  es  nicht 
unterlassen,  ihm  auch  die  Persönlichkeit  des  Mannes  vollzu- 
führen, mit  dessen  Geistesarbeit  wir  ihn  bekannt  machen 
möchten.  Mit  diesem  biographischen  Theil  unserer  Aufgabe 
werden  wir  uns  zunächst  beschäftigen. 

Baur  wurde  den  21.  Juni  1792  in  dem  würtembergischen 
Dorfe  Schmiden,  nahe  bei  Stuttgart,  geboren,  in  welchem  sein 
Vater  das  Amt  des  Ortspfarrers  bekleidete;  seine  Knaben- 
jahre verlebte  er  aber  grösserentheils  in  Blaubeuren,  einem 
Städtchen  am  südlichen  Fuss  der  schwäbischen  Alp,  zwei 
Meilen  von  Ulm,  wohin  der  Vater  im  Jahr  1800  als  Decan 
befordert  worden  war.  Im  elterlichen  Hause  waltete  ein  ern- 
ster und  verständiger  Geist:  Vater  und  Mutter  in  ihrer  Art 
beide  gleich  tüchtig,  die  Mutter  nicht  ohne  einen  Anflug  von 
Schwermuth,  die  Erziehung  der  Kinder  auf  Einfachheit,   Ge- 


••< 


394  Ferdinand  Christian  Baur. 

horsam,  Fleiss,  strenge  Gemssenhaftigkeit  gerichtet.  Schon 
4er  Knabe  zeigte  einen  ernsten  Sinn,  und  bei  hervortretender 
Ifeigung  zu  geistiger  Beschäftigung  wenig  Bedarfiiiss  nach  Um- 
gang mit  Kameraden;  eine  natürliche  Schllchtemheit ,  wie 
man  sie  bei  dem  kühnen  Kritiker,  der  er  später  wurde,  nicht 
gesucht  hätte,  wie  sie  aber  auch  bei  einem  Kant,  einem  Cal- 
vin und  manchem  andern  mit  dem  höchsten  moralischen  und 
wissenschaftlichen  Muthe  verbunden  war,  hat  ihn  noch  im 
Mannesalter  nicht  verlassen,  und  sie  hieng  bei  ihm  mit  einer 
Feinheit  und  Empfindlichkeit  des  Gefühls  zusammen,  welche 
auch  für  die  wissenschaftliche  Ausrüstung  des  Kritikers,  für 
jene  geistige  Splirkraft,  deren  er  zu  seinem  Geschäfte  bedarf, 
nicht  ohne  Bedeutung  ist.  Baur's  Vater  war  ein  Mann  von 
grosser  Pflichttreue  und  unermüdlichem  Fleisse;  die  gleichen 
Eigenschaften  entwickelten  sich  frühzeitig  auch  in  dem  Sohne. 
Seinen  Untemcht  erhielt  dieser  bis  in  sein  vierzehntes  Jahr 
von  dem  Vater,  welcher  denselben  neben  einem  geschäftsvollen 
Amte  mit  aufopferndem  Eifer  ertheilte;  dann  wurde  er  den 
Seminarien  übergeben,  in  dehen  bekanntlich  bis  auf  den  heuti- 
gen Tag  der  grössere  Theil  der  würtembergischen  Theologen 
die  Gymnasial-  und  Universitätsstudien  zu  machen  pflegt.  In 
Würtemberg  nennt  man  diese  in  ehemaligen  Klöstern  errichte- 
ten Anstalten  schlechtweg  Klöster;  und  in  jener  Zeit  hatten 
sie^wirklich  noch,  namentlich  die  „niederen",  für  die  Zeit  vom 
vierzehnten  bis  achtzehnten  Jahre  bestimmten,  eine  durchaus 
klösterliche  Einrichtung  und  Disciplin,  unter  welcher  die  jungen 
Leute,  wenn  sie  von  pedantischen  Vorgesetzten  gehandhabt 
wurde,  oft  nicht  wenig  zu  leiden  hatten.  Auch  Baur  machte 
diese  Erfahrung,  als  er  im  Jahr  1805  in  das  „Kloster"  seiner 
Vaterstadt  Blaubeuren  eintrat;  durch  die  Verkehrtheit  einer 
mönchischen  Erziehung  wurde  ihm  die  natürliche  Heiterkeit 
des  beginnenden  Jünglingsalters  verkümmeit,  und  noch  nach 
langen  Jahren  erinnerten  sich  seine  Geschwister  des  finsteren 
>.  Wesens,  welches  sie  in  jener  Zeit  von  ihm  zurückscheuchte. 
Mildere  Vorgesetzte  und  bessere  Lehrer  fand  er  nach  zwei 
Jahren  in  dem  Kloster  Maulbronn,  und  als  er  1809  in  das 


Ferdinand  Christian  Baur.  395 

tübinger  Seminar  übergieng,  standen  die  Beschränkungen,  wel- 
chen auch  diese  Anstalt  ihre  Zöglinge  uinterwarf ,  dem  massi- 
gen Antheil  am  akademischen  Leben,  über  den  seine  Wünsche 
nicht  hinausgiengen,  nicht  im  Wege.  Bisher  war  von  ihm  fast 
ausschliesslich  die  classische  Philologie  getrieben,  und  zu  den 
gründlichen  Kenntnissen,  welche  er  auf  diesem  Gebiete  besass, 
der  Grund  gelegt  wurden;  jetzt  sollten,  der  bestehenden  Stu- 
dienordnung gemäss,  zunächst  zwei  Jahre  durch  philosophische, 
in  zweiter  Beihe  auch  durch  historische  und  philologische, 
sodann  drei  weitere  Jahre  durch  theologische  Studien  ausge- 
füllt werden.  Baur  widmete  sich  beiden  gleichsehr  mit  der 
vollen  Arbeitslust  und  Beharrlichkeit,  die  ihm  schon  frühe  zur 
anderen  Natur  geworden  war,  und  beim  Abgang  von  der  Uni- 
versität hatte  er  sich  unter  mehreren  talentvollen  Altersge- 
nossen, zu  denen  neben  andern  auch  der  Dichter  Gustav 
Schwab  gehörte,  so  emporgearbeitet,  dass  er  entschieden  als 
der  kenntnissreichste  und  wissenschaftlich  bedeutendste  von 
ihnen  anerkannt  war.  In  der  Richtung  seiner  Studien  tritt, 
so  weit  wir  darüber  unterrichtet  sind,  das  doppelte  Interesse 
für  die  Philosophie  und  für  die  Geschichte  der  Religion  und 
der  Theologie  hervor.  Dort  waren  es,  unter  den  alten  Philo- 
sophen PlatO;  unter  den  neueren  Fichte  und  Schelling,  die 
seinem  idealen  Sinn  am  meisten  zusagten;  auf  seine  Beschäf- 
tigung mit  der  historischen  Theologie  hatte  E.  G.  Bengel  den 
grössten  Einfluss,  ein  Vertreter  jenes  Supranaturalismus ,  der 
in  Tübingen  durch  Christian  Gottlob  StoiT  und  seine  Schule 
aufrecht  erhalten  wurde,  aber  zugleich  auch  ein  Freund  der 
kantischen  Philosophie,  ein  Theolog,  der  sich,  wiie  Strauss  im 
Leben  Märklin's  sich  ausdrückt,  „zwar  auf  dem  Gebiete  des 
kirchlichen  Supranaturalismus,  doch  nicht  weit  von  der  Grenze 
des  Rationalismus,  niedergelassen  hatte;"  für  den  Schüler, 
welcher  später  sein  Nachfolger  wiirde,  auch  dadurch  von  be- 
sonderer Wichtigkeit,  dass  er  zuerst  die  Kirchengeschichte, 
die  Dogmengeschichte  und  die  Symbolik  in  Tübingen  in  den 
Kreis  der  regelmässigen  Vorlesungen  einführte.  Neben  ihm 
war  der  ehrwürdige,  als  Orientalist  eines  verdienten  Ruhmes 


F«4linan>I  nhristinix  BauT. 


1er  theologischen  Facultät; 
Gelehrte  konnte  nach  der 
lum  zu  den  eigentlichen 
r  Baur's  sonstigen  theolo- 
Flatt  die  angesdiensteo ; 
lendere  Anregung  zu  ver- 
aus  der  anziehenden  und 
r  theologischen  Facultät 
eschichte    der  Univefsität 

Universität  (1814)  wirkte 
Is  Hülfsprediger  auf  dem 
m  der  niederen  Seminare, 
r  aber  als  Kepetent  nach 
Igelische  Seminar  zurück, 
hier  verweilen.     Im  Juli 

Mutter  schon  zwei  Jahre 
3chs  Geschwistern  war  er 
ts  halbwegs  versorgt  war.  - 
Famihe  wirkte  dazu  mit. 
Igen  Manne  eine  der  zwei 
ben  damals  an  dem  Semi- 
waren.  Auch  im  Intere^e 
ire  Wahl  getroffen  werden 
SS  (in  seiner  Schrift  über 
hrend  und  anregend  Baur's 

bedeutend  seioe  sittlich 
liwung  seines  Geistes,  das 
Berufetreue,  das  er  gab, 
Ete,  und  man  wird  die  An- 
ihen ,  mit  der  ihm  seine 
ihme  lebenslang  zugethan 
die  neun  Jahre,  welche  er 
zubrachte,  zu  den  glück- 
>  seiner  Erinnerung  immer 
'arben  auftauchten.    Zwar 


Ferdinand  Christian  Baur.  397 

fehlte  es  an  der  Anstalt,  die  nach  längerer  Unterbrechung  eben 
erst  neu  hergestellt  war,  nicht  an  Schwierigkeiten  und  Kämpfen, 
welche  theils  in  den  allgemeinen  Verhältnissen  derselben,  theils 
in  der  Persönlichkeit  ihres  Vorstehers,  des  Ephorus  Reuss, 
begründet  waren,   dessen  originelle,   bei   seinen  dereinstigen 
Untergebenen  heute  noch  im  lebendigsten  und  heitersten  An- 
denken   stehende  Eigenthümlichkeiten   den   übrigen  Lehrern 
ihre  Aufgabe  nicht  eben  erleichterten.    Aber  Freude  am  Beruf 
und  frisches  Kraftgefühl  Hessen  diese  Schwierigkeiten  um  so 
leichter  überwinden,  da  Baur's  nächster  College  Kern,  sein 
etwas  älterer  Studiengenosse,  ein  Mann  von  gebildetem  Geist, 
wohlwollendem   Charakter  und  gewinnender  Humanität   war, 
der  seine  aufrichtige  Zuneigung  erwarb  und  fortan  in  vertrau- 
ter Freundschaft   mit  ihm   verbunden  blieb.    Auch  mit   den 
jüngeren  Lehrern  des  Seminars  bildete  sich  ein  angenehmes 
Verhältniss;   in  die  Häuser  der  Professoren  und   der  übrigen 
gebildeten  Familien  in  dem  kleinen  Orte  wurde  den  Zöglingen 
der  Zutritt  freundlich  gewährt ,  und  unter  den  letzteren  fanden 
sich  immer  nicht  wenige,  deren  Entwicklung  die  Mühe  der 
Lehrer  belohnte.    Namentlich   die  vier  Jahre  von  1821 — 1825 
waren  in    dieser  Beziehung    die  Glanzzeit    der  Anstalt;  und 
es  war  freilich  ein  seltener  Glücksfall,  dass  dieselbe  damals 
gleichzeitig  unter  ihren  fünfzig  Schülern  einen  D.  F.  Strauss, 
Fr.  Vischer,   G.  Pfizer,   W.  Zimmermann,   Chr.  Märklin  und 
noch  eine  Reihe  weiterer  fähiger  Köpfe,  und  unter  ihren  fünf 
Lehrern   einen   Baur   und  Kern  hatte.     In   Blaubeui*en  be- 
gründete Baur  auch  sein  Familienleben  durch  seine  Verbin- 
dung mit  einer  Gattin,  die  ihm  eine  treue  Lebensgefährtin, 
ihren  Kindern  eine  liebevolle,  sorgsame  und  verständige  Mutter 
gewesen  ist,  Emilie  Becher  aus  Stuttgart;  einer  Frau  von 
lebhaftem  und  einnehmendem  Wesen,    welche  seinen  Enist 
mit  ihrer  Beweglichkeit,  seine  wissenschaftliche  Idealitä<t  mit 
ihrem  praktischen  Geschick  glücklich  ergänzte.    Von  fünf  Kin- 
dern,  die   aus   dieser  Ehe   entsprangen,   verloren  die  Eltern 
eines  in  den  ersten  Monaten,  zwei  Söhne  und  zwei  Töchter 
überlebten  dieselben ;  indessen  starb  der  jüngere  von  den  Söh- 


398  Ferdinand  Christian  Baur. 

nen,  Dr.  Albert  Baur,  ein  sehr  begabter  junger  Mann, 
schon  1868,  acht  Jahre  nach  seinem  Vater,  nachdem  er  sich 
durch  anatomische  und  zoologische  Arbeiten  einen  guten  Namen 
gemacht  und  die  schönsten  Hoflfhungen  für  die  Zukunft  erweckt 
hatte.  Neben  dem  häuslichen  Leben  fand  Baur ,  der  ein  rüsti- 
ger Fussgänger  war,  seine  liebste  Erholung  von  der  Arbeit 
des  Tages  in  der  schönen  Gebirgsnatur  seiner  Heimath,  und 
noch  nach  zwanzig  Jahren  sagt  er  in  der  Gedächtnissrede  auf 
Kern:  er  denke  sich  den  hingegangenen  theuren  Freund  am 
liebsten  auf  einem  jener  zahllosen  Gänge,  auf  denen  sie  Tag 
für  Tag  alle  Berge  und  Thäler  derselben  durchwandernd,  alle 
Gefühle  und  Erfahrungen,  alle  Studien,  Forschungen  und  Plane 
ausgetauscht  haben.  Und  wie  sich  so  seine  persönlichen  Ver- 
hältnisse aufs  erfreulichste  gestaltet  hatten ,  so  war  dieser 
Abschnitt  seines  Lebens  auch  für  seine  wissenschaftliche  Ent- 
wicklung, seine  Anerkennung  in  der  gelehiiien  Welt  und  seine 
spätere  Lebensstellung  von  entscheidender  Bedeutung.  Durch 
Schleiermacher's  Glaubenslehre  (1821),  in  die  er  sich 
sofort  mit  eindringendem  Verständniss  vertiefte,  gewann  er 
einen  festen  Mittelpunkt  für  seine  wissenschaftliche  Ueberzeu- 
gung ;  in  ihr  fand  er  ein  System,  welches  ihn  von .  dem  Supra- 
naturalismus  der  tübinger  Schule  für  immer  befreite,  welches 
seinem  philosophischen  und  seinem  theologischen  Bedürfiiiss 
gleich  sehr  und  gleich  befriedigend  entgegenkam;  mit  dem 
Geiste  dieses  Systems  durchdrang  er  sich  so  gründlich,  und 
auch  als  er  in  der  Folge  einzelnen  seiner  Lehrbestimmungen 
mit  selbiständiger  Kritik  entgegentrat,  der  hegel'schen  Philo- 
sophie grösseren  Einfluss  verstattete,  und  in  der  historischen 
Kritik  weit  über  Schleiermacher  hinausgieng,  blieb  er  doch 
diesem  Geist  seiner  Lehre  so  getreu,  dass  wir  ihn,  wenn  er 
überhaupt  nach  einem  Vorgänger  genannt  werden  sollte,  nach 
keinem  anderen  eher,  als  nach  Schleiermacher,  nennen  wür- 
den, unter  diesem  Einfluss  verfasste  er  nun  das  Werk,  mit 
dem  er  seine  schriftstellerische  Lauibahn  zuerst  in  selbständi- 
ger Weise  eröffnete,  seine  „Symbolik  und  Mythologie"  (3  Bde. 
1824  ff.).    Dieses  Werk,  dessen  Bedeutung  man  nur  nicht  an 


Ferdinand  Christian  Baur.  399* 

dem  heutigen  Stand  der  religionsgesehiehtlichen  Foi-schung 
messen  darf,  legte  für  die  Gelehrsamkeit  und  den  Geist  seines 
Verfassers  ein  so  entschiedenes  Zeugniss  ab,  dass  es  wesent- 
lieh  dazu  beitrug,  in  dem  Lebensgang  desselben  eine  Wendung^ 
herbeizuführen,  welche  nicht  allein  für  ihn  selbst,  sondern 
für  die  ganze  Theologie  unserer  Zeit  von  hoher  Wichtigkeit 
wui'de. 

Im  März  1826  war  durch  Bengel's  plötzlichen  Tod  die 
Lehrstelle  für  historische  Theologie  in  Tübingen  er]0tlgt  wor- 
den. Unter  den  Männern,  welche  für  dieselbe  in's  Auge  zu 
fassen  seien,  wurde  von  Anfang  an  Baur  genannt,  und  die 
Studirenden  erbaten  ihn  sich  bei  der  vorgesetzten  Behörde  zum 
Lehrer.  Die  theologische  Facultät  freilich  ^tte  bei  aller 
wissenschaftlichen  Anerkennung  gegen  die  Reinheit  seines 
Supranaturalismus  Bedenken,  die  auf  ihrem  Standpunkt  auch 
nicht  ohne  Grund  waren,  und  brachte  einen  anderen  in  Vor- 
schlag. Allein  die  Regienmg  griff  durch,  und  da  auch  noch 
eine  zweite  theologische  Lehrstelle  sich  aufthat,  wurde  Baur 
zugleich  mit  Ketn  als  Professor  der  Theologie  nach  Tübingen 
berufen.  *)*  Hiemit  war  er  auf  den  Platz  gestellt ,  an  welchem, 
unL  der  Wissenschaft  zurückgegeben,  in  welcher  sich  ihm  der 
bedeutendste  Wirkungskreis  darbot.  Auch  äusserlich  angesehen, 
brachte  die  Veränderung  seiner  Lage  so  viel  Ehre  und  Ge- 
winn, dass  sie  jeder  andere  mit  beiden  Händen  ergriffen  haben 
würde.  Er  selbst  jedoch ,  in  seiner  hohen  Anspruchslosigkeit 
und  seiner  selbstlosen  Gewissenhaftigkeit,  fasste  nur  die  Pflich- 
ten, die  sie  ihm  auferlegte,  nicht  die  Vortheile,  die  sie  ge- 
währte, in's  Auge;  und  wie  er  nicht  das  mindeste  gethan 
hatte,  um  sie  herbeizuführen,  so  wusste  er  sich  auch  über 
seine  eigene  Befähigung  für  die  schwierige  Aufgabe  nicht  zu 
beruhigen;  ja  er  war  bereits  in  der  Residenz  angekommen, 
um  sich  die  ihm  zugedachte  Beförderung  zu  verbitten,  als  er 


*)  M.  vgl.  über  diese  Verhandlungen,  und  namentUch  über  das  för 
seinen  Verfasser  höchst  bezeichnende  Gutachten  der  theologischen  Facultät,. 
Baur's  eigene  Erzählung  bei  Elüpfel  a.  a.  0.  S.  401  ff. 


Ferdinand  Christian  Banr. 


Ferdinand  Christian  Banr.  401 

die  Tinte  einfrieren;  und  von  da  an  war  der  regelmässige 
Mittags-  oder  Abendspaziergang  gewöhnlich  die  einzige  längere 
Unterbrechung  des  gelehrten  Tagewerks.  Bei  solcher  An- 
strengung gelang  es  seinem  durchgreifenden  Geiste  nicht  allein, 
in  seine  Lehrfächer  sich  rasch  einzuarbeiten,  sondern  bald 
fand  er  auch  die  Müsse,  um  die  Keihe  jener  Schiiften  zu  be- 
ginnen, welche  ihm  in  der  Geschichte  der  deutschen  Theologie 
eine  so  bedeutende  Stelle  erworben  haben.  Seine  Forschungen 
galten  zunächst  der  Geschichte  der  alten  Kirche  und  einigen 
mit  ihr  verknüpften  Fragen  der  neutestamentlichen  Kritik. 
Einigen  kleineren  Arbeiten  auf  diesem  Felde  folgte  1831  die 
schöne  Untersuchung  über  das  manichäische  Religionssystem, 
1835  die  wichtige  Schrift  über  die  christliche  Gnosis;  in  die- 
selben Jahre  gehören,  um  anderes  zu  übergehen,  die  grund- 
legenden Abhandlungen  über  die  Christusparthei  in  iCorinth 
(1831),  über  die  Ebioniten  (1831),  über  die  Pastoralbriefe 
(1835),  über  den  Zweck  des  Römerbriefes  (1836),  welche  be- 
reits die  leitenden  Gedanken  seiner  späteren  umfassenden  Ge- 
schichtsconstruction  aussprechen,  und  ihre  ersten  Grundlinien 
entwerfen.  Dazwischen  nahm  eine  confessionelle  Fehde  seine 
Mitwirkung  in  Anspruch.  Um  die  Angriffe  der  Möhler'schen 
Symbolik  gegen  den  Protestantismus  und  seine  Lehre  zurück- 
zuweisen, schrieb  Baur  seinen  „Gegensatz  des  Katholicismus 
und  Protestantismus",  der  1883  in  erster,  1836  in  zweiter, 
erweiterter  Ausgabe  erschien. 

In  dieser  Schrift  tritt  nun  neben  dem  schleiermacher'schen 
zuerst  auch  der  Einfluss  des  hegel' sehen  Systems  bei  Baur 
hervor.  Er  war  diesem  System  zunächst  durch  Hegel's  Vor- 
lesungen über  die  Religionsphilosophie,  dann  auch  durch  andere 
von  seinen  Schriften  näher  gekommen,  und  er  hatte  sich  aus 
demselben  so  viel  angeeignet,  dass  ihn  ferner  stehende  nicht 
selten  geradezu  der  hegePschen  Schule  zuzählten.  Es  machte 
sich  diess  bei  ihm  um  so  leichter,  da  ihm  aus  der  hegel'schen 
Lehre  nur  die  folgerichtige  Fortbildung  der  Gedanken  ent- 
gegentrat, die  er  schon  früher  aus  Schelling's  Schriften  in 
sich  aufgenommen  hatte.  Was  ihn  darin  anzog,  war  vor  allem 

Zeller,  Vorträge  und  Abhandl.  26 


402  Ferdinand  Christian  Baur. 

die  grossaxtige,  mit  seinen  eigenen  Bestrebungen  durchaus 
übereinstimmende  Auffassung  der  Geschichte,  die  Idee  einer 
innerlich  nothwendigen ,  mit  inunanenter  Dialektik  sich  voll- 
ziehenden, alle  Momente,  welche  im  Wesen  des  Geistes  liegen, 
nach  einem  festen  Gesetz  zur  Erscheinung  bringenden  Ent- 
wicklung der  Menschheit.  So  unstreitig  aber  die  hegePsehe 
Philosophie  nach  dieser  Seite  hin  auf  seine  eigene  Geschichts- 
behandlung eingewirkt  hat,  so  ist  doch,  wie  ich  schon  oben 
angedeutet  habe,  dieser  Einfluss  lange  nicht  so  hoch  anzu- 
schlagen, als  der  des  schleiermacher'schen  Systems.  Dieser 
traf  ihn  noch  ehe  er  den  Schwerpunkt  fttr  seine  eigenen  Be- 
strebungen gefunden  hatte,  er  bot  ihm  ein  wesentlich  neues 
Princip;  jener  konnte  dem  gereifteren  Manne,  welcher  sich 
schon  seinen  eigenen  Weg  gesucht  hatte,  mehr  nur  eine  Un- 
terstützung und  wissenschaftliche  Formulirung  dessen  gewähren, 
was  er  der  Sache  nach  bereits  hatte. 

Wie  aber  bei  ihm  schon  von  Hause  aus  der  Neigung  und 
Befähigung  zu  umfassenden  historischen  Combinationen  ein 
ebenso  ausgeprägtes  kritisches  Talent  und  Bedürfniss  das 
Gleichgewicht  hielt,  so  brachten  ihm  die  gleichen  Jahre  auch 
nach  dieser  Seite  die  bedeutendste  Förderung  dui-ch  Strauss^ 
Leben  Jesu  (1835  f.).  Auch  hier  ist  man  zwar  viel  zu  weit 
gegangen,  wenn  man  die  Sache  bisweilen  so  dargestellt  hat, 
als  ob  Baur  in  der  Kritik  nur  der  Schüler  seines  Schülers  ge- 
wesen wäre.  Diess  ist  durchaus  unrichtig.  Schon  vor  Strauss 
hatte  er  selbständig  den  Weg  betreten,  dem  er  seitdem 
treu  blieb,  und  er  hatte  den  Satz,  welcher  den  Ausgangspunkt 
seiner  späteren  Ausführungen  bildet,  dass  der  Gegensatz  des 
Paulinismus  und  Ebionitismus  der  Grundgegensatz  innerhalb 
des  ältesten  Christenthums  sei,  bereits  in  tiefgreifenden  For- 
schungen festgestellt;  und  er  hatte  diesen  seinen  Gedanken 
auch  für  die  Untersuchung  über  einige  neutestamentliche 
Schriften  in  einer  Weise  benützt,  durch  die  er  sich  als  einen 
Meister  der  historischen  Kritik  bewährt  hatte.  Aber  zur 
vollen  Reife  und  rücksichtslosen  Durchführung  kam  sein  kriti- 
scher Standpunkt  doch  erst  in  den  Jahren  nach  dem  Erschei- 


Ferdinand  Christian  Baur.  403 

nen  des  Lebens  Jesu.  Dieses  Werk  gab  ihm  nicht  allein  den 
nächsten  Anstoss,  sich  der  Evangelienfrage  zuzuwenden,  der 
er  freilich  auf  die  Dauer  keinenfalls  hätte  ferne  bleiben  können, 
sondern  es  verhalf  auch  durch  seine  unerbittliche  Prüfung  der 
evangelischen  Berichte  und  der  Ansichten  über  diese  Berichte 
seiner  eigenen  Kritik  zu  einer  Freiheit  und  Kühnheit,  von  der 
wir  nicht  wissen  können,  in  welchem  Umfang  und  wie  bald 
sie  ihr  ohne  diesen  Vorgang  zu  Theil  geworden  wäre. 

Baur  stand  jetzt  in  der  vollen  Kraft  des  männlichen 
Alters;  die  angestrengte  Arbeit  vieler  Jahre  stellte  ihm  ein 
aus  den  Quellen  geschöpftes  gelehrtes  Material  zur  Veifügung, 
wie  sich  dessen  wenige  Theologeü  rühmen  konnten;  seine 
gründlich  und  stetig  sich  entwickelnde  Natur  war  unter  ge- 
wissenhafter Benützung  und  Verarbeitung  alles  dessen,  was 
ihr  die  gleichzeitige  Wissenschaft  darbot,  mit  sich  selbst  zum 
Abschluss  gekommen,  so  weit  von  einem  solchen  bei  einem 
so  rastlos  vorwärtsstrebenden  Geist  überhaupt  die  Rede  sein 
konnte ;  es  war  zugleich  für  diejenige  Seite  seiner  wissenschaft- 
lichen Thätigkeit,  durch  die  er  vor  allem  in  die  Geschichte 
der  protestantischen  Theologie  eingreifen  sollte,  durch  die 
neueste  kritische  Bewegung  der  Boden  bis  in  die  Tiefe  ge- 
lockert. Hatte  er  bisher  schon  die  Früchte  seines  Fleisses 
nach  Kräften  auch  für  das  grössere  Publicum  verwerthet,  so 
begann  jetzt  für  ihn  eine  Zeit  der  grossartigsten  schriftstelleri- 
schen Produktivität,  und  Schlag  auf  Schlag  folgten  sich  die 
Werke,  in  welchen  theils  die  ganze  Geschichte  der  christlichen 
Lehrbildung  durchgearbeitet,  theils  im  besonderen  die  Ent- 
wicklung der  ältesten  Kirche  und  die  Entstehung  der  neu- 
testamentlichen  Schriften  in  Untersuchung  gezogen  wurde.  Im 
Jahr  1838  erschien  die  Geschichte  der  Lehre  von  der  Ver- 
söhnung und  die  Abhandlung  über  den  Ui-sprung  des  Episko- 
pats; 1841  bis  1843  das  dreibändige  gelehrte  Werk  über  die 
Geschichte  der  Lehre  von  der  Dreieinigkeit  und  der  Mensch- 
werdung Gottes;  1845  die  Schrift  über  den  Apostel  Paulus, 
Baur's  Lieblingswerk,  in  das  er  seine  ersten  bahnbrechenden 
Untersuchungen  über  das  älteste  Christenthum  aufgenommen 

26* 


404  Ferdinand  Christian  Buir. 

hatte  (2.  Aufl,  1866  f.);  1844  die  urofangreiche  AbhandluDg 
tlber  die  Composition  und  den  Charakter  des  jolianneischen 
Evangeliums,  welche  er  in  neuer  Bearbeitung  mit  einer  zweiten 
(v.  J.  1846)  über  Lukas  und  mit  den  entsprechenden  Erörte- 
rungen tlber  Matthäus  und  Markus  1847  in  den  „Kiitischen 
Untersuchungen  über  die  kanonischen  Evangelien"  zusammen- 
fasste;  1847  das  Lehrbuch  der  Dogmengeschichte,  das  1858 
eme  zweite,  bedeutend  erweiterte  Auflage  erfuhr;  1851  die 
Monographie  über  das  Markusevangelium.  Dazu  die  Streit- 
Bchriil  gegen  Thiersch  (1846),  die  Untersuchung  über  die 
ignatianischen  Briefe  (1848)  und  eine  grosse  Anzahl  einzelner 
Abhandlungen  aus  dem  Gebiete  der  Kirchen-  und  Dogmen- 
geschichte, dei-  Symbolik,  der  Geschichte  der  Philosophie,  der 
neutestamenüichen  Kritik  und  Exegese,  welche  den  1842  be- 
gonnenen, seit  1847  von  Baur  mitherausgegebenen  Theologi- 
schen Jahrbüchern  einverleibt  wurden.  Wenn  wir  den  Um- 
fang dieser  Arbeiten,  die  Masse  des  gelehrten  Wissens,  die 
Fülle  scharfsinniger  Untersuchungen,  neuer  und  eingreifender 
Gedanken  erwägen,  die  darin  niedergelegt  sind,  so  werden 
wir  dem  Fleiss  und  der  Geist^kraft  ihres  Urhebers  unsere 
Bewunderung  nicht  versagen. 

Und  diess  um  so  weniger,  da  es  Baur  keineswegs  ver- 
gönnt war,  sich  in  ungetrübter  Müsse  der  wissenschafthchen 
Arbeit  zu  widmen.  Gerade  die  Jahre,  deren  literarischen  Er- 
trag ich  soeben  angezählt  habe,  waren  ihm  durch  eine  Reihe 
schmerzlicher  Erlebnisse,  hartnäckiger  Kämpfe  und  vielfacher 
Widerwärtigkeiten  erschwert.  In  seiner  Familie  erlitt  er 
(Novbr.  1839)  durch  den  Tod  seiner  trefflichen  Gattin  einen 
unersetzlichen  Verlust.  Seine  zwei  vertrautesten  Freunde, 
sein  theologischer  College  Kern  und  der  wackere  würtem- 
bergische  Historiker  Heyd,  starben  in  Einem  Jahre  (1842), 
und  die  aufrichtigste  Verehrung  jüngerer  Männer  konnte  für 
die  bewährten  Altersgenossen  doch  nur  unvollständigen  Ei-satz 
geben.  Seine  kritischen  Ansichten  riefen  Angriffe  hervor, 
welche  nicht  selten  durch  ihre  ketzerrichterische  Gehässigkeit 
weit  über  die  Grenzen  der  wissenschaftlichen  Polemik  hinaus- 


Ferdinand  Christian  Baur.  405 

giengen;  den  Reigen  führte,  wie  billig,  schon  im  Jahr  1836 
die  Evangelische  ICirchenzeitung ,  gegen  die  er  sich  in  einer 
eigenen  Flugschrift  vertheidigte.  Die  gleichen  Kämpfe  wieder- 
holten sich  aber  auch  in  nächster  Nähe  im  Schosse  der  aka- 
demischen Behörden  und  namentlich  innerhalb  der  theologischen 
Facultät  selbst.  Je  bedeutender  Baur's  schriftstellerische  und 
,  akademische  Wirksamkeit  sich  entwickelte,  je  unbedingter  der 
Beifall  seiner  Zuhörer  ihr  entgegenkam,  um  so  mehr  glaubten 
die  Wächter  der  Rechtgläubigkeit  sich  bemfen,  ihm  jeden  Fuss 
breit  von  ihrem  vermeintlichen  Eigenthum  streitig  zu  machen, 
seinen  Ansichten  den  Eingang  mit  allen  Mitteln  zu  erschwe- 
ren; und  da  sich  die  würtembergische  Regiefung  sehr  bald 
mit  vollen  Segeln  in  diese  Bahn  treiben  liess,  so  hatten  solche 
Bemühungen  natüriich,  was  den  äusseren  Erfolg  betriflft,  ge- 
wonnenes Spiel.  Konnte  man  ihm  selbst  auch  nicht  viel  an- 
haben, so  hatte  man  doch  die  Macht  in  Händen,  seinen  Schü- 
lern und  Freunden  das  Leben  sauer  zu  machen,  ihnen  jedes 
Lehramt,  nicht  blos  in  der  theologischen,  sondern  auch  in  der 
philosophischen  Facultät,  welches  auch  ihre  akademischen  Er- 
folge und  ihre  wissenschaftlichen  Leistungen  sein  mochten,  zu 
verschliessen,  sie  durch  beharrliche  Zuiücksetzung  in's  Ausland 
zu  treiben,  selbst  einen  schon  angestellten  (Fr.  Vi  scher)  für 
einige  Zeit  wieder  aus  seiner  Stelle  zu  verdrängen.  Für  Baur 
waren  solche  Erfahrungen  nicht  minder  schmerzlich,  als  wenn 
sie  ihn  selbst  unmittelbar  betroffen  hätten;  und  am  aller- 
wenigsten konnte  er  sich,  bei  seiner  durch  und  durch  ehren- 
haften Gesinnung,  über  die  Unredlichkeit  der  Mittel  weg- 
setzen, deren  man  sich  nicht  selten  gegen  ihn  und  seine 
Freunde  bediente.  Doch  auch  diese  Kämpfe  verloren  mit  der 
Zeit  viel  von  ihrer  Schärfe.  Stand  auch  Baur  mit  seinen 
Ansichten  in  seiner  Facultät  fortwährend  allein,  so  bildeten  sich 
doch  wieder  befriedigendere  persönliche  Verhältnisse,  nachdem 
diese  zwar  nicht  mit  Männern  seiner  Richtung,  aber  doch 
fast  durchaus  mit  früheren  Schülern  von  ihm  besetzt  war; 
und  hatte  er  auch  immer  noch  von  Zeit  zu  Zeit  bald  zu 
freundschaftlicher  Verständigung,   wie  in   dem  Sendschreiben 


406  Ferdinand  ChiiBtaau  Baur. 

an  Hase  (1855),  bald  zu  gewaffneter  Abwehr,  wie  in  der 
„Tübinger  Schule"  (1859,  2.  Aufl.  1860),  die  Feder  zu  ergrei- 
fen, nahmen  auch  die  unwissenderen  und  hoehmüthigeren 
unter  seinen  Gegnern  nicht  selten  die  Miene  an,  seinen  Stand- 
punkt als  etwas  längst  abgethanes  zu  behandeln,  so  konnten 
sich  doch  unbefangenere  der  Anerkennung  seiner  wissenschaft- 
lichen Bedeutung  immer  weniger  entziehen:  die  theolc^sche 
Welt  gewöhnte  sich  allmählich  daran,  dass  In  ihren  Grenzen 
auch  eine  Richtung,  wie  die  seiuige,  da  sei,  und  ausserhalb 
derselben  fanden  seine  Bemühungen ,  die  Urgeschichte  des 
Christenthums  aufzuhellen ,  nicht  selten  eine  vonirtheilsfreiere 
Würdigung  al»  sie  ihnen  Yon  Üieologischer  Seite  zu  Theü 
wurde. 

Auch  Baur's  eigene  Arbeiten  nahmen  im  letzten  Jahr- 
zehend  seines  Lebens  eine  Richtung,  welche  ihn  manchen,  die 
sich  bisher  gleichgültig  ocler  widerwillig  von  seinen  Bestre- 
bungen abgewandt  hatten,  näher  zu  bringen  geeignet  war. 
Seine  bisherigen  Schriften  hatten  sich  ganz  überwiegend  mit 
der  Dogmengeschichte  und  der  neutestamenthcheu  Kritik  be- 
schäftigt. Jetzt  hatte  er  in  diesen  zwei  Fächern  die  wichtig- 
sten und  für  ihn  selbst  interessantesten  Fragen  so  gründlich 
und  vielseitig  durchgearbeitet,  dass  er  das  Bedür&iss  empfand, 
sich  nach  weiteren  Angaben  umzusehen.  Auch  jene  Gebiete 
behielt  er  zwar  fortwährend  im  Auge,  ergänzte  und  vertheidigte 
seine  früheren  Untersuchungen ,  begleitete  die  Literatur  der- 
selben mit  seiner  Kritik,  lieferte  Jahr  für  Jahr  in  den  Theo- 
logischen Jahrbüchern  (s.  o.  S.  312  404),  und  nach  ihrem  Auf- 
hören (1857)  in  Hilgenfeld's  Zeitschrift,  neben  anderem  be- 
sonders auch  zur  neutestamentlichen  Theologie,  Kritik  und 
Exegese  seine  Beiträge.  Aber  seine  grösseren  Arbeiten  sind 
SMt  dem  Jahr  1852  sämmtlich  der  eigentlichen  Kirchenge- 
schiehte  gewidmet.  Nachdem  er  zuerst  in  den  „Epochen 
der  kirchlichen  Geschichtschreibung"  (1852)  seine  Vorgänger 
und  ihr  Verfahren  kritisch  gemustert  hatte,  begann  er  1853 
mit  der  Schrift:  „das  Cbristenthum  und  die  christliche  Kirche 
der  drei  ersten  Jahrhunderte",   welche  1860  in  zweiter,  neu 


Ferdinand  Christian  Baur.  407 

durchgearbeiteter  (1863  in  dritter)  Auflage  erschien,  die  Dar- 
stellung der  ganzen  Kirchengeschichte,  in  der  Absicht,  die 
Ergebnisse  seiner  bisherigen  Forschungen  nach  wiederholter 
Prüfung  zusammenzufassen,  sie  durch  die  Betrachtung  der 
bisher  zur  Seite  gelassenen  kirchengeschichtlichen  Erschei- 
nungen zu  ergänzen,  und  so  alles  einzelne  in  den  umfassen- 
deren geschichtlichen  Zusammenhang  zu  stellen,  in  dem  es 
•erst  seine  volle  Beleuchtung  und  Begründung  erhalten  kann. 
Indem  er  dabei  die  gelehrte  Einzeluntersuchung  möglichst  be- 
schränkte, nur  das  wichtigere  und  neue  ausführlicher  besprach, 
das  bekannte  und  minder  wesentliche  kürzer  berührte,  hoffte 
er  zugleich  den  Vortheil  grösserer  Uebersichtlichkeit  und  Ge- 
meinverständlichkeit zu  en*eichen,  und  der  Erfolg  hat  bewie- 
sen, dass  er  sich  hierin  nicht  getäuscht  hat.  1859  folgte  ein 
zweiter  Band,  „die  christliche  Kirche  vom  vierten  bis  sechsten 
Jahrhundert"  (2.  Aufl.  1863) ;  bereits  war  aber  auch  der  dritte, 
in  welchen  die  ganze  Kircheügeschichte  des  Mittelalters  zu- 
sammengedrängt werden  sollte,  durch  mehi jährige  mühevolle 
Arbeit  weit  gediehen,  und  im  folgenden  Jahr  war  er  eben 
druckfertig  geworden,  als  die  Erkrankung  des  Verfassers  seiner 
Herausgabe  in  den  Weg  trat.  Er  erschien  1861,  und  ist  nach 
Form  und  Inhalt  noch  duixhaus  Baur's  eigenes  Werk,  der  in 
dieser  Darstellung  einen  unermesslichen  Stoff  sehr  geschickt 
in's  kurze  zu  ziehen,  die  wesentlichen  Grundzüge  der  geschicht- 
lichen Entwicklung  scharf  hervorzuheben,  die  hervorragenden 
Erscheinungen  treffend  zu  charakterisiren  gewusst  hat.  1862 
folgte,  als  fünfter  Band  der  Kirchengeschichte,  die  „Kirchen- 
geschichte des  19ten  Jahrhunderts",  und  im  nächsten  Jahr, 
1863,  wurde  die  Lücke  zwischen  diesem  und  den  vorher- 
gehenden Bänden  durch  die  „Kirchengeschichte  der  neueren 
Zeit,  von  der  Reformation  bis  zum  Ende  des  18ten  Jahrhun- 
derts" vollends  ausgefüllt.  Die  beiden  letzteren  Bände  sind 
ein  Abdruck  der  Manuscripte,  die  der  Verfasser  seinen  Vor- 
lesungen zu  Grunde  legte,  und  sie  sind  desshalb  immerhin 
ihrem  Inhalt  nach  nicht  ganz  so  vollständig  und  genau,  in 
ihrer  Darstellung  nicht  so  gedrängt,   wie  die  von  Baur  selbst 


408  Ferdinand  Christian  £aur. 

für  den  Druck  bearbeiteten  Theile  der  Kirchengeschichte. 
Aber  bei  der  ausserordentlichen  Sorgfalt,  mit  der  er  seine 
Hefte  ausarbeitete,  gleich  beim  ersten  Entwurf  alles  wohl- 
durchdacht in  der  reinlichsten  Foim  zu  Papier  brachte,  das 
niedergeschriebene  immer  aufs  neue  revidirte,  jede  kleinste 
Verbessenmg  darin  nachtrug,  erhielten  sie  (wie  ich  schon  im 
Vorwort  zur  K.-G.  d.  19.  Jahrh.  bemerkt  habe)  eine  Reife 
und  Vollendung,  wie  sie  derartigen  Darstellungen  sonst  nur 
selten  zutheil  wird;  und  andererseits  kam  ihre  nächste  Be- 
stimmung ihrer  Klarheit  und  Gemeinverständlichkeit  zu  gute- 
Namentlich  die  Kirchengeschichte  des  19ten  Jahrhunderts  zeigt 
in  vielen  Parthieen  eine  Frische  und  Anschaulichkeit  der  Er- 
zählung, eine  eindringende,  nicht  selten  durch  eine  Beimischung 
überlegenen  Humors  noch  gehobene  Lebendigkeit  der  Schil- 
derung, wie  sie  dem  Verfasser  nur  desshalb  möglich  war,  weil 
er  sich  hier  ganz  unumwunden  über  das  aussprach,  was  er 
selbst  mit  erlebt,  und  wobei  er  in  seinem  Theile  mitgewirkt 
hatte.  Auch  über  seine  eigene  wissenschaftliche  Stellung ,  die 
allmähliche  Entwicklung  seiner  Ansichten,  sein  Verhältniss  zu 
Zeitgenossen  und  Vorgängern  äussert  er  sich  hier  mit  voller 
Klarheit  und  hoher  Objektivität.  Die  gleichen  Vorzüge  zeich- 
nen auch  die  „Vorlesungen  über  neutestamentliche  Theologie* 
(1864)  aus:  eine  musterhaft  klare  und  übersichtliche  Zusam- 
menfassung der  Ergebnisse,  die  Baur  durch  seine  vieljährigen 
Forschungen  über  den  Inhalt  und  das  geschichtliche  Verhält- 
niss der  neutestamentlichen  Lehrbegriffe  gewonnen  hatte. 
Den  Schluss  von  Baur's  nachgelassenen  Werken  bild^  die 
Vorlesungen  über  Dogmengeschichte  (1865  —  1867.  4  Bände), 
welche  gleichfalls,  theils  durch  die  Ergänzung  der  gedruckten 
Werke,  theils  durch  die  fasslichere  Dai-stellung  ihres  Haupt- 
inhalts, noch  nach  dem  Tode  ihres  Verfassers  nicht  weoigen  den- 
selben Dienst  leistete,  den  sie  so  vielen  während  seiner  langen 
Lehrthätigkeit  geleistet  haben. 

Bis  zur  Vollendung  seines  achtundsechzigsten  Lebens- 
jahres hatte  sich  Barn-  in  ungeschwächter,  vom  Alter  kaum 
berührter  Kraft    seinem  Berufe    gewidmet     Nach   manchen 


Ferdinand  Christian  Banr.  409 

Kämpfen  und  mancher  schweren  Erfahrung  war  ihm  ein 
schöner  und  würdiger  Lebensabend  beschieden.  In  freund- 
lichem Verkehr  mit  seinen  Collegen,  von  der  Liebe  seiner 
Schüler,  der  allgemeinen  Verehmng  getragen,  von  mehreren 
seiner  Angehörigen  umgeben,  erfreute  er  sich  fortwährend 
einer  seltenen  Geistesfrische  und  einer  unverminderten  Wirk- 
samkeit. Längst  waren  die  Locken  gebleicht,  die  über  der 
hochgewölbten  Stime  den  charaktervollen  Kopf  noch  in  dich- 
tem Wüchse  bedeckten;  aber  immer  gleich  fleissig  und  aus- 
dauernd, immer  mit  derselben  Unermüdlichkeit  forschend  und 
vorwärtsstrebend ,  fuhr  der  alternde  fort  zu  lehren  und  zu 
arbeiten,  und  das  solonische  Wort  an  sich  wahr  zu  machen: 
„Vieles  von  Tag  zu  Tag  lernend,  so  werd'  ich  zum  tlreis." 
Auch  seine  Gesundheit  hatte  bis  dahin  wacker  Stand  gehalten. 
Er  Utt  zwar  schon  seit  vielen  Jahren  an  asthmatischen  Be- 
schwerden und  an  einer  Schlaflosigkeit,  welche  ihm  oft  den 
grösseren  Theil  der  nächtlichen  Ruhe  raubte,  und  so  lästig 
ihm  diese  Uebel  auch  wurden,  liess  es  doch  seine  seltene  Be- 
rufstreue nicht  zu,  dass  er  jemals  während  der  Dauer  der 
Vorlesungen  zu  einer  Kur  Urlaub  genommen  hätte.  Aber 
seine  Thätigkeit  hatte  unter  diesen  Hemmungen  nicht  zu 
leiden.  Von  kräftigem  Köi-per  und  einfacher  ßegelmässigkeit 
des  Lebens,  war  er  seit  seiner  Kindheit  nie  krank  gewesen; 
hart  gegen  sich  selbst,  liess  er  sich  durch  leichtere  Störungen 
von  der  gewohnten  Arbeit  nicht  abhalten;  nach  seiner  Anstel- 
lung in  Tübingen  dauerte  es  sechzehn  Jahre  oder  noch  länger, 
bis  er  zum  erstenmal  eine  Vorlesung  wegen  Unwohlsein  aus- 
setzte. So  hatte  er  in  rüstiger,  Thätigkeit  sein  neunundsech- 
zigstes Jahr  angetreten,  als  er  den  15.  Juli  1860  im  Kreise 
der  Seinigeh  von  einem  Schlaganfall  betroffen  wurde.  Zu- 
nächst gelang  es  seiner  guten  Natur  noch,  sich  ziemlich  rasch 
zu  erholen.  Doch  konnte  er  am  Anfang  des  Winterhalbjahrs 
seine  Vorlesungen  nicht  wieder  au&ehmen;  und  schneller,  als 
man  es  gefürchtet,  giengen  auch  die  weiteren  Besorgnisse, 
welche  sich  an  seinen  Gesundheitszustand  knüpften,  in  Er- 
füllung.    Am  29.  November  1860    erlitt  er  in  einer  Sitzung 


f 
1 


410  Ferdinand  Christian  Baur. 

des  akademischen  Senats,  der  er  anwohnte,  einen  zweiten  hef- 
tigeren Anfall,  dessen  Folgen  er  schon  am  Abend  des  2.  De- 
<5ember  erlag. 

Am  Nachmittag  des  5ten  wurde  er  beerdigt.  Die  allge- 
meinste Theilnahme  folgte  seinem  Sarge.  Sie  galt  nicht  blos 
dem  Lehrer,  zu  dessen  Füssen  so  viele  Generationen  akademi- 
scher Bürger  gesessen  hatten,  nicht  blos  dem  Forscher,  dessen 
Ruhm  weit  über  die  Grenzen  Deutschlands  hinausreichte:  sie 
galt  ebensosehr  dem  Manne,  dem  seine  persönlichen  Eigen- 
schaften in  allen  Ständen  Verehrung  und  Liebe  erworben 
hatten.  Baur  war  keineswegs  nur  ein  einseitiger  Gelehrter; 
mit  dem  Umfang  seines  Wissens  und  der  Kraft  seines  Geistes 
verbailfl  er  eine  Trefflichkeit  des  Charakters,  einen  Adel  der 
Gesinnung,  einen  ßeichthum  des  Gemüths,  wie  sie  selten  in 
so  wohlthuender  Vereinigung  gefunden  werden.  Strenge  gegen 
sich  selbst,  von  ängstlicher  Gewissenhaftigkeit  und  unwandel- 
barer Pflichttreue,  immer  nur  an  die  Sache,  nicht  an  sich 
denkend,  bot  er  das  Bild  einer  alteithümlichen  Gediegenheit 
und  Eechtschaffenheit.  Während  er  das  höchste  erstrebte 
und  das  bedeutendste  leistete,  war  er  in  allen  persönlichen 
Beziehungen  von  einer  wahrhaft  beschämenden  Anspruchs- 
losigkeit und  Bescheidenheit;  aber  eine  natürliche  Würde  des 
Benehmens,  der  ungesuchte  Ausdmck  seines  feinen  Anstands- 
gefühls und  seines  enisten,  aufs  Grosse  gerichteten  Sinnes, 
liess  ihm  gegenüber  keine  unehrerbietige  Empfindung  auf- 
kommen. Offenen  und  geraden  Wesens ,  von  grosser  Herzens- 
güte und  seltener  Lauterkeit  des  Willens,  jedem  menscMichen 
Interesse  theilnehmend  geöfbet,  kam  er  allen,  die  mit  ihm  in 
Berührung  traten,  mit  uneigennützigem  Wohlwollen,  denen, 
welche  ihm  näher  standen,  mit  selbstvergessender  Liebe  ent- 
gegen; gegen  niedrigere  war  er  von  grosser  Humanität,  wo 
er  eine  Noth  sah,  zur  Hülfe  bereit,  und  dabei  voll  schonender 
Rücksicht  gegen  das  Zartgefühl  derer,  die  ihrer  bedurften. 
Die  öffentlichen  Angelegenheiten  verfolgte  er  mit  lebendiger 
Theilnahme  für  die  Sache  des  Fortschritts  und  der  Freiheit, 
aber  eine  politische  Thätigkeit  hat  er  nie  gesucht  oder  ge- 


Ferdinand  Christian  Baur.  411 

Wünscht;  die  akademischen  Geschäfte  behandelte  er  einsichts- 
voll und  selbständig,  in  der  Leitung  des  evangelischen  Semi- 
nars wusste  er,  soweit  sie  von  ihm  abhieng,  Festigkeit  und 
Freisinnigkeit  glücklich  zu  verbinden.  Seiner  schwäbischen 
Heimath,  zu  deren  besten  und  ächtesten  Söhnen  er  gehörte, 
hieng  er  treu  an,  und  auch  äusserlich  ist  sein  Leben  ganz  auf 
diesem  Boden  verlaufen:  wie  Kant  nie  aus  der  Provinz  Ost- 
preussen  herauskam,  so  ist  Baur  nie  länger,  als  auf  Wochen, 
aus  Schwaben  herausgekommen;  aber  dieser  Umstand  hat 
den  einen  so  wenig,  wie  den  andern,  verhindert,  mit  dem 
Bliiäk;^  seines  Geistes  ferne  Zeiten  und  Länder  zu  umfassen. 
Wie  Baur  allem  schönen  lebhafte  Empfänglichkeit,  allem  hohen 
und  gi'ossen  warme  Begeisterung  entgegenbrachte,  so  war  ihm 
auch  umgekehrt  jene  Keuschheit  und  Reizbarkeit  des  sittlichen 
Gefühls  eigen,  die  durch  das  unreine  rasch  und  tief  verletzt 
wird ;  wo  er  eine  unedle  Gesinnung  und  unlautere  Beweggründe 
zu  sehen  glaubte,  da  hielt  er  mit  dem  Ausdruck  seiner  Ent- 
rüstung nicht  zuiilck,  und  da  konnte  es  ihm  wohl  auch  be- 
gegnen, dass  er  sich  in  den  Standpunkt  des  Gegners  nicht 
recht  zu  finden  wusste,  und  ihm  im  einzelnen  zu  viel  that. 
Aber  auch  hierin  wurde  er  nicht  allein  mit  den  Jahren  immer 
milder ,  sondern  sein  Angriflf  galt  überhaupt  jederzeit  nur  der 
Sache,  nie  der  Person;  nur  dann  konnte  er  aufbrausen,  wenn 
ihm  Mangel  an  Wahrheitsliebe  und  Offenheit  entgegentrat, 
wenn  seiner  Ueberzeugung  nach  (wie  diess  nur  zu  oft  geschehen 
ist)  mit  imerlaubten  Mitteln  und  unehrenhaften  Waffen  ge- 
kämpft wurde;  wo  er  dagegen  die  Grundlage  eines  ehrlichen 
und  uneigennützigen  WoUens  sah,  da  besass  er  auch  abwei- 
chenden Ansichten  gegenüber  eine  grossartige  Duldsamkeit, 
und  von  Leuten,  deren  Charakter  er  im  ganzen  vertraute, 
wusste  er  auch  solches,  das  ihn  mit  allem  Recht  hätte  ver- 
stimmen können,  mit  einer  bei  seinem  reizbaren  Temperament 
doppelt  verdienstlichen  Geduld  zu  ertragen.  Bezeichnend  ist 
es  dabei  fttr  die  Gediegenheit  seines  eigenen  Wesens,  dass 
ihm  die  ganzen  Gegner  immer  lieber  waren,  als  die  halben: 
selbst  für  akademische  Berufungen  gab  er  den  Orthodoxen  und 


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412  Ferdinand  Christian  Baur. 

Pietisten  von  scharfem  Gepräge  vor  der  verschwommenen 
Frömmigkeit  der  Halborthodoxen  den  Vorzug.  Ihm  selbst  war 
der  Mittelpunkt  alles  seines  Thuns,  die  eigentliche  Leiden- 
schaft seines  Lebens,  die  wissenschaftliche  Erforschung  der 
Wahrheit.  Zum  Forscher,  und  insbesondere  zum  Geschichts- 
forscher, hatte  ihn  seine  Naturanlage  und  sein  Bildungsgang 
in  ungewöhnlichem  Masse  ausgerüstet.  Eine  unverwüstliche 
Arbeitskraft,  ein  eiserner  Fleiss,  ein  vortreffliches  Gedächtniss, 
ein  Scharfsinn,  welcher  die  Oberfläche  der  Dinge  zu  durch- 
dringen, verborgene  Beziehungen  und  Gegensätze  aufzuspüren 
wusste,  ein  inneres  Anschauungsvermögen,  welches  ihn  in  den 
Stand  setzte,  die  Bruchstücke  der  geschichtlichen  Ueberliefe- 
rung  zu  einem  lebendigen  Ganzen  zu  verknüpfen,  die  geistigen 
Zustände  vergangener  Jahrhunderte  nachzubilden;  die  Genauig- 
keit des  Gelehrten,  dem  nichts  zu  klein  ist,  die  skeptische 
Stimmung  des  Kritikers,  der  jede  Angabe  zweifelnd  hin  und 
her  wendet,  und  dabei  eine  Weite  des  Gesichtskreises,  die 
ihn  alles  aus  umfassenderen  Standpunkten  betrachten,  das  Ein- 
zelne am  Ganzen  bewähren,  überall  allgemeine  Gesetze,  durch- 
greifende Zusammenhänge  suchen  liess  —  einer  solchen  Ver- 
einigung vielseitiger  Begabung,  die  sich  auf  einen  höchst 
bedeutenden  und  seiner  wahren  Beschaffenheit  nach  erst  un- 
vollständig erkannten  Gegenstand  warf,  musste  wohl  grosses 
gelingen.  Was  aber  Baur  mehr  als  alles  andere  seine  wissen- 
schaftlichen Erfolge  verbürgte,  das  war  jene  innere  Rastlosig- 
keit, die  ihm  nicht  erlaubte,  bei  irgend  einem  Ergebniss  als 
einem  letzten  stehen  zu  bleiben,  jener  Trieb  nach  Vervoll- 
kommnung, der  zugleich  durch  wissenschaftliche  Besonnenheit 
vor  Uebereilung  bewahrt  war.  Er  war  ein  Mann,  in  dem  die 
geistige  Arbeit  nie  stille  stand ,  der  nie  aufhörte  zu  lernen  und 
fortzuschreiten,  der  jede  Annahme  immer  neu  prüfte  und  aus 
jeder  Entdeckung  sofort  eine  Stufe  zu  weiterer  Forschung  zu 
machen  suchte.  Er  war  aber  zugleich  auch  eine  stetig  sich 
entwickelnde,langsam  reifende  Natur ,  und  auch  in  dieser,  wie 
noch  in  mancher  anderen  Beziehung  möchte  ich  ihn  am  lieb- 
sten mit  Kant  vergleichen.    Immer  in  die  Sache  vertieft,  nie 


s?t 


Ferdinand  Christian  Baur.  413 

auf  einen  Effect  oder  ein  vorher  feststehendes  Resultat  hin- 
arbeitend, gieng  er  Schritt  für  Schritt  vorwärts;  er  konnte 
wichtige  Probleme  Jahre  lang  bei  Seite  liegen  lassen,  wenn 
ihn  der  Gang  seiner  Forschungen  nun  einmal  noch  nicht  darauf 
geführt  hatte,  über  die  eingreifendsten  Fragen  sich  die  Ent- 
scheidung vorbehalten,  bis  alle  Seiten  der  Sache  untersucht, 
alle  Gründe  geprüft  waren;  und  so  überraschend  oft  seine 
Ergebnisse,  so  kühn  seine  Combinationen  sich  ausnahmen: 
wenn  man  genauer  zusah,  konnte  man  doch  immer  finden, 
dass  sie  von  den  verschiedensten  Seiten  her  vorbereitet  sich 
ihm  ungesucht  aus  allem  früheren  ergeben  hatten.  Er  strebte 
unaufhörlich  weiter,  aber  gemessenen  Ganges,  und  so,  dass  er 
nur  selten  einen  Schritt  zurückzuthun  Veranlassung  fand.  Sein 
Wissensdurst  Hess  ihn  nie  stülstehen,  seine  Wahrheitsliebe  vor 
keinem  Ergebniss,  das  durch  ehrliche  Forschung  gewonnen 
war,  erschrecken;  aber  seine  Gründlichkeit  Hess  ihn  nichts 
leicht  nehmen,  seine  kritische  Natur  machte  ihn  misstrauisch 
gegen  aUe  Voraussetzungen,  die  nicht  näher  geprüft  waren, 
seine  Pietät  gegen  aUes  gegebene  und  zu  geschichtHcher  Gel- 
tung gelangte  verbot  ihm,  ohne  Noth  von  der  allgemeinen 
Ueberzeugung  abzuweichen.  Die  letztere  Eigenschaft  freiHch 
haben  ihm  seine .  Gegner  stets  am  wenigsten  zugestanden : 
kein  Vorwurf  wurde  ihm  ja  häufiger  gemacht,  als  der  einer 
kiitischen  Rücksichtslosigkeit,  der  nichts  heilig  sei,  die  alles 
umstürze,  um  nur  ihre  wiUkührHchen  Annahmen  eigensinnig 
durchzuführen.  Das  wahre  ist  aber  vielmehr,  dass  Baur,  wie 
der  Geschichtsforscher  soU,  jeder  geschichtHchen  Erscheinung, 
je  bedeutender  sie  war,  um  so  mehr  ihre  geschichtHche  Be- 
rechtigung zuzugestehen  bereit  war,  und  auch  solche,  die  von 
seiner  eigenen  Denkweise  am  weitesten  ablagen,  vom  Stand- 
punkt ihrer  Zeit  aus  mit  grosser  Unpartheilichkeit  zu  würdigen 
wusste ;  dass  er  auch  in  seiner  eigenen  Ansicht  sich  nur  zögernd 
von  dem  allgemein  anerkannten  entfernt,  und  gegen  manche 
Folgerung,  die  sich  aus  seinem  ganzen  Standpunkt  imbestreit- 
bar ergab,  sich  lange  gesträubt  hat.  Wenn  er  nichtsdesto- 
weniger weit  über  die  hergebrachte  Auffassung  der  KeHgion 


414  Ferdinand  Christian  Baur. 

hinausgeführt  wurde,  so  war  es  nur  die  Natur  der  Sache  und 
der  rastlos  schaffende  Drang  seines  Geistes,  der  ihn  so  weit 
geführt  hat.  Durch  die  Auktorität  der  Ueberlieferung  und 
der  allgemeinen  Meinung  liess  er  sich  allerdings  nie  von  der 
wissenschaftlichen  Prüfung  abhalten  oder  bei  einer  als  unrich- 
tig erkannten  Annahme  zurUckhalten,  er  wollte  die  wii-klichen 
geschichtlichen  Vorgänge  ausmitteln,  die  Thatsachen  von  den 
Vorstellungen  der  Menschen  über  die  Thatsachen  unterschei- 
den; zugleich  wollte  er  aber  auch  clie  wirklichen  geschicht- 
lichen Thatsachen  in  ihrer  vollen  Bedeutung  anerkennen  und 
auf  eine  dieser  Bedeutung  entsprechende  Weise  erklären.  Und 
dieser  mit  der  voraussetzungslosesten  Kritik  vollkommen  ver- 
einbare conservative  Sinn  des  Historikers  wirkte  bei  ihm  um 
so  stärker,  da  der  Gegenstand  seiner  Forschungen  ihm  so 
gut,  wie  dem  strenggläubigsten  von  seinen  Gegnern,  eine 
heilige  Herzenssache  war.  So  frei  er  auch  der  geschichtlichen 
und  dogniatischen  Ueberlieferung  gegenüberstand :  die  Religion 
selbst  sollte  seiner  Absicht  nach  dui*ch  die  kritische  Unter- 
suchung über  ihren  Ursprung  und  ihre  Geschichte  so  wenig 
Noth  leiden,  dass  vielmehr  erst  dadurch,  wie  er  glaubte,  ihr 
wahres  Wesen  an's  Licht  gebracht  werde.  Während  er  die 
einschneidendsten  kritischen  Operationen  .  mit  wissenschaft- 
licher Kaltblütigkeit  vornahm,  konnte  er  zugleich,  ein  Geistes- 
verwandter Schleiennacher's ,  mit  voller  Ueberzeugungstreue 
kirchliche  Vorträge  halten,  welche  den  Vorzug  der  Volks- 
thümlichkeit  zwar  und  der  rednerischen  Gewandtheit  nur  in 
geringerem  Masse  besassen,  welche  aber  durch  die  Wärme 
des  religiösen  Gefühls  und  den  Ernst  der  sittlichen  Weltan- 
sicht, die  sich  darin  aussprach,  auch  bei  minder  gebildeten 
Zuhörern  eines  bedeutenden  Eindrucks  nicht  verfehlten.  Der 
sittliche  Gehalt  der  Religion  war  es  aber,  in  dem  auch  er 
selbst  mehr  und  mehr  ihren  innersten  Kern  erkannte,  nach- 
dem er  eine  Zeit  lang  allerdings  der  religionsphilosophischen 
Einseitigkeit,  ihn  zunächst  in  spekulativen  Ideen  zu  suchen, 
für  die  Behandlung  der  Dogmengeschichte  zu  vielen  Einfluss 
verstattet  hatte.    Indem  er  dieses  wesentliche  von  der  wissen- 


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schaftlichen  Erörterung  unabhängig  wusste,  gewann  er  die 
Möglichkeit,  die  freieste  Kritik  mit  dem  vollen  Ernst  der  reli- 
giösen Gesinnimg  zu  verbinden. 

Dass  nun  ein  solcher  Mann,  wie  wir  ihn  in  Baur  kennen 
gelernt  haben,  auch  als  Lehi-er  höchst  bedeutend  gewirkt 
haben  werde,  lässt  sich  erwarten.  Und  es  war  nicht  allein 
der  gediegene  Inhalt  seiner  Vorträge,  es  war  ebensosehr  die 
Persönlichkeit  des  Lehrers,  welche  diese  Wirkung  hervor- 
brachte. Schlicht  und  anspruchslos,  wie  er  war,  hatten  auch 
seine  Vorlesungen  durchaus  nichts  glänzende